Am Grabe des Kapitalismus

— Jg. 1920, Nr. 30 —

 Wir stehen am Grabe der großkapitalistischen Epoche. Der Hochkapitalismus ist zu Ende, nicht das Kapital. Das wird uns alle lange überleben, gleichviel ob als Staats- oder persönliches Kapital. Doch der Hochkapitalismus als Weltbewegung ist – obwohl er im Westen seinen höchsten Gipfel noch nicht erreicht hat – ein gestorbener Koloß. Wir dürfen ihm seine Grabrede halten und sagen: Er hat Enormes geleistet. Er ist eine der größten Weltbewegungen gewesen, er hat an Technik und Verkehr in einem Jahrhundert mehr geleistet als Ägypten und Babylon, als Phönizien und Karthago in Jahrtausenden. Was er schuf, war Pionierarbeit. Wohin er griff, war jungfräuliches Land. Hier griff er in das Gebiet der Erfindungen, hier in das Gebiet der Massenbetätigung; jeden Tag eine neue Möglichkeit, eine neue Richtung, eine neue Erschließung. Er packte Landstrecken, Forsten, Ströme, Bergwerke, Meerengen und Häfen und schuf Unternehmungen. Eine Pionierarbeit, die die Welt urbar machte, nicht im Sinne des Ackerbaus, sondern des Gewerbefleißes. Und diese gewaltige Arbeit, von starken Menschen geleitet, hat die Welt umgewandelt, so daß sie in die Lage kam, anstelle spärlicher Millionen die Milliardenzahl der heutigen Bewohner zu ernähren.

Nun müssen wir zwei Dinge unterscheiden: auf der einen Seite als Rodungsarbeit, als Squatter-Arbei~, mußte der Kapitalismus aus dem Vollen wirtschaften; er mußte in großen Zügen schöp- fen, er dudte sich an das Kleine nicht halten. Es war ganz neben- sächlich, ob Milliarden nebenbei gingen, ob unendliche Materia- lien, unendliche Mengen von Arbeitskräften verwüstet wurden: er konnte in einem Tage mehr erreichen, als zehn Jahre Sparsam- keit ihm eingebracht hätten.

So hat er in tiefen Zügen aus dem Vollen geschöpft. Er hat vergeudet, nach dem Vorbild der unbekümmerten Natur. Doch nicht in allem hat er vergeudet; in einem Punkt war er sparsam, und diesen Punkt müssen wir scharf ins Auge fassen. Er war unendlich sparsam in der Verwaltung. Verschwenderisch im Betrieb, sparsam in der Verwaltung! Ist das möglich? Das ist sehr gut möglich. Er häufte zwar die Reichtümer, die er schuf, im Besitz seiner Personen, seiner Unternehmen oder seiner Nachkommen. Doch immer wieder wurden sie in den Betrieb gesteckt; er besaß von all diesen Reichtümern nichts weiter als den auf Papier geschriebenen Besitztitel. Er wollte Macht und verzichtete um ihretwillen im Zweifelsfalle auf Genuß. Auch konnte er nicht allzuviel auf Genuß verschwenden, denn die Zahl der erobernden Menschen war viel zu klein, als daß sie den unendlichen Ertrag der Welt hätte vergeuden können. Gewiß, mit Recht spricht der Arbeiter davon, daß es ihm zuwider ist, wenn er durch reiche Straßenviertel wandert, dort große Gärten, Parks und Villen erblickt und sich vorstellt, was hinter diesen Gittern und Mauern geschieht. Doch wenn die Rechnung gemacht wird, so bedeutet alles, was hinter diesen Gittern verschwendet wird, einen verhältnismäßig billigen Verwaltungsaufwand. […]

Die künftige Form der Wirtschaft und ihrer Verwaltung wird sehr teuer sein; der größte Teil des Arbeitsertrages, der bisher gesammelt wurde, wird verbraucht werden. Noch mehr als das. Es wird außerordentlich schwer sein, den riesenhaften Wirtschaftspark, den wir geerbt haben und von dem wir glauben, daß er unzerstörbar ist, aufrecht zu erhalten. Wir haben diesen Park von Maschinen, von Gebäuden, von Einrichtungen, von Verkehrsmitteln in jener Zeit aus dem Vollen geschaffen, jetzt muß er aus dem Mangel ergänzt und erneuert werden; einstweilen hält er noch, bis auf den Ölfarbenanstrich und die Teppiche.[…]

Das ist nicht alles. Wir sprechen von Spaa, von der Kriegsent- schädigung wie von einer alltäglichen Sache: „Wir haben schon soviel durchgemacht, so werden wir auch das noch durchmachen.“ Milliarden auszusprechen ist leicht, sie zu drucken ist nicht schwer. In einer noch nicht stationär gewordenen Wirtschaft, die im wesendichen noch von Vergangenheit zehrt, in einer Übergangszeit werden die Abnormitäten fast unmerklich in den Kauf genommen. Deshalb sprechen wir gemütlich von den Milliarden, die wir zahlen sollen, und wieder heißt es in einer Ecke unseres Bewußtseins: „Wir werden schon herauskommen.“ Wir werden nicht herauskommen, wir werden zahlen! Denn daß die offene Wunde Europas sich schließen muß, ist gar kein Zweifel. Wie weit Recht, Gesetz, eine moralische Verpflichtung uns zwingen, ist nicht entscheidend. Es wird wiederhergestellt werden! Und diese Wiederherstellung wird in der schwer bedrückten Lage unserer Wirtschaft uns unendliche Sorgen machen. Denn wenn ich auch ganz von den französischen Zahlen absehe, so bitte ich zu bedenken: Jede Milliarde Gold jährlich bedeutet eine Summe von 10 Millionen Mark Papier, die hier gedruckt und irgendwie herangesteuert werden müssen; jede Milliarde Gold bedeutet 15 Millionen Tonnen Kohlen zum Auslandspreis, 50 Millionen zum Inlandspreis. Wir dürfen diese Dinge nicht vergessen. Wir dürfen nicht glauben, weil es nuneinmal wieder vier Wochen leidlich gegangen ist und vielleicht vier Wochen wieder ein bischen schlechter, daß so eine Art von ständigem Zustand eingetreten sei.

Wenn wir nun fragen: Was ist die Zukunft und wie werden wir über diese Dinge hinwegkommen?, so ist die Antwort die gleiche, die wir erhalten, wenn es sich um ein zusammengebrochenes Unternehmen handelt, das über seine Verhältnisse gewirtschaftet hat, eine Bank, eine Reederei oder eine Fabrik. Es schwebt jedem das Wort „sparen“ auf den Lippen. Nein, nicht das Sparen im gemeinen Sinne ist es, das karge Sparen richtet den Menschen nur zugrunde, wenn es über ein bestimmtes Maß getrieben wird. Wir können nicht die Menschen noch schlechter ernähren, als es geschieht und geschehen ist; die Aufgabe heißt organisieren und ordnen!

Es ist nicht möglich, daß in einer Wirtschaft, in einer Zukunft, wie wir sie vor uns haben, die Dinge anarchisch, unorganisch, ungeordnet weiterlaufen können. Wir werden nicht mehr in einem unorganischen, verfahrenen, lediglich vom Individualimus, vom persönlichen Eigennutz getriebenen Wirtschaftsmechanismus leben, sondern in einem gegliederten Organismus, in dem jeder, der Wirtschaft oder Ämter führt, in gleichem Maße sich selbst und der Gemeinschaft verantwortlich ist. Unsere Aufgabe und Rettung heißt: Mit gleicher Menschenzahl, verminderten Bodenschätzen, gleicher Arbeitsleistung das Doppelte und Dreifache von dem zu erzeugen, was wir bisher erzeugt haben. Sollen wir teuer verwalten, so müssen wir – in Umkehrung der alten Wirtschaft – um so ökonomischer betreiben. Das scheint den meisten verwegen und unmöglich, weil sie den Prozeß der Gütererzeugung nicht kennen. Wer ihn kennt, der weiß, daß heute die Hälfte der Arbeitsleistung und der Gütermenge nutzlos vertan wird. Der Gesamtprozeß unserer Produktion ist kindlich primitiv, der Laune, dem Eigennutz, dem Zufall überlassen. Er ist vergleichbar der Landwirtschaft vor hundert Jahren, die der rationellen Durcharbeitung entbehrte und kaum den vierten Teil der heutigen Erträge lieferte.

Durch Schlagworte hat man diesen Gedanken ihre beflügelnde Kraft scheinbar genommen, durch Vermischung mit behördlichen Maßnahmen hat man ihnen den Schein von Mechanismen gegeben, die sie nicht sind. Nein, in diesen Gedanken liegt die tiefste Ethik, deren wir technisch, wirtschaftlich, politisch und sozial fähig sind. Es liegt darin die Ethik der Verantwortung eines jeden Menschen und die Idee der Gemeinschaft.

1920, 30 · Walther Rathenau