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  DIE ZEIT Nr.18, 24. April 1987
 
Sechseinhalbtausend Mark Wiedergutmachung

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Barths Exilerinnerungen sind das Zeugnis eines Nichtkorrumpierten in seiner Unbefangenheit

Von Harry Pross

In den autobiographischen Romanen von Peter Weiss, „Abschied von den Eltern“ (1961) und „Fluchtpunkt“ (1962) kommt Max Barth als M. B. beziehungsweise Max Bernsdorf vor. Die beiden hatten sich in Prag getroffen, weil Hermann Hesse dem jungen Maler die Prager Adresse des emigrierten Journalisten gegeben hatte, mit dem ihn eine lange Korrespondenz verband. Barth, 1896 im badischen Waldkirch geboren, dort 1970 gestorben, Sohn eines Buchbinders und Mesmers, kindlicher Dichter, als Jüngling abstinent, vegetarisch, Wandervogel, Lehramtsbewerber und Soldat, dann Journalist. Der junge Barth bewunderte Hesse und dessen politische Unbeugsamkeit.
In Prag nahm er Peter Weiss auf, ohne zu wissen, daß dieser als tschechoslowakischer Staatsbürger in ungleich besserer Lage sich befand als er, der nach illegalen Grenzübertritten aus Spanien, über Frankreich, die Schweiz und Österreich ins Land gekommen war. Prag war nur eine Station auf der Flucht aus Deutschland, die im März 1933 von Stuttgart nach Basel begonnen hatte.
„Die Schweizer Freiheit“ heißt das erste Kapitel der vorliegenden Aufzeichnungen. Es ist die in stoischer Gelassenheit beschriebene Geschichte einer Entfremdung: Für den Flüchtling aus dem Breisgau war Basel so vertraut wie Colmar und Straßburg. Was heute „das Dreiecksland“ am Oberrhein genannt wird, in dem die Staatsgrenzen durch zigtausend Grenzgänger relativiert werden, die im anderen Land ihr Brot verdienen, war 1933 für Flüchtlinge ein gefährliches Terrain. Barth konnte zwar unbehelligt mit der Straßenbahn aus dem deutschen Lörrach ins schweizerische Basel fahren; aber er war den Eidgenossen unwillkommen. „Ausgewiesen werden kann jeder, dessen Anwesenheit für die Schweiz nicht notwendig ist."
Barth war nicht notwendig für die Schweiz. Vielleicht weil er damals Mit glied der KPD war. So ging er von Ascona, wo Emil Ludwig, um sich zu distanzieren, einen Goethe-Vortrag auf französisch hielt, nach Paris. Baß er-staunt, daß seine Mitrevolutionäre von der KP ihre hilfsbedürftigen Genossen von Rothschilds Spenden für ein jüdi sches Hilfskomitee verköstigen ließen. Das befremdete sein proletarisches Empfinden, das überhaupt rapide ab nahm. Barth war als Redakteur an Dr. Erich Schairers linksliberaler Sonntags zeitung in Stuttgart der KP beigetre ten, um den Nazis zu wehren. Schai rer, um die Unabhängigkeit seines Blattes besorgt, hatte ihm daraufhin die Mitarbeit gekündigt.
Schairer (1887-1956), schwäbischer Überprotestant, Liberalsozialist und Satiriker, war dann ab 1946 Mitherausgeber der Stuttgarter Zeitung. Er kommt in Barths Erinnerungen nur in den Anmerkungen des Herausgebers vor. Wie die beiden Querköpfe, der schwäbische und der alemannische Erzdemokrat, auseinander- und nicht wieder zueinandergekommen sind, wäre vielleicht für Baden-Württemberg-Ethnologen interessant. Jedenfalls machte sich Barth 1932 ein eigenes Blättchen: Die Richtung. Er rief zum Generalstreik gegen die drohende Naziherrschaft auf. Das zwang ihn unter der Anklage „literarischen Hochverrats“ ein paar Monate ins Exil.
1933/34 in Paris überwarf Barth sich mit der KP durch frei geäußerte Kritik. Ein Mädchen namens Suse, das er in Ascona gekannt hatte, meldete seine Ansichten - „die korrupten Brüder vom ZK“ u. ä. - eben diesen. Die Sitzungen des „Bundes proletarischer Schriftsteller“ ödeten ihn an: „Einmal sprach ich Anna Seghers davon, daß ich mich vom Kommunismus überhaupt wegentwickle. Sie riet mir, einen Genossen zu sprechen, der für solche und ähnliche Dinge zur Zeit aus Moskau hier sei; sie könne mir eine Unterredung bei
ihm verschaffen. Ich dankte. Um zum Beichtvater zu gehen, muß man gläubig sein."
Barth wurde exkommuniziert, also aus der Partei ausgeschlossen. Gleichwohl blieb die Mitgliedschaft auf Jahre hinaus sein Schatten: frei in Spanien, wie in spanischen Gefängnissien 1934/35, abgeschoben nach Frank-reich, auf der Flucht illegal durch Frankreich, die Schweiz, Osterreich nach Prag, von dort auf der Reise ostwärts ums Hitlerland herum über Riga und Stockholm nach Oslo. Dort war er am glücklichsten und wäre gern geblieben („Länder haben Fysiognomien"); aber die Wehrmacht rückte ein, und weiter gings mit einem amerikanischen Visum im norwegischen Fremdenpaß nach USA über Schweden und Sowjetunion.
Die schwedischen Internierungslager beschreibt Barth als KZ. Das wird man dort wohl nicht gern lesen, wie überhaupt die Skepsis des Autors der Schminke entbehrt. Sein „Prager Resümee“ zum Beispiel, oder Chicago: „Es war mir nicht wohl; das Milieu bedrückte mich; alles war so trostlos banal und trotz der betonten Lustigkeit so durchaus freudlos. In keiner neuen Stadt eines neuen Landes war es mir so ergangen.“ Anders die nachsichtig spöttische Beschreibung der Korruption in Spanien, anders die schwelgerische Geschichte der Vorbeifahrt an Formosa auf demselben kleinen Dampfer, der auch Brecht mit Anhang über den Pazifik brachte.

Max Barth

Barth hatte der Hitlerherrschaft sechs Jahre gegeben, bis sie den Krieg beginnen würde und ungefähr fünfzehn, höchstens zwanzig bis an ihr Ende. Da er mit der ersten Prognose recht behalten hatte, richtete er sich in Amerika nicht ein. Er brachte sich mit Schreiben und als Lagerist durch, nahm auch keine Stelle bei der Regierung an. Das ist schade. Zwar blieb ihm der Frust erspart, den John Herz, Franz Neumann, Herbert Marcuse und andere empfanden, als sie bemerkten, daß ihre Denkschriften im Papierkorb landeten; aber mit Barths Distanz zum amtlichen Amerika hängt wohl auch die verzögerte Heimkehr zusammen. Er mußte fünf lange Jahre warten, bis seine diversen Anträge genehmigt wurden, und er wieder daheim war; aber 1950 waren die deutschen Positionen besetzt: „Gegen die Antinazis von 1945 sind wir Antinazis von 1933 nur ein kleiner Dreck. Wenn schon - immerhin soll auch mal von uns ein wenig die Rede sein. Wir haben in der bis jetzt letzten großen Zeit Deutschlands draußen auch das unsere erlebt."
Es ist dem Herausgeber Manfred Bosch zu danken, daß Barths Niederschrift von 1967 nun zwanzig Jahre später das trübe „Licht der Öffentlichkeit“ erblickt, und der engeren Heimat des fast Vergessenen, die den Band finanzierte. Für die neue Nation, die Generation, die aus dem „Schatten des Nationalsozialismus heraustreten“ soll, wie wendige Weisheit will, sind Max Barths Exilerinnerungen über das Mitgeteilte hinaus wichtig: Zeugnis eines Nichtkorrumpierten in seiner Unbefangenheit. Die Bundesrepublik fand ihn 1958 mit sechseinhalbtausend Mark Wiedergutmachung ab für siebzehn Jahre Exil und den Verlust aller seiner frühen Manuskripte.

Max Barth: Flucht in die Welt. Exilerinnerungen 1933-1950; Hrg. u. Nachwort Manfred Bosch; Waldkircher Verlagsgesellschaft, Waldkirch 1986; 288 S., 21- DM




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Gedichte

Kurz und bündig


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Zum geschichtlichen
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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