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  StZ vom 25. August 1970 - Mufti Bufti gestorben
  Exil in Waldkirch

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Erinnerung an den Journalisten
und Verseschreiber Max Barth

DON'T DISTURB A SLEEPING DOG — so würde wohl derjenige sagen, dem diese Zeilen gelten, wenn er wüßte, daß man sich jetzt seiner erinnert. Unbeachtet und allein, wie er gelebt hatte, ist er gestorben — am 15. Juli. Zufällig nur haben wir seinen Tod erfahren.
DON'T DISTURB A SLEEPING DOG stand auf einem Schild an seiner Kammertür im Stockholmer Exil, als Peter Weiss ihn dort 1940 aufsuchte. In seinem Roman „Fluchtpunkt“ (1962 bei Suhrkamp erschienen) umreißt Weiss mit wenigen Worten die ganze Emigrantenmisere seines Exilgenossen: „Max lag im Bett, um Kräfte zu sparen. Er war halb unter Zeitungen vergraben und schmauchte seine Pfeife. Erst vor kurzem war er aus dem Lager, in dem er nach seiner Flucht aus Norwegen interniert gewesen war, entlassen worden. Man schiebt uns ab oder man steckt uns hinter Stacheldraht, sagte er. Es werden große Worte geredet vom Kampf um die Menschenrechte, doch wir, die Bedrohten, werden wie räudige Hunde behandelt. Wer Geld hat, kann sich ein Asyl erkaufen. Wir anderen leben von Almosen, arbeiten dürfen wir nicht... Über dem Bett, auf einem Wandbrett, standen zerlesene Taschenbücher mit englischen Titeln, Kriminalschmöker, politische Schriften, ein paar Bände persischer Lyrik. Sieben Jahre Emigration lagen hinter Max B. Er wartete auf den Tag der Rückkehr. Es gab für ihn noch eine Landschaft, mit der er verwurzelt war. In seinen verräucherten, kotfarbenen Pensionszimmern lag er und träumte von einem Stück Boden, das er Heimat nannte, obgleich er daraus vertrieben worden war. In den engen Stuben der Fremde stellte er sich sein schwäbisches Dorf und sein Wäldchen vor, und die Witterung über den Wiesen und Bergen war ihm gegenwärtig..."
Max Barth war im Grunde seines Wesens ein Ausgestoßener, ein Fremder, und das Emigrantendasein war sein eigentlicher Lebensstil: das Warten, die Aggressivität, das Sich-umzingelt-Fühlen und dabei immer der Glaube, anderswo sei es besser, in einem Land der Sehnsucht, das ihm vorschwebte und ihn aufrecht hielt.
Geboren war dieser lebenslange Emigrant in kleinen, unauffälligen Verhältnissen am 22. Januar 1896 in Waldkirch im Breisgau. Sein Großvater war als Edelsteinschleifer von Idar-Oberstein nach Südbaden gekommen, seine Mutter hatte es, wie er erzählte, nach jahrelanger Tätigkeit als Dienstmädchen — dies ist der damalige Ausdruck — in Spanien und Paris zur Ehe nach Waldkirch verschlagen. Von seinem Vater erwähnte er gern, daß er mit einem „Bauchladen“ gewandert sei; als Hausierer verkaufte er Nähfaden, Schuhriemen und Gummiband an die Schwarzwälder Bauern. Für den Sohn Max war das badische Ländle Heimat. Er ging in Waldkirch auf die Realschule, absolvierte in Karlsruhe das Lehrerseminar und gehörte der Jugendbewegung an, als er sich im Herbst 1914 freiwillig zum Kriegsdienst meldete. Da fing sein unstetes Leben an: Frankreich, Belgien, Polen, Rumänien waren Stationen seines Lebens, ehe er überhaupt volljährig war. Nach dem Krieg war er drei Jahre lang als Volksschullehrer tätig und trat dann, 1924, als politischer Journalist in den Redaktionsstab der von Erich Schairer herausgegebenen sozialistischen „Sonntags-Zeitung“ ein. Unter den Pseudonymen Mufti Bufti und MaraBu war er seinen Lesern als Verfasser von unerschrockenen Glossen und vergnüglichen Gedichten bekannt.
Er war einer der aufsässigen Generation, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Sturm und Drang entfesselte, ein leidenschaftlicher Liebhaber des Expressionismus, Wandervogel vom Hohen Meissner, und er gab den damals angefangenen Kampf gegen Unvernunft und Krieg zeitlebens nicht auf. Den Schalmeienklängen des „Dritten Reiches“ hat er widerstanden, einen zweiten Weltkrieg wollte er auf keinen Fall mehr mitmachen. So gehörte er zu dem von Kurt Hiller in den zwanziger Jahren gegründeten Bund „Revolutionärer Pazifisten“. Er wollte immer eingreifen und verändern, wo er es nötig fand. Seine Polemik war aggressiv, er hat politisch immer Farbe bekannt und sich damit oft zwischen alle Stühle gesetzt. Richtig aktiv und produktiv ist er aber nie geworden, die spannungsreiche Mischung aus bäuerlicher Schwerblütigkeit und intellektuellen Neigungen konnte er nicht fruchtbar machen, und so blieb dieser starke Mann mit dem großflächigen, eigensinnigen Bauerngesicht viele Jahre seines Lebens zur Untätigkeit verdammt. Nirgendwo hat er richtig Fuß gefaßt, in Bindungen konnte er es nicht aushalten. Seine Unrast trieb ihn umher; schon ehe er emigrierte, führte er ein unstetes Leben innerhalb Deutschlands.
Ende der zwanziger Jahre verkehrte er viel in meinem Elternhaus, damals ein hochaufgeschossener, hagerer Mensch mit lockigem Haar, und wir Kinder bewunderten ihn, weil ein Geruch von Freiheit und Unbotmäßigkeit um ihn war, und meinen Brüdern imponierte besonders, daß er des Nachts seine Hosen zwischen die Matratzen legte, um sie morgens sozusagen frisch gebügelt vorzufinden. Die damaligen Globetrotter legten noch Wert auf Bügelfalten.
Als Hitler an die Macht kam, war er Mitglied der Kommunistischen Partei. Im März 1933 wurde er wegen „literarischen Hochverrats“ angeklagt und flüchtete in die Schweiz, später nach Paris, wo er dann wegen „unkommunistischer Auffassungen und parteifeindlicher Betätigung“ aus der KP ausgeschlossen wurde. (Erst im Herbst 1969 schloß er sich wieder einer Partei an, der Sozialdemokratie, weil die, wie er sagte, nun jede einzelne Stimme nötig habe.)
Seine Stationen in der Emigration waren: Schweiz, Frankreich, Spanien, Wien, Prag — bis dahin war er jeweils ohne Reisepaß, illegal also, über die Grenzen gegangen. In Prag endlich wurde ihm dann ein tschechoslowakischer Ausländerpaß ausgestellt und ein Ausreisevisum erteilt. Damit ging's dann über Warschau, Riga, Stockholm, Oslo, Moskau nach New York, wo er nach achtjähriger Odyssee im Jahr 1941 eintraf. Dort wartete er wieder auf eine Möglichkeit zur Rückkehr nach Deutschland. Er versuchte, seinen Lebensunterhalt als Arbeiter zu verdienen und nebenher an Zeitungen Artikel und Gedichte zu verkaufen. Im Jahr 1943 glaubte er, dies sei sein letzter Winter im Exil. Und im Jahr 1946 schrieb er aus New York: „Die Emigration geht, hoff ich, allmählich zu Ende. Die Zeit des Abwartens und der Vorbereitung ist vorüber — hoff ich. Das ganze Exil war für mich, im Gegensatz zu manchen, die im Ausland bewußt und definitiv Fuß gefaßt haben, immer nur eine Zeit des Übergangs und des Bereitseins. Ich habe nie anders gedacht, als heimzukehren, wenn Hitler gestürzt ist. Die Situation ist jetzt sehr verschieden von der, die wir uns als Folge des Hitlerregimes vorgestellt hatten; aber mein Wünsch, heimzugehen, ist so stark wie immer, vielleicht stärker, nun, da Deutschland sich in viel schlimmerer Lage befindet, als wir vorher erwartet haben."
Er glaubte, in Europa wieder Fuß fassen zu können; es zog ihn nach Deutschland, nach seinem Winkel im
Schwarzwald. Er wußte selbst nicht, wie sehr ihm das
Dasein des Entwurzelten, das er für sich selbst nur als Provisorium betrachtete, doch schon zur Lebensform geworden war. Es war seine Eigenart, sich mitten in die Dinge hineinzuknien und dann wieder aufzubrechen. Aber zum großen Vagantentum fehlte ihm der Atem, es lag ihm nicht im Blut. Vielleicht war er eine moderne Art des Handwerksburschen, der, mit seinem Arbeitszeug beladen (Barth reiste stets mit zwei Koffern voller Bücher, Manuskripte und mit seiner Schreibmaschine), von Land zu Land wanderte, immer das Ziel vor Augen, dereinst in der Heimat als erfahrener Meister seines Fachs seßhaft zu werden.
So weit hat es Max Barth aber nie gebracht. Erst im Jahr 1950 kam er nach Deutschland, und nach einem kurzen, mißglückten Aufenthalt in Stuttgart kehrte er im Jahr 1952 in seine Heimatstadt Waldkirch zurück, ohne einen festen Tätigkeitsbereich gefunden zu haben. Die allzulange Funktionslosigkeit hatte ihn vollends gebrochen.

Max Barth

Als ich ihn besuchte, wohnte er, der eingeborene Waldkircher, als Untermieter bei einer Flüchtlingsfamilie, Ausgewiesene und Heimatlose wie er, die sich dort inzwischen ein kleines Häuschen gebaut hatten und seßhafte Waldkircher Bürger geworden waren. Barth lebte bei ihnen sein Dasein wie in der Emigration: für 15 Mark Miete in einem kleinen, muffigen Kellerraum. Darin stand ein Schlafsofa, über dem Terrazzospülstein hing sein Rasierspiegel, und auf dem Tisch lagen die neuesten Zeitungen und Zeitschriften, daneben Bleistift, Schere und Kleister. Er hörte dreimal am Tag die Nachrichten am Radio, las kritisch eine Reihe von Zeitungen und trug sein Schreibwerkzeug stets griffbereit in der Brusttasche, sogar im Pyjama. Er mußte seine Finger am Pulsschlag der Zeit halten, auch im kleinen Waldkirch, zum Schreiben jedoch fehlte ihm der Schwung. Sorglos-kindlich und großzügig gab er sein Geld für neue Bücher und Zeitschriften aus und war, wie eh und je, knapp bei Kasse. Er hatte sich einen besonderen Trick ausgedacht, um mit den abgezählten Moneten durch den Monat zu kommen: vom Ersten des Monats an, wenn er seine Unterstützung bekam, legte er täglich ein paar Mark in eine Sparbüchse, die er selbst nicht öffnen konnte. Um die Monatsmitte herum, wenn er dann blank war, brachte er die Kasse zur Bank, ließ sie öffnen und lebte von dem so sich selbst weggesparten Geld recht und schlecht bis zum nächsten Ersten...
Obwohl Barth in dem Band „Deutsche Exilliteratur von 1933—45“ (herausgegeben von Wilhelm Sternfeld und Eva Tiedemann, Verlag Lambert Schneider, 1962) mit einer großen Liste von Arbeiten aufgeführt ist, die er in der Emigration verfaßt hat — seine Arbeiten sind nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch, Französisch, Tschechisch, Norwegisch, Schwedisch und Spanisch erschienen —, war er keiner von den Erfolgreichen, die ein sogenanntes Oeuvre hinterlassen. Auch mit seinen zahlreichen, zum Teil sehr schönen Gedichten ist er nie „arriviert“. Veröffentlicht wurde nur eine kleine Sammlung lyrischer Grotesken unter dem Titel „Kabif“ im Verlag der „Sonntags-Zeitung“, Stuttgart, 1930. Seine einzige große Arbeit ist die Übersetzung der Verse Omars des Zeltmachers nach einer englischen Version von Edward Fitzgerald, „Die Rubijat des Omar Khaijam“ (erschienen 1963 in der Europäischen Verlagsanstalt). Diese Verse haben ihn schon in seiner Waldkircher Jugendzeit fasziniert, er hat sein ganzes Leben daran gearbeitet, die Manuskripte auf allen Reisen mit sich geschleppt und dann in den letzten Waldkircher Jahren fertiggemacht. Omar war sein geistiges Vorbild, und Barth spricht von sich selbst, wenn er von ihm sagt: „Er war ein unfeierlicher Mensch, der zwar Beziehungen zu Prominenten hatte, aber keinen großen Gebrauch von ihnen machte, ein Narr also; im Sinne der Biederen das, was der erfolgreiche Spießer geringschätzig einen ,Idealisten' nennt — freilich, ein unheiliger, verurteilenswerter Narr und Idealist... Ihn interessierte sein Denken, seine Dichterei und vor allem sein Leben. Er war in Harmonie mit der Welt und sich selbst, wenn er nur unabhängig genug blieb, um auf die Welt und sich selbst zu pfeifen, sich über sie und sich lustig machen zu können."
Ein paar Monate vor seinem Tod sah ich Barth wieder und fand einen ruhig gewordenen, abgeklärten Alten, der gelassen seine Beschwerden ertrug. Nur die braunen Augen, die weiß gewordenen buschigen Brauen wie abstehende Flügel darüber, erinnerten an den lebenshungrigen Stürmer von einst. Er sprach davon, daß er seinen Leichnam einmal der Freiburger Anatomie vermachen wolle. Als ich von seinem Tod erfuhr — ein Brief kam zurück mit dem Postvermerk „Empfänger verstorben“ —, hatte er schon längst diesen letzten Dienst zum Wohle der Menschheit hinter sich gebracht.

AGATHE KUNZE



Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig


Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik



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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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