Das Ende

Wenn diese Zeilen in Druck gehen, hat sich die „nationale Revolution“ im Anschluß an das Wahlergebnis vom 5. März in ähnlicher Form durchgesetzt, wie die Revolte 1918 nach der militärischen Niederlage. Damals hob sich keine Hand in Deutschland, das Kaiserreich zu verteidigen. Auch diesmal ist es ähnlich gegangen. Die Träger der Republik von Weimar haben erkannt, daß diese Epoche zu Ende ist.

Es ist noch nicht an der Zeit, Nekrologe zu schreiben. In ruhigen Zeiten wird ein gerechteres Urteil über die verflossenen 14 Jahre gefällt werden, als dies in der Hitze des Wahlkampfs möglich war, wo von nationaler Seite in Bausch und Bogen verdammt wurde, was man links fast wie ein verlorenes Paradies beweint.

Eine objektive Prüfung der Bilanz beider Epochen zeigt klar, daß die Aktiven der Republik von Weimar trotz vierjähriger Krise viel größer und hochwertiger als die des Kaiserreichs sind, obwohl die Republik mit den erdrückenden Passiven des Kaiserreichs vorbelastet war.

Damals waren keine Lebensmittel und Rohstoffe im Lande. Ein heruntergewirtschafteter Produktionsapparat mußte erst wieder auf die normale Warenproduktion umgestellt werden. Der Verkehr wurde monatelang durch die Demobilmachung schwer belastet und die Ablieferung des besten Eisenbahnmaterials verschärfte noch den Zustand. Von den anderen Kriegsfolgen sei nur noch die Unsicherheit über die Friedensbedingungen erwähnt.

Das alles fällt auf der Passivseite der Eröffnungsbilanz des „dritten Reiches“ weg. […]

Der Vergleich zwischen dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und dem der Republik von Weimar wird der künftigen Geschichtsschreibung noch manche Parallele aufzeigen. Es gibt aber auch einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Entstehen und Walten des Weimarer Staates und des angebrochenen „dritten Reiches“.

Die Sozialdemokratie nahm die militärische Niederlage von 1918 als nationales Unglück hin und tat nur widerstrebend jene Schritte zur politischen Umstellung und Erhaltung des Reiches, die ihr später als Novemberverbrechen angekreidet wurden. Aus der Auffassung des nationalen Unglücks, das gemeinsam getragen und überwunden werden müsse, verzichtete sie auf jede Maßnahme gegen die Verantwortlichen am Zusammenbruch. Die Sozialdemokratie handelte also nach dem Bibelwort: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.“

Ganz anders verfuhr die nationale Revolution. Sie machte für die Krise in Deutschland (Auswirkung der Weltwirtschaftskrise!) einzig und allein den Marxismus verantwortlich, als ob die deutsche Wirtschaft seit 1918 von Partei- und Gewerkschaftsführern geleitet worden wäre, und nicht von den Stinnes, Thyssen, Cuno, Vögler, Kirdorf usw. Daß die Krise in den marxistenreinen U.S.A. früher begann und schlimmere Folgen brachte, hat die „nationalen“ Ankläger gegen den deutschenMarxismus keinen Augenblick beirrt. Sie handelten nach keinem Bibelspruch, sondern nach einem uralten Grundsatz des Klassenkampfes: „Richtet, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!“ […]

Das Volk will einen Weg aus der Krise und muß zugleich den Eindruck bekommen, daß eine Bewegung alle Energie für die Verwirklichung ihres Programms einsetzt.

Diese ihre Aufgabe hatten die „Marxisten“ nicht begriffen. Sie ließen sich von vornherein in die Verteidigung drängen und verstanden keine Schwäche des Gegners zu ihrem Erfolg zu nützen.

Hätten sie dem ungewissen Vierjahresprogramm ein Vierwochen- oder Viermonatsprogramm mit klaren Forderungen entgegengestellt, so wäre die Regierung zur Formulierung ihres Programms gedrängt worden. Ihre künftige Politik wäre im Kontrast zum Krisen- und Sozialprogramm der sozialistischen Opposition gestanden.

Die Forderungen eines solchen Programms drängen sich förmlich auf. Erste, richtungweisende Forderung: Beseitigung der Armut durch volle Anwendung aller technischen Fortschritte, Beseitigung aller kapitalistischen Hemmungen einer planmäßigen Bedarfswirtschaft, sofortige Steigerung der Kaufkraft zur Wiederingangsetzung des ganzen Produktionsapparats.

Aber die Sozialisten fühlten sich durch die alten Vorwürfe so bedrängt und waren über das Gebot der Stunde so wenig im klaren, daß die Gegner vollständig den Kampf bestimmten. Gewiß, der Gegner wandte ungewohnte Mittel an; aber eben seine Geschichte zeigt, daß eine aufstrebende Bewegung nur wenig behindert werden kann […]

1933, 11 · Fritz Sturm