Die „Nationalen“

— Jg. 1926, Nr. 25 —

Ich kann mir an dieser Stelle, so groß meine Neigung dazu auch ist, die Vorbemerkung nicht erlassen, daß ich meiner ganzen ursprünglichen Anlage nach zum Nationalen in einem unbedingt bejahenden Verhältnis stehe. Es ist mir nahezu unmöglich, mich ins Ausland verpflanzt zu denken. Ich vermag mich nur in deutsches Seelenleben mitfühlend einzuleben, nur in deutscher Sprache mit einer mir genügenden Genauigkeit auszudrücken, und Fremden gegenüber würde es mir bestimmt ähnlich gehen wie Thomas Mann, der von sich erzählt, daß er auf seiner Mittelmeerfahrt den konstantinopeler Verehrern in „fließendem Deutsch“ auf ihre Kundgebung geantwortet habe.

Gegen die Juden, die Franzosen, die Engländer u n d besonders die Amerikaner habe ich mancherlei auf dem Herzen, was zu meinem Deutschtum in sehr naher Beziehung steht. Aber Eines hat mich bisher noch immer gehindert, dieser nationalen Einstellung auch öffentlich Ausdruck zu geben, und das ist es klingt merkwürdig das Treiben unserer heutigen Nationalen, mit denen ich um keinen Preis verwechselt werden möchte, weil sie mir allzu peinliche Verkörperungen jenes minderen Deutschtums scheinen, an dessen Vorhandensein erinnert zu werden den nationalen Sinn nur immer aufs neue bedrücken und demütigen kann. Mit ihnen zuerst glaube ich mich auseinandersetzen zu müssen, ehe ich es wagen darf, gegen fremde Nationaleigenschaften zu Felde zu ziehen.

Erich Schairer hat jüngst mit Recht darauf hingewiesen, daß das Nationale sich, wie nach Friedrich Theodor Vischer das Moralische, eigentlich von selbst verstehe und daß es bereits verdächtig sei, wenn man es allzu geflissentlich in den Vordergrund stelle. Das tun unsere Nationalen schon damit, daß sie sich als Nationale bezeichnen und als solche von den anderen Volksgenossen, die sie ohne weiteres als nicht-national betrachten zu dürfen meinen, absondern. Denn was berechtigt sie, objektiv angesehen, zu einer derartig lieblosen Verurteilung des größeren Teils ihrer Nation, der zuzugehören sie doch angeblich so stolz sind? Ist nicht gerade diese lieblose Verurteilung am Ende ein Beweis dafür, daß sie in Wahrheit gar nicht national sind?


Aber abgesehen davon: ist das etwa gute deutsche Art (oder nicht vielmehr übelste internationale Unart), sich aufzuspielen, als ob man irgend einen Vorzug gepachtet habe? Weckt nicht, um hier an die naheliegende Parallele zu erinnern, eine Kirche, die sich „rechtgläubig“ nennt, oder eine andere, die sich als die „alleinseligmachende“ empfiehlt, schon dadurch ein gewisses Mißtrauen in uns? Edle Art, die ihrer selbst gewiß ist und die die Kraft in sich fühlt, durch sich selbst zu überzeugen, bedarf keiner marktschreierischen Reklame, wie sie etwa die Parteibezeichnungen „deutschnational“ und „deutschvölkisch“ ohne Zweifel doch bedeuten.[…]

Bei alledem halten unsere Nationalen sich sonderbarerweise noch für die großen Idealisten. Es ist mir niemals klar geworden, womit sie diesen Anspruch begründen wollen. Mir scheint, daß er durch die Länge der Zeit bei ihnen auch mehr zu einem bloßen Glaubensartikel geworden ist. Denn nur so läßt es sich erklären, daß sie auf die offenherzige Frage, was ihr Ideal denn nun eigentlich sei, die ebenso offenherzige Antwort erteilen, ihr Ideal sei es, dem deutschen Vaterlande wieder zu einem starken Heer, einer stolzen Flotte und zu überseeischen Kolonien zu verhelfen, damit es dem Ausland gegenüber so machtvoll auftreten könne wie ehedem. Daß dies und nichts anderes deutscher Idealismus sei, dessen sind sie augenscheinlich unangreifbar gewiß. Und sie werden sehr böse, wenn man nur von ferne anzudeuten wagt, daß man dergleichen bis dahin gerade immer für robustesten Materialismus gehalten habe.

Noch sonderbarer jedoch will mich die Methode dünken, mit der sie ihre nationale Gesinnung gegenüber den geschichtlichen Ereignissen der letzten zwölf Jahre zu bekunden bestrebt sind. Als jedem zugängliche Tatsache liegt hier vor, daß unser Volk sich vier Jahre hindurch, d.h. eine vorher für ganz unmöglich gehaltene Zeitspanne lang, gegen die ungeheure, beständig wachsende Übermacht fast aller übrigen Großmächte behauptet hat und erst unterlegen ist, als bereits Hunderttausende an Erschöpfung zugrunde gegangen, die letzten Reserven verbraucht und die Bundesgenossen abgefallen waren. Dies, wie gesagt, die Tatsache. Und nun die Frage: wie soll man sich als Glied seines Volkes wohl zu ihr stellen? Es mag auf den ersten Blick ausgeschlossen scheinen, daß die Stellungnahme eine andere sein könnte als die einer befestigten Treue gegenüber der Gemeinschaft, mit der man sich durch so schlimme Schicksale verbunden weiß, einer vertieften Liebe zu diesem Volk, das so Schweres erduldet, so vieles geopfert, sich so tapfer gewehrt hat und last, not least so ruhmvoll unterlegen ist. Aber die Dolchstoßlegende zeigt, daß diese Annahme falsch ist und daß die alleinseligmachende nationale Gesinnung vielmehr darin besteht, seinem zusammengebrochenen Volk aus sicherem Hinterhalt noch einem Fußtritt zu versetzen und seiner blutenden Wunden und seiner Todesmattigkeit mit dem geifernden Anwurf zu spotten, es habe feige versagt, die Front verraten und ohne Not den Kampf aufgegeben.[…]

Es ist so: solange alles gut ging, standen unsere Nationalen in „unerschütterlicher Treue“ zu ihrem Volk. Aber sobald das Schicksal dieses ihres Volkes sich wandte, da war es aus mit ihrer Treue. In dem siegreichen Volke lebten sie gern, von dem besiegten kehrten sie sich ab […]

Es ist eine Qual, die Auseinandersetzung mit ihnen nicht ganz vermeiden zu können. Sie läßt sich aber deshalb nicht ganz vermeiden, weil jene es wagen, die teuern Namen „deutsch“ und „national“ dadurch zu entweihen, daß sie sie in ihrem Minderlingssinne verfälschen. Die Welt muß wissen, daß deutsch und deutschnational sein noch etwas anderes bedeutet, als mit dem Säbel rasseln, großsprecherisch den Mund aufzureißen, hoffnungslose Beschränktheit als Charakterfestigkeit ausgeben, neue Gedanken trottelhaft begeifern, die Idee grundsätzlich bekämpfen, fremde Kulturgüter unbesehen herabsetzen, die des eigenen Volkes verständnislos mißachten, selbsterwählte Ideale verraten, sein Volk in der Not, statt ihm zu helfen, noch durch sinnlose Beschimpfungen schänden.

Denn wenn das und das allein zum Deutschtum und Nationalbewußtsein gehörte — und nach dem Gebaren unserer heutigen Nationalen sieht es manchmal fast so aus —, dann wäre es keine Ehre mehr, deutsch und national zu sein. Das aber habe ich bisher geglaubt. Und ich möchte es gern weiter glauben dürfen.

1926, 25 Kuno Fiedler