Hitler stößt vor

[Jg. 1931, Nr. 50] Herr Hitler rüstet sich zur Thronbesteigung. Er predigt seinen ungeduldigen Scharen noch einmal Geduld; die fälligen Pogrome müssen nocheinmal ein wenig hinausgeschoben werden. Er designiert seinen Botschafter für das Land, das seine Seele sucht, das heilige Land des Fascismus: Prinz Waldeck-Pyrmont soll als sein Vertreter nach Rom. Er schickt seinen Herrn Rosenberg nach London, läßt ihn um gut Wetter bitten und seinen baldigen höchsteigenen Besuch anmelden. Und er geht selbst an die Front: er redet selbst.

Im Hotel Kaiserhof zu Berlin hat er die Vertreter der englischen und der amerikanischen Presse empfangen und ihnen versichert, daß die Nazis nicht so schlimm seien, wie sie sind. Zum Beispiel wollten sie, wenn sie erst an der Spitze seien, die Privatschulden bezahlen. Was das boxheimer Dokument betreffe, so sei es „eine Arbeit einer Privatperson, die unter Beteiligung eines Spitzels, der sie später der Polizei auslieferte, zustandegekommen“ sei. Er, Hitler, sei legal, besonders, da man ja sozusagen schon mit einem Bein in der Regierung stehe. Kein Zweifel, sagt er, wir kommen dran; jetzt oder in zwei, in fünf oder zehn Monaten. Die kommunistische Gefahr, sagt er, ist furchtbar; ihr könnt froh sein, daß wir Nazis da sind. Aber habt keine Angst: die SA sollen unter unserer Regierung weder zur Polizei noch zur Staatsmiliz werden, sagt er, sie sollen nur wie bisher „dem Schutze der Partei“ dienen. Sie sind sein Abwehrmittel gegen einen sozialistischen oder kommunistischen Aufstand. Sagt er, und die deutsche Arbeiterschaft hat’s gehört und sich gemerkt: der Oberosaf höchstselbst hat ausländischen Vertretern kapitalistischer Interessen versichert, daß die SA nicht gegen das Kapital, sondern nur gegen die Arbeiter marschieren sollen. Weil sie „zuverlässiger“ seien als das Heer und die Polizei.

So also nimmt der (staatenlose?) Österreicher Hitler die diplomatischen Beziehungen mit dem Ausland auf, als wär er schon Duce Deutschlands. Freundliche Beziehungen zum ausländischen Kapital sind ihm wichtig; die zum deutschen Proleten sind kaum herzlich zu nennen.

Es scheint verschiedenen Meldungen nach sicher zu sein, daß Hitler in Berlin nicht nur mit den englischen und amerikanischen Zeitungsmännern Fühlung gesucht und gefunden hat, sondern auch mit dem Zentrum und mit Vertretern der „Wirtschaft“. Außerdem hat er offenbar direkt oder indirekt mit dem General Schleicher — dem er ja kein Unbekannter war — verhandelt.

Auf der Rechten scheint man sich einig zu sein. Und links? Ist die Einheitsfront im Werden? Rüstet sich die SPD zum Widerstand?

Nein. Kein Zweifel, daß die Massen der sozialdemokratischen Arbeiter den Wunsch haben, gemeinsam mit ihren Klassengenossen gegen den Fascismus Front zu machen. Aber wer fragt nach den Massen? Die „Welt am Montag“ behauptet zwar, der Mann, der in einem kommunistischen Blatt geschrieben hat, der Parteivorstand der SPD habe sich bereits für eine „nationale Regierung“ von Braun bis Hitler entschieden, habe sich die Meldung aus den unsauberen Fingern gesogen.

Aber hat nicht Severing den Hakenkreuzlern in öffentlicher Versammlung (in Leipzig) geraten, ihre Terrormethoden aufzugeben: „Das ist die einzige Grundlage, auf der wir uns einigen können und die zu einem Wiederaufstieg Deutschlands führen kann.“ Was ist das anders als ein Tolerierungs-, wenn nicht gar ein Bündnisangebot?

Und hat nicht der „Vorwärts“ vom 3. Dezember in einem großen Artikel ausgeführt, daß die Koalition mit Hitler nicht ohne weiteres prinzipiell abzulehnen sei. Es komme darauf an, wie innerhalb der Koalition die Kräfte verteilt seien. Und das deutsche Volk habe dann ja nach spätestens vier Jahren die Möglichkeit, den Fascismus abzuschaffen: durch — Neuwahlen!

Darf man nach solchen Äußerungen hoffen, daß die Führer der SPD den Entschluß finden werden, gegen den Fascismus und gegen Hitler Ernst zu machen? Nein. Die SPD ist kein Bollwerk gegen den Fascismus.

Ein Bollwerk, ja, mehr als das: die einzige Kampftruppe, die fähig ist, Hitler und sein volksverräterisches System zu erledigen, ist die Arbeiterschaft. Aber ihre Einigung kann nur von unten kommen. Nur im aktiven Zusammenwirken der Proleten beider Lager liegt der Sieg. In der Einheitsfront des Proletariats wird man, wenn nur die richtigen Parolen ausgegeben werden, nicht nur die sozialistischen und kommunistischen Arbeiter finden, sondern auch die Schar der unorganisierten und einen großen Teil der christlichen.

Wenn die Arbeiterschaft einig und geschlossen ist, wird kein Naziheer sie besiegen. Wie die Einheitsfront herzustellen ist, ist das wichtigste und ernsteste Problem unserer Tage. Vielleicht hebt Hitlers volksfeindliche, kapitalfreundliche Attacke auf die Macht die proletarische Einheitsfront aus der Taufe. Dann hätte sein Dasein einen geschichtlichen Sinn erhalten.

1931, 50 · Max Barth