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  In Opposition

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Als Oppositionsblatt ist die Sonntags-Zeitung gegründet und bisher geführt worden, und sie gedenkt auch darin zu verharren. Sie opponiert, kurz gesagt, gegen die herrschende Richtung im gesamten öffentlichen Leben des Vaterlandes, in Presse, Politik, Wirtschaft und sogenannter „Kultur“, die man unter Schlagworten wie Nationalismus, Kapitalismus, Klerikalismus und dergleichen zu verstehen pflegt. Sie wehrt sich gegen diese Mächte nicht, wie liebenswürdige Leser und vor allem Nichtleser oft behaupten, aus purer mefistofelischer Freude am Verneinen, am Schimpfen und Schlechtmachen; sondern weil ihr Herausgeber von deren Verlogenheit, Gemeinheit und Dummheit täglich greifbare Beweise vor sich hat und dem Bedürfnis nicht zu widerstehen vermag, dem Ausdruck zu verleihen. Sobald die Welt, in der ich lebe, vernünftig, anständig und wahrhaftig zu werden anfängt, werde ich die Sonntags-Zeitung eingehen lassen und dafür Erbauungsschriften herausgeben.
     Manche Beurteiler, und zwar gerade freundlich gesinnte, finden nun, es sei verkehrt, wenn man sich innerhalb der Oppositionsfront, die sich politisch als „Linke“ zu bezeichnen pflegt, nicht einer bestimmten Parteirichtung anschließe und für diese wirke. Es ist etwas daran, und die laue Gleichgültigkeit oder feige Heuchelei, die sich so gerne als ein „über den Parteien-Stehen“ gebärdet, ist auch mir in der Seele zuwider. Wer seinem Volk und seiner Zeit etwas sagen will, darf sich nicht scheuen, Partei zu ergreifen, auch auf die Gefahr hin, einmal daneben zu hauen. Aber ich habe meine guten Gründe, wenn ich kein Parteimann im engeren Sinne bin und meine Zeitung keiner der mir von Fall zu Fall nahestehenden Linksparteien verschreibe, auch der sozialdemokratischen nicht, a la suite deren ich mich bei Wahlen und dergleichen zu finden pflege. Zu den mir widerwärtigen öffentlichen Unsitten gehört nämlich eine, die auch auf der linken Seite stark verbreitet ist, und die ich den Parteigeist — im schlimmen Sinne — nennen möchte: daß man im eigenen Lager alles schön und gut und im gegnerischen alles böse und schlecht finden muß. Es ist dasselbe, was unseren sogenannten Patriotismus so lächerlich und verbohrt erscheinen läßt; was den Kampf der Klassen verfälscht; was die Auseinandersetzung der Konfessionen und Weltanschauungen vergiftet. Ich mag da nicht mitmachen. Ich halte es für keinen Verrat des eigenen Lagers, wenn man auch einmal eine Persönlichkeit oder eine Handlung des gegnerischen versteht oder billigt; und für kein Beschmutzen des eigenen Nestes, wenn man Unsauberkeiten, die sich in diesem vorfinden, beseitigt oder schwache Stellen in ihm kritisiert. Ich halte das nicht etwa für schädlich, sondern sogar für notwendig.
     Und ich kann mir diese Haltung umsomehr gestatten, als ich ja nicht darauf aus bin, Anhänger um mich zu scharen, einen Klüngel oder eine „Gemeinde“, wie die Profeten lieber sagen, zu sammeln. Ich stehe auf eigenen Füßen und möchte auch die anderen Menschen um mich her gerne auf solchen stehen sehen. Ich bin keineswegs des Glaubens, daß ich im Besitz der alleinigen und patentierten Wahrheit sei. Ich möchte haben, daß auch die anderen, wie ich, nach der Wahrheit suchen, sie aber dabei gerne ihren eigenen Weg gehen lassen. Ich hoffe, der Inhalt dieser Zeitung wird so verstanden. Meine Leser sollen nicht von der Unfehlbarkeit, nur vom guten Willen ihrer Zeitung überzeugt sein. Ich will, daß sie auch diese prüfen, daß sie nachdenken über das, was darin steht; nicht etwa, daß sie, wie der Stammtischbruder auf sein Leibblatt, darauf schwören sollen. Wenn mancher, der eben auch gerne geführt sein möchte, in der Sonntags-Zeitung das ersehnte Leitseil nicht findet: dem kann ich nicht helfen, für den bin ich nicht da, er möge sich ein Parteiblatt kaufen.
     Daß ich damit den Kreis der Leser zu meinem eigenen Nachteil einschränke, weiß ich. Und leider sind unter denen, die in seinem Bezirke liegen, auch noch manche, auf die ich, offen gestanden, keinen sehr großen Wert lege. Diejenigen nämlich, denen es im Grunde nicht Ernst ist; die sich mit der Lektüre dieser Zeitung bloß amüsieren wollen. Die Allesbesserwisser, die Blasierten, die „Intellektuellen“. Ihre Ansprüche an „Geistigkeit“ vermag ich nicht zu befriedigen, und mag es auch nicht. Der Leser, den ich am liebsten habe, ist der einfache, der unverbildete „Mann auf der Straße“. Und es ist meine und meiner Mitarbeiter Unzulänglichkeit, wenn die Zeitung nicht immer so geschrieben ist, daß er ihren Inhalt aufzufassen vermag. Es ist nämlich für unsereinen, der sich den Jargon der sogenannten „Gebildeten“ angewöhnt hat, gar nicht so einfach, ein gutes Deutsch ohne Fremdwörter zu schreiben. In diesem Punkt, dem der Gemeinverständlichkeit, sollte es mit der Sonntags-Zeitung noch besser werden.

   1926, 52  Sch.
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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