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  Wir Nörgler

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Eines schönen Abends, mitten in der Uraufführung eines Stückes, das er herrlich zu verreißen gedachte, traf den angesehenen Kritiker Theobald Tatüterich ein sanfter Schlag. Pfeilgerade, direkt durch den elektrischen Kronleuchter über seinem Platz, fuhr die arme Seele gen Himmel und stand vor Gottes Thron. „Was“, so lautete gleich die erste Frage, „hast du nun eigentlich geschaffen, mein Sohn?“ Ja, das war nun eine Frage, die man drunten auf Erden Tatüterich schon öfter vorgelegt hatte, und die Antwort darauf wußte er auch gleich. „Soll das heißen,“ erwiderte er reichlich bissig für diesen Ort, „daß wir Kritiker etwa nicht schöpferisch seien?“ „Bitte“, meinte der gütige Greis, „ich wollte dich nicht kränken, aber nun schaffe mir mal — z. B. eine Maus.“ „Dies gerade“, kam es noch gereizter zurück, „ist nicht meine Art zu schaffen, aber ich kann dir dafür sagen, was du an dem Kamel da drüben gründlich falsch gemacht . . .“ Aber da blitzte, da donnerte es schon, und die letzten Spuren von Tatüterichs Überresten lassen sich heute nur noch mit den feinsten astronomischen Methoden auf der Milchstraße nachweisen.
     Diese Geschichte stammt nicht von mir (ich kann mich deshalb für ihre wortgetreue Wiedergabe nicht verbürgen), aber sie ist mir oft vorgehalten worden, als Beweis dafür, daß reine Kritik nie schöpferisch sein könne. Erst viel später ist mir eingefallen, daß die ganze schöne Parabel einen großen Haken hat: das Kamel in der Geschichte ist nämlich ein so vollendetes, ein so schlechthin vollendetes Kamel, daß wirklich nichts an ihm zu kritisieren ist. Insoweit hat der Kritiker Unrecht, wenn auch die Strafe etwas hart erscheint. Aber die Finte, die der liebe Gott ihm da legt, ist ebenfalls nicht ganz fein. Damit, daß der arme Sünder ungeschickt an Vollendetem noch herumkritteln wollte, war noch lange nicht die Unfruchtbarkeit der Kritik überhaupt bewiesen.
     Wir Kritiker des Bestehenden könnten uns ja auch eine andere Fabel ausdenken. Etwa die: Es war einmal ein Mann, der merkte, daß ein Gebäude Sprünge bekam. Als er eine hohe Behörde darauf aufmerksam zu machen geruhte (in aller Bescheidenheit natürlich), da warf man ihn hinaus, denn sie, die Behörde, d. h. die hohe Baupolizei, verstünde das besser. Da ging er schließlich auf den Markt und predigte vor allem Volke, das Haus werde bald einstürzen. Schon hatte er einen Teil der Menge für sich gewonnen, da erschien einer von der Obrigkeit und fragte höhnisch, was denn nur eigentlich der große Verbesserer hier besser machen wolle. Der schwieg beschämt, denn von Häuserbau und Maurerhandwerk wußte er ja nichts; er wußte halt nur, daß dieses Haus bald einstürzen würde. Das passierte denn auch in der nächsten Woche.
     Hier in der „Sonntags-Zeitung“ ist viel kritisiert, oft gewarnt worden, und unsere Warnungen sind fast immer eingetroffen. Das hat die Leute nicht gehindert, uns weiter als unfruchtbare Nörgler zu beschimpfen. Uns ficht das nicht an. Wir halten es mit dem alten Gottfried Keller, der einmal ungefähr so gesagt hat: Man soll nicht auf diejenigen schelten, die angeblich immer bloß niederreißen. Niederreißen von Wänden ist oft schon eine schöne Sache; die gute Luft kommt dann von selber herein

    1925, 31  Fritz Edinger
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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