Erich Schairer   home | Site Map | So-Ztgs-Artikel | Zeittafel | Autoren
  voriger Artikel | zum Inhalt | nächster Artikel
  Das deutsche
Presse-Elend

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

Probieren Sie's mit der Stichwortsuche:


„Wir sind heillos und schamlos belogen und betrogen worden von unseren Zeitungen.“ So lautete das Urteil sehr ruhiger und sehr besonnener Männer bis in die konservativsten Kreise hinein, als sie Gelegenheit hatten, sich den Schaden ihrer Gutgläubigkeit zu besehen — im Herbst 1918. Und es machte damals keinen so großen Eindruck, wie die Presse sich verteidigte. Das tat sie natürlich, wie das jedes Sünders gutes Recht ist.
     Sie sagte erstens: „Die andern, die Feinde haben es auch nicht besser gemacht als wir.“ Das war zum Teil richtig, zum Teil doch auch nicht. Wer in Kriegszeiten z. B. die „Times“ las mit ihrer täglichen Großspalte: „Through German eyes“ (durch deutsche Augen), der weiß, daß der englische Zeitungsleser ganz ausgezeichnet auf dem Laufenden war mit allem, was die deutsche Presse zu sagen hatte. Unsere Zeitungen dagegen haben uns irgend einen mit unseren Lügen gespeisten „Courant“ oder eine noch verlogenere „Tidende“ vorgesetzt als „Stimme des Auslands“. Und zweitens hieß es: „Wir mußten lügen auf Kommando! Das A.O.K. rief und alle, alle logen. Nur aus vaterländischer Pflicht!“ Sei's drum. Ihr mußtet lügen. Dann bleibt es aber dabei: wir sind belogen und betrogen worden. Ein Glück für euch, daß das deutsche Publikum das gutmütigste von allen und das Publikum des kürzesten Gedächtnisses ist.
     Nun heißt es heute, wir sollen doch das Vergangene vergangen sein lassen. Wiederaufbau, Einigkeit, Vertrauen — darum allein handle es sich jetzt. Schön und gut. Obwohl man sich fragen kann, ob ein Mensch und ein Volk etwas lernen können, wenn sie sich vornehmen, ihre einschneidendsten Erfahrungen in den Wind zu schlagen und grundsätzlich a tempo zu vergessen.
     Jetzt aber Hand aufs Herz! Ist's heute viel anders als damals? Die Oberste Heeresleitung ist zwar nicht mehr da. Dafür hat irgend ein Stinnes oder ein anderer Generalgewaltiger der schweren Finanz die Presse fest in der Hand. Man kann aber nicht der Wahrheit dienen und dem Mammon, sagt irgendwo — so ungefähr — das Evangelium. Allmächtig ist das Kapital ja allerdings nicht; nicht auf alle Preßorgane kann es seine weithin gebietende harte Faust legen. Aber seinem Schicksal entgeht der deutsche Zeitungsleser auch dann nicht; die geschmeidigere Hand seiner Parteigewaltigen erwartet ihn und massiert und durchwalkt den Biederen in seinem Leibblättchen, ohne daß er es auch nur ahnt. Denn die Herren mögen es ja herzensgut meinen mit ihren Pflegebefohlenen, sie mögen höchst ehrenwert sein — das sind sie alle, alle ehrenwert -, aber sie leben nun einmal des Glaubens, daß das Brot der lauteren Wahrheit unserem schwachen Magen schlechterdings nicht bekömmlich sei.
     Daß dem so ist, das merkt jeder, der noch einen Gaumen hat zum Schmecken, an der läpperichen Bescherung, die ihm tagtäglich in seiner Presse vorgesetzt wird.
     Wir möchten wissen, wie es mit uns steht, draußen im Ausland, was die Kreise von uns denken, von denen nun einmal für die nächsten Jahre unser Schicksal wie das Schicksal der ganzen Welt abhängt. Und wir sollten meinen, daß wir das jetzt wissen dürften, jetzt wo kein ,,Endsieg“ und kein „Durchhalten“ mehr einzig davon abhängt, daß wir das nicht erfahren. „Wir möchten wissen, wie es mit uns steht, hier bei uns im Innern, wie lange wir z. B. noch das frisch-fromm-fröhlich-freie Turnspiel an den Hebeln der Notenpresse ungestraft üben dürfen. Und wir sollten meinen, eine möglichst nüchterne Auskunft über die Wetterzeichen unseres drohenden Bankerotts sei uns dienlicher als der Lärm der dröhnenden Frasen, mit denen man uns betäubt: über „völkische Belange“, „sozialethische Werte“ und was der neumodische Moralschwatz sonst an Schlagern zu Tage fördert. Aber nein. Von dem, was uns zu wissen nötig wäre, kein Sterbenswörtchen! Was wir wirklich erfahren aus Leitartikeln und Parlamentsberichten, ist höchstens, daß die Macher unserer öffentlichen Meinung uns für unglaubliche Trottel an Verstand und Urteilskraft halten. Goethe war gewiß ein tiefer Verächter der öffentlichen Meinung; und die Worte, die über den Verstand des deutschen Zeitungslesers bei Schopenhauer zu lesen sind, sind sicher nichts weniger als schmeichelhaft. Aber ihre Gesinnungen und Worte sind noch milde, verglichen mit der Verachtung der Urteilsfähigkeit des Publikums, wie sie aus der Praxis unserer Zeitungsverleger und Zeitungsschreiber durchscheint.
     Korrupt, frivol, faul bis ins Mark ist unsere Geldwirtschaft und die Art, wie man bei uns die Steuern umlegt, eintreibt und — bezahlt. Mindestens ebenso korrupt, frivol, faul bis ins Mark ist die Art, wie bei uns mit der Wahrheit gewirtschaftet wird. Nur daß man diese Tatsache vielleicht nicht so schroff, so bitter, so empört ausdrücken sollte. Wie sagt doch Goethe im Kophtischen Lied? „Habet die Narren eben zum Narren auch wie sich's gehört.“ Wer nur hören will, wonach ihn die Ohren jucken, den soll man nicht bedauern, wenn ihm statt der Wahrheit die Fräse vorgesetzt wird. Wie ein Volk genau die Regierung hat, die es verdient, so hat es auch die Presse, die für es gut genug ist. Der Neudeutsche läßt es ja auch sonst nicht undeutlich merken, daß ihm die Wahrheit einen Pfifferling wert ist.
     Doch auch noch andere Dinge sind beim Neudeutschen im Kurs gesunken, wie man wiederum am Pegel seiner Presse ablesen kann. Fleiß, Solidität, Ordnungsliebe, Disziplin sind alte gute Eigenschaften des Deutschen, tief verankert in seinem Wesen und von seinen geschichtlichen Erziehern ihm tüchtig „eingehämmert“, um diesen pädagogischen Lieblingsausdruck des neueren Deutschen auch zu gebrauchen. Die Schädlichkeiten des Liegens im Schützengraben, des Herumlungerns in den Etappen und Heimatgarnisonen, die Lumpereien der sogenannten Revolution hatten eine vorübergehende Verfinsterung dieser Tugenden zur Folge. Der zeitweilige Verlust dieser sittlichen Güter hat nun eine solche Sehnsucht nach ihnen geweckt und die Sehnsucht wird von klugen Hetzern so zum Fanatismus aufgepeitscht, daß darüber unser Volk andere Güter, die auch sittliche Güter sind, um ein billiges gibt: ich meine den Sinn für Freiheit der Persönlichkeit und den Sinn für Recht und Gerechtigkeit.
     Was gilt unter uns noch die Freiheit, wenn in Württemberg — nicht im Preußen des alten Stils, sondern im Freistaat Württemberg — ein Fall möglich geworden ist, wie der Fall Wieland. Ein Richter hält einen Vortrag über ein geschichtliches Thema, einen Vortrag von trocken referierender Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit, einen Vortrag, an dem man höchstens kritisieren könne, daß er Forschungsergebnisse bietet, die kein Kenner bestreitet, von denen jeder Theologiestudierende sagen könnte, das habe er in seinen Fuchsensemestern in seinen Hörsälen gehört. Diesen Vortrag nimmt der Justizminister zum Anlaß, um den Redner, einen Richter, vor seinen Vorgesetzten zu zitieren und eine Art von Disziplinarverfahren gegen ihn einzuleiten. Und als man den Minister an die Verfassung erinnert, die „freieste Verfassung der Welt“, an der er tätig mitwirkte, da winkt er mit dem Beamtengesetz, das, wie es scheint, denjenigen der „Achtung für unwürdig“ erklärt, der eine simple geschichtliche Wahrheit feststellt. Wir sind heruntergekommen und wissen selber nicht wie. Unter unseren Wilhelmen — den württembergischen wie den preußischen — wäre so etwas nicht möglich gewesen. Hätte ein Kultminister der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts es gewagt, beispielsweise den Ästhetiker F. Th. Vischer wegen seiner wirklich scharfen und beißenden Worte über die Beichte — nachzulesen in seinen Lyrischen Gesängen — vor seinen Vorgesetzten zu zitieren — nicht dem Ästhetiker, dem Minister hätte man den Stuhl vor die Türe gesetzt. Und man denke an die Herren vom verflossenen Evangelischen Bund mit ihren hohen Tönen des sogenannten „Lutherzorns gegen römisches Afterchristentum“. Ein Sturm der Entrüstung nicht von der Linken, sondern gerade von der nationalliberalen Mitte und der konservativen Rechten hätte den Minister weggefegt, der es gewagt hätte, einen dieser Romkämpfer vor seinen Vorgesetzten zu zitieren. Heute kräht kein Hahn bei solchen Eingriffen eines der Denkfreiheit feindselig gesinnten Ministers. Die bürgerliche Presse schien es für ihre Pflicht zu halten, eine so unerhörte Tatsache ihrem Publikum zu unterschlagen. Sie konnte dies, weil diesem Publikum die Freiheit der Persönlichkeit einen Pfifferling gilt.
     Und Recht und Gerechtigkeit gilt ihm und seiner Presse nicht viel mehr. Die heutigen Machthaber haben sich neulich feierlich und entrüstet gegen den Vorwurf der Rechtsbeugung verwahrt. Aber wie soll man denn sonst die Tatsachen bezeichnen? Gewaltakte sind begangen worden von links und von rechts. Das Schwert der deutschen Gerechtigkeit hat scharf zugehauen nach links, wogegen nichts zu sagen ist. Wenn der, der zum Schwert greift, durchs Schwert umkommt, ist kein Grund zur Entrüstung. Aber was alles von rechts gesündigt wurde, hat keine oder nur eine lächerliche Sühne gefunden. Den Hochverrätern, die mit gestiefeltem und gesporntem Fuß der Regierung Noske den Fußtritt verabfolgten, daß sie in einem Schwung von Berlin nach Stuttgart flog, wird nicht ein Haar gekrümmt; man lädt sie förmlich ein, ein zweites Tänzchen zu wagen. Wenn Gerechtigkeit das Fundament der Reiche ist, steht der sogenannte Freistaat Deutschland auf wackligen Füßen. Von diesem Messen mit zweierlei Maß hat die große Mehrzahl der biederen deutschen Zeitungsleser nicht die leiseste Ahnung.
     Was folgt aus alledem? Wir wollen eine Zeitung, die uns nicht täglich mit Lügen speist, mit Mammonslügen, mit Parteifunktionärslügen, mit offiziösen Lügen; wir wollen eine Zeitung, deren Leiter kein Engel und kein Musterknabe zu sein braucht, der sich auch einmal verhauen darf, weil ihm Gott den Zorn der freien Rede gab, von dem wir nur das eine wissen müssen, daß er ein aufrechter Mann ist, der nach nichts fragen muß als nach seiner ehrlichen Überzeugung. So bitter not wie das tägliche Brot tut uns eine solche Zeitung, und wir können goldfroh sein, daß wir in Württemberg wenigstens eine solche haben.

   1921, 6  Paul Sakmann

 
Gut, daß es auch eine Sonntags-Zeitung gibt!

   Hermann Hesse
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
voriger Artikel | zum Inhalt | nächster Artikel
Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
home | Site Map | So-Ztgs-Artikel | Zeittafel | Autoren