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  Der große Buchdruckerstreik

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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... Als dem Chef des Hauses Ullstein & Co. an jenem Montag Morgen gemeldet wurde, daß das gesamte Setzer- und Druckerpersonal nicht zur Arbeit erschienen sei, war er zwar wütend, dachte aber nicht, daß es sich um mehr als einen dieser verfluchten lokalen Tarifbrüche handeln werde, wie man sie neuerdings öfters erlebt hatte.
     Hoffentlich ging es nicht bloß gegen Ullstein, war sein erster Gedanke. Als ihn fast im selben Augenblick ein Anruf von Mosse belehrte, daß auch dort gestreikt werde, war es sogar wie eine kleine Beruhigung: also die Konkurrenz lag auch still.
     Nun, man würde auch diesmal mit den törichten Kontraktbrechern fertig werden. Unglaublich, nicht geschnauft hatten sie am Sonnabend; es war nicht das Mindeste vorgekommen, die Löhne waren erst vor acht Tagen in zweitägiger Verhandlung erhöht worden und erreichten fast das Existenzminimum des Calwerschen Marinesoldaten. Na, allzu glimpflich würde man diesmal mit den Herren nicht umspringen, die so mir nichts dir nichts lebenswichtige Betriebe stehen ließen. Ein bis zwei Dutzend würden rausfliegen, das war sicher.
     Eine halbe Stunde später wußte man im ganzen Zeitungsviertel von Berlin SW 68, daß die Dinge nicht so einfach lagen. Beim Wolffbüro waren die ersten Meldungen aus der Provinz eingegangen, aus Hamburg, Magdeburg, Halle, Leipzig: Buchdruckerstreik! Den ganzen Vormittag überstürzten sich die Nachrichten aus allen Teilen Deutschlands: Buchdruckerstreik! Und das Unheimliche war: im „Vorwärts“, in der Druckerei der „Freiheit“ und der „Roten Fahne“ wurde gearbeitet! Fieberhaft gearbeitet! Als um 12 Uhr die großen Rotationsmaschinen der Vorwärtsdruckerei — früher als sonst — zu donnern begannen, war das Haus in der Lindenstraße von einer tausendköpfigen Menge belagert, die gierig auf die ersten Blätter der Abendausgabe warteten. Sie wurde den Zeitungsverkäufern aus der Hand gerissen. Und sie enthielt eine Proklamation des Verbandes der Deutschen Buchdrucker, die wie manche anderen weltgeschichtlichen Dokumente nur aus wenigen Worten bestand. Sie lautete:
     „Der Verband der Deutschen Buchdrucker hat beschlossen, von heute ab in keinem privatkapitalistischen Betrieb mehr zu arbeiten und an der Herstellung keiner bürgerlichen Zeitung oder Zeitschrift mehr mitzuhelfen.“
     Man kann sich die Wirkung dieses Satzes in der damaligen Zeit heute kaum vorstellen. Wenn auf dem Tempelhofer Feld ein Vulkan ausgebrochen wäre, so hätte die Sensation gewiß nicht größer sein können. Die deutsche Arbeiterschaft hatte, wie man glaubte, auf revolutionäre Ideen längst verzichtet, das bürgerliche Wirtschaftsleben ging seinen ungestörten Gang, lediglich von den gewöhnlichen Lohndifferenzen unterbrochen, wenn man sich wieder mal ein paar Tage um ein paar Mark zankte. Die sozialistischen Parteien, deren es etwa acht oder zehn gab, spielten fast keine Rolle mehr; sie waren Reform- und Debattierklubs und traten eigentlich nur noch bei den Wahlen hervor, wo sie eine Art von sportlicher Tätigkeit entfalteten. Die Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung hatte sich allerdings mächtig entwickelt und umfaßte so ziemlich restlos die gesamte Arbeitnehmerschaft. Aber sie trug anscheinend einen so friedlichen, fast spießbürgerlichen Charakter, hatte so wenig Neigung zu großen Aktionen, daß kein Mensch in Deutschland bei dem Wort Streik etwas besonderes dachte. Die Streiks gehörten eben zum öffentlichen Leben wie gewisse Stationen im Gänsespiel, wo die Figur um ein paar Punkte zurück muß. Das Ganze ging trotzdem weiter; niemand dachte daran, es in Frage zu stellen.
     Was jetzt vorlag, war ja eine Art Verschwörung gegen dieses Ganze! Es war Generalstreik, war Wahnsinn! Kein Gedanke, daß die Buchdrucker das würden durchführen können! Wie hatten sie es bloß fertig gebracht, ohne daß vorher etwas durchgesickert war, so von heute auf morgen geschlossen die Arbeit niederzulegen? Nun, man würde sie schon klein kriegen, hieß es. Es gab die Technische Nothilfe, es würden sich Streikbrecher finden; und wie sollten die Leute es mit dem bißchen Streikfond länger als vierzehn Tage aushalten?
     Als dann die Vorgeschichte des Generalstreiks und sein Organisationsplan bekannt wurde, begann allerdings der Mut der bürgerlichen Verleger rasch zu sinken. Seit Jahren war diese unblutige Revolution, denn nichts anderes war es schließlich, aufs genaueste vorbereitet. Die Idee entstammte dem Kopfe eines gewissen Müller (des späteren Präsidenten der Republik), der im Vorstand des Buchdruckerverbandes saß, aber öffentlich bisher überhaupt nicht hervorgetreten war. Eine Streikkasse von Hunderten von Millionen Mark war auf einmal da, nicht bloß aus Beiträgen der hunderttausend deutschen Buchdrucker, sondern aus Mitteln sämtlicher deutschen Arbeiterverbände und -Genossenschaften. Die Gelder waren bisher unter allerhand Decknamen zerstreut angelegt gewesen und flossen jetzt wie die Ströme im Meer in der Berliner Hauptkasse der Deutschen Arbeiterbank zusammen. Dazu kamen Mittel aus dem Ausland. Die Banque de Travail de France und die English Labour Bank, mit denen vor dem großen Schlag sorgfältige geheime Verhandlungen gepflogen worden waren, erklärten in Telegrammen, die in der sozialistischen Presse triumfierend veröffentlicht wurden, daß sie der deutschen Buchdruckerbewegung Millionensummen ausgeworfen hätten. Und — was bei dem Stand der Valuta wohl das Entscheidende war — die außerordentlich kapitalkräftige American Workmans Bank sandte am dritten Streiktag ein Kabeltelegramm an die Berliner Streikleitung, das einen Jubel der Begeisterung in der gesamten Arbeiterschaft auslöste: daß sie den deutschen Buchdruckern zehn Millionen Dollar zur Verfügung stelle und darüber hinaus einen unbeschränkten Kredit eröffne.
     Die Verbandsleitung war infolgedessen imstande, sämtlichen ausständigen Kollegen ihre vollen Löhne für ein halbes Jahr zu garantieren. Ein Teil von ihnen fand übrigens rasch Einstellung in den sozialistischen Druckereien und Zeitungsbetrieben, die sich fast vom ersten Tage an mächtig vergrößerten. Der auf Betreiben des bürgerlichen Verlegervereins unternommene Versuch des Rings der Zeitungspapierfabriken, den sozialistischen Zeitungen das Papier zu sperren, scheiterte kläglich an der Höhe der bei diesen vorhandenen Vorräte. Der Papierpreis sank infolge der zunächst stark verminderten Nachfrage sehr rasch, und nach den ersten Zusammenbrüchen vergaßen die Papierfabrikanten ihre bürgerliche Solidarität, namentlich als die größeren sozialistischen Blätter mit dem Aufkauf der rapid gefallenen Aktien und der Angliederung einzelner Papierfabriken begonnen hatten. Die Zeitungsverleger folgten. Eine Reihe von „General-Anzeigern“ erklärte sich schon nach wenigen Wochen bereit, sozialistische Redaktöre einzustellen und eine rein sozialistische Weltanschauung zu vertreten, wenn die Sperre gegen sie aufgehoben würde. Weitere Blätter wurden dicht vor ihrem Konkurs um lächerliche Summen von den Arbeiterparteien aufgekauft.
     Einige gesinnungstreue Organe der Reaktion versuchten, mit bewundernswertem Eifer und großen Opfern, durchzuhalten. Preußische Offiziere a. D. ließen sich als Setzer und Maschinisten einstellen; aber bis sie auch nur einigermaßen Bescheid wußten und eine notdürftige Zeitung zusammenbrachten, hatten sich die Leser und Inserenten großenteils verlaufen und den technisch glänzend aufgemachten und mächtig vergrößerten sozialistischen Zeitungen zugewandt.
     Drei Monate nach jenem denkwürdigen Montag erklärte der Chef des Hauses Ullstein seinen Beitritt zur „Sozialistischen Partei Deutschlands“, die von der Wucht der Buchdruckerbewegung wieder zur Einheit zusammengeschmiedet worden war. Er unterzeichnete einen Vertrag mit dem Parteivorstand, worin er seinen Betrieb vorbehaltlos dessen Direktiven unterwarf.
     Nach einem halben Jahr, lange, ehe die Streikkassen erschöpft waren, gab es keine feiernden Buchdrucker mehr in Deutschland. Soweit sie sich nicht anderen Berufen zugewandt hatten (was von einigen Tausend Jüngeren verlangt worden war), waren sie alle wieder in Arbeit: — bei sozialistischen Zeitungen und in sozialistischen Betrieben.
     Als der Buchdruckerverband nach einem Jahr die Sperre gegen bürgerliche Blätter aufhob, saßen im Reichstag vier Fünftel sozialistische Abgeordnete, und die Sozialisierung war in vollem Gang . . .
 
    1922, 13 Adam Heller
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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