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  Der neunte November

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Das ist der Wind der Reaktion
mit Mehltau, Reif und alledem;
das ist die Bourgeoisie am Thron,
der annoch steht, trotz alledem.

Freiligrath 1848


Wissen Sie, wann die deutsche Verfassung von 1871 im Reichstag angenommen worden ist? Ich nicht. Kein Mensch ist je auf die Idee gekommen, diesen Tag als Geburtstag des Deutschen Reichs zu feiern. Das ist bekanntlich von amtswegen der 18. Januar, der Tag, an dem 1871 (nach einem langen Kuhhandel zwischen den Fürsten) König Wilhelm von Preußen im Spiegelsaal des Versailler Schlosses zum deutschen Kaiser ausgerufen worden ist.
     Mit 1918 wird das anders gehalten. Der 9. November, an dem die Republik geboren wurde, ist für unsere Offiziellen und Offiziösen eine peinliche Erinnerung, etwas, das nach Bolschewismus riecht. Also feiern wir schon lieber als Geburtstag unserer deutschen Republik den 11. August, den Tag, an dem im Jahre 1919 Friedrich Ebert die Weimarer Verfassung unterschrieben hat.
     Mit der stehts eigenartig. Mit ihren radikalen Forderungen (oder sagen wir schon ruhig „Formulierungen“) wie Demokratisierung und Sozialisierung der Betriebe, Bodenreform, Reichsarbeiterrat, Einheitsschule im Sinne der Brechung aller Bildungsprivilegien usw. usw. hätte sie revolutionär wirken und sich auswirken können — im November 1918. Im August 1919 war das schon völlig ausgeschlossen. Gesetze sind, wie Lassalle richtig erkannt hat, nur wirksam als Ausdruck realer Machtverhältnisse; die aber hatten sich im Herbst 1919 schon so weit nach rechts verschoben, daß man auf dem Papier sich ohne jede Angst radikal gebärden konnte, weil man wußte, daß Papier geduldig ist, daß man die Suppe nicht halb so heiß essen würde, wie sie gekocht war. (Beiläufig gesagt, „kochte“ sie damals gar nicht mehr, sie wurde nur noch „gedämpft“.) So grotesk es klingen mag: wer heute die Weimarer Verfassung nach ihrem Buchstaben und nach ihrem Geist ernsthaft durchführen wollte, könnte das nur mit dem Mittel der proletarischen Diktatur, und umgekehrt wäre es für eine proletarische Diktatur schon eine ganz respektable Leistung, auch nur das Werk von Weimar (lest es mal aufmerksam durch!) in die Wirklichkeit umzusetzen.
     Was war uns vor 11 Jahren der 9. November? Ein Tag des Jubels und der Befreiung, eines Jubels, der selbst weite Kreise des Bürgertums mitriß. Was ist der Tag der Erinnerung uns heute? „Ein Gelächter und eine schmerzliche Scham.“ Was soll er uns sein? Ein Tag der Einkehr und der Selbstbesinnung über das, was versäumt worden ist, Besinnung über das, was wir heute noch tun können.
     Der bürgerlichen Legende, der 9. November 1918 sei gar kein Tag der Revolution, sondern nur ein Tag des Zusammenbruchs gewesen, muß scharf entgegengetreten werden. Sie hat nur insofern einen richtigen Kern, als bei allen Revolutionen (z. B. 1789, 1848, 1871 in Frankreich, 1917 in Rußland) wirtschaftliche Krisen, Hungersnöte, militärische Zusammenbrüche den letzten Anstoß zum offenen Aufruhr gegeben haben. Aber der militärische Zusammenbruch und das deutsche Waffenstillstandsangebot fallen ja bereits in die ersten Oktobertage, und die Ausrufung der Republik in München am 7. November wäre auch ohne den Kieler Matrosenaufstand erfolgt. Sie war wie überall nur möglich als die notwendige Reaktion auf vier Jahre unmenschlicher Unterdrückung, sie war nicht das Werk einer Partei oder Gruppe (Spartakisten gab es damals wenige, S.P.D. und sogar U.S.P. schwankten), sondern ausschließlich das Werk der breiten Massen. Als Philipp Scheidemann — alles weniger als ein Revolutionär — vom Balkon des Reichstags die deutsche Republik ausrief, war das Ganze nur noch eine Formsache (oder ein Mittel, die Ausrufung der Räterepublik durch Liebknecht zu verhindern?), denn längst beherrschten die Arbeiterbataillone, die auf Parteibefehl aus ihren Fabriken in das Innere der Stadt marschiert waren, die Berliner Straßen.
     Noch wenige Wochen vorher allerdings hatte der Vizekanzler Payer dem Prinzen Max seinen Abscheu vor dem parlamentarischen System nach englischem Muster ausgedrückt, hatte seine Partei (die Fortschrittler, heute Demokraten) sich gegen das Frauenstimmrecht gewehrt, und bis zu den führenden Sozialdemokraten war man der Ansicht, daß über die endgültige Staatsform erst die Nationalversammlung zu entscheiden habe. Wie die — ohne vorhergegangene Revolution — entschieden hätte, erscheint zweifelhaft — oder eigentlich schon nicht mehr zweifelhaft. Herr Payer hatte ja durchaus im Sinne seiner Partei gesprochen, die in ihrem Programm keineswegs auch nur die parlamentarische Monarchie, sondern bloß die konstitutionelle (Gewaltenteilung zwischen Fürst und Volk) verlangte und deren Nachfolger, die Demokraten, noch in Weimar zur Hälfte für Schwarzweißrot stimmten. Wahrscheinlich wäre es, wenn die Dinge rein gesetzlich verlaufen wären, zu einer Art Reichsverweserschaft gekommen, und wie sich sowas auswächst, haben wir in Ungarn gesehen.
     Miljukow erzählt in seinen Erinnerungen, daß im Oktober 1917, wenige Tage vor der Revolution der Bolschewisten, der weißgardistische General Kornilow Kerenski angeboten habe, in Petersburg einzurücken und Ordnung zu schaffen. Obwohl ihm das Wasser bereits am Halse stand, brachte es der Sozialist Kerenski doch nicht fertig, die Truppen Kornilows auf die Arbeiter loszulassen. Unser Noske hatte da weniger Skrupel, und General Groener hatte im Dezember 1918 und im Januar 1919 Gelegenheit, in Berlin gründlich „Ordnung zu schaffen“.
     Die fromme Legende, Ebert, Noske, Groener hätten Deutschland vor dem Bolschewismus gerettet, wird schon dadurch widerlegt, daß es damals in Deutschland noch kaum Kommunisten gab. In allen Arbeiter- und Soldatenräten hatten die Mehrheitssozialisten eine überwältigende Mehrheit, und wenn gegen diese Mehrheit aus den Betrieben und Kasernen heraus rebelliert wurde, so doch nur deshalb, weil diese Mehrheit auch die bescheidensten kleinbürgerlichen Erwartungen enttäuschte. Was damals die Volksbeauftragten kurzerhand dekretierten, z. B. das Wahlrecht der Frauen und Jugendlichen, das hat die Nationalversammlung nachher ohne weiteres geschluckt, und wer zweifelt ernsthaft daran, daß sie auch die Fürstenenteignung, die Abschaffung des Adels, die Zerschlagung des ostelbischen Großgrundbesitzes und vor allem die Schaffung des Einheitsstaats, wenn sie diese Reformen vorgefunden hätte, geschluckt hätte!
     Wir werfen dieser Revolution nicht vor, daß sie in dem allgemeinen Chaos nicht gleich zu sozialisieren anfing, sondern daß sie eben nicht einmal eine radikal bürgerliche Revolution war. Dazu hätte allerdings auch die Schaffung einer absolut republikanischen Reichswehr — wenn man schon überhaupt auf einer Reichswehr bestand — und eines entschieden republikanischen Beamtentums gehört. Man sagt, es hätte an den nötigen Leuten dazu gefehlt. Das mag für die Mitgliedschaft der sozialdemokratischen Parteien zutreffen, denn schließlich konnte ja vor dem Krieg kein Sozialdemokrat Beamter werden oder sich Beamtenkenntnisse aneignen. Aber es kam ja auf die unteren Beamten gar nicht so sehr an, die waren bis dahin meist unpolitisch bzw. hatten die politische Meinung ihrer Vorgesetzten; sie haben sich auch beim Kapp-Putsch noch relativ gut gehalten, weil keiner seine Stellung verlieren wollte. (Wie wäre das heute?) Für die Besetzung der mittleren und vor allem der oberen Beamtenstellen aber gab es genug zuverlässige Republikaner, Kaufleute, Lehrer, Ärzte, die sich im Krieg gründlich in den Verwaltungsapparat eingearbeitet oder wenigstens die Voraussetzungen zur Einarbeit erworben hatten. Die Republik hat (mit der Ausnahme Erzberger) auf diese Menschen verzichtet, selbst wenn sie Walther Rathenau und Hugo Preuß hießen (der eine wurde zu spät geholt, der andere zu früh abgesägt); sie hat selbst auf Posten, zu denen gar keine Fachkenntnisse, sondern nur leidliche Umgangsformen gehörten, lieber abgedankte Offiziere als zuverlässige Republikaner gesetzt und damit dafür gesorgt, daß ein reaktionärer Verwaltungsapparat die ganze Gesetzgebung sabotieren konnte.
     Es muß zugegeben werden, daß man jetzt nach 11 Jahren so allmählich beginnt die begangenen Fehler einzusehen und noch allmählicher sie wenigstens an einigen Stellen wiedergutzumachen. Ob uns die Reaktion dazu noch Zeit läßt? Sie hat die Hand an der Gurgel der Republik, und von Österreich her weht ein böser Ostwind. Von St. Helena aus hat Napoleon profezeit, in hundert Jahren werde Europa republikanisch oder kosakisch sein. Die Entscheidung für Mitteleuropa wird bald fallen.
 
    1929, 45  Fritz Edinger
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

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Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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