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  Coudenhove-Kalergi

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Maria Gräfin Nesselrode, die gefeiertste Schönheit des vorigen Jahrhunderts, befreundet mit allen Königshöfen Europas, angeschwärmt von Liszt, Chopin, Wagner, Rossini, besungen von Musset, Gautier und Heinrich Heine, war die Tochter eines Deutschen und einer Polin. Ihr Mann, Jean Kalergis (später nannte er sich Kalergi), war der Sohn eines Griechen und einer Schwedin, Enkel einer Italienerin. Deren einzige Tochter heiratet den Grafen Franz Coudenhove. Brabantisch-flämisches Geschlecht, in Österreich ansässig. Der Sohn Karl Coudenhove-Kalergi, österreichischer Diplomat, später lange Jahre Statthalter von Böhmen, heiratet als Gesandter in Tokio eine Japanerin. Deren Sohn ist der heute 34-jährige Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, der Gründer der „Paneuropäischen Union“. Er ist verheiratet mit der Wiener Schauspielerin Ida Roland. Der Urgroßpapa Kalergi hatte testamentarisch verfügt, daß die Enkel auch seinen Namen tragen müßten; daher der Doppelname.
     Coudenhove ist, wie man sieht, nicht bloß geborener Paneuropäer, sondern mehr: Eurasier. Söhne pflegen eher nach der Mutter als nach des Vaters Geschlecht zu arten. Die Gräfin Nesselrode, sechs Fuß hoch, blond und blauäugig, ist äußerlich nicht in ihm auferstanden. Das japanische Blut schlägt vor. In der zierlichen Figur, dem tiefschwarzen Haar, dem breiten Hinterkopf. Das Gesicht ist europäisch, auch der Schnitt der Augen. Aber der Blick dieser Augen ist asiatisch. Es liegt wie ein Schleier über ihnen. Sie fixieren das Gegenüber nicht, sondern sind auf Unendlich eingestellt. Es sieht aus, wie wenn sie durch ihr Objekt hindurchschauten, irgendwohin, in die Ferne. Der Mund ist europäisch. Aber sein Lächeln, in dem unbewegten Gesicht, das keine seelische Regung spiegelt und deshalb wie eine Maske wirkt, ist asiatisch. Er steht da wie ein Götze, hat einer gesagt, der ihn vor einer Versammlung reden sah und unsere zappelnden Volkstribunen gewohnt war. Aufrecht, Blick geradeaus, keine Handbewegung, keine Kopfwendung. Gar nicht rhetorisch, anscheinend ohne persönlichen Kontakt mit der Masse, kalt, sachlich, nur Sprachrohr. Er spricht genau nach dem Manuskript, und das ist sorgfältig und nüchtern komponiert, so sauber und reinlich, so raffiniert einfach wie ein japanischer Kunstdruck oder Erzguß, an den man unwillkürlich denken muß.
     Aber gerade dieses Auftreten, diese Figur, dieses Gesicht faszinieren. Bilder Coudenhoves, etwa das auf seinem neuesten Buch „Held oder Heiliger“, muten zunächst etwas weiblich an. Aber bei schärferem Hinsehen merkt man den Irrtum. Glaubt die starke männliche Energie dahinter zu spüren, die es nicht nötig hat, einen Schnurrbart zu sträuben; und die mit ihrem gut gemeißelten Kinn unter keinem niederen Schädeldach voll Bürstenhaar wohnt, sondern einer hohen, etwas fliehenden, vierfach gebuckelten Stirn, der Stirn eines Denkers.
     Sind in diesem hochgezüchteten, aus vielerlei Blut gemischten Sprossen alten Adels, der ohne diese Mischung am Ende schon ins Dekadente fiele, wirklich Wille und Intelligenz, das seltene Paar, vereinigt? Oder täuschen wir uns, lassen wir uns wie ein dummes Gänschen vom exotischen Exterieur bestechen?
     Aber nein, ein Dreißigjähriger, der in diesem Erdteil, wo die Greise regieren, binnen ein paar Jahren eine so allumfassende Bewegung wie die für Paneuropa (und wenn es gleich eine Selbstverständlichkeit ist!) ins Leben zu rufen vermag, kann nicht der nächste Beste sein. Graf Coudenhove ist auf dem Wege, ein großer politischer Führer für unsere Halbinsel Europa zu werden. Die Sonntags-Zeitung kann stolz darauf sein, daß sie seine Bedeutung lange vor anderen deutschen Blättern erkannt hat.

    1928, 17 Fritz Müller
 

    R. N. Coudenhove-Kalergi ist Gründer und Präsident der Paneuropäischen Union (Wien, Hofburg; Berlin C 2, Heiligegeiststraße 51; Stuttgart, Gustav-Siegle-Haus).

aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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