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  Strümpfe oder Dynamit

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Zum Kriegführen braucht man heute drei Dinge: Giftgas, Dynamit für die Sprenggeschosse und Öl zum Betrieb der Schiffs- und Flugzeugmotoren. In Deutschland werden diese drei Kriegsmittel hergestellt in den Fabriken und Laboratorien des Chemietrustes, der I.-G. Farbenindustrie A.-G.
     Im Herbst 1913 ist in Oppau die erste Fabrik, in der Stickstoff (der Hauptbestandteil der zur Herstellung des Dynamits nötigen Salpetersäure) nach dem Haber-Bosch-Verfahren aus der Luft gewonnen wird, in Betrieb genommen worden. Ohne sie hätte Deutschland 1914 keine drei Monate lang Krieg führen können. Im Mai 1916 hat die kurz zuvor gegründete Interessengemeinschaft der chemischen Industrie Deutschlands (die Vorläuferin der I.-G. Farbenindustrie A.-G.) das zweite Stickstoffwerk in Leuna gegründet. Als nach dem Krieg die Verflüssigung der Kohle gelang, hat sich die Interessengemeinschaft eigene Kohlenfelder, besonders aus der Liquidationsmasse des Stinneskonzerns, zusammengekauft. Im Dezember 1926 sind dann die in der Interessengemeinschaft vereinigten Trusts zu einem großen Unternehmen verschmolzen worden, das den Namen I.-G. (Interessen-Gemeinschaft) Farbenindustrie Aktiengesellschaft erhielt.
     Diese I.-G. Farbenindustrie A.-G., der deutsche Chemietrust (Sitz der Leitung: Frankfurt a. M.), besitzt nicht nur 39 Großbetriebe und Bergwerke, sondern kontrolliert auch durch „Beteiligungen“ und „Interessengemeinschaften“ zahlreiche Montanwerke, Ölfabriken, Sprengstoffwerke, Waffen- und Munitionsfabriken, Unternehmungen der Elektroindustrie, und hat in letzter Zeit 50 Prozent der Aktien der Rheinischen Stahlwerke A.-G. aufgekauft. Das Aktienkapital des Chemietrusts beträgt 100 Millionen Mark; der Trust ist unstreitig die größte Kapitalmacht in Europa.
     In den Werken des Trustes werden erzeugt oder hergestellt: Kohle und Öl, fotochemische Waren, farmazeutische Mittel (z. B. Aspirin, Salvarsan), Filme, Leichtmetalle (Aluminium), Düngemittel, Kalk, vor allem aber Farben und Kunstseide.
     Und nun ist es nötig, sich einen Augenblick mit einem kleinen Kapitel Chemie abzugeben.
     Aus Steinkohlenteer gewinnt man Benzol, Fenol und andere Öle, die die Ausgangsprodukte nicht nur für die meisten Farbstoffe, sondern auch für die wichtigsten Giftgase sind.
     Wenn Stickstoff (der in Leuna und Oppau gewonnen wird) an Wasserstoff gebunden wird, entsteht Ammoniak, eines der wichtigsten Düngemittel. Aus Ammoniak und Sauerstoff erhält man die Salpetersäure. Behandelt man Zellulose mit Salpetersäure, so entsteht Schießbaumwolle, die Grundlage des Dynamits, behandelt man Zellulose dagegen mit Schwefelkohlenstoff, dann ist das Produkt Kunstseide.
     Man sieht: Werkzeuge des Friedens und Kriegswaffen nahe beieinander. Stickstoff verwendet man als Ammoniak zur Düngung des Ackers, als Salpetersäure zur Herstellung von Schießbaumwolle; Indigo oder ein Filmstreifen werden aus den gleichen Stoffen gewonnen wie Giftgas; die Produktion von seidenen Damenstrümpfen hat mit der von Dynamit große Ähnlichkeit.
     Mit anderen Worten: der deutsche Chemietrust, die größte Kapitalmacht Europas, kann sich über Nacht in den größten Rüstungstrust Europas verwandeln. Er produziert die drei Dinge, die man zum Kriegführen braucht: Dynamit, Giftgas und Öl. (Öl — denn er hat das Patent für das Bergin-Verfahren zur Verflüssigung von Kohle, das in der im April 1927 fertiggestellten Anlage bei Leuna zum erstenmal in großem Maßstab angewendet wird.)
     Wenn heute ein Krieg ausbricht, ist der Chemietrust der erste Kriegslieferant. Dann wird sich sein Kapital nicht wie bisher mit 300, sondern mit noch mehr Prozent verzinsen. Und auch an den Kriegsgewinnen der Kohlen- und Erzherzöge würde er teilhaben; denn schon verhandelt er mit den Vereinigten Stahlwerken A.-G., der zweitgrößten Kapitalmacht, über eine engere Verbindung, über die Ablösung des bisherigen Konkurrenzkampfes durch eine Interessengemeinschaft.
     Der Chemietrust sucht sich aber nicht nur mit seinen Partnern im Inland, sondern auch mit den Konkurrenten im Ausland zu ,,verständigen". Während des Ruhrkriegs hat die chemische Industrie Deutschlands dem französischen Kriegsministerium und der französischen chemischen Industrie einige Patente mitgeteilt und sich verpflichtet, innerhalb der nächsten 15 Jahre in Frankreich keine Fabriken zu errichten. Gegen gute Bezahlung natürlich. Auch an englische und amerikanische Gesellschaften hat der Trust Patente (z. B. für Erdölraffinierung) verkauft. In Spanien, England und U.S.A. besitzt der Chemietrust Fabriken. Über die Gründung eines europäischen Chemietrustes wird schon seit einiger Zeit verhandelt.
     Diese Internationalität sei eine Gewähr dafür, daß der deutsche Chemie-Trust keine Kriegsgefahr bilde, daß er immer Seidenstrümpfe statt Dynamit herstellen werde?
     Das anzunehmen, wäre eine leichtfertige Täuschung. Auch vor 1914 sind die Rüstungs- und Sprengstoffindustriellen international verbunden gewesen (der Nobel-Konzern z. B. hat in fast allen Staaten die Sprengstoffproduktion beherrscht).
     Die Friedensgarantien schafft nicht die Wirtschaft, sondern die Politik. Und wenn die Regierungen keine Friedenspolitik treiben (die Rüstungen in allen Staaten beweisen, daß sie es nicht tun), wenn sie selber unter dem Einfluß der am Kriege verdienenden Rüstungsindustrie stehen, dann hilft nur eines: Einigung aller Friedensfreunde, vor allem Einigung der Arbeiterklasse zum Kampf gegen die imperialistische Politik der Regierungen und der Rüstungsindustriellen.
     1928, 3  Fritz Lenz
aus Erich Schairers
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Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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