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  Justizmorde: Fechenbach

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Die bayerischen Volksgerichte, eine der übelsten Erscheinungen unserer Tage, haben den wohlverdienten Untergang gefunden. Wohlverdient: denn ihre Rechtsprüche hatten mit Recht selten etwas zu tun. Sie waren gemeingefährliche Institutionen.
     Nun sind sie dahin; und übrig blieben von ihrem Wirken nur die beschämende Erinnerung und ein Rest von Opfern, die hinter Gefängnismauern sitzen. Unter ihnen der Landesverräter Fechenbach.
     Sein Verbrechen ist: daß er der Geheimsekretär Eisners gewesen ist. Der Bürger hat ein gutes Gedächtnis, wenn er will. Sein Groll gegen alles, was ihm fremd oder unverständlich ist, überdauert Weltuntergänge. Denn er hat Charakter. Den Charakter eines Hundes. In ihm steckt eine tückische Bestie; manchmal schlummert sie; aber wenn sich je eine Gelegenheit bietet, dem Gehaßten die Zähne ins Fleisch zu schlagen, ist sie sofort wach.
     Fechenbach war zu sorglos. Aber man darf ihm das nicht zum Vorwurf machen: keiner hätte, an seiner Stelle, vermuten können, daß bürgerliche „Volksrichter“ in ihrem blinden Haß soweit gehen könnten, in der Weitergabe eines Textes, wie dem des Rittertelegramms, Landesverrat zu erblicken. Das Rittertelegramm vom Juli 1914 belastete nur den Papst, höchstens noch die österreichische Regierung, keinesfalls aber die deutsche (auch nicht die kaiserliche, die zu schützen sich das „Volksgericht“ im Falle Fechenbach anscheinend berufen fühlte).
     Man brauchte einen Strick; denn man wollte dem Verhaßten eine Schlinge drehen. Und was in anderen Ländern beim ersten Versuch sich als mürber Faden erwiesen hätte, der keine Maus tragen könnte, zeigte sich in Bayern als solides Seil, an dem man den „Landesverräter“ Fechenbach so hoch aufhängen konnte, wie es einen gelüstete.
     Trotzdem es sich um ein „Pressedelikt“ handelte, das schon drei Jahre verjährt war, trotzdem in derselben Sache bereits 1920 ein rechtskräftiges Urteil (Freispruch) ergangen war, hat man Anklage erhoben. Trotzdem weder der Nachweis zu erbringen war, daß der Tatbestand des Landesverrats erfüllt sei, daß ferner durch die Veröffentlichung des Telegramms dem deutschen Reiche Schaden zugefügt worden sei — es gibt noch viele „Trotzdem“ — hat man Fechenbach zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.
     Diese Münchner Gerechten sind in der Tat Gerächte. Sie haben den Ursinn der „Strafe“ wieder entdeckt, der da ist: Rache. Sie sind in ihrer Bosheit und Rachsucht naiv wie das Tier oder der primitive Mensch.
     Was aber tun wir, die nicht primitiv sind, sondern kompliziert und empfindsam genug, daß es uns bis ins Mark erschüttert, zu sehen, wie die Gerechtigkeit als Werkzeug der Rache gebraucht wird? Wenn wir sehen, daß nicht nur geringe Vergehen hart gestraft werden, sondern daß Unschuldige „von Rechts wegen“ gemordet werden?
     Müssen wir nicht aufstehen, uns vereinigen, zum Sturm antreten, um niederzureißen den Turm, in dem der Schuldlose schutzlos der Willkür der legalen bürgerlichen Strafsucht preisgegeben ist?
     Immer wieder erinnert man sich, wenn der Fall Fechenbach erwähnt wird, an den französischen Hauptmann Dreyfus und seinen Verteidiger, seinen Befreier Zola. Der große Franzose hat nicht geruht, bis es ihm gelungen war, das Gewissen seines Volkes wachzurufen, dem unschuldig Verurteilten die Freiheit wiederzugeben. Sollte die Seele des deutschen Volkes so dumpf und stumpf sein, daß es unmöglich wäre, in ihr einen Enthusiasmus für das Recht, eine Begeisterung für die Wiederherstellung der Gerechtigkeit, eine große Leidenschaft für die Befreiung eines zu unrecht Eingekerkerten zu entfesseln?
 
    1924, 37


     Das „Rittertelegramm“ ist ein Telegramm des bayrischen Gesandten beim Vatikan Baron Ritter vom 16. Juli 1914, wonach der Papst ein „scharfes Vorgehen“ Österreichs gegen Serbien gebilligt hat. Fechenbach ist wegen Weitergabe seines Textes an einen Schweizer Journalisten (im April 1919) am 20. Oktober 1922 als Landesverräter zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Am 19. Dezember 1924 ist er begnadigt worden.     
aus Erich Schairers
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Zum geschichtlichen
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Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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