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  Verschwörungen

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Viele merken es noch nicht, aber wir leben heut in einer Periode, die die Reaktion auf das große Zeitalter der rationalen Wissenschaften bildet. Dieses war gekennzeichnet vor allem durch eine naive Überschätzung der bewußten Vernunft, und obwohl es selbst in seinen Anfängen — ich nenne nur den Namen Kant! — nicht an Stimmen gefehlt hat, die davor warnten, die Forderungen an die Vernunft allzu hoch zu spannen, ihren Fähigkeiten allzu weit zu trauen, so ist im ganzen die rationale Wissenschaft doch den gleichen Weg gegangen, wie vor ihr die Kirche: den Weg nämlich, der von übersteigerter Erwartung und jugendlich kühner Zuversicht zu niederdrückender Enttäuschung hinführt, — wobei nur zu bemerken ist, daß sie selbst diese Enttäuschung natürlich ebensowenig empfunden hat und empfindet wie ehedem die Kirche.
     Als ein Ausdruck solcher Enttäuschung jedoch ist ohne Zweifel die Hinwendung vieler Zeitgenossen zum Studium der Kräfte des Unbewußten aufzufassen, einem Studium, das sich ja nicht etwa nur die Spiritisten, sondern auch so ernst zu nehmende und schon so erstaunlich fruchtbar gewordene Forscher wie Siegmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, zu Aufgabe machen.
     Man erhofft von dem bloßen Bewußtsein nicht mehr viel Förderliches. Man erkennt, daß die eigentlichen Wurzeln unseres Wesens weit tiefer liegen. Man sieht, daß rationale Erklärungen infolgedessen oberflächliche Erklärungen, ja oft nichts weiter als ein trügerisches Spiel mit lauter unbekannten Größen sind, das den Sinn für innere Wahrhaftigkeit ertötet. Und nur die ewig Unentwegten glauben noch an die Fähigkeit willentlichen Bewußtseins, weltgeschichtliche Umwälzungen hervorzurufen.
     Wir erkennen das deutlich schon an einem scheinbar so unproblematischen Begriff wie dem des Vertrages oder Kontraktes. Rousseau konnte noch die Überzeugung vertreten, der Staat sei — höchst vernünftig — durch eine gegenseitige Verabredung der Menschen zustandegekommen. Heut haben diese Überzeugung nur noch einige wenige, — eben dieselben nämlich, die bei andern geschichtspolitischen Fragen, die ihnen begegnen, so überraschend schnell mit dem verwandten Erklärungsversuch einer Verschwörung dieser oder jener Kreise bei der Hand sind.
     Ein derartiger rationaler Erklärungsversuch ist immer sehr bequem, ohne Zweifel. Aber er wird den Tatsachen doch eben nur selten gerecht. Im Grunde ist er nichts als ein Ausweg der Unbegabtheit, die sich in dem Wirbel der durch- und gegeneinander wirkenden Kräfte dieser Welt nicht mehr zurechtzufinden weiß und deshalb ebenso mißtrauisch wie unpsychologisch überall absichtsvolle Niedertracht, überall Böswilligkeit am Werke glaubt. Am Werke nämlich, sie selbst ins Unglück zu stürzen, ihr Brot zu nehmen, ihre heiligsten Güter in den Schmutz zu ziehen.
     Da sind etwa die Massen der Proletarier, die ohne Frage ja das augenfälligste Beispiel solch verzweifelter Unbegabtheit bieten. Die Verschwörung, von der sie überzeugt sind, ist die der Kapitalisten, und man hat nicht ganz mit Unrecht darauf verwiesen, daß das Wort „Kapitalist“ in ihrem Munde selbst schon einen geradezu abergläubischen Sinn hat.
     Wenn der Arbeiter imstande wäre, das verwickelte System unserer Wirtschaft, die Abhängigkeit der einen Industrie von der andern und eines Landes vom andern zu überschauen, wenn er einen Blick in die Psychologie des echten Unternehmertums werfen könnte, wenn er die Fähigkeit besäße, sich auch nur für eine Minute in die Lage jener gehaßten Personen hineinzuversetzen, wenn er wüßte, wie stark die Gesinnungen der ihm lediglich als „Kapitalisten“ Bekannten voneinander abweichen, wenn er den unseligen Zirkel erkennte, in dem unser ganzer Zivilisationsbetrieb mit eherner und unentrinnbar scheinender Notwendigkeit herumgejagt wird, wenn er begriffe, wie viele kluge Köpfe sich seit einem Jahrhundert schon ehrlich darum bemühen, seine Lage zu bessern und jenen Zirkel der Notwendigkeit zu durchbrechen, er würde an keine Verschwörung glauben.
     Nun er aber an sie glaubt, sieht er kein Mittel, sich ihrer zu erwehren, als die Gewalt. Denn gegen Verschwörungen ist man immer im Stande der Notwehr, ihnen muß man immer versuchen, zuvorzukommen. Und das ist die Ursache der Revolutionen.
     Von anderer, wiewohl im Grunde sehr ähnlicher Art ist die Verschwörung, die den Haupt- und Kardinalartikel des Bekenntnisses der Antisemiten bildet. Sie leben des festen Glaubens, sämtliche Juden auf dieser Erde hätten sich verabredet, erstens jede nationale Kultur auszurotten, zweitens Kunst und Wissenschaft, Wirtschaft und Politik in ihre Hand zu bekommen, drittens alle Nichtjuden zu versklaven, viertens den nacktesten Materialismus und fünftens die niedrigste Unmoral zur Herrschaft zu erheben.
     Daß auch das Judentum in die allerverschiedensten Richtungen zerspalten ist, daß es kluge und beschränkte, edle und gemeine, nach rechts und nach links orientierte Juden gibt, bleibt ihnen unbekannt. Und die Folgen sind — blutige oder unblutige, vereinzelte oder massenhafte — Pogrome.
     Der Deutsche im besonderen kennt noch eine weitere Form der Verschwörung. Es ist die, die er Einkreisung nennt und die er auf den Neid der Konkurrenten zurückführt, die seine überragende Tüchtigkeit lahmlegen möchten. Und der Glaube an das Vorhandensein einer Verschwörung ist in diesem Falle ja wirklich mehr als bloßer Aberglaube, insofern nämlich, als der einkreisende Bund der Fremdstaaten doch am Ende tatsächlich da gewesen ist. Aberglaube ist es nur, zu meinen, daß dieser Einkreisung von vornherein eine klare und bewußte Absicht der Vernichtung zugrunde gelegen habe. Eben das aber ist die Ansicht der meisten.
     Sie ahnen nichts davon, wie groß allein schon die Interessengegensätze jener einkreisenden Mächte sind, wie stark zum Teil die Widerstände waren, die sie dem Gedanken einer kriegerischen Entscheidung entgegenbrachten, und welcher staunenswerten Summe von Zufälligkeiten, aber auch von Ungeschick, Großmannssucht und Taktlosigkeit es also bedurfte, sie — ihrer eigenen Absicht zuwider — samt und sonders gegen sich aufzubringen.
     Immerhin: der Glaube war da, und er führte — zum Kriege. Denn mußte man den bösen Plänen der andern nicht die Gelegenheit nehmen, auszureifen? Daß man ihren Reifeprozeß durch den Präventivkrieg im Gegenteil nur ungeheuer beschleunigte, konnte man nicht sehen, weil man ja „glaubte“. Denn der Glaube steht nun einmal stets im umgekehrten Verhältnis zu dem Grad der Entwicklung des Sinnes für Wirklichkeiten.
     Ein derartiger Glaube ist offenbar auch nötig, um die Legende vom „Dolchstoß“, die immer wieder einmal auftaucht, annehmbar zu finden. Ihr Kern ist die — von Haus aus zum mindesten schon sehr unwahrscheinliche — Voraussetzung, das Volk oder doch gewisse Kreise und Parteien dieses Volkes hätten sich verbündet gehabt, den Sieg ihres eigenen Heeres zu verhindern, einen Sieg wohlgemerkt, der auch ihnen zugutegekommen wäre.
     Und man kann sagen, daß alle die schrecklichen Morde von rechts her, die wir seit 1919 erlebt haben, ja, daß die ganze Gegenrevolution Früchte dieses Glaubens an die Dolchstoßverschwörung sind, gegen die man meinte, sich nicht anders verteidigen zu können als mit den Waffen der Hinterlist und Meuchelei.
     Doch ziehen wir das Fazit aus dem Gesagten! Wir sehen: die primitive psychologische Hilflosigkeit, die sich in dem Wahn, die „andern“ seien gegen einen verschworen, ausspricht, ist zugleich eine außerordentlich große soziale Gefahr, — eine nicht geringere als die Einstellung des Verfolgungswahnsinnigen, mit der sie sich augenscheinlich ja sehr innig berührt und mit der sie auch das allgemeine Kennzeichen der „fixen Idee“ sowie eines anscheinend unbelehrbaren Fanatismus teilt.
     Wir aber stehen nun vor der Frage: was läßt sich tun gegen die Gefahr dieses seltsamen Primitivismus, dessen Primitivität gerade in der Überschätzung des Bewußten und Verstandesmäßigen liegt? Ohne Zweifel: nichts, wozu die Mittel dem schon versinkenden rationalen Zeitalter entnommen werden könnten. Denn für dieses wäre der Kampf, der hier nötig wird, aussichtslos. Erst einer auch das Unbewußte in ihren Bereich einbeziehenden Weltbetrachtung ist es möglich, ihn erfolgreich oder doch mit Aussicht auf Erfolg durchzuführen.
     So wie die individuelle Psychanalyse dem einzelnen Verfolgungswahnsinnigen durch geeignete Behandlung dazu verhilft, seinen Wahn als Wahn bewußt zu erkennen und dadurch zu überwinden, so müßte in der Tat auch eine die unbewußten Antriebe des Weltgeschehens aufdeckende überrationale Völker- und Menschheitspsychanalyse zu einer allmählichen Beseitigung der krankhaften Ideen, besser gesagt: Ideenstockungen, führen, die heut noch allenthalben Unheil stiften.
     Psychanalyse bedeutet subjektiv eine Bewußtmachung. Das schließt aber nicht aus, sondern ein, daß sie objektiv die Anerkennung der Tatsache ist, von der wir hier ausgegangen waren, — der Tatsache nämlich, daß alle großen und schicksalhaften Dinge ihre Kraft aus dem Unbewußten ziehen und in der oberflächlichen Sfäre bloßer Absichtlichkeit, d. h. bloßer bewußter Vernunft niemals gedeihen können. Mit andern Worten: es gibt keine „Verschwörungen“ in dem hier kritisierten Sinne, sondern es gibt nur unbewußte Nötigungen, die bei einer Mehrzahl von Menschen allerdings zuweilen gleich gerichtet sein können. Es gibt keine Verschwörung der Kapitalisten gegen die Proletarier, der Juden gegen die Gojim, der Ausländer gegen die Deutschen, der Linksparteien gegen die Militaristen, aber es gibt tiefgreifende Spannungsverhältnisse zwischen all diesen geborenen Gegnern.
     Niemand jedoch sage, das sei genau dasselbe! Nein! Ein wichtiger Unterschied besteht: die Absicht, die im Begriff der „Verschwörung“ enthalten ist, fehlt bei der neuen Betrachtungsweise. Und damit entfällt auf der Gegenseite zugleich jede Ursache von Haß oder Fanatismus. Damit wiederum eröffnet sich dann aber auch die Möglichkeit, zwischen den gegnerischen Polen jeweils einen andern Ausgleich als den bisherigen des blinden Kampfes, einen erkenntnismäßigen, rein feststellenden, aufzufinden, einen Ausgleich, der in ruhiger und klar bewußter Abgrenzung der gegenseitigen Rechte, deren Reichweite strittig ist, besteht.
     Doch freilich: eine impulsive Aktivität, wie sie gerade dem Primitiven häufig eigen ist, wird durch solche Lösungen nicht befriedigt. Sie will ja gar keinen Ausgleich. Sie will den Kampf. Und so wird sie es denn stets wohl instinktiv vorziehen, an böse Absichten und an Verschwörungen zu glauben. Aber was sie vorzieht, darauf kommt es letzten Endes ja eben gar nicht an. Es kommt darauf an, ob ihr Glaube, der ein Irrglaube ist, der übermächtigen besseren Einsicht, die heut aufsteigt, wird widerstehen können.

1926, 21  Kuno Fiedler
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

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Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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