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  Bauernpolitik

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Nach der Volkszählung vom 16. Juni dieses Jahres wohnen von 63 Millionen Deutschen 16 Millionen, also mehr als der vierte Teil, in Großstädten mit mehr als 100 000 Einwohnern. Im Jahre 1910 waren es 15 Millionen. Die anderthalb, die inzwischen dazugekommen sind, machen ein Drittel der ganzen Bevölkerungsvermehrung aus. Die Großstädte wachsen rascher als das übrige Land.
     Keine erfreuliche Sache. Wachstum der großen Städte heißt: Verschlechterung der Lebensbedingungen. Man mag es noch so sehr beschönigen; es ist so. Sozialpolitiker und Filanthropen mühen sich deshalb schon lange ab, die Menschen wieder von der Stadt aufs Land zurückzuführen. Ohne wesentlichen Erfolg. Es ist fast unmöglich, aus Städtern wieder Landbewohner zu machen. Das Einzige, was man tun könnte, wäre: bremsen; verhindern, daß die Wasserköpfe noch weiter anschwellen, die künftige Abwanderung vom Land in die Stadt unterbinden. Aber wie?
     Dadurch, daß man den Nachwuchs dorthin leitet, wo noch Platz ist. Durch „innere Kolonisation“, Besiedelung vor allem des menschenleeren deutschen Ostens. Sogar in der Verfassung, im Artikel 155, ist derartiges vorgesehen. Aber alle Anläufe und Anfänge in dieser Richtung, die seit 1918 gemacht worden sind, haben Fiasko gemacht: weil die ostelbischen Großgrundbesitzer kein Land hergeben wollen und sich mächtig genug fühlen, auf Verfassung und Volkswohl zu pfeifen.
     Wenn das deutsche Volk es nicht fertig bringt, die Macht der preußischen Junker (die gleichzeitig die geschworenen Feinde des republikanischen Staates sind) zu brechen, dann ist seine Zukunft besiegelt. Am Überwuchern des Großgrundbesitzes sind schon mehr Völker und Staaten zugrunde gegangen. Auch die Deutschen werden von diesem Schicksal nicht verschont werden. Außer es gelänge ihnen noch, was Russen, Rumänen, Tschechen inzwischen begonnen oder vollendet haben: den Feudalbesitz zu vernichten.
     Nach wie vor ist dies der Schlüsselpunkt der ganzen deutschen Politik. Dutzende von Problemen lösen sich von selbst, wenn dieses gelöst ist. Wenn nur die republikanischen Parteien mehr Verständnis dafür hätten! Einer unserer klügsten Köpfe, Franz Oppenheimer, hat es kürzlich auf einer „Führertagung“ des Republikanischen Reichsbunds wieder ausgesprochen: wer das Land hat, hat die Macht. Die demokratische und soziale Republik wird nur bestehen, vielmehr wird nur werden, wenn sie Bauernpolitik treibt. Friedrich Naumann hat manches falsche Pferd geritten, aber seine Forderung „Bauerngut an Bauerngut bis an die russische Grenze“ behält ihr Gewicht, mag sie von der Verwirklichung so entfernt sein als je. — Deutschlands Zukunft liegt weder auf dem Wasser noch in der Luft, sondern auf dem Boden

1925, 28  Sch.    
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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