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Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Der Berliner Professor Sombart hat vor einer Versammlung von württembergischen Zeitungsverlegern in Friedrichshafen seine Ansichten über die zukünftige Entwicklung der deutschen Wirtschaft dargelegt. Sie sind bemerkenswert genug, um erwogen zu werden.
     Vor hundert Jahren ist Deutschland ein Bauernland gewesen. Die Landwirtschaft (und was mit ihr zusammenhing) beschäftigte und ernährte die größere Hälfte der Bevölkerung. Getreide wurde ausgeführt, es gab keine Großstädte, das Volk als Ganzes verfügte über viel weniger wirtschaftliche Güter als heute. Inzwischen hat sich die Wandlung zum Industrieland vollzogen. Die landwirtschaftliche Bevölkerung ist von der Hälfte auf ein Viertel zusammengeschrumpft, Industrie, Handel und Verkehr sind auf über fünfzig Prozent der Gesamtwirtschaft angewachsen, Getreide wird eingeführt, die Großstädte beherrschen das Land, die Gütermenge, also das Nationalvermögen, ist stark gewachsen. Wird das so weitergehen?
     Nein, sagt Sombart. Die industrielle Monopolstellung Westeuropas ist erschüttert, der Höhepunkt der Industrialisierung ist überschritten. Denn inzwischen haben auch andere ehemalige Bauernländer eine eigene Industrie gegründet, und die Rohstoffgebiete der Erde, die zugleich industrielle Absatzgebiete darstellen, sind so ziemlich alle erschlossen. Die Welt wird künftig nicht mehr viel reicher werden; unsere Industrie, die eine Zeitlang an der Ausbeutung dieses Reichtums teilgenommen hat, wird sich vom Weltmarkt wieder mehr auf den im eigenen Lande beschränken und auch ihre Rohstoffe wieder mehr aus dem eigenen Lande beziehen müssen. Sie wird dementsprechend zurückgehen, und das landwirtschaftliche Element wird mit Naturnotwendigkeit wieder zunehmen müssen.
     Hat Sombart recht? Es spricht manches dafür, einiges auch dagegen, Richtig ist sicher, daß die Industrialisierung auch andere Länder und Erdteile ergriffen hat und immer mehr ergreifen wird. Je mehr diese unaufhaltsame Entwicklung fortschreitet, umso schwieriger wird es für die deutsche (und europäische) Industrie werden, sich auf dem Weltmarkt zu behaupten; umso gefährlicher, sich auf den industriellen Export zu versteifen; umso notwendiger, den inneren Markt zu entwickeln, von der Einfuhr aus dem Ausland unabhängig zu sein. Also: die Landwirtschaft nicht vernachlässigen, Bauern ansiedeln, die Abwanderung vom Lande nach der Stadt abdämmen (dann werden die Großstädte von selber aussterben).
     Aber: ist das überhaupt möglich? In welchem Tempo, in welchem Umfang? Aus Großstädtern Bauern, aus Arbeitern Landwirte zu machen, ist bekanntlich nicht so ganz einfach. Der Getreideanbau in Deutschland ist unrentabel geworden; wird es gelingen, ihn wieder lohnend zu machen? Und wird unsere Industrie, wenigstens in ihrem fortgeschrittensten Teil (Feinmechanik, chemische Industrie), nicht noch auf lange hinaus ihre Überlegenheit behaupten?
     Wie weit Sombart recht behalten oder wie bald er recht bekommen wird, das wird sehr stark von zwei politischen Entscheidungen abhängen: von dem Zusammenschluß Europas und der Konsolidierung Rußlands.
     Wenn die binneneuropäischen Zollmauern in absehbarer Zeit fallen würden, dann könnte auf einem neuen, erweiterten Binnenmarkt die deutsche Industrie noch einmal eine Gelegenheit zum Aufschwung, zu einer zweiten Blüteperiode bekommen. Ebenso, wenn es der heutigen russischen Regierung nicht gelingen sollte, ihren gigantischen Plan der Industrialisierung Rußlands durchzuführen; ein Werk, von dessen Gelingen vielleicht ihre Existenz abhängt. Wenn sie daran scheitern sollte, dann würde Rußland wahrscheinlich ein Riesen-Ausbeutungsobjekt für den westlichen Kapitalismus. Wobei freilich in beiden Fällen zu bedenken ist, daß es sehr stark von der Geneigtheit des heutigen Weltbankiers Amerika abhängen wird, wie weit speziell die deutsche Industrie an dem Geschäft beteiligt sein wird.
     Ein vorsichtiger Volkswirt, der nicht bloß an heute, sondern an morgen und übermorgen denkt, wird sich also auf alle Fälle hüten müssen, allzuviel auf die Industrie zu bauen und daneben die Landwirtschaft als Stiefkind zu behandeln. Womit keineswegs behauptet sein soll, daß etwa Hochschutzzölle der richtige Weg zur Hebung der Landwirtschaft seien. Soweit sie zur künstlichen Konservierung des Großgrundbesitzes dienen, sind sie diesem Ziel ja eher abträglich.

1929, 31  Sch.
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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