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  Das Goltz'sche Gesetz

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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In der ganzen theoretischen Nationalökonomie gibt es, genau gesehen, eigentlich nur ein einziges Problem von Wichtigkeit: woher stammt das Überangebot der Arbeiter auf dem Markte der Dienste? Warum laufen immer zwei Arbeiter einem Unternehmer nach und unterbieten sich, so daß der Lohn sich in der Gegend des denkbaren Minimums, nahe dem Existenzminimum, bildet? Warum laufen nicht im Gegenteil immer zwei Unternehmer einem Arbeiter nach, überbieten sich und drängen so den Lohn in die Gegend seines denkbaren Maximums: nahe dem Werte des von dem Arbeiter erzeugten Produkts?
     Die bourgeoisliberale Theorie antwortet auf diese Frage mit dem „Bevölkerungsgesetz“ des seligen Malthus. Darüber ist heute kein Wort mehr zu verlieren. Wir leben in einer Zeit, in der die Bevölkerung viel eher die Tendenz hat, absolut zurückzugehen als grenzenlos zu wachsen, und in der außerdem noch die Welternte in Getreide viel stärker gewachsen ist als die Erdbevölkerung im Ganzen — daher hauptsächlich die Agrarkrisis der Gegenwart — und trotzdem hat sich an dem Kapitalverhältnis nichts Entscheidendes geändert.
     Die Lehre von Marx antwortet auf die gleiche Frage mit dem „Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“. Danach schafft sich das Kapital seine „Reservearmee“ und durch sie das Überangebot auf dem Markte der Dienste immer selbst neu, indem es sich in immer steigendem Maße in „konstantem“ Kapital, d. h. in Maschinen samt ihrem Zubehör, anlegt, so daß ein (absolut) immer kleinerer Teil des Gesamtkapitals als „variables“, als für Lohnzahlungen bestimmtes Kapital übrig bleibt. Wäre dieses Gesetz Wahrheit, so müßte die Zahl der industriellen Proletarier abnehmen, sogar in absoluter Ziffer, mindestens jedoch im Verhältnis zur wachsenden Zahl des Gesamtvolkes. Wenn z. B. Deutschland in einer gewissen Periode um 14 Prozent an Einwohnern zunahm, so durften allerhöchstens 13 Prozent mehr Proletarier vorhanden sein als im Anfang der Periode. Nun zeigt sich aber, daß die Zahl der beschäftigten Arbeiter der Industrie in allen kapitalistischen Ländern viel stärker gewachsen ist als die Zahl der Gesamtbevölkerung, z. B. in Deutschland um 44 Prozent, während die Volkszahl nur um 14 Prozent zunahm (1895-1907). Damit ist auch diese Erklärung als unzulänglich nachgewiesen.
     Marx starb 1893; der letzte ernsthaft zu nehmende Vertreter der Bourgeoisökonomie, Jon Stuart Mill, 1873. Beide konnten also noch nichts ahnen von einer Entdeckung, die erst im Jahre 1893 das Licht der Welt erblickte und kaum eher erblicken konnte. Damals veröffentlichte Th. Frhr. v. d. Goltz, Professor der Landwirtschaftswissenschaft in Bonn, das nach ihm benannte Gesetz, das er auf statistischen Wege gefunden hatte: „Mit dem Umfang des Großgrundeigentums parallel und mit dem Umfang des bäuerlichen Eigentums in umgekehrter Richtung geht die Wanderung“, und zwar sowohl die Wanderung ins Ausland (Auswanderung) wie ins Inland (Abwanderung). Mit anderen Worten: aus der Gegend des feudalen Raums, des Herrschaftsgebietes der alten Herren- und Erobererklasse, aus den Bezirken der Bodensperre durch das massenhafte geschlossene Großgrundeigentum, ergießt sich ein ungeheurer Strom von „freien Arbeitern“ in die Industriebezirke, ungeheuer viel größer, als er wäre, wenn diese Bezirke des platten Landes von Bauern besetzt und besessen wären.
     Dieser ungeheure Zustrom auf den Markt der Arbeit hat eine zwiefache verhängnisvolle Einwirkung auf den Arbeitslohn. Die Nachfrage nach Arbeit ist geringer, das Angebot stärker, als es der Fall wäre, wenn jene feudale, durch kriegerische Gewalt entstandene Institution nicht bestünde. Bauern sitzen viel dichter auf gegebener Fläche und haben jeder für sich viel größere Kaufkraft für gewerbliche Produkte als der armselige Landproletarier; folglich wäre die Nachfrage nach industrieller Arbeit und das heißt: nach Arbeitern viel größer, säßen im Osten nur Bauern. Und auf der andern Seite vermehrt der riesenhafte Zufluß das Angebot der Arbeit derart, daß „immer zwei Arbeiter einem Unternehmer nachlaufen und sich unterbieten müssen“.
     Das ist des Rätsels sehr einfache Lösung. Daß Karl Marx ebensowenig wie Mill etwas davon wußten, ist ihnen nicht zum Vorwurf zu machen; sie haben die Entdeckung nicht mehr erlebt. Daß aber noch heute weder die bürgerliche noch die marxistische Lehre von diesem Gesetz irgendwie Notiz genommen haben, ist schlechthin ein Skandal.
     Und nun weiß der Leser, was uns die Siedlung bedeutet. Sie ist das einzige friedliche und daher menschliche Mittel, um das Überangebot auf dem Arbeitsmarkte zu beseitigen, bis „immer zwei Unternehmer einem Arbeiter nachlaufen und sich überbieten“. Und darum ist sie die wichtigste Aufgabe unserer Gegenwart, ist sie die Forderung der Stunde, die vor jeder anderen Forderung, es sei denn der Frieden, den Vortritt haben muß.
   1928, 53  Franz Oppenheimer
aus Erich Schairers
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Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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