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  Die böse freie Konkurrenz

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Mögen sie in allen anderen Dingen noch so uneinig sein, die Herren von den äußersten Flügeln rechts und links: die Sozialisten von allen drei Internationalen und nicht minder die Völkischen aller Abschattungen — in einem sind sie einig: darin, daß die verflixte freie Konkurrenz an allem schuld ist. Wenn z. B. die Kleinhandelspreise allzuhoch stehen, weil der Kleinhandel übersetzt ist, so haben gewisse populäre Schriftsteller sofort die Lösung, daß die freie Konkurrenz, das „Allheilmittel unserer liberalen Großpapas“, einmal wieder versagt hat.
     Da wird nun ein boshaft angelegter Zeitgenosse zunächst einmal die Frage stellen können, ob denn in Sowjetrußland, wo die Konkurrenz bekanntlich abgeschafft worden ist, die Kleinhandelspreise niedriger und die Produzentenpreise höher stehen als in Deutschland. Aber wir sind nicht so boshaft. Lassen wir die Sowjets aus dem Spiele! Wir haben ein besseres Argument: leben wir denn in einer Gesellschaft der freien Konkurrenz? Diese Frage sollte doch vor allem erst einmal gestellt und beantwortet werden.
     Meine Antwort lautet: wir leben nicht in einer Gesellschaft der freien Konkurrenz. Denn freie Konkurrenz besteht ihrem Begriffe nach nur dort, wo kein Monopol besteht; unsere Gesellschaft aber beruht geradezu auf einem gewaltigen Monopol, dem durch die „Bodensperre“ konstituierten Bodenmonopol. Seine Folge ist, daß nach dem Goltzschen Gesetz eine ungeheure Abwanderung von Hintersassen des durch feudale Gewalt entstandenen Großgrundeigentums in die Industriebezirke stattfindet, und die weitere Folge ist die, daß sich die auf diese Weise entstandene und als solche erhaltene Klasse „freier Arbeiter“ mit einem Lohne begnügen muß, der weit unter dem Werte des von ihnen erzeugten Produktes liegt. Das sind alles schon „olle Kamellen“, die kaum noch jemand zu bestreiten wagt.
     Aber weniger bekannt ist eine weitere Folge: weil der Stand der Arbeiter der am wenigsten aussichtsreiche und am wenigsten geachtete von allen ist, deshalb versucht jeder, ihm zu entrinnen, der irgend die Möglichkeit vor sich sieht. Das heißt, daß jeder, der durch Erbschaft oder durch Mitgift oder durch einen Glücksfall oder schließlich durch Ersparnisse ein kleines Kapitälchen sein eigen nennt, sich in den höher geachteten und bei gutem Glück aussichtsreicheren Kleinhandel flüchtet. Aus diesem Grunde allein ist der Kleinhandel „übersetzt“. Wenn die Fabrikarbeit hohen Lohn und hohe gesellschaftliche Achtung brächte, gäbe es viel weniger Kleinhändler.
     Da es nun aber einmal unter den Verhältnissen der verzerrten Konkurrenz, unter denen wir leben, so viele, so „allzuviele“ Kleinhändler gibt, so ist die Folge wieder ganz diejenige, die die gute Theorie vorausgesagt hat. Sie hat niemals behauptet, daß die Konkurrenz die Preise herabsetzt, sondern, daß sie die Einkommen ausgleicht. Das geschieht, wo wirklich freie Konkurrenz herrscht, allerdings durch Herabkonkurrierung der Preise; wo sie aber nicht herrscht, da geschieht es ebenso oft durch Verteilung des Absatzes unter viel mehr Menschen, als für die Erfüllung der volkswirtschaftlichen Funktion nötig wären. Die Waren werden zu einem viel zu hohen Preise verkauft, zum Schaden der Konsumenten: aber das Einkommen der Händler ist dennoch kein hohes, sondern durchschnittlich nur ungefähr das Einkommen des Proletariats, dem sie entfliehen wollten.
     Wer also die Überbesetzung des Kleinhandels beseitigen will, muß den „freien Arbeiter“ abschaffen, wer den freien Arbeiter abschaffen will, muß das Bodenmonopol abschaffen: und das heißt, daß er die freie Konkurrenz, die es bis jetzt überhaupt nicht gibt, zum ersten Male in die Welt stellen würde.
     Ob ein Versuch mit diesem nagelneuen System nicht vielleicht ebenso gute Aussichten hätte wie mit dem nur im Reagenzglase lebensfähigen Homunkulus des Kommunismus? Wenn die wirklich freie Konkurrenz in der Tat die Fähigkeit hätte, die Einkommen auszugleichen: wäre das nicht die Erfüllung aller, auch der schönsten Träume des Sozialismus? Und könnte er dafür nicht doch vielleicht das Zugeständnis machen, daß „die liberalen Großpapas“, etwa ein Adam Smith, eine gewisse Ahnung von der Wahrheit gehabt haben?

    1929, 1  Franz Oppenheimer
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

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Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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