Erich Schairer   home | Site Map | So-Ztgs-Artikel | Zeittafel | Autoren
  voriger Artikel | zum Inhalt | nächster Artikel
  Die Papierseuche

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

Probieren Sie's mit der Stichwortsuche:



Der Verfasser dieses Aufsatzes, der schon im Februar 1920 in der „Sonntags-Zeitung“ erschienen ist, Bankier Gumbel in Heilbronn, ist einer der ganz wenigen, die das Wesen der Inflation in ihren frühesten Anfängen richtig erkannt haben: daß nämlich der Notengeldschwindel die Ursache, nicht etwa die Folge der „Teurung“, der hochkletternden Preise gewesen ist.  Sch.

Gutes Geld besteht aus Bescheinigungen über die Ablieferung von Waren und zugleich aus Anweisungen auf Waren. Solch gutes Geld hatten wir in Deutschland vor dem Krieg etwa 3-4 Milliarden. Nach Kriegsausbruch ließen sich aber die Regierungen aller kriegführenden Staaten von ihren Notenbanken gegen Hinterlegung von bedrucktem Papier (Schatzanweisungen, Schatzwechseln) Banknoten geben. Diese neuen Banknoten sahen genau ebenso aus wie die alten; sie waren aber tatsächlich etwas ganz anderes. Diese neuen Banknoten waren nur noch Anweisungen auf Waren, aber keine Bescheinigungen mehr über abgelieferte Waren. Die Leute, die Banknoten empfangen, kaufen Waren dafür, oder wenn sie selbst keine brauchen, so leihen sie die Banknoten anderen, die Waren brauchen und kaufen. Durch die Ausgabe von neuem Geld wurde also die Nachfrage nach Waren vermehrt, das Angebot aber nicht. Im Gegenteil wurde die Erzeugung und das Angebot von Waren durch den Krieg bedeutend vermindert. Von dem Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage hängen aber die Preise ab, und es ist eine alte Geschichte, daß schon ein kleines Überwiegen der Nachfrage über das Angebot eine große Preissteigerung hervorrufen kann und umgekehrt. In unserem Falle handelt es sich aber keineswegs nur um kleines Überwiegen, sondern um ein ganz gewaltiges, und zwar um ein Überwiegen, das sich dank der fortwährend wachsenden Menge von neuem Geld von Tag zu Tag riesig steigert. Daher hauptsächlich die ununterbrochene Preissteigerung aller Waren.
     Zur Abhilfe predigt man dem Volke: arbeiten und sparen. Arbeiten — gewiß! Aber wenn das deutsche Volk jährlich für 30 Milliarden Waren erzeugt und in Berlin gibt man 50 Milliarden neues Geld aus — dann gehen wir trotz allem Fleiß dem Ruin entgegen. Sparen — vergebliches Bemühen! Solange die Menschen die Taschen voll Geld haben, solange kaufen sie. Und sie kaufen nicht nur deutsche Waren, sie kaufen auch ausländische. Infolgedessen übersteigt Deutschlands Wareneinfuhr seine Ausfuhr gewaltig. Die Differenz wird mit deutschem Gelde bezahlt. Aber auch sonst fließt deutsches Geld ins Ausland und wird dort gegen neutrales Geld verwertet. Die Papiergeldfabrik erzeugt nämlich nicht nur Papiergeld, sondern auch — Mißtrauen!
     Man sieht: der Papierseuche verdanken wir nicht nur die täglich steigenden Warenpreise in der Hauptsache, sondern auch den Tiefstand der Mark im Auslande. Und woher kommt das Streikfieber? Es kommt meist daher, daß die Arbeiter infolge der täglich steigenden Preise, trotz der enormen Löhne, immer weniger Waren kaufen können. Und die Unzufriedenheit der Bauern und Weingärtner? Weil man bei Festsetzung der Höchstpreise die gesunkene Kaufkraft viel zu wenig berücksichtigt hat. Man bewilligt ihnen das Drei- bis Vierfache der Friedenspreise, aber die Kaufkraft des deutschen Geldes ist auch im Inland weit unter 25 Prozent des Friedenspreises gesunken. Alles in allem: das Geldübel ist das Grundübel, und wenn man so fortwurstelt, so wird man eines schlimmen Tages einen eigenartigen Streik erleben: einen Warenstreik. Die Waren-Erzeuger und -Besitzer werden sich weigern, noch länger ihre Waren gegen Geld herzugeben. Dann aber gute Nacht, Deutschland!
     Das erste, was gegen die Papierseuche zu tun wäre, ist: man muß aufhören, leere Anweisungen auf Waren in Umlauf zu setzen. Man muß die Papiergeldfabrik schließen. So wenig der einzelne, wenn er in Not kommt, stehlen darf, so wenig sollte der Staat in seiner Not Falschmünzerei treiben. Man muß zurückkehren zu den Methoden der guten, ehrlichen Zeit. Der Staat muß das Geld, das er braucht, dem Volke wieder offen und ehrlich abnehmen aus der Geldmasse, die bereits umläuft, die bereits in den Händen des Volkes ist; unter welchem Namen: Steuern, Zwangsanlehen, das ist nebensächlich. Natürlich gibt es auch für Steuern und Zwangsanlehen eine Grenze. Alles opfert das Volk nicht für den Staat. Es gibt aber auch einen ausgezeichneten Thermometer, an dem man ablesen kann, wenn die Grenze erreicht ist. Das ist der Zinssatz. Wenn der einmal, sagen wir, auf 8 Prozent gestiegen ist, dann darf man eben die Steuerschraube nicht weiter drehen. Und wenn dann das alles nicht ausreicht, dann muß man sich wiederum auf den alten, ehrlichen Standpunkt stellen, auf den Standpunkt des rechtschaffenen Hausvaters: man muß seine Ausgaben rücksichtslos seinem Einkommen anpassen. Und die Leute, die dafür sorgen, werden sich aus der Masse der vom Staat schwer Geschröpften finden und sie werden der heillosen Vergeudung der öffentlichen Gelder, die heute stattfindet, ein Ende machen.
     Nach Schließung der Papiergeldfabrik und nach der großen Schröpfung würde sich das übrigens alles von selbst geben. Das Geld würde furchtbar rar werden, die Taschen würden leer; die Armutei, in der wir uns tatsächlich befinden, würde dann dem Blödesten vor Augen treten. Dann würden die Leute auch wieder gerne arbeiten und sparen wie früher, wenn nicht mehr. Sie müßten's, denn sie würden sonst verhungern.
     Und wie würden diese Maßregeln auf die Valuta wirken?
     Die Einfuhr entbehrlicher Waren würde durch den Geldmangel gewaltig nachlassen. Durch das allgemeine Sparen aber würden im Inland viel weniger Waren gekauft als bisher, und diese Waren, die dadurch frei werden, könnten ausgeführt werden.
     Dann würde auch das Vertrauen des deutschen Volkes zu sich selbst, das jetzt gelähmt ist, wieder erwachen. Und dann kämen viele Werte, die jetzt aus Mißtrauen gegen das deutsche Papiergeld versteckt sind: Gold, Silber usw. wieder ans Tageslicht und könnten zum gemeinen Nutzen verwendet werden.
     Und das Ausland? Wenn es sehen würde, daß der Papierseuche in Deutschland Einhalt geboten wird und daß das deutsche Volk wieder Vertrauen gewonnen hat, dann würde auch das Ausland uns Kredit geben: „Und wenn ihr euch nur selbst vertraut, vertrauen euch auch andere Seelen.“
     Schließung der Papiergeldfabrik: in diesem Zeichen könnte Deutschland gesunden

1920, 7  Abraham Gumbel
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
voriger Artikel | zum Inhalt | nächster Artikel
Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
home | Site Map | So-Ztgs-Artikel | Zeittafel | Autoren