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  Weder Berlin noch Weinsberg allein

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Mein Freund hat mich aus Berlin geholt und ist mit mir nach Weinsberg spaziert. Dort hat er mir von der Höhe her das Tal gezeigt und mich gemahnt: „Euer Berlin ist ein Umweg, eine Sackgasse, ein endloser Sumpf. Kehr zurück in unser Idyll. Hier ist Gleichmaß, Glück, Gemeinschaft, Gerechtigkeit. Mach aus Deutschland eine Welt voller Weinsberge. Überwinde das Neue durch das Alte.“ Was soll ich darauf antworten? Einem selbst steht vor dem Erinnerungsbild das Herz beinahe still. Man stößt auf Schritt und Tritt an Ecksteine des Heimwehs. Jedes krumme Gäßchen, jedes hohe Dach, jeder Nußbaum lockt rückwärts. Jede Villa, jedes Autoschild, jeder Schornstein schmerzt. Wozu predigt nun auch noch der Freund! Da, da pfeift eine Lokomotive. Weinsberg, soviel von dir noch lebt, unzertrümmert noch im Safte strotzt: dankst du es nur dem Mittelalter, das dich aufbaute, oder dankst du es gar zur Hälfte eben der Eisenbahn, der Technik, der Arbeitsteilung mit Berlin? Es gibt kein Zurück. Hüte dich vor dem Kanonenkampf, aber auch vor dem Konkurrenzkampf mit Berlin. Die Spuren deiner zermalmten Feste, aber auch die Spuren deiner provinziellen Nachahmung des Modernen schrecken. Verweichliche mich nicht. Gesetzt den Fall, ich wäre ein zärtlicher Liebhaber deiner Museumschönheit und schlöße dich ab und zöge aus dich zu rühmen: wir röchen alsbald zusammen nach der Mottenkiste oder nach Moder. Wenn nicht Berlin, dann London, wenn nicht London, dann Newyork, wenn nicht Newyork, dann Moskau wäre stärker als unsere Sentimentalität. Denn wie auch immer: der Schaffende hat Recht.
     Ich bin wieder in Berlin. Allabendlich fliehe ich vor dem Fieber der Arbeit ins Freie, zur Ruhe, unter das dämpfende Zudeck einer sogenannten Gartenvorstadt. Ein Gift zerfrißt mich, und nicht allein mich, nicht allein uns Menschen, auch unsere Bauten, ja unsere Blumen: es gibt eine tausendblütige Kletterrose, die aussieht wie die Massenware einer Fabrik. Kann man sich etwas Entsetzlicheres erdenken als eine mechanistische Fratze der Natur? Stauden oder Roßkastanien, die eingerichtet — eingerichtet! — sind, rasch, um jeden Preis rasch zu wirken — zu wirken! -?
     Das Gift heißt Hast. Berlin ist ein Karussell. Personifiziertes Tempo hastet und rast und stampft über mich und die anderen hinweg und verwandelt unser Dasein in eine Hölle. Denn, so flackert es in meinem Gehirn zwischen Wachen und Schlafen, Narr, der du warst, als du Weinsberg verleugnetest und verließest, gewiß hat der Schaffende Recht, aber bist du dich Drehender, du im Kreis Gedrehter wirklich ein Schaffender? Was hat dein neunzehntes Jahrhundert, was hat deine Maschine, was hat dein Berlin vollbracht? Lief nicht immer wieder der Hunger schneller als die Sättigung? Türmte der Fortschritt nicht einfach immer wieder den heutigen auf den gestrigen Unrat? Wo blieb sein Werk? Bestand sein letzter Selbstzweck nicht im Auflösen? Und läßt sich daran irgend etwas ändern, solange du dem Glauben nachjagst, mit Hilfe von Erfindung, Rotation, Industrie die Übervölkerung fördern zu sollen? So träume ich denn in einen neuen Morgen hinein die gräßlichen Gesichter einer quälerischen Wahl.
     Ich werde noch einmal nach Weinsberg fahren, um die Fibel niederzuschreiben, die mich vom Entweder-Oder befreit. Ich will ein Ding vor Augen haben, dem es lohnt, mein Ziel anzuähneln oder doch ebenbürtig zu gestalten. Ich will Berlin als Werkzeug im Rücken haben; das Konservieren genügt mir nicht, ich will bauen. Ich mag mich nicht in die Aussicht bescheiden, daß „nun einmal weniger geboren und mehr gestorben werden muß“. Mich ekelt vor dem billigen Nihilismus, der nichts mehr versucht, weil er sich mit seiner Romantik und seiner Rationalität blamiert hat, und mich widert der Schwindel an, der in die Rationalität Romantik hineingeheimnißt. Ich sehne mich nicht nach einem Ausweg aus dem Seienden. Ich vertraue auf den Sinn des Daseins. Ich verlange danach, Verstand und Gefühl zu vereinigen, ohne sie zu vermantschen; jener muß so unterworfen werden, daß er diesem zur Zufriedenheit dient. Ich ahne eine Gesellschaftsordnung von ungefähr folgendem Gepräge:
     Jeder Erzeugte hat neben jedem anderen Erzeugten gleiches Recht und gleiche Pflicht zu produzieren und zu konsumieren. Da nach der bisherigen Erfahrung jeder Mehrkonsum eine mehr als proportionale Mehrproduktion erfordert und deshalb „das Glück“ nicht mehrt, sondern mindert, so beschränkt die Gesellschaft ihre mechanistisch-arbeitsteilige Produktion auf die Deckung desjenigen Bedarfes, den sie als das Existenzminimum ihrer Mitglieder anerkennt. Diese Produktion wird von allen arbeitsfähigen Mitgliedern mit gleichwertigen Anteilen bewerkstelligt, und zwar so rationalistisch und intensiv wie möglich. Wahrscheinlich genügen Bruchteile der jetzigen durchschnittlichen Arbeitszeit, um der Gesellschaft das Existenzminimum zu sichern. Um den Rest der menschlichen Arbeitsfähigkeit kümmert sich die Gesellschaft nur insoweit, als sie außerhalb der gesellschaftlich organisierten Produktion jede Art von „Arbeitgeberschaft“ verbietet. Du magst in deiner freien Zeit auf dem Rücken liegen oder musizieren oder Obst züchten oder dein Kleid zieren oder Löffel schnitzen oder Regenrinnen flicken oder Knöpfe verkaufen; aber „Arbeitnehmer“ anzuwerben ist dir untersagt.
     Das Getriebe Berlin und du, ein Rädchen in ihm, schaffen, verschaffen dir Spielraum, nicht mehr: nur Spielraum, in dem du dir dein Weinsberg formen magst, wie es dir gefällt. Berlin ist außerstande, ein Schöpfer von Weinsberg zu sein. Aber es ist, in die Grenzen einer bewußten Aufgabe eingeschlossen, imstande, dir fünf Sechstel oder drei Viertel deines Tages so zu überliefern, als wärest du noch ein Weinsberger. Dahin hat alles Bemühen der letzten Jahrzehnte gedrängt. Was fehlte, war die Erkenntnis, daß „aus sich heraus“ der materielle Eifer niemals eine Idee gebären konnte.

    1920, 37  Wichard von Moellendorff
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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