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  Drei gesellschaftliche Zeitalter

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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“Kerl“ (Plural: Kerls), sagte mein Großvater — denn er dachte feudal und sprach feudalistisch -, „Kerl, er muß“. Der Ton klang grob und gutmütig und wurde gelegentlich von einer warmen Tracht Erziehungsprügel begleitet. Der Betroffene hörte das Gepolter zwar nicht immer gern, aber gehorchte nicht nur bedingungslos, sondern sogar vertrauensvoll, wie einem Schicksalsbefehl, der sich selbst verantwortet, keine Wahl läßt und im Allgemeinen hinterher als sinnreich gerechtfertigt erscheint. Wirkte sich ein Fehlgriff sichtbar aus, so wurde er unbeschönigt wieder gut gemacht. Im Großen und Ganzen ging es bei aller Härte leidlich gerecht zu. Stimmte die Voraussetzung, konnte zwischen Mensch und Mensch ein Verhältnis wie zwischen Mensch und Pferd sein, so war die Folgerung erlaubt, sich darein zu finden, wenn nur der Knecht unter der Obhut seines Herrn so gut gedieh wie durchschnittlich der Gaul unter der Pflege seines Kutschers. Aus sich heraus zerbrach der Friede selten. In Einzelfällen rächten sich Futtergeiz, Fuchtelmißbrauch, Untreue. In der Regel entsprang der Zwist jedoch nicht einmal der Aufklärung, und die Sitten vor und nach der Abschaffung der Leibeigenschaft glichen einander oft genug bis aufs Haar. Die Liebe starb erst allmählich und von oben her aus.
     „Mann“ (Plural: Leute), sagte mein Vater — denn er dachte liberal und sprach liberalistisch -, „Mann, du darfst“. Der Ton klang höflich und hochmütig und wurde gelegentlich von der lauen Würze einer Erzieherträne begleitet. Der Betroffene hörte die Predigt zwar nicht immer ungern, aber gehorchte nur unter Bedingungen und ohne Vertrauen wie einer Schicksalslaune, die sich nicht selbst verantwortet, eine gewisse Wahl läßt und hinterher vermöge ihrer Vieldeutigkeit einigermaßen gerechtfertigt erscheint. Offenbarte sich ein Irrtum, so wurde er durch Beschönigung zurechtgestutzt. Im Großen und Ganzen ging es bei aller Milde ziemlich ungerecht zu. Stimmte die Voraussetzung, konnte zwischen erwachsenen Menschen ein Verhältnis wie zwischen Lehrer und Schüler sein, so war die Folgerung erlaubt, sich nicht darein zu finden, wenn der Beauftragte unter der Leitung seines Auftraggebers so schlecht gedieh wie durchschnittlich der Bengel in der Lehre seines Federfuchsers. Aus sich heraus hielt der Friede selten. In Einzelfällen bewährten sich Zuckerbrot, Ehrenstachel, Wortgeklingel. In der Regel ruhte der Verdacht jedoch nicht einmal in den Hallen der Aufklärung und die Sitten vor und nach einer noch so ehrlich versöhnlichen Versammlung wichen nicht voneinander ab. Der Haß starb erst allmählich mit dem Tode der Oberschicht aus.
     „Genosse“, sagt mein Sohn — denn er denkt sozial und spricht sozialistisch -, „Genosse, Sie mögen“. Der Ton klingt frech und demütig und wird gelegentlich vom kalten Spott eines bezweckt erziehlichen Lächelns begleitet. Der Betroffene hört den Ruf weder gern noch ungern und gehorcht der Schicksalsmache mit jenen scheuen Vorbehalten, die hinter allzuviel Spielraum und Wahlfreiheit schon die eigenverantwortliche Enttäuschung wittern. Warum wird täglich Gleichberechtigung beteuert und trotzdem stündlich Ungleichheit erlebt? Wozu die Wahrheit, die Notwendigkeit, die Abhängigkeit aller von allen beschönigen? Im Großen und Ganzen geht es vielleicht gerechter, aber nicht angenehmer zu als früher. Stimmt die Voraussetzung, eignet sich der nägelbeschnittene Löwe eine Lämmerseele an, so ist die Folgerung erlaubt, sich darein zu finden, wenn man mit dem Leithammel zwar anders als mit dem Schäferhund, aber auf der Weide auch anders artet als im Dschungel. Aus sich heraus ist in der Welt kein Friede. In Einzelfällen helfen Geduld und Neigung nach. In der Regel trotzt das Böse den Mitteln des Verstandes und Aufklärung bringt es nicht weiter, als neben der Liebe auch den Haß zu dämpfen.
     „Bruder“, würde sagen, wer weder . . . al dächte noch . . . istisch spräche, „Bruder, wir wollen“. Der Ton klänge stolz und bescheiden und würde gelegentlich von der heißen Flamme einer unbezweckt erzieherischen Tat begleitet. Der Betroffene hörte und gehorchte mit Leidenschaft wie jemand, dem eine innere Stimme den Glauben an sich, an sein Werk, an sein Schicksal verliehe. Brüderlichkeit behauptete keine Gleichheit, gelobte keine Freiheit, pochte auf keine Gerechtigkeit, erwartete weder Dank noch Lohn, sondern gäbe sich hin, wodurch allein ein würdiges Verhältnis, zwischen den Menschen und ein dauerhafter Friede zu verbürgen wäre. Selbst die Ausnahme bestätigt die Regel; denn wer in solcher Gesellschaft zu nehmen statt zu geben versuchte, bewiese erst recht, daß die Gesellschaft endlich aus sich heraus Bestand hätte: sie würde den ungeselligen, unbrüderlichen Dummkopf oder Schlauberger nämlich einfach in eine Einsiedelei verbannen.
     Indessen, meine Herren, wozu zerbrechen wir uns darüber den Kopf? Wir sagen weder „Kerls“ noch „Leute“ noch „Genossen“ noch „Brüder“ zueinander, sondern eben „meine Herren“, meine Herren, und wissen, was wir meinen: die Umgangsform von unzusammengehörig Zusammengespannten, von auseinanderstrebenden Miteinanderverbundenen, kurz von Ausbeutern einer nur so genannten Gesellschaft. Unserem ungesellschaftlichen Zeitalter gilt durchaus jede Gesellschaft, geschweige denn die Bruderschaft, als utopisch.

    1922, 12 ***
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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