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  Gegen den inneren Feind

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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. . . Als in Deutschland in jenen Herbsttagen alles drunter und drüber ging, keiner mehr dem anderen traute, und die Zeitungen täglich, bald aus dieser bald aus jener Gegend und Stadt, von vergossenem Blut zu berichten hatten, schrien eines Morgens grellrote Riesenplakate von den Säulen Berlins. Sie warben zum Eintritt in das Freikorps v. Alvensleben.
     Vor dem Werbebüro in der Jägerstraße drängten sich junge Leute, Gymnasiasten, Studenten, Bankangestellte, auch Arbeiter darunter und manche verwegene Gestalten. Die Freiwilligen, die nach scharfer Musterung für tauglich befunden wurden, bekamen sofort ein Handgeld von fünfzig Millionen, wurden eingekleidet und ihren Führern zugeteilt. Beim ersten Appell im Hof der ehemaligen Alexanderkaserne standen nach drei Tagen tausend auserlesene Mannschaften da, in straffer militärischer Ordnung, schnurgerade ausgerichtet, Spielleute am rechten Flügel, als harrten sie des gewohnten Kommandos zum Parademarsch. Rings herum drängten sich Bürger und Straßenvolk. Aufgeregte Gerüchte schwirrten, man tuschelte von Staatsstreich und Ministersturz; andere wollten wissen, daß die Regierung hinter der Sache stehe, daß Stinnes alles finanziere, und daß sie es ja längst gesagt hätten, daß alles noch einmal so kommen werde.
     Als Hauptmann v. Alvensleben, feldgrau, mit dem eisernen Kreuz erster Klasse an der Brust, vor die Front trat, herrschte lautlose Stille. Kameraden, sagte er, es geht gegen den inneren Feind, der unser Vaterland zugrunde richtet. Zum Kampf gegen ihn auf Leben und Tod verschreibt sich, wer meiner Fahne folgen will. Wer zag oder schwach ist, trete zurück; desgleichen, wer Entbehrungen, Hunger und Kälte fürchtet. Ich verlange eiserne Disziplin und blinden Gehorsam. Keiner frage, wohin ich ihn führe. Nur wer mir unbedingt vertraut und alles zu opfern bereit ist, taugt für das, was bevorsteht. Das Bataillon wird morgen früh sechs Uhr auf den Kriegsschauplatz verladen.
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. . . Unter rasselndem Trommelwirbel war das Freikorps Alvensleben in das von seinen Bewohnern halb verlassene Ruhrstädtchen einmarschiert. Seltsamerweise war nur der erste Zug militärisch bewaffnet; die übrige Truppe hatte Spitzhacke und Schaufel, Schlägel und Eisen geschultert. Da nur für einen Teil der Mannschaften Quartier da war, wurde die Kirche und eine leerstehende Fabrik belegt und sofort mit dem Bau von Baracken begonnen. Dann ging es an die Wiederherstellungsarbeiten in der Zeche Anna Amalie, die am Ersaufen war. Binnen vierzehn Tagen waren die halbvollen Schächte ausgepumpt, die Wasserhaltung instandgesetzt, der Förderapparat in Ordnung. Nach sechs Wochen konnte Hauptmann v. Alvensleben der Reichsbahnverwaltung 5000 Tonnen Kohle abliefern und übergab den Betrieb zur Weiterführung dem Deutschen Bergarbeiterverband.
     Inzwischen hatte der Magistrat einer Stadt im Erzgebirge in seiner Not den rasch berühmt gewordenen Führer zu Hilfe gerufen. Der Winter war da und hunderte von Familien ohne Obdach. In Eilmärschen durch halb Deutschland nahten die Ersehnten. Mit klingendem Spiel zogen sie eines Abends ein. In der Frühe des andern Morgens begann der Kampf. Eine verfallene Ziegelei wurde in Gang gebracht, Bäume wurden geschlagen, Feldbahnen gelegt. Die Mannschaften hausten in Unterständen und arbeiteten Tag und Nacht mit vierstündiger Ablösung. Als die ersten Märzblumen blühten, überreichte eine Abordnung des Freikorps den Vertretern der Stadtgemeinde die Schlüssel von fünfzig bescheidenen, aber soliden Arbeiterhäuschen, die sich wie ein frischer Jahresring um das zu enge gewordene Städtchen schlossen; und die Bürgerschaft gab den tapferen Pionieren ein Frühlingsfest, bei dem der Vorsitzende der kommunistischen Stadtverordnetenfraktion ein Hoch auf das neue Deutschland ausbrachte. Mitten in den Jubel klangen die Hörner zum Aufbruch; und als die Bürger sich andern Tags den Schlaf aus den Augen rieben, war das Freikorps v. Alvensleben verschwunden.
     Gegen Ostern tauchte es unvermutet in Schlesien auf. Dort hatte der Herzog v. R. seit Jahren keine Steuern gezahlt und seine Güter brach liegen lassen. Er war nicht wenig verblüfft, als er in seinem eigenen Schlosse eines Nachts überrumpelt und von Bewaffneten unsanft geweckt wurde. Hauptmann v. Alvensleben erklärte ihm mit dürren Worten, daß er sich als Gefangenen und seinen Besitz als beschlagnahmt zu betrachten habe. Ein Doppelposten kam vor die Gemächer des gnädigen Herrn, und draußen wurde sofort mit der Feldarbeit begonnen. Es wurde gepflügt, geeggt, gesät, gewalzt, gepflanzt und berieselt, gedüngt und umgegraben. Das Juckergespann des Herrn Herzogs ging am Latrinenwagen und am Kultivator, mit seinem Luxusauto wurde Dünger und Erde gefahren. Eine prachtvolle Ernte auf Wiesen und Feldern reifte heran. Es war eine Lust, sie einzubringen. Mit Liedern zogen die Leute hinaus und heim; in der Mitte ihr Führer, der im gewöhnlichen Kittel mit Hand anzulegen pflegte. Als alles eingebracht und gedroschen war, wurde der gesamte Ertrag der benachbarten Stadtgemeinde B. zur Verteilung überwiesen, der ehemalige Schloßherr gegen Lösegeld entlassen, das Gut zur Staatsdomäne erklärt und teilweise bäuerlichen Siedlern in Erbpacht gegeben. Das Freikorps v. Alvensleben zog ab, neuen Taten entgegen.
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Inzwischen hatte das Beispiel des Hauptmanns v. Alvensleben dutzende, hunderte von Nachfolgern auf den Plan gerufen. In ganz Deutschland standen die Freikorps an der Front, brachten stillgelegte Unternehmungen in Gang, kultivierten Ödland, schafften im Bergwerk, bauten Häuser über Häuser. Spezialtruppen von Bauleuten, Landarbeitern, Technikern hatten sich formiert. Alle militärisch auftretend, einheitlich gekleidet und ausgerüstet, mit gemeinsamer Wirtschaft und Verpflegung. Es bildete sich ein neuer Korpsgeist, eine Tradition; der anscheinend gänzlich verlorene Gemeinsinn feierte seine Auferstehung im deutschen Volke. Lohnkämpfe waren im Heere der Arbeit etwas Unbekanntes. Jeder Mann erhielt seine Verpflegung, Ausrüstung und Unterkommen, daneben eine bescheidene Löhnung für persönliche Bedürfnisse. Die Kosten flossen zunächst aus privaten Taschen, denn der Staat war arm; später erst aus öffentlichen Beisteuern.
     Nach zehn Jahren war der innere Feind, der Mangel, endgültig geschlagen.
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Aus dem inneren Krieg aber war ein neues Geschlecht emporgewachsen. Die Freikorps verwandelten sich allmählich in Werkgenossenschaften, in Zünfte und Gilden. Eine allgemeine Nährpflicht trat an die Stelle des ehemaligen militärischen Dienstes, dessen Formen und Sitten in dieser veränderten Gestalt neues Leben gewonnen hatten. Bei der alljährlichen Aushebung der Jugend im Herbst war im ganzen Lande festlicher Lärm und Aufzug; denn es galt, ähnlich und doch anders als ehedem, als schönste Ehre, das Kleid des öffentlichen Dienstes zu tragen.
     Jedesmal aber gedachten dabei die öffentlichen Redner in Verehrung und Liebe des Volkshelden und ruhmgekrönten ersten Siegers, des preußischen Hauptmanns a. D. v. Alvensleben. Ihm hatte man es zu danken, daß es in höchster Not gelungen war, den inneren Feind zu überwinden.
 
    1923, 38  Adam Heller
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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