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  Der neue Glaube

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Religiöse Frage und wirtschaftliche Antwort
Ein Hauptfehler unseres heutigen Standpunktes, d. h. der Betrachtungsweise, scheint mir bei vielen „Gebildeten“ noch die akademische Haltung, die Not der Zeit fein säuberlich in eine wirtschaftliche und eine innerlich seelische zu gliedern. Die bisherigen westlichen Sozialisten begnügten sich programmäßig damit, die überlebte Gesellschaftsordnung für das Vakuum, in das wir geraten sind, verantwortlich zu machen. Der andere Menschheitsflügel, der gerne die Religion und sittliche Haltung usurpiert, hält die Verarmung des Innenlebens und die Abwendung von den jenseitigen Dingen für die Wurzel des Übels. Als ob das Leben sich so schachteln und wie ein Präparat zergliedern ließe! Unsere heutige „Weltanschauung“ ist ein Retortenprodukt! Wir leben ja gar nicht mehr unser Leben! Wir leben das Leben, das das alte römische Recht seit Justinian vor bald 2000 Jahren seiner Zeit vorschrieb, da das Prinzip des Einzelmenschen, des Patriziers, des „civus Romanus sum“, einen Wall errichtete gegen die anstürmenden Kindvölker der Goten und Vandalen, gegen die unproduktiven, abgedienten Legionäre, wir leben heute dieses 2000jährig verjährte römische Recht, in dem das Privateigentum das Fundament der zivilen Gesellschaftsordnung bildete, wir leben noch heute diesen allem deutschen Gefühl so fremden Eigentumsbegriff, den die deutschen Bauern 1524 in ihrer Forderung um freie Jagd und freien Fischfang (12 Artikel) an erster Stelle bekämpften, wir leben gegen unser Gewissen, d. h. gegen unser innerstes Gerechtigkeitsgefühl diesen Eigentumsbegriff, sonst würden wir die Frage, ob ein ehemaliger Landesfürst „rechtlich“ 2 Milliarden oder bloß 200 Millionen rückerstattet bekommen solle, überhaupt nicht zur Diskussion stellen. Dies nur als Beispiel.
     Wir wissen sehr wohl, daß Jesus an entscheidender Stelle gesagt hat: „Niemand kann zween Herren dienen; ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon!“ Die Lebenswirklichkeit aber heute zeigt dies Gesicht: daß die Träger des Mammons in der Gemeinschaft der Frommen zu finden sind, daß aber die Verarmten die Gottlosen sind. Es gibt heute keine religiöse Frage ohne eine wirtschaftliche Beantwortung, und umgekehrt! Man kann nicht — wie mir jüngst ein ernsthafter protestantischer Geistlicher sagte — „die Maschine verchristlichen“ und danach erst sich darum kümmern, ob zehn kränkliche Menschen in einem Raum schlafen. Elend erweckt nur in ganz vereinzelten Fällen den Trieb zur Hilfsbereitschaft; bei den heutigen Massen muß es Erbitterung, Zähneknirschen, Heuchelei und Feindschaft erwecken. Ich sage das aus vielerlei Erfahrung. Christus, käme er heute wieder, würde die neue Lebenswirklichkeit der „Masse“, des Proletariats, der Industriestädte nicht akademisch oder dogmatisch erfassen, er würde die Not — die wahre Not, die immer eine Herzens- und Leibesnot ist — so anpacken, wie sie heute sich ihm darbietet, er würde kaum als besoldeter Staatsbeamter auf gesicherte Kanzeln treten und auch heute nicht „jungen Most in alte Schläuche“ füllen, er würde so dastehen wie der Unerkannte im „Großinquisitor“, er würde wohl kaum von den wirtschaftlichen und religiösen Nöten reden, weil das lebendige Leben diese Trennung nicht kennt, er würde heute vielleicht gar nicht mehr vom Diesseits und Jenseits so sehr reden, sondern das eine Wort in den Mittelpunkt stellen: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; es ist weder hier noch dort; das Reich Gottes ist mitten unter euch!“
     So kämpften ein Thomas Münzer und Heinrich Pfeifer einst lebenswirklich den Kampf ihrer Elendsbrüder von dieser Erde, während Luther das neue Dogma organisierte und opportunistisch für einen Einzelzweck das Führerschicksal der Deutschen verspielte. Sein Wort und sein Zaudern haben einen Florian Geyer, Hutten und Thomas Münzer gemordet, und mehr noch: die große, deutsche, sozialreligiöse Freiheitsbewegung, die auch er gliedern zu können glaubte. Er hat sich gewaltig und tragisch geirrt. Ein ungeheurer Schicksalsaugenblick der westlichen Menschheit ist vertan worden. Man denke sich: Luther mit Florian Geyer, Thomas Münzer, Hutten auf der Seite der deutschen Bauernschaft!
     Auch heute scheint der Zeiger im Kreislauf einen ähnlichen Punkt erreicht zu haben. Entscheidet sich heute „der höhere Mensch“, der sittlich und gerecht empfindende, der lebendig empfindende Mensch nicht für das lebendige Sittengesetz, das Hilfe für den schwächeren Bruder fordert, für ein vorbehaltloses Einstehen für die Not der Kreatur, die heute die Masse Mensch, das Proletariat, verkörpert, so ist jedes Wort über Christus, Nächstenliebe und Religion eitel Schall und Rauch, ein unglaubwürdiges Getön. Schon hat dies Proletariat bei uns jeden Glauben an die Kraft der Freiwilligkeit und gegenseitigen Hilfe verloren. Alles ist organisiert, schematisiert, entpersönlicht: vom „Verein gegen Bettelei“ bis zur „Kriegsblindenfürsorge“. Weil es an Freiwilligkeit mangelt. Weil man diese persönlichen Dinge staatlich regeln läßt, weil man seinen Alltags- und seinen Sonntagsglauben hat, weil man die Welt entweder wirtschaftlich oder religiös betrachtet. Und doch: diese Zeit ist vorbei, endgültig!
     Ein ganz neuer Ton klingt an unser Ohr. Bazard ruft in seiner „Doctrine Saint Simonienne“ uns entgegen: „Die Menschheit hat eine religiöse Zukunft! Die Religion der Zukunft wird größer und mächtiger sein als irgendeine Religion der Vergangenheit: die soziale, politische Einrichtung im Ganzen betrachtet wird eine religiöse Einrichtung sein.“
     Nicht mehr Kirche hier und dort Leben; nicht mehr Lippenbekenntnis am Sonntag und am Werktag heiliger Egoismus! Der neue Glaube wird aus der Gesamtwirklichkeit des Lebens, aus der simplen und doch unermeßlichen Not des Alltags heraus erwachsen. Auch der neue Glaube an eine klassenlose, brüderliche Menschengemeinschaft muß ein gewaltiger, ich scheue mich nicht, zu sagen: utopischer sein. Auch dieser neue Glaube muß „Berge versetzen“ können, er muß ein messianischer sein, er muß ewigstes Menschensehnen in sich schließen, ob er nun das Messiasreich oder den „Sonnenstaat“ auf sein Banner schreibt. Aber in irgendeiner Gestalt muß er nach Verwirklichung streben, irgendwo muß er ehrlich dieses Banner aufwerfen und . . . beginnen.
     Ich sehe nach vielem Umherspähen einen neuen Anfang bis jetzt nur im Osten: in Rußland und auch in dem Indien Ghandis und dem China Sunyatsens. Hier ist der ängstliche Opportunismus von einem jugendstarken, sieghaften Idealismus überflügelt worden, hier ist man über Gräber hinweg zu Auferstehungen gelangt. Nüchternste und skeptischste Beobachter von Sven Hedin bis zum antibolschewistischen Oberst Bauer legen davon ein klares Zeugnis ab: „Bei uns ist ein Ende, dort ein Anfang!“
     General von Schoenaich, der überaus positiv von dem heutigen Rußland und seiner neuen Ordnung sprach, meinte jüngst: „Es ist dort alles ein großartiges Werden, wenn es nur nicht über soviel Leichen hätte gehen müssen!“ Hier möchte ich auf einen Aforismus Nietzsches von weltbiologischem Aspekt hinweisen; er nennt ihn „Cyklopen der Kultur“ und sagt: „Wer jene zerfurchten Kessel sieht, in denen Gletscher gelagert haben, hält es kaum für möglich, daß eine Zeit kommt, wo an derselben Stelle ein Wiesen- und Waldtal mit Bächen darin sich hinzieht. So ist es auch in der Geschichte der Menschheit: die wildesten Kräfte brechen Bahn, zunächst zerstörend; aber trotzdem war ihre Tätigkeit nötig, damit später eine mildere Gesinnung hier ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien — das, was man das Böse nennt — sind die zyklopischen Architekten und Wegebauer der Humanität.“
     In deutschen Landen brechen heute keine wilden Kräfte sich Bahn; es herrschen Ruhe und Ordnung, Kirchhofsruhe, ein völliges Vakuum. Denn die aufgebauschten außenpolitischen Abmachungen und Diplomatenkunststücke oder den Kuhhandel der Reichstagsparteien hinter verschlossenen Türen wird man kaum als Ereignisse bezeichnen.
     Was aber kann von uns geschehen, die wir uns für die simple Not unsrer Brüder und für das kommende Reich auf dieser Erde verantwortlich fühlen? Ich glaube: ein vorbehaltloses Suchen nach der Wahrheit und Wirklichkeit dieser Erde, ein klares Bekenntnis zu der Not unserer Tage, die sich weder mit dem römischen corpus juris totschlagen, noch mit der Verheißung auf ein Jenseits betäuben läßt, ein unbeirrbares, mutiges Beginnen, selbst wenn es über Mißdeutung, Geißelhiebe, Schutzhaft und Marterholz führt, selbst wenn der Weg zu dem noch geschmähten Rußland weist. Und im einzelnen: Fort mit den Winkelzügen und der kleinen Diplomatie! Fordern wir öffentlich und immer wieder von Stadt und Staat die Kirchen zu Versammlungsräumen unserer Feiern, die leerstehenden bloßen Repräsentationsbauten zu Stadtherbergen der Jugend und zu Ausstellungs- und Verkaufsräumen des Handwerks, fordern wir Siedlungsgelände für die Kinderreichen, und Waldschulen für die Stadtkinder, und Jugendlager für die Ferien der Handwerker und Fabrikarbeiter; treten wir hinein in den politischen Kampf, der heute den Kampf um das Leben bedeutet, reden wir nicht immer vom Jenseits, da das Diesseits noch nicht gefunden ist; spüren wir, daß der heutige politische Kampf kein politischer, daß der religiöse Streit kein religiöser ist, sondern daß „die sozialpolitische Einrichtung im Ganzen betrachtet eine religiöse sein wird“.
     Horchen wir auf den Glockenschlag der seltenen Stunde, in der wir heute leben, da der uralte Menschheitstraum des Messiasreiches, des Reiches der Gerechtigkeit von dieser Erde, wieder über uns dahinzieht! Da wieder der alte Ruf an die Wachenden ergeht: „Haltet eure Lenden gegürtet und eure Schuhe an den Füßen!“
   1926, 4  Friedrich Wolf
aus Erich Schairers
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Kurz und bündig

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Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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