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  Ein neues Vaterunser

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Unser Vater in dem Himmel!
     Nicht alle mehr glauben an dich -, weil deine berufenen Vertreter, die Priester der christlichen Kirchen, es nicht verstehen, dich uns nahe zu bringen.
     Sie vermummen dich heute noch in der gleichen Weise, wie sie dich unsern Vätern mit ihrer kindlichen Weltvorstellung vorgeführt haben.
     Sie legen dir menschliche Eigenschaften bei, die du nach allem, was wir jetzt über deine Welt wissen, nicht haben kannst.
     Sie erzählen von dir, du tuest Wunder und erhörest töricht anspruchsvolle Gebete. Und weil du die Wunder nicht tust und die Gebete nicht erhörst, sind die Gläubigen enttäuscht und sagen, du seiest nicht.
     So verlegt man auch deinen Wohnsitz immer noch in den Himmel, fern von uns und weit über uns. Man feiert noch immer die Himmelfahrt deines Sohnes.
     Und doch gibt es keinen Himmel, wie wir ihn uns als Kinder vorstellten. Sondern wir kennen nur die unendliche diesseitige Welt. Und wenn du bist, kannst du nicht fern von uns in einem Himmel wohnen, sondern mußt überall und auch mitten in uns sein.
     Du bist das Sehnen, das in und aus dem Erdenstaube hinauf will in reinere Regionen. Du bist der bessere Teil in uns, der hinaus will aus dem Tierischen, der das blutrünstige Raubtier in uns überwinden und es durch den vernünftigen Willen beherrschen will.
     Wenn wir uns mit Ekel abwenden von den Häßlichkeiten der Erde, auf der heute die Selbstsucht, der Eigennutz, der Haß und der Wahnsinn der gegenseitigen Verhetzung frech triumfieren, so bist du es, den wir suchen.
     Mit dir wollen wir in Schönheit, Reinheit und im Lichte wandeln.
     Wollten wir das, was du deinen Gläubigern warst und heute noch bist, nun weiter ausmalen, so kämen wir wieder dazu, dich in menschlichen Gestalten zu vermummen. Wir müßten dich als Person vorstellen, die in oder über der Welt ein besonderes Dasein führt.
     Damit würden wir wieder in Widersprüche kommen, und du würdest uns wieder fremd und entrückt.
     Deshalb wollen wir das nicht tun und selbst die nicht schelten, welche sagen: Wozu braucht man denn überhaupt noch die Vorstellung von Gott, wenn er doch nicht faßbar ist! Es ist doch besser, ganz auf sie zu verzichten und gar nicht von dem Unfaßbaren und Unsagbaren zu reden.
     So wollen auch wir einfach bei der Wurzel stehen bleiben, aus welcher der Glaube an einen Gott zu allen Zeiten mächtig emporgewachsen ist und aus der dieser Glaube bis heute seine kräftige Nahrung gezogen hat.
     Wir kennen diese starke Wurzel.
     Wir erleben sie täglich in uns, und wir können sie ganz genau beschreiben.
     Sie ist das Sehnen, das alle Menschen beseelt, nach der vollen und freien Entwicklung aller ihrer menschlichen Seiten.
     Wenn der Gläubige dich gerufen hat: mein Vater! so will er damit sagen; Ich kenne dich, denn ich bin dein Kind und ich weiß, daß du mein Sehnen stillen, den Sieg des Guten in mir fördern und mir im Kampfe mit dem Bösen helfen willst.
     Und so vertraue ich dir, wie ein Kind seinem Vater vertraut.
     Ganz ebenso weiß auch der, der sich dich nicht als menschlichen Vater vorstellen, ja überhaupt nicht mehr an dich glauben kann — er, der dir entwachsen ist, weiß so gut als der Gottgläubige, daß er sicher darauf hoffen darf, daß sein Sehnen gestillt und das schönste lichte und reine Leben bald auf die Erde kommen wird.
     Es wird kommen, wenn nur die Menschen wollen. Denn „wo ein Wille ist, da ist ein Weg“.
     Noch immer haben die Menschen, wenn sie die Gaben, die du in sie gelegt hast, zielbewußt und siegessicher anwandten, auch durchgesetzt, was sie ernstlich wollten.
     Wenn der Gläubige dich unsern Vater nennt, so will er damit auch sagen, daß wir Menschen alle deine Kinder und daß wir deshalb unter uns Brüder und Schwestern sind, daß die ganze Menschheit eine große Familie ist.
     Darin liegt, daß alle Völker gleich wertvoll sind, die Engländer so gut wie die Deutschen, die Türken wie die Russen, die Juden wie die Germanen.
     Ferner liegt darin, daß auch der Glaube keinen Unterschied ausmachen darf, daß der Katholik und der Protestant, der Pantheist und der Atheist, der Orthodoxe und der Liberale, daß alle, alle Brüder sind.
     Endlich liegt darin, daß in jedem Volk die Klassen gleichberechtigt sind, die Reichen wie die Armen, die Gebildeten wie die Ungebildeten, die Regierung wie die Untertanen, die Klugen wie die Dummen.
     Und diese selbe Überzeugung, die in dem Gebetsruf „Unser Vater“ liegt, die haben wir auch noch, wenn wir dich nicht persönlich als Vater uns vorstellen können, auch wenn wir nicht mehr an dich glauben.
     Wir halten umsomehr fest an dem, was wir sehen, fühlen und begreifen, daß wir Menschen alle ein einig Volk von Brüdern sind, mit den gleichen Gebrechen und Fehlern behaftet und von dem gleichen Sehnen nach ihrer Überwindung beherrscht, gleich hilflos hineingestellt in eine Welt von Schrecken und Gefahren, und gleich bestrebt, als Sieger nach innen und außen aus dem Kampfe um unsere Selbstbehauptung hervorzugehen.
     Wir halten an diesem Glauben fest nicht als an einem bloßen Fürwahr-halten, sondern als an einem Grundsatz, der uns anspornt zu tätiger Arbeit.
     Wir halten ihn fest, so innig und zielbewußt, daß wir alle, die sich nicht mitrechnen in diese Brüderschaft, die sich der Verständigung der Völker, der Aufhebung der Klassengegensätze, der Versöhnung der Konfessionen, der Gleichberechtigung der Rassen widersetzen, als außerhalb unseres Menschheitsbundes stehend betrachten, als unsere Feinde, als unschädlich zu machende Raubtiere.
     Wir werden sie darnach behandeln und mit all unserer Macht dafür sorgen, daß sie unsern Bund nicht stören.
     Wo sie als Störenfriede auftreten, werden wir nicht warten, bis du, unser Vater, dich bemühst. Nein! Wir wollen zeigen, daß wir deine würdigen Söhne sind und werden von uns aus in deinem Namen dein Werk vollbringen.
     Wir wollen, das geloben wir, dafür sorgen, daß das Sehnen der Frommen, das sich ausdrückte, wenn sie riefen: Unser Vater in dem Himmel!, daß dieses Sehnen durch unser starken Arm und unsere vereinte Kraft gestillt werde. Denn: Brüder sind wir Menschen auf Erden!

    1920, 21 Immanuel Herrmann
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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