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  Gottesfriede

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Die beste Basis jeder Unterdrückung ist die Lammsgeduld der unteren Schichten; Geduld aber ist am zuverlässigsten, wenn sie „religiös“ fundiert ist.
     Dem Menschen, der im Muff des kümmerlichen Alltags den müden Blick nach ein wenig bescheidenem Glück schweifen läßt, rufen rhetorisch begabte Künder in öliger Pathetik zu: „Hier ist es nicht!“ Und Speckfinger, die von schmatzendem Behagen erzählen, weisen nach oben: „Die Heimat der Seelen ist droben im Licht!“ Auf diese Weise kehrt auf dem weiten Marterfeld zwischen Fabrik, Wohltätigkeit und Charité immer wieder Friede ein. Die Christengemeinde, die in ihrer Gottverbundenheit auch die Abfallprodukte der Gesellschaft mit liebender Aufmerksamkeit umschließt, publiziert Leitsätze, die selbst dem verfehltesten Leben einen Sinn zu geben vermögen; bis in das ärmlichste Wohnloch dringt die frohe Kunde von den himmlischen Wohnungen. Im hoffnungslosen Dunkel stinkiger Alkoven strahlt plötzlich helles Licht. Die Nächstenliebe ist eingekehrt und hat ein Traktätchen und nebst anderem einen Papierhosenträger hinterlassen. So verschafft Brudersinn auch den Unglücklichsten ein Vorgefühl der Freude und hält außerdem von Unüberlegtheiten ab; denn wenn jenes verlockt, dem Leben ein Ende zu machen, um es besser zu haben, hält dieser wieder davon zurück, denn er ist nicht haltbar genug, um einen Erfolg zu garantieren. Die Nächstenliebe, die ihre Pappenheimer kennt, hat wohlweislich vorgesorgt; außerdem wären andere Hosenträger teurer.
     Aber der Drang nach Gerechtigkeit, der auch in den unteren Schichten zuweilen sonderbare Wege geht, ist gleich bei der Hand, die Seelsorge durch wehleidige Leibsorge illusorisch zu machen: kaum zeigt man sich geneigt, ihnen in schöner Freiwilligkeit Mitgefühl entgegenzubringen, sind sie auch schon mit materiellen Vergleichen zur Stelle. Kaum hat der Glaube an die himmlische Heimat ihr Dasein verklärt, schweift ihr Blick sinnend zu den irdischen Pensionen ihrer Seelsorger, und was sie im Pfarrhaus am meisten interessiert, ist nicht die vielbändige theologische Fundierung des Christenglaubens, sondern die Kuponschere, die sie auf dem Schreibtisch entdecken. Sie sind Kinder eines materialistisch denkenden Zeitalters, immer bereit, die Unbilden dieses Jammertales denen in die Schuhe zu schieben, die es besser haben als sie. Ihr Neid entzündet sich immer wieder am Besitz. Eigentum ist ihnen Diebstahl. Ihr Kleinleutehorizont sieht nicht bewahrte kulturelle Güter, sondern nur den Luxus, nicht verwalteten nationalen Besitz, sondern erraffte Schätze. Wo sie aber gar Frömmigkeit und Komfort beisammensehen, fangen sie an, an dem Bestand der Christengemeinde zu zweifeln. Ihre blind tappende Ahnungslosigkeit kommt dabei in die Nähe einer Wahrheit, die nur durch eine staatlich konzessionierte Fassade mühsam verdeckt wird. Diese Fassade hat keinen Inhalt. Es gibt eine Kirche, aber keine Gemeinde.
     Die Jünger Christi haben es verstanden, dieses Jammertal mit einigem Komfort zu versehen. Sie folgen ihrem Herrn und Meister in gut gepolsterten und leistungsfähigen Autos nach, emsig die unterwegs erzielten Geschäftserfolge verbuchend. Ihre Nachfolge besteht in einem Morgengebet, einem Wohlfahrtsscheck und dem sonntäglichen Kirchgang. Dazwischen liegt für sie das erfreuliche Reich der Dividenden. Ihr Gottvertrauen stützt sich auf einen sicher angelegten Reservefond, und ihre kindliche Gläubigkeit wird bestärkt durch eine Lebensversicherungspolice. Ihr Gott ist nicht nur bei den stärksten Bataillonen, sondern auch bei den besttrainierten Geschäftsgehirnen. Sie sagen zwar nicht: „Hilf dir selber, so hilft dir Gott“, aber wenn sie sich selber geholfen haben, sind sie so galant, ihrem Heiland für die Hilfe zu danken. Sie heißen das Demut. Ihr Gottesdienst ist eine gesellschaftliche Angelegenheit und die Verbreitung des Wortes eine industrielle Tätigkeit. Zwischen erstem und zweitem Börsenbericht erstattet Abteilung „Wohlfahrt“ ihren Geschäftsbericht, der Verbindungsmann hin zum Bruder in Christo berichtet über die von ihm stellvertretungsweise geschlagenen Schlachten der christlichen Nächstenliebe. Den Betriebseinschränkungen folgen als Heftpflaster die Bons für Armensuppen, und Bankdirektoren schicken den entlassenen Angestellten schöne Betrachtungen über inneren Frieden hinterher.
     Statt einer moralischen Kraft, die Berge versetzt, waltet in dieser famosen Christenheit ein schlechtes Gewissen, das ein Bankkonto verteidigt. An der Grenze des guten Willens beginnt für sie alle die von den Theologen gruselig herfrisierte Erbsünde, und der Seufzer über die gefallene Menschennatur ermöglicht es, sich mit allen Schandtaten abzufinden.
     Da, wo das Christentum beginnen müßte, hört das Staatschristentum auf. Die heutige „gottgewollte Ordnung“ verträgt kein wirkliches Christentum. Sie thront satt und selbstzufrieden auf dem öffentlichen Markt; ihre Fratze ist durch ein aufgepapptes Schönheitspflästerchen der christlichen Nächstenliebe notdürftig verziert. Christentum heißt nicht Gewissen, sondern Beruhigung des Gewissens. Aus dem „Donnerwort der Ewigkeit“ ist ein zu nichts verpflichtendes Traktätchengesäusel geworden. Demut ist zu Unterwürfigkeit umgebogen; Nachfolge heißt im besten Falle Flucht vor der Auseinandersetzung mit der „Welt“.
     Der so hervorgezauberte „Friede Gottes“ begünstigt in seiner Indolenz den widerlichen Kriegszustand unserer heutigen Gesellschaftsordnung. Ein schlafender Riese fährt ab und zu aus dem Traum auf, schickt einen unmotivierten Stoßseufzer zum Himmel und legt sich auf die andere Seite, unter sich die Menschen in Tränen erstickend: das ist das heutige Christentum. Der Mund, der sich zum Schrei auftut, wird mit scheinheiligen Traktätchen gestopft, die täglich von unzähligen Rotationsmaschinen ausgespien werden. Die staatsreligiöse Verneblung ermöglicht es der Heuchelei, im Namen Jesu ihre zweideutigen Geschäfte zu treiben. Ihr Dunst verhindert die Menschheit, die Erde zu einer friedsamen Wohnstätte alles dessen zu machen, was Menschenantlitz trägt. Der Gottesfriede des Scheinchristentums steht dem Menschheitsfrieden im Wege.
    Hermann Mauthe
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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