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  Der Christusballon

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Theatertechnisches aus Oberammergau
Eine amerikanische Zeitschrift läßt sich von ihrem nach Oberammergau entsandten Sonderberichterstatter melden:
     Eine neue Attraktion, die eine in verschiedener Hinsicht wertvolle Ergänzung des Spielplans bedeutet, ist für die diesjährige Theatersaison in Oberammergau in Aussicht genommen. Die technischen Errungenschaften unserer Zeit werden es ermöglichen, auf der herrlichen Alpenfreibühne jetzt auch die Himmelfahrt des Herrn natur- und wahrheitsgetreu darzustellen.
     Die Szenerie zeigt die Gegend des Ölbergs in der Nähe von Bethanien. Für bibelunkundige Zuschauer ist im Vordergrund eine Wegtafel angebracht mit der Aufschrift: „Ölberg. Nach Jerusalem 1 Sabbatweg“. Es erscheinen die elf Jünger, in der Mitte der Heiland. Die Gruppe ordnet sich und es werden die Worte Apostelgeschichte Kap. 1, Vers 4-8 gesprochen. Und nun erfolgt das Wunderbare: langsam, unter den staunenden Gebärden der umstehenden Jünger, erhebt sich die Gestalt des Meisters in die Luft. Während er rascher und rascher gen Himmel schwebt, breiten sich seine Arme majestätisch segnend aus; die Jünger knien betend nieder. Eine Darstellung von erschütternd und erhebend weihevoller Wirkung. Zugleich ein Triumf moderner Theatertechnik: die Gestalt Christi ist in Wirklichkeit ein kunstvoll konstruierter Wasserstoffballon, der genügend mit Sandsäcken beschwert auf unsichtbaren Rädchen hereingerollt wird. Nachdem die Worte des Abschieds von einer Stimme aus den Kulissen gesprochen sind — ihr geisterhafter, entrückter Klang paßt ausgezeichnet in die Situation -, werden ein paar der schwersten Säcke, die in der hinteren Lendengegend der Figur angebracht sind, geschickt von Petrus oder Johannes abgehängt; infolgedessen erhebt sich Jesus langsam in die Lüfte. Eine automatische Vorrichtung, ähnlich der an den Schrapnells mit Zeitzünder, entleert nach und nach die weiteren Sandsäckchen, so daß die Gestalt rascher und rascher zum Himmel steigt. Das Herabrieseln des feinen Sandes bleibt im Zuschauerraum unbemerkt; wenn sich von den Jüngern einige die Augen reiben müssen, so erhöht das die packende Lebenswahrheit der Szene. Zugleich breiten sich die beiden Arme durch einen sinnreichen Mechanismus seitwärts — hierbei wird die Ausdehnung des Gases mit zunehmender Höhenlage als treibende Kraft benützt. Inzwischen sind zwei Männer in weißen Kleidern zu der Gruppe getreten. Sie sprechen das biblische Schlußwort: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr und sehet gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch aufgenommen ist gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren. Der Vorhang fällt, während hoch oben die Gestalt des zum Himmel Gefahrenen eben im Äther verschwindet.
     Das Wort der beiden Engel hat seine besondere Bedeutung: indem es sich nämlich tatsächlich erfüllt. Es wäre natürlich finanziell unmöglich, für jede Aufführung einen neuen Christusballon zu verwenden, da ihn seine komplizierte Konstruktion ziemlich teuer macht. Hier kommt nun der Umstand trefflich zustatten, daß die bei der Auffahrt sich ausbreitenden Arme als Fallschirm wirken, sobald der Ballon infolge Gasverlusts zu sinken anfängt. Infolgedessen gelangt das Kunstwerk in langsamem Schweben meistens vollständig unversehrt irgendwo in der Umgegend wieder zu Boden — „er wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren“ ist nicht zu kühn behauptet — und wird von der hiezu ausgesandten Dorfjugend von Oberammergau unter kindlichem Jubel wieder eingebracht.

    1922, 20  Adam Heller
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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