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  Der Christ

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

Probieren Sie's mit der Stichwortsuche:


    Ein Gespräch
Der junge Mann und der liberale Geistliche
     Eigentlich, Herr Pfarrer, gehöre ich nicht in Ihre Kirche hinein; ich dachte schon ein paarmal daran, auszutreten.
     Auszutreten?
     Ja.
     Und warum das, wenn ich fragen darf?
     Weil ich es zu leicht finde, ein Christ zu sein — was man so einen Christen nennt. Ich genier' mich, als einer zu gelten . . . Sagen Sie selbst! Was tut man denn, um ein Christ zu sein? Man ist Mitglied einer Kirche, wie man Mitglied einer politischen Partei ist, man zahlt seinen Beitrag und zeigt bei passenden Anlässen, wie bei Taufe, Hochzeit und Begräbnis, daß man dazu gehört. Im übrigen lebt man wie andere, die nicht Christen sind, ungefähr auch leben . . . Nein, es ist wirklich kaum der Mühe wert, sich Christ zu nennen.
     Es ist ein Körnchen Wahrheit in dem, was Sie da sagen. Wir sind eben alle — ich meine die anständigen Menschen — wir sind alle Christen, ob wir wollen oder nicht. So groß ist die Macht des christlichen Gedankens, daß wir schon in die Wiege, gleichsam als Erbgut, das Christentum mitbekommen: wir denken, urteilen, fühlen christlich, ohne uns dessen bewußt zu sein . . .
     Das Christentum hätte also seine Mission erfüllt und man könnte die Kirchen zumachen?
     Das denn doch nicht! Die Kirche ist der Leib einer Gemeinschaft . . .
     Von anständigen Menschen . . .
     Wenn Sie so wollen . . . und durch Kultus und Predigt stärkt sie immer wieder in ihren Gliedern das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter sich und das Gefühl des Verbundenseins mit jener höheren Macht, die unser Schicksal lenkt. Die Kirche ist es, die jene ehrfürchtige Gesinnung weckt, die . . .
     Für einen guten Staatsbürger so wichtig ist . . .
     Das auch . . . aber ich wollte was anderes sagen: jene ehrfürchtige Gesinnung, die . . .
     Mir ist der Kultus unsympathisch. Taufe, Abendmahl, Gebet: ich habe immer das peinliche Gefühl, als ob da mit großem Ernst ein Zauber inszeniert werde, an dessen Wirksamkeit niemand im Ernst glaubt, als . . . Kinder und Bettler.
     Aber, lieber junger Freund! Wir sind doch aufgeklärte Menschen! Wir wissen doch, daß die kultischen Handlungen nur Symbole sind . . . , deren poetischen Reiz übrigens Sie, als künstlerisch veranlagter Mensch, aufs stärkste empfinden müßten.
     Sagen Sie das auch in Ihrer Predigt, Herr Pfarrer?
     N . . . Nein, nicht ganz . . .
     Aus Rücksicht auf die Kinder und Bettler, denen man den Spaß nicht verderben darf?
     Mein Herz ist wie Salomos Tempel. Es gibt darin Gemächer von verschiedenem Grad der Heiligkeit. Ich lasse nicht jeden ins Allerheiligste . . . Sie haben einen Blick hineintun dürfen.
     Ehrt mich! Macht mir die Sache aber nicht erträglicher. Kultische Handlungen, die umwittert sind von allen Schatten des Mystischen, weiterbenützen, nachdem sie für die Mehrzahl der „Gläubigen“ jedes mystischen Inhalts entleert sind: das ist eine gefährliche und unsaubere Sache. Da wird die Unschuld beständig mißbraucht. Man sagt das eine und denkt das andere. Man lernt lügen . . . Mit den Dogmen ist es dasselbe. Warum sagt ihr, Christus sei Gottes Sohn, wenn ihr's doch nicht glaubt?
     Viele glauben's.
     Glauben Sie's, Herr Pfarrer?
     Es kommt darauf an, wie man's auffaßt.
     Sehen Sie, da haben wir's: „Wie man's auffaßt“ . . . Ja, zum Teufel, wenn ich sage: Christus ist Gottes Sohn — ist das nicht klares, gutes, eindeutiges Deutsch? Kann man das so oder so auffassen?
     Gestatten Sie, daß ich ein wenig an Ihrem Schulsack rüttle: Sie wissen doch, daß die Sprache Metafern hat, uneigentliche Ausdrücke, die, plastisch, farbig, anschaulich, einen Sachverhalt durch ein Fantasiebild besser wiedergeben als der abstrakte Ausdruck es vermöchte.
     „Sohn Gottes“ ist eine Metafer?
     Ja . . . gewissermaßen.
     Sagen Sie das auch in der Predigt, Herr Pfarrer?
     Nicht geradezu . . . Wissen Sie . . .
     Ja, ich weiß: Ihr Herz ist wie Salomos Tempel . . . Im übrigen weiß auch ich, was eine Metafer ist. Goethe spricht in einem Gedicht vom „Sohn des Wassers und der Erde“. Er meint damit den Dreck, Herr Pfarrer. Das ist eine Metafer. Bloß eine Metafer, weil niemand sich einbildet, daß das Wasser und die Erde einen Sohn haben könnten. Aber „Sohn Gottes“: das ist nicht bloß eine Metafer. Wer da sagt: „Christus der Sohn Gottes“, der will entweder sagen, daß nach seiner Meinung Christus der Sohn Gottes und somit selbst Gott sei, oder — er lügt.
     Sie sind streng, junger Herr.
     Jawohl! Wenn's Wahrheit und Reinlichkeit gilt: da fängt bei mir die Religion an.
     Ich lüge nicht.
     Nein. Aber Sie sagen auch nicht die Wahrheit: das ist ja das Schlimme an Ihnen und Ihresgleichen! Lügen wäre mir fast lieber.
     Wenn ich „Sohn Gottes“ sage, so meine ich, daß Christus für mich — und ich darf sagen, für jeden tieferen Menschen — die höchste Verkörperung des ewigen Geistes darstellt . . . Wollen Sie das wirklich nicht gelten lassen? Nein. Entweder ist Christus ein Gott: so ist er absolute Autorität, abso-lute Wahrheit und damit jenseits aller Kritik, aller Unterscheidung. Oder er ist ein Mensch: so ist er eine relative Erscheinung, fehlbar und dem Irrtum unterworfen, also Gegenstand der Kritik und der historischen Deutung. Mir scheint, Ihre Kirche, in ihrer heutigen Form, steht und fällt mit diesem Entweder-Oder.
     Christus ist der Gottmensch.
     Das heißt: bald Gott, bald Mensch, wie man's braucht. Da habt ihr euch eine treffliche Zwickmühle gemacht! Oh über die Theologenkniffe! . . . Daß ihr in allen entscheidenden Fragen zwischen dem Entweder-Oder durchzuschleichen sucht: das ist's, warum eure Kirche weder steht noch fällt, weder leben noch sterben kann . . . Sagen Sie mir noch eins, Herr Pfarrer: ist die Himmelfahrt auch eine Metafer?
     Ach was! Lassen Sie doch das! Sie schieben die Diskussion auf ein falsches Geleise. Das Wesen des Christentums ruht nicht in seinen Dogmen und in seinem Kultus. Die christliche Kirche ist ein uralter Bau, der mit allerlei sonderbarem, fratzenhaftem, vielfach verwittertem und entstelltem Zierat unorganisch besteckt und beklebt ist. Dies Beiwerk ist vergänglich; es fällt nach und nach ab. Aber es bleibt ein gesunder, fester Kern, ein Bau, der den Jahrhunderten trotzen wird: die christliche Ethik.
     Also, Sie werfen allen Kultus- und Dogmenschwindel über Bord und versuchen, Ihr Schiff mit der christlichen Ethik allein flott zu halten?
     Ich würde mich nicht so unehrbietig ausdrücken; aber ich will mich nicht um Worte mit Ihnen streiten.
     Schön. Und wodurch ist die Ethik, von der Sie sprechen, christlich und religiös, wenn Kultus und Dogma fallen?
     Christlich durch Christum, der sie gelehrt und gelebt hat. Religiös durch den Glauben an einen all-liebenden Vater, von dem sie getragen ist.
     Und wo ist diese Ethik?
     Wo? . . . Ich verstehe nicht.
     Wo ist sie wirk—lich? Wo wird sie gelebt?
     Überall wo Christen sind.
     Nein, wo Christen sind, da wird sie gepredigt und im Munde geführt, aber nicht gelebt. Ich habe den Christen überall nur daran erkannt, daß er sich ein Bekenntnis zuschrieb und gelegentlich in die Kirche ging. An seinen Werken habe ich ihn nie erkannt. Er trägt die christliche Ethik als Sonntagskleid, zum Kirchgang. Am Werktag, in Geschäften, in jedem Verhältnis des täglichen Lebens dispensiert er sich selbstverständlich von der allzu strengen Vorschrift und tut und redet und lebt, wie jeder andere, der nicht Christ ist.
     Da sind wir ja glücklich wieder soweit wie am Anfang unserer Unterredung. Ich wiederhole Ihnen: Sie vergessen, daß die Welt christianisiert ist; daß wir auf einem sittlichen Niveau leben, das uns selbstverständlich geworden ist. Messen Sie den Christen statt mit dem Maßstab des unerreichbaren christlich-sittlichen Ideals mit dem Maßstab der Ethik früherer Zeiten, des Altertums, des Mittelalters. Da sieht die Sache anders aus.
     Du lieber Gott! Die Alten waren Scheusäler ohne Christentum, und wir sind Scheusäler mit Christentum: das ist der ganze Unterschied!
     Das ist nicht Ihr Ernst!
     Doch, beinahe! Ich will aber zugeben, daß es zu allen Zeiten rechte Menschen gegeben hat und sogar heute noch gibt, da die Welt „christianisiert“ ist.
     Und unsere soziale und humanitäre Gesinnung? Unser Fürsorgewesen, unsere Krankenhäuser, das Rote Kreuz, die Mission — um nur Einiges zu nennen — unsere ganze, christliche, ja ich darf wohl sagen: christliche Humanität . . .
     . . . Die sich in dem jüngst verflossenen Weltkriegchen so herrlich bewährt hat! . . . Lieber Herr Pfarrer, wir Christen begehen genau dieselben Abscheulichkeiten wie die Heiden. Nur die Formen sind anders und nicht einmal immer geschmackvoller.
     Und unser Urteil darüber ist anders. Wir nehmen's nicht mehr hin, wie die Heiden; wir verurteilen und verwerfen das Abscheuliche und zeigen etwas Höheres und Besseres . . .
     Und tun's doch! . . . Buchen wir also als Reingewinn die christliche Frase, so wird die Rechnung stimmen!
     Wer so redet wie Sie, leugnet jeden inneren Fortschritt.
     Durchaus nicht! Wir haben manchen Aberglauben überwunden seit den Tagen der Alten: das ist ein Fortschritt, erkämpft von der Aufklärung und der Wissenschaft gegen die Kirche.
     Demnach hätte das Christentum in der Entwicklung der Menschheit überhaupt nichts zu bedeuten?
     Das Christentum hat das Seelenleben der Menschen vertieft und verfeinert . . .
     Sehen Sie, sehen Sie! Nun kommen wir uns doch näher; damit widerrufen Sie viel von dem, was Sie eben gesagt haben . . .
     Das Christentum hat, sage ich, das Seelenleben der Menschen vertieft und verfeinert, solange es ernst genommen wurde, d. h. solange es Märtyrer auf die Beine brachte. Heute, da es niemand mehr ernst nimmt, verdirbt es die Seelen wie alles Bedeutende, Schöne, Tiefe, das zur Frase wird.
     Also etwas Schönes, Bedeutendes, Tiefes ist das Christentum? Sehen Sie, sehen Sie!
     Gewiß, das ist das Christentum hie und da — nur nicht in Ihrer Kirche.
     Wo denn?
     Überall wo Menschen sind, die . . . nun, sagen wir: die nach frischer Luft hungern.
     Was? Nach frischer Luft? . . . Ja so! Sie meinen nach einer Luft, die . . . die frei von den Giftkeimen des Hasses und Neides . . .
     Und der Halbheit, Feigheit und Verlogenheit.
     Schön, sehr schön! Damit bin ich natürlich voll und ganz einverstanden. Aber warum sollte es solche Menschen nicht auch in der Kirche geben?
     Weil sie austreten. Die Luft in der Kirche ist ihnen zu lasch, zu dick und dumpf; es riecht nicht gut in euren Kirchen! Liebhaber guter Luft treten aus.
     Sie sagen das mit so besonderer Betonung!
     Sie ahnen es, Herr Pfarrer: ich werde aus der Gemeinschaft der „anständigen Leute“ austreten.
     So reut mich der Eifer, mit dem ich gesprochen und noch mehr die Geduld, mit der ich Sie angehört habe . . . Ich gehe . . .
     Sie haben ein gutes Werk getan; Sie haben mir zur Klarheit verholfen: dafür danke ich Ihnen. Möchten Sie immer solchen Erfolg haben, wenn Sie mit Meinesgleichen streiten!
     Leben Sie wohl!

    1920, 41 Wolfgang Pfleiderer
     
Wie tritt man aus der Kirche aus?
     Vor dem Amtsgericht: in Braunschweig, Hessen, Lippe und Schaumburg-Lippe, Lübeck, Oldenburg und Preußen; in Hessen und den beiden Lippe ist eine wiederholte Erklärung erforderlich.
     Vor dem Bezirksamt: in Baden.
     Vor dem Standesamt: in Anhalt, Bayern, Hamburg, Sachsen, Thüringen und Württemberg; in Württemberg ist mindestens einen Monat, höchstens drei Monate vorher der Vorsitzende des Kirchengemeinderats (also der Pfarrer) zu benachrichtigen.
     Vor dem Pfarramt: in Bremen und den beiden Mecklenburg.
     Für Württemberg verwendbare Austrittserklärungsformulare sind gratis erhältlich vom Verlag der Sonntags-Zeitung, Stuttgart, Postfach 51.
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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