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  Soll ich Pfarrer bleiben?

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Ein Briefwechsel

Lieber Schairer!
     Auch du wirst dich manches fröhlichen und ausgiebigen Trunks erinnern, den wir als Studenten, ich glaube sogar als „gereifte“ Kandidaten der Theologie, einst miteinander getan haben und bei dem wir, wie man so sagt, ein Herz und eine Seele gewesen sind. Wenn ich's jetzt überdenke: innerlich nahe sind wir uns damals eigentlich nicht gestanden. Über ernste Dinge ist ja zwischen uns kaum einmal gesprochen worden. Jene ganze Hochschulzeit ist wohl für uns beide ein Lebensabschnitt gewesen, in dem wir unter unnormalen Spannungsverhältnissen atmeten — los vom Druck einer zwangsmäßigen Erziehung in Schule und Seminar und in Vorahnung des Drucks künftigen „beruflichen“ Broterwerbs im sogenannten Filisterium. Von mir wenigstens muß ich sagen, daß ich als Student aus einer Art von Urlaubsstimmung nie recht herausgekommen bin. Das war kein Boden für ernsthafte Freundschaft, so wenig wie für ernsthaftes Studium. Und so befinde ich mich in der merkwürdigen Lage, daß ich dich heute besser kenne und mehr mit dir verkehre als damals; heute, nachdem wir uns viele Jahre nicht gesehen noch gesprochen haben.
     Du errätst es: ich lese in meiner ländlichen Abgeschiedenheit seit vergangenen Herbst deine „Süddeutsche Sonntags-Zeitung“. Jeden Sonntag nachmittag, nach Erledigung meiner Amtspflichten, pflege ich mir sie nebst einer Pfeife zu Gemüt zu führen, und gestehe dir, daß ich mich dabei noch nie schlecht unterhalten habe. Ich kann mir denken, daß dein Blatt in Landpfarrerkreisen nicht gerade stark verbreitet sein wird; und sein Inhalt reizt mich gelegentlich zum Widerspruch, ja ich habe mich über den einen oder anderen Artikel auch schon rechtschaffen geärgert. Aber, was du vielleicht am wenigsten erwarten wirst: bei deinem Kampf gegen die Kirche bin ich durchweg als „stiller Teilhaber“ auf deiner Seite, Ich schüttle dir die Hand und sehe dich vor mir wie in alten Tagen, wie du in deiner nicht immer taktvollen, nicht immer verständnisvollen, aber gescheiten, freimütigen und geraden Weise über Gott und die Welt zu lästern pflegtest. „Beständig besoffen, zuweilen ein Narr, doch ein ehrlicher Kerl, und das letzte ist wahr“, wie es in dem Liede heißt, das wir gelegentlich miteinander gegröhlt haben. Und als ich kürzlich deine „Beichte“ mit der für meinen Geschmack etwas zu grellen Überschrift „Pfarrer durch Meineid“ las, da nahm ich mir vor, dir auch einmal eine Beichte abzulegen, dir zu schreiben, wie mir's in meiner geistlichen Haut zu Mute ist.
     Um es gleich vorauszuschicken: ich bin gerne Pfarrer und möchte an sich heute nichts anderes sein, auch wenn ich wählen könnte (was wir ja damals nicht gekonnt haben). Vor zwölf Jahren, als ich ziemlich widerwillig in den Beruf eintrat, hätte ich das nicht sagen können. Heute behaupte ich, daß das Amt des Pfarrers schöner ist als alle andern und keineswegs überflüssig, sondern notwendiger denn je. Gibt es denn außer dem Pfarrer noch einen Menschen in unserer Zeit, der nichts als Mensch zu sein braucht, nichts als Mensch sein darf, wenn er seine Stelle richtig ausfüllen will? Wo du hinschaust, sind Herren und Knechte, rechts und links „orientierte“, in die oder jene Schablone gepreßte, nach der oder jener Richtung aus dem Winkel geratene Existenzen, die kasten-, standes-, klassengemäß „empfinden“ — müssen, um sich beim Kampf aller gegen alle zu behaupten und in der Reihe zu bleiben. Ich weiß, auch bei meinen Kollegen, den Pfarrern, sind solche Leute, sind sie vielleicht in der Mehrheit. Das kommt von der falschen Auslese (über die du dich ja kürzlich auch geäußert hast) und kommt von der grundverkehrten sogenannten „Organisation“ der pfarramtlichen Tätigkeit, von der verfl . . . „kirchlichen Ordnung“, die auch aus dem Pfarrer einen „Kultusbeamten“, einen Vorgesetzten oder Nachgeordneten, einen Interessenvertreter und Bourgeois gemacht hat.
     Ich kümmere mich seit Jahren um die „Kirche“ überhaupt nicht mehr, sondern lediglich um meine Gemeinde, für die ich da bin. Ich lebe mit allen ihren Mitgliedern, als gehörten sie zu meiner Familie, ich rate, helfe, lege Hand mit an, wo ich kann, bin Vertrauter und Gast in Freud und Leid, und tue das Meine in Predigt und Unterricht, aus den Leuten rechte Menschen zu machen; keine Tugendgestalten und keine — Heuchler. Der fromme Heuchler ist auch mir die widerlichste Figur, darfst du mir glauben; viel ekelhafter als der roheste „Gottesleugner“. Kann sein, daß mich selber mancher „Bruder in Christo“ für einen Atheisten erklären würde, weil ich das Wort „Gott“ fast nie freiwillig in den Mund nehme und die ganze christliche Glaubenslehre nach und nach über Bord geworfen habe, um mir meine eigene Religion zu bauen, die der deinen so ähnlich sehen wird wie ein Ei dem andern.
     Du wirst sagen, wie es denn möglich sei, daß ich mit solchem „Unglauben“ Pfarrer auf dem Lande bin? Was meine Bauern dazu sagen und wie ich's mit der Liturgie halte?
     Erstens: meine Bauern — nun ja, es sind meistens Bauern, die Leute in W. — sind ganz mit mir einig, stehen auf meinem „Standpunkt“ und würden für mich durchs Feuer gehen. Es ist ein ganz oberflächliches Vorurteil der sogenannten gebildeten Leute in der Stadt, wenn sie meinen, der Bauer sei dumm und denkfaul. So kann bloß einer urteilen, der den Bauern nicht kennt und deshalb nicht zu behandeln weiß. Er ist zurückhaltend und er ist vorsichtig allem Neuen und Fremden gegenüber, und zwar mit einem guten Recht. Du lieber Himmel, wenn das Land allen euren Schwindel in der Stadt gleich mitmachen wollte — wohin wären wir da schon gekommen! Ich denke, du bist so verständig und hast so viel Erfahrung — du stammst ja, glaube ich, selber aus bäuerlicher Familie — daß du jenes läppische Vorurteil gegen den Bauern nicht teilst. Im übrigen mag es wohl sein, und unser Lehrer wird es dir bestätigen, was man schon den Gesichtern ansieht, daß die hiesige Bevölkerung über den Durchschnitt intelligent ist. Also: den Katechismusglauben haben auch „meine Bauern“ hier so wenig mehr wie ich, und ich und meine Gemeinde wissen ganz genau, was wir in dieser Beziehung voneinander zu halten haben.
     Nun das andere. Da stimmt's nun leider nicht ganz. Ich habe schon von der Kirche gesprochen. Ich kann dir sagen: ich hasse die Kirche, vielleicht viel mehr als du, der du ihr längst den Rücken gekehrt hast. Aber ich habe es bisher nicht fertig gebracht, ihr den Kampf anzusagen. Ich bin dem äußerlichen Konflikt stets aus dem Wege gegangen, und habe mich deshalb z. B. an die vorgeschriebenen liturgischen Formen gehalten, überhaupt alles „Offizielle“ pünktlich, wenn auch ohne innern Anteil, vielmehr mit beständigem inneren Widerspruch, erledigt. Aus einem praktischen Instinkt heraus, den du Feigheit nennen magst oder wie du willst: ich wollte meine Kraft und Zeit mit keinem für mich innerlich unfruchtbaren Streit belasten, bei dem ich schließlich doch den Kürzeren ziehen würde. Die Spuren Schrempfs, Steudels und anderer haben mich geschreckt: man steht in solchem Kampf auch heute noch allein da; die Freunde, die man für Bundesgenossen hielt, sind mit einemmal verschwunden, und die Behörde (daß es für einen Pfarrer eine „Behörde“ geben soll, unerhört!) triumfiert über den Abgesetzten. Ich hänge an meinem Pfarramt, ich gehe darin auf, ich möchte nicht mehr anders leben, ja nicht einmal in einer andern Gemeinde als in der hiesigen, mit der ich nun in sieben Jahren zusammengewachsen bin. Und so habe ich also bis heute versucht, meinen Wein in die alten Schläuche zu gießen.
     Du bist mit deinem Blatt ein wenig mit daran schuldig, daß mir dieses Ausweichen, dieses „Duck dich“ und „Druck dich“ in der letzten Zeit mehr als bisher zu schaffen macht. Ich habe mich mit Schrempf und Kierkegaard beschäftigt, und befinde mich in einer bösen Situation. Was soll ich tun? Mein Amt aufs Spiel setzen? Meine Gemeinde im Stich lassen? Oder wie bisher im Talar den Normalpfaffen markieren, meine Skrupel — die ich manchmal, aber vergeblich als pedantische Wortfuchserei abzutun versuche — weiter unterdrücken und vielleicht dadurch doch schließlich innerlich Schaden nehmen? Nicht ganz zu vergessen ist dabei auch, daß ich in meinen Jahren wohl nicht so leicht mehr umlernen und eine andere Stellung finden werde. Vermögen habe ich auch keines, meine Frau und die beiden Kinder müßten unter allen Umständen der Schwiegermutter zur Last fallen, die zwar nicht ganz ohne Mittel ist, aber heutzutage auch schon zu den gefährdeten Rentnerexistenzen gehört.
     Ich kämpfe schwer an dieser Entscheidung, an dem „Entweder — oder“, das sich mir immer schärfer formuliert. Zum Märtyrer bin ich nicht geboren, öffentlicher Kampf ist mir zuwider; zum Umsatteln bin ich zu alt. Trotzdem läßt mich eine Stimme — mein Gewissen, ganz richtig! — nicht los, die mich zwingen möchte, mit der Kirche zu brechen. Klaren Tisch zu machen, ein für allemal. Und die mir sagt: Jetzt ist die letzte Gelegenheit! Versäumst du's jetzt, dann wird es für immer zu spät sein!
     In dieser inneren Not habe ich mich hingesetzt, an dich zu schreiben. Ich glaube zwar zu wissen, was du mir antworten wirst; und fürchte, daß mir nicht viel damit geholfen sein wird. Aber vielleicht kannst du mir doch irgend etwas sagen, was mir dienlich ist oder mich weiterbringt.
     In Erinnerung an ehemalige gute Kameradschaft grüßt dich dein F. R., Pfarrer in W.
 
Lieber Freund R.!
     Du konsultierst mich in einer Gewissensfrage. Ich werde mich hüten, dabei anders zu entscheiden als dein Gewissen. Du fürchtest, damit werde dir nicht geholfen sein, da du die Kraft nicht habest, deinem Gewissen zu folgen. Aber dein Fall, lieber R., liegt, wie ich sehe, keineswegs schwierig, sondern ganz außergewöhnlich günstig.
     Selbstverständlich sollst und mußt du mit der Kirche brechen, wenn du nicht an deiner Seele Schaden nehmen willst, was nach einem dir wohlbekannten Wort zu vermeiden ist, auch wenn man dabei die ganze Welt gewänne. Auf der anderen Seite wär's — abgesehen von den Schwierigkeiten des Umsattelns und Unterkommens — jammerschade, wenn du deinen Beruf aufgeben würdest. Ich teile die Auffassung, die du von ihm hast, durchaus; und finde, daß gerade du zum Pfarrer wirklich „berufen“ bist, wie selten einer.
     Folglich heißt für dich die Lösung des Problems: du mußt aus der Kirche heraus, aber Pfarrer bleiben. Mit anderen Worten: du mußt samt deiner ganzen Gemeinde aus der Kirche austreten.
     Wenn es richtig ist, daß du mit dieser Gemeinde so eng verbunden bist, dann wird das eine ganz einfache Sache sein.
     Du besprichst dich zunächst vertraulich mit dem Kirchengemeinderat und berufst dann eine Gemeindeversammlung, in der der Austritt aus der Landeskirche beschlossen und die neue „freie Gemeinde W.“ konstituiert wird. Es wird ein bißchen Aufsehen machen, die „Behörde“ wird sich entsetzen, die Herren Kollegen werden klatschen. Kann dir und deiner Gemeinde egal sein. Für euch ändert sich praktisch überhaupt nichts, als daß du von da an keinem Konsistorium in Stuttgart, keinem Prälaten und keinem Dekan mehr Rechenschaft über deine Amtsführung schuldig bist, sondern lediglich dir selber und deiner Gemeinde. Also kann dich auch keine organisierte Pfaffenschaft (denn das ist die „Kirche“) mehr zwingen, um deines Brotes willen dich an ihrer Verschwörung gegen das Reich Gottes zu beteiligen.
     Vor der rechtlichen Auseinandersetzung mit der alten Herrschart brauchst du keine Angst zu haben. Die ganze Geschichte ist ja schon einmal aufgeführt worden — vor 400 Jahren. Eure Dorfkirche bleibt stehen, wo sie steht, die wird euch wohl das Konsistorium nicht wegtragen. Was sonst im Ort zum „Kirchengut“ gehört, geht automatisch in den Besitz der neuen Kirchengemeinde über. Aus deinem Pfarrhaus wird dich niemand vertreiben. Nur daß es von jetzt an von der Gemeinde selber unterhalten werden muß. Ebenso wirst du dein Gehalt von der Gemeinde bekommen, statt von Staat oder Kirche. Die neue Besoldungsaufbesserung und „Einstufung“ der Pfarrer im Lande Württemberg geht dir natürlich flöten, samt der Pensionsberechtigung.
     Die Gemeinde wird vielleicht nicht in der Lage sein, dich so üppig zu bezahlen, wie es bis jetzt der Staat getan hat. So wie ich dich kenne, wirst du das auch nicht verlangen. Du wirst damit einverstanden sein, daß du zu deinem Unterhalt außer dem Predigen usw. auch noch eine weltliche Hantierung treibst. Die Gemeinde soll dir an Grund und Boden zur Verfügung stellen, was eine Familie zur Selbstversorgung braucht. Das treibst du um, wie jeder andere Bauer auch, und du wirst noch ganz anders mit deiner Gemeinde zusammenwachsen als bisher. Jetzt erst wirst du ein rechter Bauernpfarrer werden und Wurzel fassen, wo du stehst.
     Wer weiß, ob dein Beispiel nicht Nachahmung finden würde. Auch in altgläubigen Gemeinden; gerade in diesen. Es könnte der Anstoß zu einer großen Bewegung, zu einer neuen Reformation werden. Bei der würde dann nicht wie bei Luthers verpfuschter Reformation eine neue Kirche mit ein bißchen anderer Dogmatik und verschlimmbessertem „Gottesdienst“ herauskommen, sondern in ihr würde die Kirche ihren Untergang finden, sehr zum Besten dessen, was ihr in eurer Sprache das „Reich Gottes“ heißt. Laß dir von einem Theologen erklären oder mach dir's, wenn du einer bist, selber klar, daß ein solcher kirchlicher Syndikalismus (wenn ich so sagen darf) gerade das ist, was auch die ersten Christen gehabt haben und was sich allein mit der Religion verträgt.
     Oder hast du vielleicht den Mund ein wenig zu voll genommen? Sind deine Bauern am Ende doch nicht so „aufgeklärt“ und so Feuer und Flamme für dich, daß sie dir als ihrem Führer folgen würden, auch wenn es gegen das Hergebrachte und gegen die Obrigkeit geht? Dann, lieber R., kann ich dir keinen Rat geben. Dann siehe du zu, wie du mit dir fertig wirst. Dein ergebener
 
    1921, 31 Schairer
 
 Als der Heiland die Welt erlösen wollte, hatte er offenbar nicht mit den Konsistorien gerechnet.
     1922, 48 M o m o s
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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