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  Katholische Renaissance

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Im Katholizismus vollzieht sich zurzeit ein äußerst wichtiger Vorgang, den in den Lagern der Christen anderer Bekenntnisse wie der „Gottlosen“ fast niemand auch nur ahnt und der auch in der Gemeinde der katholischen Gläubigen nur wenigen Laien zum Bewußtsein kommt, da er im wesentlichen von den geistigen Vorkämpfern und den kirchlichen Autoritäten gefördert und gelenkt wird. In den oberen Regionen ist ein Leben im Gang wie seit langem nicht: der Katholizismus hat mit einem großen Schritt seine jahrhundertelange Trennung vom Leben seiner Zeit überwunden und den Anschluß an die Kultur der Gegenwart gefunden.
     Die neue Bewegung wird in der katholischen Literatur durch Schlagworte gekennzeichnet, deren Merkmal ist, daß sie keinen Zustand, nichts Statisches, bezeichnen, sondern einen Vorgang, ein Dynamisches. Solche Worte sind: „Heraus aus dem Ghetto!“, „Durchbruch der Zeit“, „Wiederbegegnung von Kirche und Kultur“, „Rückkehr des Katholizismus aus dem Exil“.
     Diese Ausdrücke kennzeichnen exakt das, was vorgeht. Der Katholizismus ist aus seiner Isolierung heraus- und als aktiver Faktor ins heutige öffentliche Geschehen eingetreten. Damit wird er mehr als bisher — wo die Zentrumspartei sein politisches, aber nur auf dem eigentlichen Gebiet der Politik, dem staatlichen, verwendbares Werkzeug war — politische Macht, und zwar aktive politische Macht. Er geht zur Wiedereroberung seiner Position im geistigen öffentlichen Leben über. Seine Aktivität äußert sich zunächst in einer Aneignung der für die Beteiligung auf gleicher Basis nötigen Gedankengänge und geistigen Methoden, durch äußere Angleichung an die geistigen Formen, in denen wir leben. Sie spielt sich ab auf wissenschaftlichem, künstlerischem (literarischem) und theologischem Gebiet.
     Wissenschaft: Die Notwendigkeit, katholische Gelehrte und Denker, die sich die Freiheit der Forschung nicht nehmen, ihre wissenschaftliche Überzeugung nicht rauben lassen, im Rahmen der Kirche zu halten, hat die Stellung der führenden Köpfe im Katholizismus zum modernen Denken vollständig verändert. Was früher von den katholischen Geistigen nur im Stillen anerkannt war, aber nicht öffentlich bekannt wurde, wird heute ausgesprochen. Kant, der noch vor wenigen Jahrzehnten der böse Feind selbst war, ist heute von allen katholischen Filosofen anerkannt. Der Darwinismus, soweit er der nichtkatholischen Wissenschaft als grundlegend gilt, ist angenommen. Die soziologischen Fragen werden von den Jesuiten unbefangener, gründlicher und aufrichtiger betrachtet als von nichtkatholischen idealistischen, gefühlsmäßig kapitalistisch-reaktionären Wissenschaftlern.
     Literatur: Hier ist der „Durchbruch“ am markantesten. Es ist in den maßgebenden katholischen Zeitschriften längst selbstverständlich geworden (und auch ausgesprochen worden), daß die alte Beurteilungsweise, nach der ein Werk — unabhängig von seinem literarischen Wert oder Unwert — als gut oder schlecht etikettiert wurde, je nachdem es katholisch-christliche Gesinnung zeigte oder nicht, absolut abzulehnen ist. Man würdigt heute Bücher nach ihrer literarischen Bedeutung und fügt erst dann — in der Regel leidenschaftslos, sachlich, kurz — die eigene Meinung über die abzulehnende oder zu billigende Tendenz hinzu. Zu dieser Wandlung hat die Tatsache beigetragen (vielleicht sogar den Anstoß gegeben), daß eine Anzahl katholischer Dichter von sich aus das Exil aufgegeben und sich den nichtkatholischen in der Wahl der Stoffe, der Methode der Darstellung (nur Wirkliches, möglichst Erlebtes, auch bisher Verpöntes, unter objektiver Beurteilung des Werts oder Unwerts nach allgemein menschlichen, nicht nach kirchlichen Gesichtspunkten und mit unmaskierten, ehrlich schildernden Mitteln wiederzugeben) angepaßt haben. Hieher gehören vor allem Jakob Kneip, Josef Winckler, Franz Herwig, Leo Weismantel. Wer sich mit Literatur und Literaturwissenschaft befaßt, gewinnt nur ein unvollständiges Bild, wenn er nicht mindestens Karl Muths „Hochland“, die „Stimmen der Zeit“ (das Blatt der deutschen Jesuiten) und den „Gral“ des Jesuiten Friedrich Muckermann, die literarische Zeitschrift der „älteren“ Richtung, verfolgt. Es ist für bisher Ahnungslose erstaunlich, wie sehr selbst Muckermann modern denkt.
     Theologie: Die Kirche entdeckt in den reichen Schätzen ihrer geistigen Güter Sätze, die so protestantisch sind, daß ihre Bekanntgabe auch die heute im Katholizismus gar nicht seltenen freier, weiter denkenden gebildeten Laien bei Rom hält. In Schrift und Wort vollzieht sich eine Reformierung der Lehre, wie sie noch nicht dagewesen ist. Jesuiten verkünden Sätze wie: Folge deinem Gewissen, selbst auf die Gefahr hin, daß es dich falsch berät. Jede Handlung gegen die Stimme des Gewissens ist schlecht (eine „actio mala“); jede Handlung, die mit dem Gewissen in Übereinstimmung steht, ist gut (eine „actio bona“). Und: Ein Katholik muß sich eher von allen Sakramenten ausschließen (also exkommunizieren) lassen als seinem Gewissen zuwiderhandeln. Diese Sätze sind keineswegs eigene Thesen moderner katholischer Denker, sondern altes Gut des kirchlichen Geistesschatzes. Der erste stammt von Thomas von Aquin, der zweite von Augustinus. Mit der Wiederbelebung der Lehren ihrer ältesten, als wesentlichste Säulen des katholischen Glaubens anerkannten Lehrer findet die Kirche Anschluß an das moderne Denken.
     In einer katholischen Zeitung hat vor einiger Zeit ein Geistlicher geschrieben, wenn die Anzeichen nicht trügen, werde dieses Jahrhundert das Jahrhundert der Kirche werden. Der Mann kann recht haben.

    1927, 50  Max Barth
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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