Erich Schairer   home | Site Map | So-Ztgs-Artikel | Zeittafel | Autoren
  voriger Artikel | zum Inhalt | nächster Artikel
  Staat und Kirche im neuen Russland

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

Probieren Sie's mit der Stichwortsuche:


Das neurussische Staatswesen bildet den Versuch, die Staatsmacht, die Wirtschaft und die Kultur nach einem einheitlichen und geschlossenen Plane aufzubauen und zu leiten. Die Grundlage dieses Planes bildet die marxistische Weltanschauung. Wer demnach in die Verhältnisse des neuen Staates eindringen will, die Grundlage seiner Macht, seine gesellschaftliche Struktur, seinen wirtschaftlichen Aufbau und seine kulturellen Institutionen kennenlernen will, der muß zunächst, ganz gleichgültig, wie er persönlich zu diesen Dingen steht, von dieser Tatsache ausgehen. Von hier aus kann ihm erst der Sinn manchen Gesetzes, mancher Einrichtung, mancher Erscheinung erschlossen werden.
     Nach der Theorie des historischen Materialismus beruht die bürgerliche Gesellschaftsordnung auf dem unüberbrückbaren Gegensatz zweier Klassen, der mit aller Folgerichtigkeit nicht nur die Bürger in zwei feindliche, gegensätzliche Heerlager spaltet, sondern auch bewirkt, daß alle Einrichtungen und Erscheinungen Kulissen gleichen, die, je nachdem ob es sich um die Angehörigen der herrschenden oder die der unterdrückten Klassen handelt, eine andere Seite zeigen, mag es sich um Wissenschaft, Kunst, Religion, Ethik oder sonst etwas handeln. Es ist die Aufgabe der herrschenden Schicht bei Strafe ihres Unterganges, die Ideologie ihrer Klasse im Bewußtsein des Klassengegners zu verankern. Dadurch wird naturgemäß heute das Proletariat seinen eigenen Klassenidealen und Klasseninteressen entfremdet und erbarmungslos auch in die geistigen Mühlen des Kapitalismus hineingestoßen.
     Nach marxistischer Theorie hat in der bürgerlichen Ordnung auch die Religion und ganz besonders die Institution, der die Vertretung und Verbreitung derselben obliegt, die Kirche, den ausgesprochenen Zweck, die unterdrückte Klasse in ein System von Abhängigkeiten zu verstricken, damit sie dem Interesse der herrschenden Klasse leichter dienstbar gemacht werden kann.
     Diese These ist die Staatsauffassung des neuen Rußland. Schon unter dem 23. Januar 1918 wird darum zum Schütze der Gewissensfreiheit jenes denkwürdige Dekret über Staat und Kirche erlassen, dessen wichtigste Bestimmungen sich auf folgende vier Sätze reduzieren lassen:
     1. Staat und Kirche sind getrennt. 2. Religiöse Gemeinschaften können nicht Körperschaften öffentlichen Rechts sein und haben infolgedessen weder Eigentums- noch Steuerrechte. 3. Kirche und Schule sind getrennt; in den Schulen ist es bei Strafe verboten, Religionsunterricht zu erteilen. 4. Die Geistlichen haben weder aktives noch passives Wahlrecht, da in der Sowjetunion nur solche Bürger politische Rechte genießen, die produktive Arbeit verrichten.
     Smidowitsch, einer der obersten Beamten des neuen Staatsapparates, berichtete mir in einer Unterredung, daß die Trennung von Staat und Kirche sich im allgemeinen auffallend reibungslos vollzogen habe; die griechisch-orthodoxe Kirche habe sich durch ihre unersättlichen Herrschaftsgelüste in den breiten Schichten der Bevölkerung durchaus unbeliebt gemacht; außerdem sei der russische Bauer niemals im wahren Sinne des Wortes tief gläubig gewesen. Das vorrevolutionäre Rußland verkörperte das Prinzip der Einheit von Staat und Kirche in seiner radikalsten Form; war doch die orthodoxe Religion neben dem Nationalismus der stärkste Pfeiler der zaristischen Selbstherrschaft. Die Kirche übte nicht nur in hohem Maße staatliche Funktionen aus (Standesregister, Eheschließung und dgl.), sondern beherrschte völlig das gesellschaftliche und private Leben. Dabei war sie unduldsam bis zur Brutalität gegen die zahlreichen Anhänger anderer Religionen und Sekten, die sie drangsalierte und mit Verbannunng belegte. Von ihnen allen wurde darum das Religionsdekret mit lebhafter Freude begrüßt.
     Mit weniger Enthusiasmus wurde es freilich von den früheren Trägern der kirchlichen Macht aufgenommen. Verloren sie ja doch durch die Beseitigung ihrer Machtfülle nicht nur den ideologischen Einfluß auf die Massen, sondern vor allen Dingen durch die Entziehung der materiellen öffentlichen Mittel ihre respektablen Einnahmequellen. Bezifferten sich doch beispielsweise die Einkünfte des Metropoliten von Moskau und Kiew auf je 100 000 Rubel, des Metropoliten von Petersburg auf 300 000, des Erzbischofs von Nowgorod gar auf 310 000 Goldrubel. Der Verlust dieser horrenden Einnahmen macht es verständlich, daß gerade die hohen kirchlichen Würdenträger mit grundsätzlicher Abneigung den neuen Verhältnissen gegenübertraten und daß sie während der Bürgerkriegsjahre zu den rabiatesten Anhängern der politischen Opposition gehörten.
     Immerhin war die Durchführung des Kirchendekrets auch um deswillen leicht, weil die neuen Machthaber über wichtiges Material hinsichtlich des kirchlichen Reichtums verfügten und dieses Material zur Begründung des staatlichen Schrittes ausgiebig verwerteten. So konnte man die Tatsache ausnutzen, daß die Kirche sich zu den 70 Millionen Rubel, die sie wohlverwahrt in den Tresors der Banken hielt, alljährlich 50 Millionen Rubel Staatszuschüsse gewähren ließ; daß Kirchen und Klöster über ungeheuren Landbesitz verfügten, der sich bei den Klöstern auf 200 000 Hektar, bei den Kirchen auf 2 000 000 Hektar belief; daß sie daneben noch riesige Geldgeschäfte abwickelten durch Häuserhandel, Lädenvermietung, Bodenschacher, Hotelbewirtschaftung; daß sie gewaltige Einkünfte zogen aus Kasualien, testamentarischen Vermächtnissen usw., kurzum den bekannten guten Magen erwiesen; daß die Zahl ihrer Angestellten eine ganze Armee umfaßte, die völlig auf Kosten des Volkes lebte, nämlich in 52 869 Kirchen 107 803 Personen als Oberpriester, Priester, Hilfspriester und Psalmensänger, in 455 Männerklöstern 19 569 Personen als Mönche und Klosterbrüder, in 418 Frauenklöstern 60 819 Personen als Nonnen und Novizen, also einen Stab von fast 200 000 Personen insgesamt.
     Alle diese Reichtümer hat der Oktoberumsturz nationalisiert, Länder und Kapitalien der werktätigen Bevölkerung übergeben. Alle staatlichen Zuschüsse sind fortgefallen, die Kirchen haben als einzige Einnahmequelle die Kollekten und die Abgaben für Kasualien. Die Kirchengebäude und Kultusgeräte, obwohl staatlicher Besitz, werden in weitherziger Weise unentgeltlich den Kirchengemeinden überlassen, sobald nur 20 Personen einen dahingehenden Antrag stellen; wo die nächste Kirche weiter als fünf Kilometer vom Orte entfernt ist, genügen schon fünf Unterschriften. Die Kirchen dürfen bei Jugendlichen unter 18 Jahren keine religiöse Agitation treiben, jedoch ist es den Eltern überlassen, ihren Kindern, allerdings nicht mehr als je drei zusammen, privaten Religionsunterricht geben zu lassen, und für Kinder gestattet, in Begleitung von Erwachsenen an den Gottesdiensten teilzunehmen. Für ihren Nachwuchs haben die kirchlichen Organisationen selbst zu sorgen; er wird auf Priesterakademien vorgebildet, denen jedoch streng verboten ist, irgendwelche politische Agitation zu treiben. In den staatlichen Bildungsanstalten, und solche gibt es nur, wird kein Religionsunterricht erteilt, infolgedessen sind auch die Heiligenbilder daraus verschwunden und die Heiligenecken ausgeräumt. Die leerstehenden Kirchen werden öffentlichen Zwecken dienstbar gemacht.
     Obwohl das ganze neue Staatsgebilde auf antireligiösen Voraussetzungen beruht, hält der Staat durch seine öffentlichen Organe mit aller Strenge auf Neutralität und sorgt dafür, daß den religiösen Privatangelegenheiten seiner Bürger keinerlei Zwang angetan wird und daß die Gefühle religiös Denkender nicht verletzt werden. War es im jugendlichen Drang nach Freiheit in den ersten Wochen nach der Revolution vorgekommen, daß die kommunistische Jugend den Osterprozessionszug der Tausende dadurch störte, daß sie sämtlichen Teilnehmern die brennenden Wachskerzen auslöschte, oder daß sie an hohen kirchlichen Feiertagen vor Beginn der Kulthandlungen den Gläubigen die Plätze wegnahm, so hat der Staat zu derartigen Störungen nicht nur nicht geschwiegen, sondern hat ihre Wiederholung oder das Aufbringen neuer Schikanen gegen die Kirchen unmöglich gemacht; ebenso schreitet er streng gegen Vergewaltigungen und Verhöhnungen der religiösen Gebräuche oder der Gegenstände des Kultus ein. Wissen doch die neuen Machthaber als gute Volkspsychologen zu gut, daß die Masse ungemein empfindlich ist gegen jede Verletzung ihrer religiösen Gefühle, daß man mit derartigen wie den angeführten Mitteln auch die Sympathien derjenigen wieder erweckt, die schon im Begriff stehen, sich von den religiösen Bindungen zu befreien, daß man nur unnötigerweise Märtyrer schafft und den Kampf gegen die religiösen Vorurteile nicht beschleunigt, sondern aufhält.
     Der Staat selbst übt Neutralität bis zur letzten Konsequenz. Und doch muß er seiner ganzen ideologischen Auffassung nach Mittel ergreifen, um seinem Ziele, der Erziehung des antireligiösen, völlig diesseitig gerichteten Menschen näher zu kommen. Denn mit Dekreten kann man wohl äußere Angelegenheiten regeln, aber nicht die Geister reglementieren und Vorurteile beseitigen, die jahrhundertelange Tradition und religiöser Fanatismus erzeugt haben. Der Staat nimmt denn auch mit Energie und Beharrlichkeit den Kampf gegen die religiöse Rückständigkeit der Massen auf, wenn auch mit der gebotenen Geduld und Vorsicht.
     Als eine wirksame Waffe erwies sich ihm die an vielen Orten der Union durchgeführte Öffnung der „unverweslichen“ Reliquien, die den Massen den Betrug aufdeckte, den die Orthodoxie mit ihnen getrieben hatte. Es ergab sich nämlich, daß diese Reliquien ebenfalls dem „Zahn der Zeit“ nicht Widerstand geleistet hatten, genau wie die Körper anderer Sterblicher, und daß die gutmütigen Bauern in den Klöstern statt der Stirn irgend eines Heiligen, die aus dem Sarge herausschauen sollte, ein aufgenageltes Stück Leder geküßt hatten. Im hygienischen Museum in Moskau wird an den mumifizierten Leichen eines sogenannten Heiligen, eines Geldfälschers und einer Ratte wissenschaftlich erläutert, auf welch natürliche Weise solche Mumien entstehen, und in dem Kloster des Sergius wird allen Beschauern gezeigt, daß der „heilige Brunnen“ mit dem angeblich aus der Erde sprühenden Weihwasser durch ein kleines Pumpwerk in Funktion gesetzt worden ist, das in der nebenstehenden Kapelle aufgestellt war. Derartige Fälle plumpesten Volksbetrugs werden nicht nur in groß aufgezogenen Gerichtsverhandlungen zur Kennntnis der Allgemeinheit gebracht und schwer bestraft, sondern geeignete Stätten, z. B. Klöster, werden durch planmäßig veranstaltete Besichtigungen zu Zentren der Aufklärung gemacht.
     Neben der wissenschaftlichen Aufklärungsarbeit sorgt das Bestehen eines sozialistischen Gemeinwesens an sich für die Überwindung der transcendentalen Vorstellungswelt; denn die religiöse Ideologie ist letzten Endes sozial bedingt. Der Staat sieht darum in der Mitbeteiligung all seiner Bürger am neuen sozialen Aufbau und an der Wirtschaft den Hauptfaktor im Kampf gegen die religiösen Vorurteile; und in der Tat wirkt jedes neue Krankenhaus und Erholungsheim, das geschaffen wird, die Erweiterung des Schulnetzes und der planmäßige Kampf gegen das Analfabetentum, jedes neue Wasserwerk und jede Fabrikanlage in diesem Sinne. Schon verkaufen in manchen Gegenden die Bauern die Kirchenglocken und schaffen dafür Traktoren an, denn sie haben in der Zeit der Hungersnot gelernt, daß moderne Produktionsmaschinen wirksamere Mittel gegen Naturkatastrofen sind als Beten und geduldiges Rutschen auf den Knien.

    1929, 33 Hugo Jacobi
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
voriger Artikel | zum Inhalt | nächster Artikel
Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
home | Site Map | So-Ztgs-Artikel | Zeittafel | Autoren