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  Der Medizinmann

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Jawohl, sagte Max, als die Hebamme fort war und wir uns mit einem schönen Krug Steinwein in der Laube beim Holunderbaum niedergelassen hatten, jawohl: der Ring hat sich geschlossen. Ich bin ziemlich genau das, was bei den Ostjaken oder Samojeden, von denen du herkommst, der Medizinmann ist. Nur stehen wir hier, wenn ich so sagen darf, eine Spiralwindung höher. Wir wissen manche Dinge, die unsere Vorfahren bloß geahnt haben. Wir handeln aus bewußter Überlegung, wo der Wilde seinem Instinkte folgt. Wir haben eine Technik anstatt einer Geheimlehre. Aber auch wir sind ein wenig Magier: wir bedienen uns des Zaubers, der in Wort und Form liegt. Und auch wir huldigen vielleicht noch manchem Aberglauben, über den spätere Geschlechter lächeln werden; oder nehmen für Aberglauben, was der nächsten geistigen Etappe schon Wissenschaft heißen wird.
     Wenn man so lange aus der Heimat fort war wie du, dann ist es begreiflich, daß man nicht mehr ganz auf dem Laufenden ist. Wann bist du eigentlich damals ausgereist? 1937? Freilich, damals gab es noch die Pfarrer vom alten Schlag. Ich hatte kurz vorher mein zweites Examen gemacht und amtierte als Vikar in Hedelfingen. In nicht gerade glänzender innerer Verfassung, denn das berufsmäßige Lügen nimmt die Nerven ekelhaft mit und ist nicht jedermanns Sache. Da ich eine Tante beerben konnte, bekam ich ein wenig Kapital auf die Hand. Ich quittierte kurz entschlossen den Pfarrdienst, zog meinen Talar aus und ging wieder als Student nach Tübingen, diesmal als Mediziner. Es waren herbe Jahre, denn ich war schon ein älteres Haus und mußte manchmal trockenes Brot essen. Aber ich konnte anständigen Menschen wieder frei ins Auge sehen; und dann zeigte es sich bald, daß mich mein guter Genius geleitet hatte.
     Im Jahre 1945 — ich glaube, wir hatten ein Kabinett Eckert, der Mann war einmal badischer Pfarrer gewesen — beschloß der Reichstag nach türkischem Vorbild die Trennung von Staat und Kirche. Du wirst dir kaum vorstellen können, was das damals für eine Katastrofe absetzte. Die Gemeinden sollten ihre Pfarrer von jetzt an selber anstellen und bezahlen. Da sah man nun, wie wenig lebendiger Inhalt mehr in der alten kirchlichen Form enthalten war. Mit wenigen Ausnahmen schlief, wenigstens in den protestantischen Gegenden, der kirchliche Betrieb einfach ein. Die Leute behaupteten, daß sie den Schwindel sowieso satt hätten, daß sie kein Geld für zweifelhafte Sachen übrig hätten, oder aber: daß man das, was seither der Pfarrer geleistet hätte, auch billiger haben könne. Der alte protestantische Gedanke des allgemeinen Priestertums feierte eine seltsame Auferstehung. Schultheißen, Gemeinderäte, vor allem Lehrer übernahmen im Nebenamt, unentgeltlich oder gegen eine bescheidene Dotation, die bisher pfarramtlichen Funktionen. Begruben die Toten, tauften die Kinder, hielten Reden bei Schulentlassungen und Hochzeitsfeiern, und bald auch regelmäßige Erbauungsvorträge. Umsonst machte die Kirche ihre Ansprüche auf die kirchlichen Gebäude, Friedhöfe, Pfarrhäuser, Pfarrgärten geltend. Vielfach wurden die Räume von den Wohnungsämtern beschlagnahmt oder von der bürgerlichen Gemeinde unter mehr oder weniger legalen Formen säkularisiert. In besonders gottlosen Gauen gab es eine Zeitlang Kirchen, die als Scheuern und Ställe verwendet wurden. Pfarrhäuser wurden in Schulen, in Krankenhäuser, ja in Wirtshäuser umgewandelt, nachdem ihre einstigen Inhaber den Platz geräumt hatten.
     Die finanzielle Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche, eine verdammt mühselige Arbeit, war noch nicht zu Ende, als im Jahr 1948 die berühmte Lex Frohmaier herauskam, die mit einem Schlag an Stelle des eingerissenen chaotischen Durcheinanders eine neue Ordnung heraufführte und die Grundlage unseres heutigen Zustandes und damit auch meines hiesigen Amtes bildet. Dieses Gesetz bestimmt, daß für jede Gemeinde bis zu 2000 Einwohnern und in größeren Orten auf je ebensoviele Köpfe ein psychoanalytisch ausgebildeter Arzt zu bestellen ist, der sein festes Gehalt als Staatsbeamter bezieht und dafür seinen Sprengel unentgeltlich zu behandeln hat. Jetzt wurden die Ärzte das, was vorher die Pfarrer gewesen waren.
     Der ärztliche Beruf war bis dahin, wie du dich erinnern wirst, sogenannter „freier Beruf“ gewesen. Allerdings nur dem Namen nach. Krankenkassen und ärztliche Standesorganisation hatten längst dafür gesorgt, daß, wenigstens für den breiten Durchschnitt der Ärzte, aus der Freiheit weitgehende Gebundenheit geworden war. Diese wurde der „Freiheit“, d. h. der unsicheren Existenz, zwar von vielen vorgezogen. Aber das Kassenwesen mit seinem bürokratischen Apparat war doch eine Halbheit, ein Zwitterzustand, der auf die Dauer nicht bleiben konnte. Man mußte den Schritt einmal zu Ende machen: zur beitragslosen Krankenversicherung, d. h. unentgeltlichen ärztlichen Behandlung jedes Einzelnen als eines Stücks des jedem Volksgenossen zu garantierenden Existenzminimums, und damit zur öffentlichen Bestallung von Gemeindeärzten. Die Vorteile dieser Lösung liegen auf der Hand; ihre Nachteile fallen dagegen nicht ins Gewicht. Fast alle, die anfangs zweifelten, sind heute belehrt: durch den Nachweis des gehobenen durchschnittlichen Gesundheitszustands, durch die unwiderlegliche Sprache der gesunkenen Sterblichkeitskurve.
     Stell dir vor: der frühere Arzt hatte ja kein Interesse an der Gesundheit seiner Mitbürger. Im Gegenteil: wenn diese sich als allzu robust erwies, wenn lange Zeit keine Seuche auftrat, wenn die Leute bloß an der Altersschwäche starben, dann mochte er zusehen, wo er mit Frau und Kindern hinkam. Wogegen zum Beispiel so eine richtige ausgedehnte Grippe-Epidemie im Frühjahr ein wahrer Segen für seinen Geldbeutel war. Denn jeder Kranke weiter war doch ein Kunde weiter, an dem viel oder wenig, aber jedenfalls etwas verdient war. Heutzutage, beim beamteten Arzt, liegt der Fall umgekehrt. Er hat dasselbe Gehalt, ob viel oder wenig Krankheitsfälle vorkommen. Jeder Kranke weiter vermehrt seine Arbeitslast, ohne seinen Verdienst zu steigern. Dazu kommt ein geradezu raffiniert kluger Zusatz, der auf Antrag des Abgeordneten Kazenwadel damals der Lex Frohmaier beigefügt worden ist, um einer von manchen Seiten befürchteten gewissen beruflichen Leichtfertigkeit entgegenzuwirken (der übrigens schon mit der Wählbarkeit bzw. Absetzbarkeit der Gemeindeärzte durch Volksabstimmung vorgebeugt ist): jeder Amtsarzt ist verpflichtet, bei sämtlichen Todesfällen in seinem Bezirk die Leichenrede zu halten. Je weniger Todesfälle also und je weniger Krankheitsfälle passieren, desto leichter und angenehmer haben wir Ärzte es heute. Und wir tun deshalb alles Mögliche, um die Gesundheit unserer Gemeinden zu festigen. Wir bemühen uns, vorzubeugen statt zu heilen. Dreiviertel aller Krankheiten beruhten früher auf schlechter Wohnung, falscher Kleidung, falscher Ernährung. So unausrottbar es einst schien, — heute gibt es das alles kaum mehr.
     Gleichzeitig hat sich unser Stand mächtig gehoben. Wir sind, ohne Übertreibung, heute der wichtigste und geachtetste Beruf im Staat. Wir sind die wahren Pastoren, die Hirten unseres Volkes. Daß wir nach und nach die tatsächlichen Erben unserer ehemaligen „geistlichen“ Vorgänger geworden sind, hat mehrere Gründe, äußere und innere. Wir haben fast durchweg die ehemaligen Pfarrhäuser bezogen. Wir waren durch das Amendement Kazenwadel von vornherein verpflichtet, bei den Bestattungen zu sprechen. Die psychoanalytische Praxis, die wir alle von amtswegen ausüben, ist nichts anderes als die Wiederaufnahme des von der Reformation seinerzeit törichterweise abgeschafften, für die seelische Gesundheit so überaus wichtigen Institutes der Ohrenbeichte. Daß der Herr Pfarrer sich früher Seelsorger nannte, war eine Frase, nichts weiter; wir sind das wieder in Wirklichkeit. Ganz von selber ist es allmählich so gekommen, daß wir auch bei den Geburts- und Mannbarkeitsfesten — Trauungen im alten Sinn gibt es fast keine mehr — leitend mitwirken. Und schließlich haben die meisten von uns auch die Abhaltung der sonntäglichen Morgenfeiern auf sich genommen, ohne daß wir bis jetzt gesetzlich dazu verpflichtet wären. Neuerdings pflegen die Studenten der Medizin im Hinblick auf diese künftige Aufgabe sich bereits nebenher etwas mit Musik, Filosofie und Redekunst abzugeben. Mit Theologie, wie sich jene sonderbare Pseudowissenschaft ehemals nannte, hat das natürlich so gut wie nichts zu tun.
     Mein Freund hatte geendet, das Abendrot schien in die Neige unserer Gläser, und eben begann das Abendglöcklein zu läuten. Wir tranken den letzten Schluck auf meinen Freund im fernen Osten, den weisen Medizinmann Li-Tai-Po. Und da kam auch schon die Hebamme durch den alten Pfarrgarten auf uns zu. Guten Abend, Herr — Pfarrer, sagte sie. Kommen Sie bitte gleich mit Ihren Instrumenten, es ist so weit.

    1928, 18  Adam Heller
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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