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  Schulabbau

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Fast alle Reisenden, die in den letzten Jahren aus Rußland zurückgekommen sind, auch solche, die sehr „bürgerlich“ gesinnt waren und den russischen Dingen fremd und ablehnend gegenüberstanden, haben sich im Tone der Bewunderung über die Anstrengungen der russischen Unterrichtsverwaltung ausgesprochen. Auch wenn es im Ganzen noch so übel aussah: für die Kinder, für die kommende Generation wurde gesorgt. Alles Mögliche war „abgebaut“, verfallen, vernichtet: im Erziehungswesen wurde aufgebaut. Für die Schule, für die Kinder war kein Opfer zu groß.
     Ich glaube nicht, daß wir in Deutschland so daran sind, wie man es in Rußland ist oder gewesen ist. Aber wir beginnen jetzt, weil die Rechnung im Staatshaushalt nicht aufgehen will, mit dem ganzen (in der Tat unwirtschaftlichen) Beamtenapparat der Verwaltung auch den Lehrerstand „abzubauen“. Noch vor zehn Jahren haben wir auf einen Staat wie die Türkei heruntergesehen, weil in seinem Budget die Polizei eine größere Rolle spielte als die Schule. Heute scheinen wir uns dieses Budget zum Muster nehmen zu wollen.
     Solange in einer Volksschulklasse durchschnittlich 50 Schüler sitzen, ist es ein Unsinn, an Schulabbau zu denken. Wir haben viel zu wenig Lehrer, nicht etwa zu viele. Aber von diesen wird man jetzt den fünften Teil „abbauen“.
     Allerdings, wenn der Lehrer nichts anderes wäre als ein Schulbeamter, und der „Erziehungsapparat“ in Wirklichkeit nur ein Teil des Verwaltungsapparats, dann könnte man meinetwegen ruhig auch da so und soviel Prozent abbauen. Wenn wir die alte Schule, die „Lernschule“, die Drillschule, die Schülerfabrik beibehalten wollen, dann nur zu. Ob in das „Schülermaterial“ etwas weniger oder mehr „Bildung“ hineingefüllt wird, ist gleichgültig. Vielmehr: es wäre ja nur ein Glück, wenn diese Schule abgebaut werden müßte. Je weniger, desto besser.
     Aber das Verhängnis ist dies: die Entlassung von einem Fünftel der Lehrer wird eine Entwicklung in Richtung auf die neue Schule, wie sie wenigstens begonnen hat, wieder ganz unterbinden, wird uns auf lange Jahre hinaus die Schulkaserne wieder heraufführen. Wenn man wenigstens nun nicht die jungen, sondern die alten Lehrer, die nicht mehr umlernen können, beseitigen würde! Und wenn man den Verbleibenden die Zwangsjacke des Lehrplans und Lehrziels lockern, die Examensdrillerei, den Pflichtstundentrott erlassen würde! Aber an solche revolutionären Eingriffe wagt ja kein Mensch zu denken.
     Arme Lehrer, arme Schulkinder! Opfer einer falschen Sparsamkeit, die kein Opfer aufzubringen vermag. Es ist nichts mit allen Illusionen von Erziehung statt Drill, Auslese statt Abstempelung, freier Entwicklung statt Schablone, Freundschaft statt Kriegszustand. Richtet euch nur wieder auf das alte Verhältnis ein: Notwehr des Schülers gegen den Lehrer, der gezwungen ist, ihn zu unterdrücken, zu langweilen, zu plagen, auf totes oder falsches Geleise zu schieben; Notwehr des gequälten, überarbeiteten, an das Reglement gebundenen Lehrers gegen die unvermeidliche Notwehr des Schülers.
     Es gibt Leute, die meinen: das Beste wäre, wenn der Staat das Schulwesen ganz aus seinem Etat streichen und „privatisieren“ würde.
     Ich beginne, diesen Standpunkt verstehen zu lernen.

    1924, 5  Sch.
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

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Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
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Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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