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  Lob der Faulheit

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Doch — es ist notwendig, die Faulheit wieder in Ehren zu setzen, ihre Weihe, Werte und Würze wieder erkennbar zu machen. Ohne Faulheit geht die Menschheit zugrunde, und der Fleiß kehrt sich vernichtend gegen sich selbst. Das klingt paradox und unerhört für alle tatbegeisterten Gemüter; dennoch besteht die Wahrheit, daß in der rechten Faulheit ein Segen verborgen liegt.
     Wir haben das gesundende Faulsein verlernt und verfaulen an unserem Fleißigsein. Faul-sein, Müßig-sein, Nichts-tun ist die Voraussetzung zu allem beglückenden Werke, bedingend für dieses wie das Einatmen für jedes Ausatmen. Es gibt mancherlei Arten der Faulheit, uns geht nur jene an, die sich als Gegenpol des Fleißes erkennbar macht: der Zustand des Nichtstuns, des Gleitenlassens der Hände in den Schoß. Denn nur der Zustand vollkommener fysischer und psychischer Entspannung ist der eigentlich zeugende, weil alle lebendige Kraft nur aus dem Grunde der Ruhe aufsteigt. Faulsein gilt hier also gleichbedeutend mit Ruhe; und mit Recht, denn als Faulheit werden die meisten Zustände bezeichnet, wo das Bedürfnis nach Ruhe Tat wurde.
     Faulheit um der Faulheit willen ist Tod, ist Raub, ist Verbrechen. Sie allerdings bedarf keinesfalls der Ermunterung, gibt es doch nur allzuviele unter den vielen, welche leben und bestehen ohne Saat und ohne Bemühung ihrer Hände, die sich ihre Nahrung, Kleidung, ihr Wissen, ihre Freuden, ja ihr ganzes Sein erschleichen, erräubern, dadurch, daß sie ihre Mitbrüder zu Sklaven machen. Jene Nichtstuer aus Prinzip.
     Wo Faulheit einem dauernden Nichtstun gleichkommt, der Mensch also weder ernstlich denkt noch tätig handelt, dafür nur aufnimmt, an sich nimmt, ohne einen allergeringsten Krafteinsatz, oder wo er — wie oft! — kaltblütig Geldwerte oder seine weltliche Gerissenheit dazu benutzt, sich zu erhalten auf Kosten der anderen — da ist Stank, ist Verwesung. Wer auf Reinlichkeit hält, wird sich hier abwenden.
     Doch es gibt auch eine fruchtbare, eine heiligende Faulheit, einen segnenden Müßiggang, ein ehrenhaftes und gutes Nichts-tun. Dies ist der Zustand zeitweiliger und geregelter völliger Ruhe, des Ausschaltens aller Willensbemühung, das restlose Rastenlassen aller Energien des Geistes und Leibes. Denn nur in solcher Entspannung des ganzen Menschen, in diesem zeitweiligen Brachlegen des eigenen Ich, blühen die schöpferischen Kräfte in uns auf, werden die verbrauchten Energien ergänzt, gelangt ein jeder zu der naturgewollten harmonischen Auswirkung seines Leibes und Geistes. In solchem Müßiggang liegt ewige Verjüngung.
     Diese Fähigkeit der Entspannung, sich völlig passiv zu machen, ist uns verloren gegangen; sie gilt uns nicht mehr, ja wir neigen vielmehr zu ihrer Verachtung. Wir sind einseitig und fast ausschließlich auf das Tun eingestellt und kennen keine Kultur des Lassens mehr. Wir geizen nurmehr nach sichtbaren Werken und sehen den Sinn und das Glück des Lebens vorwiegend nur in der Errungenschaft durch die Tat. Wir suchen darum auch alles von uns ferne zu halten, was dieser entgegensteht, und verringern damit unser Recht und unser Bedürfen nach Entspannung, nach Faulsein immer mehr; ja suchen es möglichst überhaupt auszuschalten. Wir sehen die Bedeutung der Rast und ihre Notwendigkeit für Leib und Geist nicht mehr ein; wir bemühen uns nicht mehr darum und finden uns damit ab, daß wir in unserer Betriebsamkeit uns heiß laufen, d. h. immer nervöser, uneinheitlicher, unzufriedener werden, daß unsere Kultur an unserer Rastlosigkeit zunehmend entartet.
     Erst dann ist unsere Kultur Wahrheit und Leben und unsere Arbeit sittlich zu nennen, wenn sie jedem Menschen ermöglicht, wenigstens in einer Stunde des Tages einmal ganz er selbst zu sein, in der er die Freiheit genießt, in irgend einer Form faul zu sein, göttlich faul. Doch die Menschen sind allzufleißig gewesen, um noch also faul sein zu können. Die Ruhe — einerlei ob begehrt oder nicht, ob fysisch oder psychisch — ist für sie Erregung, Aufregung und verschlimmert noch die Zerspaltenheit ihres Innern. Jede größere und selbstgewollte Entspannung, weil nie gepflegt und geübt, wird allzuoft zu einer Katastrofe anstatt zur Quelle lebendiger Kraft. Es gibt für die Rastlosen kein harmonisches Kräftegleichmaß mehr, sondern nur die einseitige Tatanspannung, Tatüberspannung. Zerreißt diese, zerreißt zumeist der ganze Mensch.
     Wohl empfinden viele, mehr oder weniger bewußt, das Not-leiden ihres Leibes und Geistes an einer wirklichen Rast, an einer Ferne vom Überwerk, doch es fehlt ihnen die Kraft zur Tat-Entäußerung, zur Sammlung. Sie suchen vielmehr irrend Entspannung im Lärm der vielen, in geistlosem Vergnügen, durch die falschen Mittel schwerer Narkotika oder in Ausschweifungen zerstörender und kräfteabbauender Natur und geraten hiebei erst recht in den Wirbel der Unrast. Alle Organe, überanstrengt und über die Maßen abgenutzt, verfallen in Unfähigkeit, die edle, lebendige Ruhe als solche zu genießen und sie zur Wiedergeburt zu benutzen. Der Mensch entweicht der Sammlung, weil er in der Ruhe nur allzubald seine Zerstörtheit erfühlt, sie als Gefährtin des Todes bewertet. Daher auch der Haß so vieler gegen jede Ruhe, die Verachtung jeder Sammlung, ihre Gleichsetzung mit lasterhafter Faulheit und das überlaute Betonen des Lebenssinnes als einer Tätigkeit. Und wenn Carlyle, als eifriger Sänger der Arbeit, entrüstet ausruft: „Es gibt nur ein einziges Ungeheuer auf der Welt und dieses ist der Müßiggänger“, so stellen wir ihm das traurige Bekennen entgegen: Es gibt kein schwereres Geschick als das Nie-müßigsein des heutigen Menschen!
     Es mag wohl sein, daß wir Menschen eines härteren Klimas schwerer zur Sammlung finden, daß unsere Entwicklung und vielerlei äußere und innere Hemmnisse und Bedingtheiten uns unbegabter für Stille und Rast erhielten, uns mehr nach außen als nach innen reißen, uns gleichsam zwanghaft auf die Tat lenken als Zielpunkt unseres irdischen Seins. Und wohl mit Recht lehnt sich ein Etwas in uns auf, das Beispiel asiatischer Versunkenheit in unser Menschentum einzupflanzen. Dennoch stehen auch wir im Banne naturgesetzlicher Forderungen und diese zu mißachten oder gar auszuschalten, ruft unweigerlich alle jene Folgen hervor, an denen wir heute kranken. Ur-zuerteilte Gesetze verlangen vom Menschen die Anerkennung und Pflege der Ruhe als Wiedergebärerin aller Kräfte. Gleich dem Wechsel von Tag und Nacht, dem Auf und Ab der Wogen, dem Ein und Aus des Atmens ist auch die menschliche Fysis eingestellt auf einen Wechsel von Tat und Ruhe. Nur dieser Wechsel erhält uns gesund und in unbehemmter Kraftfülle. Denn nur in den Augenblicken der Versunkenheit, der völligen Hingabe des Selbst, geht die Saat der Verjüngung auf. Und also können nur die, welche gleichsam in Gott leben, das soll heißen: in hingebender Anerkennung aller Gesetze, die über Menschensatzungen und Menschengelüsten stehen, der Unerschöpflichkeit ihrer Kräfte teilhaftig werden, werken ohne zu erschlaffen, arbeiten ohne unlustig zu werden oder krank.
     In unserer Zerrissenheit, Unrast, Unlust, nervösen Zerstörtheit und jener Unfähigkeit zur Ruhe, zur Sammlung, zur edlen Faulheit besteht ein ursächlicher Zusammhang. Weil wir eine der grundlegenden Forderungen der Natur mißachten, geraten wir aus dem Gleichgewicht, verlieren die harmonische Herrschaft über uns und unseren Leib und setzen uns einer Schädigung ohne Notwendigkeit aus.
     Das Wissen von der aufbauenden Kraft der Ruhe muß wiedergewonnen werden. Es ist nur möglich, wenn wir die Fähigkeit kultivieren, zeitweilig faul zu sein, eine Arbeit bewußt von uns zu weisen, uns zu entspannen in der geläuterten Einsicht, die den weltlichen Tat- und Nutzeifer der so notgewordenen Erhaltung von Leib und Geist weit hintenanstellt.

    1926, 18  Erich Scheurmann
aus Erich Schairers
Sonntags-Zeitung:

Eine kleine Auswahl

Gedichte

Kurz und bündig

Politische Karikatur


Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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