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  Vom Spucken

Website über Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920 erschienene Sonntags-Zeitung.

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Spucken Sie? — Wieso Ihr Urgroßvater? Ich denke, der ist längst tot? — Ach so, Sie sind Spiritist! Nein, das meine ich nicht, sondern das andere, mit ck. Das richtige Spucken, wissen Sie. Wie ein Lama oder ein Maurer, kurz, sehen Sie: so! Da hab ich eine Fliege getroffen, tut mir sehr leid. — So, Sie nicht? Kurios. Ich spucke. — Nein, einfach so, ohne Anlaß. Zum Beispiel auf den Asfalt, wissen Sie, in die Weite; man kann da unglaubliche Leistungen erzielen, Rekorde geradezu, sag ich Ihnen. Aber ja nicht im Bogen; das ist Kraftverschwendung. Möglichst flach, Flachbahngeschoß, Sie erinnern sich? — Haha! richtig, damals hat uns auch mancher angespuckt; vielleicht ist es bei mir noch eine Reminiszenz, eine verspätete Rache sozusagen. Aber ich glaub das doch nicht ganz. Es ist noch von viel früher. Wenn ich auf einem Turm stehe oder an einem Fenster, im vierten, fünften Stockwerk, oder im Theater auf der Galerie — immer hab ich Lust; es macht mir geradezu Angst. Zum Beispiel im Theater: wenn ich es nun, gegen meinen Willen, aber weil etwas in mir es möchte, plötzlich täte, dem Herrn da drunten auf die glänzende Glatze. Das wäre doch höchst peinlich. — Für mich, mein ich. Für ihn auch, ja. Aber für mich, mein ich. — Ja, das können Sie nicht verstehen; ich auch nicht. Aber wer weiß, ob er nicht einmal etwas tun wird, was er nie tun wollte. Die Wünsche überrumpeln manchmal den Willen. Ich sitze darum nie gern in der ersten Reihe, oben. Unten, im Parterre, macht's nichts; da juckt es mich nicht. Ich glaube, das Fallen ist das Interessante daran; das lockt. Haben Sie nie in einer alten Burg Steine in den schwarzen Brunnen geworfen? Oder in einen See, der unter ihnen, am Fuß des Hanges, lag? — Sehen Sie! Daß es fällt, eine ungreifbare Linie zieht zwischen uns und dem Drunten: das ist auch dabei. Aber das ist noch nicht alles. Am schönsten ist es vom Brückengeländer hinab ins Wasser. Da darf man. Man sammelt haushälterisch den Speichel, spitzt den Mund, denkt sich aus, wo es wohl auftreffen werde, und spuckt. Platsch; es gibt ein kleines Loch oder auch nicht; man sieht das weiße Häufchen einige Sekunden lang; es zergeht. Und dann die kleinen Ringe, die sich ausbreiten und zergehen. Lauter feine, kleine Ringe. — Ja, auch mit Steinen. Aber das ist zu plump, zu undifferenziert, zu unpersönlich. Der Stein ist hart und nichts von einem selbst. Der Erfolg ist zu drastisch. Und zu sicher. Mit Steinen, das ist — amerikanisch. Kindliche Sensation durch technisches Mittel, nuancenlos und knallig. Gar nichts Märchenhaftes mehr, der Erfolg ist sicher. Nein, nicht mit Steinen. Mit Steinen nur bei sehr großen Höhen, besonders, wenn man nicht weiß, gelingt es einem überhaupt, so weit hinaus zu schmeißen, daß das Wasser noch erreicht wird: das Moment der Spannung, das Risiko, wissen Sie, macht dabei den Reiz aus. Aber sonst, in kleinen Verhältnissen: spucken. — Kindlich, sagen Sie? Sie haben recht, wie mich das freut! Sagen Sie ruhig kindisch. Kindskopf ist keine Beleidigung, für mich nicht. Selbst wenn Sie sagen sollten: infantil -, na sehen Sie, hab ich mir's doch gedacht! Also infantil, sehr gut, sehr gut. Und nun noch: Psychoanalyse, bitte. — Also! — Nein, nein, nicht im Geringsten! Ich bin nicht so. Sie haben ja auch recht; ich weiß das, aber ich schäme mich gar nicht. — Nein, ich gehe da rechts ab; ich will da über die Kanalbrücke. Wollen Sie nicht mitkommen? — Schade. Na, adjöh denn. Ich bin nun mal so: ich spucke.

    1929, 46  Mara Bu
aus Erich Schairers
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Zum geschichtlichen
Hintergrund:
Zeittafel zur
Weimarer Republik





Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.
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Autor dieser Seite: schairer@z.zgs.deA. Schairer
Letzte Änderung: 2006-08-02
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