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  • Abraham Gumbel

    Abraham Gumbel

    Revolutionärer Bankier, Sozialdemokrat und Pazifist

    Abraham Gumbel war Mitbegründer des sozialdemokratischen Ortsvereins und der Volksbank. Außerdem führte er die Heilbronner Friedensbewegung an. Der Mann, der tiefe Spuren hinterließ, war lange Zeit vergessen.

    Artikel aus der Heilbronner Stimme vom 17. August 2019 von Christian Gleichauf

    Wenn der Sohn eines bekannten Bankiers als linker Aktivist unterwegs ist, dann mag man das als jugendlichen Idealismus abtun. Wenn dieser Sohn später auch als Banker sich für eine Börsensteuer stark macht, als Bankchef die von ihm geführte Bank für einfache Leute öffnet, weiter politisch Stellung bezieht und in einer bewegten Zeit das amtierende Staatsoberhaupt öffentlich angreift, dann ist das schon äußerst unkonventionell. Der revolutionäre Banker hieß Abraham Gumbel und genoss Anfang des 20. Jahrhunderts im gesamten Unterland höchstes Ansehen. Mitgründer der SPD in der Stadt, Finanzier einer neuen Zeitung, Gründer der Volksbank, Anführer der Friedensbewegung. Die Frage ist: Warum ist er über so viele Jahrzehnte in Vergessenheit geraten?

    Ulrich Maier hat vor sechs Jahren für die Reihe „Heilbronner Köpfe“ einen Beitrag über Abraham Gumbel geschrieben. Der ehemalige Deutsch- und Geschichtslehrer am Weinsberger Justinus-Kerner-Gymnasium, der inzwischen in Sipplingen lebt, hat für das lang anhaltende Desinteresse nur ansatzweise eine Erklärung: „Er war unbequem.“ Was Maier aus den Archiven zutage förderte, ließ aber auch ihn aufhorchen.

    Gumbel stammte aus einer jüdischen Familie. Sein Großvater, der ebenfalls Abraham hieß, war Wirt des „Schwarzen Adlers“ in Stein am Kocher. Dessen Sohn Isaak machte mit Bankgeschäften sein erstes Geld und zog 1860 mit seiner Familie nach Heilbronn, wo er die Bürgerrechte erhielt und die ehemalige Herberge zur Krone direkt am Marktplatz neben der Kilianskirche kaufte. Dort, wo einst schon Götz von Berlichingen gelebt haben soll, gründete Isaak Gumbel gemeinsam mit seinem Bruder Moses, der sich Max nannte, eine Bank.

    Ab dem 15. Jahrhundert hatten Juden keine Chance mehr, in Heilbronn Fuß zu fassen. Das hatte sich erst mit den sogenannten Emanzipationsgesetzen und der rechtlichen Gleichstellung der Juden in Württemberg 1828 geändert. Die neuen Rechte wusste Gumbel selbstbewusst zu nutzen, wollte sich aber auch in die Gesellschaft eingliedern – „wie viele Juden zu jener Zeit“, betont Ulrich Maier. Vieles ging allerdings weit über den üblichen Versuch der „Assimilation“ hinaus.

    Nach seinem Besuch des Karlsgymnasiums arbeitete Abraham in der Bank seines Vaters. Nebenbei gründete er 1877 gemeinsam mit einem gewissen Schreinermeister Gustav Kittler einen sozialdemokratischen Ortsverein und war somit Mitbegründer der SPD in der Region. Ein Jahr später verfasste er ein Flugblatt, für das Kittler sogar mehrere Wochen ins Gefängnis ging.

    Nach einigen Jahren in Reutlingen und wahrscheinlich auch in Paris kehrte Gumbel 1887 zurück nach Heilbronn, wo er erst einmal aus der SPD austrat. „Jude und Sozialist, das wäre nach Ansicht des Vaters damals wohl etwas zu viel gewesen“, vermutet Ulrich Maier. Trotzdem blieb Gumbel den Genossen im Hintergrund verbunden.

    Auch als Bankier hielt sich Abraham Gumbel nicht an Konventionen und Erwartungshaltungen. Schon vor seiner Rückkehr nach Heilbronn hatte er sich in einem Artikel für die 1885 eingeführte Börsensteuer ausgesprochen – und damit eine Debatte in der SPD losgetreten, die diese Steuer schon deswegen ablehnte, weil Reichskanzler Bismarck sie eingeführt hatte. Solcherlei Ideologie schien Gumbel fremd, selbst wenn sie indirekt auch das Geschäft der eigenen Familie betraf.

    Isaak Gumbel hielt Abraham trotz oder auch wegen dieser Überzeugungen für den geeigneten Nachfolger als Bankchef. Und Abraham machte nach Übernahme der Geschäfte 1889 seine frischvermählte Frau Elise gleich zur Prokuristin.

    Die Linie des Vaters führte er fort, indem er Spekulationsgeschäfte ablehnte. Das wurde zu einem Pluspunkt, als 1901 die Heilbronner Gewerbebank infolge von Spekulationsverlusten zusammenbrach. Ausdrücklich schloss das Bankhaus „Gumbel am Markt“ solche Spekulationsgeschäfte aus – und es war nicht zu seinem Nachteil. Die Geschäfte liefen gut. Abraham Gumbel ließ 1906 das alte Geschäftshaus neben der Kilianskirche abbrechen und durch einen imposanten Neubau ersetzen.

    Nach einer kurzen Liaison mit einem Stuttgarter Bankhaus und der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft entschied sich Gumbel für einen anderen Weg: Er trennte sich vom Partner und firmierte seine Privatbank in den „Heilbronner Bankverein“ um: Ab jetzt können sich erstmals Privatleute an einer Heilbronner Bank beteiligen. Rund 100 Kapitalgeber brachten das Stammkapital von 600.000 Mark auf.

    Der Erste Weltkrieg begann für die Familie – Abraham und Elise Gumbel hatten zwei Söhne und eine Tochter – mit dem Tod des ältesten Sohnes Max in den ersten Kriegswochen. Ein Schicksalsschlag, der Gumbel in seiner pazifistischen Grundeinstellung bestärkte. Innerhalb weniger Jahre wurde er zum „führenden theoretischen Kopf“ der Deutschen Friedensgesellschaft in Heilbronn.

    Auch publizistisch blieb Abraham Gumbel aktiv. Mit seiner finanziellen Unterstützung hatte die SPD 1908 das „Neckar-Echo“ gegründet – übrigens, schon da wurde die Finanzierung der Druckerei genossenschaftlich organisiert. Mit dem Chefredakteur der linken „Sonntags-Zeitung“ Erich Schairer (der nach dem Krieg Chefredakteur der „Stuttgarter Zeitung“ wurde) verband ihn ein enges Verhältnis. In verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften bezog er Stellung gegen die in der übrigen Presselandschaft geleugnete deutsche Kriegsschuld. Gumbel nahm unter dem Pseudonym Emel kein Blatt vor den Mund. Als er 1924 bei der nationalliberalen Deutschen Volkspartei dazu sprechen wollte, wurde er niedergebrüllt, seine Ausführungen als „kommunistisch“ beschimpft.

    Dabei ging es Abraham Gumbel nicht nur um die akademische Frage, wie der Erste Weltkrieg ausbrechen konnte. Er fürchtete einen neuen Krieg, das Erstarken der monarchistischen und nationalistischen Kräfte. Wie recht er behalten sollte. 1930 starb er im Alter von 78 Jahren allerdings, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Begraben wurde er auf dem Hauptfriedhof. Die Volksbank ließ 1960 die Ruhezeit noch einmal um 15 Jahre verlängern. Doch als diese 1975 abgelaufen war, hatten offenbar weder SPD noch Friedensbewegung ein Interesse daran, was daraus wird. Die Volksbank gab das Grab 1975 zurück. Es sollte noch mehr als 30 Jahre dauern, bis der Name Abraham Gumbel wieder in Erinnerung gerufen wurde. 2013 wurde mit dem Neubau der Volksbank an der Allee der Abraham-Gumbel-Saal eingeweiht.

    […]

    Quelle: Artikel in der Heilbronner Stimme vom 17. August 2019 von Christian Gleichauf, https://www.stimme.de/heilbronn/nachrichten/region/Abraham-Gumbel-Revolutionaerer-Bankier-Sozialdemokrat-und-Pazifist;art140897,4236933

    Siehe auch: http://erich-schairer.de/abraham-gumbel-gestorben/

    sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Gumbel

  • Die „Unschuldigen“

    Die „Unschuldigen“

    — Jg. 1927, Nr. 26 —

    Als vor einigen Monaten die letzten Bände des Werkes „Die große Politik der europäischen Kabinette 1871-1914“ erschienen, haben die Streiter gegen die „Schuldlüge“ dem deutschen Volke großes Heil verkündet. Da stünde sie drin, die Unschuld Deutschlands! (Sie reden immer von Deutschland, wenn sie Wilhelm meinen.) Die Herrschaften haben sich aber gehütet, die Aktenstücke näher zu bezeichnen, die die Unschuld Wilhelms beweisen sollen. Sie haben wohl gewußt, warum. Solche gibt es nämlich gar nicht. Dagegen finden sich in der „großen Politik“ zahlreiche Dokumente, die Wilhelm und seine Handlanger schwer belasten.

    Am 20. Dezember 1912 hat Fürst Lichnowsky aus London an Bethmann geschrieben (Aktenstücke Nr. 12561): „Man achtet uns hier, man schätzt, man überschätzt uns vielleicht, und aus diesem Gefühle, das man mitunter geneigt wäre, Furcht zu nennen, geht das Bestreben hervor, uns einzuengen, nicht aber die Lust, uns zu bekriegen. Dazu sind die gemeinsamen Interessen zu groß, die wirtschaftlichen Verbindungen zu eng und zu bedeutend, die materiellen Verluste selbst eines siegreichen Krieges zu empfindlich. Dazu ist man hier auch zu bequem geworden, das Volk ist friedliebend und liebt es, in seinen täglichen Gewohnheiten nicht gestört zu werden. Ein Krieg mit uns wäre daher durchaus nicht populär, er würde aber trotzdem geführt werden, um Frankreich, falls wir es bedrohten, zu schützen. Denn man glaubt hier, daß es nicht in der Lage wäre, sich ohne britische Hilfe der deutschen Übermacht zu erwehren.“

    Am 7. März 1914 hat Lichnowsky nochmals berichtet (Nr. 14700): „Die ungeschmälerte Erhaltung Frankreichs gilt den Engländern ebensosehr als eine politische Notwendigkeit wie uns die Erhaltung Österreich-Ungarns, und sie würden daher, wie ich nochmals hervorheben möchte, in einem Krieg zwischen uns und Frankreich unter allen Umständen ihre schützende Hand über letzteres halten.“

    Soviel zu den deutsch-englischen Beziehungen. Nun zu den deutsch-französischen. Am 30. November 1912 hat der deutsche Botschafter in Paris, Freiherr v. Schön, an Bethmann geschrieben (Nr. 12471): „Die Befriedigung, mit der hier die Nachrichten über die anscheinende Entspannung der internationalen Lage aufgenommen werden, läßt wiederum erkennen, daß die überwiegende Mehrheit der öffentlichen Meinung nichts sehnlicher wünscht, als daß Frankreich vor kriegerischen Verwicklungen bewahrt bleiben möge.“ Und der Bericht schließt mit den Worten: „Ohne die Rechtfertigung eines Frankreich drohenden deutschen Angriffs würden, das möchte ich bestimmt annehmen, weder Poincaré noch Millerand noch Delcasse angesichts der einem Krieg durchaus ungünstigen Stimmung der Mehrheit der Kammer und des Volkes es niemals wagen, das Land vor eine vollendete Tatsache zu stellen.“

    Am 4. Dezember 1912 hat Lichnowsky folgende Äußerungen Greys nach Berlin berichtet (Nr. 12481): „Entstände aber ein europäischer Krieg dadurch, daß Österreich gegen Serbien vorginge und Rußland, durch die öffentliche Meinung gezwungen, und um nicht abermals eine Demütigung wie 1909 zu erleben, in Galizien einmarschierte, was uns (Deutschland) zur Hilfeleistung veranlassen würde, so sei die Beteiligung Frankreichs unausbleiblich und die weiteren Folgen unabsehbar.“

    Wie war das Verhältnis zwischen Deutschland und Rußland? Am 6. Februar 1913 hat der deutsche Botschafter in Petersburg, Graf von Pourtales, nach Berlin gemeldet (Nr. 12805): „Ich bleibe dabei, daß der Kaiser [Zar Nikolaus II.], Sassonow und Kokowzow „pour tant et tant de raisons“ (aus so und so viel Gründen) . . . den Krieg nicht wollen und alles tun werden, ihn zu vermeiden. Ich möchte aber bestimmt annehmen . . ., daß im Falle eines Vorgehens Österreichs gegen Serbien die zwar verhältnismäßig kleine, aber mächtige und sehr rührige Gruppe der panslawistischen Hetzer die ganze öffentliche Meinung mit sich fortreißen und die jetzigen Leiter der Regierung verdrängen würden und daß dann der Krieg zum mindesten sehr wahrscheinlich werden würde.“

    Am 17. Juni 1914 hat der deutsche Gesandte in Bukarest v. Waldhausen folgende Äußerung Sassonows zu dem rumänischen Ministerpräsidenten Bratianu nach Berlin berichtet (Nr. 15833): Sassonow habe mehrfach versichert, „daß Rußland die friedlichste Politik verfolge. Auch gegenüber Österreich habe er friedliche Absichten, doch könne er unter keinem Vorwand einen österreichischen Angriff auf Serbien zulassen“.

    Noch ein Dutzend solcher Zitate stehen zur Verfügung. Sie sagen alle das Gleiche: England wollte den Frieden, aber mit dem Vorbehalt: Frankreich darf nicht angegriffen werden. Frankreich wollte den Frieden, aber Rußland darf nicht angegriffen werden. Rußland wollte den Frieden, aber Serbien darf nicht angegriffen werden.

    So waren Wilhelm und die Bethmänner durch ihre eigenen Botschafter und Gesandten informiert, so waren sie gewarnt, als sie im Juli 1914 die Österreicher unermüdlich in den Krieg mit Serbien drängten und trieben. Nach dieser Kriegserklärung nahm das Verhängnis geradezu programmäßig seinen Lauf: der Krieg mit Serbien provozierte den Krieg mit Rußland, der Krieg mit Rußland verursachte den Krieg mit Frankreich und der Krieg mit Frankreich den Krieg mit England.

    Also: dadurch, daß sie die Österreicher in den Krieg mit Serbien hetzten, haben Wilhelm und seine Bethmänner Europa in Brand gesteckt. Sie sind die Schuldigen, die Alleinschuldigen. Das ist’s, was „Die große Politik der europäischen Kabinette“ beweist.

    1927, 26 Emel