Kategorie: Autoren

  • Abraham Gumbel

    Abraham Gumbel

    Revolutionärer Bankier, Sozialdemokrat und Pazifist

    Abraham Gumbel war Mitbegründer des sozialdemokratischen Ortsvereins und der Volksbank. Außerdem führte er die Heilbronner Friedensbewegung an. Der Mann, der tiefe Spuren hinterließ, war lange Zeit vergessen.

    Artikel aus der Heilbronner Stimme vom 17. August 2019 von Christian Gleichauf

    Wenn der Sohn eines bekannten Bankiers als linker Aktivist unterwegs ist, dann mag man das als jugendlichen Idealismus abtun. Wenn dieser Sohn später auch als Banker sich für eine Börsensteuer stark macht, als Bankchef die von ihm geführte Bank für einfache Leute öffnet, weiter politisch Stellung bezieht und in einer bewegten Zeit das amtierende Staatsoberhaupt öffentlich angreift, dann ist das schon äußerst unkonventionell. Der revolutionäre Banker hieß Abraham Gumbel und genoss Anfang des 20. Jahrhunderts im gesamten Unterland höchstes Ansehen. Mitgründer der SPD in der Stadt, Finanzier einer neuen Zeitung, Gründer der Volksbank, Anführer der Friedensbewegung. Die Frage ist: Warum ist er über so viele Jahrzehnte in Vergessenheit geraten?

    Ulrich Maier hat vor sechs Jahren für die Reihe „Heilbronner Köpfe“ einen Beitrag über Abraham Gumbel geschrieben. Der ehemalige Deutsch- und Geschichtslehrer am Weinsberger Justinus-Kerner-Gymnasium, der inzwischen in Sipplingen lebt, hat für das lang anhaltende Desinteresse nur ansatzweise eine Erklärung: „Er war unbequem.“ Was Maier aus den Archiven zutage förderte, ließ aber auch ihn aufhorchen.

    Gumbel stammte aus einer jüdischen Familie. Sein Großvater, der ebenfalls Abraham hieß, war Wirt des „Schwarzen Adlers“ in Stein am Kocher. Dessen Sohn Isaak machte mit Bankgeschäften sein erstes Geld und zog 1860 mit seiner Familie nach Heilbronn, wo er die Bürgerrechte erhielt und die ehemalige Herberge zur Krone direkt am Marktplatz neben der Kilianskirche kaufte. Dort, wo einst schon Götz von Berlichingen gelebt haben soll, gründete Isaak Gumbel gemeinsam mit seinem Bruder Moses, der sich Max nannte, eine Bank.

    Ab dem 15. Jahrhundert hatten Juden keine Chance mehr, in Heilbronn Fuß zu fassen. Das hatte sich erst mit den sogenannten Emanzipationsgesetzen und der rechtlichen Gleichstellung der Juden in Württemberg 1828 geändert. Die neuen Rechte wusste Gumbel selbstbewusst zu nutzen, wollte sich aber auch in die Gesellschaft eingliedern – „wie viele Juden zu jener Zeit“, betont Ulrich Maier. Vieles ging allerdings weit über den üblichen Versuch der „Assimilation“ hinaus.

    Nach seinem Besuch des Karlsgymnasiums arbeitete Abraham in der Bank seines Vaters. Nebenbei gründete er 1877 gemeinsam mit einem gewissen Schreinermeister Gustav Kittler einen sozialdemokratischen Ortsverein und war somit Mitbegründer der SPD in der Region. Ein Jahr später verfasste er ein Flugblatt, für das Kittler sogar mehrere Wochen ins Gefängnis ging.

    Nach einigen Jahren in Reutlingen und wahrscheinlich auch in Paris kehrte Gumbel 1887 zurück nach Heilbronn, wo er erst einmal aus der SPD austrat. „Jude und Sozialist, das wäre nach Ansicht des Vaters damals wohl etwas zu viel gewesen“, vermutet Ulrich Maier. Trotzdem blieb Gumbel den Genossen im Hintergrund verbunden.

    Auch als Bankier hielt sich Abraham Gumbel nicht an Konventionen und Erwartungshaltungen. Schon vor seiner Rückkehr nach Heilbronn hatte er sich in einem Artikel für die 1885 eingeführte Börsensteuer ausgesprochen – und damit eine Debatte in der SPD losgetreten, die diese Steuer schon deswegen ablehnte, weil Reichskanzler Bismarck sie eingeführt hatte. Solcherlei Ideologie schien Gumbel fremd, selbst wenn sie indirekt auch das Geschäft der eigenen Familie betraf.

    Isaak Gumbel hielt Abraham trotz oder auch wegen dieser Überzeugungen für den geeigneten Nachfolger als Bankchef. Und Abraham machte nach Übernahme der Geschäfte 1889 seine frischvermählte Frau Elise gleich zur Prokuristin.

    Die Linie des Vaters führte er fort, indem er Spekulationsgeschäfte ablehnte. Das wurde zu einem Pluspunkt, als 1901 die Heilbronner Gewerbebank infolge von Spekulationsverlusten zusammenbrach. Ausdrücklich schloss das Bankhaus „Gumbel am Markt“ solche Spekulationsgeschäfte aus – und es war nicht zu seinem Nachteil. Die Geschäfte liefen gut. Abraham Gumbel ließ 1906 das alte Geschäftshaus neben der Kilianskirche abbrechen und durch einen imposanten Neubau ersetzen.

    Nach einer kurzen Liaison mit einem Stuttgarter Bankhaus und der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft entschied sich Gumbel für einen anderen Weg: Er trennte sich vom Partner und firmierte seine Privatbank in den „Heilbronner Bankverein“ um: Ab jetzt können sich erstmals Privatleute an einer Heilbronner Bank beteiligen. Rund 100 Kapitalgeber brachten das Stammkapital von 600.000 Mark auf.

    Der Erste Weltkrieg begann für die Familie – Abraham und Elise Gumbel hatten zwei Söhne und eine Tochter – mit dem Tod des ältesten Sohnes Max in den ersten Kriegswochen. Ein Schicksalsschlag, der Gumbel in seiner pazifistischen Grundeinstellung bestärkte. Innerhalb weniger Jahre wurde er zum „führenden theoretischen Kopf“ der Deutschen Friedensgesellschaft in Heilbronn.

    Auch publizistisch blieb Abraham Gumbel aktiv. Mit seiner finanziellen Unterstützung hatte die SPD 1908 das „Neckar-Echo“ gegründet – übrigens, schon da wurde die Finanzierung der Druckerei genossenschaftlich organisiert. Mit dem Chefredakteur der linken „Sonntags-Zeitung“ Erich Schairer (der nach dem Krieg Chefredakteur der „Stuttgarter Zeitung“ wurde) verband ihn ein enges Verhältnis. In verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften bezog er Stellung gegen die in der übrigen Presselandschaft geleugnete deutsche Kriegsschuld. Gumbel nahm unter dem Pseudonym Emel kein Blatt vor den Mund. Als er 1924 bei der nationalliberalen Deutschen Volkspartei dazu sprechen wollte, wurde er niedergebrüllt, seine Ausführungen als „kommunistisch“ beschimpft.

    Dabei ging es Abraham Gumbel nicht nur um die akademische Frage, wie der Erste Weltkrieg ausbrechen konnte. Er fürchtete einen neuen Krieg, das Erstarken der monarchistischen und nationalistischen Kräfte. Wie recht er behalten sollte. 1930 starb er im Alter von 78 Jahren allerdings, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Begraben wurde er auf dem Hauptfriedhof. Die Volksbank ließ 1960 die Ruhezeit noch einmal um 15 Jahre verlängern. Doch als diese 1975 abgelaufen war, hatten offenbar weder SPD noch Friedensbewegung ein Interesse daran, was daraus wird. Die Volksbank gab das Grab 1975 zurück. Es sollte noch mehr als 30 Jahre dauern, bis der Name Abraham Gumbel wieder in Erinnerung gerufen wurde. 2013 wurde mit dem Neubau der Volksbank an der Allee der Abraham-Gumbel-Saal eingeweiht.

    […]

    Quelle: Artikel in der Heilbronner Stimme vom 17. August 2019 von Christian Gleichauf, https://www.stimme.de/heilbronn/nachrichten/region/Abraham-Gumbel-Revolutionaerer-Bankier-Sozialdemokrat-und-Pazifist;art140897,4236933

    Siehe auch: http://erich-schairer.de/abraham-gumbel-gestorben/

    sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Gumbel

  • Fritz Edinger

    Fritz Edinger

    Marc Adolf Friedrich Edinger, der von Kindheit an immer nur „Fritz“ genannt wurde, war der älteste Sohn des Hirnforschers und Nervenarztes Ludwig Edinger und seiner Frau Anna Edinger. Seine Schwester Dora (1894–1982) heiratete den Pharmakologen Werner Lipschitz-Lindley (1892–1948), seine Schwester Tilly (1897–1967) begründete die Paläoneurologie.

    Edinger studierte Medizin und wurde 1913 in Heidelberg promoviert. Seine Doktorarbeit trug den Titel: „Die Leistungen des Zentralnervensystems beim Frosch, dargestellt mit Rücksicht auf die Lebensweise des Tieres“

    1914 heiratete Fritz Edinger die Historikerin Dora Meyer, die ihrerseits 1912 an der Universität Heidelberg im Fach Geschichte mit einer Arbeit über „Das öffentliche Leben in Berlin im Jahr vor der Märzrevolution“ promoviert wurde. Das Paar hatte drei Söhne, der erstgeborene Sohn starb jedoch bereits wenige Tage nach der Geburt.

    Im Ersten Weltkrieg wirkte Fritz Edinger als Militärarzt, Er wurde bei einem Gasangriff verwundet und behielt ein dauerhaftes Nervenleiden zurück. Das Ehepaar Edinger wirkte im Umfeld des Freien Jüdischen Lehrhauses in Frankfurt und in der jüdischen Loge B’nai B’rith

    1924 erlangte Edinger zusätzlich die Promotion im Fach Soziologie mit einer Arbeit über „Beiträge zur Theorie der Volkswirtschaftspolitik.“ Er gab die Buchreihe „Lebendige Wissenschaft“ heraus, war Korrespondent der „Heilbronner Sonntagszeitung“ und engagierte sich in der Frankfurter SPD. Als Arzt praktizierte er kaum. In Frankfurt wohnte er im Haus Gärtnerweg 55, das seit 1939 jedoch nur noch formal sein eigenes Haus war. Bis Ende 1939 musste Edinger 16.460,77 RM als „Judenvermögensabgabe“ leisten.

    Dora Edinger konnte 1936 mit dem jüngsten Sohn in die USA fliehen, dem älteren Sohn gelang die Flucht nach Palästina.

    Am 15. Dezember 1941 wurde Fritz Edinger auf offener Straße verhaftet. Weil er offensichtlich als psychisch krank angesehen wurde, kam er aus dem Strafgefängnis Preungesheim in die Frankfurter Universitäts- und Nervenklinik und später in die Israelitische Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemütskranke Bendorf-Sayn bei Koblenz. Diese diente seit 1940 als zentrale Sammelstelle für jüdische Geisteskranke. Zusammen mit zahlreichen Patienten wurde Fritz Edinger im Juni 1942 nach Sobibor deportiert. Dort wurde er wahrscheinlich schon am Ankunftstag, dem 19. Juni 1942, ermordet.

    Für Fritz Edinger wurde im Gärtnerweg 51 in Frankfurt-Westend ein Stolperstein verlegt. (siehe: https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=1907322&_ffmpar%5B_id_inhalt%5D=28931513)

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Edinger

  • Autoren

    Interaktives Verzeichnis der Autoren, deren Beiträge auf dieser Website zu finden sind. Es handelt sich dabei nicht nur um Autoren der Sonntags-Zeitung, sondern darüber hinaus um Autoren, die Artikel über Erich Schairer, seine Sonntags-Zeitung und deren historischen Kontext (Kaiserreich, Weltkrieg, Revolution, Weimarer Republik, Machtergreifung des Faschismus etc.) geschrieben haben.

    Die Schriftgröße korreliert mit der Zahl der Artikel. Anklicken der Namen lässt die zugehörigen Artikel erscheinen.

    (Ja, es stimmt, es sind keine Autorinnen darunter zu finden…)

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  • Auch in New York bleibt sich der Schwabe treu

    Auch in New York bleibt sich der Schwabe treu

    Will Schaber zum 90. Geburtstag

    Will Schaber, Heilbronner von Geburt, war Redaktionsvolontär an Erich Schairers „Sonntags-Zeitung“. Später wurde er Redakteur am Heilbronner „Neckar-Echo“, dem Sozialdemokratischen Pressedienst in Berlin, dem Saalfelder „Volksblatt“ und, nach der sozialdemokratischen Parteispaltung 1931, der „Sozialistischen Arbeiter-Zeitung“ in Berlin. Er emigrierte im Mai 1933. In Brünn (Tschechoslowakei) war er Mitarbeiter des „Montag Morgen“ und Mitherausgeber des „Press Service“; in New York zwanzig Jahre Abteilungsleiter der British Information Services und später Redakteur der Wochenzeitung „Aufbau“.

    Will Schaber

    Auch in New York bleibt sich der Schwabe treu

    Der Publizist Will Schaber wird neunzig

    Von Stefan Berkholz

    In Manhattan, fünfter Stock, Blick über den Hudson-River, liest einer dem deutschen Journalismus die Leviten. „Die Presse sollte nicht dem Geschmack der breiten Masse dienen — die Presse sollte die breiten Massen führen.“ Aufrecht sitzt der alte Mann in seinem Drehstuhl, die Augen funkeln angriffslustig. Neunzig Jahre wird Will Schaber dieser Tage — von Ruhestand keine Spur.

    Seit Oktober 1938 wohnt Schaber in New York; immer noch in Washington Heights, jenem Viertel im Norden Manhattans, das sie einst ironisch das „Vierte Reich“ nannten, weil so viele Deutsche ums Eck wohnten, nach ihrer Vertreibung. Schaber ist mittlerweile heimisch geworden und ganz zufrieden. Doch wenn der betagte, hochgewachsene Mann zu sprechen beginnt, ist seine Herkunft unbestreitbar. Schaber ist-Schwabe geblieben, „ja, natürlich“, reagiert er leicht belustigt, „ich bin Heilbronner!“ Und nach einer Pause fügt er hinzu: „Aber ich bin ebenso Amerikaner, ich bin auch New Yorker.“ Weltbürger sei er, und ein wenig stolz ist er darauf auch.

    Dabei stammt er aus einem bodenständigen Elternhaus. 1905 in Heilbronn geboren, am „Kampftag der Arbeit“ ausgerechnet. Der Vater war Sozialdemokrat und Ziseleurmeister, die Mutter stammte aus einer alten Weingärtnerfamilie. Erinnerungen? Das meiste ist ausgelöscht. Seine Familie kam bei einem der letzten Luftangriffe der Alliierten ums Leben, im Dezember 1944. „Siebentausend Menschen starben im Inferno in Heilbronn“, sagt er leise und schüttelt seinen Kopf.

    Das Journalistenhandwerk lernte Schaber „von der Pike auf, wie man in Berlin sagt“. Zunächst als Volontär an Erich Schairers „Stuttgarter Sonntagszeitung“. 1923 ausgerechnet, im Jahr der Inflation. Eine unabhängige, sozialistische Zeitung. „Schairer war mein großer Lehrmeister“, schwärmt Schaber. „Er brachte mir die Grundelemente des Journalismus bei, den Aufbau einer Zeitung, wie man redigiert undsoweiter. Er war ein großartiger Redakteur, ein großartiger Stilist, und“, fügt er hinzu, „er scheute sich auch nicht, Manuskripte selbst der prominentesten Autoren zu kürzen und zu redigieren.“

    Schairer war es wohl auch, der ihm etwas vom Ethos des freien Journalismus eintrichterte. Einige Grundsätze legte Schaber 1928 in einer schmalen Flugschrift („Zeit und Zeitung“) nieder. Manches darin sei sicher heute noch richtig, überlegt Schaber, „vor allem: der Protest gegen den Kommerzialismus der Presse“. Auch heute noch ist er felsenfest von der Macht des Wortes, von seiner Wirkung, überzeugt – auch wenn die Schrift damals so sehr versagte, vor 1933 und danach… „Doch“, beharrt er, „das Wort kann die Welt verändern.“

    Bis 1928 war er Reporter und Feuilletonredakteur beim sozialdemokratischen „Neckar-Echo“. 1929 folgte Schaber dem Zug der Zeit: Berlin. Seine erste Frau, die Schauspielerin Else Rüthel, hatte ein Engagement in der Kulturmetropole bekommen, und er wurde Nachrichtenredakteur beim sozialdemokratischen Pressedienst, später dann bei der „Sozialistischen Arbeiter-Zeitung“. Schaber berichtete vor allem aus dem Reichstag. „Berlin war damals der Pulsschlag der Republik“, schwärmt er, „ich werde es nie vergessen. Man muß das erlebt haben, um zu wissen, was es bedeutete…“ Abends bis neun in der Redaktion, Hektik, Arbeit, viel Arbeit, danach ins Nachtleben, Künstlerfeste, Spätvorstellungen, Theater, Kino. Max Reinhardt, Piscator, Chaplin. „Die Rolle der Juden war damals besonders stark und positiv“ — positive, sagt er, nun wieder einen amerikanischen Ausdruck gebrauchend — , „im Theater und in der Presse. Das fehlt heute natürlich in Deutschland.“

    Und das Ende der Republik? „Der Weimarer Staat war zu jung“, faßt er die Epoche zusammen, „zu jung und zu kurzlebig.“ Und eine Erkenntnis läßt ihm bis heute keine Ruhe. „Politisch sind wir alle schuldig am Heraufkommen Hitlers“, sagt der alte Mann mit fester Stimme. Und er betont: „Ich sage: politisch! Die kriminelle Schuld, die sechs Millionen toten Juden — das ist ein anderes Problem. Aber politisch schuldig sind wir alle, die wir nicht genügend getan haben, um Hitler zu bekämpfen.“ Das Versagen der zerstrittenen Linken, damals, vor über sechzig Jahren, hat sein publizistisches Schaffen nachhaltig beeinflußt.

    Schabers Odyssee begann im März 1933. In München wurde er verhaftet — „aus Versehen“. Er kam wieder frei, ging nach Estland — „dort lebte mein Schwiegervater“. Er fand keine Arbeit, wollte nach Wien — landete in Brunn. Die österreichischen Grenzer ließen keine Emigranten mehr hinein. Fünf Jahre schlug er sich im mährischen Städtchen durch; als die politische Lage bedrohlicher wurde, schaffte er es mit Hilfe von Freunden, nach New York zu gelangen.

    Schaber bekam Unterstützung, unter anderem vom bayerischen Volkserzähler Oskar Maria Graf, zog aufs Land vor die Tore New Yorks, lebte sich ein in der Fremde, stellte ein Buch fertig, „eine Anthologie deutschen demokratischen Denkens von Thomas Münzer bis Thomas Mann“. 1941 veröffentlicht unter dem Titel „Thinker versus Junker“, fünf Jahre später auch in deutscher Sprache als „Weinberg der Freiheit“. Heute nicht erhältlich.

    Schaber gelang es, in der Metropole Fuß zu fassen. 1941 wurde er bei „British Information Services“ eingestellt. Deutschsprachige Radiosendungen waren abzuhören. Eine Aufgabe, die ihm heute noch Unbehagen bereitet: „Ja, es war ein merkwürdiges Gefühl.“ Als Deutscher in den USA für die britische Regierung arbeiten. Es will ihm immer noch nicht gefallen. Doch mehr als zwanzig Jahre blieb er dabei. Überlebensstrategie eines Davongekommenen.

    Später gestaltete er Fernsehbeiträge für Peter von Zahn, von 1967 bis 1972 war er Redakteur beim New Yorker „Aufbau“. In seiner „Liebeserklärung“ an die kleine jüdisch-deutsche Wochenschrift heißt es: „Der .Aufbau‘ glich einem Anker. Er half, aus uns, dem Haufen der Gestrandeten und Vereinzelten, eine Gemeinschaft zu formen. Er wurde zum Freund und Wegweiser im neuen Land. Er war so etwas wie Heimat.“ Noch heute hat Schaber seine regelmäßigen Kolumnen im Blatt, noch heute stellt er Exilliteratur vor – „Angelpunkte der Exilforschung“ nennt sich die Reihe -, noch heute erinnert er an vergessene Weggefährten, noch heute widmet er sich seinem Hobby, der Musik, und verfaßt Artikel über Komponisten, Interpreten, neue CDs.

    Berührt ihn Deutschland heute noch? Hat er manchmal Heimweh? „Ach nein“, sagt er, das sei wirklich vorbei. Er komme ja regelmäßig in die .Bundesrepublik. Und eine wirkliche Chance, zurückzukehren, sah er wohl nur einmal, kurz nach Kriegsende. Sein alter Freund Fritz Ulrich, der ehemalige Chefredakteur des „Neckar-Echo“, hatte ein Lizenzangebot für die „Stuttgarter Zeitung“ erhalten. „Und wenn der Fritz Ulrich mir geschrieben hätte, komm zurück, wir beide zusammen machen die .Stuttgarter Zeitung‘, da hätte ich bestimmt ja gesagt.“ Doch Ulrich wurde Innenminister von Baden-Württemberg, ein anderes Angebot aus Deutschland erhielt Schaber nicht, „und ein Vabanquespiel wollte ich nie eingehen“. So blieb der Schwabe Schaber lieber in New York und ist heute gar nicht traurig darüber. „Wahrscheinich hätte ich mich in parteiinternen Kämpfen zerrieben, in Deutschland“, meint der alte Sozialdemokrat, der heute Mitglied der Demokratischen Partei Amerikas ist.

    Und will er nun nicht mal die Beine hochlegen? Denkt er nicht an seinen verdienten Ruhestand? Unwillig blickt Schaber in den hellen Hof der Backsteinsiedlung. Er sei zwar noch ein wenig angegriffen von all den Jubiläumsaktivitäten ums „Hausblättle“ (sechzig Jahre „Aufbau“ im vergangenen Herbst), gibt er zu, „das war eine Menge Kleinarbeit“, Ausstellungen, Vorträge, ein Buch sei ja auch noch entstanden. Aber er müsse doch nun mal allwöchentlich seine Kolumnen abliefern. Da helfe gar nichts.

    „Doch!“ und sein Blick klart nun wieder auf, „meine Frankfurterin!“ Und er deutet nach nebenan, wo Ehefrau Gerda schon wieder fürs Abendbrot sorgt. Die goldene Hochzeit haben sie längst hinter sich — 1942 wurde geheiratet. Aber im August wird wieder gefeiert. „Dann wird Gerda neunzig.“ Und er bricht ein weiteres Mal das eherne amerikanische Gesetz, nichts über das Alter verlauten zu lassen.

  • Hermann Mauthe

    Hermann Mauthe, geb. 4. Dezember 1892 in Eßlingen. Nach einer kaufmännischen Lehre wandte sich Mauthe der Schriftstellerei zu. 1922 wurde er Mitarbeiter, ein Jahr darauf Redakteur der „Sonntags-Zeitung“. 1924 kehrte Mauthe nach nur wenigen Monaten in Mexiko, wohin er auswandern wollte, an die „Sonntags-Zeitung“ zurück. Zusammen mit Will Schaber kurze Zeit Herausgabe eines Feuilleton-Pressedienstes („Till – das Feuilleton der Köpfe“). Bis 1933 umfangreiche Mitarbeit an der „Sonntags-Zeitung“. Mit Nummer 26/1933 (25. Juni) verschwindet Mauthes Name als verantwortlicher Redakteur aus dem Blatt; Einlieferung ins KZ Heuberg. Nach seiner Entlassung bis 1935 arbeitslos. 1935-38 (möglicherweise auf Veranlassung Hans Erich Blaichs – Dr. Owlglass) Mitarbeiter beim Simplizissimus. Langjährige Klinik- und Sanatoriumsaufenthalte aufgrund depressiver Zustände. Nach 1945 zeitweise als Pensionär im „Freihof“ des Göppinger Christophsbades. Zusammen mit dem Leiter dieser Klinik gelang es Erich Schairer, Geld und Arbeit für Mauthe zu besorgen; für die Stuttgarter Zeitung schrieb er kleinere Beiträge und gewann die Protektion von Gönnern (unter ihnen Willy Reichert). Am 2. Januar 1953 auf eigenen Wunsch aus dem Christophsbad entlassen, starb Mauthe am 30.10.1955 in Winnenden.

    Pseudonym: Frida Leubold

    Selbständige Veröffentlichungen:

    Jugendbewegung und deutsche Volkswirtschaft. Bielefeld: Fackelreiter o.J. (Junge Republik. Bausteine zum neuen Werden, hrsg. von Walter Hammer, Heft 3)

    Der Sieg des Bazifismus. Artikel, Gedichte und Aforismen. Heilbronn: Verlag der „Sonntags-Zeitung“ o.J. [1923]

    (Biografie und Bibliografie aus: Manfred Bosch (Hg.), Mit der Setzmaschine in die Opposition, Auswahl aus Erich Schairers Sonntags-Zeitung 1920-1933, 1989)

  • Hermann List

    Hermann List

    Hermann List, geboren am 21. Januar 1904 in Ostdorf (Oberamt Balingen) als Sohn eines evangelischen Pfarrers. Nach dem Besuch der evangelisch-theologischen Seminare Schönthal und Urach, von 1922 bis 1926 Studium der Germanistik, Geschichte und Altphilologie in Tübingen und München. Im August 1926 von Erich Schairer als Redakteur an die „Sonntags-Zeitung“ geholt. Zum 1. Januar 1931 übernahm List die Leitung der „Sonntags-Zeitung“ bis zu seinem Ausscheiden am 31.8.1932. Ende 1932 Gründung einer eigenen Zeitschrift („Kamera“), die nur in wenigen Ausgaben erscheinen konnte. 1933 bis 1937 erneut Mitarbeiter an der „Sonntags-Zeitung“ unter dem Pseudonym Tom, daneben Gelegenheitsarbeiten und Lektorat für den Verlag Gundert in Stuttgart. 1940 Einberufung; 1941 bis 1945 Soldat an der Ostfront. Nach 1945 Lehrer am Korntaler Gymnasium (Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde und alte Sprachen). 1949 bis 1956 wurde er von Erich Schairer als freier Mitarbeiter der Stuttgarter Zeitung verpflichtet, wo List eine eigene Kolumne („Meine Meinung“) erhielt. 1954-1982 Mitarbeit an der „Eislinger Zeitung“ (Kolumne „Wie steht’s?“). Rückkehr zur Württembergischen Landeskirche, für die er in seinem Wohnort Leonberg-Silberberg aktiv war. 1980 Übersiedlung nach Laichingen, wo List am 28.1.1987 nach langer schwerer Krankheit starb.

    Pseudonyme: Jan Hagel, Hans Lutz, Fritz Lenz, Konrad Rieger, Pitt

    Selbständige Veröffentlichungen:

    Thomas und Meister Gutenberg. Eine Geschichte um Johannes Gutenberg, den Erfinder der Buchdruckerkunst, der Jugend erzählt von H. L. Stuttgart: Gundert 1937.

    In Mailand als Leonardos Gesell. Stuttgart: Gundert 1938.

    Kleine Geschichten aus Frankreich. (Hrsg.) Stuttgart: Klett 1940.

    Kleine Geschichten aus England. (Hrsg.) Stuttgart: Klett o.J.

    Deutsch für Deutsche. Eine kleine Grammatik. Stuttgart: Turmhausverlag 1949.

    siehe auch:

    https://www.deutsche-biographie.de/sfz110856.html

  • Emil Julius Gumbel

    Emil Julius Gumbel

    Der 1890 geborene Emil Julius Gumbel stammte aus einer jüdischen Münchener Bankiersfamilie. Im Weltkrieg war er zum Pazifisten geworden und hatte sich in der Novemberrevolution innerhalb der USPD engagiert. Er war u.a. Lehrer an einer Betriebsräteschule gewesen. Berühmt wurde er als Historiker und Statistiker der politischen Morde in den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen der frühen Weimarer Republik. Gumbel war im nationalistisch-verfassungsfeindlichen Lager verhasst wegen seiner akribischen Recherchen über die Schuldigen an den zahlreichen Attentaten und politisch motivierten Ausschreitungen der Revolutionszeit, und weil er den skandalös nachsichtigen Umgang der Justiz mit allen Tätern, die der politischen Rechten angehörten, anprangerte und ihn der harten Bestrafung aller Täter aus dem linksextremen Spektrum gegenüberstellte. Seine Tabelle, in der die Bestrafung der Protagonisten der Münchener Räterepublik zu Höchststrafen mit dem milden Umgang mit den Führern des Kapp-Putsches von 1920 verglichen wird, findet sich bis heute in Schulbüchern.

    aus Christian Jansen: „Die Nazis, der Fall Gumbel und die Heidelberger Universität“, Vortrag von Christian Jansen am 8. Mai 2001 im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg

    Siehe auch: „Das rechte Auge“, Artikel von  Benjamin Lahusen vom 9. Februar 2012 in DIE ZEIT Nr. 7/2012: https://www.zeit.de/2012/07/Gumbel/komplettansicht

    https://www.uni-heidelberg.de/studium/journal/2012/12/gumbel.html

    https://www.uni-heidelberg.de/universitaet/heidelberger_profile/historisch/gumbel.html

    https://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Julius_Gumbel

  • Hans Gerner

    Hans Gerner

    Hans Gerner, geb. 7. Februar 1893 in Griesbach bei Passau. Der damals in Crailsheim lebende Volksschullehrer stieß 1922 zum Kreis um die „Sonntags-Zeitung“; in der Nummer 46 desselben Jahres erschien seine erste Holzschnitt-Karikatur. Nach einer kurzen Phase des Experimentierens fand Gerner rasch zu dem für ihn typischen Stil, einer aussagekräftigen und volkstümlichen Form bildnerischer Glossierung des politischen Zeitgeschehens. Die Popularität der markanten Karikaturen-Holzschnitte, die rasch zu einem eigenständigen Element der „Sonntags-Zeitung“ wurden, zeigt sich auch an der Zusammenfassung zu Mappen und Büchern im Verlag der „Sonntags-Zeitung“ — bereits in den Inflationsjahren 1923/24 galten Mappen mit Holzschnitten Gerners auf Japanpapier als wertbeständige „Zahlungsmittel“. Friedrich Wolf, für dessen Agitprop-Theater er Illustrationen lieferte, bekannte gegenüber Hans Gerner: „Dein ‚Politisches Bilderbuch‘ hat mir in dieser verlogenen Zeit maßlose Freude gemacht. Ich glaube, Du bist jetzt — da George Grosz immer mehr ins dekorative Bühnenfach abschwenkt — der einzige in Deutschland, der in diese Kerbe haut“. Kurz nach dem Erscheinen seiner letzten Karikatur in der „Sonntags-Zeitung“ (man sieht ein Nazischaf auf einer Hakenkreuzwiese weiden, Ausgabe 1933, 12) wird Gerner im April 1933 ins KZ Heuberg gebracht und nach seiner Entlassung zunächst nach Nürtingen, später nach Aalen strafversetzt. Anfang der vierziger Jahre gab Hans Gerner dem politischen Druck nach und trat in die Partei ein, um im Schuldienst bleiben zu können. Diese Erlebnisse mögen mit zu seinem frühen Tod am 10. März 1946 in Aalen beigetragen haben.

    Selbständige Veröffentlichungen:

    Politisches Bilderbuch 1922-1926. Vorwort von Max Barth. Stuttgart, Verlag der Sonntags-Zeitung, o.J. [1926]

    Illustrierte Verfassung des Deutschen Reiches vom 11. August 1919. Ein Bilderbuch in Holzschnitten von H.G. Mit einem Vorwort von Erich Schairer. Stuttgart, Verlag der Sonntags-Zeitung, 1930.

    Kleines Hitler-Album. Eine Sammlung von Holzschnitten aus der Sonntags-Zeitung. Vorwort von Hermann Mauthe. Stuttgart, Verlag der Sonntags-Zeitung, 1932.

    Sekundärliteratur zu Hans Gerner:

    Verband Bildender Künstler Württemberg e.V. (Hrsg.), Künstlerschicksale im Dritten Reich in Württemberg und Baden. Stuttgart o.J. [1988]

    Günther Wirth, Verbotene Kunst. Verfolgte Künstler im deutschen Südwesten 1933-1945. Stuttgart 1987

    (Biografie und Bibliografie aus: Manfred Bosch (Hg.), Mit der Setzmaschine in die Opposition, Auswahl aus Erich Schairers Sonntags-Zeitung 1920-1933, 1989)

  • Max Barth

    Max Barth

    Max Barth, geboren am 22. Januar 1896 in Waldkirch/Elztal. Nach der Realschule Besuch des Karlsruher Lehrerseminars; Teilnahme am Ersten Weltkrieg in Belgien, Frankreich, Polen und Rumänien. Drei Jahre Volksschullehrer; seit 1922 freier Autor und Journalist. Erste Veröffentlichungen in der „Sonntags-Zeitung“ Anfang 1924. Im selben Jahr von Erich Schairer in die Redaktion geholt, wurde Barth unter zahlreichen Pseudonymen zu einem der produktivsten und vielseitigsten Mitarbeiter. Im August 1932 wegen politischer Differenzen entlassen, gründete Barth eine eigene kleine Wochenzeitung („Die Richtung“). Aufgrund drohender Verhaftung wegen „Hochverrats“ (Barth hatte in seiner Zeitung zur Abwehr des Nationalsozialismus zum Generalstreik aufgerufen). Anfang März 1933 Flucht in die Schweiz. Damit begann ein 17 Jahre währendes Exil, das Barth rund um die Welt führte (Frankreich: 1933 und 1935, Spanien: 1934, Tschechoslowakei: 1935, Norwegen: 1938, Schweden: 1940 und USA: 1941). 1950 Heimkehr: zunächst Stuttgart, zwei Jahre später Waldkirch, wo er sich – über die politische Entwicklung und seine eigene „Überflüssigkeit“ enttäuscht – „zu Ende lebte“. Tod am 15. Juli 1970.

    Pseudonyme: Mufti Bufti, Mara Bu, Karl Fehr, Franz Kury, Jack, Knurrhahn, Peng

    Selbständige Veröffentlichungen:

    Kabif [als Mufti Bufti]. Gedichte. Stuttgart: Verlag der „Sonntags-Zeitung“ 1930.

    Die Rubaijat des Omar Khaijam. Frankfurt: Europäische Verlagsanstalt 1963.

    Die Nacht des Kaisers. Der Herr des Reiches. Waldkirch: Privatdruck 1964.

    Ein fremder Hund: Waldkirch: Privatdruck 1964.

    Der rote Stein und andere Geschichten. Waldkirch: Privatdruck 1966.

    Höllentorer Chronik. Waldkirch: Privatdruck o.J.

    Spur im Ufersand. Eine Auswahl aus dem Werk. Waldkirch: Waldkircher Verlag 1971.

    Flucht in die Welt. Exilerinnerungen 1933-1950. Hrsg. von Manfred Bosch. Waldkirch: Waldkircher Verlag 1986.

    Lob des Dialekts. Waldkircher Redensarten. Texte und Gedichte. Waldkirch: Waldkircher Verlag 1986.

    (Biografie und Bibliografie aus: Manfred Bosch (Hg.), Mit der Setzmaschine in die Opposition, Auswahl aus Erich Schairers Sonntags-Zeitung 1920-1933, 1989)

    Inventory of the MAX BARTH PAPERS, 1916-1962
    M.E. Grenander Department of Special Collections and Archives GERMAN INTELLECTUAL ÉMIGRÉ COLLECTION

    siehe auch:

    https://www.zeit.de/1987/18/sechseinhalbtausend-mark-wiedergutmachung

    https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Barth_(Journalist)

  • Kuno Fiedler

    Fiedler studierte ab 1913 in Leipzig Theologie und war zunächst Pfarrvikar in Planitz in Sachsen. 1918 wurde er in Leipzig mit einer Dissertation über Gustav Theodor Fechner zum Dr. phil. promoviert. Am 23. Oktober desselben Jahres führte er die Haustaufe von Elisabeth Mann durch, dem fünften Kind von Thomas und Katia Mann. Thomas Mann, mit dem er seit 1915 korrespondierte, berichtet darüber in Hexametern im Gesang vom Kindchen. Manns literarisches Porträt des „geistlichen Jünglings“ ist dabei nicht frei von distanzierter Ironie und verletzte Fiedler; doch „zählte [er] unter den als Einschwärzungsmaterial dem Werk einverleibten Opfern Thomas Manns zu jenen, die sich versöhnen liessen“ (Thomas Sprecher).[1]

    Neben dem Kirchenamt publizierte er viel. Seine zunächst anonym erschienene Streitschrift Luthertum oder Christentum? führte 1922 zu seiner Entlassung aus dem Kirchendienst. Er ging in den Schuldienst, erst als Volksschullehrer, dann als Studienrat in Neustadt an der Orla, ab 1930 in Altenburg als Religionslehrer.

    Ende 1932 weigerte sich Fiedler, im Unterricht die von Fritz Sauckel (NSDAP), dem thüringischen Innenminister, verordnete Propaganda durchzuführen. Er lebte danach als Journalist in Dettingen am Main. Zweimal besuchte er Thomas Mann in Küsnacht im August 1934 und im April 1936, bis er am 2. September 1936 ohne Angabe von Gründen verhaftet wurde. Später erfuhr Fiedler, dass die Gestapo ihn verhaftet hatte, weil sie in ihm einen Agenten eines Spionagerings um Thomas Mann vermutete.[2] Fiedler gelang in der dritten Haftwoche die Flucht aus der politischen Abteilung des Würzburger Landgerichtsgefängnisses, der Grenzübertritt erfolgte auf einem Kahn über den Bodensee in die Schweiz, wo er mit der Unterstützung Manns und der Europäischen Zentralstelle für kirchliche Hilfsaktionen eine Stelle als Pfarrer in St. Antönien erhielt und 1947 eingebürgert wurde. Auch begegnete er Thomas Mann nach dessen Rückkehr aus den USA wieder. Ihre Korrespondenz setzte sich bis in Manns Todesjahr fort. Die „bedeutendsten Äusserungen über Religion und Religiosität“, die von Thomas Mann vorliegen, finden sich in Antwortbriefen an Fiedler.[3]

    1955 verliess er seine Pfarrei und verbrachte den Ruhestand in völliger Zurückgezogenheit im Tessin.

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kuno_Fiedler

    Zu Kuno Fiedler siehe auch:

    Klaus Bäumler
    Kuno Fiedler (1895-1973)
    Ein deutsches Schicksal – dem Vergessen entreißen

    veröffentlicht in:

    Dirk Heißerer (Hg.):
    Thomas Mann in München
    Vortragsreihe Sommer 2003
    Thomas-Mann-Schriftenreihe Band 2. München, Peniope, 2004

    Ein Schlaglicht auf Kuno Fiedler wirft die folgende Schilderung der Ehefrau von Erich Schairer, Helene Schairer, geb. Lutz (1889-1981)

    Kuno Fiedler und das III. Reich

    Dr. Fiedler kleidete seine Artikel für die Sonntags-Zeitung in sorgsame Hüllen. Wer Ohren hatte zu hören, der hörte und verstand den Ruf – Deutschland wache auf! Auf diesen heimlichen Gegner wurden die Führer des III. Reiches aufmerksam und sperrten ihn in Würzburg ins Gefängnis. Darüber wurde nichts bekannt, auch Erich Schairer hatte lange Zeit keine Ahnung davon. Es muss etwa Sommer 1935 gewesen sein, als Erich Schairer von seinem Freund Owlglass zu einigen Erholungstagen nach Fürstenfeldbruck eingeladen wurde, seine Gesundheit hatte es dringend nötig, ich war allein in Haus und Garten mit den Kindern, wo es ständig viel Arbeit gab. Eines Tages am Vormittag klopfte es vorsichtig an ein Fenster von Erich Schairers Arbeitszimmer, es lag im Parterre gegen die Straße zu. Ich ging hin u. schaute nach, vor mir stand ein Unbekannter – Bekannter in ärmlicher Kleidung, verhärmten Gesichtes und mit fast tonloser Stimme. Fragte stotternd „Ist Schairer hier? Ich muss ihn unbedingt sprechen!“ – „Leider ist er verreist für etwa 10 Tage!“. Und der andere sagte dann: „Ich bin Kuno Fiedler, gestern aus dem Gefängnis in Würzburg entwichen, ich hab keinen Pfennig Geld, werde von der Polizei verfolgt, ich muss möglichst rasch über die Grenze nach der Schweiz. Schairer ist mir noch Honorar schuldig von einigen Aufsätzen in seiner Zeitung,“ er schaute ständig ängstlich nach allen Seiten, stand ausserhalb des Hauses – „ich möchte nicht, dass man mich hier findet.“ Die gewünschte Summe hatte ich garnicht im Haus, und Bankkonten hatten wir damals auch nicht, mein Haushaltungsgeldgeber war der Hausherr, der mir, je nachdem er es hatte, bar in Mark auszahlte. „Ich kann Ihnen jetzt nichts geben! Wenn Sie morgen noch einmal kommen können?“ Damit fand er sich ab, auch weil er so voller Unruhe und gehetzt war und lief schnellstens die Straße nach Esslingen hinunter. – Ich überlegte dann: Jetzt was tun, Frau Schairer – das Geld, wer gibt mir das so schnell, ohne dass ich den Grund für den Bedarf angab? Ich hatte nur noch wenige Mark in der Tasche, da ich in Bälde die Rückkehr des Hausherrn erwartete, schlimm dass gar kein Geld im Haus ist kein Geld im Haus – aber da kommt mir ein Gedanke. Kreszens, das gute Hausmädchen von damals, die legte ja monatlich ihren guten Lohn in ihr Nachttischschublädele, das gab sie nicht auf die Bank, sie wollte das für eine spätere Aussteuer zusammensparen und ab und zu sehen und nachzählen, wie viel es schon wäre. Schairer bezahlte seine Angestellten etwas über das übliche hinaus, um sein christlich soziales Denken zu bekunden. Und ich sagte dem Mädchen, dass ich das einem Bekannten des Hauses leihen möchte, der plötzlich in grosse Not gekommen wäre und morgen von mir 120 M bekommen sollte. Der Hausherr würde es ihr bei seiner Rückkehr sofort wieder ersetzen. Und die gute Kreszens half gerne mit.

    So kam der nächste Tag. Am frühen Vormittag standen zwei Polizeibeamte vor der Haustüre. Sie wollten den Herrn Dr. Schairer sprechen. „Wir waren gestern unten in Stuttgart auf seinem Büro und er war nicht mehr da“, so wollten sie ihn hier oben treffen, ehe er in sein Büro ginge. „Aber mein Mann ist gar nicht zu Hause, er ist seit einigen Tagen in Fürstenfeldbruck zur Erholung und wird etwa in acht Tagen wieder in der Redaktion sein.“ In solchen Augenblicken steht man wirklich unter göttlichem Schutz. Ich wäre in großer Gefahr gewesen, wenn die beiden etwa bei mir nach Dr. Fiedler gefragt hätten. Ich war nicht so gewandt, um Ausreden aufzutischen, alles wäre schiefgegangen, aber nach meiner offenherzigen natürlichen Auskunft dachten sie nicht daran und gingen wieder fort.

    Während der Hitlerherrschaft im III.Reich wohnte Erich Schairer mit seiner Familie in Sulzgries, einem Vorort von Esslingen in der Nähe von Stuttgart. Unten im Stuttgarter Talkessel hatte er eine Redaktions-Stube für die Heraugabe seiner Sonntags-Zeitung. Schairer war großer Gegner des Nazi-Regimes, das war selbstverständlich. Es war schwer für ihn, sich über Wasser zu halten, ohne daß man bei seiner Aufrichtigkeit und Kampfbereitschaft ihm seine Zeitungs-Herausgabe verbot. Er war klug, den ständigen täglichen Schikanierereien überlegen, über diese sprach er kaum ein Wort zu Nächststehenden. Seine Familie mit sechs schulpflichtigen Kindern lebte wohlbehütet in einfachen Verhältnissen auf der Sulzgrieser Höhe, wo er ein altes Bauernhaus, die frühere Wirtschaft „zum Bären“ erworben hatte. Dieses war geräumig und hatte einen großen Garten ums Haus voll Bohnen und Beeren mit Bauernwiese und dahinter als Abgrenzung ein lustig und klar dahinfließendes Bächlein. Erich Schairer war sehr ordnungsliebend, wehe, wenn einmal eine Gartenharke nicht an ihrem Platz aufzufinden war. Alles was er anschaffte war von großer Einfachheit, aber brauchbar und solide musste alles sein. Auch wenn er wenig Geld hatte, kaufte er wenigstens doch beste Qualität. So sammelte sich auch nichts unnützes an und man konnte das Haus gut in Ordnung halten. Unten in der Stadt Stuttgart hatte er viele Freunde und Anhänger, Leser seiner Zeitung, die er gerne zu einem Glas Wein oder selbst gekeltertem schwäbischen Apfelmost in sein Sulzgrieser Haus einlud. Dazu gab es von der Hausfrau selbst gebackenes Hausbrot, das Mehl dazu kaufte er selbst bei den Bauern auf der schwäbischen Alb, wo er sicher sein konnte, daß er die reine Gottesgabe erhielt und keine Mischware, nichts dazwischen gemogeltes: „Dinkel“ eine Weizensorte, die keine Rekordernten gibt und nur noch auf der Alb angebaut wurde. Diese Beschreibung von Haus Hof und Garten soll eine Einführung sein zu einer Begebenheit, die ich mir schon länger vorgenommen hatte, niederzuschreiben. Sie ist ein Zeitdokument aus dem III. Reich und sollte ab und zu aufgefrischt werden, da wir jetzt der Jahrhundertwende entgegen immer noch die Früchte dieser „Heroischen Zeit“ zu tragen haben. Wie Erieh Schairer schon damals prophezeite und mit sorgerfülltem Herzen darüber sprach: „Unsere Kinder und Enkel werden es noch zu büßen haben!“

    Sein Büro, wo er seine Wochenzeitung redigierte, lag vorerst an der unteren Königstraße, nicht weit vom Bahnhof, ein Raum in bescheidenster Ausführung, ein Einmannbetrieb; Redakteur und Schriftsteller, Druckerei und Versand, alles unter seiner Aufsicht, weiter Abonnentenwerber, Inseratensammler! Die mit der Post versandten Exemplare (mit Streifband verschickt) wurden teilweise abends im Familienkreis fabriziert. Hier hieß es auch: Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Mit Klugheit und großem Geschick ging dies alles programmäßig vor sich. Auch um Mitarbeiter musste er sich bemühen, solche, die seine Lebensanschauung teilten und auch überdurchschnittliches zu sagen hatten. Einer unter diesen war Dr. Kuno Fiedler. Wie Erich Schairer war er als Theologe ausgebildet, schied aber bald wegen Gewissensfragen aus dem Pfarrdienst aus. „Er schrieb, allein in einem kleinen Häuschen im Maintal, von Weinbergen umgeben wohnend: „Die Stufen der Erkenntnis“, ein philosophisches Buch, das Anerkennung fand. Fiedler war wie Er1ch Schairer ein großer Gegner der Hitlerei, von Anfang an ihres Triumphgeschreis traute er der Sache absolut nicht und legte ein Notizbuch an, in dem er heimliches, Hörensagen aus dem Volk sammelte, worin man über Zeitungen und Hörfunk im westlichen Ausland den Teufeleien der Nazis auf die Spur kam. Einige Stunden später klopfte es wieder ans Fenster des Herrenzimmers. Dr. Fiedler stand draußen. Diesmal etwas gefasster und ruhiger. Er hätte die Nacht bei weitläufigen Bekannten unten im Neckartal unterkommen können, sie hätten Verständnis für seine Lage und er konnte dort auch seinen Hunger stillen. Er berichtete mir dann einiges über seine Flucht aus dem Gefängnis. Wie er dann an der Straße stand im Sträflingsanzug und schnellstens die Straße überqueren wollte, stand da ein Haus, dieses hatte in der Parterrewohnung einen Balkon vorgebaut, der kaum einen Meter über der Erde stand. Unter diesem fand er Unterschlupf, er legte sich hinten an die Hauswand an, so dass man ihn von der Straße nicht sehen konnte. Dort wartete er die Nacht ab, bis der Hauptverkehr auf der Straße abgeflaut war und versuchte mit einem Güterlastwagen weiterzukommen. Und wirklich – so ein verständnisvoller Kapitän der Landstraße, der abenteuerliche Dinge bei seinem Beruf schon öfters erlebt hatte, war treuherzig genug, den Flüchtling mitzunehmen, er fuhr dem Süden zu, wohin Fiedler auch kommen wollte. – Fiedler bekam die versprochenen Moneten, dann holte ich einen Fahrplan herbei, um seine Weiterfahrt festzulegen, via Ulm-Bodensee. Bis Ulm mit einem Schnellzug – aber ungerne – in diesem könnte er von einer Zugkontrolle überrascht werden, aber ohne diese rasche Beförderung bis Ulm hätte er den Bodensee nicht mehr am gleichen Tag erreichen können. Von da ab im Zickzack auf kleinen Bahnstrecken, und er kam dann tatsächlich am Abend in den vorgeschlagenen Ort Allensbach am Untersee. Dort hatte ein Kunstmaler namens Marquard ein Haus mit Pension, im Grenzgebiet gelegen, ganzjährig und im Sommer kamen dort Gäste aus Deutschland, man nahm so viele auf, wie die alleinarbeitende Hausfrau verkraften konnte. Erich war auch schon mit seinen älteren Kindern dort. Als Fiedler sich von mir verabschiedete, gab ich ihm zum Lesen im Zug ein paar Zeitschriften mit, damit er sich vor Gesprächen im Zug absondern konnte, es waren 2 Hefte des Christian Science Monitor, womit er sich als Wanderprediger hätte ausweisen können.

    Erich Schairer, der während diesen Tagen bei Freund Owlglass zu Gast war, wollte von dort aus noch an den See fahren. Das schöne, warme Wetter lockte zum Schwimmen und Bootfahren. Als Erich hin kam, war das ganze Haus besetzt, aber Marquard, der ein getreuer Leser seiner Sonntags-Zeitung war, nahm ihm trotzdem auf, die meisten Gäste waren aus Deutschland, es war die Zeit des „Heil Hitler“-Hurra-Patriotismus, man war nicht mehr ganz en famille. An diesem späten Abend kam noch ein Gast ins Haus, ein unerwarteter, Erich Schairer traute seinen Augen nicht – das ist ja der Dr. Fiedler, das kann doch nicht sein, der sitzt ja in Würzburg im Gefängnis. Aber er war es doch – wie kahn man das zusammenbringen, so einige Nazis unter demselben Dach mit einem vom Führer steckbrieflich Verfolgten! Die drei Nichtnazis saßen noch zusammen. und es entstand ein weiser Plan.

    Am nächsten Morgen wurde in der Pension bekanntgegeben: „Wir machen heute einen gemeinsamen Ausflug in die Schweiz, 24 Menschen haben im Boot Platz. Man Kann drüben in ein Kaffee gehen und Zucker ohne Marken einkaufen. Am Abend wieder zurück. Das schöne Wetter muß heute benützt werden!“ Es fuhren viele mit, die Grenzer kannten Marquars und seine Kaffeegäste, an der Grenze wurden sie gezählt und notiert. Beim Rückfahren sagte der Grenzbeamte „Da fehlt ja einer!“ und Marquard sagte „Das war ja ein Schweizer aus Bern, der wollte zurück, das wurde doch bekanntgegeben!“

    Und so kam Dr. Kuno Fiedler über die Grenze, fuhr nach Bern und wurde vom Schweizer Präsidenten freundlich aufgenommen, denn er konnte ihnen Auskunft geben von zwei Schweizern, die im Hitler-Deutschland verschwunden waren und als Verdächtige Ausländer ebenfalls im Würzburger Gefängnis festgehalten wurden.

    (Mit geringfügigen Korrekturen nach dem Wortlaut einer maschinengeschriebenen Fassung, welche Helene Schairer etwa um 1980 herum ihrem Sohn Eberhard diktierte.)