Fast fünf Monate lang war Stuttgart im Jahr 1945 ohne Tageszeitung. Am 18. September endete die zeitungslose, die schreckliche Zeit.
Die Geburtsstunde schlug am 17. September 1945 gegen 15 Uhr. Nach feierlichen Reden im Maschinensaal des Turmhauses an der Eberhardstraße lief rumpelnd die Rotation an. Minuten später hielten amerikanische Offiziere und deutsche Lizenzträger die Nummer 1 der neuen „Stuttgarter Zeitung“ in Händen. Erscheinungsdatum: 18. September 1945. Nordwürttemberg hatte wieder eine Tageszeitung.
Dieser Moment war seit Monaten generalstabsmäßig vorbereitet worden. Schon Anfang Mai – die Trümmerstadt war noch in französischer Hand – war der US-Offizier John H. Boxer in Stuttgart aufgekreuzt, wenig später sein Kollege William Sailer. Beide sollten sich um den Wiederaufbau einer Zeitung kümmern, mit der die Bürger zur Demokratie bekehrt und sowohl durch Information als auch durch freie Meinungsäußerung vom Bazillus der Naziideologie geheilt werden sollten.
Was die beiden „Amis“ für diese Aufgabe prädestinierte, war der Umstand, daß sie fließend Deutsch sprachen. Kein Wunder: Sailer war in Stuttgart aufgewachsen, der 25jährige Boxer war ein Wiener Arztsohn, der mit seinen jüdischen Eltern in die USA emigriert war.
Die Zeitungstechnik machte wenig Probleme. Der Tagblatt-Turm, einst die Heimat des Stuttgarter „Neuen Tagblatts“, war im Krieg nur leicht beschädigt worden; die Rotationsmaschine, auf der bis zum 20. April der braune „NS-Kurier“ gedruckt worden war, lief. Sogar das notwendige Fachpersonal war vorhanden, und einen Titel, von einem Fachmann in Holz geschnitzt, besaß man auch. Oberleutnant Boxer, der altmodische Namen wie „Merkur“, „Rundschau“ oder „Nachrichten“ verabscheute, hatte ihn erfunden: „Stuttgarter Zeitung“, schlicht und schnörkellos.
Schwieriger war es schon, politisch unbelastete Kandidaten für das vorgegebene dreiköpfige Herausgebergremium zu finden. Doch nach Gesprächen in der Villa Scheufelen entschieden sich die Amerikaner. Ihre Wahl fiel auf den nationalliberalen Henry Bernhard, dem einstigen Privatsekretär von Außenminister Gustav Stresemann; ferner auf den gerade inthronisierten Sendeleiter von Radio Stuttgart, Josef Eberle, und auf Dr. Karl Ackermann, der von den kommunistischen Arbeitsausschüssen nominiert worden war. Keiner der drei besaß Erfahrungen mit Tageszeitungen. Bernhard und Eberle sperrten sich selbst noch, als sie von den Amerikanern im offenen Jeep zum entscheidenden Gespräch abgeholt wurden. Doch es gab in der Stadt nicht viele geeignete Persönlichkeiten, die auf Distanz zu den Nazis geachtet hatten. Dieses Kriterium genügte den Lizenzgebern fürs erste. Und außerdem, so Josef Eberle damals scherzhaft, habe er sowieso immer vorgehabt, Millionär zu werden.
Es konnte losgehen. Kaum waren die Reden der US-Offiziere und des Oberbürgermeisters Arnulf Klett verklungen, die Lizenzurkunde ausgehändigt, da kam es schon zu Spannungen in dem politisch so ungleich besetzten Herausgebertrio. Die Zeitung, die zweimal wöchentlich in 400 000 Exemplaren erschien, fand zwar reißenden Absatz, und die Überschriften in der ersten Nummer verkündeten Aufbruchstimmung. „Es geht vorwärts!“ titelte Ackermann seinen Leitartikel. „Ein Sieg des Geistes“ überschrieb Eberle sein erstes Feuilleton. Doch die politischen und publizistischen Konflikte zwischen dem damals ausgesprochen sozialistisch orientierten Ackermann und dem eher bürgerlich-konservativ geprägten Bernhard nahmen zu. Bernhard beklagte, daß ein „tragender Mittelpfeiler“ fehle. Josef Eberle beschrieb den Zustand in einem Brief so: „Es kriselt in der ,Stuttgarter Zeitung’.“ Kein Wunder, daß die Amerikaner in der „Information Control Division“ darüber nachdachten, ob es nicht besser wäre, die Querelen durch die Zulassung einer zweiten, eher bürgerlich ausgerichteten Zeitung für Stuttgart zu beenden.
Bei der Suche nach neuen Lizenznehmern stießen sie unter anderem auf den Herausgeber der ehemaligen „Sonntagszeitung“, Dr. Erich Schairer. Er, der seit kurzem das „Schwäbische Tagblatt“ in Tübingen leitete, sollte sich mit dem bisherigen StZ-Lizenzträger Henry Bernhard zusammentun – eine Vorstellung, der Schairer allerdings nichts abgewinnen konnte. Nicht, daß er Bernhard menschlich nicht geschätzt hätte. Doch politisch sah er keinen gemeinsamen Nenner. Schairer in einem Brief an den zuständigen US-Presseoffizier: „Wie Sie wissen, bin ich bei keiner Partei, aber Sozialist, und stehe in entscheidenden Fällen der KPD näher als der SPD.“. Und im Mai teilte er dem Innenministerium mit, daß er „mit Eberle und Ackermann vielleicht besser harmonieren würde“ als mit dem anderen Partner.
Zu diesem Zeitpunkt war schon klar, daß das Herausgebertrio der „Stuttgarter Zeitung“ gesprengt würde: Henry Bernhard hatte den Auftrag erhalten, die zweite Zeitung der Stadt zu organisieren. Im November 1946 erschienen erstmals die „Stuttgarter Nachrichten“. Dies mit der Folge, daß das ohnedies knappe Zeitungspapier geteilt wurde und die Leser sich für eines der beiden Blätter entscheiden mußten. Karl Ackermann aber, inzwischen auf dem Weg zu einer liberaleren Haltung, erhielt den Auftrag, den „Mannheimer Morgen“ herauszugeben. Folglich hielt, pünktlich zum ersten Geburtstag der „Stuttgarter Zeitung“ im September 1946, Erich Schairer Einzug ins Turmhaus, und mit ihm ein Mann namens Franz Karl Maier. Er war als Spruchkammervorsitzender „überzeugt davon, daß man den Nazigeist mit Stumpf und Stiel ausrotten“ müsse. Deshalb wollte er sogar den damaligen Ministerpräsidenten Reinhold Maier wegen dessen Zustimmung zu Hitlers Ermächtigungsgesetz 1933 anklagen.
Immerhin: die zweite Herausgebergeneration hielt bis ins Jahr 1950. Als die Familie Bosch ihre Rechte als ehemalige Besitzerin des Stuttgarter „Tagblatts“ anmeldete, kam es nach heftigen Auseinandersetzungen erneut zu einer Trennung. Als die Bosch-Erben ihre einst zwangsweise abgetretenen Rechte am „Tagblatt“ und damit an der Nachfolgezeitung „StZ“ einklagten, wollte Maier notfalls auch einen publizistischen Kampf riskieren. Da die bisherigen Nur-Herausgeber Eberle und Schairer schließlich einlenkten und so auch zu Mitbesitzern der StZ wurden, ließ sich Franz Karl Maier auszahlen. Mit dem angesichts der vierjährigen Tätigkeit erklecklichen Betrag stieg er beim Berliner „Tagesspiegel“ ein. Diese Zeitung hat er dann bis zu seinem Tod 1984 herausgegeben. Ist es verwunderlich, daß sie bis heute in Haltung und Gestalt manche Ähnlichkeit mit der „Stuttgarter Zeitung“ aufweist?
Martin Hohnecker
