Kategorie: Epilog

Zeugnisse von und über Erich Schairer aus der Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg

  • Archivalien E. J. Gumbel (ca. 1934-1966)

    übersetzt mit DeepL

    Leitfaden zu den Unterlagen von Emil Julius Gumbel, ca. 1934–1966

    Bibliothek der University of Chicago

    © 2006 Bibliothek der University of Chicago

    Beschreibende Zusammenfassung

    Titel: Gumbel, Emil Julius. Unterlagen

    Zeitraum: ca. 1934–1966

    Umfang: 2 lineare Fuß (4 Kartons)

    Aufbewahrungsort: Hanna Holborn Gray Special Collections Research Center

    Bibliothek der University of Chicago

    1100 East 57th Street

    Chicago, Illinois 60637, USA

    Zusammenfassung: Die Emil-Julius-Gumbel-Papiere bestehen in erster Linie aus allgemeiner persönlicher Korrespondenz, die alphabetisch nach Korrespondenzpartnern geordnet ist und in den meisten Fällen eine Kopie von Gumbels Antwort enthält. Ebenfalls in der Sammlung enthalten sind Gumbels thematische Akten. Diese Akten beziehen sich größtenteils auf bestimmte Ereignisse und Aktivitäten, wie beispielsweise Gumbels Verbindung zum Office of Strategic Service.

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    Bei Zitaten aus dieser Sammlung lautet die empfohlene Zitierweise: Gumbel, Emil Julius. Unterlagen

    Biografische Anmerkung

    Emil J. Gumbel (1891–1966), ein mathematischer Statistiker, gehörte zu den vielen deutschen Intellektuellen, die sich dem Nazi-Regime widersetzten und aus ihrer Heimat flohen, in der Hoffnung, durch ihre Bemühungen im Ausland die Wiederherstellung einer demokratischen Regierung in Deutschland zu erreichen. Die Gumbel-Papiere spiegeln seine Verbindungen zu anderen Anti-Nazis wider sowie deren Aktivitäten, ihrem Heimatland dabei zu helfen, sich von den durch das Dritte Reich verursachten Verwüstungen zu erholen. Gumbel verbrachte seine frühen Lebensjahre in München, wo er Wirtschaftswissenschaften, Ingenieurwesen und Versicherungsmathematik sowie Mathematik und Statistik studierte. Er trat 1922 in die Fakultät der Universität Heidelberg ein und wurde im Laufe des folgenden Jahrzehnts sowohl für seine politischen Schriften als auch für seine wissenschaftliche Arbeit weithin bekannt. Seine politischen Ansichten waren weitgehend das Ergebnis eines entschiedenen Pazifismus, den er während seines Dienstes im Ersten Weltkrieg entwickelt hatte. In den 1920er Jahren verfasste er mehrere Bücher und Artikel, in denen er die militaristischen Ziele und die politische Einschüchterung durch rechte Kräfte aufdeckte, deren Einfluss in Deutschland damals zunahm, insbesondere durch die Freikorps und die junge Nationalsozialistische Partei. Infolge seiner Untersuchungen wurde Gumbel bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 aus der Heidelberger Fakultät entlassen. Die folgenden Jahre verbrachte er in Frankreich, wo er an den Universitäten von Paris und Lyon lehrte; nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich im Jahr 1940 emigrierte Gumbel nach New York City, wo er eine Stelle an der New School for Social Research erhielt.

    Gumbels Kenntnisse der deutschen politischen Verhältnisse ermöglichten es ihm, sich aktiv am Kampf gegen die Nationalsozialisten zu beteiligen. Aus den Unterlagen geht hervor, dass er häufig von Studenten, Wissenschaftlern und Regierungsbehörden, insbesondere vom Office of Strategic Services, um Rat gefragt wurde. Der Großteil der Korrespondenz in der Sammlung stammt aus den 1940er Jahren; in dieser Zeit pflegte Gumbel weiterhin seine Verbindungen zu ehemaligen Kollegen in Europa, Nord- und Südamerika. Die Unterlagen umfassen den Briefwechsel mit mehreren Freunden, denen er zur Flucht vor den Nazis verhalf, sowie mit Weggefährten wie Otto Lehmann-Russbuldt, dem Präsidenten der Deutschen Liga für Menschenrechte, und Paul von Schoenaich von der Deutschen Friedensgesellschaft. Gumbels Engagement nach dem Krieg für den Wiederaufbau Deutschlands, das Wohlergehen seiner Landsleute und sein Widerstand gegen die deutsche Wiederaufrüstung sind in den Unterlagen ebenfalls durch Korrespondenz und öffentliche Erklärungen wie seine „Erklärung gegen deutsche Aufrüstung“ dokumentiert.

    Gumbel lehrte bis zu seinem Tod im Jahr 1966 weiterhin an der New School und anderen New Yorker Einrichtungen.

    Anmerkung zum Umfang

    Die Emil-Julius-Gumbel-Papiere bestehen in erster Linie aus allgemeiner persönlicher Korrespondenz, die alphabetisch nach Korrespondenzpartnern geordnet ist und in den meisten Fällen eine Kopie von Gumbels Antwort enthält. Ebenfalls in der Sammlung enthalten sind Gumbels Themenakten. Diese Akten beziehen sich größtenteils auf bestimmte Ereignisse und Aktivitäten, wie beispielsweise Gumbels Verbindung zum Office of Strategic Service.

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    Weiterführende Ressourcen

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    Gumbels wissenschaftliche Arbeiten, die sich auf Ordnungsstatistik konzentrieren, insbesondere auf die Entwicklung und Anwendung der Theorie der Extremwerte, sind im Leo Baeck Institute in New York hinterlegt.

    Schlagwörter

    • Gumbel, Emil Julius, 1891–

    INVENTAR

    Serie I: Allgemeine persönliche Korrespondenz

    Kiste 1 Ordner 1 Korrespondenz A–B

    Altschul, Eugen

    American Civil Liberties Union

    Das Andere Deutschland

    Aufbau

    Balch, Emily G.

    Baldwin, Roger

    Becher, Johannes R.

    Becker, Hertha

    Berger, Erwin

    Brinitzer, Maria

    British Press Service

    Brown, Lyndon O.

    Buek, Otto

    Bürger, Ottmar

    Kiste 1 Ordner 2 Korrespondenz C–F

    Cerf, P.

    Comité National Français aux États-Unis

    The Commentary

    Committee for One Million

    Common Cause, Inc.

    Crabb, George A.

    Dejardin, G.

    Dora, Francis E.

    von Doss, Ilse Wolff

    Douglas, William O.

    Dover Publications

    Dunn, L.C.

    Eichler, Willi

    Emersleben, Otto

    Falck, Carl

    Box 1 Ordner 3 Falk, Alfred

    Box 1 Ordner 4 Falk, Alfred

    Box 1 Ordner 5 Korrespondenz F–K

    Flanders, Ralf E.

    Fliess, Peter J.

    Franklin, Harry Lee

    Freymann, M.

    Fritsch, Mia

    Fröhlich, Rosi und Paul

    Gaffron, H. (Hons)

    Georgi, M.

    German-American Council

    Goetze

    Greenwood, M.

    Goldziher

    Hadamard, Jacques

    Hammer, Walter

    Hansome, Marius

    Hermann

    Hertz

    Hilger, Wilhelm Joseph

    Höfler, Heinrich

    Inoue, Kakutaro

    Jacobsen, Otto

    Kallman, H.

    Kelly, Edna F.

    Kempfert

    Box 1 Ordner 6 Kempner, Robert M.W.

    Box 1 Ordner 7 Korrespondenz K–L

    Kessman, Dorothy M.

    Kersten

    Klimpt, E.E.

    Kraschutzki, Heinz

    Kuczynski, Marguerite

    Kuester, Fritz

    Kun, Frederick

    Kuhn, Hermann

    LaCroix, Max

    Box 1 Ordner 8 Lehmann-Russbüldt, Otto

    Box 1 Ordner 9 Lehmann-Russbüldt, Otto

    Box 1 Ordner 10 Lehmann-Russbüldt, Otto

    Kiste 1 Ordner 11 Lehmann-Russbüldt, Otto

    Kiste 1 Ordner 12 Lehmann-Russbüldt, Otto

    Kiste 1 Ordner 13 Lehmann-Russbüldt, Otto

    Kiste 1 Ordner 14 Lehmann-Russbüldt, Otto

    Kiste 1 Ordner 15 Lehmann-Russbüldt, Otto

    Kiste 1 Ordner 16 Lehmann-Russbüldt, Otto

    Kiste 1 Ordner 17 Lehmann-Russbüldt, Otto

    Kiste 1 Ordner 18 Lehmann-Russbüldt, Otto

    Kiste 1 Ordner 19 Korrespondenz L-M

    Leroux

    Lloyd, D.

    Löwenthal, Fritz

    Luschnat

    Macmillan Co.

    Universität Magdeburg, Philosophische Fakultät

    Meyer, Albert Willy

    Middleman, W.

    Moch, Jules

    Morse, Wayne

    Munter

    Box 2 Ordner 1 Korrespondenz N–R

    Nathan, Otto

    Nation

    Nationaler Rat zur Kriegsverhütung

    Nielsen, William Allan

    New York Times

    Norden, Albert

    Oelze, Werner

    Oriender, Anita

    Paetel, Karl

    Pearson, E.S.

    Penham, Daniel F.

    Perrin, Francis

    Pollock, Frederick

    Radbruch, Gustav

    Kiste 2 Ordner 2 Korrespondenz R

    Reisner, Konrad

    Rhein-Neckar-Zeitung

    Riebel, Paul

    Rosenfeld, Kurt

    Kiste 2 Ordner 3 Korrespondenz S

    Saffron, H. (Hans)

    Salomon, Esme

    Schairer, Reinhold

    Scheer, Maximilian

    Schoenaich, Freiherr von

    Schoenbaum, E.

    Schramm, Hanna

    Kiste 2 Ordner 4 Schwarz, Arthur

    Kiste 2 Ordner 5 Schwarz, Arthur

    Kiste 2 Ordner 6 Schwarz, Arthur

    Kiste 2 Ordner 7 Korrespondenz S

    Sellin, Thorsten

    Senzig, Guido

    Seydewitz, Max

    Simon, Hugo

    Stern, Catherine

    Sternthal, Frederick

    Studenic, Hubert

    Kiste 2 Ordner 8 Korrespondenz T–W

    Taube, Arthur

    Thomson, William M.

    Uhlmann, Carla

    Van Abbe, Derek

    Wedel

    Weil, Bruno

    WMCA, Sender

    Writer’s War Board

    Wolff, Arthur

    Kiste 2 Ordner 9 Nicht identifizierte Korrespondenz und Unterlagen

    Serie II: Thematische Akten

    Kiste 2 Ordner 10–17 Akademische Angelegenheiten

    Korrespondenz und Unterlagen zu Gumbels Tätigkeit an der New School for Social Research und anderen Einrichtungen, Förderanfragen bei Stiftungen sowie verschiedene Verwaltungsunterlagen. Ca. 1940–66.

    Kiste 3 Ordner 1–11 Die Bergstraesser-Affäre

    Korrespondenz, Stellungnahmen und Zeitungsausschnitte zu Gumbels Rolle bei den Ermittlungen gegen Arnold Bergstraesser, einen deutschen Einwanderer, der am Scripps College und an der University of Chicago lehrte. Bergstraesser, der der Sympathie für die Nazis verdächtigt wurde, wurde zweimal von den Bundesbehörden interniert, und seine akademischen Anstellungen sorgten für große Kontroversen. Ca. 1940–45.

    Kiste 3 Ordner 12 Lebensläufe und Bibliografien von Gumbels Veröffentlichungen, bis ca. 1939.

    Kiste 4 Ordner 1–2 École Libre des Hautes Études

    Korrespondenz und Unterlagen zu Gumbels Verbindung mit der École Libre des Hautes Études, einem 1942 in New York City von französischsprachigen Einwanderern gegründeten Forschungs- und Studieninstitut. Ca. 1942–45.

    Kiste 4 Ordner 3 Erklärung gegen die deutsche Wiederaufrüstung

    Entwürfe und Korrespondenz zu einer öffentlichen Erklärung gegen die deutsche Wiederaufrüstung, die von Gumbel verfasst und von vielen prominenten deutschen Wissenschaftlern mitunterzeichnet wurde. Die Erklärung erschien am 12. Juli 1952 in der New York Times.

    Kiste 4 Ordner 4 Universität Hamburg, Gastprofessur.

    Korrespondenz und sonstige Unterlagen, die Gumbel während seiner Tätigkeit als Gastprofessor an der Universität Hamburg im Jahr 1964 verfasste und erhielt.

    Kiste 4 Ordner 5 Ligue des Croits de l’Homme, Kongress in Lyon, 1934. Korrespondenz, Erklärungen und Zeitungsausschnitte bezüglich Gumbels Teilnahme an der Regionalkonferenz der Ligue. Eine Fehlinterpretation seiner Äußerungen auf der Konferenz durch die französische Presse löste eine Kontroverse darüber aus, ob eine Fortsetzung von Gumbels Anstellung an der Universität Lyon wünschenswert sei. 1934.

    Kiste 4 Ordner 6 Memoiren. Kurze Memoiren mit Gumbels Reflexionen über sein Leben und die Ereignisse, die er miterlebte und an denen er teilnahm. Undatiert.

    Kiste 4 Ordner 7 Stellungnahmen

    Transkript eines Radiointerviews mit Gumbel zum Thema der deutschen Politik vor dem Krieg. 1944.

    Gespräch zwischen Gumbel und Dr. Siegfried Aram über die deutsche Politik der Vorkriegszeit. Ohne Datum.

    Stellungnahme einer unbekannten Quelle zum Wiederaufbau Deutschlands. Ohne Datum.

    Dokument aus unbekannter Quelle mit dem Titel „Der Tod des Hermann Friede“. Ohne Datum.

    Öffentliche Erklärung zur Notwendigkeit des Wiederaufbaus Deutschlands, unterzeichnet von zahlreichen prominenten deutschen Emigranten. Gumbels Unterschrift fehlt. [1945.]

    Kiste 4 Ordner 8–9 Office of Strategic Services. Korrespondenz und Unterlagen im Zusammenhang mit Gumbels Tätigkeit für das OSS. Während des Zweiten Weltkriegs hatte er für das OSS Berichte über die Aktivitäten subversiver deutscher politischer Gruppen in den 1920er- und 1930er-Jahren verfasst, insbesondere über die NSDAP und die Freikorps. Ca. 1940–45.

  • Werbung ohne Zensur

    aus dem Editorial der KONTEXT Wochenzeitung vom 16. Februar 2022

    […]

    „Das Inseratenwesen in privater Hand ist die Hauptursache des ganzen Verfalls unserer Presse“, befand vor beinahe 100 Jahren, am 4. Januar 1925, der Journalist Erich Schairer, der nach dem Krieg Herausgeber der „Stuttgarter Zeitung“ wurde – und der sicher keine Luftsprünge gemacht hätte, wenn er miterleben müsste, wie die Themenauswahl des einst stolzen Blattes „nach Reichweiten- und Abozielen gesteuert werden“ soll (Kontext berichtete). Über die Pressevielfalt im Stuttgart der 1920er-Jahre, als es dort noch über zwanzig Tageszeitungen gab, berichtet in dieser Ausgabe Dietrich Heißenbüttel. Ebenso über die Widerstände, gegen die sich kritischer Journalismus schon damals durchsetzen musste.

    […]

  • Der Weg zur Meinungsfreiheit

    Der Weg zur Meinungsfreiheit

    Nach der Kapitulation behandeln die Alliierten Deutschland zunächst wie ein besiegtes, nicht wie ein befreites Land. Für Demokraten begann die Stunde null mit Verspätung – auch mithilfe neuer Medien wie der Stuttgarter Zeitung. 

    Vielleicht ist es nur eine Fata Morgana der Hoffnung, die der französische General Jean de Lattre des Tassigny festzuhalten versucht, als der Zweite Weltkrieg zu Ende geht. „Aus den Kellern steigen Menschen, die vor Freude taumeln“, so beschreibt er die ersten Eindrücke von Stuttgart, an jenem 22. April 1945, als er mit seiner Armee die Stadt besetzt hat. Die Empfindungen der Deutschen sind zu jener Zeit nicht so eindeutig und bei den meisten wohl eher zwiespältig. „Zumindest an diesem Nachmittag überwog bei den meisten Bürgern, die mir begegnet sind, das Gefühl der Befreiung“, berichtet Rudolf Steiger, ein Augenzeuge. Es gibt jedoch durchaus gute Gründe, weshalb Bundespräsident Richard von Weizsäcker, auch ein gebürtiger Stuttgarter, 40 Jahre später seine Nation noch einmal nachdrücklich erinnern muss, dass es sich damals tatsächlich um einen Akt der Befreiung gehandelt hatte.

    Jedenfalls ist das Kriegsende, die Kapitulation des diktatorischen Regimes keineswegs die Stunde null für einen demokratischen Neuanfang in Deutschland. Daran denken die Siegermächte zunächst gar nicht. In Stuttgart gründen idealistisch gesinnte Demokraten unmittelbar nach dem Zusammenbruch der NS-Tyrannei „Kampfkomitees“, um das gesellschaftliche Leben neu zu organisieren. Diesen ersten Versuch einer demokratischen Selbstverwaltung unterbinden die französischen Besatzer jedoch strikt. Parteipolitische Aktivitäten bleiben vorerst verboten. Der am Tag nach der Besetzung installierte neue Oberbürgermeister Arnulf Klett scheitert noch im Juni 1945 mit dem Vorschlag, Gemeinderäte einzusetzen, die sich um die unmittelbaren Belange der Stadt kümmern sollen. So etwas komme „auf absehbare Zeit überhaupt nicht in Frage und kann in keiner Form diskutiert werden“, wird ihm beschieden. Davon erzählt ein Buch über „Stuttgart im Jahre Null“. Verfasst hat es der 2012 verstorbene Journalist Martin Hohnecker, viele Jahre stellvertretender Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung und Leiter der Lokalredaktion.

    Planie statt Adolf-Hitler-Straße

    Am 24. Mai 1945 veranlasst OB Klett immerhin so etwas wie eine nominelle Demokratisierung in Stuttgart. Er lässt die von den Nazis gekaperten Straßennamen umbenennen. Aus der Adolf-Hitler-Straße wird somit wieder die Planie. Auch anderswo im Stadtplan müssen Götzen der Menschenverachtung weichen, um Namenspatronen mit demokratischer Gesinnung Platz zu machen. So wird die nach dem rechtsradikalen General Ludendorff benannte Straße ein kleines Denkmal für den ermordeten Nazigegner Eugen Bolz, einst Präsident Württembergs. Ein bisschen Graswurzeldemokratie gestattet die französische Besatzungsmacht doch: Am 31. Mai erlaubt sie die Gründung eines Württembergischen Gewerkschaftsbundes. Der soll die Militärverwaltung in sozialen Fragen unterstützen. Nachdem die Nazis auf ihren „Volksempfängern“ schon wochenlang Sendepause hatten, ist von Juni 1945 an auch wieder ein zivilisiertes Rundfunkprogramm zu empfangen. Für das Programm von Radio Stuttgart verantwortlich ist ein Mann mit einschlägigen Erfahrungen: Josef Eberle. Vor dem Dritten Reich hatte er für den Süddeutschen Rundfunk gearbeitet. Als Leiter der Vortragsabteilung lehnte er einen Beitrag Hitlers ab, erhielt dann prompt Hausverbot bei dem Sender, als die Nazis 1933 das Funkhaus eroberten. Zwei Monate nach seinem Debüt am Mikrofon von Radio Stuttgart sollte Eberle Herausgeber der Stuttgarter Zeitung werden. Davon später mehr.Auch als die Amerikaner im Juli das Regiment in der Stadt übernehmen, bleibt demokratisches Engagement zunächst tabu. Oberst William W. Dawson, Militärgouverneur der US Army in Stuttgart, betont, dass „jede politische Betätigung zur Zeit verboten ist“. So will es die Direktive JCS 1067, eine Art Masterplan für die amerikanische Besatzungspolitik. „Deutschland wird immer als ein besiegtes und nicht als ein befreites Land behandelt werden“, erklärt Dawson, als er seinen Posten antritt.

    Der demokratische Neubeginn 

    Sein Verdikt, dies werde „immer“ so bleiben, verliert aber rasch die Gültigkeit. Ausgerechnet im Mitteilungsblatt der amerikanischen Militärverwaltung, der einzigen Zeitung, die es in Stuttgart zu der Zeit gibt, wird Dawson wenige Wochen später dementiert. Dort schreibt der schwäbische Sozialdemokrat Fritz Ulrich, seine Landsleute dürften aufatmen, „dass wir auf dem Weg zu einem freien demokratischen Staat sind“. Tatsächlich vereinbaren die Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz Anfang August 1945, „die endgültige Umgestaltung des politischen Lebens auf demokratischer Grundlage vorzubereiten“. Bei Radio Stuttgart verkündet der US-Offizier Charles L. Jackson, er hoffe, dass der Alltag in der besetzten Stadt bald wieder „in den normalen Bahnen der Demokratie“ ablaufen könne. Der demokratische Neubeginn verläuft dann ziemlich rasant. Am 16. August lassen die Amerikaner die beiden Liberalen Reinhold Maier und Theodor Heuss in der Olga­straße 11 antreten, wo die Militärregierung ihren Sitz hat. Maier wird angewiesen, eine Namensliste für eine künftige Landesregierung aufzustellen. Er selbst soll Ministerpräsident werden – alles noch ohne demokratische Legitimation. Als Heuss ihn darauf anspricht und fragt, wer ihre Regierung eigentlich wieder absetzen könnte, antwortet er: „Entweder die Amerikaner oder die Franzosen oder vielleicht gar die Russen. Und wenn es diese alle nicht tun, dann das dankbare schwäbische Volk.“

    „Es geht vorwärts“

    „Auf Anordnung der Militärregierung“ lässt Oberbürgermeister Klett am 31. August 1945 per Aushang mitteilen, dass „die Bildung von politischen Parteien auf demokratischer Grundlage“ wieder zugelassen sei. Versammlungen, an denen mehr als fünf Leute teilnehmen, bedürfen jedoch einer Genehmigung. In einer seiner Verlautbarungen appelliert Klett an die Stuttgarter: „Trotz dem Los, das jeden von uns betroffen hat, kann nur die Verständigung der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen.“ Zur Verständigung braucht es aber mehr als amtliche Bekanntmachungen. Das sehen auch die Amerikaner bald ein. Im August lassen sie eine Wochenzeitung drucken: die „Stuttgarter Stimme“. Doch sie wird unter Regie der Militärverwaltung redigiert. Am 17. September erhalten schließlich drei Deutsche die Lizenz für ein unabhängiges Blatt: Henry Bernhard, Karl Ackermann und ebenjener Rundfunkmann von Radio Stuttgart – Josef Eberle. „Es geht vorwärts“ ist der Leitartikel in der ersten Ausgabe der Stuttgarter Zeitung betitelt, die tags darauf erscheint. Sie umfasst nur vier Seiten, wird aber in einer Auflage von 400 000 Exemplaren gedruckt. Die neu erlangte Pressefreiheit sei „das beste Mittel gegen jenen Pessimismus unserer Landsleute, der in den Ruinen unserer Heimat die Hoffnung auf eine bessere Zukunft begraben sieht“, schreibt der Kommentator Ackermann, einer der drei Lizenzträger. „Nichts kann deutlicher unsere eigene ehrliche Absicht bekunden, mit dem Nazismus fertig zu werden, als ein vernünftiger Gebrauch dieser ersten Freiheit in dem Sinne, dass wir uns von allen Vergewaltigungsmethoden und jeder Abtötung von zuversichtlichem Glauben und freier Meinung distanzieren.“

    Die Gründer gehen bald ihre eigenen Wege: Ackermann, der während des NS-Regimes im KZ gesessen hatte und der Kommunistischen Partei nahesteht, gibt später den „Mannheimer Morgen“ heraus. Bernhardt, früher Privatsekretär des Friedensnobelpreisträgers Gustav Stresemann, gründet im Jahr darauf die Stuttgarter Nachrichten. Dort wiederum stand über Eberle zu lesen, während des Dritten Reiches sei dessen „Weste so weiß geblieben wie die Flügel des Pegasus“. Er habe es verstanden, „seinem überparteilichen, liberalen Blatt Adel zu verleihen und es zu einer der angesehensten Tageszeitungen der Bundesrepublik zu machen“.

    Der große Eberle

    Die „Zeit“ nennt Eberle den „gebildetsten deutschen Journalisten“. Vielleicht war Iosephus Appellus der Grund dafür. Unter diesem Pseudonym verfasst Eberle lateinische Verse, die an Ovid und Martial erinnern. Er schreibt aber auch in einem urwüchsigen Schwäbisch, dies unter dem Namen Sebastian Blau. Der Mann ist eigentlich Buchhändler von Beruf. Nachdem ihn die Nazis beim Süddeutschen Rundfunk die Tür gewiesen haben, sperren sie ihn für sechs Wochen im Konzentrationslager Heuberg ein. 1936 wird er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Kurz vor Kriegsende muss er mit seiner Frau untertauchen, die einer jüdischen Familie entstammt. Eberle bleibt geschäftsführender Herausgeber der Stuttgarter Zeitung bis 1971, 15 Jahre später verstirbt er wenige Tage nach dem 85. Geburtstag. Das Blatt ist sein Lebenswerk geworden, schreibt Oskar Fehrenbach, der spätere Chefredakteur. Und dieses Lebenswerk „gründete sich auf den Willen, alles in seinen Kräften Stehende dazu beizutragen, dass sich die Herrschaft des braunen Terrors niemals mehr wiederholen könne; und es war gerade die bei Voltaire erlernte Toleranz, die Eberles Instinkt für jede Form von Intoleranz, von politischer Einseitigkeit und parteipolitischer Illiberalität schärfte“.

    Quelle: Artikel von Armin Käfer in der Stuttgarter Zeitung vom 8. April 2020

    https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.75-jahre-kriegsende-der-weg-zur-meinungsfreiheit.4f58edd3-01ba-4450-9c6c-b2bbd196f093.html

    Nachbemerkung:

    Josef Eberle hat seinen Mitherausgeber Erich Schairer um 30 Jahre überlebt – ausreichend Zeit, um das Narrativ der frühen Jahre der Stuttgarter Zeitung vom Namen seines Partners zu befreien. Offenbar mit Erfolg, wie der Beitrag von Armin Käfer belegt. Den Herren Käfer und Konsorten möchte ich den Rundfunkbeitrag Schairers zu Eberles fünfzigstem Geburtstag nahe legen, er ist nur einen Klick entfernt…

  • Die Abfindung

    — 5. Jg. 1924, Nr. 39 —

    Die Hohenzollern, denen es bekanntlich sehr schlecht geht, führen einen Rechtsstreit, um von der deutschen Republik eine Jahresrente von 1 1/2 Millionen herauszuschlagen. Sie glauben einen berechtigten Anspruch darauf zu haben, daß das Volk, das sie in die Tinte geritten haben, dafür auch ordentlich bleche. Damit sie standesgemäß weiterleben können. „Standesgemäß“, d. h. wie es ihnen paßt, vor allem aber ohne durch das entwürdigende Mittel der Arbeit das tägliche Brot herbeischaffen zu müssen.

    1 1/2 Millionen sind für die vielköpfige Familie (Gottes Segen lag ja immer auf dem Hause Hohenzollern — wenigstens in puncto Fruchtbarkeit) vielleicht nicht sehr viel. (Wie sie’s nun mal zu treiben gewöhnt sind.) Immerhin liegt ein derartiges Einkommen einige Grade über dem Existenzminimum. Man kann schon mit viel weniger auskommen, wenn es sein muß. Da hat z. B. erst vor kurzem Berlin der verarmten Tochter des großen Chirurgen Virchow, der Ehrenbürger der Stadt war, eine widerrufliche Monatspension von 225 Goldmark bewilligt. Nun, Virchow hat ja auch nur für die Erhaltung von Menschenleben gearbeitet; diese Tätigkeit steht weniger hoch im Kurs als die andere: Menschen zu Millionen in den Tod zu hetzen. Es ist also recht und billig, wenn die Hohenzollern, die alles in allem an die fünfzig Leute sind, ein paar hundertmal mehr bekommen.

    Hoffentlich, so muß man sich sagen, verfällt nicht diese Republik auf die Idee, nach dem bismärckisch-hohenzollernschen Prinzip, das bei der Einverleibung des Königreichs Hannover durch Preußen zur Anwendung gebracht worden ist, das Eigentum der verflossenen „Herrscher“ einfach für verfallen zu erklären und aus Gnade eine mäßige, bescheidene Abfindung zu schenken. Denn wovon wollten dann die armen Leute die Propaganda für ihre Wiedereinsetzung bezahlen?

    Ix

  • Zur Strecke gebracht

    Zur Strecke gebracht

    — Jg. 1924, Nr. 51 —

    Am 19. September 1902 ließ Wilhelm II. auf der Grimnitzer Heide ein Denkmal errichten, das vermeldete, daß er hier den 200. Hirsch „zur Strecke gebracht“ habe. 

    Im Jahre 1900, beim Streik der Straßenbahnangestellten in Berlin, schickte Wilhelm II. an das Kommando des Gardekorps ein Telegramm, in dem es hieß: „Ich erwarte, daß beim Einschreiten der Truppen mindestens 300 Leute zur Strecke gebracht werden.“ 

    Am 16. August 1888 hatte er in Frankfurt an der Oder bei einer Denkmalseinweihung gesagt, er werde „lieber unsere gesamten 18 Armeekorps und 42 Millionen Deutsche auf der Strecke liegen lassen“, als einen einzigen Stein von dem abtreten, was sein Vater und Prinz Friedrich Karl (1870) errungen hätten. 

    November 1918 ist der große Jägersmann nach Holland gereist. Auf der Strecke lagen 50 Armeekorps: 2 Millionen Deutsche.

  • Verblendet

    Verblendet

    – Jg. 1924, Nr. 18 vom 4. Mai – 

    Neuen Katastrophen entgegen?

    von Heinrich Ströbel

    Die unheilvollen Kräfte, die Deutschland seit zehn Jahren ins Verderben gestürzt, rumoren unheimlich weiter. Es scheint, als ob die Masse dieses Volkes aus den blutigen und tragischen Lehren seiner Vergangenheit nicht das Mindeste gelernt habe. Vor allem nicht die Schicht, die einst selbst von sich rühmte, daß sie „Bildung und Besitz“ repräsentiere. Nicht die leiseste Erkenntnis ist ihr aufgedämmert, daß an dem Unglück Deutschlands nichts anderes die Schuld trägt, als der schrankenlos herrschende Gewaltkult, der zum Fanatismus gewordene Glaube an die Machtpolitik. Noch heute, und gerade heute wieder, sucht man die Ursache für die Weltkatastrophe und den Zusammenbruch Deutschlands überall sonst, in der Einkreisungspolitik des „Feindbundes“, in der Unzulänglichkeit der Heeresvorlage von 1912, nur nicht da, wo sie zu finden ist: in der stupiden und brutalen Vorstellung, daß Deutschland durch Waffengewalt die Vormacht in Europa an sich reißen könne. Und doch war es diese Wahnidee, die den Weltkrieg provozierte. Wie leicht wäre der europäische Frieden zu erhalten gewesen, wenn Deutschland sich mit England verständigt hätte, statt alle großen Nachbarstaaten gegen sich aufzubringen. Aber man glaubte mit der bestorganisierten Armee der Welt aller Welt Trotz bieten zu können.

    Und ein Besessener dieses bewußt-militaristischen Machtwahns und während des letzten Jahrzehnts dessen sichtbarste Verkörperung war Ludendorff. Ein Soldat, der sein Handwerk vielleicht so gründlich beherrschte, wie irgend einer seiner Zeitgenossen, der aber zum Fluch seines Landes wurde, weil er alles Volks- und Völkerleben nur unter dem Gesichtswinkel des Soldaten betrachtete. Ohne jedes Verständnis für die sozialen, kulturellen und moralischen Kräfte des zeitgenössischen Lebens, dachte er nur in Divisionen, Batterien und U-Booten, in Durchbrüchen, Umgehungsmanövern und Vernichtungsstrategie. Aber da die Komponenten und Exponenten des Weltgeschehens sich nun einmal nicht auf die simple militaristische Formel bringen ließen, konnte die Rechnung Ludendorffs schließlich unmöglich stimmen. Er brachte nun alle Welt gegen Deutschland auf, entfesselte unwiderstehliche Gegenkräfte und verspielte Deutschlands Zukunft. An dem Zusammenbruch des Jahres 1918 ist er der wahre Schuldige.

    Ja, die militärische Niederlage Ludendorffs wäre noch viel fürchterlicher gewesen, wenn nicht die Revolution für den schmählich geschlagenen Oberkommandierenden und seine unaufhaltsam zurückweichende, halb aufgelöste Armee die strategische Entlastung gebracht hätte. Nur die Ausrufung des deutschen Volksstaates hinderte die Entente-Mächte daran ihren Sieg militärisch bis aufs Äußerste auszunutzen und die zurückflutenden deutschen Truppen völlig zu vernichten, Franzosen und Amerikaner waren in Stärke von 50 Divisionen bereitgestellt, um östlich von Metz den tödlichen Flankenstoß gegen die deutschen Heerestrümmer zu unternehmen, ebenso viele französisch-amerikanische Truppen sollten folgen. Es war ein namenloses Glück für Deutschland, es rettete hunderttausenden Deutscher das Leben, daß dieser Angriff infolge des Waffenstillstandes unterblieb. Hätte Ludendorff diesen letzten Stoß aushalten müssen, so wäre es nicht nur um seinen Feldherrenruhm geschehen gewesen, sondern auch die blödsinnige Dolchstoß-Legende wäre ihm sicherlich im Halse stecken geblieben!

    Nur weil Ludendorff, die deutsche Militärkaste und die ganze deutsche Reaktion dank einer unverdienten Schicksalsfügung vor den letzten, schmählichsten Folgen ihrer brutalen Wahnsinnspolitik bewahrt blieben, nur weil die Revolution ihnen die Konsequenzen der militärischen Niederlage, die Unterwerfung unter den Versailler Friedensvertrag usw. abnahm, konnte der nationalistische Dünkel sich nur zu bald wieder in seiner ganzen Unverfrorenheit aufblähen.

    Wenige Wochen erst waren seit dem militärischen Niederbruch, seit der blamablen Abdankung und Flucht Ludendorffs vergangen, und schon regte sich in Deutschland wieder der alte Geist. Die junge Heeresmacht der Republik wurde der Leitung wilhelminischer Generale unterstellt, und gerade der sozialistische Führer, in dem der Geist des ehrlichen Bekennermutes und der Völkeraussöhnung am stärksten lebendig geworden war, Kurt Eisner, fiel von der Hand eines nationalistischen Mörders, den die chauvinistische Hetze der alten Kriegsverbrecher erst zu seiner Untat aufgestachelt hatte.

    Wie sich dann im Laufe der Zeit die alte Geistesverfassung des deutschen Volkes wieder einstellte, ist ja allen Sehenden nur zu bekannt. Wir erlebten die verschiedenen Stadien der „Erfüllungspolitik“, die ja nichts war, als die systematische Nichterfüllung. Erzberger wollte noch so viel Steuern aufbringen, um nicht nur die eigenen Staatsausgaben, sondern auch die Reparationsverpflichtungen decken zu können. Aber die ganz bewußt herbeigeführte und gesteigerte Inflation, die eine märchenhafte Vermögensansammlung und die abenteuerlichste Steuerhinterziehung der Industriellen und Schieber ermöglichte, führte mit eherner Notwendigkeit zum Bankerott des deutschen Reiches und zum Bankerott der Reparationspolitik. Die Jahre hindurch beharrlich betriebene Nichterfüllungspolitik reizte die französischen Gewaltpolitiker hinwiederum zur Ruhrbesetzung an. Die Ruhrbesetzung aber entflammte erst recht den deutschen Nationalismus. Die „verbotenen“ Geheimbünde erlangten eine ungeheure Ausbreitung. Der passive Widerstand schlug häufig genug in den aktiven um. Schlageter wurde zum Volkshelden der Nationalisten und — Kommunisten!

    Und hinter dem aktiven Widerstand, der sich zur Volkserhebung und zum Befreiungskrieg gegen Frankreich auswachsen sollte, standen Hitler und Ludendorff, der längst wieder das Idol aller Nationalisten, der künftige Befreier Deutschlands geworden war. Schon bei seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsausschuß im Jahre 1919 hatte man ihm stürmische Ehrungen bereitet, und wie groß inzwischen seine Volkstümlichkeit geworden war, bewies ja in München neben dem Hackenzusammenschlagen sämtlicher Offizierszeugen und dem Zujauchzen der Völkischen, die aus Devotion und Revanchegeist geborene Freisprechung dieses Hauptschuldigen.

    Kein Zweifel: Ludendorff hält sich noch immer für den Oberstkommandierenden des neu entbrennenden Weltkrieges und starke Teile des deutschen Volkes teilen seinen Glauben. Und die Franzosen sind eine viel zu intelligente Nation, um diese Zeichen der Zeit nicht zu erkennen. Sie erkennen sie sogar früher, als manche Deutsche selbst. So sagte General Buat schon 1920 voraus, daß Ludendorff der Organisator der Konterrevolution und des Revanchekrieges sein werde. Aus seinen Gesichtszügen, dem eckigen Doppelkinn, den übermäßig starken Wangen las er die unerbittliche Willensenergie, die Härte, um nicht zu sagen die Rohheit des Mannes ab, der vor keinem Mittel zurückschrecke, das ihn zum Ziele zu führen schien, das sein unmäßiger Hochmut gesteckt habe. „Nein, gewiß“, schrieb Buat, „der gibt sich nicht in die Lage, der wird sich nie dreingeben. Wer weiß, ob es in den Unruhen, die uns die Zukunft vorbehält, keinen Platz für einen deutschen Diktator geben wird, und vielleicht sogar für einen europäischen? … Ludendorff ist der Mann, der fähig ist, die Rolle zu spielen… Wir werden noch einmal von ihm sprechen hören.“ Und Ludendorff hat sich beeilt, seinem französischen Porträtisten die Lebensechtheit seiner Zeichnung zu bestätigen.

    Man kann sich deshalb vorstellen, wie das Auftreten der Hitler und Ludendorff, und wie vor allem die Freisprechung dieser Organisatoren des Revanchekrieges auf Frankreich wirken muß. Denn auch Hitler ist, durch Gewährung der Bewährungsfrist, faktisch freigesprochen worden. Wie er sich „bewähren wird“, haben ja seine Drohreden vor Gericht bewiesen. Und die Wirkung dieses Prozesses muß noch vertieft werden, durch den Ausgang des Prozesses Zeigner. Denn das unerhörte Urteil gegen Zeigner bildete nur die Ergänzung des Hitler-Ludendorff-Prozesses. Kamen die Hitler und Ludendorff straffrei davon, weil der Hochverrat gegen die Republik und die Vorbereitung zum Revanchekrieg dem deutschen Bürgertum als patriotische, gottwohlgefällige Dinge gelten, so wurde der ehemalige sozialdemokratische Ministerpräsident Zeigner unter brutalster Mißachtung aller Entlastungs- und Strafmilderungsmomente zu mehrjähriger Gefängnisstrafe und zum Verluste der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt, weil seine ganze Tätigkeit der demokratischen Unterpfeilerung der Republik und der Bekämpfung der militärischen Geheimorganisationen gegolten hatte. Die unglaubliche Freisprechung in München und das skandalöse Verdikt in Leipzig erklären sich nur aus der gleichen nationalistischen Verblendung.

    Daß Zeigner das Opfer des in Deutschland besonders stark entwickelten moralischen Feingefühls geworden sei — schon dieser Gedanke ist die blutigste Satire. An welches Maß von politischer Korruption haben wir uns in Deutschland gewöhnen müssen! Erzberger überragte sicherlich das Unterholz seiner Partei um ein Beträchtliches, aber daß er Politik und Privatgeschäfte in der bedenklichsten Weise vermengte, kann auch der nicht bestreiten, der seine Ermordung für die niederträchtigste Schurkerei hält. Und doch wäre dieser Erzberger längst wieder in Amt und Würden, wenn ihn nicht das Mörderblei niedergestreckt hätte. Oder ist Herr Hermes etwa dadurch zum Rücktritt von seinem Ministerposten gezwungen worden, daß ihm vor Gericht die eindeutigsten Weinkaufsgeschichten nachgewiesen wurden? Und sind nicht unlängst einem Staatssekretär und obendrein hohem Justizbeamten (Welsmann, d. R.) Dinge angehängt worden, die früher nicht ohne schwerste Folgen für den Beschuldigten oder den Beschuldiger geblieben wären?

    Nur Zeigner, der unbeugsame Demokrat, der rücksichtslose Gegner der vertrags- und gesetzeswidrigen Waffenbünde, wurde niedergehetzt und durch einen Justizmord politisch und menschlich vernichtet. Ja, die nationalistische Verfolgungswut ist damit nicht einmal zufrieden: ist doch gegen Zeigner jetzt auch noch die Anklage wegen Landesverrats erhoben worden, begangen durch jene Reden im Volkshaus und im sächsischen Landtag (!), in denen behauptet wurde, daß zwischen der Reichswehr und gewissen rechtsradikalen Geheimorganisationen enge Beziehungen beständen. Unter den mehr als 1300 Landesverratsprozessen hat dieser Landesverratsprozeß gegen Zeigner gerade noch gefehlt, um dem Ausland jedes Mißtrauen gegen den deutschen Militarismus und die deutsche Mentalität einzuflößen. Erklärte doch auch die „Times“ die französische Behauptung, daß Deutschland während der durch die Ruhrbesetzung unterbrochenen Waffenkontrolle seine Kräfte für die militärische Reorganisation verdoppelt habe, für glaubhaft und darum eine scharfe Kontrolle für unbedingt geboten.

    Auf der anderen Seite aber zeigt die Regierung Karr-Stresemann so wenig Entschlußkraft, den Forderungen nach einer solchen Kontrolle und den Bedingungen der Sachverständigenkommission zu entsprechen, daß wir nur zu bald wieder in die schwersten äußeren und inneren Konflikte geraten könnten. Jeder derartige Konflikt aber müßte unsere ohnehin nur provisorisch gestützte Valuta sofort wieder ins Gleiten und damit von neuem unser gesamtes Wirtschaftsleben aus Rand und Band bringen.

    Nur wenige Deutsche ahnen leider, daß wieder einmal der Boden unter uns schwankt. Möchten die Wissenden den Wahlkampf dazu ausnutzen, um der völkischen Raserei rechtzeitig in den Arm zu fallen!

    Siehe z.B. auch:

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/erster-weltkrieg-schonungslose-analyse-der-deutschen-schuld.1270.de.html?dram:article_id=289753

    https://www.sueddeutsche.de/politik/ausbruch-des-ersten-weltkrieges-1914-deutschland-und-oesterreich-sind-hauptverantwortlich-1.2061512

  • Sturz in den Ruin

    SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2008

    Im Oktober 1929 riss die Finanzkrise an der Wall Street die Weltwirtschaft in den Abgrund. Die Weimarer Republik traf der Schock schwer. Doch erst die Deflationspolitik der Regierung Brüning wurde Deutschland zum Verhängnis – und ebnete Adolf Hitler den Weg.

    Schon der Morgen war anders als alle Tage, die Winston Churchill bisher erlebt hatte. Der spätere Premierminister Seiner Majestät, der auf einer Amerika-Reise in New York Station gemacht hatte, schaute von seinem Zimmer im Luxushotel Savoy-Plaza hinaus auf die Fifth Avenue. Dort drängten sich die Passanten, Feuerwehrleute eilten herbei, doch sie waren zu spät gekommen.

    „Direkt unter meinem Fenster hatte sich ein Gentleman 15 Stockwerke in die Tiefe gestürzt“, berichtete Churchill von der Begebenheit in der Frühe des 25. Oktober 1929. Der Mann, der an diesem Freitag in den Tod sprang, gehörte zu den Unglücklichen, die erst ihr Vermögen verloren hatten und dann die Nerven.Später folgte Churchill einer Einladung an die Wall Street. Er nahm auf der Besuchertribüne der Börse Platz, dort machte er seine zweite Grenzerfahrung an diesem Tag. Er wurde Zeuge einer Finanzkrise, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte.

    Die Kurse fielen und fielen und fielen, der Ticker ratterte ohne Unterlass, das Papierband konnte die Notierungen gar nicht so schnell ausspucken, wie sie sanken. Ratlos standen die Händler auf dem Parkett, sie sahen aus „wie die Zeitlupenaufnahme eines aufgeschreckten Ameisenhaufens“, beschrieb Churchill, was er von der Empore beobachten konnte.

    Am Tag zuvor war die Verkaufswelle ins Rollen gekommen. Erst verloren nur einzelne Papiere kräftig an Wert, dann schwoll die Bewegung zu einer Massenflucht an. Jeder Händler wollte nur noch raus aus dem Markt, egal zu welchem Preis.

    Am Montag setzte sich der Verfall fort, am Dienstag sackten die Kurse ins Bodenlose: Rund 16,4 Millionen Aktien wurden an diesem Tag verramscht, ein Rekord, der fast 40 Jahre hielt. Existenzen wurden vernichtet, Träume waren zerplatzt. Das meiste dessen, was in den Jahren zuvor an Papiervermögen aufgetürmt worden war, hatte der Sturm an der Wall Street fortgeweht.

    „Wenige Menschen verloren jemals so rapide an Ansehen“, resümierte später der Ökonom John Kenneth Galbraith, „wie die Bankleute von New York in den fünf Tagen vom 24. bis zum 29. Oktober.“

    Einen Tag später endete Churchills Besuch in den USA, der Staatsmann nahm das Schiff zurück nach England. Es war gleichsam der Aufbruch in eine andere Zeit.Der Börsenkrach von 1929 war der Auftakt zur ersten Weltwirtschaftskrise, die tatsächlich diesen Namen verdient; ihre Ausläufer waren bis nach Japan und Australien zu spüren. Sie hat nicht nur zahllose Menschen und Unternehmen ruiniert, sie hat die Weltläufte verändert – und ganz besonders das Geschehen in Deutschland. Das „Dritte Reich“, der Zweite Weltkrieg, die Teilung des Landes: All das wäre ohne die globale Wirtschaftskrise nicht denkbar gewesen.

    Den vollständigen Artikel von Alexander Jung finden Sie hier: https://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecialgeschichte/d-55573686.html

  • Schandfrieden

    Schandfrieden

    Volker Ullrich in DIE ZEIT Nr. 7 vom 8. Februar 2018. Der Versailler Vertrag war milde im Vergleich zu den Bestimmungen von Brest-Litowsk: Vor 100 Jahren diktierte das Deutsche Reich Russland einen Gewaltfrieden ohne Kompromisse und setzte seinen Eroberungszug im Osten unvermindert fort.

    Am 3. März 1918, einem lauen Vorfrühlingstag, herrscht auf der Leipziger Messe ein Gedränge wie in Friedenszeiten. Ein besonders dichtes Knäuel hat sich um ein Denkmal mit einem davor postierten erbeuteten englischen tank gebildet. An ihn angelehnt, verkauft ein Mann ein Extrablatt: „Heute um fünf Uhr wurde der Friede in Brest-Litowsk unterzeichnet“. „Stück um Stück ging sehr rasch ab“, beobachtet der Romanist Victor Klemperer, „und jedes wurde mit den ruhigen und monoton gesprochenen Worten überreicht: ‚Rahmen Sie sich das ein – rahmen Sie sich das ein‘.“

    „Eingerahmt“ haben sich die Deutschen die Erinnerung an den Frieden von Brest-Litowsk nicht. Im Gegenteil: Nach 1918 setzte rasch ein Prozess des Verdrängens ein. In der Depression über die Niederlage im Westen vergaß man ganz, wie euphorisch man ein halbes Jahr zuvor den Friedensschluss im Osten bejubelt hatte, der noch einmal die Aussicht auf einen Gesamtsieg zu eröffnen schien. Und in der allgemeinen Empörung über den „Schandfrieden“ von Versailles übersah man geflissentlich, dass Deutschland dem revolutionären Russland Bedingungen oktroyiert hatte, an denen gemessen sich das Versailler „Diktat“ geradezu milde ausnahm.

    Alles begann mit der Machtübernahme der Bolschewiki am 7. November 1917 in Petrograd. Bereits einen Tag später richtete der Zweite Allrussische Rätekongress auf Vorschlag Lenins einen Aufruf an alle kriegführenden Mächte, einen sofortigen Frieden zu schließen „ohne Annexionen und Kontributionen“. Während Russlands ehemalige Verbündete, England und Frankreich, wenig Neigung zeigten, der Einladung Folge zu leisten, signalisierten die Mittelmächte, Deutschland und Österreich-Ungarn, Verhandlungsbereitschaft. Da man nicht wisse, wie lange sich Lenin halten könne, müsse man „den Moment ausnutzen“, um „Faits accomplis zu schaffen“, erklärte Österreich-Ungarns Außenminister Ottokar Graf Czernin. Bereits am 15. Dezember schloss man ein Waffenstillstandsabkommen. Es galt zunächst für vier Wochen, während derer förmliche Friedensverhandlungen begonnen werden sollten.

    […]

    Den gesamten Artikel von Volker Ullrich aus DIE ZEIT Nr. 7 vom 8. Februar 2018 finden Sie hier: https://www.zeit.de/2018/07/friedensvertrag-von-brest-litowsk-deutsches-reich-russland/komplettansicht

  • Rundfunkwahlen

    Rundfunkwahlen

    — Jg. 1933, Nr. 11 —

    Der 5. März hat der nationalsozialistischen Partei und damit der Regierung Hitler einen Sieg von unerwartetem Ausmaß gebracht. Im Reich und in Preußen sind die 51 Prozent Mehrheit nicht nur erreicht, sondern überboten, und zwar nahezu ausschließlich durch den ungeheuren Stimmenzuwachs der Nationalsozialisten. Diese haben, rechnerisch betrachtet, nicht nur 3,8 Millionen seitherige Nichtwähler für sich mobil gemacht, sondern auch noch beinahe 2 Millionen Wähler aus anderen Lagern zu sich herübergezogen; und zwar nicht nur aus dem „nationalen“ Reservoir, sondern offenbar auch erhebliche Scharen aus den Quellgebieten des Zentrums, der Sozialdemokratie und der kommunistischen Partei.

    Dieser fabelhafte Erfolg ist ohne Zweifel in erster Linie der Propaganda durch den Rundfunk zuzuschreiben, die in solchem Ausmaß und mit solcher Stärke noch nie von einer Partei betrieben worden ist und hat betrieben werden können. Hitlers Wahlreden sind diesmal auch im kleinsten Dorf, vor Menschen, die sozusagen jungfräulicher Boden waren, zur vollen Wirkung gekommen; Ereignisse wie die Durchsuchung des Liebknecht-Hauses und der Reichstagsbrand mit ihren Folgen und Folgerungen konnten hundertprozentig ausgeschlachtet werden; und dazu kam die völlige Ausschaltung eines großen Teils der gegnerischen Presse, vor allem in Norddeutschland.

    Von links ist im Wahlkampf mit Argumenten operiert worden, die angesichts der in breiten Schichten erzeugten Stimmung unbedingt versagen mußten.

    Man fragte, wo denn das Programm sei, mit dem die neue Regierung Deutschland retten wolle. Ein solches Programm war in Einzelheiten nicht vorhanden; aber sein Fehlen hat wahrscheinlich den Regierungsparteien eher genützt als geschadet. Auf diese Weise war nämlich jeder kritischen Debatte über Konkretes der Boden entzogen. Der Glaube an den Willen der Regierung trat an die Stelle einer zweifelhaften Einsicht in die Richtigkeit ihrer Pläne, und jener Glaube erwies sich dabei als die weit stärkere Triebfeder. Das Volk sah Männer vor sich, die jedenfalls an dem Willen, sich durchzusetzen, nicht zweifeln ließen, und solchen zu folgen ist die Masse noch immer geneigt gewesen.

    Wo um die politische Macht gekämpft wird, ist der Wille entscheidend, nicht der Intellekt, dessen Rolle ja schon der alte Oxenstjerna nicht allzuhoch eingeschätzt hat. Die Schwäche der deutschen Linken, die sich jetzt mit so schmerzlicher Deutlichkeit geoffenbart hat, liegt eben zum guten Teil darin, daß in ihr zu wenig Wille mit zu viel Intelligenz gepaart ist.

    Daß die Regierung vor der Wahl Meinungsfreiheit und andere bürgerliche Freiheiten beschränkt hat, dieser andere von der linksstehenden Presse so stark betonte Vorwurf, hat ihr ebenfalls im Wahlkampf nicht sehr viel geschadet. Heutzutage kümmert sich der einfache Mann (und die einfache Frau!}, namentlich auf dem Lande, nicht allzuviel um diese Freiheiten. Wer nichts zu nagen und zu beißen hat, dem stehen die demokratischen Grundrechte nicht im Mittelpunkt des Interesses. Sein Denken kreist um das tägliche Brot, und wer ihn auf irgend eine Weise zu überzeugen vermag, er werde dafür sorgen, daß ihm dieses künftig besser zugemessen werde, der ist sein Mann, auch wenn er Zeitungen verbietet und Versammlungen auflöst.

    Der Sieg des Hakenkreuzes in Deutschland am 5. März ist der Sieg einer unerhört geschickten und stark auftragenden Propaganda. Wenn jetzt, wie man hört, für einen der Hauptregissöre des nationalsozialistischen Wahlfeldzugs, Herrn Goebbels, ein besonderes Propaganda-Ministerium geschaffen werden soll, so wäre das ein sinnfälliger Beweis dafür, welche Bedeutung von der Regierung selber einem von ihr so virtuos gehandhabten Instrument beigemessen wird.

    1933, 11 · Erich Schairer

  • Das Ende

    Das Ende

    — Jg. 1933, Nr. 11 —

    Wenn diese Zeilen in Druck gehen, hat sich die „nationale Revolution“ im Anschluß an das Wahlergebnis vom 5. März in ähnlicher Form durchgesetzt, wie die Revolte 1918 nach der militärischen Niederlage. Damals hob sich keine Hand in Deutschland, das Kaiserreich zu verteidigen. Auch diesmal ist es ähnlich gegangen. Die Träger der Republik von Weimar haben erkannt, daß diese Epoche zu Ende ist.

    Es ist noch nicht an der Zeit, Nekrologe zu schreiben. In ruhigen Zeiten wird ein gerechteres Urteil über die verflossenen 14 Jahre gefällt werden, als dies in der Hitze des Wahlkampfs möglich war, wo von nationaler Seite in Bausch und Bogen verdammt wurde, was man links fast wie ein verlorenes Paradies beweint.

    Eine objektive Prüfung der Bilanz beider Epochen zeigt klar, daß die Aktiven der Republik von Weimar trotz vierjähriger Krise viel größer und hochwertiger als die des Kaiserreichs sind, obwohl die Republik mit den erdrückenden Passiven des Kaiserreichs vorbelastet war.

    Damals waren keine Lebensmittel und Rohstoffe im Lande. Ein heruntergewirtschafteter Produktionsapparat mußte erst wieder auf die normale Warenproduktion umgestellt werden. Der Verkehr wurde monatelang durch die Demobilmachung schwer belastet und die Ablieferung des besten Eisenbahnmaterials verschärfte noch den Zustand. Von den anderen Kriegsfolgen sei nur noch die Unsicherheit über die Friedensbedingungen erwähnt.

    Das alles fällt auf der Passivseite der Eröffnungsbilanz des „dritten Reiches“ weg. […]

    Der Vergleich zwischen dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und dem der Republik von Weimar wird der künftigen Geschichtsschreibung noch manche Parallele aufzeigen. Es gibt aber auch einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Entstehen und Walten des Weimarer Staates und des angebrochenen „dritten Reiches“.

    Die Sozialdemokratie nahm die militärische Niederlage von 1918 als nationales Unglück hin und tat nur widerstrebend jene Schritte zur politischen Umstellung und Erhaltung des Reiches, die ihr später als Novemberverbrechen angekreidet wurden. Aus der Auffassung des nationalen Unglücks, das gemeinsam getragen und überwunden werden müsse, verzichtete sie auf jede Maßnahme gegen die Verantwortlichen am Zusammenbruch. Die Sozialdemokratie handelte also nach dem Bibelwort: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.“

    Ganz anders verfuhr die nationale Revolution. Sie machte für die Krise in Deutschland (Auswirkung der Weltwirtschaftskrise!) einzig und allein den Marxismus verantwortlich, als ob die deutsche Wirtschaft seit 1918 von Partei- und Gewerkschaftsführern geleitet worden wäre, und nicht von den Stinnes, Thyssen, Cuno, Vögler, Kirdorf usw. Daß die Krise in den marxistenreinen U.S.A. früher begann und schlimmere Folgen brachte, hat die „nationalen“ Ankläger gegen den deutschenMarxismus keinen Augenblick beirrt. Sie handelten nach keinem Bibelspruch, sondern nach einem uralten Grundsatz des Klassenkampfes: „Richtet, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!“ […]

    Das Volk will einen Weg aus der Krise und muß zugleich den Eindruck bekommen, daß eine Bewegung alle Energie für die Verwirklichung ihres Programms einsetzt.

    Diese ihre Aufgabe hatten die „Marxisten“ nicht begriffen. Sie ließen sich von vornherein in die Verteidigung drängen und verstanden keine Schwäche des Gegners zu ihrem Erfolg zu nützen.

    Hätten sie dem ungewissen Vierjahresprogramm ein Vierwochen- oder Viermonatsprogramm mit klaren Forderungen entgegengestellt, so wäre die Regierung zur Formulierung ihres Programms gedrängt worden. Ihre künftige Politik wäre im Kontrast zum Krisen- und Sozialprogramm der sozialistischen Opposition gestanden.

    Die Forderungen eines solchen Programms drängen sich förmlich auf. Erste, richtungweisende Forderung: Beseitigung der Armut durch volle Anwendung aller technischen Fortschritte, Beseitigung aller kapitalistischen Hemmungen einer planmäßigen Bedarfswirtschaft, sofortige Steigerung der Kaufkraft zur Wiederingangsetzung des ganzen Produktionsapparats.

    Aber die Sozialisten fühlten sich durch die alten Vorwürfe so bedrängt und waren über das Gebot der Stunde so wenig im klaren, daß die Gegner vollständig den Kampf bestimmten. Gewiß, der Gegner wandte ungewohnte Mittel an; aber eben seine Geschichte zeigt, daß eine aufstrebende Bewegung nur wenig behindert werden kann […]

    1933, 11 · Fritz Sturm

  • Augen rechts

    Augen rechts

    Der Feind steht rechts, der Gegner links.
    Friedrich Naumann

    — Jg. 1933, Nr. 8 —

    Es ist schon tragisch, daß man dem Proletariat heute das predigen muß, was ein bürgerlicher Politiker vor etwa 25 Jahren gesagt hat, also zu einer Zeit, wo es noch keinen Faschismus gab, und unter einem System, das man am heutigen gemessen beinahe „parlamentarisch“ nennen könnte.

    Man kann in gewissem Sinne von einer ,.dialektischen“ Tragik reden. These: Die gesamte Lage erfordert gebieterisch die proletarische Einigung. Antithese: Diese Einigung ist für den Augenblick unmöglich.

    Wenigstens, wenn man darunter auch nur ein noch so loses Kartell zwischen SPD und KPD in Deutschland versteht. Denn die deutsche KP untersteht nun einmal — das ist kein Vorwurf sondern eine Konstatierung — in allen wichtigen Entscheidungen den Weisungen des „Ekki“, des Exekutivkomitees der III. Internationale, und so wie die Dinge liegen, würde sie auch von ihrem Partner verlangen, daß er sich diesen Beschlüssen unterwidt. Tut er es nicht, so ist das Kartell schon ohne weiteres gesprengt. Soweit hat Otto Bauer ganz recht, wenn er verlangt, daß zunächst einmal die beiden Internationalen von Amsterdam und Moskau zu einem Einvernehmen kommen müssen […]

    An Aufmärschen der „Eisernen Front“ haben sich Kommunisten in geschlossenen Abteilungen beteiligt, und das Gleiche ist umgekehrt geschehen. Bei Beerdigungen sind schon beide Formationen überhaupt gemeinsam marschiert. Geschmacklose Ausdrücke wie „Kozi“ oder „Sozialfascisten“ kommen kaum noch vor und werden eigentlich nur noch von Parteijournalisten gebraucht, die die Stimmung der Massen nicht kennen oder nicht kennen wollen. Im übrigen werden sie von den Lesern allgemein mißbilligt.

    Und so wäre alles in schönster Ordnung, wenn — ja wenn nicht die Tatsache bestände, daß SPD und KPD das gleiche Wählerreservoir haben, um die gleiche Wählerschicht kämpfen müssen. Und da muß einmal Fraktur geredet werden: Wie sich diese Wählermassen, die zwischen SPD und KPD schwanken, diesmal entscheiden werden, wissen wir nicht. Es ist aber gegenüber der fascistischen Gefahr und angesichts der kümmerlichen Rolle, die das kommende Parlament überhaupt spielen wird, wirklich ganz gleichgültig, welche der proletarischen Parteien der anderen ein halbes oder selbst ein ganzes Dutzend Mandate abnehmen wird.

    Wichtig ist einzig und allein, daß die antifascistische Front steht, innerhalb und außerhalb des Parlaments.

    1933, 8 · Dr. E.

  • Worum es geht

    Sozialdemokraten und Kommunisten

    — Jg. 1933, Nr. 8 —

    Alle Pöstchenjäger und Bönzchenaspiranten drängen sich jetzt in die Reihen Hitlers. Hier glauben sie, in erster Linie für ihre Privatwünsche Befriedigung zu finden. Was bedeutet, ziffernmäßig betrachtet, der Anhang Hugenbergs, Seldtes oder gar Papens gegenüber der Braunen Armee des Duce? Die Anziehungskraft des größten Blocks wird sich wieder einmal bewähren. Wer hat, dem wird gegeben.

    Schon in der heutigen Regierungskoalition [vom 30.1.1933] ist Hitler der weitaus stärkste Mann. Nicht wegen seiner persönlichen Stärke, sondern wegen der hinter ihm stehenden und ihm blindlings folgenden Massen. In der neuen Regierungskoalition nach dem 5. März wird er noch unbedingter auss.chlaggebend sein..

    Das ist die große Gefahr, die dem deutschen Volk bei den Wahlen droht. Schon jetzt kann man sich schwer vorstellen, daß Hitler freiwillig von seinem Platze weichen sollte, wenn der 5. März [1933] dem Kabinett der sogenannten nationalen Konzentration keine Mehrheit gibt. Noch weniger vorstellbar ist das, wenn die Wahlen Hitler auf Kosten seiner Bundesgenossen erheblich stärken.

    Unübersehbare Konfliktmöglichkeiten erscheinen drohend am Horizont.

    In einem Blatt der Linken braucht nicht erst die Parole ausgegeben zu werden, daß alles darauf ankomme, bei den Wahlen die republikanischen Parteien zu stärken. Selbstverständlichkeiten soll man nicht aussprechen. Die große Frage ist die, welche praktischen Wege einzuschlagen seien, um zur Stärkung der antireaktionären Front zu gelangen.

    Oberster Grundsatz aller Republikaner muß sein: jede Kräftevergeudung auf der Linken zu vermeiden! Kräftevergeudung aber bedeutet es, wenn die Kräfte, die ausschließlich gegen die Rechte sich kehren sollen, zu einem wesentlichen Teil durch innere Kämpfe innerhalb der Linken lahmgelegt werden.

    Einige Idealisten propagieren eine Listenverbindung zwischen SPD und KPD. Ein Rundschreiben in diesem Sinne ist von zwei sympathischen Mitgliedern der Nelsongruppe, Maria Hodann und Willi Eichler, in sozialistischen Kreisen verbreitet worden. Dabei ist durch genaue Berechnung seinerzeit festgestellt worden, daß bei früheren Wahlen eine solche Listenverbindung die „Marxistische Front“ einen Sitz gekostet hätte. Das liegt an der Eigenart unseres Wahlgesetzes. Dieses Wahlgesetz macht allen kleinen Parteien Listenverbindung gebieterisch zur Pflicht, weil sonst, wie das am 6. November [1932] der Staatspartei passierte, Hunderttausende von Stimmen einfach unter den Tisch fallen. Aber für große Parteien bedeutet die Listenverbindung, die sie untereinander eingehen, keinen Nutzen. Sie kann sogar zu einem kleinen Mandatsverlust führen.

    Es genügt nicht, daß Vorschläge aus Idealismus geboren und wohlgemeint sind. Sie müssen auch praktisch sein. Darum, selbst wenn die Listenverbindung SPD-KPD stimmungsgemäß möglich wäre, wäre sie zwecklos. Warum soll man seine gute Kraft an eine zwecklose Sache setzen?

    Was vielleicht möglich und bestimmt sinnvoll wäre, das wäre die Vermeidung des brudermörderischen Kampfes, wie er bei allen früheren Wahlen einen so erheblichen Teil der Kräfte der beiden größten Arbeiterparteien unnütz verzehrt hat. Oder mußten nicht zahllose ihrer Wahlversammlungen auf den objektiven Dritten den Eindruck hervorbringen, als drehe sich die Wahlschlacht in der Hauptsache darum, daß die KPD der SPD möglichst viel Wähler abspenstig mache, und umgekehrt? So mancher Arbeiter, den dies Schauspiel anekelte, ist dadurch zur Wahlenthaltung, wenn nicht gar zur Abstimmung für die „Arbeiterpartei“ Hitlers getrieben worden.

    Muß das, was bisher so war, immer, muß es diesmal wieder so sein? Soll nur bei Begräbnissen von Opfern des fascistischen Terrors KPD und SPD auf den Austrag ihrer Gegensätze verzichten?

    Heute kommt es darauf an, den Wahlkampf so zu führen, daß die Wähler der großen sozialistischen Linksparteien nicht in ihren Wahlversammlungen in der Hauptsache das Sündenregister der anderen Partei vorgesetzt bekommen. Mögen die Sünden der SPD und der KPD noch so groß sein, jeder andere Gesichtspunkt muß überschattet werden von der Gefahr, die in allernächster Zukunft vor uns steht, der Gefahr einer fascistischen Herrschaft. Ist sie erst da, dann geht es uns wie in Italien: Sozialdemokraten und Kommunisten werden gleichmäßig von der Bildfläche weggefegt.

    Blinde Illusionspolitik wäre es, die tiefen Gegensätze zwischen SPD und KPD leugnen zu wollen. Aber beide müssen heute einsehen: für beide besteht gleichmäßig Lebensgefahr.

    In den Massen der Arbeiterschaft würde nichts befreiender und befeuernder wirken, als wenn aus allen Wahlreden der SPD und der KPD das gemeinsame Leitmotiv herausklänge: der Feind steht rechts!

    1933, 8 · Hellmut von Gerlach

  • Gedenkblatt für Erich Schairer

    Gedenkblatt für Erich Schairer

    Es sind nun schon mehr als elf Jahre, daß wir Erich Schairer auf dem Stuttgarter Waldfriedhof das letzte Geleit gaben. Unser Kreis alter Blaubeurer Seminaristen aus den Jahren 1903/05 ist seitdem kleiner geworden, so klein, daß man sich fast nicht mehr getraut, ihn zusammenzurufen. Wir waren ja so froh, daß wir Erich Schairer nach dem zweiten Weltkrieg wieder in unserer Mitte hatten, so oft wir zusammenkamen. Wenn sich alte Jugendfreunde treffen, heißt es: „Alte Liebe rostet nicht“, und wenn wir auch durch Jahrzehnte getrennte Wege gegangen sind, das Leben führte uns doch immer wieder zusammen, manchmal unter höchst seltsamen, ja erschütternden Umständen. Seine Freundestreue habe ich besonders im Winter 1903/04 erfahren, als ich mir beim Schlittenfahren auf der Sonderbucher Steige den Fuß verstaucht hatte, so daß ich acht Wochen lang im Gipsverband liegen mußte. Er hat mich damals auf der Krankenstube des Seminars so treulich versorgt wie kein anderer, und ich sehe noch heute, wie er meinen Nachtstuhl, wenn auch mit leicht gerümpfter Nase, zur Stube hinaustrug. Dafür haben wir dann auch die Kuchen, die mir meine Mutter sandte, miteinander verzehrt nach dem Rezept, das er einmal in die Verse gefaßt hatte: „Da kommt ein Kuchen, süß und groß, er (der Seminarist) glaubt sich schon in Abrahams Schoß, doch zeigt sich ihm zu großem Leid, gleich das Gesetz der Teilbarkeit. Mit dem Messer und in Eile, macht er viele, viele Teile. Und am Schluß ist es noch viel, wenn ihm bleibt ein Molekül.“ — Später hat Erich die Verse durchgestrichen; so war er immer: Teilen, helfen, ja — aber nicht damit angeben wollen. Gutes tun, ja — aber in aller Stille.

    Aber ich greife vor. Was uns damals gemeinsam begeisterte, war die Liebe zu unseren Dichtern Eduard Mörike, Gottfried Keller und anderen. Vielleicht hatte ich ihm damals noch etwas an Kenntnissen voraus, von meinem literarischen Elternhaus her, aber was ihn an Mörike anzog, das war das Klare und Echte, die unverfälschte Schönheit seiner Dichtung. Als wir nach dem ersten Weltkrieg uns wiedertrafen — am 21. Mai 1919 — war er zu Fuß von Heilbronn zu uns nach Neuenstadt am Kocher gekommen und wir gaben ihm auf dem Rückweg das Geleit nach Cleversulzbach. Am Grab der Dichtermutter entzündete sich aufs neue unsere Freundschaft. Oft habe ich mich gefragt, warum Erich Schairer schriftstellerisch nicht mehr hervorgetreten ist. Er hatte doch das Zeug dazu. Noch heute lese ich mit Entzücken seine geistvolle „Mathematische Romanze“, die er für unsere Weihnachtskneipzeitung 1903 beisteuerte. Keiner von uns hatte je etwas so witziges, einfallreiches, trockene mathematische Begriffe spielerisch Umkreisendes geschrieben. Aber seine Zukunft war der Journalismus, und sein Ehrgeiz, ein gutes, klares Deutsch zu schreiben und, wenn es sein mußte, auch andere dazu zu erziehen. (Siehe „Fünf Minuten Deutsch“! Kein Wunder, der echte und gediegene Schulmeister steckte ihm vom Vater her im Blut!)

    Einmal habe ich seine kritische Ader zu meinem Heil selbst zu spüren bekommen. Ich schrieb ihm damals auf seinen Wunsch für seine „Sonntagszeitung“ kleine Geschichten, Begebnisse, wie sie im Leben des Pfarrers immer wieder vorkommen. In einem Brief vom 20. Juli 1920 — ich besitze ihn heute noch — schrieb er mir: „Dies mal bekommst Du Deine Geschichte zurück. Redaktionen pflegen bei Ablehnung von Manuskripten keine Gründe anzugeben, weil die Verfasser dann meist beleidigt sind. Auch Dir gegenüber hätte ich mich gern mündlich über das „Vogelnest“ geäußert, denn wenn ich meine Kritik schreibe, kommt sie natürlich wüst und herzlos heraus. Aber wer weiß, wann ich wieder einmal hinüberkomme… (Folgt eine eingehende Kritik.) Zum Schluß schreibt er: „Nun, sei mir bitte nicht böse. Betrachte diese absichtlich scharfe Kritik als einen Beweis, daß ich Dich ernst nehme. Sage auch Deiner lieben Frau, sie möge mir jetzt ihr Wohlwollen nicht entziehen und unterlasse es nicht, mir Deine nächste Geschichte zu zeigen. Sonst würde ich es bedauern müssen, das „Vogelnest“ so heruntergerissen und nicht mit irgend einer Ausrede zurückgeschickt zu haben…“

    So war er. Ehrlich, geradeheraus, durch und durch wahrhaftig. Darum hat er ja auch den Kirchendienst verlassen und sich schon bald mit der „Neckarzeitung“ überworfen. Er konnte aus seinem Herzen keine Mördergrube machen. Man wußte bei ihm, woran man war. Auch aus seiner sozialistischen Einstellung machte er keinen Hehl, erst recht nicht in kleinem Kreis. Er freute sich, daß er bei uns Verständnis für seine Ideen fand. Hin und wieder schickte er uns neue Broschüren über Marx, Engels, Lasalle, „zur Orientierung“.

    Es wird wohl im Jahr 1941 gewesen sein, daß er bei uns als „Weinreisender“ auftauchte. Was vorausgegangen war, wußten wir nicht, wir hatten nur gehört, daß ihm die Herausgabe seiner Zeitung verboten worden war. Er selbst sprach nicht davon. Auch später, als wir ihn in Lindau besuchten, vermied er jedes politische Gespräch. Und doch waren es unvergeßlich schöne Wochen im Kreis seiner Familie. Er selbst arbeitete fleißig im Garten und unterrichtete uns in der Bekämpfung der „Werren“ (Maulwurfsgrillen). Damals sahen wir ihn auch auf dem Bahnhof in Lindau in der roten Mütze, mit dem Täfelchen dem Zugführer zur Abfahrt winken. Auch das gehört mit zu seinem Bild, daß er sich in sein Schicksal ergab, so hart es mit ihm umgehen mochte.

    Gott sei Dank, es kam wieder anders; aber auch nach dem großen Umschwung blieb er für seine Freunde der, der er immer gewesen war, unser Erich Schairer.

    Von etwas muß noch die Rede sein. Wenn ich zu Anfang sagte, daß wir durch Jahrzehnte getrennte Wege gegangen seien, so meine ich seine kämpferische Einstellung zu Christentum und Kirche, ja zur Religion überhaupt, wie er in seinem Büchlein „Gottlosigkeit“ ausgedrückt hat. Es war eine ausgesprochene Kampfschrift mit den Vorzügen und Nachteilen einer solchen. Wenn wir sie heute wieder lesen, so scheint uns vieles überholt. Von der Grundthese allerdings, von der er ausging, kann man das nicht sagen: „Das Christentum wird gepredigt, aber es lebt nicht“. Diesen Vorwurf haben ja schon Nietzsche und andere erhoben, und die Christenheit muß sich seiner immer bewußt bleiben. Bei Schairer kam anderes hinzu: die Ablehnung des persönlichen Gottesbegriffs und der Zwiesprache mit ihm. Doch müßte man eigentlich sein Büchlein von hintenherein lesen, um die Mühe zu erkennen, die er sich gab, trotz allem den Christen von heute zu verstehen. Seine Thesen über Gott erinnern uns in vielem etwa an das Buch des englischen Bischofs Robertson: „Gott ist anders“. Das Kapitel „Religiöse Pause“ in Schalters Büchlein enthält positive Aussagen wie: „Es wird einmal eine Zelt kommen, wo man wieder von Gott und Religion wird reden können, ohne mißverstanden zu werden; etwa wie wir heute vom Himmel oder vom Sonnenaufgang reden. Dann wird man, denke ich, auch den ganzen christlichen Sprach- und Gedankenschatz wieder ausgraben und unbefangen verwenden… Die Bibel ist eine unerschöpfliche Fundgrube von Weisheit und Wahrheit; man wird sie dereinst wieder zu würdigen wissen.

    So war er auf der Suche nach „Gott“; kein eigentlicher Gottesleugner schlechthin, aber seine Aussagen über Gott mußten der Erkenntnis des modernen Menschen entsprechen, und er forderte von der Kirche, daß sie diesen Sachverhalt in voller Wahrhaftigkeit bejahe. Als ich ihn zum letztenmal auf seinem Kranken- und Sterbebett besuchte, waren seine letzten Worte: „Weiter wäre nichts mehr zu sagen.“ Er schwieg lieber von Gott, als daß er über ihn sprach.

    1967, Wilhelm Teufel

  • Sprachliche Vermahnung

    Sprachliche Vermahnung

    für die Mitarbeiter der Stuttgarter Zeitung (und andere Zeitungsschreiber)

    1. In Überschriften und bei kurzen Meldungen, die einen abgeschlossenen Tatbestand mitteilen, soll kein Imperfekt (die Zeitform der Erzählung!) verwendet werden, Also: Mussgay hat sich erhängt, nicht: Mussgay hängte sich. Clemenceau ist zum Präsidenten gewählt worden, nicht: wurde zum Präsidenten gewählt.

    2. Die Zeitform der Vorvergangenheit, also eines Geschehens, das gegenüber einem anderen vergangenen Geschehen weiter zurückliegt, ist das Plusquamperfektum. In einem erzählenden Bericht über einen Empfangstag beim Papst darf es also nicht heißen: der Papst empfing darauf einige Geistliche, die aus Albanien ausgewiesen wurden, sondern ausgewiesen worden waren.

    3. Nach den Zeitwörtern des Aussagens, Glaubens, Meinens, Denkens wird im allgemeinen der Konjunktiv des Präsens gesetzt, nicht der Vergangenheit. Er sagte, er sei krank, nicht: er wäre krank. Nur wenn der Konjunktiv des Präsens gleich lautet wie der Indikativ, nimmt man an seiner Stelle das Imperfektum, um ein Mißverständnis zu vermeiden. (Er sagte, ich hieße Hans.)

    4. Nachdem ist ein Bindewort, das nur zeitlich gebraucht werden sollte, nicht begründend (statt da oder weil), eine Unsitte, die gegenwärtig aufkommt: „Nachdem die Waschmaschine so billig ist, können wir uns auch einen Staubsauger anschaffen.“

    5. Das Eigenschaftswort in prädikativer (aussagender) Stellung wird nicht gebeugt. Es heißt also nicht: der Anblick ist ein trauriger, sondern: der Anblick ist traurig.

    6. Das rückbezügliche Fürwort steht in Hauptsätzen unmittelbar hinter dem Zeitwort, in Nebensätzen gleich hinter dem ersten Satzteil. Bald begannen sich Menschen auf der Straße anzusammeln. (Nicht: Bald begannen Menschen auf der Straße sich anzusammeln.) Der geistige Zustand, in dem sich das deutsche Bürgertum um die Zeit des Kriegsendes befand. (Nicht: in dem das deutsche Bürgertum um die Zeit des Kriegsendes sich befand.)

    7. Vorsicht mit „um zu“. Ein Satz mit um zu ist nur möglich, wenn Hauptsatz und Nebensatz dasselbe Subjekt haben. Er ging in die Stadt, um einzukaufen. Aber nicht: Er ließ den Arzt rufen, um ihm eine Spritze zu geben. Bei brauchen bitte das „zu“ nicht vergessen! Man sagt: er braucht das nicht zu wissen, nicht: er braucht das nicht wissen.

    8. Man hüte sich vor Übertreibungen und Superlativen, wie sie in der vergangenen Zeit geblüht haben (dazu gehören auch Wörter wie gigantisch, unerhört, unglaublich, phantastisch). Ganz abscheulich ist es „mit“ beim Superlativ zu verwenden. „Das ist ein gutes Buch“ genügt anscheinend nicht, das beste oder eines der besten Bücher wagt man auch nicht zu sagen; man nimmt den Superlativ wieder zurück und schreibt: „mit eines der besten Bücher“. Damit glaubt man zwei Klippen umschifft zu haben und ist glücklich bei einem ebenso häßlichen wie nichtssagenden Ausdruck gelandet.

    9. Anscheinend und scheinbar nicht verwechseln! Dieses Paar ist „scheinbar glücklich“ bedeutet etwas ganz anderes als: „ist anscheinend glücklich“.

    10. Gebrauchen Sie einfache Zeitwörter, und sparen Sie die Hauptwörter, vor allem die auf -ung! Sagen Sie beweisen statt unter Beweis stellen, verzichten statt Verzicht leisten, untersuchen statt einer Untersuchung, unterwerfen und so weiter. „Es gilt nach wie vor die Anordnung, wonach in die Ernennungsurkunde der Lehrerinnen die Bestimmung aufzunehmen ist, daß ihre Verheiratung die Aufhebung ihrer Anstellung zur Folge hat.“ Dieser Satz würde in gutem Deutsch etwa lauten: „Lehrerinnen, die neu angestellt werden, sind darauf hinzuweisen, daß sie aus dem Amt gehen müssen, wenn sie heiraten.“

    11. Sagen Sie nicht Großteil, sondern großer Teil, nicht Frischfische und Frischmilch, sondern frische Fische und frische Milch. Und zwar nicht ab sofort, sondern von jetzt an, also vom 21. September an, nicht ab 21. September.

    12. Vermeiden Sie, wenn Sie es können, Modewörter aus der Hitlerzeit (oder auch schon etwas ältere) wie: Garant, Aggression, Sektor, Ausmaß, im Zuge, Einsatz, aufziehen, aufzeigen, absinken, ausrichten, gestalten, betreuen, erfassen, tragbar, restlos, einmalig, voll und ganz, seitens, hundertprozentig, zweifelsohne und noch ein paar Dutzend andere solcher Blüten einer bösen Zeit, die unsere Sprache nicht reicher und nicht schöner gemacht haben.

    Betrachten Sie bitte diese Aufzählung von Sünden nicht als vollständig. Lassen Sie sich dadurch anregen, ihr Gewissen zu erforschen; vielleicht werden Ihnen noch andere einfallen.

    1950

  • Zum 50. Geburtstag von Josef Eberle

    Zum 50. Geburtstag von Josef Eberle

    [08.09.1951] Es muß Anfang 1926 gewesen sein, als ich in meinem Postfach einmal einen Brief an die „Sonntagszeitung“ aus Leipzig fand, mit einer netten, kleinen, gedrängten Schrift, die mir sogleich gefiel. Ein junger Buchhandlungsgehilfe namens Josef Eberle bot ein Manuskript an. Ich sah sofort, daß er etwas konnte, was wenigen Schriftstellern gegönnt ist: die sogenannte kleine Form. Von da an war Tyll, so hieß Eberles Deckname, Mitarbeiter meiner „Sonntagszeitung“. Bald stellte es sich heraus, daß er es auch verstand, sich in Versen auszudrücken. Am 2. Mai 1926 erschien als erstes Gedicht Tylls eine „Ode an die Dummheit“, die ich heute noch auswendig kann, und deren erste Strophe mir, offen gestanden, manchmal einfällt:

    „Laß mich um deinen Sockel Kränze winden
    aus Immortellen und aus Immergrün.
    Nie wird die Allmacht deines Thrones schwinden,
    und deiner Hand das Zepter zu entwinden
    ist heißes, doch vergebliches Bemühn.“

    Im Spätsommer 1926 sahen wir uns dann zum erstenmal, als Tyll mich auf meiner Redaktionsstube im dritten Stock von Lange Straße 18 in Stuttgart besuchte. Er wurde in unseren nunmehr 4 Personen bestehenden Ringelnatz-Klub aufgenommen, der bei seinem Mitglied Willy Widmann in der „Elsässer Taverne“ zu tagen pflegte, mit oder ohne Ringelnatz; und eines Tages kam Eberle-Tyll dabei auch mit einem anderen Mitarbeiter der „Sonntagszeitung“, meinem alten Freund Dr. Owlglass vom Simplizissimus, zusammen, dem er in mancher Beziehung geistesverwandt war. Daß ich die Verbindung zwischen den beiden habe herstellen können, freut mich heute noch ebensosehr wie das Bewußtsein, den Schriftsteller und Dichter Eberle vor fünfundzwanzig Jahren sozusagen entdeckt zu haben. Ob ich behaupten kann, daß ich ihn wesentlich gefördert hätte, weiß ich nicht. Große Honorare konnte die „Sonntagszeitung“ nicht zahlen. Im Grunde war damals wahrscheinlich mehr er der Gebende, obwohl er zeitweise im Dichten etwas faul war.

    Von einem Pariser Aufenthalt im Jahre 1927, den er eigentlich als Berichterstatter der „Sonntagszeitung“ genommen hatte, hat er z. B. außer Briefen um Geld keine Zeile geschrieben. Aber dann brachte wieder jede Nummer etwas von Tyll, und die steigende Auflage bewies, daß seine zeitkritischen und satirischen Produkte den Lesern ebensoviel Vergnügen machten wie mir selber. Es sind prächtige Sachen darunter, die übrigens zum Teil heute wieder aktuell sind. Ein Sammelbändchen „Mild und bekömmlich“ ist 1928 erschienen und wahrscheinlich große Rarität, denn im Dritten Reich durfte man so etwas nicht haben. Schon im zweiten war es ja nicht ganz ungefährlich, eine Feder zu führen, die den herrschenden Mächten, siehe „Ode an die Dummheit“, so keck entgegentrat; und trotzdem sind wir damals nur ein einzigesmal vor Gericht gestanden — es war die Sache mit dem Holzkopf — und mit 50 Mark davongekommen.

    Heute, nach beiderseits überstandenem Hitler, sind wir nun wieder beieinander und versuchen, mit wenigen Worten gesagt, verhindern zu helfen, daß er wieder kommt.

    Gesprochen im Süddeutschen Rundfunk am 8. 9. 1951

    http://erich-schairer.de/wp-content/uploads/mp3/ESzuJE50.mp3

  • Christoph Schrempf zum Gedächtnis

    Christoph Schrempf zum Gedächtnis

    Sechs Jahre sind es jetzt her, daß Christoph Schrempf gestorben ist. Wenn es ihm beschieden gewesen wäre wie G. B. Shaw, sich selber zu überleben, dann wäre er heute neunzig Jahre alt, und die Zeitungen würden Artikel über ihn bringen: nicht weil er Christoph Schrempf, sondern weil er neunzig wäre. Im ganz hohen Alter werden sogar unbequeme Zeitgenossen ehrwürdig.

    Da Schrempf nun aber tot ist, scheint es fast, als ob man ihn schon vergessen hätte. Seine Bücher werden, wie man hört, nicht viel gekauft. Die Leute haben andere Interessen. War er nicht ein Sonderling, dieser ursprüngliche Pietist und abgesetzte Pfarrer, der das Glaubensbekenntnis nicht mehr gelten lassen wollte und sich ein ganzes langes Leben lang über sein Verhältnis zu Gott Gedanken machte, statt ihn einen guten Mann sein zu lassen? Dieser Theologe, der seinen Beruf so ernst nahm, daß er glaubte, wenigstens in religiösen Dingen dürfe es keine durch stillschweigendes Übereinkommen sanktionierte Unwahrhaftigkeit, keine Herrschaft der Konvention, auf gut Deutsch: keine Lüge geben, auch wenn sie noch so fromm scheine? Wer hat heute schon Zeit für Theologie und Lust zu solchen Diskussionen?

    Vielleicht, oder sollten wir sagen: hoffentlich wird es einmal wieder so weit kommen, daß die Menschen Zeit und Lust haben, sich mit den „letzten Dingen“ ernsthaft zu beschäftigen. In zehn, zwanzig, dreißig Jahren; dann wird Christoph Schrempf eines Tages neu entdeckt und als großer religiöser Denker gefeiert werden. Seine gedankliche Auseinandersetzung mit dem überlieferten Christentum wird Sensation machen, nicht bloß nach ihrem Inhalt, sondern vor allem in ihrer besonderen Form: Schrempf ist der erste Theologe, der auf seinem Gebiet die scholastische Methode überwunden hat.

    Während etwa in der Naturwissenschaft die Sachlichkeit, die Loslösung von Überlieferung und persönlicher Autorität längst durchgedrungen und selbstverständlich geworden ist, segeln die sogenannten Geisteswissenschaften immer noch im toten Fahrwasser hingenommener Tradition und abgestandener Begriffe. Sie sind, wie Schrempf sagt, ein Fortspinnen vorhandener Meinungen mit einem Seitenblick auf die Sache, statt daß man umgekehrt der Sache nachginge, höchstens mit einem Seitenblick auf die Meinungen, die bereits über sie vorhanden sind. Das ist die Methode des Antischolastikers und Antiromantikers Schrempf. Was andere, was Vorgänger über Gott und Welt gesagt haben, heißen sie wie sie sollen, kümmert ihn erst hinterdrein, nachdem er die Sache selber untersucht hat und sich über sie klar geworden ist. Und bei dieser Untersuchung gibt es für ihn keine Pietät, keine Rücksicht irgendwelcher Art, kein Halten vor irgendeiner Schranke außer der, die dem Erkennen selber gesetzt ist. Die Theologie ist bei Schrempf wirklich zur Wissenschaft geworden, ein Gegensatz zwischen Theologie und Philosophie ist für ihn nicht mehr vorhanden. Die Begriffe, die beiden eigen sind, haben nicht mehr verschiedenen, aber sie haben einen neuen Inhalt. „Die Religion hört in dem Verhältnis zum wirklichen Gott auf; das Verhältnis zum wirklichen Gott hört in der Religion auf.“

    Man begreift, daß es nicht jedermanns Sache ist, sich in dieser Luft zu bewegen. Wer es sich zutraut, dem sei die dreibändige Auswahl aus Schrempfs gesammelten Werken empfohlen, die Otto Engel vor einiger Zeit [1950…] im Frommann’schen Verlag herausgegeben hat: „Religion ohne Religion“, Preis 24 DM; wer nicht so viel Geld hat, der lese Schrempfs „Menschenlos“ (5 DM) oder „Vom öffentlichen Geheimnis des Lebens“ (6 DM), ebenfalls aus dem Frommann’schen Verlag.

    Stuttgarter Zeitung, 1950, 98

  • Das deutsche Verbrechen

    Das deutsche Verbrechen

    Klar sieht, wer von ferne sieht;
    Nebelhaft, wer Anteil nimmt.

    Laotse

    [StZ vom 31.12.1946] Professor Friedrich Wilhelm Förster, der bekannte Pädagoge und Pazifist, hatte in der „Neuen Zürcher Zeitung“ einen Aufsatz über „Moralische Präliminarien des Friedens mit Deutschland“ erscheinen lassen, in dem er die Alliierten davor warnt, Deutschland zu vertrauen und es in den Kreis der Nationen aufzunehmen, ehe es sein Riesenverbrechen wirklich eingesehen und bereut und sich moralisch gebessert habe. Vorläufig sei davon noch nichts zu entdecken. „Wann hat man je gehört, daß ein erbarmungsloser Räuber und seine Komplicen schon ein Jahr nach der Verhaftung und ohne daß auch nur das geringste Zeichen einer Sinnesänderung vorliegt, in allem Ernst eingeladen werden (gemeint ist Churchills Paneuropa-Vorschlag, die Red.), mit seinen Opfern zusammen einen Verein zur Sicherung der öffentlichen Ordnung zu begründen?“

    Förster zitiert ein Wort von General Haushofer aus dem Jahr 1941 zu einem amerikanischen Journalisten: „Sie können sicher sein, daß wir im Falle einer Niederlage von der ersten Stunde nach dem Waffenstillstand Tag und Nacht an nichts denken als an die Vorbereitung des nächsten Krieges.“ So denke heute noch die Mehrheit der Deutschen. Die Verbrecher und ihre verblendeten Mitläufer hätten nichts bereut und nichts aufgegeben; sie seien entschlossen, ihren Plan so bald als möglich „mit andern Mitteln und Bundesgenossen“ wieder aufzunehmen.

    Darum sei es unbedingt nötig, Deutschland streng zu behandeln, ihm die materiellen und geistigen Grundlagen für einen Angriff zu entziehen, also in erster Linie seine Kriegsindustrie zu vernichten und jede Propaganda für die alte Ordnung zu unterbinden, und keinen der kompromittierten Agenten des alten Deutschlands in Amt und Ehren zu lassen. Alles sei verloren, wenn „die jetzige Praxis weitergeht und die Alliierten um die Wette den Deutschen den Hof machen, selbst wenn es sich um Nazi oder Pangermanisten handelt“.

    Hat Professor Förster mit diesem seinem Pessimismus recht oder nicht? Es ist nicht ganz einfach, diese Frage zu beantworten.

    Richtig ist, daß die Nazi in Deutschland keineswegs ausgerottet sind; daß ihre Gesinnung namentlich an einigen wichtigen Stellen, in der Wirtschaft, in der Justiz und auf den Universitäten, weiterlebt; daß sie so gut wie unbelehrbar sind und nur für Gewalt Verständnis haben.

    Daß die Mehrheit der Deutschen heute schon wieder an die Vorbereitung des nächsten Kriegs denke, ist ohne Zweifel stark über trieben. Aber hat denn die Mehrheit den letzten oder den vorletzten gewollt? Kriege sind bis jetzt immer von Minderheiten gemacht worden. Die Mehrheiten sind ihnen dann gefolgt, und wer sich nicht scheut, der “Wirklichkeit ins Auge zu sehen, der wird zugeben, daß auch heute eine Mehrheit des deutschen Volkes nicht imstande wäre, einen Krieg zu verhindern, den anzufangen eine Minderheit mächtig genug wäre; auch wenn es diese Mehrheit heute weit von sich weisen wird, daß sie einen Krieg wünsche oder mit einem solchen rechne.

    Die große politische Aufgabe der alliierten Mächte besteht darin, einen neuen Krieg zu verhindern, auf den heute die nazistischen Elemente in Deutschland wieder hoffen mögen. Die Voraussetzung dafür ist, daß die Alliierten unter sich einig sind; daß es ihnen gelingt, die zwischen ihnen vorhandenen Interessengegensätze, mit denen der geschlagene Nazismus rechnen zu dürfen glaubt, auch weiterhin friedlich auszugleichen. Damit würde diesem der Wind aus den Segeln genommen; von sich aus kann er ja keinen Krieg mehr an fangen, solange Deutschland von den alliierten Mächten besetzt ist. Er würde dann vielleicht zwar nicht von heute auf morgen, aber doch im Laufe der Zeit langsam absterben, weil ihm sozusagen der Boden entzogen würde, aus dem er Nahrung saugen kann.

    Ob Herr Förster mit seiner moralisierenden Betrachtungsweise und mit seinem pädagogischen Rezept der Strenge auf dem richtigen Wege ist, bleibe dahingestellt. Den Nationalismus mit negativem Vorzeichen, zu dem ihn seine Haltung verführt, halten wir für ebenso verfehlt wie den positiven. Der alte Abraham, derSodom und Gomorrha retten wollte, auch wenn er nur fünf Gerechte in seinen Mauern gehabt hätte, war vermutlich nicht bloß etwas menschen freundlicher, sondern auch ein besserer Politiker.

    Wir büßen heute alle für das, was die Nazi gefrevelt haben. Das ist in der Ordnung. Aber trotzdem wollen wir uns nicht insgesamt mit den Nazi in einen Topf werfen lassen, wie Förster es tut; und Moralpredigten wirken nicht so unbedingt erzieherisch, wie der be rühmte Pädagoge anzunehmen scheint. Es könnte sein, daß allzu große kollektive Strenge in der Behandlung eines geschlagenen Volkes das Gegenteil von der beabsichtigten Wirkung hervorriefe: vermehrten Nationalismus, weiterschwelenden Nazismus.

    Es wäre also vielleicht besser gewesen, wenn Herr Förster, etwas weniger alttestamentlich, auch ein paar milde Tone gefunden und den Alliierten geraten hätte, zwar die militanten Nazi in Deutschland mit Skorpionen statt mit Ruten zu züchtigen, aber gnädig zu sein gegen die bloßen Mitläufer und die vielen anderen, deren Schuld lediglich darin besteht, daß sie noch leben.

    „Hat nicht die deutsche Nation“, schreibt Förster, „ein kollektives Riesenverbrechen begangen, das ohnegleichen in der ganzen Geschichte der Menschheit ist?“ Gewiß, es war ein Riesenverbrechen, das geschehen ist; fast so groß wie das eines Dschingis Khan oder Tamerlan. Aber darf man sagen, die „deutsche Nation“ habe es begangen, von der Tausende und Abertausende behaupten und beweisen können, daß es nicht von, sondern an ihnen begangen worden ist?

    Stuttgarter Zeitung, 31. 12. 1946

  • Antwort auf eine Frage

    Antwort auf eine Frage

    Als die Besatzungsbehörden ihn 1946 zur schriftlichen Beantwortung der Routinefrage „Welches waren Ihre Gefühle während der Nazizeit?“ aufforderten, schrieb Erich Schairer in der Form einer Antwort an einen Freund:

    Du fragst mich (etwas neugierig, wie mir scheint), wie es während der Nazizeit in meinem Inneren ausgesehen habe. Schlimm, kann ich Dir sagen. Ich war zerrissen in einem Hin und Her zwischen Trauer, Scham und Haß.

    Ich erinnere mich eines Nachmittags, an dem ich meinen Dienst auf dem Lindauer Bahnhof absolvierte; einen Zwangsdienst, der mir nicht einmal so unwillkommen war, weil er mir die Möglichkeit gab, mich unverdächtig abseits zu halten. In dem Zug, den ich eben abgefertigt hatte, saß mein 25jähriger Sohn, ein guter, friedfertiger, etwas träumerisch veranlagter Junge, den sie zur SS gepreßt hatten. Er hatte ein paar kurze Tage Urlaub gehabt, die er wortkarger als früher hingebracht hatte. Er schien innerlich aus dem Gleichgewicht; er hatte wohl manches Böse, vielleicht Entsetzliches mitansehen müssen und nicht verhindern können. Nun würden also wieder Raubmörder sein täglicher Umgang sein. Der arme Kerl — ich hatte ihn nicht retten können, wenn er nun vielleicht zugrunde ging.

    Als ich nach der Abfahrt des Zuges den Bahnsteig verließ, kam ich an einem Güterwagen vorüber, den ich nachher in den Münchener Zug stellen mußte. Ich warf einen Blick durch die offene Türe. Da lagen, kauerten und standen unter der Bewachung von ein paar Bewaffneten etwa dreißig bis vierzig Dachauer Schutzhäftlinge in ihren gestreiften Verbrecherkleidern. Grünlich-bleiche Gesichter mit wirren Bartstoppeln, zum Skelett abgemagerte Gestalten. Sie wurden aus Überlingen ins Dachauer K.Z. zurückgebracht, weil sie zu schwach und krank waren, um noch weiter ausgeschunden werden zu können.

    Wer weiß, was mit ihnen jetzt geschehen würde? Sie stierten apathisch vor sich hin; kaum einer, der vielleicht daran dachte, daß von drüben, sechs Kilometer über den See entfernt, die Schweiz, das Land der Freiheit, herüberleuchtete. Dem oder jenem sah man es an: er war ein „Intellektueller“, ein geistiger Mensch wie ich selber. Müßtest Du, der du hier mit der roten Mütze in hübscher Uniform herumspazierst und freilich auch lieber in der Schweiz drüben säßest, müßtest Du, dachte ich, nicht eigentlich auch unter diesen Schächern sein, die nun sterben würden, weil sie gegen den Mann protestiert hatten, den auch ich für einen Verbrecher hielt?

    Langsam und wie geistesabwesend ging ich zurück in mein wohl geheiztes Büro und setzte mich auf meinen Sessel hinter dem Schreibtisch mit den Papieren und Telefonen. Gegenüber an der Wand, so daß ich es beständig im Gesicht hatte, hing ein großes Brustbild des „Führers“. Wieder einmal schaute ich in diese ekelhafte, gewöhnliche Fratze, und meine Fantasie malte mir auf die fliehende Stirn das kleine, runde Loch mit dem dünnen Blutstreifen, das ich mir unwillkürlich immer dazudenken mußte, wenn mein Blick auf die verhaßten Züge fiel. Wann und wie würde dieser Mensch enden? Und würde es dann nicht zu spät sein, zu spät für uns alle?

    1946

  • Mutiger Publizist in der Weimarer Zeit

    — Stuttgarter Zeitung vom 12. Sept. 1995 —

    Ursprünglich wollte der Lehrersohn Pfarrer werden. Dann promovierte er über den Dichter Schubart, kehrte der Kirche den Rücken und wurde Journalist. Im Krieg war er Weinvertreter und Bahnhofsvorsteher, nach dem Krieg Herausgeber der „Stuttgarter Zeitung“. 

    Erich Schairer war, das läßt sich ohne Einschränkung sagen, einer der mutigsten Publizisten der Weimarer Republik und in den ersten Hitler-Jahren. Manche stellen ihn neben Kurt Tucholsky und – mehr noch, weil wesensverwandter – neben Siegfried Jacobsohn, mit dessen „Weltbühne“ die von Schairer herausgegebene ,,Sonntagszeitung“ in vielem übereinstimmte. Erich Schairer, ein Freund Josef Eberles, kam im September 1946 zur „Stuttgarter Zeitung“, er wurde Mitherausgeber und war verantwortlich für den politischen Teil. Leider waren ihm nur acht Jahre des Wirkens vergönnt. 1954 legte er seine Ämter nieder und starb zwei Jahre später in Schorndorf. Gleichwohl hat er bleibende Spuren hinterlassen und den Charakter der noch jungen „Stuttgarter Zeitung“ geprägt. 

    Das konnte bei einem so eindrucksvollen Manne auch gar nicht anders sein. Der 1887 im württembergischen Hemmingen geborene Lehrersohn hatte einen unbezähmbaren Hang zu Wahrhaftigkeit und Geradlinigkeit. Politisches Bürger- und Selbstbewußtsein war ihm selbstverständlich. Nicht von ungefähr promovierte der Theologe Schairer, der zuvor aus Gewissensgründen aus dem Dienst der evangelischen Kirche Württembergs geschieden war, über den Dichter-Rebellen und „politischen Journalisten“ Christian Friedrich Daniel Schubart. Das hatte Bedeutung für sein weiteres Leben. Schairer wurde Redakteur in Hamburg, gegen Ende des Ersten Weltkrieges dann Chefredakteur der „Neckarzeitung“ in Heilbronn. Nach politischen Auseinandersetzungen mit dem Verleger gründete Schairer, was seinem Drang nach Unabhängigkeit entgegenkam, ein Wochenblatt, die ,„Sonntagszeitung“. Das Blatt war ein Kuriosum insofern, als es auf Anzeigen verzichtete, um sich freizuhalten von jedweden Einflüssen. Das kleine, aber rasch an Einfluß gewinnende Blatt wandte sich an nachdenkliche Leser aller sozialen Schichten. Es pflegte die kleine Form und war sprachlich durchgefeilt. Bezeichnend war folgender Satz: „Manche Leute haben es mit ihrer Bildung wie gewiße Krämer; sie präsentieren stets ihr ganzes Warenlager, um ihre Leistungsfähigkeit zu beweisen.“

    Politisch wandte sich die Zeitung gegen nachwirkende wilhelminische Tendenzen und neue deutschnationale Träumereien. Rasch geriet Schairer in Konflikt mit der heraufkommenden NS-Ideologie. Kaum ein Journalist hat damals so klar vorhergesagt, was die Deutschen von Hitler zu erwarten hatten. Schairer erkannte, in welchem Maße der Rundfunk dazu beitrug, Hitlers Thesen bis ins kleinste Dorf zu verbreiten. Und im Februar 1933 schrieb er hellsichtig: „Das deutsche Volk will offenbar solche Führer haben wie Wilhelm und Hitler… Wird es, kann es mit der Herrlichkeit des ‚Dritten Reiches‘ ein anderes Ende nehmen als mit der des zweiten?“ Einen Monat später wurde die „Sonntagszeitung“ verboten, dann unter strengen Auflagen wieder zugelassen. 1937 geriet das Blatt völlig unter NS-Einfluß. Schairer fristete sein Dasein als Handelsvertreter und gegen Kriegsende als Reichsbahngehilfe in Lindau, immer wieder behelligt von der Gestapo. Nach einem Neubeginn als Redakteur des „Schwäbischen Tagblatts“ in Tübingen wurde Schairer 1946 Mitherausgeber der „Stuttgarter Zeitung“. 

    Er prägte diese Zeitung vor allem stilistisch. Eine klare Sprache bedeutete für Schairer klares Denken. Er richtete die Rubrik „Fünf Minuten Deutsch“ ein und pflegte sie über Jahre hinweg. Die Rubrik fand viel Anklang bei den Lesern. Auch die Redakteure der „Zeitung“ profitierten von der Schairer’schen Schule. Ältere Journalisten erinnern sich dankbar an die „Sprachliche Vermahnung für die Mitarbeiter der Stuttgarter Zeitung (und andere Zeitungsschreiber)“.

    Politisch verstand Schairer die „Stuttgarter Zeitung“ als parteiunabhängiges Oppositionsblatt. Und so schrieb ein Redaktionsmitglied der frühen Jahre, nämlich Reinhard Appel, über Schairers Wirken: „Er verstand es, aus dem Blatt eine demokratische Institution zu entwickeln, die bei den Regierenden und den Regierten gleichermaßen Respekt und Einfluß genoß.“ Schairer habe ein Beispiel dafür gegeben, „daß die Freiheitsrechte des Bürgers gegenüber der Macht im Großen wie im Kleinen nur dort bewahrt bleiben können, wo sie auch wahrgenommen und furchtlos verteidigt werden“. Die deutsche Teilung, gegen die er ankämpfte, sah Schairer frühzeitig voraus. In einem Leitartikel schrieb er 1947 prophetisch: „Solange der Ost-West-Gegensatz besteht, sind alle Worte von der deutschen Einheit leeres Geschwätz…“ Und so war es dann auch. 

    Werner Birkenmaier 

    „50 Jahre Stuttgarter Zeitung“, Jubiläumsausgabe vom 12. Sept. 1995, Seite 4 

  • Die Reinsburgstraße

    — Stuttgarter Zeitung vom 15.02.1948 —

    Nehmen wir einmal an, Ihr geistesgestörter Stiefvater (den Sie freilich lange für ein Genie gehalten hatten) habe sämtliche Mitglieder einer Nachbarsfamilie bis auf eines ermordet und deren Haus angezündet. Würden Sie sich nicht für verpflichtet halten, gegen den Übriggebliebenen besonders nett zu sein, auch wenn er Ihnen nicht sympathisch wäre?

    Wenn Sie diese Frage, wie ich vermuten möchte, bejahend beantworten werden, so lassen Sie sich verraten, daß die 1500 polnischen Juden in der oberen Reinsburgstraße in Stuttgart in ihrer Mehrzahl die Überlebenden der jüdischen Bevölkerung von Radom sind, die im August 1942 von der deutschen SS „liquidiert“ worden ist.

    Von den über drei Millionen polnischer Juden, mit deren Ausrottung Hitler die SS beauftragt hatte, sind etwa 150 000 übrig geblieben, einer unter zwanzig. Von den 450 000 in Warschau rund 10 000, einer von fünfundvierzig. In Radom, einer Stadt von 90 000 Einwohnern, lebten damals 30 000 Juden, die „ausgesiedelt“ wurden. Sie wurden wie Schlachtvieh zusammengetrieben, Männer, Frauen und Kinder, dann wurden zwei Haufen gemacht. Der eine, große, waren diejenigen, die gleich umgebracht werden sollten, weil sie zu schwerer Arbeit untauglich erschienen, also vor allem die Alten und die Kinder, und dann alle „Exemplare“, die nicht besonders kräftig aussahen. Sie wurden in Waggons gepfercht und etwa 200 Kilometer weit weggebracht, nach der Vernichtungsanstalt in Treblinka (zwischen Warschau und Bialystok). Dort ging es vom Zug weg in die Gaskammern, nachdem Kleider, Wäsche und Schuhe säuberlich abgegeben waren. Der kleine Haufen, im ganzen nur etwa 3 000 Personen, war zur „Vernichtung durch Arbeit“ bestimmt. Sie wurden zunächst in ein Lager am Ort gesperrt, dann auf Majdanek, Auschwitz und andere Konzentrationslager verteilt und kamen im Sommer 1944, beim Rückzug aus Polen, größtenteils nach Vaihingen an der Enz. Beim Zusammenbruch im April 1945 war etwa die Hälfte dieser Leute noch am Leben, die Widerstandsfähigsten, nicht immer die Besten. Für sie ist, nach verschiedenen Zwischenstationen, im August 1945 das Lager in der Reinsburgstraße eingerichtet worden. Ähnliche Lager gibt es noch in Backnang, Hall, Heidenheim, Ulm und Wasseralfingen, im ganzen leben in ihnen rund 18 000 Personen. Sie alle warten darauf, nach Palästina auswandern zu dürfen, wo nach dem Beschluß der Vereinten Nationen ein jüdischer Staat gebildet wird.

    Hier möchte ich nun gerne etwa folgendermaßen weiterschreiben können: Landtag und Regierung in Württemberg-Baden erklärten es nach Eröffnung des Lagers in der Reinsburgstraße für ihre selbstverständliche Christenpflicht, an den Überlebenden des grausigsten Verbrechens der neueren Geschichte nach Kräften wieder gutzumachen, was an ihnen und ihren toten Angehörigen von der vorausgegangenen deutschen Regierung gesündigt worden war. Alle jüdischen DP mit der KZ-Tätowierung auf dem Unterarm werden als Gäste der württembergisch-badischen Regierung behandelt, bis sie unser Land verlassen können. Sie haben Anspruch auf doppelte Lebensmittelrationen, anständige Kleidung und bequeme Wohnung, alles auf Staatskosten. Sie erhalten freie Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, für ihre Vertreter sind bei allen öffentlichen Veranstaltungen Ehrenplätze reserviert. Wenn sie nach ihrer neuen Heimat ausreisen, erhalten sie Reisegeld in guter Währung und außerdem eine Summe, die es ihnen erlaubt, sich am Reiseziel eine neue Existenz zu gründen.

    So oder ähnlich müßte es heißen können, wenn es nach meinem — nicht auch ihrem? — Begriff von Recht und Gerechtigkeit ginge, der verlangt, daß Unrecht wieder gutgemacht werde, einerlei, ob der, um den es sich handelt, mir gefällt oder nicht, ob er z. B. Schwarzhändler ist oder nicht. Natürlich werden mir kluge Leute beweisen, daß ich mich da in utopistische Regionen verstiegen hätte und daß es in der Politik eben nicht immer so zugehen könne, wie man es in der Kirche — wenigstens predige. Aber ich kann mir nicht helfen: dann kann ich den Juden in der Reinsburgstraße auch ihren Schwarzhandel nicht übelnehmen. Er ist, so wie die Dinge liegen, ein Akt der Selbstbehauptung, der Notwehr, möchte man fast sagen, in einer Welt, wie sie den Überlebenden von Radom erscheinen muß: wo jeder am besten tut, für sich selber zu sorgen, wo unter Umständen alle gegen einen stehen, kurz: wo Gewalt vor Recht geht.

    Andere werden mir entgegenhalten, daß man ja auch die deutschen Juden, die alles verloren hätten, bis jetzt nicht entschädigt habe, daß man auch den politisch Verfolgten, den Bombengeschädigten, den Flüchtlingen die kalte Schulter zeige, die uns „näher stünden“ als die Einwohner von Radom. Und doch finde ich, daß an diesen Menschen der nationalsozialistische Staat am schlimmsten gefrevelt hat, und daß sie die ersten hätten sein müssen, denen eine Wiedergutmachung, und wäre es nur eine aufrichtige Geste der Wiedergutmachung, hätte zukommen sollen, abgesehen davon, daß es eine etwas merkwürdige Entschuldigung ist, zu sagen, man tue für andere, die Anrecht auf Schadenersatz hätten, ja auch nichts.

    Hand aufs Herz: würden Sie Bedenken tragen, sich die Mittel für Ihre spätere Niederlassung in Palästina auf dem Wege des Schwarzhandels in Deutschland zu verschaffen, nachdem Ihnen eine deutsche Regierung Eltern und Geschwister ermordet, Sie selber Ihres Eigentums beraubt und Sie dann ein paar Jahre durch die KZ geschleppt hätte, mit der Absicht, Sie ebenfalls nicht am Leben zu lassen? Würden Sie es ablehnen, in diesem Fall Ihre IRO-Verpflegung im Umfang von etwa 2000 Kalorien im Wege des Schwarzhandels aufzubessern? Vielleicht sogar mit dem Verdienst aus diesem Schwarzhandel die Lagerschule finanzieren zu helfen, in der jüdische Kinder in Rechnen und Religion, in Geographie und Gymnastik unterrichtet werden; die Gewerbeschule, in der die 17- bis 24jährigen als Schlosser und Schmiede, als Zuschneider oder Zahntechniker ausgebildet werden, damit sie dereinst im Lande der Hoffnung ihren Mann stellen können?

    Stuttgarter Zeitung, 4. Jg., Nr. 16 vom 15. Februar 1948

    Reinhard Appel errinnert sich, daß der Artikel „wie eine Bombe“ einschlug. Eine Flut von Leserzuschriften an Schairer sei die Folge gewesen. „Er, der sich immer des kleinen Mannes angenommen hat, hielt ihm diesmal den Spiegel vors Gesicht… In über hundert Briefen entlud sich die Empörung und in entlarvender Weise kam die Seele des Kleinbürgers zum Vorschein“.

  • Ausstellung 1987 in Heilbronn

    Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 5.10.1987

    Katalog zur Ausstellung anlässlich seines 100. Geburtstags in der Stadtbücherei Heilbronn vom 2. bis zum 31. Oktober 1987

    1987-10-02bis31-heilbronn-red

  • Aufgepaßt, ohne Stelzen

    Aufgepaßt, ohne Stelzen

    Leben und Werk Erich Schairers

    — StZ vom 29. Mai 1982 · Von Richard Schmid

    Es gibt eine ansehnliche Reihe von Deutschen, deren Lebenslauf und Lebenswerk für die erste Hälfte dieses Jahrhunderts exemplarische Bedeutung haben. Aber bei wenigen wird das Gewebe dieser Zeit, werden die Muster darin so markant und scharf sichtbar wie bei Erich Schairer, dem Mitherausgeber dieser Zeitung von 1946 bis 1955, der im Jahre 1956 im Alter von neunundsechzig Jahren gestorben ist. Über diesen Mann ist im vergangenen Jahr unter dem Titel „Der Gratgänger — Welt und Werk Erich Schairers“ eine gut geschriebene Biographie von Will Schaber erschienen (Verlag K. G. Saur, München). Das Folgende ist teils daraus geschöpft, teils stammt es aus eigener Erinnerung und persönlicher Freundschaft. Den Verdacht, nicht ganz objektiv zu sein, muß ich hinnehmen.

    Es wird sich dabei ergeben, daß das Schicksal Schairers nicht nur jene exemplarische Bedeutung für seine Zeit hat, sondern daß er überdies recht viel Besonderes und Originelles an sich hatte. Trotz aller Welterfahrung und hoher Bildung blieb er sein Lebtag ein urwüchsiger Schwabe, im Umgang und Ausdruck derb, fast rauh, von einer Art, die ihn gelegentlich im Verhältnis zu glatter abgehobelten Mitmenschen, die sich den Umständen und Zwecken besser anpaßten, in Gegensatz und Konflikt brachte. Nicht daß ihn sein in der Wolle gefärbtes schwäbisches Wesen provinziell gemacht hätte — so wenig wie etwa Ludwig Thoma durch sein Bayerntum provinziell geworden ist. Das Landsmannschaftliche gab ihm Schwerpunkt und Selbstbewußtsein.

    Zuerst ein paar dürre Daten: Schairer ist 1887 als Sohn eines Schullehrers in Hemmingen, Oberamt Leonberg, geboren. Er wird Primus im „Landexamen“, jener Einrichtung, die vor allem begabten Beamtensöhnen kostenlos die evangelisch-theologischen Seminare Württembergs öffnet, humanistische Schulen, herausgewachsen aus den evangelischen Klosterschulen, die den einheimischen evangelischen Pfarrernachwuchs sichern sollen. Von der Schule im Kloster Blaubeuren, wo viel Lateinisch, Griechisch und Hebräisch betrieben wird, kommt er ans Tübinger Stift. Dort studiert er bis 1909 Theologie, wird zum Pfarrer ordiniert, wird Pfarrgehilfe (Vikar) in verschiedenen Pfarreien und an einem Lehrerseminar. Im Jahr 1911 bittet er um Entlassung aus dem Kirchendienst, weil er die Glaubensverpflichtungen nicht erfüllen könne. Die Kirchenbehörde bewilligt die Entlassung schließlich.

    Schairer wird Journalist; daneben verfaßt er eine Doktorarbeit über „Christian Friedrich Daniel Schubart als politischer Journalist“. Einige Zeitgenossen werden für ihn bedeutsam: unter anderen der Philosoph Christoph Schrempf, der schon 1892 aus ähnlichem Konflikt die Kirche verlassen hat und in Stuttgart lebt und schreibt; Hans Erich Blaich, der Dr. Owlglass des „Simplicissimus“, mit dem er eine lebenslange Freundschaft schließt. Er wird Anhänger und schließlich Sekretär des demokratischen Politikers und Sozialreformers Friedrich Naumann und — neben und nach Theodor Heuss — Redakteur an der Naumannschen Zeitschrift „Die Hilfe“. Im Krieg ist er zuerst Soldat, alsdann wird er vom Auswärtigen Amt angefordert als Sekretär der Deutsch-Türkischen Vereinigung in Konstantinopel. Im Jahre 1918 wird Schairer politischer Redakteur an der „Heilbronner Neckarzeitung“, als Nachfolger von Theodor Heuss, wobei es bald zu Spannungen mit dem Verleger und zur Kündigung wegen der radikaldemokratischen Richtung Schairers kommt.

    Schairer macht sich mit dem Wochenblatt „Sonntagszeitung“ zuerst in Heilbronn, dann in Stuttgart selbständig. 1933 wird ihm die Politik verboten, schließlich die journalistische Tätigkeit überhaupt untersagt. Er sucht sich und seine vielköpfige Familie als Weinvertreter durchzubringen. Im Krieg wird er schließlich dienstverpflichtet — als Fahrdienstleiter am Bahnhof Lindau. Nach dem Krieg wird er 1946 Lizenzträger und Mitherausgeber der „Stuttgarter Zeitung“.

    Es sollen nun einige Stationen dieses Lebens dargestellt und dokumentiert werden, vorwiegend mit Hilfe Schairerscher Texte, wodurch nicht nur seine Gedankenwelt, sondern auch, was nicht weniger wichtig ist, seine schlichte, jeden Mode- und Bildungsschmuck verschmähende, verdichtete Sprache deutlich werden soll.

    Als 1911 seine Verwendung als „Professoratsverweser“ am Esslinger Lehrerseminar zu Ende geht und er ins Pfarramt zurückkehren soll, bittet er um seine Entlassung: „Da ich es mit meiner persönlichen Überzeugung nicht mehr vereinigen kann, die von mir seinerzeit leichtsinnigerweise übernommene und während meiner früheren kirchlichen Amtstätigkeit bereits mehrfach verletzte Verpflichtung für den Dienst an der Evangelischen Landeskirche Württembergs wieder auf mich zu nehmen, so bitte ich das Konsistorium, mich aus diesem Dienst entlassen zu wollen.“

    Zur Begründung gibt er den Wortlaut der von ihm beschworenen „Augsburger Konfession“ wieder und sagt: „Als ich, frisch von der Hochschule weg, im Sommer 1909 als ‚Pfarrgehilfe‘ verpflichtet und in der Eßlinger Stadtkirche feierlich ordiniert wurde, machte ich mir über den Inhalt dieser Verpflichtung kaum Gedanken, obwohl ich das Augsburgische Glaubensbekenntnis kannte. Ich hatte es nicht allzulange vorher fürs Examen großenteils auswendig gelernt, natürlich ohne es nur einen Augenblick für mich selber anzunehmen. Dreieinigkeit, Erbsünde, Menschwerdung des Gottessohnes, Opfertod, Höllenfahrt, Auferstehung, Wiederkunft, ewige Verdammnis, Verwandlung beim Abendmahl — alles das war für mich Aberglaube, im besten Fall Symbol, aber nicht ‚wahrhaftig‘. Ich hielt den Glauben an diese ‚Heilstatsachen‘ auch wirklich bei der Ausübung des Pfarramts nicht für entscheidend. Aber als ich dann mein Amt auszuüben begann, da kam ich bald in eine böse Zwickmühle. Einerseits war ich verpflichtet, bei den Amtshandlungen dauernd jene Sätze, die für mich Formeln waren, in den Mund zu nehmen, und getraute mich nicht, das zu unterlassen; andererseits hütete ich mich in Predigt und Unterricht sorgfältig, etwas zu sagen, was ich nicht vor mir selber vertreten konnte. So kam ich mir beim Aussprechen der liturgischen Formeln des Glaubensbekenntnisses und dergleichen mehr und mehr als ganz kläglicher, charakterloser Pfaffe vor, als Schauspieler, der seinen Spott mit dem trieb, was anderen heilig war.“

    Der hohe Geistliche des Konsistoriums versucht, Schairer das Gesuch auszureden und sich vorerst mit einem Urlaub zu begnügen. Aber Schairer besteht auf der Entlassung.

    Seine Meinung über das Pfarramt legt er einige Zeit später in einem Briefwechsel mit einem Pfarrer nieder, der die menschlichen Beziehungen und Verpflichtungen des Pfarramts nicht aufgeben will, aber den dogmatischen und obrigkeitlichen Zwang nicht verträgt und der nun Schairer fragt, was er tun solle. Dem rät er: Du mußt aus der Kirche heraus, aber Pfarrer bleiben. Er gibt ihm Ratschläge, wie er sich mit dem Kirchengemeinderat verständigen soll über die Weiterführung des Amtes nach dem Austritt. „Eine Dorfkirche bleibt stehen, wo sie steht; die wird auch wohl das Konsistorium nicht wegtragen.“ Der Briefwechsel ist wohl irreal, aber verständig und verständlich. Ich würde ihn in diese Darstellung nicht aufnehmen, wenn sich nicht in der Zeit des Nationalsozialismus, als die Kirchenleitung noch durchaus auf Anpassung an das Regime bedacht war, in Württemberg ein entsprechender Fall wirklich ereignet hätte: der Kirchengemeinderat eines Dorfes bei Vaihingen an der Enz hat einem Pfarrer, der aus politischen Motiven der Kirchenbehörde ungehorsam gewesen und von ihr entlassen worden ist, seine Kirche samt Pfarrhaus zur Ausübung des Pfarramts überlassen. Das war der Fall des Pfarrers Paul Schempp, nach dem Krieg Professor an der Universität Bonn; Näheres darüber in dem Buch von Professor Ernst Bizer „Der Fall Schempp“, erschienen 1965.

    Im übrigen hat der Konflikt des Klosterschülers, Stiftlers und Vikars Schairer auch eine interessante historische Parallele. Es ist der Fall des Balinger Vikars Karl Friedrich Reinhard, geboren 1761 in Schorndorf. Auch der hat den Drang zur Publizistik und veröffentlicht einen satirischen Artikel über die Klosterschule und das Stift, muß fliehen, als seine Verfasserschaft bekannt wird, wird Hauslehrer in Frankreich, tritt dort in den diplomatischen Dienst, zuerst der Republik, alsdann Napoleons, dann der Könige und wird schließlich Pair von Frankreich und, eine noch höhere Auszeichnung, Goethes hochgeachteter Freund, Gast und Korrespondent.

    Der Gegenstand der Schairerschen Doktorarbeit ist Schubarts „Deutsche Chronik“, die ihrem Verfasser die zehnjährige Haft auf dem Hohenasperg eingetragen hat. Schairer untersucht darin die Gründe, aus denen die politischen Ideen und Bewegungen in Frankreich und Nordamerika während der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Deutschland zwar von einzelnen literarisch ergriffen wurden, aber nicht in die Breite drangen:

    „Jetzt wäre der geeignete Moment für das Entstehen einer politischen Presse dagewesen. Das Material für einen politischen Anschauungsunterricht in großem Stil war geliefert. Aber es zeigte sich, daß die Lehrkräfte versagten. Ideen in sich tragen und Ideen verbreiten, Denken und Schreiben ist nicht ein und dasselbe; und Menschen, die das Gehorchen so gut gelernt hatten, denen das Unterworfensein so in Fleisch und Blut übergegangen war — wo hätten sie die Kühnheit hernehmen sollen, nun auf einmal frei von der Leber weg zu schreiben und keine Rücksicht zu nehmen? Und den Fall gesetzt, der Wille dazu wäre wirklich vorhanden gewesen — so fehlte die Macht. Denn alle die Herrschenden in Deutschland, bis herunter zum kleinsten Abt und Reichsbaron, zählten unter ihre selbstverständlichen Privilegien die unbeschränkte Aufsicht über das geschriebene (gemeint ist auch: das gedruckte) Wort.“

    Im August 1914 bricht der Krieg aus. Die demokratische Verspätung Deutschlands ist immer noch so stark, daß Parlament und öffentliche Meinung politisch so gut wie machtlos und leicht über die wahren Kriegsursachen und die Situation Deutschlands irrezuführen sind. Schairer meldet sich freiwillig als Soldat. Sein verehrter Chef und Freund Friedrich Naumann entwickelt sich vom demokratischen Sozialreformer zum Imperialisten. Es ist die Zeit der Bagdad-Bahn-Pläne. Schairer wird vom Kriegsdienst wegreklamiert und wird Sekretär der Deutsch-Türkischen Vereinigung in Konstantinopel, der Hauptstadt des großen und schwachen Osmanischen Reichs. Zeitweise macht Schairer Redaktionsarbeit an deutschen Zeitungen, zuerst in Hamburg und schließlich an der „Neckarzeitung“ in Heilbronn. Er bewegt sich, was den Krieg betrifft, auf der offiziellen patriotischen Linie: es handele sich um einen „uns aufgezwungenen Verteidigungskrieg“. Noch Anfang September 1918 glaubt er an den Sieg, wie fast alle schmählich belogenen Deutschen. Den Zusammenbruch 1918 erlebt er in Odessa. An Weihnachten 1918 ist er zu Hause und tritt als politischer Redakteur in die „Neckarzeitung“ ein.

    Nun treten wieder sozialreformerische Ideen, Planwirtschaft, der Schutz des kleinen Mannes und des Konsumenten in den Vordergrund. Von Naumann hat er sich gelöst. Schon während des Kriegs ist er auf die Reformideen Wichard von Moellendorffs gestoßen, Oberingenieur bei der AEG und Mitarbeiter Walther Rathenaus. Diese Beziehung führt zu lebhafter literarischer Mitarbeit und auch zu persönlichen Kontakten mit Rathenau. Es handelt sich um Entwürfe einer unmarxistischen deutschen Gemeinwirtschaft unter Beteiligung der Arbeiter und Angestellten — Strebungen, die in den Jahren nach dem Umsturz von 1918 die öffentliche Diskussion beherrschen und die sich auch in einigen Artikeln der Weimarer Verfassung und in der Schaffung des Reichswirtschaftsrats niedergeschlagen haben. Es wird in der Praxis nichts daraus, weil das reaktionäre Bürgertum bald wieder im Parlament und vor allem auch in der Presse die Oberhand gewinnt. Walther Rathenau, Präsident der AEG, einer der ganz großen Unternehmer, hat gar in einer Schrift, die er Schairer zur Veröffentlichung übergibt, die Abschaffung des Unternehmers zugunsten der im Betrieb Tätigen gefordert.

    Schairer schont, nachdem der Zusammenbruch und die Revolution neue Erkenntnisse und Verhältnisse geschaffen haben, das alte monarchische Regime nicht. Das führt bald zu Spannungen mit dem Verleger, der gleichzeitig ein deutschnationales Blatt herausgibt. Im Bürgertum regen sich bald wieder die Sympathien mit den alten Gewalten und Gestalten. Anlaß zu einem akuten Konflikt ist ein Korrespondenzbericht über die Vernehmung eines der übelsten Scharfmacher der Kriegszeit, des früheren Staatssekretärs des Reichsschatzamtes, Karl Helfferich. Der hat bei seiner Vernehmung vor dem Reichstagsausschuß, der die Politik der kaiserlichen Regierung zu untersuchen hat, eine perfide Variante der Dolchstoßlegende dargeboten: schuld an der Niederlage sei, daß die U-Boot-Waffe nicht unbeschränkt eingesetzt worden sei. Dem Bericht über diese Vernehmung will Schairer folgende redaktionelle Bemerkung vorausschicken:

    „Im Parlamentarischen Untersuchungsausschuß kam es gestern bei der Vernehmung Helfferichs zu lebhaften Auseinandersetzungen. Helfferich ist als Redner sehr temperamentvoll (man erinnert sich noch an jene Situation im Reichstag, wo sein unverschämtes Auftreten dem damaligen Staatssekretär allen Kredit raubte); er ist ein geschickter und mundfertiger Debatter, den keine allzuschweren Gewissens- oder Charakterskrupel belasten. Nach dem Grundsatz ‚Die beste Parade ist der Hieb‘ hat Helfferich gestern den Stiel umzudrehen und gegen seine heutigen Ankläger vorzugehen versucht… Interessant mag bei der Sache noch die Teilnahme des Publikums sein, das sich demonstrativ auf die Seite der … Säulen des alten Regimes stellte und vor dem Reichstagsgebäude mit schwarz-weiß-roten Fahnen aufmarschiert war, um Hindenburg und Ludendorff zuzujubeln, die dann freilich nicht erschienen.“

    Diese beiden erscheinen dann in der nächsten Sitzung und wiederholen die Lüge vom Dolchstoß.

    Die Schairersche Vorbemerkung kratzt sein Verleger ohne Wissen und Einwilligung Schairers aus der Druckplatte heraus; das Blatt erscheint mit einer weißen Lücke auf der ersten Seite.

    Dieser Vorgang hat inzwischen historische Perspektive gewonnen. Drei Monate später bricht der Kapp-Putsch aus. Die Dolchstoßlüge ist, neben der Judenhetze, der Hauptschlager der Hitlerschen Propaganda von Anfang an. Der Weg zum Dritten Reich ist damals beschritten worden.

    Für Schairer ist der Bruch mit der Zeitung damit vollzogen. Er entschließt sich, ein eigenes Organ, eine politische Wochenschrift, herauszugeben. Die erste Nummer erscheint schon im Januar 1920; es ist die „Heilbronner Sonntagszeitung“. Inserate sollen anfänglich die Unkosten decken helfen, aber allmählich, im Interesse der Unabhängigkeit, abgebaut und schließlich abgeschafft werden. Letzteres ist schon 1924 erreicht. Im Jahr 1925 ziehen Schairer und das Blatt nach Stuttgart. Der Absatz steigt stetig von zweitausend Exemplaren (1920) bis auf achttausend (1932). „Die Sonntagszeitung“, wie sie nun heißt, ist im ganzen Reichsgebiet verbreitet, allerdings kaum in Bayern. Was das Programm, den Umfang, die Themen und Tendenzen, die Mitarbeiter, das Verhältnis zu den Lesern betrifft, so sei auf die faktenreiche Darstellung in der Schaberschen Arbeit verwiesen. Die Richtung geht deutlich nach links, aber ohne Bindung an eine Partei oder ein Dogma und mit ausgeprägter sozialer Note. Das Thema Plan- und Gemeinwirtschaft tritt allmählich zurück zugunsten des schlichten Konsumenten- und Lohnarbeiter-Interesses. Erwähnt sei, daß die besondere Begabung des jungen Josef Eberle (Pseudonym „Tyll“) für die politische Verssatire durch Schairer für die „Sonntagszeitung“ entdeckt und gepflegt wird. Zum Profil der Sonntagszeitung tragen auch die drastischen Holzschnittkarikaturen von Hans Gerner bei.

    Zwei Farben der politischen Palette Schairers treten besonders hervor: erstens die Lehre aus dem Schock des Kriegsendes, das ihm gezeigt hat, wie wichtig die freie Unterrichtung der Öffentlichkeit, die Unabhängigkeit der Presse von staatlicher und sonstiger Macht und die demokratische Kontrolle der Regierung sind, woraus im Fall Deutschland speziell ein scharfer Antimilitarismus und Pazifismus folgen; zweitens: der Kampf gegen den immer weitere, auch kirchliche Schichten befallenden Antisemitismus. Dieser Kampf zieht sich durch alle Jahrgänge der „Sonntagszeitung“. Dazu sei nur ein Satz des langjährigen Mitarbeiters Hermann Mauthe zitiert: „Das Christentum wurde von einem Juden begründet und der neudeutsche Antisemitismus von einem Hofprediger.“ (Gemeint ist der Berliner Hof- und Domprediger Adolf Stöcker.)

    Das Verhältnis zur NSDAP ergibt sich aus alledem von selbst. Daß die „Sonntagszeitung“ nach der „Machtergreifung“ nicht überhaupt verboten, sondern daß im April 1933 nur eine Nummer beschlagnahmt wird, wird darauf zurückgeführt, daß einer der Stuttgarter Machthaber eine persönliche Regung zugunsten Schairers verspürt. Es wird ihm aber sofort die Befassung mit der Tagespolitik verboten. Bald häufen sich von außerhalb Württembergs die Beanstandungen. Schairer verschafft sich einen der Partei genehmen Redakteur, um nominell auszuscheiden. Er versteht es bis 1937, als er das Blatt ganz aufgeben muß, in einigen Rubriken die Leser versteckt kritisch zu unterrichten. Für viele bleibt die „Sonntagszeitung“ hochbegehrte Wochenlektüre. Besonders ergiebig sind die volkswirtschaftlichen Wochenartikel des Mitarbeiters „Fritz Werkmann“, hinter dem sich ein illegal in Deutschland lebender, von der Gestapo gesuchter Sozialist H. von Rauschenplat verbirgt, der schließlich emigriert und nach dem Krieg unter dem neuen Namen Fritz Eberhard zurückkehrt, Intendant des Süddeutschen Rundfunks wird, alsdann Professor an der Freien Universität in Berlin. Der teilt den Lesern in einer mit Statistiken garnierten Abhandlung zum Beispiel mit, daß eine der ersten Regierungsmaßnahmen — außer der Einrichtung der KZ und der Entlassung von Nichtariern — die Abschaffung der Sektsteuer gewesen sei und wie daraufhin der Sektkonsum (wessen?) so enorm gestiegen sei oder (in der Nummer vom 20. September 1936) wie die neue Regierung die Preiskartelle der Industrie und des Handels begünstige und daß diese Preiskartelle naturgemäß preiserhöhend wirkten. Diese verbraucherfeindliche Preispolitik hat sich übrigens noch lange in die Bundesrepublik fortgesetzt; es ist mühsam gewesen, die dadurch begründeten Preisbindungen abzubauen.

    Im selben Jahr 1936 (Nummer vom 26. Januar) erscheint ein kurzer Artikel des philosophischen Mitarbeiters Kuno Fiedler (übrigens auch ein wegen dogmatischen Ungehorsams 1922 aus der lutherischen Kirche Sachsens ausgeschiedener Theologe), eines nahen Freundes von Thomas Mann. Dieser Artikel enthält einige gewagte Wendungen zugunsten Thomas Manns, dessen bitterer Konflikt mit den Nazis längst ausgebrochen ist, dessen Münchner Haus bereits von der SS okkupiert ist und dessen Ausbürgerung noch im selben Jahr verfügt wird. Allerdings wird schon im September dieses Jahres Kuno Fiedler von der Gestapo verhaftet, weil er, so wird ihm erklärt, mit der „Spionagezentrale“ des Thomas Mann zusammenarbeite. Fiedler gelingt eine abenteuerliche Flucht aus dem Gefängnis; womit wir wieder zu Erich Schairer zurückkehren. Denn auf der Flucht in die Schweiz findet Fiedler zuerst Zuflucht im Schairerschen Haus in Sulzgries bei Esslingen und Geld für die weitere Reise. Er wird von Frau Schairer nach Allensbach am Bodensee gelotst, wo der befreundete Maler Marquard eine bescheidene Pension am Seeufer betreibt. Mit Schairer ist ein Stichwort vereinbart, mit dem sich Flüchtige melden sollen, um ans Schweizer Ufer zu kommen. Das geschieht. Am 27. September ist Fiedler schon, wie Thomas Mann seinem Bruder Heinrich schreibt, in Zürich bei ihm. Derselbe „wackere Tell“ (so Thomas Mann) hat übrigens kurz darauf, von mir nach Allensbach geschickt, den Stettiner Fritz Lamm in die Schweiz gerudert, der vielen Stuttgartern und besonders Angehörigen der „Stuttgarter Zeitung“ in Erinnerung sein wird.

    Erich Schairer ist nach dem Krieg achteinhalb Jahre lang Mitherausgeber und Gesellschafter dieser Zeitung gewesen. Seine Energie mag durch die bösen Erlebnisse der Hitlerzeit gelitten haben. Zudem war er nur einer unter mehreren. Es war klar, daß das größere und vielfältige Unternehmen nicht nach dem Muster seiner alten Schöpfung, der „Sonntagszeitung“, betrieben werden konnte, die auf ihn zugeschnitten war. Es war nötig, Kompromisse zu schließen. Aber er hat doch eine Tradition der Unabhängigkeit der Zeitung schaffen helfen, die auch dem Außenstehenden nicht entgeht. Vor allem aber hat er, wie ich glaube, mit der ihm eigenen Gabe und mit großer Mühe für eine saubere und klare Sprache gearbeitet, was, wie mir scheint, noch unvergessen und wirksam ist. Zwar gibt es „allzumal Sünder“, und seine zwölf Sprachgebote, die er den Mitarbeitern hinterlassen hat, werden nicht immer befolgt, aber doch respektiert. Seine Rubrik „Fünf Minuten Deutsch“, auch als Büchlein erschienen, hat weit in die Leserschaft hineingewirkt.

    Erich Schairer hatte, so barsch und derb er manchmal im Umgang sein konnte, als Journalist jene wahre und höhere Höflichkeit, die sich in den Leser hineindenkt, sich dessen Begriffsschatz und Fassungsvermögen vergegenwärtigt, anstatt wie manche andere mit schicken Modewörtern oder aparten Fremdwörtern zu imponieren und auf Sprachstelzen zu gehen. Er verabscheute das, was ein anderer großer Meister der Einfachheit, Ernest Hemingway, die „Zehn-Dollar-Wörter“ genannt hat; und er brachte den Mut zur Banalität auf, um auf alle Fälle klar zu sein. In einer alten Nummer der „Sonntagszeitung“ habe ich folgenden Ausspruch Schairers gefunden: „Manche Leute haben es mit ihrer Bildung wie gewisse Krämer: sie präsentieren stets ihr ganzes Warenlager, um ihre Leistungsfähigkeit zu beweisen.“ Und aus „Fünf Minuten Deutsch“ sei folgendes schöne Beispiel aus einem Wirtschaftsteil zitiert: „Ein Fremdwörterprotz. Die Ursache des geringen Bauvolumens ist die Diskrepanz zwischen Baukosten und Miete.“ Schairer übersetzt das so: „Daß so wenig gebaut wird, kommt daher, daß die Baukosten hoch und die Mieten niedrig sind.“

    Damals, vor dreißig Jahren, war „Diskrepanz“ schick. Heute sind’s andere Stelzen. Schairer hat uns gelehrt, aufzupassen, auf andere und auf uns selbst.

    Leben und Werk Erich Schairers — ein Artikel von Richard Schmid in der Sonntagsbeilage der Stuttgarter Zeitung „Die Brücke zur Welt“ vom Samstag 29. Mai 1982 

    http://erich-schairer.de/wp-content/uploads/mp3/SDR-1989-12.mp3

  • Fünf Minuten Deutsch

    Fünf Minuten Deutsch

    Einleitung

    Am 2. Oktober 1946 erschien im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung zum ersten Mal die Rubrik „Fünf Minuten Deutsch“. Ich wollte mir damit, wenn auch nur in Form eines Stoßseufzers (denn das Papier war kostbar), den Ärger über das schlechte Deutsch der Zeitgenossen von der Seele schreiben, den ich von Berufs wegen tagtäglich zu leiden hatte. An Stoff für diese kleine Sprachecke fehlte es wahrhaftig nicht, und so wurde sie versuchsweise ein paar Wochen lang aufrechterhalten. Die lieben Kollegen, die sich dabei gelegentlich selber getroffen fühlen mußten, fragten mich hie und da, ob ich nicht bald Schluß mit dieser Schulmeisterei machen wolle, und neckten mich mit den römischen Zahlen, die anfangs drüber standen und die ein Beweis dafür sind, daß ich selber an keine allzulange Dauer des Unternehmens gedacht hatte.

    Aber zu meiner eigenen Überraschung ging es anders. Das Echo, das die kleinen Glossen jeweils bei den Lesern fanden, war lebhaft und wurde immer stärker. Beinahe jeden Tag kamen Briefe und Anrufe, und zwar – es ist hier wirklich keine Phrase – aus „allen Schichten der Bevölkerung“, vom hohen Beamten bis zum Dorfschultes (ein solcher war eine zeitlang mein eifrigster Mitarbeiter), von Fabrikanten, Geschäftsleuten, Arbeitern, Lehrern, Schülern, Ärzten, Anwälten, Ingenieuren, und nicht zum wenigsten auch von Frauen, und zwar nicht etwa nur beruflich tätigen Frauen, sondern von „einfachen“ Hausfrauen, die sich Zeitungsverleger sonst nur als Leserinnen des Anzeigenteils und des Romans vorzustellen pflegen. Es war mir manchmal fast zu viel des Guten, namentlich als ich an den Telefonanrufen merkte, daß ich offenbar eine Art von Autorität in sprachlichen Dingen zu werden schien und wegen aller möglichen kitzligen Probleme zu Rate gezogen wurde, etwa in der Rechtschreibung, in der ich mich selber nicht immer sicher fühlte (und für deren Verzwicktheiten ich nicht viel übrig hatte).

    Heute ist es so, daß die „Fünf Minuten Deutsch“ bei Nummer 667 angelangt sind, und daß in jedem Posteinlauf einige Zuschriften an den Redakteur der „Fünf Minuten Deutsch“ liegen. Das Interesse an Sprache und Stil hält also an, und es ist viel weiter verbreitet als man zunächst glauben möchte. Ich kann es wagen, diese Sammlung von eigenen Beiträgen zur Sprachecke der Stuttgarter Zeitung herauszugeben. Manche ihrer Leser haben sie sich schon gewünscht; ich hoffe, sie werden mich nun auch nicht im Stich lassen und das kleine Bändchen verbreiten helfen.

    Wahrscheinlich müßte man jetzt als die Autorität, die man geworden ist, noch etwas Tiefgründiges über die Entwicklung der Sprache von sich geben, müßte wenigstens den Niedergang beklagen, dem die deutsche Sprache in den letzten zwei Jahrzehnten offenbar verfallen ist, oder gar als Hintergrund den Untergang des Abendlands an die Wand malen. Ich kann mich nicht recht dazu entschließen. Vielleicht darf die Beliebtheit der „Fünf Minuten Deutsch“ als Zeichen dafür gelten, daß es doch nicht ganz so schlimm ist. Sonst brauchte man sich ja auch keine Mühe zu geben, jenen Niedergang aufzuhalten. Es könnte sein, daß es auch wieder einmal aufwärts geht, wenn die Trümmerhaufen weggeräumt sind, die uns Hitler und seine Gesellen auch auf sprachlichem Gebiet hinterlassen haben.

    Stuttgart, Weihnachten 1951

    Erich Schairer

    5min-deutsch

  • Der politische Journalist

    Der politische Journalist

    von Reinhard Appel

    Wer Schairers Leitartikel in der „STUTTGARTER ZEITUNG“ von 1946 bis 1952 noch einmal durchliest (von denen viele heute noch genau so lesenswert sind wie damals), dem wird klar, welche Kärrnerarbeit dieser Mann mit seiner Feder für die politische Bewußtseinsbildung der jungen deutschen Demokratie nach dem Zusammenbruch des Hitlerreiches geleistet hat. Viele Bürger wollten in den ersten Nachkriegsjahren absolut nichts von der Politik wissen und standen den Versuchen, wieder eine demokratische Staatsform zu etablieren, skeptisch, mißtrauisch oder ablehnend gegenüber. Der Hunger und die Wohnungsnot, düstere Zukunftserwartungen, die bürokratisierte Entnazifizierung und die Herrschaft der Besatzungsmacht waren keine aufmunternden Paten. Um die Mitbürger vor einer politischen Resignation zu bewahren, bedurfte es Männer, die durch ihr Wort und ihr Verhalten Vertrauen in ein demokratisches Gemeinwesen wecken konnten; die vor der Obrigkeit nicht kuschten, ob es sich um die Besatzer oder die mit der Regierung Beauftragten handelte; Männer, die auf Moralpredigten verzichteten und mitfühlten, was den Leuten auf den Nägeln brannte.

    Erich Schairer besaß diese Eigenschaften in hohem Maße. Er haßte große Worte und fürchtete sich weder vor der Macht noch vor der Masse. Er empfand sich als ein Anwalt des kleinen Mannes und handelte entsprechend. In seiner Sprache war er einfach, klar und zielbewußt. Er polemisierte gegen die Regierenden wie gegen den Kleinbürger. Seinen Idealistischen Zug, der eine bessere, vernünftigere, menschlichere und gelegentlich utopische Welt anstrebte, kontrollierte er durch Skeptizismus und Realismus, durch Humor und Sarkasmus. Gegen Moralprediger und Weltverbesserer blieb er mißtrauisch. Den Unzulänglichkeiten des Allzumenschlichen brachte er Verständnis und Sympathie entgegen. Mit seinem kompromißlosen Antifaschismus ging, wie selbstverständlich, ein natürliches patriotisches Empfinden einher, das aber dennoch kosmopolitisch orientiert war. Sein Grundakkord war sozialistisch, aber die darauf aufbauenden Variationen verbanden sich zu einer liberalen Komposition. Es wäre nicht möglich, den Demokraten und Republikaner Erich Schairer in eine parteipolitische Schablone zu pressen: dieser unabhängige Geist und völlig undogmatische Journalist ist im allgemein herkömmlichen Sinne nirgends einzuordnen. Wer dennoch schematische Anhaltspunkte liebt, kommt ihm wohl am nächsten, wenn er ihn als einen linksliberalen Sozialisten begreift.

    Dieser durch und durch politische Journalist, nach dem Krieg zunächst am „Schwäbischen Tagblatt“ in Tübingen, wurde von Josef Eberle im Frühsommer 1946 als Mitherausgeber an die „Stuttgarter Zeitung“ geholt und mit der Verantwortung für den politischen Teil der Zeitung betraut. Er verstand es, aus dem Blatt eine demokratische Institution zu entwickeln, die bei den Regierenden und den Regierten gleichermaßen Respekt und Einfluß genoß. Mit dem Herausgeber-Triumvirat Eberle—Schairer—Maier besaß die Zeltung über das engere Verbreitungsgebiet hinaus den Ruf eines radikalen Oppositionsblattes. Genau hierauf war es Schairer wohl angekommen, um nach der oppositionslosen Zeit der gleichgeschalteten Presse ein Beispiel dafür zu geben, daß die Freiheitsrechte des Bürgers gegenüber der Macht im Großen wie im Kleinen nur dort bewahrt bleiben können, wo sie auch wahrgenommen und furchtlos verteidigt werden.

    Dieser beispielgebenden und in gewissem Sinn erzieherischen Aufgabe hat sich Erich Schairer auch gegenüber seiner Redaktion gewidmet, indem er die Redakteure ständig dazu ermunterte, zu kritisieren wo es nötig und zu loben wo es möglich war. Einige Beispiele sind mir noch lebhaft in Erinnerung. Dr. Schairer hatte mich vom ersten Tag an bei der Zeitung als politischen Reporter eingesetzt und in dieser Funktion hatte ich zunächst über die von den Amerikanern berufene verfassungsgebende Landesversammlung, dann über den 1946 erstmals frei gewählten Landtag von Württemberg-Baden zu berichten, dem auch der spätere Bundespräsident Theodor Heuss als Abgeordneter der Demokratischen Volkspartei (DVP) angehörte. In einer brillanten aber schwer wiederzugebenden Rede vor dem Landtag hatte Heuss zum Haushaltsplan den damals sensationellen Vorschlag gemacht, den ehemaligen Berufssoldaten eine Pension zu gewähren. Angesichts des immer noch weitverbreiteten Flüchtlingselends, der Not und der Trümmer durch die Kriegsfolgen, erschien mir der Vorschlag nicht gerade sehr situationsgerecht und jedenfalls so verblüffend, daß ich in meinem Landtagsbericht von der umfangreichen Rede nur den Vorschlag für die Wehrmachtspensionen als besonders bemerkenswert registrierte. Die Folge war ein wütender Protest von Heuss bei Schairer, aber Schairer war, auch nicht vom ehemaligen Kultusminister des Landes (den er freilich aus seiner Berliner Zeit ziemlich genau kannte), aus der Ruhe zu bringen. Er ließ sich von mir das Sitzungsprotokoll zeigen, erklärte sich mit meinem Bericht nachträglich einverstanden und gab mir den Rat, mich niemals durch hohe Herren einschüchtern zu lassen.

    Bei einer anderen Gelegenheit hatte ich in einem Bericht über eine Landtagssitzung bemerkt, daß der Ernährungs- und Landwirtschaftsminister Stooß zwar der Bevölkerung eine weitere Zuteilung von Fett- und Fleischmarken verweigern müsse, es aber gleichzeitig möglich gewesen sei, in der Mittagspause des Landtags für die Abgeordneten (und Journalisten) ohne Fett- und Fleischmarken ein ausgezeichnetes Essen zu servieren. Der Ernährungsminister, der Landtagspräsident und die Abgeordneten fanden diesen Bericht skandalös. Man teilte meinem Chef die Empörung mit und durch die Blume bedeutete man ihm, ob er nicht einen seriöseren Journalisten für die Landtagsberichterstattung benennen könne. Mit einem derartigen Ansinnen waren die Herren bei Schairer an der falschen Adresse. Seine Antwort war derart deutlich, daß niemand mehr an meiner Akkreditierung zu rütteln wagte.

    Blättert man heutzutage in den Leitartikeln und Glossen, Buchbesprechungen und Reiseberichten von Erich Schairer, dann wird demjenigen, der mit ihm zusammenarbeitete, nach wenigen Sätzen wieder der Mann lebendig, der das Bild und die Tendenz der „Stuttgarter Zeitung“ entscheidend mitgeprägt hat und dessen Worte sich immer in Übereinstimmung mit dem befanden, was er dachte. Alles Gestelzte war ihm zuwider. Er pflegte den direkten Kontakt zum Leser, indem er ihn in seinen Artikeln gewissermaßen persönlich ansprach, als handelte es sich um einen individuellen Brief. Neben großen außenpolitischen Themen und demokratischen Grundsatzfragen widmete er sich mit Vorliebe auch kleinen lokalen Ereignissen und und politischen Fragen des Alltags. Er nahm die Weinpanscher von Besigheim aufs Korn, wetterte gegen den Unsinn der Bahnsteigsperren, glossierte die Einfallslosigkeit bei der Gestaltung von Briefmarken und machte sich lustig über das neu aufkommende Bedürfnis nach Orden und Ehrenzeichen. Er scheute sich nicht vor der Polemik mit anderen Zeitungen, forderte aber auch die eigenen Leser freimütig auf, uns Journalisten auf die Finger zu sehen und die Redaktion auf Mängel und Fehler aufmerksam zu machen. Am 25. November 1946 feierte er, der Republikaner, dessen Großvater ein 48er gewesen war, daß die alten deutschen Farben als die Staatsfarben des Landes Württemberg-Baden in der Verfassung verankert wurden. Er arrangierte auf dem Dach des Turmhauses eine Zusammenkunft mit der Redaktion und ließ feierlich die schwarz-rot-goldene Fahne hissen.

    Kompromißlos kämpfte er gegen die Nazis und gegen faschistisches Denken, aber er lehnte pauschale Verurteilungen ab und wehrte sich gegen ungerechtfertigte Angriffe von außen. Schon am 31. Dezember 1946 setzte er sich in einem Leitartikel unter der Überschrift „Das deutsche Verbrechen“ mit einem Aufsatz des Pädagogen und Pazifisten Friedrich Wilhelm Förster zum Thema „Moralische Präluminarien des Friedens mit Deutschland“ auseinander, der in der „Neuen Zürcher Zeitung“ veröffentlicht worden war. Förster warnte darin die Alliierten, Deutschland zu vertrauen und es in den Kreis der Nationen aufzunehmen. Schairer warf Förster eine moralisierende, alttestamentliche Betrachtungsweise vor, verwahrte sich dagegen, alle Deutschen mit den Nazis in einen Topf zu werfen und plädierte dafür, gnädig zu sein gegen die bloßen Mitläufer und die vielen anderen, deren Schuld lediglich darin bestehe, daß sie noch lebten.

    Die meisten Leitartikel widmete Schairer, neben dem Südweststaatthema, der Deutschlandfrage. Seine Thesen zeugen noch heute für seinen Realismus und seine geradezu visionäre Kraft . Am 25. September 1946 schrieb er bereits unter der Überschrift „Zwei Deutschland?“, es sei ihm unbegreiflich, es „ist geradezu ein Zeichen von politischem Schwachsinn, daß es bei uns immer noch Leute gibt, die sich befriedigt zeigen, wenn zwischen Angelsachsen und Russen irgendwo Differenzen auftreten. Wenn es eine einzige Chance gibt, daß sich ein wenn auch verstümmeltes Deutschland aus den Schwierigkeiten der Nachkriegszeit herausretten kann, daß es nach dem Krieg nicht auch noch den Frieden verliere, dann ist es die Verständigung zwischen Amerika und Rußland. Je bälder und je fester diese zustandekommt, desto besser für uns. Je länger es damit dauert, oder je weniger aufrichtig ein schiedlich-friedliches Nebeneinander zwischen den politisch, wirtschaftlich und weltanschaulich andersgesichtigen Weltmächten ausfällt, desto größer wird die Gefahr, daß Deutschland in zwei Hälften auseinanderbricht, die sich nicht mehr verstehen und verschiedene Wege gehen… Der Friede zwischen den Großmächten ist die Voraussetzung für den Frieden mit Deutschland und in Deutschland. Ist jener gesichert, dann wird dieser erst möglich.“

    Auch in allen späteren Artikeln kam er immer wieder auf seine Kernthese zurück: „Solange der Ost-West-Gegensatz besteht, sind alle Worte von der deutschen Einheit leeres Geschwätz.“ („Die verlorene Einheit“, 22. 11. 1947.) Um Deutschland nicht zum Schauplatz eines Zusammenstoßes zwischen Amerika und Rußland werden zu lassen, sympathisierte Schairer mit Neutralitätsgedanken. Nach der „Londoner Konferenz“ der Westmächte von 1947 setzte er sich aber offen für die Bildung einer westdeutschen Bundesrepublik ein und sprach („Die Londoner Konferenz“, 17. 12. 1947) die Hoffnung aus, daß die „Phrase von der deutschen Einheit jetzt wohl verschwinden wird“. Schon im Mai 1947 hatte er vorausgesagt, daß ein halbiertes Deutschland das Experimentierfeld zweier gegensätzlicher Wirtschaftssysteme werden wird. Zwei Jahre später, nach der Ausarbeitung des Bonner Grundgesetzes („Bundesrepublik Deutschland“, 30. 4. 1949) meinte Schairer, die „Bundesrepublik und die DDR könnten in einem unblutigen Wettbewerb Ausstellungsgelände zweier Systeme werden, in dem beide zeigen könnten, was sie zu leisten vermögen“.

    Freilich sind Erich Schairer auch Fehlentscheidungen unterlaufen. So hielt er es im Oktober 1946 nach den Wahlen in Berlin und der damaligen Sowjetzone für möglich, daß die SPD und die SED zusammengehen und die bürgerlichen Parteien CDU und LPD eine Opposition bilden. Im August 1948 äußerte er sich mißtrauisch zum Marshall-Plan und erblickte den einzigen Zweck darin, daß sich die Amerikaner in Europa einen Absatzmarkt sichern wollten. In einem seiner letzten Leitartikel („In der Zwickmühle“, 16. 2. 1952) setzte er sich mit dem Mehrheitsbeschluß des Bundestages für einen deutschen Verteidigungsbeitrag auseinander und vertrat die Ansicht: „Wenn die Amerikaner die Mitwirkung der Bundesrepublik bei der Verteidigung Europas gegen einen russischen Einmarsch verlangen, so werden wir uns angesichts der herrschenden Machtverhältnisse einem solchen Verlangen auf die Dauer nicht widersetzen können.“ Daß ihm die ganze Richtung nicht so recht paßte, zeigte dann allerdings der letzte Satz, in dem er von der Regierung Adenauer sagte, übers Jahr (nämlich bei der Bundestagswahl 1953) werde sie ihre Außenpolitik einem Votum des Volkes unterstellen müssen. „Es könnte sein“, so meinte und wünschte wohl auch Schairer damals, „daß sie dabei stolpern wird“.

    Sehr intensiv widmete sich Schairer innenpolitischen Themen. Er forderte die Beseitigung der Privilegien für Beamte („Es ist eine Schande, daß wir es nicht fertig bringen, die Reste des mittelalterlichen Herrschaftssystems zu beseitigen.“ 4. 1. 1949) und kämpfte dagegen, daß Beamte in die Parlamente gewählt werden können. Temperamentvoll wandte er sich gegen den Kanzelmißbrauch vor Wahlen und voll des Lobes äußerte er sich, als der Bundesrat der evangelischen Kirche in Deutschland („Gute Botschaft“, 6. 9. 1947) in einer sensationellen öffentlichen Beichte die Irrwege der Kirche eingestand, dem herkömmlichen Begriff der Staatskirche, die den gefährlichen Traum von der deutschen Einheit stützte, eine totale Absage erteilte und eine radikale Umkehr versprach.

    Bereits ein Jahr vor der Währungsreform setzte er sich energisch dafür ein („Die Währungsreform“, 13. 8. 1947), die vorhandene Geldmenge auf ein Zehntel zu reduzieren, denn „mit dem schwarzen Markt wird die Polizei nie fertig werden, solange Warenmangel und Preisstop nicht beseitigt wird“. Gegen die Währungsreform könnten nur „Schwarzhändler, Faulenzer und Schieber“ etwas haben. Wie eine Bombe schlug sein Leitartikel „Die Reinsburgstraße“ (25. 2. 1948) bei der Leserschaft ein, weil er es gewagt hatte, zu schreiben: „Ich kann den Juden in der Reinsburgstraße ihren Schwarzhandel nicht übel nehmen.“ Eine Flut von Leserzuschriften war die Folge. Er, der sich immer des kleinen Mannes angenommen hatte, hielt ihm diesmal den Spiegel vors Gesicht. In über hundert Briefen entlud sich die Empörung und in entlarvender Weise kam die Seele des Kleinbürgers zum Vorschein.

    Auch der Sozialist kam in den Schairerschen Artikeln zur Sprache. Am 1. Oktober 1948 sprach er sich für die „Sozialisierung“ der Grundstoffindustrien aus und am 13. November 1948, also nach der Währungsreform, sah er in seinem Leitartikel „Inflation“ noch immer den „Zwang zum Sozialismus gegeben“. Die „soziale Marktwirtschaft“ Erhards bezeichnete er kurzerhand als ein „Zwitterding, das niemand befriedige — weder die Sozialisten, noch die Kapitalisten“. Andererseits gab es zahlreiche Beispiele für sein undogmatisches Denken. So forderte er am 26. Februar 1949 („Närrische Welt“), den Preisstopp aufzuheben, das Bauen wieder rentabel zu machen, indem man für Neubauten Steuerfreiheit gewähre, und er scheute sich auch nicht, dafür zu plädieren, eine Steueramnestie für das Bauen mit schwarzem Geld zu erlassen. — Völlig konträr stand er zu den Sozialisten in der Frage des Wahlrechts. Als Schüler Naumanns trat er vehement für das Mehrheitswahlrecht ein. „Das Verhältniswahlsystem ist nicht zum wenigsten schuld am Versagen des Weimarer Reichstages“ („Die Verfassung“, 13. 11. 1946). Zwei Jahre später, als der „Parlamentarische Rat“ in Bonn das künftige Bundeswahlrecht beriet, legte er aufs neue ein Bekenntnis für das Mehrheitswahlrecht ab („Das Wahlgesetz“, 9. 10. 1948), das damals nur die SPD bekämpfte.

    Folgerichtig verfocht Schairer leidenschaftlich, in den Parlamenten jeweils eine starke Opposition zu bilden, die jederzeit in der Lage sein sollte, die Regierung zu übernehmen. Nach den ersten Kreistagswahlen in der französischen und britischen Zone, die sowohl für die CDU (im Süden) und für die SPD (im Norden) sehr erfolgreich waren, warnte er vor der Bildung Großer Koalitionen und schrieb („Der Wahlsieg der CDU“, 19. 10. 1946): „Ohne Opposition gibt es keine Erziehung zur Demokratie. Wer von der Koalition der großen Parteien das Heil für unsere Zukunft erwartet, wandelt auf einem Irrweg, der nicht in die Demokratie, sondern in die Bonzokratie einmünden wird.“ Nach den ersten Landtagswahlen in Württemberg-Baden, aus denen die CDU mit 39 Sitzen als stärkste Partei hervorging — die SPD erhielt 32, die DVP 19, und die KPD 10 Sitze — riet er zu einer bürgerlichen Koalition CDU—DVP und forderte die SPD entsprechend ihren früheren Erklärungen auf („Am Kreuzweg“, 30. 11. 1946), sich „an einer Regierung vorläufig nicht zu beteiligen“.

    Als es dann doch zu einer Allparteienregierung unter der Ministerpräsidentschaft Reinhold Maiers kam — dafür wurde Theodor Heuss als Kultusminister geopfert —, goß Schairer seinen ganzen Spott, zu dem er fähig war, über die neue Landesregierung, besonders aber über die SPD aus. („Ohne Opposition“, 14. 12. 1946.) Sarkastisch schlug er vor, die Verfassung neu zu formulieren und dadurch der rauhen Wirklichkeit etwas näher zu rücken, nämlich etwa so: „Die Zahl der Minister wird durch die Parteien bestimmt und richtet sich jeweils nach deren proportionalen Bedürfnissen. Die einzelnen Ministersessel werden von den Parteien gegeneinander ausgehandelt, so daß jede mit ihrem Besitz zufrieden sein kann. Der Ministerpräsident soll sehen, wie er mit den Ministern auskommt, die er vorfindet. Seine Wahl durch den Landtag ist eine reine Formsache, ebenso die Bestätigung der Minister, die von den Parteien eingesetzt sind.“

    Schärfer und ironischer ging es wirklich nicht mehr und man fragt sich, was er wohl heute zur Großen Koalition in Bonn schreiben würde, wenn er noch unter uns wäre.

  • Ein schwäbischer Karl Kraus

    Ein schwäbischer Karl Kraus

    Ein Verleger und Journalist wie Erich Schairer ist heute kaum denkbar. Sein Credo lautete: Kampf gegen Kirche, Kapitalismus, für Gemeinwirtschaft und Gerechtigkeit. Anfang 1937 verhängten die Nazis ein Berufsverbot über ihn, 1946 wurde er Mitherausgeber der „Stuttgarter Zeitung“. Am 21. Oktober 2012 wäre er 125 Jahre alt geworden.

    VON KURT OESTERLE

    Seine Karriere beginnt mit einer ominösen „weißen Lücke“: Ende 1919 ist Dr. Erich Schairer Chefredakteur der Heilbronner Neckar-Zeitung, als Nachfolger seines Freundes Theodor Heuss. Seit Längerem schwelen Widersprüche zwischen Schairer und seinem Verleger. In einem Artikel zum ersten Jahrestag der Novemberrevolution schreibt Schairer, man habe in Deutschland inzwischen eine passable Demokratie, bei der Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit sei man jedoch über einen „taumelnden Beginn“ nicht hinausgekommen. Im liberalen Heilbronn geht darauf das Gespenst der Sozialisierung um. Schairer legt nach, indem er gegen die „Dolchstoßlegende“ der Rechten polemisiert – dieser Artikel erscheint nicht mehr, der Verleger unterdrückt ihn. Schairer fügt sich. Das Blatt erscheint mit einer Leerstelle auf der Eins; weithin sichtbar: ein Kainsmal der Zensur. Für Schairer ist dies die Reifeprüfung, die wahren Machtverhältnisse in der jungen Republik haben sich zu erkennen gegeben, er kann nur abtreten.

    Drei Tage soll er daheim Holz gehackt haben, ein harter Winter stand bevor, in jeder Hinsicht. Schairer beschloss, eine eigene Zeitung in die Welt zu setzen. Die Stunde schien günstig, überall war Neubeginn, Aufbruch, Wunsch nach Veränderung. Die demokratische Republik brauchte publizistischen Geleitschutz. Und Erich Schairer bot ihr einen: die Sonntags-Zeitung. Kritisch, rebellisch, ein Presse-Experiment. Am 4. Januar 1920 erschien sie erstmalig, vierseitig, im Berliner Format, in 1000er-Auflage und zum Preis von 25 Pfennig. Ein hochpolitisches Unternehmen, aber auch ein Akt zur Wiederherstellung der Würde eines zensierten Journalisten.

    Die Weimarer Republik brachte ihren eigenen Typus des Journalisten hervor – politisch und literarisch, analytisch und ironisch. Das Mischungsverhältnis dieser vier Temperamente war freilich individuell ausgeprägt, wie sehr, lässt sich an Autoren wie Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky oder Theodor Wolff studieren. Oder an dem heute fast vergessenen Zeitungsmacher Erich Schairer, der von 1887 bis 1956 lebte und den drei genannten Großen einzig und allein darin nachsteht, dass er nicht zu den vorrangig wahrgenommenen Hauptstadtjournalisten zählte, sondern in der Provinz agierte.

    Lakonisch, schockartig, provokant, auch poetisch – das waren Schairers Register. Nach dem Abwurf der Atombombe in Japan schrieb er von den „Vermissten, die zu Atomen zerblasen sind …“ Durch Journalisten wie ihn erhielt das Zeitungswesen nach 1945 eine Wurzel in der reichen, hoch entwickelten demokratischen Presselandschaft der ersten deutschen Republik. „Gratgänger“, „schöpferischer Rebell“, „geborener Journalist“, so wird er in der wenigen Literatur zu seinem Leben und Werk genannt (immer noch sehr empfehlenswert Will Schabers kundiges Porträt). Diese Legenden entstanden gleichzeitig mit der Weimarer Republik, in deren Verlauf Schairer zum populärsten Zeitungsmann Süddeutschlands wurde.

    Erich Schairer wurde am 21. Oktober 1887 in Hemmingen, Oberamt Leonberg, geboren. Dem pietistisch erzogenen Lehrersohn ist ein altbekannter Weg vorgezeichnet: vom Blaubeurer Seminar übers Tübinger Stift ins württembergische Pfarramt. 1905 zog Schairer nach Tübingen und betätigte sich als „Gazettier“ in der Bundeszeitung seiner Verbindung „Roigel“, schloss brav sein Studium ab und wurde 1909 Pfarrgehilfe in seiner Heimatstadt. Fast hätte es ihn als Vikar ins nähere Lustnau verschlagen, doch umgehend schrieb er ans Konsistorium: „Meine Versetzung nach Lustnau bitte ich rückgängig zu machen, da kennt man mich.“ Knapp, trocken, unverblümt – das sollte auch den späteren Zeitungsstilisten auszeichnen. 1911 bittet er um seine Entlassung. Das Pfarrhaus scheint ihm nicht der richtige Ort, den Zeitgeist umzumodeln, und fast wundert er sich, für diese Erkenntnis so lange gebraucht zu haben.

    Eine Weile pendelt Schairer zwischen Politik und Journalismus; beides könnte für den Ausdrucksmenschen – er ist auch ein leidenschaftlicher Debattierer – das geeignete Berufsfeld sein. 1912 nimmt er beim Reutlinger Generalanzeiger seine erste Redakteursstelle an.

    Jetzt ist er angekommen: „Druckerschwärze riech ich gern. Eine Doppelrotationsmaschine ist etwas Herrliches! Dabei bleiben wir.“ Bedeutungslos, dass er nachher als Privatsekretär des Liberalenführers Friedrich Naumann eine Prise Politik zu sich nimmt – im Journalismus hat er seine Passion gefunden.

    Als noch im selben Jahr der Erste Weltkrieg begann, sollte sich zeigen, wie sehr Schairer dennoch ein Kind seiner Zeit war. Er jubelte hurrapatriotisch, wenn auch nur in mittlerer Lautstärke. Als Autor und Organisator hatte er mit der kaiserlichen Orientpolitik zu tun, der „Deutsch-Türkischen Vereinigung“ dient er ein paar Jahre als Geschäftsführer. Doch seltsam: Schairer verstand sich auch in dieser Zeit als Sozialist und Demokrat. Und nach Kriegsende blieb er im Naumann’schen Sinn ein Sozialreformer, nur der nationalen machtpolitischen Option schwor er ab.

    Schairer wurde vom Expansionisten zum Pazifisten, vom Burgfriedensdemokraten zum linken, basisdemokratischen Republikaner. En grundstürzender Wandel, wie so mancher in dieser Zeit, nur dass Schairer ihn besonders schnell und radikal vollzog.

    Diese Radikalität war vielleicht ein Ergebnis seiner pietistischen, streng auf Selbstverpflichtung ausgerichteten Erziehung; man meint etwas davon zu spüren, wenn Schairer über den politischen Menschen dieser Zeit spekuliert, der der kaum errichteten Republik so sehr nottue und den der früh ermordete Sozialist Kurt Eisner für ihn verkörperte: „Unsere Tragik“, heißt es in der Sonntags-Zeitung Anfang 1925, „wir haben zwar charaktervolle Männer, aber sie sind keine Politiker. Und wir haben Politiker, aber mit zu wenig Charakter. Die richtige Legierung fehlt.“

    Schairers Organ, die Sonntags-Zeitung, die zuerst in Heilbronn, später im urbaneren, besser vernetzten Stuttgart erschien, hatte stets einen ausgesprochen wirtschaftspolitischen Akzent. Darin unterschied sie sich von linken Intelligenzblättern wie Weltbühne, Aktion oder Sturm, deren Hauptsteckenpferde nun mal Kultur und Politik waren.

    Schairer schrieb für das Allgemeinwohl, für gerechte Löhne und Preise, Sozialisierung von Rohstoffen und Großindustrie, für ein Betriebsverfassungsgesetz und Mitbestimmung. Die kleinen Leute waren ihm lieb und wert. Mit Lesern aller Klassen hielt Schairer andauernd Kontakt, zu seinen freien Mitarbeitern zählten neben Hermann Hesse, Maxim Gorki sowie dem großartigen Karikaturisten Hans Gerner auch Marktfrauen, Handwerker und Bauern, die er oft zu sich einlud – nirgends ist in den zwanziger Jahren der Netzwerkgedanke im Journalismus so stark ausgeprägt wie in der Sonntags-Zeitung. Freigeister ebenso wie Pfarrer lasen ihren Schairer, auch wenn er seinem Blatt hin und wieder Kirchenaustrittsformulare beilegte.

    Die Auflage der Wochenzeitung kletterte von 2000 in zwölf Jahren auf das Vierfache. 1933 gingen rund zwei Drittel der Auflage nach Norddeutschland – Hamburg und Leipzig, Köln und Magdeburg hießen die Hauptorte des unverkennbar süddeutschen Blattes; auch in Skandinavien, sogar in den USA wurde die inseratfreie Zeitung vertrieben – nur in Bayern: Fehlanzeige.

    Schairers Wochenblatt wollte ein kritisch-realistisches Zeitbild entwerfen, neben seinen ökonomischen Dauerthemen mit Artikeln zu den Weimarer Pathologien Militarismus, Antisemitismus, aufkommendes Nazitum. 1931 ließ Schairer sich verführen, die Chefredaktion der St. Galler Volksstimme zu übernehmen und sein eigenes Blatt zu verkaufen, wenn auch mit vertraglich garantiertem Rückkaufrecht. Zum Entsetzen seiner Familie machte er schon bald davon Gebrauch und zog aus der sicheren Schweiz wieder ins unsichere Deutschland: Die Arbeit seiner Nachfolger hatte ihm missfallen, mit linkem Kinderkram und KPD-Sprüchen, meinte er, könne man Hitler nicht bezwingen.

    Das aber schaffte auch dieser journalistische Sisyphos nicht, obgleich die Sonntags-Zeitung sich nach 1933 mit einem unangepassten Schlingerkurs noch eine Weile halten konnte. Viele Mitarbeiter mussten bald fliehen, andere kamen in KZs und Zuchthäuser. Schairer selbst erhielt oft Gestapobesuch, immer wieder mal wurde das Blatt verboten – und wenn es herauskam, dann statt mit Schairers Namen nur mit XXX. Bisweilen verzichtete er – gewieft im Umgang mit der Zensur – ganz auf Artikel und stellte nur sprechende Klassikerzitate ins Blatt. Als die Nazis ihm frech einen Chefredakteursposten anboten, schrieb er zurück: „Vielen Dank für Obst und Südfrüchte!“ – was natürlich eine Absage war.

    Schließlich wurde die Sonntags-Zeitung 1936 verboten; Schairer kam als Weinreisender und Reichsbahngehilfe über die Runden – 1945 fand sich nicht der kleinste braune Spritzer an seiner Jacke.

    Anfang 1946 fuhr Erich Schairer, 59, nach Tübingen, um seine Stelle als führendes Mitglied des „Tagblatts“ anzutreten. Lieber wäre ihm freilich, die Stuttgarter Militärregierung entschiede endlich über die Lizenzvergabe für die Sonntags-Zeitung – aber da tut sich nichts. Auch in Lindau […] hätte Schairer sich an einer Zeitungsgründung beteiligen können, doch schließlich hat er den Tübingern zugesagt, um nicht „zwischen zwei Stühle hinunterzusitzen“ oder „drei Bräute zu heiraten“, wie seine Tochter, die Journalistin Agathe Kunze, mir einmal erzählte.

    Schairer kannte Tübingen, hier hatte er studiert, der Verbindung „Roigel“ angehört und, schwäbisch-sturschädelig, in der Philosophenfakultät – bis heute einzigartig – ein publizistikgeschichtliches Doktorthema durchgesetzt: „Schubart als politischer Journalist“, sein Leib- und Magenthema.

    Sein erster Leitartikel steht am 16. Januar 1946 im Blatt; gedanklich, somit auch sprachlich klar, ging er ans Werk, das überall das gleiche war: Wiederaufbau, moralisch, politisch, materiell. „Wehe uns, wenn das Jahrtausend des Herrn Hitler länger als zwölf Jahre gedauert hätte“, schreibt er, der 1932 alles riskiert und viel verloren hatte im Kampf für Freiheit und Republik. Oder, ganz in der Tradition der ihm so lieben Achtundvierziger: „Auch dieses Volk wird es einmal lernen, sich selber zu regieren.“ Um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dürften allerdings nie mehr die Eliten zur Macht gelangen, die beim Aufstieg Hitlers so schändlich versagt hätten. Gerecht müsse es zugehen beim Wiederaufbau, „auch wenn alte Eigentumsbegriffe dabei ein wenig ins Wanken geraten“.

    Dieser Gedanke entsprach der gemeinwirtschaftlichen Idee, die Schairer seit dem Ersten Weltkrieg vertrat – mit ihr wollte er den Kapitalismus überwinden, allerdings ohne dessen liberale Gesellschaftsvorstellung aufzugeben. Schairer war keine Stunde Kommunist, sondern viel eher ein idealistisch angehauchter demokratischer Sozialist. Das zeigt sich auch in jenem Tübinger Kommentar, in dem er für die Zukunft eine „überparteiliche politische Presse“ fordert und sich gegen die unpolitische Generalanzeiger-Presse mit ihren „Inseratenplantagen“ wendet.

    Elf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs starb er, 68-jährig, inzwischen wohl bestallter Mitherausgeber der Stuttgarter Zeitung. Er hatte an alles gedacht, selbst an „Vorschuss für Nachruf“. […] Als er todkrank nicht mehr umhinkonnte, eine der ihm verhassten Kliniken aufzusuchen, soll er geflachst haben: „Wer sich in ein Krankenhaus begibt, kommt darin um.“ Auch diesmal behielt er recht.

    taz.amWochenende vom 27. 10. 2012, S. 07

  • Schöpferischer Rebell

    Schöpferischer Rebell

    Zum 100. Geburtstag von Erich Schairer

    Artikel von Martin Hohnecker in der Stuttgarter Zeitung vom 5.10.1987

    Als er 1919 wegen sozialistischer Gesinnung den Chefredakteursposten bei der Heilbronner „Neckar-Zeitung“ verloren hatte, gründete er sein eigenes Blatt: die pazifistisch-radikaldemokratische, jahrelang anzeigenabstinente „Sonntags-Zeitung“. Als ihn 1936 die Nationalsozialisten aus der Redaktion drängten, setzte er in eben dieses Journal ein Stellengesuch und schlug sich danach als Weinvertreter durch. Als der Krieg zu Ende war, fand er sich als Mitherausgeber der „Stuttgarter Zeitung“ im alten Beruf wieder und sorgte für klare Kommentare und reines Deutsch. Jetzt, da sich Erich Schairers Geburtstag zum hundertsten Male jährt, hat ihm die Heilbronner Stadtbücherei eine Ausstellung gewidmet: „1887 bis 1956, Leben und Werk eines Publizisten“ (siehe StZ vom 1. Oktober).

    Will Schaber, einst Volontär bei der „Sonntags-Zeitung“, war aus New York angereist, um seinen ehemaligen Chef Schairer bei der Ausstellungseröffnung als „schöpferischen Rebellen“ zu charakterisieren: „Lieber katzennüchtern als pompös schreiben – von diesem Prinzip ging er nicht ab. Schlechter Stil, sagte er, ist das Ergebnis unscharfen Denkens.“

    So hielt es Erich Schairer von 1946 bis 1954 mit den Redakteuren der „Stuttgarter Zeitung“, so verlangte er es auch von seinen ehemaligen Sonntagsblatt-Mitarbeitern. Im Heilbronner Deutschordenshof sind sie noch einmal in Wort und Bild präsent: Walther Rathenau und „Gevatter Blaich“ alias Dr. Owlglass, Josef Eberle, Hermann List und Hans Gerner, der Grafiker und Karikaturist. Dazu viel Persönliches: Schairer als Vikar und als Fahrdienstleiter am Bahnhof Lindau; viel Geschriebenes, vom Spottgedicht bis zum Leitartikel „Die Reinsburgstraße“, der einst viele Stuttgarter Bürger aufgeregt hatte; viele Erinnerungen an Freunde und Mitstreiter: Friedrich Naumann, Theodor Heuss, Reinhold Nägele. Und natürlich Schairers sprachliche Vermahnungen: „Man hüte sich vor Übertreibungen und Superlativen…“

    Mehr als vierhundert Objekte hat Büchereidirektor Hans Ulrich Eberle für seine bisher umfangreichste Ausstellung zusammengetragen. Dieses Mosaik zeigt nicht nur die Konturen eines Zeitungsmannes. Es gewährt Einblick in die württembergische Publizistik zwischen 1920 und 1960 und Schairers Anteil daran. Aufrechter journalistischer Gang: hier kann er besichtigt werden.

    […]

    Die Dokumentation zur Ausstellung in der Stadtbücherei Heilbronn vom 2. bis zum 31. Oktober 1987 finden Sie >hier.

  • Straßburg, die Hauptstadt Europas

    Straßburg, die Hauptstadt Europas

    — Stuttgarter Zeitung, Jg. 1952, Nr. 52 —

    Conseil de I’Europe? fragte der Grenzpolizist im Zuge in Kehl mit wohlwollendem Lächeln, als ich ihm meinen Paß hinstreckte. Conseil de l’Europe? fragte auch der Zöllner und verzichtete darauf, daß ich meinen Koffer öffnete. Der Europa-Rat, an dessen dritter Session, zweitem Abschnitt, ich Ende November 1951 teilzunehmen im Begriff war, freilich nur als Zuschauer und Zuhörer, schien bei den französischen Sicherheitsbeamten gut angeschrieben zu sein. Das gab einem fürs erste ein kleines warmes Gefühl ins Herz: vielleicht ging es jetzt doch voran mit Europa; die Idee war offenbar nicht bloß bei der Jugend populär; es war eigentlich allerhand, daß sich sogar national staatliche Gehaltsempfänger dafür erwärmten. Wird am Ende — so dachte ich, als der D 314 über den Rhein fuhr — wird vielleicht auf dem Münster in Straßburg die grün-weiße Europa-Fahne flattern, wenn ich es jetzt nach so vielen Jahren wiedersehe?

    Auf dem Münster flatterte die blau-weiß-rote Trikolore. Denn gerade am Tag vor der Eröffnung des Europa-Rats, dem 25. November, hatten die Straßburger zufällig etwas anderes Wichtiges zu feiern: den Tag der Befreiung und die Einweihung eines Denkmals für ihren Befreier, General Leclerc, der einmal den „Schwur von Kufra“ getan hatte, nämlich er werde nicht ruhen, bis er die Farben Frankreichs auf dem Straßburger Münster wehen sehe. Der Satz ist in den Obelisken auf dem Broglie-Platz eingemeißelt, an den sich der steinerne General jetzt lehnt, beide Hände auf die Flügel von Siegesengeln gestützt. Was Wunder, daß nun die Farben, an denen sein Herz hing, auch in Wirklichkeit auf der Spitze des Münsters da sein mußten! Die Straßburger spüren darin anscheinend keinen Widerspruch zur Europa-Idee, also wollen auch wir so etwas nicht behaupten.

    In den Schaufenstern und an vielen Häusern der Stadt stieß man denn auch auf die berühmte „Unterhose“, wie die neue Europa-Flagge leider nicht mit Unrecht genannt wird: es ist ein grünes E auf weißem Grund, und die optische Wirkung dieses wahrscheinlich von einem braven Studienprofessor ersonnenen, höchst unglückseligen Symbols ist nun einmal die konträre: einer weißen, einer meist schmutzig-weißen Unterhose auf grünem Rasen. Armes Europa, sie sollten eine bessere Visitenkarte für dich erfinden!

    (Auch das alte Europa-Wahrzeichen des österreichischen Grafen Coudenhove, das rote Kreuz in der goldenen Scheibe auf blauem Grund, dem man dazwischen begegnet, ist ein bißchen langweilig, finde ich.)

    Im Europa-Palast

    Der Europa-Palast, die Maison du Conseil de l’Europe, wie der bescheidenere französische Name lautet, liegt am Nordostende der alten Stadt, gegenüber den Parkanlagen der Orangerie, des einstigen Besitzes der Kaiserin Josephine. Man hat für Bauwerke dieser Art, die in kürzester Zeit hingestellt werden mußten, aber doch repräsentabel sein sollten (das Bundeshaus in Bonn ist auch so eines), den witzigen Ausdruck „Palastbaracke“ geprägt. Sie erinnern trotz architektonischer Schönheit, die man auch diesem Haus nicht absprechen kann, und trotz modernem Komfort im Innern verdächtig an die Stiftshütte des Alten Testaments oder an ein Zirkuszelt, das über Nacht aufgeschlagen worden ist, um ebenso rasch im Lauf einer Nacht wieder abgebrochen zu werden. Vor dem Eingang flattern bei gutem Wind die bunten Flaggen von fünfzehn europäischen Staaten, deren Abgeordnete sich hier versammeln; und die Garnison von Straßburg stellt zur höheren Würde dieser Versammlung ein halbes Dutzend militärischer Posten in dunkelblauem Tuch mit weißem Lederzeug, weißen Stulpen und weißen Gamaschen, aber ohne Ober- und Untergewehr (man gestatte den altertümlichen Ausdruck).

    Der große Sitzungssaal, den man betritt, nachdem man seinen Ausweis gezückt hat, strahlt im Neonlicht, und an den roten Sesseln der Abgeordneten, aber auch an den etwas bescheideneren Sitzen auf der Pressetribüne hängen die Kopfhörer und Detektoren, mit deren Hilfe man die Reden nach Belieben auf französisch oder auf englisch konsumieren kann. Die Wände sind, wohl der Akustik wegen, mit Ledertafeln bespannt. Als ich mir eben ausgerechnet hatte, wie viele hundert Rindshäute man wohl dazu gebraucht habe, sagte mir jemand, es sei Kunstleder. Hinter dem Präsidententisch erblickt man als einzigen Wandschmuck außer einer Uhr ein Relief, mit dessen Enträtselung sich der Besucher während allzulanger Parlamentsreden die Zeit vertreiben kann. Unter einem korallenartig verästelten Baum liegen zwei nackte Frauengestalten. Die linke, wohlfrisiert, ruht auf dem rechten Bein und dem rechten Ellbogen; sie schlägt die linke Wade über die rechte und hält mit der Linken ein Bündel Ähren (oder einen Blumenstrauß? nein, es sind doch Ähren!) in die Höhe. Die rechte Figur, mit wirrem Haar und abgewandtem Gesicht, hält in der Rechten eine Fackel; der Mund ist geöffnet, als schreie sie, und die Haltung scheint anzudeuten, daß sie wegschwimme oder wegfliege. Es sind Allegorien für Frieden und Krieg, wie ich mir habe erklären lassen, und ihr Sinn ist offenbar, daß der Europa-Rat, der darunter tagt, dem Frieden eine Ruhestatt bereite und den Krieg verscheuche. Wird er das tun? Ach, man möchte es so gerne hoffen, aber es ist nicht ganz leicht, sich dieser Hoffnung hinzugeben und sie festzuhalten, wenn man ein paar Sitzungstage lang den Verhandlungen beiwohnt und sich dabei auch noch einfallen läßt, daß dieses europäische Parlament ja nur ein Rumpfparlament ist, und nicht nur das, sondern auch daß es ein reines Scheinparlament ist: es kann ja gar keine Beschlüsse fassen, die von irgendwem ausgeführt werden müßten, sondern nur „Empfehlungen“ geben. Es ist also nur eine Attrappe, oder, wenn dieser Ausdruck zu schroff klingen sollte: eine Demonstration, die Demonstration eines (fast hätte ich gesagt: frommen) Wunsches.

    Gewiß: eine hübsche Attrappe, eine Demonstration, die zunächst nicht ganz ohne Eindruck bleibt. Es ist wirklich eine Art europäischer Versammlung, die man hier vor sich hat, denn die etwa 120 Abgeordneten sitzen nicht nach ihren Ländern getrennt wie die Delegierten der UN, sondern in der alphabetischen Reihenfolge ihrer Namen bunt durcheinander, Belgier, Holländer, Franzosen, Deutsche, Italiener, Engländer, Skandinavier, Griechen, Türken (die gehören also auch noch zu Europa, stellt man fest); so sitzt z. B. die charmante Schottin Lady Tweedsmuir zwischen einem Griechen und einem Türken, die Isländerin Fräulein Thorsteinsdottir zwischen zwei Franzosen, der deutsche Sozialdemokrat Mommer zwischen einem Italiener und einem Franzosen, und so fort. Es ist eine europäische und es ist eine erlesene Versammlung, das sieht man schon an den Köpfen, noch ehe man sich aus dem topographischen Plan des Sitzungssaales orientiert hat; es wimmelt nur so von ehemaligen und heurigen Ministern, Präsidenten und Parteiführern, von Namen, die man aus der Zeltung kennt: Crosbie, Daladier, Delbos, Foster, Koenig, Layton, McLean, Maxwell Fyfe, Mollet, Norton, Reynaud, Spaak, Teitgen, Tsaldaris; Carlo Schmid, Luise Schröder, Rechenberg, Pünder, Ollenhauer, Gerstenmaier, Brentano. Wenn alle diese Männer den leidenschaftlichen Willen zur „Integration“ Europas hätten und wenn sie ihn einstimmig zum Ausdruck brächten, auch nur in diesem Rumpf- und Scheinparlament: müßte das nicht wie ein Sturm über Europa brausen, der alle nationalen Bedenken und Eigensüchte hinwegfegt! Aber leider Gottes geht es in dieser „Assemble consultative“ ganz ähnlich zu wie in irgendeinem anderen Landtag; die Reden sind mit wenigen Ausnahmen nach dem Schema „Ja — aber“ gebaut, so daß man vor lauter Klugschwätzerei zu keinem „Ja — also“ kommt; und auch hier begegnet man der parlamentarischen Unart, die in allen solchen Versammlungen zu beobachten ist: wenn sich irgendein kleinerer Mann zum Wort gemeldet und noch keine zehn Sätze gesprochen hat, beginnt ein Teil der Kollegen aufzustehen und wegzulaufen. Kann man es dem Mann auf der Straße eigentlich übel nehmen, wenn er sich auch von dieser „Schwatzbude“ enttäuscht sieht und nichts mehr von ihr erwartet?

    Das Münster

    Strasbourg, la capitale de I’Europe — Straßburg, die Hauptstadt Europas, kann man auf Plakaten und Prospekten in der elsässischen Hauptstadt heute hie und da lesen. Es ist eine, sagen wir höflich: propagandistische Übertreibung, die niemand ernst nimmt, so wenig wie etwa die lapidare Inschrift auf dem Denkmal eines Herrn Wurtz bei der Eglise St. Pierre le Jeune: La chimie est une science francaise. Ich möchte mich korrigieren: die beiden Behauptungen sind nicht gleichwertig. Zwar ist Straßburg nicht die Hauptstadt Europas, das es noch nicht gibt, und wird es wahrscheinlich auch nie werden, wenn Europa einmal Wirklichkeit werden sollte; aber immerhin kann Straßburg von sich sagen, daß es, wenn nicht die europäische Hauptstadt, so doch eine europäische Stadt sei — und wäre es nur seines Wahrzeichens wegen, aus dem man noch in tausend Jahren feststellen könnte, was Europa eigentlich war, auch wenn sonst nichts von Europa übriggeblieben wäre. Ich meine das Münster.

    Ich bin kein Kunsthistoriker und kann deshalb nicht beschreiben, was für Merkwürdigkeiten gerade diese eine von vielen alten Kirchen in Europa aufweist. Wahrscheinlich kann überhaupt niemand sagen, worin der besondere Zauber dieses Bauwerks besteht. Vielleicht gelüstet es jemand, nachzulesen, was der junge Goethe, dem als Sohn seiner Zeit Gotik ein Greuel war, bis er das Straßburger Münster gesehen hatte, einmal darüber geschrieben hat (Von deutscher Baukunst, 1772). Ich kann nur sagen, daß es auch mich schon als jungen Mann ergriffen und jetzt wieder als alten Knaben überwältigt hat, als ich vor ihm stand. Ich möchte seinen Eindruck fast unheimlich heißen. Es ist wie etwas Gewachsenes, Lebendiges; ich habe das bei keiner anderen von all den gotischen Kathedralen, die ich gesehen, so im Innersten empfunden. Neben ihm sind sie alle, Notre Dame, Reims, Chartres, Amiens, Freiburg, Köln, bloße Architektur. Dies aber ist ein Berg, ein Gebirge, ein Stück Schöpfung, ein Wunder. „Une des sept merveilles du monde“, liest man im Haus Kammerzell zu seinen Füßen, und das ist nun wirklich keine Übertreibung. Was für ein ärmliches Machwerk sind unsere heutigen „repräsentativen“ Gebäude, auch wenn etwas länger daran gebaut worden ist als am Europa-Palast, neben diesem Haus, das zweieinhalb Jahrhunderte gebraucht hat, bis es — unfertig blieb! Könnte man sich vorstellen, daß es einen zweiten Turm hatte? Daß es „freigelegt“ würde, wie es ein banausisches Geschlecht mit so vielen anderen gotischen Domen gemacht hat?

    Im Querschiff des Münsters, am berühmten Engelspfeiler, haben sich in einer Zeit, wo das offenbar noch erlaubt war, allerlei fremde Besucher verewigt, indem sie — ohne Zweifel manchmal in stundenlanger Arbeit — ihre werten Namen in den Stein gruben, z. B. Herr Samuel Beyer, Leipzig 1664. Ein barbarischer Unfug. Aber ich gestehe, daß es mich ein wenig gelüstet hat, mich ebenfalls einzuritzen, so wie ein Verliebter sich nicht entblödet, seine Initialen in die Rinde eines Waldbaums zu graben, unter dem er sein Mädchen geküßt hat.

    Eine Weinstube

    Nicht weit vom Straßburger Münster, in der Rue des Orfèvres, der Goldschmiedegasse, liegt die Wynstub zuem Heilig Grab. So steht es auch heute noch auf ihrem Schild; nur ganz klein liest man darunter die Übersetzung: Débit de vins St. Sépulcre. Wer wissen möchte, was für Leute in Straßburg leben, wer sozusagen die Atmosphäre der Stadt kennen lernen möchte (und notabene, das Organ dafür hat!), dem rate ich, diese kleine Kneipe in einem alten Haus und in einer alten Gasse zu besuchen. Nicht etwa die Gerwerstub, Haus Kammerzell oder La bonne Auberge („The newest and best Grillroom in Town“), Lokale, die gewiß auch ihre Vorzüge haben: Kellner im Frack oder in beinahe elsässischer Tracht, eine ellenlange Speisekarte voll leckerer Gerichte, eine stolze Weinkarte mit sämtlichen großen Marken von diesseits und jenseits des Rheins. Auch nicht das Hühnerloch, das zwar weibliche Bedienung hat und auf volkstümlich aufgemacht ist, in dem aber allzu viele Honoratioren verkehren und das ebensogut in Stuttgart, Freiburg, Mannheim oder Frankfurt liegen könnte. Das „Heilig Grab“ hat nur einen einzigen, niederen und winkeligen Gastraum, der mit vierzig Gästen schon beinahe überfüllt, also von abends an bis Mitternacht meist überfüllt ist. Ich saß an einem Ecktisch, auf dem ein ziemlich schmutziges Tischtuch lag, was mich aber merkwürdigerweise nicht unangenehm berührte. Dieser Tisch hatte von vornherein meine Sympathie, denn er war nicht etwa rund, quadratisch oder rechteckig, sondern hatte die Form eines unregelmäßigen Vierecks: die eine Schmalseite war etwa dreißig Zentimeter länger als die ihr gegenüberliegende, weil nämlich die Ecke, in der er stand, nicht rechtwinklig, sondern stumpfwinklig war. Eine Weinkarte gibt es im Heiligen Grab nicht; die Weinsorten, die ausgeschenkt werden und die der Wirt selber oder seine Frau an den Tisch bringt, sind mit Seife auf den Spiegel geschrieben. Es gibt fünf oder sechs elsässische Landweine, Neuen und Alten, der teuerste, aber immer noch billige, ist ein Gewürztraminer, der meistgetrunkene ein „Zwicker“; das Wort bedeutet, daß hier zweierlei Traubensorten verschnitten sind. (Sind es besonders gute Sorten, sagt man Edelzwicker.) Wer nicht „leer“ trinken will, kann sich ein Tartarbrot bestellen, eine rote Wurst mit Essig, Öl und Zwiebeln, zu gewissen Zeiten auch einen Zwiebelkuchen, den sie dort aber ein wenig anders machen als bei uns, daher er auch den würdigen französischen Namen Tarte d’oignons trägt. Ich habe mir das alles schmecken lassen, dazu die Weine durchprobiert, mich pudelwohl gefühlt und mit den Nachbarn am Tisch gut unterhalten. Das Getränk wird viertelliterweise bestellt und in einer hübschen kleinen Karaffe serviert, nebst einem geschliffenen Achtel- oder Dezigläschen ohne Fuß. Diese Gläser gefielen mir so gut, daß ich mir den kleinen Laden am Marche neuf verraten ließ, wo man sie kaufen kann, und mir ein Dutzend davon als Reiseandenken mitnahm.

    Ich habe mich gefragt, warum der Wein im Heiligen Grab oder im Lion vert — einer ähnlichen Kneipe In der Petite rue de l’Eglise, noch viel kleiner, mit Tischen aus Kirschbaumholz — so gut schmeckte und warum man so viel davon trinken konnte, ohne am andern Tag mit Kopfweh aufzuwachen. (Obwohl er, wie die Wirte mir selber verrieten, gezuckert sein soll.) Vielleicht hing es damit zusammen, daß man dort den Wein noch aus dem Faß schenkt, wie es auch bei uns vor dreißig, vierzig Jahren gewesen ist. Er wird wohl nicht so viel mit Kaliumpersulfit und anderen Chemikalien „gepflegt“ wie in fortgeschritteneren Gegenden und hat sich die Kastration durch das EK-Filter nicht gefallen lassen müssen. Die Elsässer sind uns gegenüber anscheinend etwa eine Generation in der „Kultur“ zurück, und das verleiht dem Aufenthalt bei ihnen gewisse Reize, die jüngere Leute hierzulande gar nicht kennen und ältere wohl oder übel entbehren müssen. Sogar das „Defense de cracher“ in den Straßburger Trambahnwagen rechne ich zu dieser liebenswürdigen Rückständigkeit. Bei uns ist heute keine derartige Aufforderung mehr nötig, weil wir hygienisch „einfach viel weiter“ sind. Aber auch die Hygiene hat ihre zwei Seiten, und das Wort steril hat eine verdammte Doppelbedeutung. Womit ich freilich nun nicht etwa sagen möchte, man solle in der Bahn auf den Boden spucken.

    Foie gras und Choucroute garnie

    Das Wort Straßburg löst, wahrscheinlich nicht nur bei mir, zunächst die Assoziation „Münster“ aus. Bei anderen aber, das weiß ich, lautet die erste Gedankenverbindung: Gänseleberpastete. Die Gänseleber scheint in der Tat eine große Rolle in dieser Stadt zu spielen und ist eine lohnende Ausfuhrware. In den Schaufensterauslagen der Krämer, der Feinkost- und Fleischwarengeschäfte ist sie in Terrinen und Dosen der vorstechende Artikel; als getrüffelte Pastete paradiert sie auf allen Speisekarten. Wer nach Straßburg kommt, muß Gänseleber essen, sonst ist er nicht dort gewesen.

    Nun, mein Geschmack ist Gänseleber nicht. Mir ist ein Stück Ochsenfleisch lieber als dieses süßliche schmierige Zeug, das die Leute für eine Delikatesse halten. Übrigens würde vielleicht manchem, der sich daran ergötzt, der Appetit vergehen, wenn er wüßte, daß es eigentlich eine kranke Leber ist, die er sich da einverleibt, und daß der Weg zu ihr über eine üble Tierquälerei führt.

    Dafür hatte ich mich auf ein anderes spezifisch elsässisches Gericht in Straßburg gefreut: auf eine Choucroute garnie. Es war eine Enttäuschung, trotz bester Garnierung mit Fleisch, Würstchen und Leberklößen. Die Grundlage dieses Essens ist und bleibt eben doch das Sauerkraut, und das kochen die Elsässer auch nicht viel besser als unsere schwäbischen Köchinnen, nämlich zu fett und zu lang. (Immerhin sparen sie wenigstens das Mehl dabei.) Ich hab’s in einem halben Dutzend von Wirtshäusern probiert, in einfachen und in feinen, aber geschmeckt hat’s nirgends recht. Das Glas Wein oder Sekt, das man hineinschüttet, rettet den Fall nicht. (Sauerkraut können anscheinend außer den Pfälzern nur die Bayern richtig machen, deren Küche man sonst nicht viel Gutes nachsagt; das beste hab‘ ich vor langen Jahren einmal im Hofbräuhaus in München bekommen.)

    Franzosen oder Deutsche?

    Der Streit, ob die Elsässer nun eigentlich Franzosen oder Deutsche seien, kommt mir ein bißchen lächerlich vor. Es sind französische Deutsche oder deutsche Franzosen. Ihre Sprache, das Elsässer Dütsch, ist ein alemannischer Dialekt; übrigens lange nicht so sehr mit französischen Brocken durchsetzt, wie es in Witzen und Anekdoten oft dargestellt wird. Im „Heilig Grab“ und im „Lion vert“ habe ich in Stunden kaum einmal einen französischen Satz gehört. Oft ist mir’s am Anfang geschehen, daß ich jemand auf der Straße oder in der Tram französisch anredete und auf deutsch Antwort bekam. Nur die Buchhandlungen scheinen sich für verpflichtet zu halten, ein französisches Gesicht zu wahren. Nicht einmal einen deutschen Reiseführer habe ich bekommen, obwohl ich vier, fünf Läden abklapperte. Aber in den Kiosken auf der Straße gibt’s deutsche Lektüre. Und in den „Dernieres Nouvelles d’Alsace“, die man dort kauft, ist nur der Zeitungskopf französisch, der übrige Inhalt ist fast durchweg deutsch. Das Blatt soll eine Auflage von 150 000 Stück haben, davon 120 000 in Deutsch, und unter der französischen Auflage mit 30 000 Stück sind wahrscheinlich viele unbezahlte Exemplare. Aber die Elsässer, das ist sicher, sind trotz ihrer Sprache keine deutsche Irredenta. Deutschland hat sie seit 1871 wiederholt so dumm und so böse behandelt, daß sie kaum Heimweh nach ihm haben werden. Merkwürdigerweise habe ich aber auch keinen Haß getroffen und jedenfalls nie zu spüren bekommen.

    Ein kleiner Ladenbesitzer, bei dem ich am Tag meiner Abreise noch etwas Reiseproviant kaufte und mit dem ich ins Gespräch kam, erzählte mir, daß er in Deutschland im KZ gewesen sei. Aber er war dadurch nicht etwa zum Deutschenfeind geworden. Er gab deutlich zu verstehen, daß er — trotz seinen persönlichen Erfahrungen — Brutalität und Rücksichtslosigkeit nicht für nationale Eigenschaften der Deutschen halte. Und an die Deutschen verraten habe ihn damals ein — Elsässer.

    Hüben und drüben seien Menschen, sagte mein braver Epicier (der sich weigerte, einen Überpreis zu nehmen, obwohl er wegen meines kleinen Reisefläschchens eine große Flasche Quetsch hatte anbrechen müssen), und warum man denn nicht unter demselben Dach Europa beieinander leben könne? Als der Europa-Rat nach Straßburg gekommen sei, habe man ihn mit Enthusiasmus begrüßt und gehofft, nun werde manches anders werden. Inzwischen habe man leider seine Hoffnungen wieder zurückstecken müssen.

    „Zu viel Egoismus, zu wenig Idealismus“ — so formulierte dieser letzte Straßburger, mit dem ich damals sprach, sein Urteil über den Europa-Rat. Sollte er recht haben?

    Stuttgarter Zeitung, 1952, 52

    Zur Geschichte der Europaflagge siehe auch hier:

  • Der Mensch ist dumm

    Der Mensch ist dumm

    — Mai 1948 — Eine Art Predigt —

    Immer öfter beschleicht mich neuerdings der ketzerische Gedanke, daß der Mensch nicht die Krone der Schöpfung, sondern eine Fehlkonstruktion sei, zum Untergang bestimmt wie die Saurier der Jurazeit, weil er nicht imstande ist, sagen wir es gerade heraus: weil er zu dumm ist, sich den (von ihm selber!) veränderten Lebensverhältnissen einer neuen Erdperiode anzupassen.

    Auch die Saurier sind wahrscheinlich ziemlich dumm gewesen. Diese Vermutung drängt sich auf, wenn man auf den um das Gerüst gefundener Knochen gezeichneten Bildern die winzigen Köpfchen betrachtet, von denen jene Fleischberge dirigiert worden zu sein scheinen.

    Sie finden, lieber Leser, daß der Mensch ganz anders aussehe. Aber Sie dürfen jetzt nicht an den einzelnen Menschen denken, der seinerzeit noch mit den Drachen gekämpft hat und dabei Sieger geblieben ist. Den einzelnen Menschen gibt es im Bereich unserer Erfahrung längst nicht mehr. Es gibt den Menschen nur noch als Kollektiv, auch wenn noch so viel von der Persönlichkeit die Rede ist. Überlegen Sie sich doch einmal, woher die Kleider kommen, die Sie anhaben, das Auto, in dem Sie fahren, sogar das Brot, das Sie essen. Zwischen dem zum Riesenorganismus angewachsenen Kollektiv Mensch und dem Brontosaurus lassen sich nun aber allerlei verdächtige Parallelen ziehen, vor allem die der zu kurz geratenen Intelligenz.

    Nicht wahr, Sie verstehen mich recht: ich meine nicht Ihre private, persönliche Intelligenz, von der ich eine sehr hohe Meinung habe, sondern Ihre Einsicht als Stück eines sozialen Körpers, das Sie sind, als Teil Ihres Volkes, Ihres Staates, Ihrer Staatenföderation oder, wenn Sie erlauben, der Menschheit.

    Der Mensch als Einzelwesen, denken wir etwa an Robinson, ist ein sehr kluges Geschöpf; aber sobald er mit andren Menschen zusammenleben muß, beginnt seine Klugheit anscheinend zu versagen, und zwar umsomehr, je größer die Masse wird, die ihn umgibt. Es ist, als ob sein geistiger Horizont im selben Maße kleiner würde, in dem seine Entfernung vom Nebenmenschen abgenommen hat.

    Wenn auf jeden Quadratkilometer Boden nur ein einziger Mensch entfiele, wäre die menschliche Welt wahrscheinlich in Ordnung; vielmehr sie bedürfte keiner besonderen Ordnung. Je dichter die menschliche Bevölkerung wird, desto nötiger wäre die Ordnung. Aber die Menschen können das nicht einsehen. Sie möchten ihre Freiheit, ihre Ellbogenfreiheit nicht aufgeben, auch wenn am Tisch der Erde, der sich nun einmal nicht ausziehen läßt, jetzt doppelt und dreifach so viele Gäste sitzen als noch vor ein paar Menschenaltern. Sie vermehren sich lustig weiter, aber jeder möchte dabei am liebsten so leben, als ob er allein da wäre.

    Das Seltsamste dabei ist der Umstand, daß das Rezept für ein gedeihliches Zusammenleben der Menschheit längst allgemein bekannt ist. Es heißt: Liebe deinen Nächsten als dich selbst. Wenn es befolgt würde, wären sämtliche sozialen und politischen Probleme wie mit einem Schlage gelöst. Aber die Menschen lieben einander eben nicht, sondern sind sich herzlich gleichgültig.

    Da man sich, wie wir gestehen wollen, zur Liebe nicht zwingen kann, könnte man vielleicht versuchen, an ihre Stelle eine moralische Übereinkunft zu setzen, wonach jeder den anderen wenigstens gelten lassen müßte, etwa nach dem Grundsatz: Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Ohne Zweifel eine vernünftige und durch alte Erfahrung erprobte Regel. Theoretisch wird niemand an ihr zu rütteln wagen. Aber in der Praxis pflegt sie mit umso größerem Zynismus durchbrochen zu werden, je höher auf der Stufenleiter der Verantwortung die handelnden Personen stehen und je umfassender die Interessen sind, die dabei in Betracht kommen. Sonst könnte es zum Beispiel keinen Krieg mehr geben — der klare Beweis dafür, daß der Mensch dumm ist.

    Nach dem Kriege von 1914 bis 1918 hat jemand ausgerechnet, daß die Kriegskosten ausgereicht hätten, jeder Familie in den beteiligten Völkern ein wohleingerichtetes Häuschen in einem Garten zu schenken. Aber wahrscheinlich hätte man einen Minister, der einen solchen Vorschlag statt des Krieges gemacht hätte, in eine Heilanstalt geschickt. Den Mann, der fünfundzwanzig Jahre später den zweiten Weltkrieg anfing, haben seine Landsleute, und nicht bloß diese, lange für einen großen Staatsmann, für ein Genie gehalten. Er war, mit einem Wort, dumm. Aber er war keine Ausnahme. Der Mensch ist dumm.

    Nun leben wir in der Pause zwischen dem zweiten und dem dritten Krieg.

    Es wird auf zwei Seiten eifrig gerüstet, damit er nicht ausbreche. Man erwartet infolgedessen seinen Ausbruch in drei, sieben oder zwölf Jahren. Er wird schätzungsweise die halbe Welt in Trümmer legen. Die andere Hälfte wird nachher beginnen, sie aufzuräumen. Vielleicht wird man die Trümmer das nächste Mal auch liegen lassen. Wenn der Mensch nicht dumm wäre, dann hätte er längst merken müssen, daß Kriege auch dem Sieger mehr schaden als nützen. Er ist es, der die Kriegsentschädigung zu leisten hat, wenn der Unterlegene bankrott ist; genau wie man nach einem gewonnenen Prozeß unter Umständen das Vergnügen hat, auch den gegnerischen Rechtsanwalt bezahlen zu dürfen. Daß der moderne Krieg kein antiker Zweikampf mehr ist in dem der Lebenstüchtigere die größere Chance hat übrig zu bleiben, sondern eine umgekehrte Auslese, bei der gerade die Besten zugrunde gehen, könnten auch die akademisch gebildeten Kreise allmählich gemerkt haben.

    Seit man Bomben vom Himmel auf die Zivilbevölkerung abwirft, werden allerdings auch die Schwachen vernichtet; ein Verfahren, an dem sich unsere Großväter vermutlich noch gestoßen hätten.

    Die moderne Technik wird gerne als Beweis der hohen menschlichen Intelligenz betrachtet. Aber gibt sie nicht dem Menschen, und zwar nicht nur im Kriege, immer wieder Gelegenheit, seine Dummheit zu zeigen?

    Er könnte sich mit ihrer Hilfe das Leben auf Erden zwar nicht zum Paradies machen (das liegt irgendwo anders), aber doch recht behaglich und bequem gestalten. Statt dessen schindet er sich nach wie vor. Er arbeitet etwa doppelt so lange als er es nötig hätte; und viele von den Arbeitern, die zu menschlichen Automaten versklavt sind, müssen noch froh sein, wenn sie überhaupt arbeiten dürfen.

    Gute Ernten sind mehr gefürchtet als Mißernten, weil man den Überfluß dann auf irgend eine Weise vernichten muß, während gleichzeitig anderswo Hungers gestorben wird. Auf den Gedanken, daß man den Segen der Erde an seine Mitmenschen verschenken könnte, ist bis jetzt niemand gekommen. Seien wir offen: wir sind zu dumm dazu.

    Mit den Schätzen der Erde, die keineswegs unendlich sind, so wenig wie die Erde selber es ist, wird ein fröhlicher Raubbau getrieben. Holz, Kohle, Eisen, was es auch sei, wird ohne Rücksicht auf spätere Geschlechter ausgebeutet und sorglos verschwendet. Wälder werden vernichtet, Tiere und kindliche Völker werden ausgerottet — nach uns die Sintflut!

    Wie es scheint, ist der Raubbau diejenige Form des Wirtschaftens, die dem menschlichen Charakter am ehesten entspricht. Aber für eine Menschheit von zwei Milliarden, die noch weiter Kinder und Kindeskinder zeugen will, ist er eine gewissenlose Torheit. Wenn sie dieses zwangsläufige Einmaleins nicht zu memorieren vermag, wird sie mit ihrer vielgepriesenen Kultur eines Tages am Ende sein und braucht sich dann auch über Kapitalismus und Sozialismus keine Gedanken mehr zu machen.

    Vielleicht ist es ein bedeutungsvolles Omen, daß die großen Staaten der Erde immer noch Raubtiere in ihrem Wappen führen, die bald nur noch in zoologischen Gärten zu treffen sein werden.

    Auch die Saurier waren Raubtiere. Und dumm.

    Ich fürchte, ich fürchte: die Menschheit wird an ihrer Dummheit zugrunde gehen.

    Veröffentlicht in: Volk und Zeit: Politik, Gesellschaft, Geistesleben der Völker, 3. Jahrgang, Mai 1948 http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-1073192

    siehe auch hierzu aktuell:

    Artensterben wird immer bedrohlicher 

    Stuttgarter Zeitung, 24.04.2019, von Klaus Zintz

    Eine Studie der Vereinten Nationen lässt aufhorchen: Bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten seien vom Aussterben bedroht, heißt es da. Noch ist der Report nicht veröffentlicht, der Entwurf aber ist schon durchgesickert: Demnach prophezeien die Autoren, dass viele der 500 000 bis eine Million hoch bedrohter Arten „in den kommenden Jahrzehnten“ zu verschwinden drohen. Dass die Schuld dafür eindeutig beim Menschen und der von ihm verursachten fortschreitenden Umweltzerstörung liegt, verschweigt der Report auch nicht: Genannt werden Landwirtschaft, Abholzung, Bergbau, Fischerei und Jagd, gefolgt von Klimawandel und Umweltverschmutzung. Ob der alarmierende Bericht allerdings in aller Schärfe auch von den Staaten letztlich abgesegnet wird, muss sich in der kommenden Woche zeigen. Vorgestellt werden soll die Studie der Zwischenstaatlichen Plattform für Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen (IPBES) auf einer Konferenz, die ab kommendem Montag in Paris stattfindet. 130 IPBES-Mitgliedstaaten sind dort vertreten.Die Botschaft ist brisant, denn bis zu einer Million aussterbende Arten sind eine gewaltige Menge. Kritiker mögen indes einwenden, dass man ja gar nicht weiß, wie viele Tier- und Pflanzenarten es auf der Erde überhaupt gibt. Eine Hochrechnung von 2011 ging von 8,7 Millionen Arten aus. Allerdings glauben Experten, die an diesem Thema arbeiten, dass bis zu 80 Prozent aller Spezies noch gar nicht entdeckt wurden. So reichen die Schätzung von zwei bis 100 Millionen Arten. Nimmt man das Heer der Mikroorganismen dazu, könnten es mehr als eine Billion Arten sein. Sicher ist nicht einmal, wie viele Arten bereits wissenschaftlich beschrieben wurden: Schätzungen zufolge könnten es mehr als zwei Millionen sein.Auch wenn – wie so oft bei solchen Konferenzen – noch Veränderungen und Abschwächungen am Text vorgenommen werden sollten, das Fazit ist eindeutig: Die Welt steuert auf ein Massenaussterben zu – in einer ähnlichen Dimension, wie es nach dem Einschlag eines riesigen Meteoriten vor rund 65 Millionen Jahren der Fall war, als auch die Saurier starben. Nur dass heute nicht die Natur, sondern der Mensch dafür verantwortlich ist.

  • Grandseigneur mit spitzer Feder

    Grandseigneur mit spitzer Feder

    Von Achim Wörner, 11. Mai 2012

    Stuttgart – Wo bin ich? „Mainstation, Ausstieg in Fahrtrichtung, links, hat der Lautsprecher in mein Hörgerät gequäkt. Ich bin aus dem Superzug gehüpft, hinein nach Stuttgart-Underground. ,Da liegst du nun im Sonnenglanz, schön, wie ich dich je sah…‘ Oh Karl Gerok!“ So beginnt eine preisgekrönte Geschichte, die vor fünf Jahren in der Stuttgarter Zeitung erschienen ist. Martin Hohnecker, der Autor, unternimmt dabei eine persönliche Expedition ins Jahr 2022 durch futuristische Tunnellabyrinthe und urbane Betongebirge. Als 83-jähriger Mann, so die Fiktion, geht er am Stock durch das Einundzwanziger-Paradies des neuen Hauptbahnhofs und versucht, sich selbstgesprächig zurechtzufinden, irgendwie: „O Karl Gerok! Nix Sonnenglanz, riesige leuchtende Spiegeleier illuminieren rollende Züge, rennende Reisende, riechende Frittenbuden. Oha, das sind die Frosch-Glupschaugen, die ,Visitenkarten‘ der Stadt, von unten – und ich mittendrin in der Nullenergiestation, wo das Leben wie auf Schienen läuft. Nur ich will raus, wie Orpheus aus der Unterwelt.“

    Erleben wird Martin Hohnecker dies nun nicht mehr. Am vergangenen Sonntag [am 6. Mai 2012] ist der langjährige Lokalchef und stellvertretende Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung wenige Wochen nach seinem 73. Geburtstag an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Die Trauerfeier fand am Mittwoch auf seinen letzten Wunsch hin im engsten Familienkreis an seinem Wohnort in Freiberg-Heutingsheim im Kreis Ludwigsburg statt.

    Martin Hohnecker hat die StZ, der er auch nach seiner Pensionierung 2004 als Autor treu blieb, in mehr als vier Jahrzehnten geprägt wie kein anderer Redakteur. Er war ein Sprachvirtuose, ein exzellenter, unter den Leserinnen und Lesern besonders beliebter Schreiber, er war ein innovativer, kreativer Geist. Er verschaffte dem lange umstrittenen Farbfoto Platz im seriösen Blatt und gab der lokalen Kultur ein eigenes Podium. Und er war an vielen wichtigen strategischen Weichenstellungen des Verlages wie dem Ausbau der Berichterstattung in den Landkreisen rund um Stuttgart maßgeblich beteiligt – all dies immer mit dem Ziel, die Rolle der StZ als führende Landeszeitung zu stärken und sie zugleich in der Landeshauptstadt und der gesamten Region fest zu verankern.

    Eigentlich hatte Martin Hohnecker bei seinem Eintritt am 1. April 1969 in die Baden-Württemberg-Redaktion nur zwei Jahre bleiben wollen, das war jedenfalls seine Absicht gewesen. „Dass der prinzipienfeste Schwabe seinen Vorsatz vergaß und fast sein ganzes Journalistenleben bei der Stuttgarter Zeitung verbrachte, war ein Glücksfall für die Zeitung“, schrieb der frühere Chefredakteur Peter Christ als „hoh“ aus der Redaktion ausschied – „und wohl auch für ihn.“

    Hohnecker, Sohn eines Architekten, kam am 9. April 1939 im pietistischen Korntal zur Welt. Das hat seine Einstellung lebenslang geprägt. Ein tiefes Pflichtbewusstsein zeichnete ihn aus. Zugleich hatte er die wunderbare Gabe der Selbstironie und eines handfesten, bisweilen frivolen, aber nie verletzenden Humors. Im Anschluss an das Abitur gab er nach eigenem Bekenntnis ein „kunterbuntes Zwischenspiel als Hilfsarbeiter, Babysitter, Fotograf und Musiker“. Dann ließ er sich in der Buchhandlung am Bubenbad im Stuttgarter Osten zum Verlagsbuchhändler ausbilden. Doch bald zog es ihn zum Journalismus. „Nach zweijähriger Berufsausübung Nase voll“, notierte er in einem Lebenslauf an die Adresse von Josef Eberle, der die StZ als Herausgeber fast drei Jahrzehnte gelenkt und verkörpert hat: „In der Mittagspause telefonische Rundfrage bei den Zeitungen Nordwürttembergs: Wer sucht Volontär?“ Den Zuschlag erhielt zunächst die „Ludwigsburger Kreiszeitung“, weil die sich nicht lange zierte, doch schon 1969 erfolgte der Wechsel zur StZ. „Ich hoffe, die Erwartungen erfüllen zu können“, schrieb Hohnecker an Eberle, „bemühen werde ich mich jedenfalls darum.“

    Eberle und dessen langjährigem Mit­herausgeber Erich Schairer hat Hohnecker sich im Geiste eng verbunden gefühlt. Dabei ging es ihm immer um die Tradition und die Werte eines Blattes, das – im Sinne seiner Gründerväter – für das freie Wort, den unabhängigen Standpunkt, für Toleranz, Gerechtigkeit und praktische Hilfsbereitschaft eingetreten ist, wie er einst formulierte. Zupass kam Hohnecker von Anfang an seine umfassende Bildung, seine Klugheit als Voraussetzung für ein sicheres Urteil. Er war ein Bildungsbürger alter Schule. Nicht nur geist-, sondern bis in Details hinein kenntnisreich war er: sei es in Sachen Stadt- und Landesgeschichte, sei es in der Politik, beim Wetter, in der Literatur, in biblischen Dingen, der Musik oder rund um den Wein und gutes Essen. Seine Liebe gehörte dem Jazz.

    „Was unterscheidet den Weingenießer vom schlichten Weintrinker?“, hat er einmal gefragt und auch gleich geantwortet: „Dass er das Riechen, Schmecken, Schlucken mit dem Wissen verbinden will: Wo kommt der Rebensaft her, wie lagert man ihn, welches sind die feinsten Jahrgänge?“ Hohnecker wollte es immer genau wissen. Diese Ernsthaftigkeit, sein eigenes Interesse am Gegenstand, vermochte er den Leserinnen und Lesern zu vermitteln wie wenige andere in der Redaktion. Denn das breite Wissen paarte sich bei ihm auf außergewöhnliche Weise mit einem herausragenden Ausdrucksvermögen und der Gabe, nie in einen akademischen Ton zu verfallen. Jenseits üblicher, der Hektik des Tageszeitungsgetriebes geschuldeter journalistischer Prosa findet sich im StZ-Archiv aus Hohneckers Feder eine Fülle an Beiträgen von literarischer Qualität.

    Speziell in seinen Glossen, die immer samstags erschienen, hat er einen eigenen Stil, eine eigene Sprache gefunden, die die Stücke unverwechselbar machen. Legendär beispielsweise ist eine Kolumne über die damaligen Führungsquerelen am Naturkundemuseum, in der er beim „Aufruhr im Stuttgarter Jurassic Park“ die ausgestellten Dinos zu Wort kommen ließ: „Ich glaub‘, ich steh‘ im Wald“, prustet der senile Waldelefant, der seinen linken Stoßzahn immer noch im Cannstatter Travertin vermisst. „Geht auf die Knochen, der dauernde Personalwechsel.“ – „Jawohl“, stöhnt der von Flatulenz geplagte Moschusochse, „irgendwie stinkt’s hier gewaltig.“

    Martin Hohnecker war mit vielerlei Talenten gesegnet. Und im Nachhinein erscheint es als nur folgerichtig, dass er in der redaktionsinternen Hierarchie bemerkenswert schnell nach oben kletterte. Dies zumal er, stets korrekt gekleidet mit Jackett und Krawatte, auch im Auftreten „bella figura“ machte. Er avancierte früh zum Chef der Kreisredaktion – und unterstrich von Beginn an sein Amtsverständnis, nämlich sich bedingungslos für „seine“ Redaktion einzusetzen, ohne dass er damit je hausieren gegangen wäre. In einem geharnischten Brief an die Verlagsleitung monierte er 1970, dass die Außenredaktionen über keinen Anrufbeantworter und jeweils nur zwei Telefonanschlüsse verfügten. Zugleich überwies er 80 Mark aus einer Sonderzahlung an die Zeitung zurück, „um Ihnen zu zeigen, wie wichtig mir bessere Arbeitsbedingungen für meine Kollegen sind und wie wenig Lust ich habe, nur zu fordern“. Typisch Hohnecker.

    1974 zog es ihn für fünf Jahre in die StZ-Dependance nach Ludwigsburg, einer überbordenden Organisationsarbeit entfliehend. „Sprachgewandt mischte er die kommunale Szene auf, zur Freude der Leser und oft zum Schrecken des Establishments“, wie Ex-Chefredakteur Christ befand. Hie und da muss das Schreiben auch für ihn selbst so etwas wie gemütshygienischen Charakter gehabt haben. Denn später – als Chef vom Dienst und von Mitte der Achtziger an als Lokalchef – hatte Hohnecker die tägliche Strecke von seinem Zuhause in Freiberg am Neckar in die Redaktion nach Möhringen zu absolvieren. Nicht selten geriet die Fahrt zur Stautortur, was sich prompt im Blatt niederschlug. Die verfassten Stillstands-Chroniken sind ungezählt, weil der Autor – wie genervt auch immer – das Ziel doch stets erreichte, so auch am 25. September 2002: „12.25 Uhr. Auf dem Parkdeck Nord des Pressehauses angelangt. 35 Kilometer in vier Stunden. Juhu, Streckenrekord. 13 Uhr. In der Kantine erzählt Staukamerad und Kollege G., er habe die Autobahn über eine Polizeiausfahrt verlassen und so eine Stunde gewonnen. Finaler Nervenzusammenbruch.“

    Martin Hohnecker hat sich in vielen Bereichen, so pathetisch das klingt, bleibende Verdienste erworben. Wo anfangen, wo aufhören? Als Autor war und bleibt er Vorbild für viele Journalisten, nicht nur bei der StZ. Schließlich brachte er sich in Seminaren an der Uni Hohenheim und beim Verlegerverband aktiv in die Ausbildung des Nachwuchses ein. Wenn es sein musste, legte er sich mit den Mächtigen in Stadt und Region an – dies gern auf subtile Weise, etwa als er sich über den von einigen Dienstbesprechungen und vielen Pausen geprägten Tagesablauf des damaligen Polizeipräsidenten lustig machte, den ein Lokalreporter in den Kreisen ernsthaft zu Papier gebracht hatte. Schon die Überschrift war von sarkastischer Lakonie: „Vom Stress eines Präsidenten“. Das saß.

    Hohnecker, der Weltmännisches ausstrahlte, zog das Florett dem Säbel vor – und verschaffte sich so Respekt. Auch in der Redaktion konnte er bei Bedarf den strengen Lehrmeister mit einem patriarchalen Habitus geben. Handwerkliche Fehler waren ihm ein Gräuel. Und wenn die Ausführungen einzelner Kollegen in den Konferenzen zu lang zu geraten drohten, begann er schon einmal nervös mit dem Kugelschreiber zu schnippen.

    Dies stand keineswegs im Widerspruch zu der fördernden und fürsorglichen Art, die er vielen Kollegen zuteil werden ließ, und zu seiner ausgeprägten sozialen Ader. Die StZ-Weihnachtsaktion „Hilfe für den Nachbarn“ war ihm eine Herzensangelegenheit, der er sich mit großem ehrenamtlichem Engagement widmete. So trug er in vorderster Linie dazu bei, dass Bedürftige in Stadt und Region während seiner Amtszeit über die Jahre hinweg mit insgesamt 18 Millionen Euro unterstützt werden konnten. Auch für Menschen mit ganz anderen Auffassungen als den seinen konnte Hohnecker sich erwärmen, so pflegte er eine intensive, keineswegs unkritische Beziehung zum Remstalrebellen Helmut Palmer. „Man soll die Hand, die einen streichelt, nicht beißen“, ließ er diesen einmal wissen. Und jungen Vätern in der Redaktion riet er, den Arbeitseinsatz nicht allzu sehr zu übertreiben, sondern sich auch Zeit für die Familie zu nehmen – eine Aufforderung, der er selbst am wenigsten und nach eigenem Empfinden zu selten gefolgt ist.

    In seiner Vision von Stuttgart 21 flüchtet der Autor Hohnecker am Ende aus der Stadt. „Erleichterung bei der Auferstehung im Bahnhof Feuerbach“, schreibt er in seiner Geschichte: „Hurra, wenigstens hier ist alles noch wie früher.“ Seit Sonntag ist nichts mehr wie früher: Martin Hohnecker, der Frau und Sohn samt Familie mit den geliebten Enkelkindern Paul und Emma hinterlässt, ist in eine andere Welt gegangen. Er wird fehlen. Seine Spuren bleiben.

    Quelle: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.martin-hohnecker-ist-tot-grandseigneur-mit-spitzer-feder.html

  • Cotta’sches Archiv

    Cotta’sches Archiv

    Anfang der fünfziger Jahre hatten sich die Inhaber des ehemals bedeutenden Cotta-Verlags – einst Verlag der deutschen Klassik und Nachklassik, damals nur noch ein Schatten seiner selbst – gezwungen gesehen, sich von ihrem Handschriftenarchiv zu trennen. Von unschätzbarem Quellenwert umfasste es über 100.000 Briefe, darunter hunderte von Goethe und Schiller, von Wieland, Kleist, Fichte, Schelling, Hegel, Wilhelm und Alexander von Humboldt, von Uhland, Mörike und Fontane, rund 600 Manuskripte und Druckvorlagen, 150 Pakete mit Korrekturabzügen und Verlagsverträgen. Von den Veräußerungsabsichten hatte Schairer bereits 1950 erfahren, und als die Frage 1952 akut wurde, konnte er Eberle überzeugen, dass die „Stuttgarter Zeitung“ aus ihren Überschüssen 200.000 DM für den Erwerb des Archivs bereitstellen sollte, um es vor der Zerstreuung durch Einzelverkäufe zu bewahren. Zwei Jahre später ergänzten sie das Handschriftenarchiv um das Cotta’sche Buch-, Zeitungs- und Zeitschriftenarchiv. Ein solches „nobile officium“ konnte sich von vornherein nur treuhänderisch verstehen, und es bot sich an, dieses „Pantheon“ (Theodor Heuss) dem Schiller-Nationalmuseum in Marbach als Leihgabe anzuvertrauen. 1962 – sechs Jahre nach Schairers Tod – wurden die Archive in eine Stiftung umgewandelt und gingen ins Eigentum des Museums über. Zugleich bildeten sie den Grundstock für den Aufbau des Deutschen Literaturarchivs Marbach.

    Dass Schairer und Eberle gemeinsam […] die Cotta-Archive für die Öffentlichkeit sicherten, könnte an einen Gleichklang zwischen zwei Dioskuren denken lassen. In Wirklichkeit jedoch trübten Spannungen und Missstimmungen das gegenseitige Verhältnis. Schon rein physisch der Robustere, setzte sich Eberle in vielen Fragen durch, und da er Schairer um drei volle Jahrzehnte überlebte, boten sich ihm ungleich mehr Gelegenheiten, als eigentlicher Herausgeber der „Stuttgarter Zeitung“ und Urheber der Cotta-Stiftung im Gedächtnis zu bleiben.

    Bereits 1961, als Alt-Bundespräsident Theodor Heuss anlässlich der Übergabe ans Schiller-Nationalmuseum die Festrede hielt und schloss: „Eberle, die Sach hend ihr guat gmacht“, wurde Schairers initiale Mitwirkung großzügig übergangen.

    Quelle: Artikel über Erich Schairer von Manfred Bosch in: Lebensbilder aus Baden-Württemberg, hrsg. von Gerhard Taddey und Rainer Brüning, S. 439

    Zitat von Martin Hohnecker hierzu:

    „Seine „beste Leistung“ nannte er (J. Eberle) nicht Leitartikel wie „Ave Regina“ zur Begrüßung der britischen Königin Elizabeth. Nein, das Beste sei 1952 der Kauf des Cotta-Archivs gewesen.

    Der Witz daran: Partner Erich Schairer, eine sprachpuritanische Vaterfigur, hatte ihn zu dieser Investition überreden müssen. Doch als aus der Leihgabe an das Schiller-Nationalmuseum eine Schenkung wurde, lebte Schairer nicht mehr, und das Lob von Bundespräsident Heuss gehörte einem allein: „Eberle, die Sach hend Ihr guet gmacht!“ Den Professorentitel ehrenhalber nahm er, die eigene Eitelkeit mild ironisierend, an. Fortan ließ er sich von der Redaktion mit „Herr Professor“ titulieren.“

    Quelle: Stuttgarter Zeitung, Samstag, 17. September 2005 – SECHZIG JAHRE STUTTGARTER ZEITUNG

  • Die Ruinenstadt Stuttgart bekommt eine Zeitung

    Fast fünf Monate lang war Stuttgart im Jahr 1945 ohne Tageszeitung. Am 18. September endete die zeitungslose, die schreckliche Zeit.

    Die Geburtsstunde schlug am 17. September 1945 gegen 15 Uhr. Nach feierlichen Reden im Maschinensaal des Turmhauses an der Eberhardstraße lief rumpelnd die Rotation an. Minuten später hielten amerikanische Offiziere und deutsche Lizenzträger die Nummer 1 der neuen „Stuttgarter Zeitung“ in Händen. Erscheinungsdatum: 18. September 1945. Nordwürttemberg hatte wieder eine Tageszeitung.

    Dieser Moment war seit Monaten generalstabsmäßig vorbereitet worden. Schon Anfang Mai – die Trümmerstadt war noch in französischer Hand – war der US-Offizier John H. Boxer in Stuttgart aufgekreuzt, wenig später sein Kollege William Sailer. Beide sollten sich um den Wiederaufbau einer Zeitung kümmern, mit der die Bürger zur Demokratie bekehrt und sowohl durch Information als auch durch freie Meinungsäußerung vom Bazillus der Naziideologie geheilt werden sollten.

    Was die beiden „Amis“ für diese Aufgabe prädestinierte, war der Umstand, daß sie fließend Deutsch sprachen. Kein Wunder: Sailer war in Stuttgart aufgewachsen, der 25jährige Boxer war ein Wiener Arztsohn, der mit seinen jüdischen Eltern in die USA emigriert war.

    Die Zeitungstechnik machte wenig Probleme. Der Tagblatt-Turm, einst die Heimat des Stuttgarter „Neuen Tagblatts“, war im Krieg nur leicht beschädigt worden; die Rotationsmaschine, auf der bis zum 20. April der braune „NS-Kurier“ gedruckt worden war, lief. Sogar das notwendige Fachpersonal war vorhanden, und einen Titel, von einem Fachmann in Holz geschnitzt, besaß man auch. Oberleutnant Boxer, der altmodische Namen wie „Merkur“, „Rundschau“ oder „Nachrichten“ verabscheute, hatte ihn erfunden: „Stuttgarter Zeitung“, schlicht und schnörkellos.

    Schwieriger war es schon, politisch unbelastete Kandidaten für das vorgegebene dreiköpfige Herausgebergremium zu finden. Doch nach Gesprächen in der Villa Scheufelen entschieden sich die Amerikaner. Ihre Wahl fiel auf den nationalliberalen Henry Bernhard, dem einstigen Privatsekretär von Außenminister Gustav Stresemann; ferner auf den gerade inthronisierten Sendeleiter von Radio Stuttgart, Josef Eberle, und auf Dr. Karl Ackermann, der von den kommunistischen Arbeitsausschüssen nominiert worden war. Keiner der drei besaß Erfahrungen mit Tageszeitungen. Bernhard und Eberle sperrten sich selbst noch, als sie von den Amerikanern im offenen Jeep zum entscheidenden Gespräch abgeholt wurden. Doch es gab in der Stadt nicht viele geeignete Persönlichkeiten, die auf Distanz zu den Nazis geachtet hatten. Dieses Kriterium genügte den Lizenzgebern fürs erste. Und außerdem, so Josef Eberle damals scherzhaft, habe er sowieso immer vorgehabt, Millionär zu werden.

    Es konnte losgehen. Kaum waren die Reden der US-Offiziere und des Oberbürgermeisters Arnulf Klett verklungen, die Lizenzurkunde ausgehändigt, da kam es schon zu Spannungen in dem politisch so ungleich besetzten Herausgebertrio. Die Zeitung, die zweimal wöchentlich in 400 000 Exemplaren erschien, fand zwar reißenden Absatz, und die Überschriften in der ersten Nummer verkündeten Aufbruchstimmung. „Es geht vorwärts!“ titelte Ackermann seinen Leitartikel. „Ein Sieg des Geistes“ überschrieb Eberle sein erstes Feuilleton. Doch die politischen und publizistischen Konflikte zwischen dem damals ausgesprochen sozialistisch orientierten Ackermann und dem eher bürgerlich-konservativ geprägten Bernhard nahmen zu. Bernhard beklagte, daß ein „tragender Mittelpfeiler“ fehle. Josef Eberle beschrieb den Zustand in einem Brief so: „Es kriselt in der ,Stuttgarter Zeitung’.“ Kein Wunder, daß die Amerikaner in der „Information Control Division“ darüber nachdachten, ob es nicht besser wäre, die Querelen durch die Zulassung einer zweiten, eher bürgerlich ausgerichteten Zeitung für Stuttgart zu beenden.

    Bei der Suche nach neuen Lizenznehmern stießen sie unter anderem auf den Herausgeber der ehemaligen „Sonntagszeitung“, Dr. Erich Schairer. Er, der seit kurzem das „Schwäbische Tagblatt“ in Tübingen leitete, sollte sich mit dem bisherigen StZ-Lizenzträger Henry Bernhard zusammentun – eine Vorstellung, der Schairer allerdings nichts abgewinnen konnte. Nicht, daß er Bernhard menschlich nicht geschätzt hätte. Doch politisch sah er keinen gemeinsamen Nenner. Schairer in einem Brief an den zuständigen US-Presseoffizier: „Wie Sie wissen, bin ich bei keiner Partei, aber Sozialist, und stehe in entscheidenden Fällen der KPD näher als der SPD.“. Und im Mai teilte er dem Innenministerium mit, daß er „mit Eberle und Ackermann vielleicht besser harmonieren würde“ als mit dem anderen Partner.

    Zu diesem Zeitpunkt war schon klar, daß das Herausgebertrio der „Stuttgarter Zeitung“ gesprengt würde: Henry Bernhard hatte den Auftrag erhalten, die zweite Zeitung der Stadt zu organisieren. Im November 1946 erschienen erstmals die „Stuttgarter Nachrichten“. Dies mit der Folge, daß das ohnedies knappe Zeitungspapier geteilt wurde und die Leser sich für eines der beiden Blätter entscheiden mußten. Karl Ackermann aber, inzwischen auf dem Weg zu einer liberaleren Haltung, erhielt den Auftrag, den „Mannheimer Morgen“ herauszugeben. Folglich hielt, pünktlich zum ersten Geburtstag der „Stuttgarter Zeitung“ im September 1946, Erich Schairer Einzug ins Turmhaus, und mit ihm ein Mann namens Franz Karl Maier. Er war als Spruchkammervorsitzender „überzeugt davon, daß man den Nazigeist mit Stumpf und Stiel ausrotten“ müsse. Deshalb wollte er sogar den damaligen Ministerpräsidenten Reinhold Maier wegen dessen Zustimmung zu Hitlers Ermächtigungsgesetz 1933 anklagen.

    Immerhin: die zweite Herausgebergeneration hielt bis ins Jahr 1950. Als die Familie Bosch ihre Rechte als ehemalige Besitzerin des Stuttgarter „Tagblatts“ anmeldete, kam es nach heftigen Auseinandersetzungen erneut zu einer Trennung. Als die Bosch-Erben ihre einst zwangsweise abgetretenen Rechte am „Tagblatt“ und damit an der Nachfolgezeitung „StZ“ einklagten, wollte Maier notfalls auch einen publizistischen Kampf riskieren. Da die bisherigen Nur-Herausgeber Eberle und Schairer schließlich einlenkten und so auch zu Mitbesitzern der StZ wurden, ließ sich Franz Karl Maier auszahlen. Mit dem angesichts der vierjährigen Tätigkeit erklecklichen Betrag stieg er beim Berliner „Tagesspiegel“ ein. Diese Zeitung hat er dann bis zu seinem Tod 1984 herausgegeben. Ist es verwunderlich, daß sie bis heute in Haltung und Gestalt manche Ähnlichkeit mit der „Stuttgarter Zeitung“ aufweist?

    Martin Hohnecker