Kategorie: 1919

  • Der Heilbronner Presseskandal 1919

    Der Heilbronner Presseskandal 1919

    Der Chefredakteur der Heilbronner Neckar-Zeitung Dr. Erich Schairer leitete in der Ausgabe vom 15.11.1919 den Bericht über die Vernehmung des früheren kaiserlichen Staatssekretärs Karl Helfferich, der jegliche Kriegsschuld Deutschlands leugnete, mit einem bissigen Kommentar ein. Der konservative Verleger der Neckarzeitung ließ jedoch ohne Wissen oder Einwilligung seines Chefredakteurs den Vortext aus der Druckplatte herauskratzen. Das Blatt erschien am 15. November 1919 mit einem weißen Fleck auf der Titelseite.

    Schon Wochen zuvor hatten sich Dr. Schairer und sein Verleger darauf geeinigt, ihre Zusammenarbeit zum Ende des Monats November zu beenden. Noch am selben Tag dieses besonderen Aktes von Pressezensur teilte der Verleger seinem Chefredakteur mit, dass er nicht mehr in der Redaktion zu erscheinen brauche.

    Ausschnitte aus Dr. Schairers Text:

    Im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss kam es gestern bei der Vernehmung Helfferichs zu lebhaften Auseinandersetzungen. Helfferich ist als Redner sehr temperamentvoll (man erinnert sich noch an jene Situation im Reichstag, wo sein unverschämtes Auftreten dem damaligen Staatssekretär allen Kredit raubte); er ist ein geschickter und mundfertiger Debatter, den keine allzu schweren Gewissens- oder Charakterskrupel belasten. Nach dem Grundsatz „Die beste Parade ist der Hieb“ hat Helfferich gestern den Stiel umzudrehen und gegen seine heutigen Ankläger vorzugehen versucht.[…]

    Interessant mag bei der Sache noch die Teilnahme des Publikums sein, das sich demonstrativ auf die Seite der […] Säulen des alten Regimes stellte und vor dem Reichstagsgebäude mit schwarz-weiß-roten Fahnen aufmarschiert war, um Hindenburg und Ludendorff zuzujubeln, die dann freilich nicht erschienen.

    Diese beiden erscheinen dann in der nächsten Sitzung und wiederholen die Lüge vom Dolchstoß.

    Anmerkungen

    • Im Parlament hatte die „Weimarer Koalition“ aus SPD, katholischem Zentrum und liberaler DDP eine Mehrheit.
    • Die Heilbronner Neckar-Zeitung galt als liberale Tageszeitung. Vor Dr. Erich Schairer war Theodor Heuss Chefredakteur.

    Arbeitsanregung:

    Klärt mit Hilfe des Internets die Begriffe „Parlamentarischer Untersuchungsausschuss“ und

    „Dolchstoßlegende“

    Fasst die Vorwürfe Schairers gegen den ehemaligen kaiserlichen Staatssekretär Helfferich zusammen.

    -Diskutiert den Vorgang vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der Kriegsschuld.

    Arbeitskreis für Landeskunde/Landesgeschichte RP Stuttgart

    www.landeskunde-bw.de

  • Heilbronner Presseskandal mit Folgen

    Heilbronner Presseskandal mit Folgen

    Er gilt als einer der mutigsten Journalisten der Weimarer Republik, der seine Wortgewalt und seinen Sprachwitz gezielt gegen politische Heuchelei, Nationalismus und Antisemitismus rich­tete: Erich Schairer.

    Ernst Jäckh empfiehlt ihn als Nachfolger von Theodor Heuss nach Heilbronn, als Heuss den Posten des Chefredakteurs der Neckar-Zeitung aufgibt, um in Berlin Geschäftsführer des Deutschen Werkbundes zu werden. Wie Heuss hat auch Schairer für Naumanns Zeitschrift „Die Hil­fe“ gearbeitet. 1918 übernimmt Schairer nicht nur den Posten von Heuss bei der Neckar-Zeitung, sondern gleich auch dessen Wohnung in der Lerchenstraße.

    Doch bald überwirft er sich mit dem Verleger, der es nicht gerne sieht, dass Schairer Leugner der deutschen Kriegsschuld in seinem Blatt angreift. Als er in einem Artikel wieder gegen die Verfechter der Kriegsschuldlüge wettert, lässt er Schairers Text aus der Druckplatte herauskratzen. Die Zeitung erscheint am 15. November 1919 mit einem weißen Fleck auf der Titelseite. Noch am selben Tag dieses Presseskandals teilt der Verleger seinem Chefredakteur mit, dass er nicht mehr in der Redaktion zu erscheinen brauche.

    Schairer gründet darauf kurzerhand die „Heilbronner Sonntags-Zeitung“, in deren erster Ausgabe vom 4. Januar 1920 er schreibt: „Wir leben dem Buchstaben nach in einer sozialen und demo­kratischen Republik. Aber der Geist des Sozialismus und der Demokratie, der Rücksicht, Ver­ständnis, Wohlwollen und Gerechtigkeit bedeutet, ist nicht zum Leben erwacht. Diesem Geist wird diese Zeitung dienen.“ Die Heilbronner Sonntags-Zeitung ändert bald ihren Namen in Süddeut­sche Sonntags-Zeitung, dann Sonntagszeitung, verbreitet sich in kurzer Zeit über ganz Deutschland und wird zu einem der bedeutendsten Wochenblätter. Stolz betont sie ihre Unabhängigkeit: „Die Sonntags-Zeitung wird künftig ohne Inserate erscheinen und den Beweis liefern, dass auch heute die Existenz einer Zeitung ohne Inserate möglich ist.“ Entschieden kämpft Schairer gegen den Aufstieg des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik. So kündigt er noch im Oktober 1932 für seinen Verlag „Das Kleine Hitler-Album“ an, mit boshaften Karikaturen vom Illustrator der Sonntagszeitung, dem Holzschneider Hans Gerner. Im März 1933 wendet sich Schairer gegen die Zustimmung des Reichstags zum Ermächtigungsgesetz, die er als Selbstentmachtung des Parlaments« brandmarkt. So nimmt es nicht wunder, dass am 26. März 1933 die Sonntagszeitung mit nur einer Meldung erscheint: »Bis aufweiteres verboten«. Redakteure der Zeitung werden in Schutzhaft genommen, Schairer selbst muss sich täglich bei der Gestapo melden.

    Nach dem Krieg wird Schairer zunächst Chefredakteur des Schwäbischen Tagblatts in Tübin­gen, bevor ihn die amerikanische Militärregierung nach Stuttgart holt. Schairer und sein Freund Josef Eberle werden die ersten Herausgeber der Stuttgarter Zeitung.

    Quelle: https://verlagshaus24.de/zeitreise-heilbronn

    Siehe auch: https://www.stimme.de/regional/heilbronn/stadt/lokales/schoene-zeitreise-neues-buch-zur-stadtgeschichte-heilbronn-art-4547671

    und auch hier: