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  • Hans Gerners Holzschnitte

    Hans Gerners Holzschnitte

  • Deckname Elsa

    Deckname:Elsa Hotel Silber Im Südwesten gründeten 160 Nazis kurz nach Kriegsende eine geheime Werwolf-Organisation. Von Thomas Faltin

    Heinrich Himmler, der Reichsführer der SS, hatte vorgesorgt für den Fall, dass die militärische Niederlage nicht mehr abgewendet werden konnte: „Werwölfe“ sollten vom Herbst 1944 an hinter den feindlichen Linien Sabotageakte verüben und die deutsche Bevölkerung davon abhalten, mit den Alliierten zusammenzuarbeiten. Zu all dem kam es nur in sehr begrenztem Maße. Aber enorm wirkmächtig war die Freischärler-Organisation „Werwolf“ dennoch. Denn die amerikanischen Truppen überschätzten diese Untergrundbewegung, fürchteten sie und rechneten jederzeit mit Angriffen auf deutschem Gebiet. Bis heute lebt dieser gefährliche Mythos und fällt bei rechtsradikalen Gruppen auf fruchtbaren Boden. In Württemberg dagegen verlief die Geschichte der Werwolf-Organisation ganz anders – das haben Sarah Stewart und Friedemann Rincke vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg jetzt recherchiert. Bisher wusste man recht wenig über „Elsa“, wie sich die 160 Personen starke Gruppe nannte.

    Die Unterlagen in den National Archives in Washington

    Ein deutscher Überläufer hat der Army viel verraten. sind nun, wie Stewart und Rincke sagen, erstmals detailliert ausgewertet worden. Viele Erkenntnisse in den amerikanischen Dokumenten stammen vor allem von einem Überläufer, der als Kurier für „Elsa“ eingesetzt war, zugleich aber für die US-Ar my arbeitete und vieles verriet. Danach war es nicht das Ziel dieser Ge stapo-, SD- und SS-Leute, den Krieg doch noch zu gewinnen: „Anschläge haben diese Männer und Frauen nicht mehr geplant“, sagt Friedemann Rincke. Ihnen ging es viel mehr darum, ein Netzwerk aufrecht zu erhalten. Man wollte sich gegenseitig helfen beim Untertauchen und Überleben, bis die Verfolgung aufhörte und man wieder in die Öffentlichkeit zurückkehren konnte – oder noch besser, bis die Alliierten einen sogar brauchten. Viele Werwölfe rechneten nämlich damit, dass sich die Russen und die westlichen Alliierten zerstreiten würden und man ihre Erfahrungen in den neuen Nachrichtendiensten gerne annehmen würde. Rincke: „Diese Hoffnung war auch nicht falsch – nur haben die Werwölfe nicht lange genug durchgehalten.“ Nach etwa einem Jahr, im Januar 1946, konnte die US Army alle führenden Köpfe verhaften. Die Organisation war straff organisiert. Es lässt sich nachweisen, dass Experten der Gestapo, die im Hotel Silber saßen, von Ja nuar 1945 an gefälschte Pässe an die Mitglieder der „Elsa“ ausgaben – die Dokumente waren so gut gemacht, dass die Alliierten sie oft für echt ansahen. Im April 1945 haben Mitarbeiter im Hotel Silber noch 29 000 Reichsmark von der Polizeikasse abgehoben, für die es so kurz vor

    Der letzte Gestapochef, Friedrich Mußgay, hat zu Elsa gehört.

    Foto: Staatsarchiv Ludwigsburg

    Kriegsende eigentlich keine Verwendung mehr gab. Sarah Stewart hält es für sehr wahrscheinlich, dass „Elsa“ sich und ihre Mitglieder mit diesem Geld finanzierte. Wer im Untergrund lebte, erhielt keine Nahrungsmittelmarken und brauchte des halb Bargeld, um zu überleben. Über ganz Württemberg verteilt soll es 22 Gruppen gegeben haben, denen jeweils eine Nachrichtenstelle zugeordnet war. Kuriere, die immer nur einen Teil der Organisation kannten und so nie alle verraten konnten, hinterließen an diesen Orten Briefe – so funktionierte die Kommunikation. Zu Die Frauen wurden weniger stark verfolgt. Zusätzlich gab es Codes, mit denen man sich den anderen Mitgliedern zu erkennen gab. Und in jeder Gruppe von fünf oder sechs Personen gab es mindestens eine Frau. Sie konnten unauffälliger agieren und waren keinem so großen Verfolgungsdruck ausgesetzt. Wenn eine Frau beispielsweise jemanden im Gefängnis besuchte, erweckte dies keinen so großen Argwohn wie bei einem Mann. Der SS-Obersturmbannführer Johannes Thümmler gilt als Chef aller Untergrundbewegungen im deutschen Südwesten. „Elsa“ stand der SS-Hauptsturmführer Alfred Renndorfer vor. Auch der letzte Chef der Gestapo in Württemberg, Friedrich Mußgay, ist Mitglied von „Elsa“ gewesen. Laut Friedemann Rincke gibt es die Vermutung, dass sich Mußgay sogar zeitweise bei Thümmler aufgehalten hat. Vielleicht lag es sogar an der Unterstützung durch „Elsa“, dass Mußgay trotz intensiver Fahndung erst im Januar 1946 endgültig verhaftet werden konnte (laut dem Aufsatz im Buch „Stuttgarter NS-Täter“ war dies aber schon im April oder Mai 1945 der Fall). „Die Amerikaner haben die Werwölfe in Württemberg sehr intensiv und lange observiert“, sagt Friedemann Rincke: „Sie wollten sicher sein, dass sie die Anführer erwischten.“ Das gelang – danach war „Elsa“ nicht einmal mehr ein Phantom.

    Serie

    In loser Folge stellt die StZ neue Erkenntnisse zum Hotel Silber vor, die das Haus der Geschichte…

  • Der Heilbronner Presseskandal 1919

    Der Heilbronner Presseskandal 1919

    Der Chefredakteur der Heilbronner Neckar-Zeitung Dr. Erich Schairer leitete in der Ausgabe vom 15.11.1919 den Bericht über die Vernehmung des früheren kaiserlichen Staatssekretärs Karl Helfferich, der jegliche Kriegsschuld Deutschlands leugnete, mit einem bissigen Kommentar ein. Der konservative Verleger der Neckarzeitung ließ jedoch ohne Wissen oder Einwilligung seines Chefredakteurs den Vortext aus der Druckplatte herauskratzen. Das Blatt erschien am 15. November 1919 mit einem weißen Fleck auf der Titelseite.

    Schon Wochen zuvor hatten sich Dr. Schairer und sein Verleger darauf geeinigt, ihre Zusammenarbeit zum Ende des Monats November zu beenden. Noch am selben Tag dieses besonderen Aktes von Pressezensur teilte der Verleger seinem Chefredakteur mit, dass er nicht mehr in der Redaktion zu erscheinen brauche.

    Ausschnitte aus Dr. Schairers Text:

    Im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss kam es gestern bei der Vernehmung Helfferichs zu lebhaften Auseinandersetzungen. Helfferich ist als Redner sehr temperamentvoll (man erinnert sich noch an jene Situation im Reichstag, wo sein unverschämtes Auftreten dem damaligen Staatssekretär allen Kredit raubte); er ist ein geschickter und mundfertiger Debatter, den keine allzu schweren Gewissens- oder Charakterskrupel belasten. Nach dem Grundsatz „Die beste Parade ist der Hieb“ hat Helfferich gestern den Stiel umzudrehen und gegen seine heutigen Ankläger vorzugehen versucht.[…]

    Interessant mag bei der Sache noch die Teilnahme des Publikums sein, das sich demonstrativ auf die Seite der […] Säulen des alten Regimes stellte und vor dem Reichstagsgebäude mit schwarz-weiß-roten Fahnen aufmarschiert war, um Hindenburg und Ludendorff zuzujubeln, die dann freilich nicht erschienen.

    Diese beiden erscheinen dann in der nächsten Sitzung und wiederholen die Lüge vom Dolchstoß.

    Anmerkungen

    • Im Parlament hatte die „Weimarer Koalition“ aus SPD, katholischem Zentrum und liberaler DDP eine Mehrheit.
    • Die Heilbronner Neckar-Zeitung galt als liberale Tageszeitung. Vor Dr. Erich Schairer war Theodor Heuss Chefredakteur.

    Arbeitsanregung:

    Klärt mit Hilfe des Internets die Begriffe „Parlamentarischer Untersuchungsausschuss“ und

    „Dolchstoßlegende“

    Fasst die Vorwürfe Schairers gegen den ehemaligen kaiserlichen Staatssekretär Helfferich zusammen.

    -Diskutiert den Vorgang vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der Kriegsschuld.

    Arbeitskreis für Landeskunde/Landesgeschichte RP Stuttgart

    www.landeskunde-bw.de

  • Heilbronner Presseskandal mit Folgen

    Heilbronner Presseskandal mit Folgen

    Er gilt als einer der mutigsten Journalisten der Weimarer Republik, der seine Wortgewalt und seinen Sprachwitz gezielt gegen politische Heuchelei, Nationalismus und Antisemitismus rich­tete: Erich Schairer.

    Ernst Jäckh empfiehlt ihn als Nachfolger von Theodor Heuss nach Heilbronn, als Heuss den Posten des Chefredakteurs der Neckar-Zeitung aufgibt, um in Berlin Geschäftsführer des Deutschen Werkbundes zu werden. Wie Heuss hat auch Schairer für Naumanns Zeitschrift „Die Hil­fe“ gearbeitet. 1918 übernimmt Schairer nicht nur den Posten von Heuss bei der Neckar-Zeitung, sondern gleich auch dessen Wohnung in der Lerchenstraße.

    Doch bald überwirft er sich mit dem Verleger, der es nicht gerne sieht, dass Schairer Leugner der deutschen Kriegsschuld in seinem Blatt angreift. Als er in einem Artikel wieder gegen die Verfechter der Kriegsschuldlüge wettert, lässt er Schairers Text aus der Druckplatte herauskratzen. Die Zeitung erscheint am 15. November 1919 mit einem weißen Fleck auf der Titelseite. Noch am selben Tag dieses Presseskandals teilt der Verleger seinem Chefredakteur mit, dass er nicht mehr in der Redaktion zu erscheinen brauche.

    Schairer gründet darauf kurzerhand die „Heilbronner Sonntags-Zeitung“, in deren erster Ausgabe vom 4. Januar 1920 er schreibt: „Wir leben dem Buchstaben nach in einer sozialen und demo­kratischen Republik. Aber der Geist des Sozialismus und der Demokratie, der Rücksicht, Ver­ständnis, Wohlwollen und Gerechtigkeit bedeutet, ist nicht zum Leben erwacht. Diesem Geist wird diese Zeitung dienen.“ Die Heilbronner Sonntags-Zeitung ändert bald ihren Namen in Süddeut­sche Sonntags-Zeitung, dann Sonntagszeitung, verbreitet sich in kurzer Zeit über ganz Deutschland und wird zu einem der bedeutendsten Wochenblätter. Stolz betont sie ihre Unabhängigkeit: „Die Sonntags-Zeitung wird künftig ohne Inserate erscheinen und den Beweis liefern, dass auch heute die Existenz einer Zeitung ohne Inserate möglich ist.“ Entschieden kämpft Schairer gegen den Aufstieg des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik. So kündigt er noch im Oktober 1932 für seinen Verlag „Das Kleine Hitler-Album“ an, mit boshaften Karikaturen vom Illustrator der Sonntagszeitung, dem Holzschneider Hans Gerner. Im März 1933 wendet sich Schairer gegen die Zustimmung des Reichstags zum Ermächtigungsgesetz, die er als Selbstentmachtung des Parlaments« brandmarkt. So nimmt es nicht wunder, dass am 26. März 1933 die Sonntagszeitung mit nur einer Meldung erscheint: »Bis aufweiteres verboten«. Redakteure der Zeitung werden in Schutzhaft genommen, Schairer selbst muss sich täglich bei der Gestapo melden.

    Nach dem Krieg wird Schairer zunächst Chefredakteur des Schwäbischen Tagblatts in Tübin­gen, bevor ihn die amerikanische Militärregierung nach Stuttgart holt. Schairer und sein Freund Josef Eberle werden die ersten Herausgeber der Stuttgarter Zeitung.

    Quelle: https://verlagshaus24.de/zeitreise-heilbronn

    Siehe auch: https://www.stimme.de/regional/heilbronn/stadt/lokales/schoene-zeitreise-neues-buch-zur-stadtgeschichte-heilbronn-art-4547671

    und auch hier:

  • Werbung ohne Zensur

    aus dem Editorial der KONTEXT Wochenzeitung vom 16. Februar 2022

    […]

    „Das Inseratenwesen in privater Hand ist die Hauptursache des ganzen Verfalls unserer Presse“, befand vor beinahe 100 Jahren, am 4. Januar 1925, der Journalist Erich Schairer, der nach dem Krieg Herausgeber der „Stuttgarter Zeitung“ wurde – und der sicher keine Luftsprünge gemacht hätte, wenn er miterleben müsste, wie die Themenauswahl des einst stolzen Blattes „nach Reichweiten- und Abozielen gesteuert werden“ soll (Kontext berichtete). Über die Pressevielfalt im Stuttgart der 1920er-Jahre, als es dort noch über zwanzig Tageszeitungen gab, berichtet in dieser Ausgabe Dietrich Heißenbüttel. Ebenso über die Widerstände, gegen die sich kritischer Journalismus schon damals durchsetzen musste.

    […]

  • Erich Schairer – auch ein Roigel

    Nachdem das seitherige Mitglied der Altenschaft, Dr. Erich Schairer, Heilbronn, schon mehrmals die Gesamtstudentenschaft in wenig gewählter Weise beschimpft hat und auch sonst durch seine Stellungnahme in der Öffentlichkeit die Interessen der Gesellschaft schädigt, stellt die aktive Gesellschaft den Antrag, daß Dr. Schairer aus der Altenschaft ausgeschlossen wird.

    Antrag der Activitas vom 26. April 1921 auf ein Ehrengerichtsverfahren, dem die Mehrheit des Altenausschusses zustimmte.

    Die Tübinger Königsgesellschaft Roigel ist eine 1838 gegründete Studentenverbindung an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

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  • Das Ende des Schweigens

    Das Ende des Schweigens

    Zeitgeschichte | Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ sorgte vor 60 Jahren für Furore – zu einer Zeit, als noch kaum jemand im Nachkriegsdeutschland an Aufarbeitung dachte. | Von Stefan Jehle

    Den Karlsruher Ludwigsplatz trennen nur 200 Meter vom Bundesgerichtshof und 400 Meter vom Bundesverfassungsgericht. Am Rand liegt ein Gebäude, das zu Beginn des Ersten Weltkriegs in Münchener Jugendstilarchitektur erbaut wurde – und in dem lange Zeit ausschließlich Münchner Bier im Ausschank war. Zum Krokodil hieß die Gaststätte. In der Weimarer Zeit sollen hier mehrfach Persönlichkeiten wie Gustav Stresemann oder Winifred Wagner zu Gast gewesen sein, so berichtet es jedenfalls das Karlsruher Stadtarchiv.

    Ende des Jahres 1959 war die Gaststätte, in der heute vorwiegend Tapas und Tacos aus mexikanischer Küche gereicht werden, drei Tage lang ein Ausstellungsort: Dutzende Kladden mit Akten über die NS-Strafjustiz lagen mittags auf den Wirtshaustischen und mussten vor dem am Abend beginnenden Restaurantbetrieb wieder abgeräumt werden. Sie sorgten für heftige Diskussionen in der bundesdeutschen Öffentlichkeit, dachte doch kaum jemand in den Nachkriegsjahren an die Aufarbeitung der ungeheuerlichen Verbrechen des NS-Regimes. Nicht nur der „Schwarzwälder Bote“, sondern auch unsere Zeitung, die „Frankfurter Allgemeine“ und sogar die „Times“ und der „Guardian“ berichteten über die ungewöhnliche Ausstellung.

    Ursprünglich sollte die Schau nicht in einer Gaststätte gezeigt werden, sondern in der Stadthalle. Eine Gruppe Berliner Studenten, immatrikuliert an der Freien Universität und dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) zugehörig, hatte in dem Veranstaltungskomplex einen kleinen Saal gebucht. Karlsruhe war als Sitz der höchsten deutschen Gerichte bewusst für die Premiere der Wanderausstellung gewählt worden. Doch in der Stadthalle war nach einem Abend bereits Schluss. „Auf Druck von Bonner Ministerien“, so erinnert sich Reinhard Strecker, sei die Stadtverwaltung eingeknickt. Die Studenten mussten mit ihren Exponaten ins Krokodil umziehen.

    Mehrstündige Pressekonferenz

    Strecker, seinerzeit Initiator der Ausstellung und an der FU für das exotisch anmutende Studium der indogermanischen Sprachen eingeschrieben, wird bald 90 Jahre alt – aber seine Erinnerungen sind ungetrübt. „Der Druck der Verleumdung aus Bonn war damals groß genug, dass die Stadt uns den Mietvertrag für nichtig erklärte“, erzählt er. Aber letztlich war Strecker den Ministerialen im Nachhinein sogar dankbar: Das Bonner Bundespresseamt sei ungewollt hilfreich gewesen. Die Behörde hätte, weil sie sich eine Berichterstattung gegen die Ausstellung erhoffte, „alle nationalen und internationalen Journalisten nach Karlsruhe geschickt“.

    Doch dieser Plan ging nicht auf. Der erste Ausstellungstag im Krokodil begann mit einer mehrstündigen Pressekonferenz und detaillierten Erläuterungen der Studenten zu der Ausstellung. Erstmals wurden öffentlichkeitswirksam die Taten von NS-Todesrichtern angeprangert – Taten von Juristen, die während der zwölf Jahre Naziherrschaft fragwürdige Urteile verhängt hatten und doch in der damals jungen Bundesrepublik weiter an deutschen Gerichten tätig waren.

    Die Ausstellung mit dem Titel „Ungesühnte Nazijustiz“ bestand fast nur aus damals in Behörden gebräuchlichen Schnellheftern. Insgesamt 105, teilweise höchst fragwürdige Todesurteile waren in den Akten gelistet, an denen laut den Recherchen von Strecker und seinen Kommilitonen in den Kriegsjahren 206 Richter und Staatsanwälte beteiligt waren. So kam dieses Thema fast 20 Jahre, bevor der Fall Filbinger ein politisches Erdbeben im deutschen Südwesten auslöste, ans Licht der Öffentlichkeit.

    Die für sie als belastet geltenden Juristen benannten die Studenten mit Namen, Wohnort und der 1959 ausgeübten beruflichen Position. Auf diese Weise angeprangert wurden zum Beispiel ein Landgerichtsdirektor aus Tübingen, ein Landgerichtsrat aus Hechingen sowie ein BGH-Bundesrichter und ein Staatsanwalt der Bundesanwaltschaft aus Karlsruhe.

    Zwei Monate später, im Januar 1960, erstatteten Strecker und sein Mitstreiter Wolfgang Koppel im Auftrag des SDS-Bundesvorstandes Strafanzeige gegen 43 wieder amtierende ehemalige NS-Richter „wegen des Verdachts auf Rechtsbeugung in Tateinheit mit Totschlag“.

    Die Pressekonferenz an jenem 28. November 1959 im Gasthaus Krokodil war laut Strecker „von einer emotional erregten Atmosphäre geprägt“. Am nächsten Tag habe es, mit ganz wenigen Ausnahmen, „nur positive Berichte gegeben“, quer durch die bundesdeutsche Presse. Die Ausstellung, die wenig später in Berlin, Tübingen, Hamburg und München sowie 1961 auch in Freiburg und Stuttgart zu sehen war, lag zeitlich vor den Frankfurter Auschwitz-Prozessen. Sie sollte das Ende des Schweigens über die nationalsozialistische Vergangenheit markieren.

    Unterstützer und Kritiker

    Die überwiegend in Seminarräumen, Hinterzimmern von Gaststätten, kleinen Kunstgalerien und Studentenwohnheimen ausgestellten Unterlagen wurden nicht großartig erläutert, zur Erklärung dienten im Einzelfall lediglich handgeschriebene Transparente. Unmittelbar im Anschluss an Karlsruhe wurde die Schau, die bis 1962 lief, vom 23. Februar bis zum 7. März 1960 in einer Berliner Galerie am Kurfürstendamm gezeigt.

    Im Sommer 1960 gastierten die Studenten mehrere Tage im Tübinger Clubhaus, der Ausstellungstitel war geändert worden zu „Dokumente zur NS-Justiz“. Auch hier wurde wiederholt versucht, auf die Studentengruppen, beteiligte Professoren und schließlich den Rektor der Uni einzuwirken – die Durchführung der Ausstellung war mehrfach infrage gestellt, ehe die Schau am 11. Juli 1960 startete.

    Bei den im Clubhaus gezeigten Aktenkladden handelte es sich um die zum Teil qualitativ schlechten Fotokopien von Gerichtsprotokollen und Urteilen, von Justiz- und Personalakten, all dies als Belege für den Unrechtscharakter der NS-Justiz auf einfachste Art zusammengefasst. Als wichtige Fürsprecher der Ausstellungsmacher traten die Theologen Helmut Gollwitzer und Martin Niemöller sowie der Schriftsteller Golo Mann auf.

    Doch auch die überwiegend wohlwollende Berichterstattung der Medien änderte nichts daran, dass etwa nach den Präsentationen in Karlsruhe und Berlin drei Senatoren des Regierenden Senats von Westberlin – der Bildungs-, der Innen- und der Justizsenator, alle Referendare im Lehramt und in Justizbehörden – schriftlich anwiesen, „sich von Machenschaften im Solde Pankows“ fernzuhalten. Das war eine Anspielung auf den mutmaßlichen Schwachpunkt der Schau: Viele der Akten, die Strecker und seine Mitstreiter analysierten, waren aus Ostberlin und anderen osteuropäischen Archiven stammende Fotokopien von Verhandlungsprotokollen und Todesurteilen bislang ungesühnter NS-Justizverbrechen.

    Bestätigung von höchster Stelle

    Selbst in Teilen der SPD gab es eine deutliche Abwehrhaltung. Es wurde gemutmaßt, die Studenten seien von der kommunistischen DDR-Führung gesteuert. Reinhard Strecker ist auch im Rückblick überzeugt von seinem Handeln: „Wir trafen uns damals in meiner Wohnung zur regelmäßigen Überprüfung und Identifikation aller Personen, die wir als Täter benannten, und fanden nach und nach immer weitere, viele Hundert Seiten starke Unterlagen. Das war eine immense Überprüfungsarbeit.“ Alles sollte stimmen.

    Strecker und seine Mitstreiter bekamen unmittelbar nach der Karlsruher Schau Bestätigung von höchster Stelle: Der deutsche Generalbundesanwalt Max Güde (im Amt von 1956 bis 1961) bestätigte in einem Interview des Südwestdeutschen Rundfunks die Authentizität und Echtheit der von der Studentengruppe ausgestellten Unterlagen.

    Güde, dessen damaliger Amtssitz auf dem Areal des Bundesgerichtshofs nur rund 200 Meter vom Ausstellungsort am Ludwigsplatz entfernt lag, widersprach auch der Behauptung, milde Urteile hätten im Dritten Reich Repressalien gegen verantwortliche Richter zur Folge gehabt. Doch auch der oberste Ankläger der Bundesrepublik kam daraufhin ins Kreuzfeuer: Er wurde wenig später vom CSU-geführten Bundesjustizministerium in Bonn angewiesen, „sich künftig aus der öffentlichen Debatte um die NS-Justizjuristen herauszuhalten“. Max Güde wechselte 1961 als Karlsruher Abgeordneter für die CDU in den Bundestag.

    Reinhard Strecker erfuhr späte Genugtuung: Der „studentische Aufklärer“, wie ihn das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ nannte, erhielt in fortgeschrittenem Alter hohe Ehrungen. Sie kamen spät – aber nicht zu spät:. Im Jahr 2015 wurde Strecker das Bundesverdienstkreuz verliehen. Und im vergangenen Herbst erhielt Strecker vom SPD-Landesverband Berlin, dessen Mitglied er ist, trotz der zeitweiligen Anfeindungen aus seiner Partei eine Ehrenurkunde für sein „besonderes Engagement als Initiator der historischen Ausstellung Ungesühnte Nazijustiz“ – unterzeichnet von SPD-Landeschef Michael Müller.

    Die indirekten Folgewirkungen der Wanderausstellung waren immens. 1962 ermöglichte eine durch die Schau ausgelöste Gesetzesänderung Justizangehörigen, die in der NS-Zeit tätig waren, „auf Antrag den Eintritt in den Ruhestand“. Mit Paragraf 116 des Deutschen Richtergesetzes vom 8. September 1961 wurde dies den Richtern, die während des Krieges in der Strafrechtspflege mitgewirkt hatten, ermöglicht – „unter Belassung ihrer Versorgungsbezüge“. Das wirkte wie eine Art Generalamnestie. Daran wollte auch das Bundesverfassungsgericht nie rütteln. Der Präsident zu damaliger Zeit hieß Gebhard Müller, ein gebürtiger Oberschwabe. Er war im Amt von 1959 bis 1971 – mit Sitz in Nachbarschaft zum Ort der ersten Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ am Karlsruher Ludwigsplatz.

    Quelle: Artikel von Stefan Jehle in der Stuttgarter Zeitung vom 16. April 2020

  • Ein Kerl für ein Standbild

    Ein Kerl für ein Standbild

    Hommage · Vier Jahre verbrachte Christian Friedrich Daniel Schubart in Ludwigsburg – vor zweieinhalb Jahrhunderten. · Von Holger Bäuerle

    Vor 250 Jahren kommt der Dichter, Musiker und Journalist Christian Friedrich Daniel Schubart nach Ludwigsburg. Schon vier Jahre später wird er von Herzog Carl Eugen aus der Stadt und damit des Landes verwiesen. Wenig später gibt er Deutschlands erste überregionale politische Zeitung heraus. ein Schritt, der ihn schließlich auf den Hohenasperg bringen sollte.

    Im Jahr der Französischen Revolution porträtiert der Maler August Friedrich Oelenheinz einen schwäbischen Revolutionär. Einen, von dem schon die Zeitgenossen sagten, er sei noch „in Fesseln frei“ gewesen: den 1739 geborenen Schubart, den ersten bedeutenden politischen Journalisten Deutschlands. Von 1774 an, nach seinem Rauswurf aus Württemberg, redigiert er von den freien – und damit sicheren – Reichsstädten Augsburg und Ulm aus seine „Deutsche Chronik“, was ihn weit über die württembergischen Landesgrenzen hinaus berühmt macht.

    Kraftvoll, gerne kernig, derb, dreist, immer volksnah, bildhaft in Wort und Stil, greift er darin kühn an, was sich seiner Gegenwart in den Weg stellt: absolutistisch regierende Fürsten, kriechende, katzbuckelnde Höflinge, das „Geschmeiß in den Amtsstuben“, den katholischen Klerus. Er klärt auf und ist der Aufklärung gegenüber misstrauisch, er ist Stürmer und Dränger, er begleitet hellsichtig die deutsche Literatur und liefert bei alledem literarische Texte, die bis heute bekannt geblieben sind: Die von Schubert vertonte „Forelle“, „Die Fürstengruft“, „Das Kaplied“.

    Zehn Jahre Haft bringen Schubart sein umtriebiges politisches Engagement, sein beißender Spott, seine unverhohlenen Angriffe auf die Mächtigen schließlich ein: Von 1777 bis 1787 arretiert ihn Herzog Carl Eugen, auf dem Hohenasperg.

    Nach Ludwigsburg gekommen war er Ende 1769. Er bezog mit seiner Familie das geräumige Haus Kirchstraße 18, das heutige Schubart-Haus. Gegen die Bitten seiner Frau hatte er sich entschieden, das Amt des Musikdirektors und Organisten am württembergischen Hofe anzunehmen. Im Nebenberuf gab er den Damen der feinen Gesellschaft Klavierstunden, hielt anfangs, vermittelt durch den Literaturprofessor Balthasar Haug, Vorträge über Geschichte und Ästhetik.

    Schubart fasste rasch in den höfischen Kreisen Fuß – und blickte selbstironisch auf sein Treiben: „Ich bin nunmehro ein Hofmann!“, schrieb er an seinen Schwager Christian Gottfried Friedrich Boeckh, den Rektor des Esslinger Gymnasiums. „stolz, windisch, unwissend, vornehm, ohne Geld und trage samtne Hosen. (. . .) Meine Studierstube hat sich in ein Putzzimmer verwandelt, mein Pult in eine Toilette (. . .), und statt des Tobaks kaue ich Lavendel.“

    Diesem Leben war ausschweifend, er hatte angeblich zahllose Affären mit Frauen, besang im Wirtshaus aber Franziska von Hohenheim, die Mätresse des Herzogs, als „Donna Schmergalina“, die sich mit dem Nissenkamm zu reinigen habe. Wegen des „verdächtigen Umgangs mit einem Mädchen“ kam er vorübergehend ins Gefängnis, seine Frau Helene, eine geborene Bühler, verließ ihn mit den Kindern. 1773, er hatte mit seiner Haushaltshilfe Barbara Streicher Ehebruch begangen, wurde er per herzoglichem Dekret nicht nur der Stadt, sondern gleich des Landes Württemberg verwiesen.

    Ein Kerl für ein Standbild, mal heroisch, mal sentimentalisch verklärt. Ein Freiheitsheiliger des 18. Jahrhunderts. Für die aufbegehrende Jugend einer, den man als Che Guevara auf dem T-Shirt hätte tragen müssen, ein Statement. Dabei ist das Bild des Dichters, seine Ludwigsburger Zeit belegt es, wohl ein differenzierteres, diffizileres: Schubart war in der Lage, Gedichte zu schreiben, die Fürstentümer zu erschüttern vermochten – und konnte im gleichen Atemzug Ständchen zum Ruhm der Fürsten trällern. „Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer, Ehmals die Götzen ihrer Welt!“, heißt es dort, andere plätschern in strophenlanger Gedankenlosigkeit von Refrain zu Refrain.

    1787 wurde der Dichter vom Hohen­sperg entlassen. Er übernahm in Stuttgart die Leitung des Theaters und redigierte neuerlich, nun mit der gebotenen Vorsicht, unter den Augen des Herzogs und dessen Zensurbehörde, seine „Deutsche Chronik“, die nun „Vaterländische Chronik“ heißt. Er war populärer denn je, aber die Kerkerhaft hatte ihn gezeichnet. Und das unmäßige Essen und Trinken nach jahrelangen Entbehrungen schwemmte ihn binnen kurzer Zeit auf. Auch vom Spiel, von den Frauen konnte der bald 50-jährige noch immer nicht lassen.

    Die französische Revolution freilich durfte er noch erleben. „Freiheit, Freiheit, Silberton dem Ohre, Licht dem Verstande! Dem Herzen groß Gefühl Und freier Flug zu denken!!“, feierte er sie in seiner „Vaterländischen Chronik“. Die Freude eines Mannes, der einst die absolutistische Welt beunruhigt hatte, der besiegt und gebrochen wurde, aber nicht mundtot zu machen war. Zwei Jahre hatte er nach dem großen Ereignis noch zu leben. 1991 starb er in Stuttgart, sein Grab befindet sich auf dem Hoppenlaufriedhof.

    Quelle: Artikel von Holger Bäuerle in der Stuttgarter Zeitung vom 17. April 2020

    Siehe auch:

    https://www.volksliederarchiv.de/lieddichter/schubart-christian-daniel-friedrich-schubart

  • Der Weg zur Meinungsfreiheit

    Der Weg zur Meinungsfreiheit

    Nach der Kapitulation behandeln die Alliierten Deutschland zunächst wie ein besiegtes, nicht wie ein befreites Land. Für Demokraten begann die Stunde null mit Verspätung – auch mithilfe neuer Medien wie der Stuttgarter Zeitung. 

    Vielleicht ist es nur eine Fata Morgana der Hoffnung, die der französische General Jean de Lattre des Tassigny festzuhalten versucht, als der Zweite Weltkrieg zu Ende geht. „Aus den Kellern steigen Menschen, die vor Freude taumeln“, so beschreibt er die ersten Eindrücke von Stuttgart, an jenem 22. April 1945, als er mit seiner Armee die Stadt besetzt hat. Die Empfindungen der Deutschen sind zu jener Zeit nicht so eindeutig und bei den meisten wohl eher zwiespältig. „Zumindest an diesem Nachmittag überwog bei den meisten Bürgern, die mir begegnet sind, das Gefühl der Befreiung“, berichtet Rudolf Steiger, ein Augenzeuge. Es gibt jedoch durchaus gute Gründe, weshalb Bundespräsident Richard von Weizsäcker, auch ein gebürtiger Stuttgarter, 40 Jahre später seine Nation noch einmal nachdrücklich erinnern muss, dass es sich damals tatsächlich um einen Akt der Befreiung gehandelt hatte.

    Jedenfalls ist das Kriegsende, die Kapitulation des diktatorischen Regimes keineswegs die Stunde null für einen demokratischen Neuanfang in Deutschland. Daran denken die Siegermächte zunächst gar nicht. In Stuttgart gründen idealistisch gesinnte Demokraten unmittelbar nach dem Zusammenbruch der NS-Tyrannei „Kampfkomitees“, um das gesellschaftliche Leben neu zu organisieren. Diesen ersten Versuch einer demokratischen Selbstverwaltung unterbinden die französischen Besatzer jedoch strikt. Parteipolitische Aktivitäten bleiben vorerst verboten. Der am Tag nach der Besetzung installierte neue Oberbürgermeister Arnulf Klett scheitert noch im Juni 1945 mit dem Vorschlag, Gemeinderäte einzusetzen, die sich um die unmittelbaren Belange der Stadt kümmern sollen. So etwas komme „auf absehbare Zeit überhaupt nicht in Frage und kann in keiner Form diskutiert werden“, wird ihm beschieden. Davon erzählt ein Buch über „Stuttgart im Jahre Null“. Verfasst hat es der 2012 verstorbene Journalist Martin Hohnecker, viele Jahre stellvertretender Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung und Leiter der Lokalredaktion.

    Planie statt Adolf-Hitler-Straße

    Am 24. Mai 1945 veranlasst OB Klett immerhin so etwas wie eine nominelle Demokratisierung in Stuttgart. Er lässt die von den Nazis gekaperten Straßennamen umbenennen. Aus der Adolf-Hitler-Straße wird somit wieder die Planie. Auch anderswo im Stadtplan müssen Götzen der Menschenverachtung weichen, um Namenspatronen mit demokratischer Gesinnung Platz zu machen. So wird die nach dem rechtsradikalen General Ludendorff benannte Straße ein kleines Denkmal für den ermordeten Nazigegner Eugen Bolz, einst Präsident Württembergs. Ein bisschen Graswurzeldemokratie gestattet die französische Besatzungsmacht doch: Am 31. Mai erlaubt sie die Gründung eines Württembergischen Gewerkschaftsbundes. Der soll die Militärverwaltung in sozialen Fragen unterstützen. Nachdem die Nazis auf ihren „Volksempfängern“ schon wochenlang Sendepause hatten, ist von Juni 1945 an auch wieder ein zivilisiertes Rundfunkprogramm zu empfangen. Für das Programm von Radio Stuttgart verantwortlich ist ein Mann mit einschlägigen Erfahrungen: Josef Eberle. Vor dem Dritten Reich hatte er für den Süddeutschen Rundfunk gearbeitet. Als Leiter der Vortragsabteilung lehnte er einen Beitrag Hitlers ab, erhielt dann prompt Hausverbot bei dem Sender, als die Nazis 1933 das Funkhaus eroberten. Zwei Monate nach seinem Debüt am Mikrofon von Radio Stuttgart sollte Eberle Herausgeber der Stuttgarter Zeitung werden. Davon später mehr.Auch als die Amerikaner im Juli das Regiment in der Stadt übernehmen, bleibt demokratisches Engagement zunächst tabu. Oberst William W. Dawson, Militärgouverneur der US Army in Stuttgart, betont, dass „jede politische Betätigung zur Zeit verboten ist“. So will es die Direktive JCS 1067, eine Art Masterplan für die amerikanische Besatzungspolitik. „Deutschland wird immer als ein besiegtes und nicht als ein befreites Land behandelt werden“, erklärt Dawson, als er seinen Posten antritt.

    Der demokratische Neubeginn 

    Sein Verdikt, dies werde „immer“ so bleiben, verliert aber rasch die Gültigkeit. Ausgerechnet im Mitteilungsblatt der amerikanischen Militärverwaltung, der einzigen Zeitung, die es in Stuttgart zu der Zeit gibt, wird Dawson wenige Wochen später dementiert. Dort schreibt der schwäbische Sozialdemokrat Fritz Ulrich, seine Landsleute dürften aufatmen, „dass wir auf dem Weg zu einem freien demokratischen Staat sind“. Tatsächlich vereinbaren die Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz Anfang August 1945, „die endgültige Umgestaltung des politischen Lebens auf demokratischer Grundlage vorzubereiten“. Bei Radio Stuttgart verkündet der US-Offizier Charles L. Jackson, er hoffe, dass der Alltag in der besetzten Stadt bald wieder „in den normalen Bahnen der Demokratie“ ablaufen könne. Der demokratische Neubeginn verläuft dann ziemlich rasant. Am 16. August lassen die Amerikaner die beiden Liberalen Reinhold Maier und Theodor Heuss in der Olga­straße 11 antreten, wo die Militärregierung ihren Sitz hat. Maier wird angewiesen, eine Namensliste für eine künftige Landesregierung aufzustellen. Er selbst soll Ministerpräsident werden – alles noch ohne demokratische Legitimation. Als Heuss ihn darauf anspricht und fragt, wer ihre Regierung eigentlich wieder absetzen könnte, antwortet er: „Entweder die Amerikaner oder die Franzosen oder vielleicht gar die Russen. Und wenn es diese alle nicht tun, dann das dankbare schwäbische Volk.“

    „Es geht vorwärts“

    „Auf Anordnung der Militärregierung“ lässt Oberbürgermeister Klett am 31. August 1945 per Aushang mitteilen, dass „die Bildung von politischen Parteien auf demokratischer Grundlage“ wieder zugelassen sei. Versammlungen, an denen mehr als fünf Leute teilnehmen, bedürfen jedoch einer Genehmigung. In einer seiner Verlautbarungen appelliert Klett an die Stuttgarter: „Trotz dem Los, das jeden von uns betroffen hat, kann nur die Verständigung der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen.“ Zur Verständigung braucht es aber mehr als amtliche Bekanntmachungen. Das sehen auch die Amerikaner bald ein. Im August lassen sie eine Wochenzeitung drucken: die „Stuttgarter Stimme“. Doch sie wird unter Regie der Militärverwaltung redigiert. Am 17. September erhalten schließlich drei Deutsche die Lizenz für ein unabhängiges Blatt: Henry Bernhard, Karl Ackermann und ebenjener Rundfunkmann von Radio Stuttgart – Josef Eberle. „Es geht vorwärts“ ist der Leitartikel in der ersten Ausgabe der Stuttgarter Zeitung betitelt, die tags darauf erscheint. Sie umfasst nur vier Seiten, wird aber in einer Auflage von 400 000 Exemplaren gedruckt. Die neu erlangte Pressefreiheit sei „das beste Mittel gegen jenen Pessimismus unserer Landsleute, der in den Ruinen unserer Heimat die Hoffnung auf eine bessere Zukunft begraben sieht“, schreibt der Kommentator Ackermann, einer der drei Lizenzträger. „Nichts kann deutlicher unsere eigene ehrliche Absicht bekunden, mit dem Nazismus fertig zu werden, als ein vernünftiger Gebrauch dieser ersten Freiheit in dem Sinne, dass wir uns von allen Vergewaltigungsmethoden und jeder Abtötung von zuversichtlichem Glauben und freier Meinung distanzieren.“

    Die Gründer gehen bald ihre eigenen Wege: Ackermann, der während des NS-Regimes im KZ gesessen hatte und der Kommunistischen Partei nahesteht, gibt später den „Mannheimer Morgen“ heraus. Bernhardt, früher Privatsekretär des Friedensnobelpreisträgers Gustav Stresemann, gründet im Jahr darauf die Stuttgarter Nachrichten. Dort wiederum stand über Eberle zu lesen, während des Dritten Reiches sei dessen „Weste so weiß geblieben wie die Flügel des Pegasus“. Er habe es verstanden, „seinem überparteilichen, liberalen Blatt Adel zu verleihen und es zu einer der angesehensten Tageszeitungen der Bundesrepublik zu machen“.

    Der große Eberle

    Die „Zeit“ nennt Eberle den „gebildetsten deutschen Journalisten“. Vielleicht war Iosephus Appellus der Grund dafür. Unter diesem Pseudonym verfasst Eberle lateinische Verse, die an Ovid und Martial erinnern. Er schreibt aber auch in einem urwüchsigen Schwäbisch, dies unter dem Namen Sebastian Blau. Der Mann ist eigentlich Buchhändler von Beruf. Nachdem ihn die Nazis beim Süddeutschen Rundfunk die Tür gewiesen haben, sperren sie ihn für sechs Wochen im Konzentrationslager Heuberg ein. 1936 wird er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Kurz vor Kriegsende muss er mit seiner Frau untertauchen, die einer jüdischen Familie entstammt. Eberle bleibt geschäftsführender Herausgeber der Stuttgarter Zeitung bis 1971, 15 Jahre später verstirbt er wenige Tage nach dem 85. Geburtstag. Das Blatt ist sein Lebenswerk geworden, schreibt Oskar Fehrenbach, der spätere Chefredakteur. Und dieses Lebenswerk „gründete sich auf den Willen, alles in seinen Kräften Stehende dazu beizutragen, dass sich die Herrschaft des braunen Terrors niemals mehr wiederholen könne; und es war gerade die bei Voltaire erlernte Toleranz, die Eberles Instinkt für jede Form von Intoleranz, von politischer Einseitigkeit und parteipolitischer Illiberalität schärfte“.

    Quelle: Artikel von Armin Käfer in der Stuttgarter Zeitung vom 8. April 2020

    https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.75-jahre-kriegsende-der-weg-zur-meinungsfreiheit.4f58edd3-01ba-4450-9c6c-b2bbd196f093.html

    Nachbemerkung:

    Josef Eberle hat seinen Mitherausgeber Erich Schairer um 30 Jahre überlebt – ausreichend Zeit, um das Narrativ der frühen Jahre der Stuttgarter Zeitung vom Namen seines Partners zu befreien. Offenbar mit Erfolg, wie der Beitrag von Armin Käfer belegt. Den Herren Käfer und Konsorten möchte ich den Rundfunkbeitrag Schairers zu Eberles fünfzigstem Geburtstag nahe legen, er ist nur einen Klick entfernt…

  • Der Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920

    Der Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920

    Text zum 90-minütigen Dokumentar-Fernsehspiel „Die Konterrevolution“, Teil der zehnteiligen Reihe „Vom Reich zur Republik“ des Bayrischen Rundfunks. Drehbuch von Klaus Gietinger und Bernd Fischerauer.

    Der Kapp-Lüttwitz-Putsch vom März 1920 ist ein fast vergessenes Kapitel deutscher Geschichte. Zu Unrecht. Denn der Versuch, die erste deutsche Demokratie schon eineinhalb Jahre nach ihrer Entstehung wieder zu ersticken, scheiterte am demokratischen Bewusstsein ihrer Bürger. Das Dokumentarspiel schließt an den Film „Gewaltfrieden“ an und beleuchtet die Umstände, die zum ersten, zunächst erfolgreichen Staatsstreich gegen Weimar führten. Die durch die Novemberrevolution 1918 entstandene Republik war anfangs mehrfach bedroht, am heftigsten im März 1920. Der Versailler Friedensvertrag besiegelte nicht nur die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg, sondern verlangte vom Reich auch Gebietsabtretungen, Reparationen und eine Verkleinerung der Armee. Die alten Mächte des Kaiserreiches empfanden besonders den sogenannten Kriegsschuldparagrafen des Vertrages, der Deutschland die Alleinschuld am Weltkrieg zuwies, als auch die verlangte Auslieferung deutscher Kriegsverbrecher – darunter Kaiser Wilhelm II. und Feldmarschall Hindenburg – als Schmach. Auch die von den Alliierten verlangte Auflösung der sogenannten Freikorps, paramilitärische Verbände, die sich aus den Resten der kaiserlichen Armee zusammengefunden hatten, war nicht im Sinne der Offiziere. Überhaupt fand die parlamentarische Demokratie von Weimar in weiten Kreisen des Militärs, der Hochfinanz, der Industrie, des Adels und des Bürgertums keine Unterstützung. Ein Sturz des Systems lag im Interesse rechtsgerichteter Kreise. So fanden sich Ende 1919 hohe Militärs und andere putschwillige Männer zusammen. Organisiert wurde das vom früheren Freikorpsführer Pabst, der schon die Ermordung Liebknechts und Luxemburgs befohlen hatte. Finanziell unterstützt wurden die Putschisten von Teilen der Industrie und Banken. Aushängeschild war Wolfgang Kapp, ein Ostelbischer Junker und Aufsichtsrat der Deutschen Bank. Mit von der Partie: General von Lüttwitz, der Freikorpsführer Ehrhardt, dessen Marinebrigade den Putsch ausführen sollte, Canaris, der Adjutant von Reichswehrminister Noske und als verdecktes Mitglied, der preußische Geheimdienstchef von Berger. Im Hintergrund wirkte der ehemalige Weltkriegsgeneral Ludendorff. Unter der Regie von Bernd Fischerauer schildert der Film minutiös den Ablauf des Putsches, der nur fünf Tage dauerte: wie die rechtmäßige Regierung unter Reichskanzler Bauer verjagt wurde, ebenso Reichspräsident Ebert und der gegenüber dem Militär arglose Reichswehrminister Noske, das erzwungene Untertauchen des Finanzministers Erzberger, die ambivalente Haltung der Reichswehroffiziere und der Sicherheitspolizei, die der Regierung den notwendigen Schutz verweigerten. Die Flucht der Regierung, der Streit der Putschisten, ihre erfolglosen Versuche, den festgesetzten Vizekanzler Schiffer zu benutzen und das Ruder Richtung Diktatur herumzuwerfen und zuletzt der Widerstand der Arbeiter, Angestellten und Beamten, die im größten Generalstreik der deutschen Geschichte die Putschisten in die Knie zwangen. Stellvertretend hierfür die Redaktionsleiterin und Frauenrechtlerin Marie Juchacz und Hannah Wölke. Scharfsinnig begleitet wird das Geschehen vom Kunstmäzen Harry Graf Kessler und seinen Schützlingen: der Schauspielerin Tilla Durieux, den Malern und Grafikern George Grosz und John Heartfield. Als der Spuk des Putsches vorbei war, kam es zu Aufständen im Ruhrgebiet. Die Regierung, nach Berlin zurückgekehrt, wurde zwar umgebildet und Noske musste seinen Abschied nehmen, doch die Hochverräter ließ man weitgehend ungestraft, die Aufstände dagegen wurden blutigst niedergeschlagen, zum Teil sogar unter Einsatz und Nutzung der militärischen Schlagkraft der ehemaligen Putschisten. Das Volk hatte sich als demokratisch gesinnt und wehrhaft erwiesen, Armee und Justiz großteils nicht. Eine Gruppe frühfaschistischer Republikgegner konnte sich dagegen in Bayern sammeln. Unter ihnen Adolf Hitler.

    Quelle: https://www.br.de/mediathek/video/dokumentarspiel-reihe-vom-reich-zur-republik-die-konterrevolution-der-kapp-luettwitz-putsch-1920-av:58773afa22f7ba0012e23fe9

  • Leitartikel 1927

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    31. Januar: Die alliierte Militärkommission stellt ihre Tätigkeit ein und verlässt Deutschland.

    19. März: In Berlin kommt es zwischen bewaffneten Verbänden der Nationalsozialisten und der Kommunisten zu schweren Straßenschlachten.

    18. April: In Vorbereitung auf die Chinesische Wiedervereinigung wird in Nanjing die Bildung einer Nationalregierung proklamiert.

    4. Mai: Zwischen den USA und Nicaragua wird der Vertrag von Espino Negro (auch „Treaty of Tipitapa“) geschlossen, der den USA jederzeit militärische Interventionen in Nicaragua gestattet und die dortige Polizei unter US-amerikanischen Befehl stellt.

    9. Mai: Das 14 Jahre zuvor gegründete Canberra wird neue Hauptstadt Australiens und löst damit Melbourne ab.

    27. Mai: Großbritannien bricht seine diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion ab und kündigt einen beiderseitigen Handelsvertrag, da Russland den Streik britischer Bergleute unterstützt hat.

    1. Juni: Der Hindenburgdamm, der die Insel Sylt mit dem Festland verbindet, wird eröffnet.

    15. Juli: In Wien wird im Zuge der so genannten Julirevolte der Justizpalast nach einem Skandalurteil gestürmt und in Brand gesteckt.

    7. August: Während des Nordfeldzuges kündigt die Kommunistische Partei Chinas das bestehende Bündnis mit der Kuomintang.

    23. August: Sacco und Vanzetti werden auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

    11. September: Während des von der Komintern initiierten Herbsternte-Aufstands führen erstmals kommunistische Truppen unter der Führung Mao Zedongs gezielte Kampfhandlungen gegen die Nationalrevolutionäre Armee der Kuomintang durch, womit der Chinesische Bürgerkrieg beginnt.

    18. September: Einweihung des Tannenberg-Denkmals in Ostpreußen

    Abschaffung der Lanze als offizielle Gefechtswaffe in der britischen Armee und der Reichswehr

  • Leitartikel 1928

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    1. Januar: Die Visumpflicht zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien wird aufgehoben.

    30. März: Der deutsche Reichstag beschließt gegen die Stimmen von SPD und KPD ein Kriegsschiffbau-Programm, etwa zehn Millionen Mark werden bewilligt. Im Wahlkampf bricht ein Proteststurm los (»Kinderspeisung statt Panzerkreuzer!«)[1]

    20. Mai: Reichstagswahlen in Deutschland: Verluste der DNVP (von 20.5 auf 14,3 %) und der liberalen Parteien; Stimmengewinne der SPD (von 26,0 % auf 29,8 %).

    12. Juni: Der deutsche Reichskanzler Wilhelm Marx vom Zentrum tritt nach der Wahlniederlage seiner Partei bei den Reichstagswahlen zurück.

    14. Juni: Paul Löbe, Sozialdemokratische Partei Deutschlands wird in Berlin erneut zum Reichstagspräsidenten gewählt.

    20. Juni: Im Parlament des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen in Belgrad schießt ein serbischer Abgeordneter während einer Sitzung fünf kroatische Abgeordnete nieder. Der Führer der kroatischen Bauernpartei, Stjepan Radić, wird tödlich verwundet, zwei weitere Abgeordnete sterben ebenfalls an den Folgen des Anschlags.

    1. August: In Zagreb treten die kroatischen Abgeordneten zusammen und sprechen sich unter dem Eindruck des Attentats vom Juni für eine Separation vom Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen aus.

    27. August: In Paris wird der Briand-Kellogg-Pakt unterzeichnet, der Kriege als Mittel der Politik ablehnt.

  • Leitartikel 1926

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    20. Januar: Dem Kabinett Luther I folgt das Kabinett Luther II.

    8. Februar: Deutschland beantragt die Aufnahme in den Völkerbund.

    18. Februar: Die türkische Regierung beschließt, die Polygamie und das Haremssystem abzuschaffen und das Schweizer Zivilgesetzbuch (ZGB) zu übernehmen.

    20. April: Der amerikanische Finanzminister Andrew Mellon und der französische Botschafter in Washington, Henri Bérénger, schließen ein Fundierungsabkommen über Frankreichs interalliierte Kriegsschulden aus dem Ersten Weltkrieg.

    24. April: Berliner Vertrag. Deutschland schließt mit der UdSSR einen Freundschaftsvertrag.

    25. April: In Teheran wird Reza Pahlavi zum neuen Schah Persiens gekrönt.

    4. bis 12. Mai: England: Bergwerksbesitzer wollen Lohnkürzungen und Arbeitszeitverlängerungen durchsetzen und betreiben Aussperrung; der Gewerkschaftsbund (Trades Union Congress) ruft zu einem landesweiten Generalstreik auf. Dieser wird allgemein befolgt und legt das Land weitgehend lahm. Die Regierung setzt die Armee ein.

    12. bis 15. Mai: Maiputsch in Polen durch Marschall Józef Piłsudski.

    18. Mai: Misstrauensvotum gegen Hans Luther im Reichstag (Näheres hier). Ihm folgt das Kabinett Marx III.9. Juli

    Mit dem Ziel der Wiedervereinigung Chinas startet die Kuomintang den Nordfeldzug.

    8. September: Einstimmige Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund

    17. Oktober: Kim Il-sung gründet den in nordkoreanischen Kommunistischen Verband zur Zerschlagung des Imperialismus.

    31. Oktober: In Bologna versucht der fünfzehnjährige Anteo Zamboni den faschistischen Ministerpräsidenten Benito Mussolini bei einer Gedenkparade an den Marsch auf Rom zu erschießen. Der Attentäter wird von umstehenden Faschisten attackiert und gelyncht. Er stirbt am selben Tag.

    10. Dezember: Der deutsche Außenminister Gustav Stresemann erhält gemeinsam mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand den Friedensnobelpreis.

  • Leitartikel 1925

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    1. Januar: Die norwegische Hauptstadt Christiania erhält wieder ihren früheren Namen Oslo.

    17. Februar: Der kurdische Scheich-Said-Aufstand in der Türkei beginnt.

    27. Februar: Im Münchner Bürgerbräukeller wird die NSDAP neu gegründet und deutschlandweit organisiert. Adolf Hitler hat seinen ersten Auftritt nach seiner Haft.

    27. Februar: Die türkische Armee beginnt mit Luftangriffen und einer großen Bodenoffensive den kurdischen Scheich-Said-Aufstand zu bekämpfen.

    6. März: Die belgischen Ostkantone werden nach fünfjähriger Übergangszeit unter dem Hochkommissar Herman Baltia endgültig ein Teil Belgiens. Der deutsche Gebietsverlust wurde im Friedensvertrag von Versailles festgelegt.

    29. März: Bei den ersten Reichspräsidentenwahlen der Weimarer Republik erreicht kein Kandidat die absolute Mehrheit – die meisten Stimmen erhält der DVP-Politiker Karl Jarres.

    4. April: Als Leibwache für Adolf Hitler wird die SS gegründet. Sie entwickelt sich in der Zeit des Nationalsozialismus zu einer paramilitärischen Organisation.

    7. April: Ersuchen Hitlers um Entlassung aus der österreichischen Staatsangehörigkeit, dem am 30. April 1925 stattgegeben wird.

    10. April: Die Stadt Zarizyn an der Wolga wird in Stalingrad umbenannt.

    25. April: Der Monarchist Paul von Hindenburg wird gegen den Zentrums-Kandidaten Wilhelm Marx zum Reichspräsidenten gewählt, u. a. auch mit den Stimmen der Mitte-Parteien DVP und BVP (Reichspräsidentenwahl 1925).

    30. Mai: Nationale Revolution in China.

    16. Juni: Volkszählung in Deutschland: 62,5 Millionen Einwohner ohne das Saargebiet.

    17. Juni: Das Genfer Protokoll zur Ächtung von chemischen und biologischen Waffen tritt in Kraft.

    18. Juni: Das Reichsgericht hebt die einzige beschlossene Fürstenenteignung in der Weimarer Republik auf. Das entsprechende Landesgesetz im Freistaat Sachsen-Gotha über die Einziehung von Besitz des Fürstenhauses Sachsen-Coburg und Gotha sei nicht verfassungsgemäß.

    18. Juli: Adolf Hitler veröffentlicht sein Buch Mein Kampf.

    Juli/August: Die französischen und belgischen Truppen räumen das RuhrgebietDuisburg und Düsseldorf.

    26. August: Sein Nachfolger Paul von Hindenburg hebt das von Reichspräsident Friedrich Ebert 1921 verfügte Verbot, in der Öffentlichkeit Uniform zu tragen, auf.

    18. September: Als erste größere Partei in Europa erhebt die SPD in ihrem beschlossenen Heidelberger Programm die Forderung nach Verwirklichung der Vereinigten Staaten von Europa.

    23. September: In der Sowjetunion werden alle 19 bis 40 Jahre alten Werktätigen gesetzlich verpflichtet, eine fünfjährige Wehrpflicht abzuleisten.

    17.–19. Oktober: 1. Deutscher Reichskriegertag in Leipzig.

    4. November: Hitlers erste Rede in Braunschweig. In Bayern, Hamburg und Preußen sind Hitlerreden verboten.

    20. November: Der Münchner Dolchstoßprozess endet im Gerichtsurteil mit der Erkenntnis, dass der beklagte Paul Nikolaus Cossmann bei der Verbreitung der Dolchstoßlegende einem Irrtum erlegen sei.

    30. November: Die Besatzungsmächte beginnen, die ‚Kölner Zone‘ im besetzten Rheinland zu räumen.

    1. Dezember: Unterzeichnung der Verträge von Locarno als Abschluss der Verhandlungen vom 5. bis 16. Oktober. Unterzeichnung durch Reichskanzler Hans Luther. Deutschland, Belgien und Frankreich verzichten auf eine gewaltsame Revision ihrer Grenzen.

    5. Dezember: Die Unterzeichnung der Verträge von Locarno löst eine Krise in der deutschen Regierung („Locarnokrise“) aus. Die DNVP verlässt die Koalition, den Bürgerblock. Die Verträge können dank der Oppositionsparteien SPD und DDP dennoch im Reichstag ratifiziert werden.[1] Das Kabinett Luther I besteht noch bis zum 20. Januar 1926.

    15. Dezember: Reza Pahlavi legt vor dem iranischen Parlament (Madschles) den Amtseid als Schah von Persien ab.

    17. Dezember: Mohammad Reza Pahlavi wird Kronprinz.

    26. Dezember: Die türkische Nationalversammlung beschließt die Einführung des Gregorianischen Kalenders mit Wirkung ab 1. Januar 1926.

  • Leitartikel 1929

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    1. Januar: Der in München aufgelegte Völkische Beobachter erscheint erstmals als Berliner Ausgabe.

    11. Februar: Der Staat der Vatikanstadt (Stato della Città del Vaticano) wird nach den Lateranverträgen ein unabhängiger Staat.

    4. März: Amtseinführung von Herbert Hoover als 31. US-Präsident. Er löst Calvin Coolidge ab.

    7. März: Blutnacht von Wöhrden: Bei einem Zusammenstoß zwischen NSDAP und KPD werden drei Menschen getötet.

    1.–3. Mai: Am sogenannten Blutmai werden in Berlin bei Unruhen und hartem Vorgehen der Polizei 33 Zivilisten getötet und zahlreiche Demonstranten und Unbeteiligte verletzt.

    14. Juni: Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Preußen

    1. August: Preußisches Gesetz zur kommunalen Neuordnung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets. Die Städte Essen und Dortmund erhalten großzügige Gebietszuwächse. Aus den Städten Elberfeld und Barmen entsteht der neue Stadtkreis Barmen-Elberfeld, der 1930 in Wuppertal umbenannt wird. Duisburg und Hamborn vereinigen sich zum neuen Stadtkreis Duisburg-Hamborn. Bereits am 29. Juli 1929 wird aus den Stadtkreisen Oberhausen, Osterfeld und Sterkrade die neue Stadt Oberhausen gebildet.

    24. August: Das zweitägige Massaker von Hebron kostet 67 Menschen das Leben und führt zur Vertreibung aller Juden aus der Stadt. Sie verlieren alles Hab und Gut, das sie nicht tragen können.

    24. September: Die sowjetische Regierung verfügt per Dekret, dass ab 1. Oktober eine Woche zu fünf Tagen eingeführt werde. Nach vier Arbeitstagen folgt ein Ruhetag, Samstag und Sonntag werden abgeschafft. Damit soll die Produktivität gesteigert und das herkömmliche durch ein revolutionäres Kalendersystem abgelöst werden.

    3. Oktober: König Alexander I. lässt während einer Staatskrise das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen in Jugoslawien umbenennen.

    24. Oktober: Schwarzer Donnerstag an der New Yorker Börse, Beginn der Weltwirtschaftskrise

    25. Oktober: Schwarzer Freitag

    10. Dezember: In Deutschland tritt das Opiumgesetz (Vorläufer des Betäubungsmittelgesetzes) in Kraft – seitdem sind auch Genuss und Besitz von Cannabis verboten.

    22. Dezember: Der von rechten Gruppierungen initiierte Volksentscheid gegen den Young-Plan scheitert.

  • Leitartikel 1930

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    14. Januar: Eine kommunistische Gruppe überfällt den Nationalsozialisten Horst Wessel, der den Text für das SA-Kampflied „Die Fahne hoch“ verfasst hat. Er stirbt am 23. Februar an der erlittenen Schussverletzung. Die NSDAP nutzt Wessels Tod propagandistisch: er wird zum „Märtyrer der Bewegungstilisiert.

    27. März: Das Kabinett Müller II, eine große Koalition, zerbricht wegen Streit zwischen SPD und DVP über Finanzierungsbeiträge zur Arbeitslosenversicherung. (Anfang vom Ende der Weimarer Republik)

    29. März: Heinrich Brüning wird zum Reichskanzler ernannt.

    30. Juni: Die alliierte Rheinlandbesetzung endet fünf Jahre früher als ursprünglich beabsichtigt. Mit dem Truppenabzug folgen die Siegermächte des Ersten Weltkriegs Vereinbarungen im Umfeld des Young-Plans.

    18. Juli: Auflösung des Reichstages durch Reichspräsidenten Paul von Hindenburg

    22. Juli: Nationale Befreiungsfeier zum Ende der Alliierten Rheinlandbesetzung in Koblenz unter Teilnahme von Reichspräsident Paul von Hindenburg

    14. September: Bei der Reichstagswahl 1930 wird die NSDAP zweitstärkste Partei.

    1. Oktober: Nach Landtagswahlen im Freistaat Braunschweig entsteht dort die reichsweit erste Koalition mit NSDAP-Beteiligung, sie bildet mit der DNVP eine Regierung. Die NSDAP stellt den Minister für Inneres und Volksbildung.

    Unterzeichnung der Haager Schlussakte, mit der die Reparationszahlungen Deutschlands abschließend geregelt werden

  • Leitartikel 1931

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    1931/1932: Die Wirtschaftskrise in Deutschland erreicht ihren Höhepunkt. Es gibt 70.000 Konkurse und 6 Millionen Arbeitslose.

    1. Januar: Die NSDAP-Reichsleitung zieht in das Braune Haus in München.

    24. März: Carl Duisberg fordert auf der Tagung „Wirtschaft in Not“ des Bayrischen Industriellen-Verbandes einen „geschlossenen Wirtschaftsblock von Bordeaux bis Sofia“.

    11. Mai: Die Österreichische Credit-Anstalt erklärt ihre Zahlungsunfähigkeit und löst damit eine erhebliche Finanzkrise aus. Das Kreditinstitut wird in der Folge durch Sanierungsmaßnahmen und mit staatlicher Hilfe vor dem endgültigen Ruin gerettet.

    20. Juni: Um das in der Weltwirtschaftskrise geschwundene Vertrauen der Kapitalmärkte zu stärken, schlägt der amerikanische Präsident Herbert Hoover ein einjähriges Moratorium für Reparationen und Interalliierte Kriegsschulden vor.

    13. Juli: Die Zahlungsunfähigkeit der Darmstädter und Nationalbank verursacht eine Bankenkrise, der anschließend mehrere kleine Banken zum Opfer fallen.

    13. Juli: Die durch die Deutsche Bankenkrise illiquide Danatbank öffnet ihre Schalter nicht. Sparer stürmen die übrigen deutschen Banken und Sparkassen, um ihre Einlagen zu retten. Dadurch werden auch andere Banken illiquide.

    14. Juli: Die Deutsche Bankenkrise führt zur Anordnung mehrerer allgemeiner Bankfeiertage in Deutschland durch die Regierung Brüning durch mehrere Notverordnungen, um einem Ansturm verunsicherter Kunden zwecks Rückzahlung ihrer Einlagen vorzubeugen.

    5. August: Der Zahlungsverkehr wird wieder vollständig freigegeben.

    18. September: Japan marschiert in der Mandschurei (China) ein und besetzt sie bis Anfang 1932 (siehe Mandschurei-Krise)

    11. Oktober: Bildung der Harzburger Front. Nationale Opposition (NSDAP, DNVP, Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten) gegen Eiserne Front (SPD, Gewerkschaften, Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold)

    17./18. Oktober: Adolf Hitler demonstriert mit einem Massenaufmarsch von 100.000 Mann in Braunschweig.

    6. November: In der deutschen Bankenkrise werden durch eine Notverordnung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die Sparkassen mit der Rechtsform Anstalt des öffentlichen Rechts ausgestaltet. Ihr Vermögen ist vom – zumeist kommunalen – Gewährträger zu trennen, das Institut darf ihm nur begrenzt Kommunalkredit gewähren.

    16. Dezember: In der Eisernen Front formieren sich vor allem Sozialdemokraten und Gewerkschafter in der Zeit der Weimarer Republik im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Sie wollen damit ein Gegengewicht zur rechtsextremen Harzburger Front schaffen.

  • Leitartikel 1932

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    15. Januar: Über sechs Millionen Menschen sind in Deutschland arbeitslos.

    26. Januar: Hitlers Rede vor dem Industrie-Club Düsseldorf

    25. Februar: Adolf Hitler erlangt die deutsche Staatsbürgerschaft.

    13. März: Im ersten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl siegt Amtsinhaber Paul von Hindenburg klar vor Adolf Hitler, verfehlt aber knapp die absolute Mehrheit.

    10. April: Paul von Hindenburg wird im zweiten Wahlgang mit 53 % der Stimmen wieder zum deutschen Reichspräsidenten gewählt.

    13. April: Das Verbot der SA und SS wird in Deutschland vom Minister Wilhelm Groener in der Regierung Brüning verfügt. Es kostet den Kanzler Sympathien beim Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und wird im Juni von der Regierung Franz von Papen wieder aufgehoben.

    13. Mai: Rücktritt des Reichswehr- und Innenministers Wilhelm Groener

    30. Mai: Rücktritt des Reichskanzlers Heinrich Brüning

    9. Juli: Die deutsche Regierung unter Franz von Papen erreicht am Ende der Konferenz von Lausanne ein Ende der im Versailler Vertrag auferlegten Reparationszahlungen. Die Opposition im Reichstag empfindet das Verhandlungsergebnis als unzureichend.

    17. Juli: Beim Altonaer Blutsonntag, einer Schießerei zwischen Kommunisten, Nationalsozialisten und der Polizei, kommen 18 Menschen ums Leben, 285 werden verletzt.

    20. Juli: Beim sog. Preußenschlag wird auf Initiative von Reichskanzler Franz von Papen durch eine Notverordnung und unter Ausrufung des militärischen Ausnahmezustands die geschäftsführende preußische Regierung, unter Leitung von Otto Braun, für abgesetzt erklärt.

    25. Juli: Polen und die Sowjetunion schließen einen Nichtangriffspakt.

    31. Juli: Nach der Reichstagswahl stellt die NSDAP erstmals die stärkste Fraktion.

    12. September: Reichskanzler von Papen wird durch einen Misstrauensantrag gestürzt und der Reichstag durch den Reichspräsidenten Hindenburg aufgelöst.

    12. Oktober: Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Baden

    6. November: Reichstagsneuwahlen, Stimmenverluste der Nationalsozialisten

    17. November: Rücktritt des durch Hindenburg gestützten Reichskanzlers Franz von Papen

    20. November: Mit der Industrielleneingabe an Hindenburg fordern 20 Vertreter aus der Wirtschaft Hitler zum Reichskanzler zu ernennen.

    29. November: Frankreich und die Sowjetunion schließen einen Nichtangriffspakt.[1]

    3. Dezember: Kurt von Schleicher wird von Hindenburg zum Reichskanzler berufen und mit der Bildung eines neuen Präsidialkabinetts beauftragt, nachdem Franz von Papen zuvor an Koalitions-Absagen von SPD und Zentrum gescheitert ist.

    8. Dezember: Rücktritt Gregor Strassers von allen Parteiämtern

  • Leitartikel 1924

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    1. Januar: Die Großdeutsche Volksgemeinschaft wird als Ersatzorganisation für die nach dem Fehlschlag des Hitlerputsches in München verbotene NSDAP gegründet.

    9. Januar: Ein rechtsextremer Trupp unter dem Kommando Edgar Jungs ermordet in Speyer den Pfälzischen Separatisten Heinz Orbis. Der Bischof von Speyer, Ludwig Sebastian, verweigert Heinz Orbis ein kirchliches Begräbnis.

    21. Januar: UdSSR. Tod von Lenin (Wladimir Iljitsch Uljanow)

    26. Januar: Die Stadt Petrograd wird vom zweiten Räte-Kongress der UdSSR in Leningrad umbenannt. Man will damit den verstorbenen Revolutionär und Staatsgründer Lenin dauerhaft ehren.

    12. Februar: Mit dem Sturm auf das Bezirksamt in Pirmasens endet die separatische Episode in der Pfalz. Es kommen 23 Menschen zu Tode, es gibt viele Verletzte

    24. Februar: In Magdeburg wird das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold als Organisation aller republiktreuen Frontkämpfer gegründet

    3. März: Die Türkei beschließt die Abschaffung des Kalifats.

    29. März: Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Bayern

    1. April: Der Hitler-Prozess endet mit einem Quasi-Freispruch.

    4. Mai: Bei der Reichstagswahl in der Weimarer Republik erringen die republikfeindlichen radikalen Parteien (Kommunisten und Nationalsozialisten) starke Gewinne.

    11. Mai: „Deutscher Tag“ in Halle; Sammlung von rechtsradikalen Frontsoldaten und Freikorpskämpfer zum Sturz der Republik

    Mitte Juli: Die KPD gründet den Rotfrontkämpferbund als Gegenorganisation zum Reichsbanner. Führer sind Ernst Thälmann und Willy Leow.

    7. Dezember: Sieben Monate nach der letzten Wahl finden im Deutschen Reich eine neuerliche Reichstagswahl statt. Sie endet im Vergleich mit der Wahl vom Mai mit einer gewissen Stabilisierung der staatstragenden Parteien und bedeuteten eine klare Niederlage für die extreme Rechte und Linke.

    20. Dezember: Hitler wird vorzeitig aus der Festungshaftanstalt Landsberg am Lech entlassen.

  • Leitartikel 1923

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext 

    2. Januar: Konferenz über die durch die Weimarer Republik zu leistenden Reparationszahlungen

    10. Januar: Litauische Freischärler besetzen das unter französischer Verwaltung stehende Memelland.

    11. Januar: Im Konflikt um die deutschen Reparationsleistungen beginnen französische und belgische Truppen mit der Besetzung des Ruhrgebiets.

    25. Februar: Die Existenz der Mikronation Freistaat Flaschenhals wird durch französische Truppen beendet.

    11. August: Deutschland stellt die Reparationslieferungen ein.

    12. August: Sturz der Regierung Wilhelm Cuno

    13. August: Gustav Stresemann (DVP) wird neuer Reichskanzler.

    30. August: Martialische Einweihung des Fliegerdenkmals auf der Wasserkuppe in der Rhön durch den Ring der Flieger e. V..

    26. September: „Ruhrkampf“: Gustav Stresemann erklärt das Ende des passiven Widerstands.

    27. September: In Deutschland wird wegen des Separationsversuchs von Bayern nach dem Ende des passiven Widerstandes der Ausnahmezustand erklärt.

    21. Oktober: In Aachen und Koblenz wird die „Rheinische Republik“ ausgerufen.

    22. Oktober: Die Duisburger Gruppe des Rheinischen Unabhängigkeitsbundes ruft die „Rheinische Republik“ aus.

    23. Oktober: Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Johannes Hoffmann erklärt sich mit einigen Sozialdemokraten bereit, einen unabhängigen Pfälzischen Staat innerhalb des Deutschen Reiches zu gründen. Der Vorschlag stößt bei der Beamtenschaft und den Parteien auf Ablehnung. Auch die pfälzische Sozialdemokratie distanziert sich von Hoffmann.

    23. Oktober: Beginn des Hamburger Aufstandes der KPD in Hamburg und Schleswig-Holstein

    29. Oktober: Reichsexekution gegen Sachsen wegen der Regierungsbeteiligung der KPD unter Ministerpräsident Erich Zeigner (SPD)

    6. November: Reichsexekution gegen Thüringen wegen der Regierungsbeteiligung der KPD unter Ministerpräsident August Frölich (SPD)

    8. November: Hitler-Ludendorff-PutschAdolf Hitler besetzt mit Erich LudendorffHermann Göring und anderen Nationalsozialisten den Bürgerbräukeller in München und verkündet, die „nationale Revolution“ sei ausgebrochen und die Reichsregierung der Weimarer Republik abgesetzt.

    9. November: Hitler und seine Anhänger stürmen die Feldherrnhalle in München. Der Marsch wird blutig gestoppt, 16 Putschisten und vier Polizisten fallen zum Opfer.

    12. November: Heinz Orbis proklamiert in Speyer die Autonome Pfälzische Republik.

    14./15. November Höhepunkt der bewaffneten Auseinandersetzungen im Siebengebirge im Zusammenhang mit der Rheinischen Republik.

    23. November: General Hans von Seeckt verbietet nach Aufstandsversuchen in Deutschland die KPD, die NSDAP und die Deutschvölkische Freiheitspartei.

    27. November Die Regierung der Rheinischen Republik löst sich in Koblenz auf.

    30. November: Wilhelm Marx, Mitglied der Zentrumspartei, wird Reichskanzler.

    Übernahme des bayrischen Heeres in die Reichswehr

  • Leitartikel 1922

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext 

    3. April: Josef Stalin wird Generalsekretär der KPdSU.

    16. April: Vertrag von Rapallo zwischen Deutschland und Russland. Beide Länder verzichten auf den Ersatz der Kriegskosten und -schäden.

    Juni: Hitler wird wegen seiner aufrührerischen Reden zu einer vierwöchigen Gefängnisstrafe verurteilt.

    20. Juni: Ostoberschlesien wird vom Deutschen Reich an Polen abgetreten.

    24. Juni: Der deutsche Reichsaußenminister Walther Rathenau wird von Nationalsozialisten ermordet.

    1. August: Erklärung des britischen Lord President of the Council Arthur Balfour, wonach Großbritannien nur so viel an Reparationen von Deutschland und Kriegsschulden von seinen ehemaligen Verbündeten einfordern werde, wie zur Bedienung seiner eigenen Kriegsschulden bei den Vereinigten Staaten nötig sei.

    11. August: Reichspräsident Friedrich Ebert bestimmt das Lied der Deutschen zur Nationalhymne des Deutschen Reiches.

    4. Oktober: In den Genfer Protokollen wird das Anschlussverbot an Deutschland von Österreich ein weiteres Mal akzeptiert. Im Gegenzug erhält Österreich zur Bewältigung der Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg 650 Millionen Goldkronen aus einer Anleihe des Völkerbundes.

    28. Oktober: Mussolinis Marsch auf Rom, der ihn am 31. Oktober auch an die Macht bringt.

    30. Dezember: Gründung der Sowjetunion

  • Leitartikel 1921

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext 

    5. Januar: Anlässlich drohender Streiks erhöht die deutsche Reichsregierung die Bezüge der Eisenbahner um 55 bis 70 %.

    8. März: Franzosen und Belgier besetzen die Städte Duisburg und Düsseldorf und sichern sich diese als Pfand für die Zahlung der Reparationen.

    19. März: Preußische Polizei wird zur Wiederherstellung der Ordnung in MansfeldHettstedt und Eisleben eingesetzt. Die Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands verlegt deswegen einen ohnehin geplanten Aufstand vor. Die Märzkämpfe in Mitteldeutschland setzen ein.

    20. März: Eine Volksabstimmung in Oberschlesien ergibt überraschend eine Mehrheit von 60 % für Deutschland.

    24. April: Volksabstimmung in Tirol: 98,5 % Stimmen für den Anschluss an das Deutsche Reich. Die Abstimmung hat jedoch keine Folgen.

    3. Mai: Beginn des dritten polnischen Korfanty-Aufstandes in Oberschlesien

    11. Mai: Die deutsche Reichsregierung unter Reichskanzler Joseph Wirth befolgt das unter der Drohung einer Ruhrgebietsbesetzung stehende Londoner Ultimatum der Alliierten vom 5. Mai, das Anlass zum Rücktritt des Kabinetts Fehrenbach war. Die deutschen Reparationen sollen 132 Milliarden Goldmark ausmachen, wie auf der Londoner Konferenz von den Siegern gegen starken deutschen Protest geregelt.

    23. Mai: Deutsche Truppen stürmen unter Generalleutnant Karl Hoefer und britischer Aufsicht den von polnischen Aufständischen besetzten Wallfahrtsort St. Annaberg in Oberschlesien

    29. Mai: Volksabstimmung in Salzburg: 99,5 % Stimmen für den Anschluss an das Deutsche Reich. Die Abstimmung hat jedoch keine Folgen.

    29. Juli: Adolf Hitler wird durch Mitgliederversammlung zum Parteivorsitzenden der NSDAP gewählt. Er bekommt diktatorische Macht und propagiert die Durchsetzung politischer Ziele mitunter auch mit Gewalt.

    12. August: In Berlin wird nach einem Hilfeaufruf Lenins die KPD-nahe Internationale Arbeiterhilfe gegründet, die in Notlagen aus ihrem Spendenaufkommen Unterstützungen leistet.

    26. August: Der Reichsfinanzminister Matthias Erzberger wird bei Bad Griesbach im Schwarzwald Opfer eines der politisch motivierten Fememorde in der Weimarer Republik.

    14. bis 16. Dezember: Bei der Volksabstimmung in Ödenburg entscheidet sich die Stadt Ödenburg für Ungarn.

    Deutsch-Westungarn das seit über 1000 Jahren die überwiegende Zeit zum Königreich Ungarn gehörte, wird entsprechend dem Vertrag von Saint-Germain als Bundesland Burgenland in die Republik Österreich eingegliedert.

  • Leitartikel 1920

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    10. Januar: Der Friedensvertrag von Versailles tritt in Kraft.

    13. Januar: Blutbad vor dem Reichstag. Bei Protesten gegen die Verabschiedung des Betriebsrätegesetzes werden vor dem Berliner Reichstagsgebäude 42 Demonstranten von der Sicherheitswehr erschossen und 105 verwundet.

    4. Februar: Einer Regelung des Versailler Vertrags folgend verlassen die deutschen Behörden das Hultschiner Ländchen. Es fällt an die Tschechoslowakei, obwohl eine überwältigende Bevölkerungsmehrheit nach einer Umfrage beim Deutschen Reich bleiben möchte.

    4. Februar: Das Betriebsrätegesetz wird erlassen. Damit gibt es für Betriebe ab einer Größe von zwanzig Beschäftigten die Verpflichtung, Betriebsräte wählen zu lassen.

    10. Februar: Im ersten Teil der Volksabstimmung in Schleswig stimmt Nordschleswigs Bevölkerung mehrheitlich für die Vereinigung mit Dänemark.

    24. Februar: Die NSDAP wird durch Umbenennung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) im Hofbräuhaus München gegründet.

    12. März: Am späten Abend und in der Nacht marschieren meuternde Reichswehr-Offiziere mit ihren Leuten nach Berlin. Der abgesetzte General Walther von Lüttwitz steuert die Operation, die den Auftakt zum Kapp-Putsch bildet.

    13. März: Artur Mahraun gründet den Jungdeutschen Orden und wird zum Vorsitzenden (Hochmeister) gewählt.

    13.–17. März: Putsch des Generallandschaftsdirektors Wolfgang Kapp, der mit seiner „Brigade Ehrhardt“, einem ehemaligen Freikorps, und einigen Truppenteilen der Reichswehr Berlin besetzt und die Regierung zur Flucht zwingt.

    15. März: Im Deutschen Reich findet als Reaktion auf den Kapp-Putsch der bislang größte Generalstreik statt. 12 Millionen Menschen folgen einem Aufruf verschiedener Organisationen und Parteien. Im Westen bricht sich der Ruhraufstand Bahn.

    1. April: Der Staatsvertrag zur Gründung der Reichseisenbahnen (später Deutsche Reichsbahn) unter der Hoheit des Deutschen Reiches tritt in Kraft.

    2. April: Einheiten der Reichswehr marschieren im Ruhrgebiet ein, um den kommunistischen Ruhraufstand niederzuschlagen, der als Reaktion auf den Kapp-Putsch ausgebrochen ist.

    1. Mai: Schaffung des Landes Thüringen

    9. Mai: Forstrat Georg Escherich gründet in München die „Organisation Escherich“ („Orgesch“).

    Erste Werbeplakate der NSDAP in München. Aufruf zur öffentlichen Parteiversammlung am 11. Mai 1920. Sprecher: Adolf Hitler

    4. Juni: Unterschrift des Friedensvertrags von Trianon.6. Juni: Erste Reichstagswahlen: Weimarer Koalition verliert ihre Mehrheit. Starke Gewinne für USPD und Rechtsparteien (DNVP, DVP).

    15. Juni: Nordschleswig wird nach dem Ergebnis der Volksabstimmungen in Schleswig in der nördlichen Abstimmungszone vom 10. Februar des Jahres dänisch.

    1. Juli: Die Vereinigung des Freistaats Coburg, Teil des vormaligen Doppelherzogtums Sachsen-Coburg und Gotha, mit dem Freistaat Bayern wird vollzogen.

    20. Juli: Die deutsche Regierung erlässt im Hinblick auf den Polnisch-Sowjetischen Krieg ein Waffenembargo und unterstreicht damit ihre Neutralitätserklärung für diesen Konflikt.

    5. August: Der Deutsche Reichstag beschließt mehrheitlich das Entwaffnungsgesetz und befolgt damit eine Verpflichtung aus Artikel 177 des Versailler Vertrags.

    1. Oktober: Das Groß-Berlin-Gesetz tritt in Kraft und macht Berlin zu einer Vier-Millionen-Stadt.

  • Leitartikel 1933

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    4. Januar: Weimarer Republik: Adolf Hitler und Franz von Papen vereinbaren Vorbereitungen für eine Regierungsübernahme.

    30. Januar: Deutsches Reich: (Machtergreifung) Adolf Hitler wird zum Reichskanzler ernannt.

    31. Januar: Deutsches Reich: In Mössingen findet der einzige größere Streik gegen die „MachtergreifungAdolf Hitlers statt.

    1. Februar: Deutsches Reich: Reichstag auf Wunsch Hitlers von Reichspräsident Paul von Hindenburg aufgelöst

    3. Februar: Hitlers erste Ansprache vor Befehlshabern der Reichswehr (Ziel der Außenpolitik: Lebensraum im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung) – Liebmann-Aufzeichnung

    4. Februar: Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes; die Grundrechte der Weimarer Verfassung, insbesondere Versammlungs- und Pressefreiheit werden eingeschränkt

    20. Februar: Geheimtreffen vom 20. Februar 1933 von Hitler mit Industriellen wegen finanzieller Wahlkampfunterstützung

    27. Februar: Reichstagsbrand in der Nacht zum 28. Februar

    28. Februar Reichstagsbrandverordnung

    3. März: Der Vorsitzende der KPD, Ernst Thälmann wird verhaftet.

    4. März: Vereinigte Staaten: Amtseinführung von Franklin D. Roosevelt als 32. US-Präsident

    Österreich: „Selbstausschaltung des Parlaments“, Beginn des Austrofaschismus

    Deutsches Reich: Die SPD-Zeitung Vorwärts erscheint zum letzten Mal.

    5. März: Reichstagswahlen, die NSDAP erreicht über 43 % der Stimmen.

    13. März: Errichtung des Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda

    15. März: Österreich: Der Nationalrat wird von der Bundesregierung mit Waffengewalt am Zusammentreten gehindert.

    20. März: Das Konzentrationslager Dachau wird errichtet.

    21. März: Tag von Potsdam, Staatsakt in der Garnisonkirche

    23. März: Der Deutsche Reichstag verabschiedet das Ermächtigungsgesetz.

    27. März: Japan erklärt seinen Austritt aus dem Völkerbund.

    31. März: Österreich: Die Dollfuß-Regierung verbietet den Republikanischen Schutzbund.

    Deutsches Reich: Im Reichsgesetzblatt wird die Lex van der Lubbe veröffentlicht, ein rückwirkend geltendes Strafgesetz zum Reichstagsbrand.

    1. April: Durch die Nationalsozialisten organisierter Boykott jüdischer Geschäfte, Anwaltskanzleien und Arztpraxen.

  • Der lange Schatten der Revolution

    Michael Brenners Studie untersucht das München der Weimarer Zeit.

    „Im Kaiserreich war München demokratisch und das Asyl all derjenigen im Norden als revolutionär verschrienen Elemente, die der Unduldsamkeit norddeutscher Polizeiorgane weichen mussten. Jetzt ist wiederum München deutscher Asylort. Aber nun für die Vertreter jener alten preußischen Junkerherrschaft, gegen die die Bayern früher nicht genug Sturm laufen konnten.

    Dass Verhältnisse wandelbar sind und politische Systeme nicht unumstößlich, ist heute, angesichts von Frieden seit Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 und dem gefestigten Charakter der bundesdeutschen Demokratie, schwierig zu vermitteln.

    Obiges Zitat aus der Vossischen Zeitung vom Oktober 1923 belegt nur, wie rasch sich das Gesellschaftsgefüge Münchens verändert hatte, von einer modernen, kulturaffinen, in Teilen liberalen Großstadt mit dem Kulminationspunkt Schwabing bei der Ausrufung der Münchner Räterepublik am 7. November 1918 über deren brutale Niederschlagung im Mai 1919 und der Errichtung des reaktionären Regimes durch Gustav von Kahr und der sogenannten „Ordnungszelle Bayern“ 1920/21 bis zum faschistischen Umsturzversuch „Hitlerputsch“ wenige Tage nach Publikation jenes Artikels am 9. November 1923. Das Zitat findet sich in Michael Brenners Studie „Der lange Schatten der Revolution“, der ebendiesen fünfjährigen Zeitraum beleuchtet.

    Ihr Untertitel „Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923“ ist allerdings etwas irreführend. Der Österreicher Hitler lebte zwar seit 1913 und dann ab 1918 erneut in der Stadt. Er war wie viele andere, vom Ersten Weltkrieg versehrte Soldaten extrem antisemitisch geprägt. In den Monaten der Räterepublik trat er jedoch noch nicht politisch in Erscheinung. Mutmaßlich erledigte er für das bayerische Militär Spitzeldienste und überwachte pazifistische Aktivisten. Seine Spuren im München von 1918/19 sind spärlich und der Autor geht auch nur am Rande auf diese ein.

    Was Brenner in „Der lange Schatten der Revolution“ jedoch sehr überzeugend darstellt, sind die allgemeinen antijüdischen Tendenzen in Bayern, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg virulent sind und nach dem gewaltsamen Ende der Räterepublik verstärkt hervortreten. Warum Juden so zahlreich in den Räten aktiv waren, hat mit ihrer gesellschaftlichen Diskriminierung zu tun: „Viele von ihnen erblickten im Sozialismus eine Möglichkeit, ihrer eigenen sozialen Notlage zu entkommen“, schreibt Brenner. Ab 1871 waren sie im Deutschen Reich zwar rechtlich gleichgestellt und auch in den Parlamenten vertreten, wurden aber nur im linksliberalen und linken Lager akzeptiert. Vor 1914 gab es bei den Sozialdemokraten die meisten jüdischen Abgeordneten, während die Mehrheit der jüdischen Wähler für konservative Parteien stimmte. Auch in München und Bayern war die große Mehrheit der jüdischen Bürger konservativ eingestellt und betrachtete die Entwicklungen nach der Ausrufung der ­Räterepublik mit Sorge.

    Hetze und Verunglimpfung

    Als sich Kurt Eisner am 7. November 1918 zum Ministerpräsidenten Bayerns ernannte und den Freistaat begründete, wurde er damit überhaupt zum ersten jüdischen Repräsentanten an der Spitze eines deutschen Landes. Sofort wurde er mit antisemitischer Hetze überzogen. Thomas Mann schrieb im Frühjahr 1919 vom „Typus des russischen Juden, des Führers der Weltbewegung, dieser sprengstoffhaften Mischung aus jüdischem Intellektual-Radikalismus und slawischer Christus-Schwärmerei“. Und verlangte, mit „standrechtlicher Kürze gegen diesen Menschenschlag“ vorzugehen. Manns antisemitische Einlassung wirkt angesichts von völkischen Hetzern, die den gebürtigen Berliner Journalisten und Politiker Eisner und den gebürtigen Karlsruher Philosophen Gustav Landauer unisono als „galizische Juden“ verunglimpften, eher noch gemäßigt. Wie Brenner anhand von Zahlen belegt, lebten damals wenige Hundert aus Galizien eingewanderte Juden in München, die dann zum Teil tatsächlich aus Bayern ausgewiesen wurden. Sie hielten als Feindbild her.

    Verunglimpfung und Bedrohung hatten System. Sofort wurden die Räterevolutionäre in der völkischen Propaganda als „landfremde Elemente“ bekämpft. Auch nach Niederschlagung der Räterepublik blieben die Stereotype: Vergewaltiger, Wucherer, Christusmörder, das ganze Arsenal antisemitischer Begriffe kam zum Einsatz. Brenners Buch liefert viele unappetitliche Fundstücke: So stürmten rechte Studenten im Dezember 1919 eine Aufführung von Frank Wedekinds Theaterstück „Schloss Wetterstein“ in den Münchner Kammerspielen, verprügelten jüdisch aussehende Besucher:innen, riefen „Hurenstall“ und „jüdische Schweinebande“. Die Polizei ließ daraufhin das Stück absetzen, nicht etwa die Schläger verfolgen. Münchens Weg hin zur „Hauptstadt der Bewegung“ verdeutlicht Brenner mit zahlreichen Fakten. Ursache (Aussagen von rechten Politkern) und Wirkung (Gewalt) werden anschaulich. Bereits im September 1923 wurden Juden in München auf offener Straße verprügelt, werden Synagogenfenster zerdeppert. Zu diesem Zeitpunkt hatten viele prominente Schriftsteller und Künstlerinnen die Stadt bereits Richtung Berlin verlassen.

    Was „Der lange Schatten der Revolution“ abhebt von den bisherigen Analysen der Räterevolution, ist ein Perspektivwechsel, den sein Autor, Professor für Jüdische Geschichte in München und Direktor des Center for Israel Studies in ­Washington, vornimmt. Michael Brenner zeigt „zumeist ausgeblendete Aspekte“, etwa, wie heterogen die jüdische Bevölkerung der bayerischen Landeshauptstadt war. In München lebten Zionisten, Liberale, aber auch Monarchisten sowie ultrakonservative Nationalisten jüdischen Glaubens. Und Brenner lässt sie in seinem Buch alle zu Wort kommen; anhand von Zeitungsartikeln, Justizakten und Tagebucheinträgen belegt er, wie sie von rechten Kräften drangsaliert wurden. Wie sich Antisemitismus in politischen Kreisen und auch in breiten Bevölkerungskreisen Bahn brach. Wie unterschiedlich Juden andererseits die Impulse und Ideen der Räterevolutionäre beurteilten.

    Zunächst platziert der Historiker jedoch kurze biografische Porträts derjenigen jüdischen Akteure, die Anteil an der Ausrufung Bayerns zum Freistaat hatten: Kurt Eisner, Gustav Landauer, Felix Fechenbach, Sonja Lechner, Erich Mühsam suchten ihr Heil in einer fortschrittlichen linken und – nach Kriegsausbruch 1914 – pazifistischen Politik. Die Genannten charakterisiert Brenner als „gottlose Juden“, weil sie entweder nicht sehr religiös geprägt waren oder nie öffentlich mit ihrer Herkunft argumentiert haben. Am Beispiel Gustav Landauer erklärt Brenner sehr anschaulich dessen lebenslange intensive Auseinandersetzung mit seinen Wurzeln. Und mit dem Schriftsteller Erich Mühsam, der penetrant auf seine jüdische Herkunft reduziert wurde, zeigt Brenner, wie gelassen dieser auf solche Anwürfe reagiert hat. „Daß ich Jude bin, betrachte ich weder als Vorzug, noch als Mangel; es gehört einfach zu meiner Wesenheit wie mein roter Bart, mein Körpergewicht oder meine ­Interessen-Veranlagung“, antwortete Mühsam auf einen öffentlichen Brief des orthodoxen ­Juden Siegmund ­Fraenkel in den Münchner Neuesten Nachrichten.

    Dass Brenners Buch auch aktuell von Interesse ist, nicht nur wegen des Andenkens an die Räterevolution 100 Jahre danach, steht außer Frage: Die Bedrohung durch den Antisemitismus ist weiterhin ernst zu nehmen. Im München gab es 2019 eine Zunahme von antisemitischen Straftaten. Beunruhigend stimmt besonders die Tatsache, wie offen, wie frech Rechtsextreme zu Werke gehen, wie mühsam der Kampf gegen die tägliche Bedrohung ausfällt, wie wenig Resonanz dies in der breiten Bevölkerung findet. Geradezu ungeheuerlich mutet die Nachricht an, dass der gebürtige Österreicher Harald Z. vor wenigen Tagen einen „germanischen Arbeiterverein“ in München gründen wollte, in einem Wirtshaus in der Münchner Innenstadt, in dem sich vor 100 Jahren schon einmal ein nationalsozialistischer Arbeiterverein gründete, der das Hetzblatt Völkischer Beobachter herausgab. Dies konnte mithilfe des Wirts, einigen Gegendemonstranten und der anwesenden Polizei verhindert werden.

    Brenners Buch liefert sehr viel historisches Anschauungsmaterial zum Thema Antisemitismus, das auch für aktuelle Debatten bedeutsam ist. Zudem füllt seine Untersuchung eine Leerstelle zur jüdischen Seite der Münchner Räterepublik und räumt mit falschen Behauptungen auf. Während die Herkunft der Revolutionäre von der Linken oftmals heruntergespielt wurde oder schlichtweg übersehen, argumentierte die konservative Geschichtsschreibung auch nach 1945 noch mit Klischees und falschen Kausalitäten: Selbst renommierte Historiker wie Golo Mann vertraten die These, die jüdische Herkunft von Kurt Eisner, Gustav Landauer und Erich Mühsam seien direkt für das Aufkommen des Antisemitismus mitverantwortlich. Brenner belegt, dass es Antisemitismus in Bayern längst gab, bevor die Räterevolutionäre in München tätig waren, und wie er sich nach 1919 zunehmend radikalisierte.

    Michael Brenner: „Der lange Schatten der Revolution. Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923“. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 400 Seiten, 28 Euro

    Quelle: taz vom Dienstag, 14.01.2020, Seite 15

  • Abraham Gumbel gestorben

    — Jg. 1931, Nr. 1 —

    Mit 78 Jahren ist in Heilbronn mein Onkel Abraham Gumbel, den Lesern dieser Zeitung als „Emel“ bekannt, sanft in das Land gegangen, aus dem es keine Wiederkehr gibt. lm Dorfe Stein am Kocher, wo unsere Ahnen seit über 200 Jahren ansässig waren, ist er geboren, in Heilbronn bestattet. Mit ihm starb einer der wenigen unabhängig denkenden, freien Menschen, die unser angebliches „Land der Dichter und Denker“ aufzuweisen hat.

    Schon unter dem Sozialistengesetz hat er gezeigt, daß die herrschende Meinung, d. h. die Meinung der Herrschenden, ihn nicht beeinflußt, das Geschrei der Straße ihn nicht berührt hatte. Er war eng und nah dem Heimatboden verwurzelt und gerade deswegen ein überzeugter Europäer. So verstand er die heimische Erde, das Volk, die Scholle zu lieben, und die Herren, die säbelrasselnden Habebald und Eilebeute, die Vaterlandspartei und die „angestammten“ Fürsten anzuklagen.

    Im Jahr 1914, als sein Sohn gefallen war, wandte er sich der Kriegsschuldfrage zu. Mit ungeheurem Eifer, Fleiß und Nachdruck vertrat er die Theorie, die er mit immer neuen Dokumenten zu belegen verstand, daß das deutsche Volk unschuldig sei, daß aber die volle Alleinschuld auf den Berliner Hof treffe. Seinem profunden Wissen der ganzen diplomatischen Aktenstücke wurde das Bild der Entstehung des Krieges immer einfacher. In zahlreichen Artikeln hat er dies belegt und manche Polemik durchgehalten.

    Während des Krieges hoffte er auf eine geistige Revolution, die das alte Regime und alle, die den Krieg bejaht hatten, mit Stumpf und Stiel ausrotten sollte. Nach der Niederlage, die er immer hatte kommen sehen, vertrat er den Standpunkt Eisners, daß nur ein neues Deutschland einen gerechten Frieden erringen könnte. Eine Bekämpfung des Versailler Vertrags war ihm nur auf dieser Grundlage möglich. Die Beteuerung der Unschuld für die Männer von 1914 bekämpfte er als verschleierte Propaganda zur Wiederherstellung der Monarchie und der Schichten, die in ihr geherrscht hatten. In diesem Sinne arbeitete er mit an der Fürstenenteignung.

    Als die Gelehrten und „Fachleute“ in der Inflation genau so versagten wie während des Krieges und sie auf die Reparationen oder gar die passive Handelsbilanz zurückführten, zeigte er die einfache Wahrheit: die Inflation kommt vom Zetteldrucken. Ohne Erfolg verlangte er die Zerstörung der Notenpressen. Schon früh erkannte er auch die ungeheure Gefahr des Nationalsozialismus.

    Er blieb ein Prediger in der Wüste. Nur im engen Kreis seiner schwäbischen Heimat hat er gewirkt. Mir hat er mehr gegeben als irgend ein anderer Mensch. Er liebte die Wahrheit; er war aufrecht und frei. Sein Leben war voller Mühe, sein Tod ohne Schmerz.

    E. J. Gumbel 

  • Abraham Gumbel

    Abraham Gumbel

    Revolutionärer Bankier, Sozialdemokrat und Pazifist

    Abraham Gumbel war Mitbegründer des sozialdemokratischen Ortsvereins und der Volksbank. Außerdem führte er die Heilbronner Friedensbewegung an. Der Mann, der tiefe Spuren hinterließ, war lange Zeit vergessen.

    Artikel aus der Heilbronner Stimme vom 17. August 2019 von Christian Gleichauf

    Wenn der Sohn eines bekannten Bankiers als linker Aktivist unterwegs ist, dann mag man das als jugendlichen Idealismus abtun. Wenn dieser Sohn später auch als Banker sich für eine Börsensteuer stark macht, als Bankchef die von ihm geführte Bank für einfache Leute öffnet, weiter politisch Stellung bezieht und in einer bewegten Zeit das amtierende Staatsoberhaupt öffentlich angreift, dann ist das schon äußerst unkonventionell. Der revolutionäre Banker hieß Abraham Gumbel und genoss Anfang des 20. Jahrhunderts im gesamten Unterland höchstes Ansehen. Mitgründer der SPD in der Stadt, Finanzier einer neuen Zeitung, Gründer der Volksbank, Anführer der Friedensbewegung. Die Frage ist: Warum ist er über so viele Jahrzehnte in Vergessenheit geraten?

    Ulrich Maier hat vor sechs Jahren für die Reihe „Heilbronner Köpfe“ einen Beitrag über Abraham Gumbel geschrieben. Der ehemalige Deutsch- und Geschichtslehrer am Weinsberger Justinus-Kerner-Gymnasium, der inzwischen in Sipplingen lebt, hat für das lang anhaltende Desinteresse nur ansatzweise eine Erklärung: „Er war unbequem.“ Was Maier aus den Archiven zutage förderte, ließ aber auch ihn aufhorchen.

    Gumbel stammte aus einer jüdischen Familie. Sein Großvater, der ebenfalls Abraham hieß, war Wirt des „Schwarzen Adlers“ in Stein am Kocher. Dessen Sohn Isaak machte mit Bankgeschäften sein erstes Geld und zog 1860 mit seiner Familie nach Heilbronn, wo er die Bürgerrechte erhielt und die ehemalige Herberge zur Krone direkt am Marktplatz neben der Kilianskirche kaufte. Dort, wo einst schon Götz von Berlichingen gelebt haben soll, gründete Isaak Gumbel gemeinsam mit seinem Bruder Moses, der sich Max nannte, eine Bank.

    Ab dem 15. Jahrhundert hatten Juden keine Chance mehr, in Heilbronn Fuß zu fassen. Das hatte sich erst mit den sogenannten Emanzipationsgesetzen und der rechtlichen Gleichstellung der Juden in Württemberg 1828 geändert. Die neuen Rechte wusste Gumbel selbstbewusst zu nutzen, wollte sich aber auch in die Gesellschaft eingliedern – „wie viele Juden zu jener Zeit“, betont Ulrich Maier. Vieles ging allerdings weit über den üblichen Versuch der „Assimilation“ hinaus.

    Nach seinem Besuch des Karlsgymnasiums arbeitete Abraham in der Bank seines Vaters. Nebenbei gründete er 1877 gemeinsam mit einem gewissen Schreinermeister Gustav Kittler einen sozialdemokratischen Ortsverein und war somit Mitbegründer der SPD in der Region. Ein Jahr später verfasste er ein Flugblatt, für das Kittler sogar mehrere Wochen ins Gefängnis ging.

    Nach einigen Jahren in Reutlingen und wahrscheinlich auch in Paris kehrte Gumbel 1887 zurück nach Heilbronn, wo er erst einmal aus der SPD austrat. „Jude und Sozialist, das wäre nach Ansicht des Vaters damals wohl etwas zu viel gewesen“, vermutet Ulrich Maier. Trotzdem blieb Gumbel den Genossen im Hintergrund verbunden.

    Auch als Bankier hielt sich Abraham Gumbel nicht an Konventionen und Erwartungshaltungen. Schon vor seiner Rückkehr nach Heilbronn hatte er sich in einem Artikel für die 1885 eingeführte Börsensteuer ausgesprochen – und damit eine Debatte in der SPD losgetreten, die diese Steuer schon deswegen ablehnte, weil Reichskanzler Bismarck sie eingeführt hatte. Solcherlei Ideologie schien Gumbel fremd, selbst wenn sie indirekt auch das Geschäft der eigenen Familie betraf.

    Isaak Gumbel hielt Abraham trotz oder auch wegen dieser Überzeugungen für den geeigneten Nachfolger als Bankchef. Und Abraham machte nach Übernahme der Geschäfte 1889 seine frischvermählte Frau Elise gleich zur Prokuristin.

    Die Linie des Vaters führte er fort, indem er Spekulationsgeschäfte ablehnte. Das wurde zu einem Pluspunkt, als 1901 die Heilbronner Gewerbebank infolge von Spekulationsverlusten zusammenbrach. Ausdrücklich schloss das Bankhaus „Gumbel am Markt“ solche Spekulationsgeschäfte aus – und es war nicht zu seinem Nachteil. Die Geschäfte liefen gut. Abraham Gumbel ließ 1906 das alte Geschäftshaus neben der Kilianskirche abbrechen und durch einen imposanten Neubau ersetzen.

    Nach einer kurzen Liaison mit einem Stuttgarter Bankhaus und der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft entschied sich Gumbel für einen anderen Weg: Er trennte sich vom Partner und firmierte seine Privatbank in den „Heilbronner Bankverein“ um: Ab jetzt können sich erstmals Privatleute an einer Heilbronner Bank beteiligen. Rund 100 Kapitalgeber brachten das Stammkapital von 600.000 Mark auf.

    Der Erste Weltkrieg begann für die Familie – Abraham und Elise Gumbel hatten zwei Söhne und eine Tochter – mit dem Tod des ältesten Sohnes Max in den ersten Kriegswochen. Ein Schicksalsschlag, der Gumbel in seiner pazifistischen Grundeinstellung bestärkte. Innerhalb weniger Jahre wurde er zum „führenden theoretischen Kopf“ der Deutschen Friedensgesellschaft in Heilbronn.

    Auch publizistisch blieb Abraham Gumbel aktiv. Mit seiner finanziellen Unterstützung hatte die SPD 1908 das „Neckar-Echo“ gegründet – übrigens, schon da wurde die Finanzierung der Druckerei genossenschaftlich organisiert. Mit dem Chefredakteur der linken „Sonntags-Zeitung“ Erich Schairer (der nach dem Krieg Chefredakteur der „Stuttgarter Zeitung“ wurde) verband ihn ein enges Verhältnis. In verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften bezog er Stellung gegen die in der übrigen Presselandschaft geleugnete deutsche Kriegsschuld. Gumbel nahm unter dem Pseudonym Emel kein Blatt vor den Mund. Als er 1924 bei der nationalliberalen Deutschen Volkspartei dazu sprechen wollte, wurde er niedergebrüllt, seine Ausführungen als „kommunistisch“ beschimpft.

    Dabei ging es Abraham Gumbel nicht nur um die akademische Frage, wie der Erste Weltkrieg ausbrechen konnte. Er fürchtete einen neuen Krieg, das Erstarken der monarchistischen und nationalistischen Kräfte. Wie recht er behalten sollte. 1930 starb er im Alter von 78 Jahren allerdings, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Begraben wurde er auf dem Hauptfriedhof. Die Volksbank ließ 1960 die Ruhezeit noch einmal um 15 Jahre verlängern. Doch als diese 1975 abgelaufen war, hatten offenbar weder SPD noch Friedensbewegung ein Interesse daran, was daraus wird. Die Volksbank gab das Grab 1975 zurück. Es sollte noch mehr als 30 Jahre dauern, bis der Name Abraham Gumbel wieder in Erinnerung gerufen wurde. 2013 wurde mit dem Neubau der Volksbank an der Allee der Abraham-Gumbel-Saal eingeweiht.

    […]

    Quelle: Artikel in der Heilbronner Stimme vom 17. August 2019 von Christian Gleichauf, https://www.stimme.de/heilbronn/nachrichten/region/Abraham-Gumbel-Revolutionaerer-Bankier-Sozialdemokrat-und-Pazifist;art140897,4236933

    Siehe auch: http://erich-schairer.de/abraham-gumbel-gestorben/

    sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Gumbel

  • Denkmal der Schande

    Der Schriftsteller Arnold Zweig sagte schon 1925 von den Büchern Emil Julius Gumbels (1891–1966), sie würden „in die Blutkeller der deutschen Reaktion hineinleuchten“. Wie richtig Zweig damit lag, ist am Lebensweg Gumbels, Mathematiker in Heidelberg, Statistiker und politischer Publizist, abzulesen. Eine kleine, aber sehr kenntnisreich dokumentierte Ausstellung im Universitätsmuseum in Heidelberg verfolgt dessen Lebensweg mit Fotos, Kurzbiografien, persönlichen Dokumenten und Akten. Von der liberalkonservativen Heidelberger Professorenschaft bis zu den Nationalsozialisten hat man Gumbel seine Anklagen gegen die deutschnationale Reaktion, den rechten Nationalismus, die Reichswehr und den Nationalsozialismus nicht verziehen und nicht vergessen.

    In der Eingangshalle des Museums sind auf einer Bronzetafel die Namen der „unter der nationalsozialistischen Diktatur entrechteten und vertriebenen Hochschullehrer“ verzeichnet. Gumbels Name fehlt, dafür wird Arnold Bergstraesser (1896–1964), einer der Begründer der Politikwissenschaft nach 1945, genannt, der zwar wegen seiner jüdischen Vorfahren 1937 ins Exil musste, aber schon 1954 wieder auf seinen Lehrstuhl in Heidelberg zurückkehren konnte.

    […]

    Den ganzen Artikel von Rudolf Walther aus der taz vom 20.08.2019 finden Sie hier: https://taz.de/Archiv-Suche/!5616155&s=&SuchRahmen=Print/

    Siehe auch Emil Julius Gumbels Artikel aus der Sonntags-Zeitung, Jg. 1922, Nr. 20: „Ungesühntes Blut“ – Zur Soziologie der politischen Morde in Deutschland.

    UNIVERSITÄTSMUSEUM ZEIGT AUSSTELLUNG ZU EMIL JULIUS GUMBEL
    https://www.uni-heidelberg.de/de/newsroom/statistiker-pazifist-publizist

    KRIEG GEGEN EINEN PAZIFISTEN – IN DER WEIMARER REPUBLIK ERSCHÜTTERTE DER „FALL GUMBEL“ DIE UNIVERSITÄT HEIDELBERG
    https://www.uni-heidelberg.de/de/universitaet/heidelberger-profile/historische-portraets/krieg-einen-pazifisten

    Ausstellung: „Emil J. Gumbel (1891–1966) – Statistiker, Pazifist, Publizist“. Universitätsmuseum Heidelberg. Bis 19. Oktober 2019. Kein Katalog.

    Buch: Eine Schrift von Emil Julius Gumbel mit dem Titel: „Verräter verfallen der Feme. Opfer/Mörder/Richter 1919–1929“ erscheint demnächst im Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin.

  • Die Abfindung

    — 5. Jg. 1924, Nr. 39 —

    Die Hohenzollern, denen es bekanntlich sehr schlecht geht, führen einen Rechtsstreit, um von der deutschen Republik eine Jahresrente von 1 1/2 Millionen herauszuschlagen. Sie glauben einen berechtigten Anspruch darauf zu haben, daß das Volk, das sie in die Tinte geritten haben, dafür auch ordentlich bleche. Damit sie standesgemäß weiterleben können. „Standesgemäß“, d. h. wie es ihnen paßt, vor allem aber ohne durch das entwürdigende Mittel der Arbeit das tägliche Brot herbeischaffen zu müssen.

    1 1/2 Millionen sind für die vielköpfige Familie (Gottes Segen lag ja immer auf dem Hause Hohenzollern — wenigstens in puncto Fruchtbarkeit) vielleicht nicht sehr viel. (Wie sie’s nun mal zu treiben gewöhnt sind.) Immerhin liegt ein derartiges Einkommen einige Grade über dem Existenzminimum. Man kann schon mit viel weniger auskommen, wenn es sein muß. Da hat z. B. erst vor kurzem Berlin der verarmten Tochter des großen Chirurgen Virchow, der Ehrenbürger der Stadt war, eine widerrufliche Monatspension von 225 Goldmark bewilligt. Nun, Virchow hat ja auch nur für die Erhaltung von Menschenleben gearbeitet; diese Tätigkeit steht weniger hoch im Kurs als die andere: Menschen zu Millionen in den Tod zu hetzen. Es ist also recht und billig, wenn die Hohenzollern, die alles in allem an die fünfzig Leute sind, ein paar hundertmal mehr bekommen.

    Hoffentlich, so muß man sich sagen, verfällt nicht diese Republik auf die Idee, nach dem bismärckisch-hohenzollernschen Prinzip, das bei der Einverleibung des Königreichs Hannover durch Preußen zur Anwendung gebracht worden ist, das Eigentum der verflossenen „Herrscher“ einfach für verfallen zu erklären und aus Gnade eine mäßige, bescheidene Abfindung zu schenken. Denn wovon wollten dann die armen Leute die Propaganda für ihre Wiedereinsetzung bezahlen?

    Ix

  • Zur Strecke gebracht

    Zur Strecke gebracht

    — Jg. 1924, Nr. 51 —

    Am 19. September 1902 ließ Wilhelm II. auf der Grimnitzer Heide ein Denkmal errichten, das vermeldete, daß er hier den 200. Hirsch „zur Strecke gebracht“ habe. 

    Im Jahre 1900, beim Streik der Straßenbahnangestellten in Berlin, schickte Wilhelm II. an das Kommando des Gardekorps ein Telegramm, in dem es hieß: „Ich erwarte, daß beim Einschreiten der Truppen mindestens 300 Leute zur Strecke gebracht werden.“ 

    Am 16. August 1888 hatte er in Frankfurt an der Oder bei einer Denkmalseinweihung gesagt, er werde „lieber unsere gesamten 18 Armeekorps und 42 Millionen Deutsche auf der Strecke liegen lassen“, als einen einzigen Stein von dem abtreten, was sein Vater und Prinz Friedrich Karl (1870) errungen hätten. 

    November 1918 ist der große Jägersmann nach Holland gereist. Auf der Strecke lagen 50 Armeekorps: 2 Millionen Deutsche.

  • Verblendet

    Verblendet

    – Jg. 1924, Nr. 18 vom 4. Mai – 

    Neuen Katastrophen entgegen?

    von Heinrich Ströbel

    Die unheilvollen Kräfte, die Deutschland seit zehn Jahren ins Verderben gestürzt, rumoren unheimlich weiter. Es scheint, als ob die Masse dieses Volkes aus den blutigen und tragischen Lehren seiner Vergangenheit nicht das Mindeste gelernt habe. Vor allem nicht die Schicht, die einst selbst von sich rühmte, daß sie „Bildung und Besitz“ repräsentiere. Nicht die leiseste Erkenntnis ist ihr aufgedämmert, daß an dem Unglück Deutschlands nichts anderes die Schuld trägt, als der schrankenlos herrschende Gewaltkult, der zum Fanatismus gewordene Glaube an die Machtpolitik. Noch heute, und gerade heute wieder, sucht man die Ursache für die Weltkatastrophe und den Zusammenbruch Deutschlands überall sonst, in der Einkreisungspolitik des „Feindbundes“, in der Unzulänglichkeit der Heeresvorlage von 1912, nur nicht da, wo sie zu finden ist: in der stupiden und brutalen Vorstellung, daß Deutschland durch Waffengewalt die Vormacht in Europa an sich reißen könne. Und doch war es diese Wahnidee, die den Weltkrieg provozierte. Wie leicht wäre der europäische Frieden zu erhalten gewesen, wenn Deutschland sich mit England verständigt hätte, statt alle großen Nachbarstaaten gegen sich aufzubringen. Aber man glaubte mit der bestorganisierten Armee der Welt aller Welt Trotz bieten zu können.

    Und ein Besessener dieses bewußt-militaristischen Machtwahns und während des letzten Jahrzehnts dessen sichtbarste Verkörperung war Ludendorff. Ein Soldat, der sein Handwerk vielleicht so gründlich beherrschte, wie irgend einer seiner Zeitgenossen, der aber zum Fluch seines Landes wurde, weil er alles Volks- und Völkerleben nur unter dem Gesichtswinkel des Soldaten betrachtete. Ohne jedes Verständnis für die sozialen, kulturellen und moralischen Kräfte des zeitgenössischen Lebens, dachte er nur in Divisionen, Batterien und U-Booten, in Durchbrüchen, Umgehungsmanövern und Vernichtungsstrategie. Aber da die Komponenten und Exponenten des Weltgeschehens sich nun einmal nicht auf die simple militaristische Formel bringen ließen, konnte die Rechnung Ludendorffs schließlich unmöglich stimmen. Er brachte nun alle Welt gegen Deutschland auf, entfesselte unwiderstehliche Gegenkräfte und verspielte Deutschlands Zukunft. An dem Zusammenbruch des Jahres 1918 ist er der wahre Schuldige.

    Ja, die militärische Niederlage Ludendorffs wäre noch viel fürchterlicher gewesen, wenn nicht die Revolution für den schmählich geschlagenen Oberkommandierenden und seine unaufhaltsam zurückweichende, halb aufgelöste Armee die strategische Entlastung gebracht hätte. Nur die Ausrufung des deutschen Volksstaates hinderte die Entente-Mächte daran ihren Sieg militärisch bis aufs Äußerste auszunutzen und die zurückflutenden deutschen Truppen völlig zu vernichten, Franzosen und Amerikaner waren in Stärke von 50 Divisionen bereitgestellt, um östlich von Metz den tödlichen Flankenstoß gegen die deutschen Heerestrümmer zu unternehmen, ebenso viele französisch-amerikanische Truppen sollten folgen. Es war ein namenloses Glück für Deutschland, es rettete hunderttausenden Deutscher das Leben, daß dieser Angriff infolge des Waffenstillstandes unterblieb. Hätte Ludendorff diesen letzten Stoß aushalten müssen, so wäre es nicht nur um seinen Feldherrenruhm geschehen gewesen, sondern auch die blödsinnige Dolchstoß-Legende wäre ihm sicherlich im Halse stecken geblieben!

    Nur weil Ludendorff, die deutsche Militärkaste und die ganze deutsche Reaktion dank einer unverdienten Schicksalsfügung vor den letzten, schmählichsten Folgen ihrer brutalen Wahnsinnspolitik bewahrt blieben, nur weil die Revolution ihnen die Konsequenzen der militärischen Niederlage, die Unterwerfung unter den Versailler Friedensvertrag usw. abnahm, konnte der nationalistische Dünkel sich nur zu bald wieder in seiner ganzen Unverfrorenheit aufblähen.

    Wenige Wochen erst waren seit dem militärischen Niederbruch, seit der blamablen Abdankung und Flucht Ludendorffs vergangen, und schon regte sich in Deutschland wieder der alte Geist. Die junge Heeresmacht der Republik wurde der Leitung wilhelminischer Generale unterstellt, und gerade der sozialistische Führer, in dem der Geist des ehrlichen Bekennermutes und der Völkeraussöhnung am stärksten lebendig geworden war, Kurt Eisner, fiel von der Hand eines nationalistischen Mörders, den die chauvinistische Hetze der alten Kriegsverbrecher erst zu seiner Untat aufgestachelt hatte.

    Wie sich dann im Laufe der Zeit die alte Geistesverfassung des deutschen Volkes wieder einstellte, ist ja allen Sehenden nur zu bekannt. Wir erlebten die verschiedenen Stadien der „Erfüllungspolitik“, die ja nichts war, als die systematische Nichterfüllung. Erzberger wollte noch so viel Steuern aufbringen, um nicht nur die eigenen Staatsausgaben, sondern auch die Reparationsverpflichtungen decken zu können. Aber die ganz bewußt herbeigeführte und gesteigerte Inflation, die eine märchenhafte Vermögensansammlung und die abenteuerlichste Steuerhinterziehung der Industriellen und Schieber ermöglichte, führte mit eherner Notwendigkeit zum Bankerott des deutschen Reiches und zum Bankerott der Reparationspolitik. Die Jahre hindurch beharrlich betriebene Nichterfüllungspolitik reizte die französischen Gewaltpolitiker hinwiederum zur Ruhrbesetzung an. Die Ruhrbesetzung aber entflammte erst recht den deutschen Nationalismus. Die „verbotenen“ Geheimbünde erlangten eine ungeheure Ausbreitung. Der passive Widerstand schlug häufig genug in den aktiven um. Schlageter wurde zum Volkshelden der Nationalisten und — Kommunisten!

    Und hinter dem aktiven Widerstand, der sich zur Volkserhebung und zum Befreiungskrieg gegen Frankreich auswachsen sollte, standen Hitler und Ludendorff, der längst wieder das Idol aller Nationalisten, der künftige Befreier Deutschlands geworden war. Schon bei seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsausschuß im Jahre 1919 hatte man ihm stürmische Ehrungen bereitet, und wie groß inzwischen seine Volkstümlichkeit geworden war, bewies ja in München neben dem Hackenzusammenschlagen sämtlicher Offizierszeugen und dem Zujauchzen der Völkischen, die aus Devotion und Revanchegeist geborene Freisprechung dieses Hauptschuldigen.

    Kein Zweifel: Ludendorff hält sich noch immer für den Oberstkommandierenden des neu entbrennenden Weltkrieges und starke Teile des deutschen Volkes teilen seinen Glauben. Und die Franzosen sind eine viel zu intelligente Nation, um diese Zeichen der Zeit nicht zu erkennen. Sie erkennen sie sogar früher, als manche Deutsche selbst. So sagte General Buat schon 1920 voraus, daß Ludendorff der Organisator der Konterrevolution und des Revanchekrieges sein werde. Aus seinen Gesichtszügen, dem eckigen Doppelkinn, den übermäßig starken Wangen las er die unerbittliche Willensenergie, die Härte, um nicht zu sagen die Rohheit des Mannes ab, der vor keinem Mittel zurückschrecke, das ihn zum Ziele zu führen schien, das sein unmäßiger Hochmut gesteckt habe. „Nein, gewiß“, schrieb Buat, „der gibt sich nicht in die Lage, der wird sich nie dreingeben. Wer weiß, ob es in den Unruhen, die uns die Zukunft vorbehält, keinen Platz für einen deutschen Diktator geben wird, und vielleicht sogar für einen europäischen? … Ludendorff ist der Mann, der fähig ist, die Rolle zu spielen… Wir werden noch einmal von ihm sprechen hören.“ Und Ludendorff hat sich beeilt, seinem französischen Porträtisten die Lebensechtheit seiner Zeichnung zu bestätigen.

    Man kann sich deshalb vorstellen, wie das Auftreten der Hitler und Ludendorff, und wie vor allem die Freisprechung dieser Organisatoren des Revanchekrieges auf Frankreich wirken muß. Denn auch Hitler ist, durch Gewährung der Bewährungsfrist, faktisch freigesprochen worden. Wie er sich „bewähren wird“, haben ja seine Drohreden vor Gericht bewiesen. Und die Wirkung dieses Prozesses muß noch vertieft werden, durch den Ausgang des Prozesses Zeigner. Denn das unerhörte Urteil gegen Zeigner bildete nur die Ergänzung des Hitler-Ludendorff-Prozesses. Kamen die Hitler und Ludendorff straffrei davon, weil der Hochverrat gegen die Republik und die Vorbereitung zum Revanchekrieg dem deutschen Bürgertum als patriotische, gottwohlgefällige Dinge gelten, so wurde der ehemalige sozialdemokratische Ministerpräsident Zeigner unter brutalster Mißachtung aller Entlastungs- und Strafmilderungsmomente zu mehrjähriger Gefängnisstrafe und zum Verluste der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt, weil seine ganze Tätigkeit der demokratischen Unterpfeilerung der Republik und der Bekämpfung der militärischen Geheimorganisationen gegolten hatte. Die unglaubliche Freisprechung in München und das skandalöse Verdikt in Leipzig erklären sich nur aus der gleichen nationalistischen Verblendung.

    Daß Zeigner das Opfer des in Deutschland besonders stark entwickelten moralischen Feingefühls geworden sei — schon dieser Gedanke ist die blutigste Satire. An welches Maß von politischer Korruption haben wir uns in Deutschland gewöhnen müssen! Erzberger überragte sicherlich das Unterholz seiner Partei um ein Beträchtliches, aber daß er Politik und Privatgeschäfte in der bedenklichsten Weise vermengte, kann auch der nicht bestreiten, der seine Ermordung für die niederträchtigste Schurkerei hält. Und doch wäre dieser Erzberger längst wieder in Amt und Würden, wenn ihn nicht das Mörderblei niedergestreckt hätte. Oder ist Herr Hermes etwa dadurch zum Rücktritt von seinem Ministerposten gezwungen worden, daß ihm vor Gericht die eindeutigsten Weinkaufsgeschichten nachgewiesen wurden? Und sind nicht unlängst einem Staatssekretär und obendrein hohem Justizbeamten (Welsmann, d. R.) Dinge angehängt worden, die früher nicht ohne schwerste Folgen für den Beschuldigten oder den Beschuldiger geblieben wären?

    Nur Zeigner, der unbeugsame Demokrat, der rücksichtslose Gegner der vertrags- und gesetzeswidrigen Waffenbünde, wurde niedergehetzt und durch einen Justizmord politisch und menschlich vernichtet. Ja, die nationalistische Verfolgungswut ist damit nicht einmal zufrieden: ist doch gegen Zeigner jetzt auch noch die Anklage wegen Landesverrats erhoben worden, begangen durch jene Reden im Volkshaus und im sächsischen Landtag (!), in denen behauptet wurde, daß zwischen der Reichswehr und gewissen rechtsradikalen Geheimorganisationen enge Beziehungen beständen. Unter den mehr als 1300 Landesverratsprozessen hat dieser Landesverratsprozeß gegen Zeigner gerade noch gefehlt, um dem Ausland jedes Mißtrauen gegen den deutschen Militarismus und die deutsche Mentalität einzuflößen. Erklärte doch auch die „Times“ die französische Behauptung, daß Deutschland während der durch die Ruhrbesetzung unterbrochenen Waffenkontrolle seine Kräfte für die militärische Reorganisation verdoppelt habe, für glaubhaft und darum eine scharfe Kontrolle für unbedingt geboten.

    Auf der anderen Seite aber zeigt die Regierung Karr-Stresemann so wenig Entschlußkraft, den Forderungen nach einer solchen Kontrolle und den Bedingungen der Sachverständigenkommission zu entsprechen, daß wir nur zu bald wieder in die schwersten äußeren und inneren Konflikte geraten könnten. Jeder derartige Konflikt aber müßte unsere ohnehin nur provisorisch gestützte Valuta sofort wieder ins Gleiten und damit von neuem unser gesamtes Wirtschaftsleben aus Rand und Band bringen.

    Nur wenige Deutsche ahnen leider, daß wieder einmal der Boden unter uns schwankt. Möchten die Wissenden den Wahlkampf dazu ausnutzen, um der völkischen Raserei rechtzeitig in den Arm zu fallen!

    Siehe z.B. auch:

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/erster-weltkrieg-schonungslose-analyse-der-deutschen-schuld.1270.de.html?dram:article_id=289753

    https://www.sueddeutsche.de/politik/ausbruch-des-ersten-weltkrieges-1914-deutschland-und-oesterreich-sind-hauptverantwortlich-1.2061512

  • Am Grabe des Kapitalismus

    Am Grabe des Kapitalismus

    Wir stehen am Grabe der großkapitalistischen Epoche. Der Hochkapitalismus ist zu Ende, nicht das Kapital. Das wird uns alle lange überleben, gleichviel ob als Staats- oder persönliches Kapital. Doch der Hochkapitalismus als Weltbewegung ist – obwohl er im Westen seinen höchsten Gipfel noch nicht erreicht hat – ein gestorbener Koloß. Wir dürfen ihm seine Grabrede halten und sagen: Er hat Enormes geleistet. Er ist eine der größten Weltbewegungen gewesen, er hat an Technik und Verkehr in einem Jahrhundert mehr geleistet als Ägypten und Babylon, als Phönizien und Karthago in Jahrtausenden. Was er schuf, war Pionierarbeit. Wohin er griff, war jungfräuliches Land. Hier griff er in das Gebiet der Erfindungen, hier in das Gebiet der Massenbetätigung; jeden Tag eine neue Möglichkeit, eine neue Richtung, eine neue Erschließung. Er packte Landstrecken, Forsten, Ströme, Bergwerke, Meerengen und Häfen und schuf Unternehmungen. Eine Pionierarbeit, die die Welt urbar machte, nicht im Sinne des Ackerbaus, sondern des Gewerbefleißes. Und diese gewaltige Arbeit, von starken Menschen geleitet, hat die Welt umgewandelt, so daß sie in die Lage kam, anstelle spärlicher Millionen die Milliardenzahl der heutigen Bewohner zu ernähren.

    Nun müssen wir zwei Dinge unterscheiden: auf der einen Seite als Rodungsarbeit, als Squatter-Arbeit, mußte der Kapitalismus aus dem Vollen wirtschaften; er mußte in großen Zügen schöpfen, er dudte sich an das Kleine nicht halten. Es war ganz nebensächlich, ob Milliarden nebenbei gingen, ob unendliche Materialien, unendliche Mengen von Arbeitskräften verwüstet wurden: er konnte in einem Tage mehr erreichen, als zehn Jahre Sparsamkeit ihm eingebracht hätten.

    So hat er in tiefen Zügen aus dem Vollen geschöpft. Er hat vergeudet, nach dem Vorbild der unbekümmerten Natur. Doch nicht in allem hat er vergeudet; in einem Punkt war er sparsam, und diesen Punkt müssen wir scharf ins Auge fassen. Er war unendlich sparsam in der Verwaltung. Verschwenderisch im Betrieb, sparsam in der Verwaltung! Ist das möglich? Das ist sehr gut möglich. Er häufte zwar die Reichtümer, die er schuf, im Besitz seiner Personen, seiner Unternehmen oder seiner Nachkommen. Doch immer wieder wurden sie in den Betrieb gesteckt; er besaß von all diesen Reichtümern nichts weiter als den auf Papier geschriebenen Besitztitel. Er wollte Macht und verzichtete um ihretwillen im Zweifelsfalle auf Genuß. Auch konnte er nicht allzuviel auf Genuß verschwenden, denn die Zahl der erobernden Menschen war viel zu klein, als daß sie den unendlichen Ertrag der Welt hätte vergeuden können. Gewiß, mit Recht spricht der Arbeiter davon, daß es ihm zuwider ist, wenn er durch reiche Straßenviertel wandert, dort große Gärten, Parks und Villen erblickt und sich vorstellt, was hinter diesen Gittern und Mauern geschieht. Doch wenn die Rechnung gemacht wird, so bedeutet alles, was hinter diesen Gittern verschwendet wird, einen verhältnismäßig billigen Verwaltungsaufwand. […]

    Die künftige Form der Wirtschaft und ihrer Verwaltung wird sehr teuer sein; der größte Teil des Arbeitsertrages, der bisher gesammelt wurde, wird verbraucht werden. Noch mehr als das. Es wird außerordentlich schwer sein, den riesenhaften Wirtschaftspark, den wir geerbt haben und von dem wir glauben, daß er unzerstörbar ist, aufrecht zu erhalten. Wir haben diesen Park von Maschinen, von Gebäuden, von Einrichtungen, von Verkehrsmitteln in jener Zeit aus dem Vollen geschaffen, jetzt muß er aus dem Mangel ergänzt und erneuert werden; einstweilen hält er noch, bis auf den Ölfarbenanstrich und die Teppiche.[…]

    Das ist nicht alles. Wir sprechen von Spaa, von der Kriegsentschädigung wie von einer alltäglichen Sache: „Wir haben schon soviel durchgemacht, so werden wir auch das noch durchmachen.“ Milliarden auszusprechen ist leicht, sie zu drucken ist nicht schwer. In einer noch nicht stationär gewordenen Wirtschaft, die im wesendichen noch von Vergangenheit zehrt, in einer Übergangszeit werden die Abnormitäten fast unmerklich in den Kauf genommen. Deshalb sprechen wir gemütlich von den Milliarden, die wir zahlen sollen, und wieder heißt es in einer Ecke unseres Bewußtseins: „Wir werden schon herauskommen.“ Wir werden nicht herauskommen, wir werden zahlen! Denn daß die offene Wunde Europas sich schließen muß, ist gar kein Zweifel. Wie weit Recht, Gesetz, eine moralische Verpflichtung uns zwingen, ist nicht entscheidend. Es wird wiederhergestellt werden! Und diese Wiederherstellung wird in der schwer bedrückten Lage unserer Wirtschaft uns unendliche Sorgen machen. Denn wenn ich auch ganz von den französischen Zahlen absehe, so bitte ich zu bedenken: Jede Milliarde Gold jährlich bedeutet eine Summe von 10 Millionen Mark Papier, die hier gedruckt und irgendwie herangesteuert werden müssen; jede Milliarde Gold bedeutet 15 Millionen Tonnen Kohlen zum Auslandspreis, 50 Millionen zum Inlandspreis. Wir dürfen diese Dinge nicht vergessen. Wir dürfen nicht glauben, weil es nuneinmal wieder vier Wochen leidlich gegangen ist und vielleicht vier Wochen wieder ein bischen schlechter, daß so eine Art von ständigem Zustand eingetreten sei.

    Wenn wir nun fragen: Was ist die Zukunft und wie werden wir über diese Dinge hinwegkommen?, so ist die Antwort die gleiche, die wir erhalten, wenn es sich um ein zusammengebrochenes Unternehmen handelt, das über seine Verhältnisse gewirtschaftet hat, eine Bank, eine Reederei oder eine Fabrik. Es schwebt jedem das Wort „sparen“ auf den Lippen. Nein, nicht das Sparen im gemeinen Sinne ist es, das karge Sparen richtet den Menschen nur zugrunde, wenn es über ein bestimmtes Maß getrieben wird. Wir können nicht die Menschen noch schlechter ernähren, als es geschieht und geschehen ist; die Aufgabe heißt organisieren und ordnen!

    Es ist nicht möglich, daß in einer Wirtschaft, in einer Zukunft, wie wir sie vor uns haben, die Dinge anarchisch, unorganisch, ungeordnet weiterlaufen können. Wir werden nicht mehr in einem unorganischen, verfahrenen, lediglich vom Individualimus, vom persönlichen Eigennutz getriebenen Wirtschaftsmechanismus leben, sondern in einem gegliederten Organismus, in dem jeder, der Wirtschaft oder Ämter führt, in gleichem Maße sich selbst und der Gemeinschaft verantwortlich ist. Unsere Aufgabe und Rettung heißt: Mit gleicher Menschenzahl, verminderten Bodenschätzen, gleicher Arbeitsleistung das Doppelte und Dreifache von dem zu erzeugen, was wir bisher erzeugt haben. Sollen wir teuer verwalten, so müssen wir – in Umkehrung der alten Wirtschaft – um so ökonomischer betreiben. Das scheint den meisten verwegen und unmöglich, weil sie den Prozeß der Gütererzeugung nicht kennen. Wer ihn kennt, der weiß, daß heute die Hälfte der Arbeitsleistung und der Gütermenge nutzlos vertan wird. Der Gesamtprozeß unserer Produktion ist kindlich primitiv, der Laune, dem Eigennutz, dem Zufall überlassen. Er ist vergleichbar der Landwirtschaft vor hundert Jahren, die der rationellen Durcharbeitung entbehrte und kaum den vierten Teil der heutigen Erträge lieferte.

    Durch Schlagworte hat man diesen Gedanken ihre beflügelnde Kraft scheinbar genommen, durch Vermischung mit behördlichen Maßnahmen hat man ihnen den Schein von Mechanismen gegeben, die sie nicht sind. Nein, in diesen Gedanken liegt die tiefste Ethik, deren wir technisch, wirtschaftlich, politisch und sozial fähig sind. Es liegt darin die Ethik der Verantwortung eines jeden Menschen und die Idee der Gemeinschaft.

    1920, 30 · Walther Rathenau

  • Sturz in den Ruin

    SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2008

    Im Oktober 1929 riss die Finanzkrise an der Wall Street die Weltwirtschaft in den Abgrund. Die Weimarer Republik traf der Schock schwer. Doch erst die Deflationspolitik der Regierung Brüning wurde Deutschland zum Verhängnis – und ebnete Adolf Hitler den Weg.

    Schon der Morgen war anders als alle Tage, die Winston Churchill bisher erlebt hatte. Der spätere Premierminister Seiner Majestät, der auf einer Amerika-Reise in New York Station gemacht hatte, schaute von seinem Zimmer im Luxushotel Savoy-Plaza hinaus auf die Fifth Avenue. Dort drängten sich die Passanten, Feuerwehrleute eilten herbei, doch sie waren zu spät gekommen.

    „Direkt unter meinem Fenster hatte sich ein Gentleman 15 Stockwerke in die Tiefe gestürzt“, berichtete Churchill von der Begebenheit in der Frühe des 25. Oktober 1929. Der Mann, der an diesem Freitag in den Tod sprang, gehörte zu den Unglücklichen, die erst ihr Vermögen verloren hatten und dann die Nerven.Später folgte Churchill einer Einladung an die Wall Street. Er nahm auf der Besuchertribüne der Börse Platz, dort machte er seine zweite Grenzerfahrung an diesem Tag. Er wurde Zeuge einer Finanzkrise, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte.

    Die Kurse fielen und fielen und fielen, der Ticker ratterte ohne Unterlass, das Papierband konnte die Notierungen gar nicht so schnell ausspucken, wie sie sanken. Ratlos standen die Händler auf dem Parkett, sie sahen aus „wie die Zeitlupenaufnahme eines aufgeschreckten Ameisenhaufens“, beschrieb Churchill, was er von der Empore beobachten konnte.

    Am Tag zuvor war die Verkaufswelle ins Rollen gekommen. Erst verloren nur einzelne Papiere kräftig an Wert, dann schwoll die Bewegung zu einer Massenflucht an. Jeder Händler wollte nur noch raus aus dem Markt, egal zu welchem Preis.

    Am Montag setzte sich der Verfall fort, am Dienstag sackten die Kurse ins Bodenlose: Rund 16,4 Millionen Aktien wurden an diesem Tag verramscht, ein Rekord, der fast 40 Jahre hielt. Existenzen wurden vernichtet, Träume waren zerplatzt. Das meiste dessen, was in den Jahren zuvor an Papiervermögen aufgetürmt worden war, hatte der Sturm an der Wall Street fortgeweht.

    „Wenige Menschen verloren jemals so rapide an Ansehen“, resümierte später der Ökonom John Kenneth Galbraith, „wie die Bankleute von New York in den fünf Tagen vom 24. bis zum 29. Oktober.“

    Einen Tag später endete Churchills Besuch in den USA, der Staatsmann nahm das Schiff zurück nach England. Es war gleichsam der Aufbruch in eine andere Zeit.Der Börsenkrach von 1929 war der Auftakt zur ersten Weltwirtschaftskrise, die tatsächlich diesen Namen verdient; ihre Ausläufer waren bis nach Japan und Australien zu spüren. Sie hat nicht nur zahllose Menschen und Unternehmen ruiniert, sie hat die Weltläufte verändert – und ganz besonders das Geschehen in Deutschland. Das „Dritte Reich“, der Zweite Weltkrieg, die Teilung des Landes: All das wäre ohne die globale Wirtschaftskrise nicht denkbar gewesen.

    Den vollständigen Artikel von Alexander Jung finden Sie hier: https://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecialgeschichte/d-55573686.html

  • Schandfrieden

    Schandfrieden

    Volker Ullrich in DIE ZEIT Nr. 7 vom 8. Februar 2018. Der Versailler Vertrag war milde im Vergleich zu den Bestimmungen von Brest-Litowsk: Vor 100 Jahren diktierte das Deutsche Reich Russland einen Gewaltfrieden ohne Kompromisse und setzte seinen Eroberungszug im Osten unvermindert fort.

    Am 3. März 1918, einem lauen Vorfrühlingstag, herrscht auf der Leipziger Messe ein Gedränge wie in Friedenszeiten. Ein besonders dichtes Knäuel hat sich um ein Denkmal mit einem davor postierten erbeuteten englischen tank gebildet. An ihn angelehnt, verkauft ein Mann ein Extrablatt: „Heute um fünf Uhr wurde der Friede in Brest-Litowsk unterzeichnet“. „Stück um Stück ging sehr rasch ab“, beobachtet der Romanist Victor Klemperer, „und jedes wurde mit den ruhigen und monoton gesprochenen Worten überreicht: ‚Rahmen Sie sich das ein – rahmen Sie sich das ein‘.“

    „Eingerahmt“ haben sich die Deutschen die Erinnerung an den Frieden von Brest-Litowsk nicht. Im Gegenteil: Nach 1918 setzte rasch ein Prozess des Verdrängens ein. In der Depression über die Niederlage im Westen vergaß man ganz, wie euphorisch man ein halbes Jahr zuvor den Friedensschluss im Osten bejubelt hatte, der noch einmal die Aussicht auf einen Gesamtsieg zu eröffnen schien. Und in der allgemeinen Empörung über den „Schandfrieden“ von Versailles übersah man geflissentlich, dass Deutschland dem revolutionären Russland Bedingungen oktroyiert hatte, an denen gemessen sich das Versailler „Diktat“ geradezu milde ausnahm.

    Alles begann mit der Machtübernahme der Bolschewiki am 7. November 1917 in Petrograd. Bereits einen Tag später richtete der Zweite Allrussische Rätekongress auf Vorschlag Lenins einen Aufruf an alle kriegführenden Mächte, einen sofortigen Frieden zu schließen „ohne Annexionen und Kontributionen“. Während Russlands ehemalige Verbündete, England und Frankreich, wenig Neigung zeigten, der Einladung Folge zu leisten, signalisierten die Mittelmächte, Deutschland und Österreich-Ungarn, Verhandlungsbereitschaft. Da man nicht wisse, wie lange sich Lenin halten könne, müsse man „den Moment ausnutzen“, um „Faits accomplis zu schaffen“, erklärte Österreich-Ungarns Außenminister Ottokar Graf Czernin. Bereits am 15. Dezember schloss man ein Waffenstillstandsabkommen. Es galt zunächst für vier Wochen, während derer förmliche Friedensverhandlungen begonnen werden sollten.

    […]

    Den gesamten Artikel von Volker Ullrich aus DIE ZEIT Nr. 7 vom 8. Februar 2018 finden Sie hier: https://www.zeit.de/2018/07/friedensvertrag-von-brest-litowsk-deutsches-reich-russland/komplettansicht

  • Rudolf Augstein: Lieber Spiegel-Leser!

    Rudolf Augstein: Lieber Spiegel-Leser!

    11.03.1964

    Ich muß mal wieder das eigene Nest beschmutzen.

    Kaum einer von uns, der nicht gelernt hätte, daß der Erste Weltkrieg, der den Europäern das Konzept verdarb, einer unglücklichen Verkettung von Umständen entsprungen sei. Die europäischen Nationen, mit dem Wort des englischen Premiers Lloyd George, seien „in den Krieg hineingeschlittert“. So steht es bis heute in den Schulbüchern, und so lehren uns die Senioren der Geschichtswissenschaft von Gerhard Ritter bis Hans Herzfeld.

    In der Tat, da die deutsche Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg nicht wohl bestritten werden kann, wäre es höchst praktisch, Deutschland wenigstens für den Ersten Weltkrieg einen Freispruch zweiter Klasse einzuhandeln, in einer Reihe mit den anderen vier europäischen Großmächten, „wegen entschuldbaren Verbotsirrtums“ gewissermaßen.

    Unglücklicherweise zeigen die neuesten Forschungen, daß davon nicht die Rede sein kann. Auch der Erste Weltkrieg, wie der Zweite, ist entstanden, weil das Bismarck-Reich das ihm von seinem Gründer angemessene Korsett sprengen und eine Weltstellung mit Gewalt erobern wollte, wie sie die USA nur zwischen 1940 und 1955, und auch das nicht absichtsvoll, innehatten.

    Wortwörtlich bis zum „schwarzen Tag an der Westfront“, dem 8. August 1918, an dem die Alliierten das letzte deutsche Aufgebot in die „Siegfriedstellung“ zurückwarfen, hat Deutschland die durch wirtschaftliche und militärische Faustpfänder gesicherte Vorherrschaft über den Kontinent erstrebt, von Finnland bis nach Baku am Kaspischen Meer, dazu ein zusammenhängendes mittelafrikanisches Kolonialreich von der räumlichen Ausdehnung Australiens, mit Katanga als Kronjuwel.

    Bis zum Zusammenbruch hat das Reich versucht, vier Großmächte auf einmal, nämlich England, Frankreich, Rußland und das verbündete Österreich -Ungarn, auf den Rang einer Macht minderer Ordnung herunterzudrücken. Im Mai 1918 noch entschied man in Berlin, Österreich-Ungarn wirtschaftlich (zu) beherrschen wie Polen und Rußland“. Die „wirtschaftliche Ausnutzung der Türkei im Frieden“ zu sichern, einschließlich der mesopotamischen Ölquellen, beschloß die Reichsleitung am 7. April 1917.

    Kaiser, Kanzler und Oberste Heeresleitung hatten keinen Respekt vor dem Recht auf Heimat“ und vor dem Lebensrecht anderer Völker. Der Gedanke, daß 60 Millionen Reichsdeutsche rund hundert Millionen „Fremdvölker“ militärisch beherrschen und wirtschaftlich ausbeuten sollten, schreckte sie nicht im mindesten. Von Georgien etwa versprach sich der General Ludendorff gutes „Soldatenmaterial“: „Unsere Westfront braucht Menschen.“

    Wie Hitler die Tiroler auf der Krim anzusiedeln erwog, so wollte im Ersten Weltkrieg Ludendorff auf der Krim alle Rußlanddeutschen in einem eigenen Staat („Krim-Taurien“ oder „Tatarische Republik“ genannt) zusammenfassen, wie er überhaupt alle Über-Land- und Übersee-Deutschen in heimische Siedlungsräume, die durchaus anderen Völkerschaften gehörten, zurückrufen wollte.

    Sein militärischer Emissär von Lossow – auch ihm wird man 1923 während des Hitler-Putsches im Bürgerbräukeller wiederbegegnen – schrieb im Mai 1918, kurz bevor er den Satelliten-Staat Georgien gründete, mit Blick auf Aserbeidschan, das Kuban-Gebiet und den nördlichen Kaukasus: „Hier ist ein großes, reiches Land zu vergeben, eine Gelegenheit, wie sie vielleicht in vielen Jahrhunderten nicht wiederkehren wird.“ Baku, Luftlinie 3000 Kilometer von Berlin entfernt, war „das zweitgrößte Naphtha-Gebiet der Erde“.

    Satelliten-Regierungen schossen 1918 unter dem deutschen Regen wie Pilze aus der Erde, ohne freie und meistens ganz ohne Wahlen. In Litauen wurde am 4. Juni 1918 als „Mindaugas II.“ ein Herzog von Urach aus der katholischen Linie König; einem rundum zur Amputation bestimmten Kongreß-Polen, das militärisch und wirtschaftlich „dauernd“ an Deutschland angegliedert werden sollte, wurde ein Hohenzollern-Prinz angedient. Prinz Friedrich Karl von Hessen, der am 9. Oktober 1918 durch das finnische Parlament zum König gewählt wurde, als einziger Schattenkönig legitim, war auch schon den Rumänen avisiert worden. Die Finnen räumten den Deutschen Marinestützpunkte ein, die Rumänen ihr Öl, ihr Getreide und ihre Eisenbahnen.

    Estland, Livland und Kurland, von Rußland abgetrennt, sollten wirtschaftlich und militärisch von Deutschland beherrscht werden; in der Ukraine ließen die deutschen Herren den Hetman Skoropadski die „Jüngelchen“ des parlamentarisch-sozialistischen örtlichen Regimes abservieren – die Regierung wich dem deutschen Ruf „Hände, hoch!“ – und, machten sich sogleich ans Umnageln der Eisenbahnschienen (Der Hetman wurde später Mitbegründer des „Völkischen Beobachter“).

    Erste Aufgabe der örtlichen Puppen-Regierungen war es, den Deutschen die Kontrolle über die Eisenbahnen und alle sonstigen wichtigen Verkehrswege nebst Ausbeutung der Bodenschätze zu gewährleisten. Die Häfen Nikolajew, Cherson, Sewastopol, Taganrog, Rostow und Noworossisk, alles neuvertraute Namen, sollten auch im Frieden Deutschland überantwortet bleiben.

    Aber auch über den Rest des „halbasiatischen Moskowiter-Reichs“ (so Staatssekretär von Jagow 1915), der eilfertigst „Großrußland“ genannt wurde, wollte das Reich verfügen. Zwar, man hatte mit den Bolschewisten im März 1918 den Frieden von Brest-Litowsk geschlossen und sie als einziger Staat anerkannt. Aber damit hatte die Reichsleitung, wie Staatssekretär von Kühlmann scharfsinnig bemerkte, noch lange nicht dekretiert, „daß zur Abspaltung eines Randstaates die Genehmigung des Mutterstaates nötig ist“.

    Wenn die „selbständige“ Ukraine weiteres Gebiet von Rußland verlangte, mußte man es ihr verschaffen. Wenn die Don-Kosaken Waffen gegen die sowjetischen Vertragspartner der Reichsregierung wollten, mußte man sie heimlich bedienen und sie anschließend unter den Schutz des Reichs stellen.

    Einmarschieren mußte man auch, denn – so schrieb der Unterstaatssekretär im Außenamt von dem Bussche – den „vollkommenen Einfluß auf die wirtschaftliche Kapazität eines Landes könnten papierene Abmachungen allein“ nicht sichern. Die deutsche Beteiligung müsse, forderte Bussche, nicht nur in der Ukraine und im Kaukasus, sondern im gesamten Ostraum, „wie sie sich auch gestalten möge, nach außen hin unter Verwendung des betreffenden Staates als Kulisse“ auftreten. So war die deutsche Vertragstreue beschaffen, auf die das bolschewistische Reich in seiner Geburtsstunde stieß.

    Für Restrußland selbst, „Großrußland“, forderte der Unterstaatssekretär am 14. Juni 1918: „Das russische Verkehrswesen, die Industrie und die ganze Volkswirtschaft müssen in unsere Hände kommen. Es muß gelingen, den Osten für uns auszubeuten. Dort sind die Zinsen für unsere Kriegsanleihen zu holen.“

    Zuvor, am 16. Mai 1918, hatten die Vertreter der zwölf gewichtigsten deutschen Eisen- und Stahl-Konzerne den Versuch empfohlen, Eisenbahnen und Wasserstraßen im gesamten früheren russischen Reich und auf dem Balkan unter deutsche Kontrolle zu bringen. Der Deutsche Handelstag verlangte Ende 1917, daß Rußland „durch Oktroyierung entsprechender wirtschaftlicher Verträge zum Ausbeutungsobjekt gemacht werden soll“, und am 30. Mai 1918 erklärte der Reichskanzler Graf Hertling vom katholischen Zentrum: „Rußland muß unsere wirtschaftliche Domäne werden.“ Der Chef der Obersten Heeresleitung, Paul von Hindenburg, erkannte lange vor seinem „böhmischen Gefreiten“: „Rassenhaß ist der Grund unserer Gegnerschaft zu Rußland.“

    Wirklicher Friede mit Rußland, so schrieb Kaiser Wilhelm im Mai 1918, nachdem er Brest-Litowsk gebilligt hatte, an den Aktenrand, „ist zwischen Slawen und Germanen überhaupt unmöglich“. Er „kann nur durch Furcht vor uns erhalten werden. Die Slawen werden uns immer hassen und Feinde bleiben! Sie fürchten und haben nur Respekt vor dem, der sie verhaut!“

    Den vollständigen Text von Rudolf Augstein finden Sie hier: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46163408.html

    oder auch hier:

    SPIEGEL_1964_11_46163408

  • Sicherheit Vorbedingung

    Während der letzten Monate sind bei uns eine ganze Anzahl Autoführer, die Verkehrsunfälle verschuldet hatten, zu harten Freiheitsstrafen verurteilt worden. Und vielleicht hat mancher Zeitungsleser sich darüber verwundert oder — je nach der Einstellung — die Verurteilten heimlich sogar bedauert. Aber mit Unrecht. Denn worum es sich hier handelt, das ist nur die deutsche Form eines Kampfes, der in andern Ländern seit langem schon zäh und zielbewußt durchgeführt wird und den man auf amerikanischem Boden unter das Leitwort „Safety first!“ (Sicherheit Vorbedingung) gestellt hat.

    Daß Verkehrssünden Sünden gegen den Geist der Gemeinschaft sind, diese Einsicht soll und muß sich auch bei uns allmählich durchsetzen. Und gerade der Autofahrer, der sich nur allzu häufig bisher als unumschränkter Herr der Landstraße zu fühlen gewöhnt war, hat es nötig, sich mit Nachdruck daran erinnern zu lassen, daß Fußgänger und Radfahrer schließlich ebenfalls Menschen sind.

    Besonders streng verfährt man, wie die Gerichtserkenntnisse lehren, gegenüber den Führern von Auto-Omnibussen, und auch das hat seine gewichtigen Gründe.

    Je mehr Menschen dem Lenker eines Fahrzeuges unmittelbar anvertraut sind, um so größer ist offenbar ja seine Verantwortung. Und der Führer eines Omnibusses gleicht in dieser Hinsicht fast schon dem Leiter eines kleinen Staates, der all seine Kräfte und Fähigkeiten voll in den Dienst seines Landes zu stellen hat, ohne nach deutscher Auffassung wenigstens an die Befriedigung persönlichen Ehrgeizes zu denken.

    Er darf nicht Rekorde erringen oder schlagen wollen, darf nicht darauf bedacht sein, es anderen, mit stärkerem Motor ausgestatteten Wagen um jeden Preis gleichzutun, darf nicht rücksichtslos überholen und dadurch die Gefahr eines Zusammenstoßes mit seinen unabsehbaren Folgen heraufbeschwören und darf erst recht natürlich nicht die für die Allgemeinheit gültigen Verkehrs- und Warnungszeichen mißachten, — in dem törichten Wahn, ein so großer Wagen wie der seine habe überall das Vorrecht. Sondern gerade weil der von ihm geführte Wagen größer als andere ist und mehr Insassen zählt als diese, hat er doppelt vorsichtig zu sein, wenn er nicht an einem Massenunglück schuldig werden will.

    In gewisser Hinsicht ist er ohne Zweifel schlimmer daran als die Führer wendigerer Gefährte. Manche Straßen, besonders in kleineren Ortschaften, sind heute noch außerordentlich enge, und es bedarf großer Geschicklichkeit, einen auch nur einigermaßen umfänglichen Omnibus ohne Anstoß durch sie hindurchzusteuern. Und gerade an solchen gefährlichen Stellen sieht man die Fahrer oftmals doch ein Tempo einschlagen, daß einem vom bloßen Anblick schon angst und bange werden kann.

    Ähnlich aber verhält es sich mit den bei dem bestehenden Straßensystem leider nicht seltenen unübersichtlichen Strecken der Fahrbahn. Wer auf ihnen nur danach trachtet, wie er „aufholen“ und womöglich den Fahrplan um ein paar Minuten verbessern kann, der handelt geradezu gewissenlos und sollte die längste Zeit Omnibusführer gewesen sein.

    Zumeist merken die Insassen des Omnibusses gar nichts davon, wenn in solcher Weise mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit gespielt wird. Oder sofern sie es merken, sind sie wohl gar verblendet genug, ihrem Führer die Stange zu halten, ja ihn in seiner fahrlässigen und leichtfertigen Handlungsweise noch zu bestärken, sei es, daß es ihnen wirklich besonders eilt, sei es, daß sie nur einfach von dem besessen sind, was man sehr richtig den Autofimmel genannt hat. Und derartige Fahrgäste trifft, wenn auch in abgeschwächtem Maße, der gleiche Vorwurf wie ihn: der Vorwurf mangelnder Gewissenhaftigkeit.

    Bezeichnenderweise sind aber gerade diese mit dem Munde so mutigen Leute die ersten, die sich, wenn ein Unglück geschehen ist, alle Schuld auf den Fahrer abzuwälzen bemühen. Die Gerichtsverhandlungen bezeugen das mit einer höchst unerfreulichen Regelmäßigkeit. Denn es ist erstaunlich, wie viele dann plötzlich das traurige Ende vorausgesehen und vergeblich ihre warnende Stimme erhoben zu haben behaupten.

    Mehr Verantwortungsgefühl! kann man da nur immer wiederholen. Und: besser Vorsicht üben, als Nachsicht fordern!

    Sicherheit Vorbedingung! Dieses Leitwort verdiente wirklich, auch unsern Automobilisten — und nicht nur den freilich am meisten betroffenen Omnibusführern — bei jeder Gelegenheit eingeprägt zu werden. Der gewaltige Aufschwung, den der Autoverkehr dank der fürsorglichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Regierung bei uns genommen hat, macht eine straffe Fahrdisziplin, macht Behutsamkeit und sorgfältigste Befolgung der Verkehrsregeln zur gebieterischen Notwendigkeit ganz abgesehen davon, daß schon die bloße Achtung vor dem Volksgenossen dazu verpflichtet.

    Unser deutsches Volk ist in so vielem für die Welt vorbildlich geworden. Sollte es da nicht möglich sein, zu erreichen, daß es auch auf dem für die Gegenwart so unendlich bedeutungsvollen Gebiet der Straßenordnung einmal heißen könnte: Deutschland in der Welt voran!?

    1935, 17 · Franz Krämer