Schlagwort: Hans Lutz

Pseudonym von Hermann List

  • Das Kuchenrezept

    — Jg. 1928, Nr. 23 —

    Man nehme die zur Verfügung stehende Menge sozialdemokratischer Regierungssehnsucht und vermenge sie tüchtig mit deutschvolksparteilicher und großindustrieller Fähigkeit im Machtausüben (wobei eine Dosis zentrümlicher Schläue als Bindemittel gute Dienste tut), gieße einige Tropfen demokratischen Öls darüber und lasse das Ganze über Nacht stehen.

    Am andern Morgen mische man eine Menge kultureller Rückschrittlichkeit und konfessionellen Machtstrebens (beides wird vom Zentrum gerne geliefert) mit etwas sonntäglichem Kulturliberalismus (nur echt in Paketen mit den Aufschriften Bäumer oder Stresemann) und einer möglichst kleinen Dosis sozialdemokratischer Freigeistigkeit, gebe auch noch einige Fähigkeit zum Kompromissein (man achte auf die Schutzmarke Sollmann!) und etwas demokratische Einheitsstaatsgelüste dazu und rühre alles mit dem Teig vom vorigen Abend tüchtig durcheinander, wobei man fortwährend Zollschutzanhänglichkeit, industriellen Imperialismus, Trustpolitik, vorsichtig gemischt mit Völkerbunds- und Kriegsächtungsgerede und sozialdemokratischem Verantwortungsgefühl und Sinn für Taktik, darüber gießt. Falls der Teig nicht aufgeht, empfiehlt sich etwas Tinte aus dem Büro des Reichspräsidenten als Trieb. Die Zugabe einer Quantität arbeiterfeindlicher Schiedsgerichtsbarkeit macht den Kuchen (besonders nach dem Geschmack besserer Herrschaften) bekömmlicher.

    Nachdem man den Teig noch einige Stunden hat stehen lassen, tut man ihn 20 Minuten lang in einen mäßig warmen Ofen, garniert dann mit Schlagsahne, die aus Phrasen wie Volksgemeinschaft, Gewinnung der Arbeiter für den Staat, Erziehung der Sozialdemokraten zu verantwortungsvoller Mitarbeit und anderen hergestellt wird, und serviert den Kuchen der Großen Koalition dem dankbaren Volke.

    Postskriptum: Der Kuchen hat den Vorteil, daß er nicht altbacken wird. Er reicht mindestens zwei Jahre lang für sämtliche Mahlzeiten eines genügsamen Sechzigmillionenvolkes.

    1928, 23 · Hans Lutz

  • Beim Zeitunglesen

    — Jg. 1927, Nr. 9 —

    Der Vater (nimmt die Zeitung in die Hand): „Dieses Saukorps, die Polacken, eine freche Bande, na, denen wird man schon einmal heimleuchten, ach, den Pestalozzi, den haben sie jetzt aber genug gefeiert, ich weiß nicht, das ist jetzt eben so eine Mode, früher hat man doch auch nichts von ihm gewußt und wir sind trotzdem durch die Schule gekommen, Herrgott, ich möchte nur …, was sie jetzt nur immer mit der Reichswehr haben, neulich — Ernst, hast du’s nicht gesehen? — ist der Gaul vom Hauptmann Köster scheu geworden, wie sie da unten vorbeigezogen sind, gefährlich hat das ausgesehen, sag ich dir, aber der hat ihn in der Hand gehabt, ha, es ist eben doch etwas Schönes, aber jetzt sage ich nichts mehr, hab ich’s nicht gleich gesagt? der Kerl hat die Stelle bekommen, freilich kriegt er da mehr Gehalt, ich hab’s aber gleich gedacht, wie er hergekommen ist, der bleibt nicht lang da, hab ich gedacht, ein Schlauberger ist es, ein Erzschlaule, die mit dem größten Maul, die kommen halt am weitesten bei uns, und unsereiner …“

    Der Sohn: „Jetzt bist fertig mit der Zeitung, ich will nur nach dem Sport sehen, heute ist scheint’s nichts los, aber an der Börse sollte man eben mitmachen, Vater, wenn du etwas wärest, in Schiffahrt oder Farben, ja freilich, ich weiß schon, früher, ja früher, da war man halt anders, ist heut keine Illustrierte dabei? jaso, es ist erst Donnerstag, im Reichstag haben die Kommunisten wieder Krach gemacht, Hindenburg beleidigt, es ist nur gut, daß die Kommunisten noch da sind, sonst wär es vollends stinklangweilig in der Quasselbude, ach Mutter, mach doch kein so Gesicht, ich werde noch lang kein Kommunist, da muß man dazu veranlagt sein, und ich bin das nicht, vom Vater her bestimmt nicht …“

    Die Mutter: „Hör auf mit deinem Geschwätz und gib mir jetzt die Zeitung, ich muß doch das Inserat vom Tietz ansehen, wer ist denn gestorben? scheint’s niemand Bekanntes, „die Kantontruppen vor Schanghai“, warum man da nicht Ordnung schaffen kann, in dem China, früher hat man’s doch auch gekonnt, die Deutschen, aber eklig ist einem die ganze Politik allmählich, äh.“

    Die Tochter: „Die Waldorf-Astoria macht aber jetzt anders Reklame mit ihrer Oberst, ich mag sie erst gar nicht, was im Kino los ist? ,Die Mädchenhändler‘ … , mit Hilfe der amerikanischen Polizei…‘, ach Gott, das Kino ist doch gegenwärtig auch stinkfad, aber jetzt hört einmal her: ,Ein junges Mädchen in Z. hatte schon seit einem halben Jahr ein uneheliches Kind, aber niemand wollte sich zur Vaterschaft bekennen, und sie selbst konnte keinen mit Sicherheit als Vater bezeichnen. Als aber vorige Woche die Nachricht eintraf, sie habe von einer verstorbenen Tante in Amerika 10.000 Dollars geerbt, meldeten sich gleich vier junge Leute mit dem Anspruch, der Vater des Kindes zu sein.‘ Au Backe!“ Der Vater: „Wo, wo steht das? Ich habe doch die Zeitung so genau gelesen, aber das habe ich jetzt nicht gesehen.“ Die Mutter: „Seht, so lest ihr die Zeitung, das Wichtigste findet ihr nie.“ Der Sohn: „Ach nie! Man kann doch nicht immer alles sehen. Aber doll ist das, einfach doll!“

    Und nun seh ich dich vor mir, wie du lachst und denkst: genau so ist es, wenn die Webers drüben die Zeitung lesen. Hm, ja, kann sein; eigentlich hab ich aber dich gemeint, holde Leserin.

    1927, 9 Hans Lutz

  • So wirds werden

    [Eine Fiktion]

    W. T. B. : Berlin, 21. März 1931, 7 Uhr. Heute Morgen 1/2 5 Uhr haben polnische Freischärler östlich von Schlochau die deutsch-polnische Grenze überschritten. Das Reichskabinett ist sofort unter dem Vorsitz des Reichswehrministers Geßler zu einer Sitzung zusammengetreten und hat für ganz Deutschland den Kriegszustand erklärt.

    Extrablatt des „Temps“: Paris, 21. März 1931, 7 Uhr M.E.Z. Wie Havas aus Warschau meldet, hat ein deutsches Fliegergeschwader heute früh gegen 1/2 4 Uhr über verschiedenen polnischen Dörfern, die im tiefsten Frieden lagen, Bomben abgeworfen und ist in Richtung Warschau weitergeflogen. Die polnische Regierung hat daraufhin dem deutschen Gesandten die Pässe zugestellt und die Mobilmachung angeordnet.

    Berliner Lokalanzeiger: Wie wir soeben (1/2 8 Uhr) erfahren, hat das Kabinett an Polen den Krieg erklärt und in einer Verfügung angeordnet, daß die allgemeine Wehrpflicht im Reich wieder eingeführt sei. Wir halten die letztere Maßnahme für gänzlich überflüssig, sind wir doch voll und ganz davon überzeugt, daß alle Deutschen, ohne Unterschied des Standes oder der Konfession, dem Ruf des längst ersehnten Augenblicks folgen und zum heiligen Krieg gegen das räuberische Polenpack ausziehen werden.

    Tägliche Rundschau: Berlin, 22. März. Von besonderer, dem Auswärtigen Amt nahestehender Seite erfahren wir: Seitdem Polen voriges Jahr den Ostlocarnopakt gekündigt hat, waren unsere Beziehungen zu diesem barbarischen Volk sehr gespannt. Bisher haben die Geduld und der Friedenswille unserer Regierung zwar den Ausbruch eines offenen Konfliktes immer noch verhindern können, ob es aber diesmal noch gelingen wird, nachdem die polnische Armee ohne jeden Grund Deutschland im tiefsten Frieden überfallen hat, das steht in Gottes Hand. Die Meldungen von einer Kriegserklärung und der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht sind zwar noch etwas verfrüht, wir stehen aber nicht an, zu erklären, daß wir diese Maßnahmen je eher je lieber begrüßen werden. Denn der polnische Korridor muß jetzt endlich einmal ausgeräuchert werden. Und wir haben über unsere Haltung nie einen Zweifel aufkommen lassen: wir sind national bis auf die Knochen. — Wie uns Herr Oberhofprediger Dr. D. Döhring, dessen Kriegsabende im Weltkrieg noch in guter Erinnerung sein werden, gütigst mitteilt, wird er heute Abend im Lustgarten einen Feldgottesdienst abhalten. Wir zweifeln nicht daran, daß ganz Berlin aus seinen Worten Trost und Kraft für die kommenden schweren Tage schöpfen wird. Gott segne unser deutsches Vaterland in dieser schicksalsschweren Stunde!

    W.T.B.: Berlin, 22. März, 11.50 Uhr. Soeben hat sich Prinz Wilhelm von Preußen, der älteste Sohn des Kronprinzen, als Freiwilliger beim 1. Gardekürassierregiment gemeldet. — S. M. Kaiser Wilhelm hat in Doorn einen Hausgottesdienst veranstaltet und den Segen Gottes auf die deutschen Waffen herabgefleht.

    Dr. Wirth im „Berliner Tageblatt“: Tief erschüttert steht jeder gute Europäer vor den Trümmern seiner Arbeit. Menschenwerk! Und jetzt hat Gott gesprochen. Noch einmal muß Europa durch Blut schreiten, bevor es in Einigkeit und Brüderlichkeit den Tempel der Menschheit errichtet. Aber diese Betrachtung von einem höheren Standpunkt aus darf uns nicht abhalten von dem Bekenntnis: Wir sind unschuldig. Ja, unschuldig sind wir. Und das Blut aller deiner Söhne, deutsche Republik, komme über die Missetäter jenseits der Weichsel! Der junge Staat, dem wir im innersten Herzen anhangen, hat jetzt seine Feuertaufe zu bestehen. Auf in den Kampf, deutsche Republik!

    Vorwärts: Berlin, 23. März. Wir haben uns bisher, da das Auswärtige Amt sehr schweigsam war, jeder Stellungnahme enthalten und nur die amtlichen Nachrichten gebracht: den frevelhaften Überfall polnischer Banditen, die Kriegserklärung Deutschlands an Polen, die deutsche Mobilmachung, die Kriegserklärung Frankreichs an Deutschland (die mit der erlogenen Meldung, deutsche Flugzeuge hätten Bomben über polnischen Dörfern abgeworfen, begründet wurde) und den ersten herrlichen Sieg der deutschen Waffen bei Schneidemühl. Jetzt aber, nachdem unser einstiger Reichspräsident Generalfeldmarschall v. Hindenburg von Hannover nach Berlin geeilt ist (völlig aus eigenem Antrieb, und nicht, wie verblendete Kommunisten behaupten, auf Veranlassung des Herrn v. Tirpitz) und in tiefbewegten Worten zur Einigkeit und zum Gottvertrauen gemahnt hat, rufen wir dir, deutscher Arbeiter, zu: Zieh in den Kampf für dein Vaterland, für Menschenwürde und Sozialismus! Die Kommunisten aber mögen bei den nächsten Wahlen sehen, wohin sie mit ihrer landesverräterischen Propaganda kommen.

    Die Sonntags-Zeitung: Weltkrieg, Ruhrkampf — und jetzt geht der Schwindel zum drittenmal los. Wer’s noch nicht geglaubt hat, daß die Menschen dumm und unbelehrbar sind, der weiß es jetzt ganz sicher. Deutschland rast wieder vor Begeisterung, die Leute schlucken faustdicke Lügen wie himmlische Wahrheit, und in allen Ländern laufen die Menschen in die Kirchen, um den Herrgott zu bitten, er möge möglichst viele ihrer Brüder vergasen. Gottvater hat sich sicheren Nachrichten zufolge entschlossen, das Ressort der Einzelseelsorge seinem Sohn zu übertragen, da er selbst mit dem Segnen von Fliegerbomben und Granaten genügend beschäftigt ist. Eine derart ekelh . . . (Der Rest des Inhalts ist von der Zensur gestrichen worden.)

    1927, 38 Hans Lutz