Kategorie: 1928

Auswahl im Jahrgang 1928 veröffentlichter Beiträge

  • Das Kuchenrezept

    — Jg. 1928, Nr. 23 —

    Man nehme die zur Verfügung stehende Menge sozialdemokratischer Regierungssehnsucht und vermenge sie tüchtig mit deutschvolksparteilicher und großindustrieller Fähigkeit im Machtausüben (wobei eine Dosis zentrümlicher Schläue als Bindemittel gute Dienste tut), gieße einige Tropfen demokratischen Öls darüber und lasse das Ganze über Nacht stehen.

    Am andern Morgen mische man eine Menge kultureller Rückschrittlichkeit und konfessionellen Machtstrebens (beides wird vom Zentrum gerne geliefert) mit etwas sonntäglichem Kulturliberalismus (nur echt in Paketen mit den Aufschriften Bäumer oder Stresemann) und einer möglichst kleinen Dosis sozialdemokratischer Freigeistigkeit, gebe auch noch einige Fähigkeit zum Kompromissein (man achte auf die Schutzmarke Sollmann!) und etwas demokratische Einheitsstaatsgelüste dazu und rühre alles mit dem Teig vom vorigen Abend tüchtig durcheinander, wobei man fortwährend Zollschutzanhänglichkeit, industriellen Imperialismus, Trustpolitik, vorsichtig gemischt mit Völkerbunds- und Kriegsächtungsgerede und sozialdemokratischem Verantwortungsgefühl und Sinn für Taktik, darüber gießt. Falls der Teig nicht aufgeht, empfiehlt sich etwas Tinte aus dem Büro des Reichspräsidenten als Trieb. Die Zugabe einer Quantität arbeiterfeindlicher Schiedsgerichtsbarkeit macht den Kuchen (besonders nach dem Geschmack besserer Herrschaften) bekömmlicher.

    Nachdem man den Teig noch einige Stunden hat stehen lassen, tut man ihn 20 Minuten lang in einen mäßig warmen Ofen, garniert dann mit Schlagsahne, die aus Phrasen wie Volksgemeinschaft, Gewinnung der Arbeiter für den Staat, Erziehung der Sozialdemokraten zu verantwortungsvoller Mitarbeit und anderen hergestellt wird, und serviert den Kuchen der Großen Koalition dem dankbaren Volke.

    Postskriptum: Der Kuchen hat den Vorteil, daß er nicht altbacken wird. Er reicht mindestens zwei Jahre lang für sämtliche Mahlzeiten eines genügsamen Sechzigmillionenvolkes.

    1928, 23 · Hans Lutz

  • Guten Morgen, Wähler!

    Eh du sie wählst, frag die Partei…

    — Jg. 1928, Nr. 17 —

    Die Filmindustrie benützt den Wahlkampf dazu, den Film von der Lustbarkeitssteuer zu befreien: sie zeigt in den Kinos täglich einigen hunderttausend Wählern das Sprüchlein: „Eh du sie wählst, frag die Partei: Werden Filme steuerfrei?“

    Das ist die einzige konkrete Wahlkampfparole, die bis jetzt ausgegeben worden ist. Sonst hört man nichts als Phrasen: „Nie wieder Bürgerblock! Nieder mit Bazille! Keine Deutschnationalen mehr ihn der Regierung!“ Und so weiter. Aber niemand gibt Antwort auf die Frage: „Ja, was dann, wenn statt des Bürgerblocks die große Koalition regiert?“ Solche nasenweisen Frager vertröstet man höchstens mit der billigen Redensart: „Das wird sich schon finden.“ Gewiß, das wird sich finden, wir habens ja schon etliche Male gefunden: ein paar Ministerstühle wechseln ihre Be-sitzer, aber die Politik – die bleibt die gleiche.

    Warum das? Unter anderem deshalb, weil bloß die Filmindustrie so ein Wahlsprüchlein ausgegeben hat, im übrigen aber die Parteien und Kandidaten, eh sie gewählt werden, nach gar nichts gefragt werden. Und man könnte so viele Fragen stellen an die, die unseren Willen vertreten sollen. Z.B.:

    1. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wie soll nach deinem Willen das neue Strafgesetz aussehen? Wirst du dich dafür einsetzen, daß die Todesstrafe verschwindet? Und garantierst du, daß du es erreichst? Trotz Zentrum?“

    2. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Was wirst du tun, um die Justizkrise zu beseitigen? Wirst du verlangen, daß die Richter die Tat eines kommunistischen Arbeiters mit dem gleichen Maßstab messen, wie die eines deutschnationalen Arbeiters? Wirst du die (wenigstens zeitweise) Absetzbarkeit der Richter verlangen?“

    3. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wirst du dafür sorgen, daß die Pazifistenverfolgungen aufhören? Daß einer nicht mehr dafür bestraft wird, daß er ungesetzliche Handlungen aufdeckt?“

    4. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wirst du gegen den Reichswehretat stimmen, wenn die Ausgaben nicht bedeutend niedriger werden? Wirst du zu verhindern suchen, daß der unsinnige Panzerkreuzer gebaut und das Geld für den Bau weiterer Panzerschiffe bewilligt wird?“

    5. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Welche Vorschläge hast du für die Abrüstung? Welche zur Verhinderung der deutschen Aufrüstung?“

    6. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Was wirst du tun, damit wir noch in diesemJahrdem deutschen Einheitsstaat wenigstens einen kleinen Schritt näher kommen?“

    7. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wirst du fordern, daß endlich das Ausführungsgesetz zum Diktaturartikel der Weimarer Verfassung (Artikel 48) zustandekommt? Wirst du dabei zu erreichen suchen, daß auch im Ausnahmezustand die oberste Gewalt nicht in die Hand eines Militärs gegeben werden darf?“

    8. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wie steht’s denn… hm… mit dem… hm, hm… Schulgesetz? Was wirst du tun, wenn das Zentrum seinen Entwurf wieder vorlegt und du in der Regierung bist, liebe Partei? Warum redest du denn vor den Wahlen gar nichts davon?“ (Stimme aus dem Hintergrund: „Blöder Esel wo kämen wir denn hin, wenn wir uns auf solche Einzelheiten festlegen wollten?“ Wahrscheinlich nicht in die Regierung, weiß schon.)

    9. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Was wirst du für die Siedlung tun? Werden in den nächsten Jahren, wenn du uns zu regieren hilfst, mehr Bauernsöhne angesiedelt werden als in den letzten?“

    10. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wirst du dafür sorgen, daß mehr Wohnungen gebaut werden als bisher? Daß in vier Jahren nicht mehr eine Million Wohnungen in Deutschland fehlen?“

    So, das sind ein paar Fragen; es gibt noch fünfmal mehr. Aber wer hält sie den Kandidaten vor, die jetzt landauf landab für ihre alleinseligmachende Partei die Dummen suchen? Wer zwingt sie zur Erwiderung, zur Erwiderung nicht nur mit Worten, sondern mit der Tat? Wer legt sich so einen Fragezettel an und holt ihn nach vier Jahren wieder hervor, um zu sehen, was sich geändert hat? Niemand. Niemand. Niemand. Mit einem Wort: bei uns fehlt die Kontrolle der Partei durch die Wähler. Für die paar Wahlkampfwochen entdecken die Bürger ihr politisches Interesse. Dann dösen sie wieder weiter.

    „Verschlaf die Zeit, vergiß das Denken, verändere nie dein Schafsgesicht! Laß dich von jedem Ochsen lenken, und wenn er stößt, so muckse nicht.“ Nach vier Jahren werden sie wieder für ein paar Wochen aufgeweckt. Dann aber gleich: „Der Teufel soll die Politik holen! Man hat doch wahrhaftig Wichtigeres zu tun.“ Ohne Zweifel, man hat Wichtigeres zu tun als über das Wort nachzudenken: „Wenn wir nicht Politik treiben, wird sie mit uns getrieben“, und deshalb Politik zu treiben und nicht zu schlafen.

    Guten Morgen, Wähler!

    1928, 17 · Hermann List

  • Verantwortlich

    Verantwortlich

    — Jg. 1928, Nr. 11 —

    Wenn ich mit einer brennenden Pfeife über den Heuboden meiner eigenen Scheuer gehe, etwas Glut fällt heraus, die Scheuer brennt ab, — was glauben Sie, was mir geschieht, obwohl vielleicht außer mir selber nicht einmal jemand zu Schaden gekommen ist?

    Wenn ich als Angestellter der Firma Meier einem armen Reisenden, der mich dauert, fünfzig Mark aus der mir anvertrauten Kasse schenke — den Betrag, den der Chef jeden Abend herausnimmt, um ihn zu verjuxen —, glauben Sie, man wird mir das hingehen lassen?

    Wenn ich mit dem mir anvertrauten Gelde meines Mündels an der Börse spekuliere, z.B. in Filmaktien, oder in Speck, und elend hereinfalle, so daß am Schluß nichts mehr da ist, — wird der Herr Staatsanwalt mich etwa nicht beim Wickel nehmen?

    Wegen Veruntreuung, wegen Unterschlagung, wegen fahrlässiger Brandstiftung? Obwohl meine Gesinnung in allen diesen Fällen am Ende nicht einmal unanständig zu nennen wäre? Aber ich bin eben verantwortlich für etwas, für das Geld, den Besitz, oder Leben und Gesundheit meiner Mitbürger; und wenn ich diese Güter schädige, werde ich zur Verantwortung gezogen. Ich werde bestraft, oder muß Schadenersatz leisten, oder beides.

    Wenn ich als „verantwortlicher“ Minister meines Landes leichtsinnigerweise einen Krieg heraufbeschwöre, in dem zwei Millionen Landsleute mehr oder weniger qualvoll verrecken; wenn ich als Heerführer diesen Krieg infolge meiner bodenlosen Leichtfertigkeit in der Abschätzung der gegnerischen Kräfte verliere, so daß mein Volk 132 Milliarden Mark Kriegsentschädigung zu zahlen bekommt; wenn ich als Chef der Staatsbank so lange Papiergeld drucken lasse, bis es seinen bloßen Papierwert nicht mehr wert ist und auf diese Weise Hunderttausende um ihr mühselig erspartes Vermögen betrüge — was glauben Sie, daß mir dann passiert? Du lieber Gott: nichts. Ich werde höchst ehrenvoll pensioniert, bekomme dicke Ruhegehälter, genieße überall hohen Respekt. Statt daß man mich — (na, malts euch selber aus).

    Wenn ich aus der Kasse meines Landes Leuten wie etwa den Ruhrindustriellen, die schon vorher Millionäre sind, Millionen an die Rippen schmeiße, auf die sie nicht das geringste Anrecht haben; oder wenn ich mich mit den Geldern dieser Kasse als Beamter des Reichswehrministeriums an Film- und Speckgesellschaften beteilige, mit dem Erfolg, daß zwanzig Millionen Steuergelder in die Binsen gehen — wird da wohl ein Hahn darnach krähen? Jawohl, das wird einer, es wird wochenlang, monatelang in den Zeitungen und im Reichstag darüber gequatscht werden. Solange, bis der nächste Skandal reif ist. Aber wird mir etwas passieren? Nicht die Bohne, ich bekomme meine Pension, ziehe mich ins Privatleben zurück, und kann nach ein paar Jahren womöglich wieder weiß nicht was werden, Abgeordneter, Minister, Reichskanzler, Diktator oder so.

    Das ist der kleine Unterschied zwischen der Verantwortlichkeit im gewöhnlichen Leben und der Verantwortlichkeit in der Politik.

    Wenn es anders wäre, dann müßte ja die Politik ein höchst gefährliches Gewerbe sein.

    Und dann würde wahrscheinlich mancher die Finger davon lassen. Heiße er — bitte, die Namen selber einzusetzen, und ziemlich weit oben anzufangen.

    Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß es dann besser um uns stünde.

    1928, 11 Kazenwadel

  • Gescheitert

    — Jg. 1928, Nr. 43 —

    Das von der kommunistischen Partei eingeleitete Volksbegehren, das den Bau von Kriegsschiffen verboten wissen wollte, ist gescheitert. Es sind nur etwa zwei Millionen Stimmen aufgekommen, die Hälfte der Zahl, die notwendig gewesen wäre, um das beantragte Gesetz vor den Reichstag und einen etwaigen späteren Volksentscheid zu bringen.

    Die Sozialdemokratie, die in dem Volksbegehren der K.P.D. lediglich ein gegen sie gerichtetes parteipolitisches Manöver gesehen hat, triumphiert. Vielleicht etwas zu sehr und etwas zu früh.

    Es ist zwar richtig: man hat nun gesehen, daß eine derartige Aktion ohne die S.P.D. keinen Erfolg hat. Der Einfluß der K.P.D. in Deutschland ist weit geringer als die Wählerziffer vom 20. Mai es erscheinen ließ. Sie hat keine Presse, kein Geld, keine Führer. Und sie hat auf dem Lande fast gar keinen Boden. Ein „Kommunist“ ist für die große Mehrzahl unserer biederen Volksgenossen und namentlich -genossinnen offenbar etwas Fürchterliches.

    Man kreuzt zwar bei einer geheimen Wahl aus lauter Verbitterung einmal die rote Partei an, etwa wie Kinder den Teufel an die Wand malen (und dann froh sind, wenn er doch nicht kommt). Aber seinen Namen auf eine Liste setzen, die von der K.P.D. aufgelegt ist — Gott behüte! Ja, wenn die S.P.D. mitgemacht hätte, die heute durchaus gesellschafts- und regierungsfähig geworden ist!

    Die S.P.D. hat nicht mitgemacht, obwohl sie, wie sie nachdrücklich versichert, ebenfalls gegen den Bau von Panzerkreuzern ist. Und auch ihre „oppositionellen“ Mitglieder, der linke Flügel, die Sachsen, haben Disziplin gehalten und in der kritischen Zeit nicht gegen den Panzerkreuzer, sondern gegen die K.P.D. agitiert, die ebenfalls gegen Panzerkreuzer ist. Eine Haltung, die bei der Parteileitung der S.P.D. stolze Befriedigung erweckt haben mag: wir haben unsere Leute fest in der Hand; bei neutralen Zuschauern je nachdem ebenfalls Befriedigung oder Trauer: über die unheilbare Spaltung der Arbeiterklasse, die über den Klassenfeind niemals siegen wird, solange sie mit beispielloser Verbissenheit und tödlichem Haß den Bruderkrieg in den eigenen Reihen führt.

    Die S.P.D., der stärkere Bruder, freut sich über den Sieg, den ihm der Mißerfolg des Volksbegehrens bedeutet. Aber wenn die Partei den Weg weitergehen wird, den ihre Führer am 10. August (dem Nachfolger des 4. August 1914) beschritten haben, wenn die Taktiker vom Kaliber Severing und Hörsing in ihr die unumstrittene Oberhand bekommen, wenn mit ihrer Hilfe nach einem „positiven Wehrprogramm“ aufgerüstet werden wird, dann wird es sich eines Tages zeigen, daß ein Sieg auch ein Pyrrhussieg sein und daß hinter einem Höhepunkt der jähe Abfall kommen kann. „Genosse“ Severing und „Kamerad“ Hörsing wollen Seite an Seite mit Hindenburg, Groener und Heye marschieren. Es ist kaum denkbar, auch bei einem Höchstmaß von Parteifrommheit, „Disziplin“, Schafsgeduld oder wie wir das je nach Temperament nun heißen mögen, daß die sozialdemokratischen Arbeitermassen (in denen, o Ironie des Geschehens, heute die Erinnerung an die Zeit vor 50 Jahren jubiläumsweise aufgefrischt wird) dabei auf die Dauer mitgehen werden.

    Wir Kriegsgegner, die wir, ohne an dem Zwist zwischen S.P.D. und K.P.D. beteiligt oder interessiert zu sein, das Volksbegehren mitunterzeichnet haben (und morgen wieder mitunterzeichnen würden), weil sein Inhalt unserem Willen entsprach, werden jedenfalls bis auf Weiteres nicht mehr mit dem alten Vertrauen zur S.P.D. hinüberschauen können wie bisher. Wir verfolgen ihre Politik, die heute nicht mehr so eindeutig ist wie vor fünfzig Jahren, mit einer Spannung, die von Zweifel und Besorgnis erfüllt ist.

    1928, 43 Erich Schairer

  • Durchlaucht wünschen…

    Durchlaucht wünschen…

    — Jg. 1928, Nr. 24 —

    Geld natürlich. Und wofür? Das zu erklären geht nicht ohne eine kleine historische Abschweifung.

    Einer Reihe von deutschen Fürsten hat Napoleon I. ihre Souveränität genommen. Dafür hat sie im Jahre 1815 der König von Preußen entschädigt, indem er ihnen eine Art Halbsouveränität, die „Standesherrlichkeit“, verlieh. Sie bestand aus Ehrenrechten (Adel, Titel und Wappen, Kirchengebet, Landestrauer etc.), Hoheitsrechten (Verwaltung der direkten Steuern, Gerichtsbarkeit, Aufsicht über Kirchen und Schulen) und finanziellen Rechten (Freiheit von Personalsteuern, Brückengeldern etc.). Diese Vorrechte sind den Standesherren 1848 und später teils einfach genommen, teils durch Renten abgelöst worden.

    Die sogenannte Revolution im November 1918 übernahm, deutsch und — treu — wie sie war, mit dem Staat auch dessen Verpflichtungen, den diversen durchlauchtigsten Standesherren jährlich so und so viel Mark zu bezahlen, weil hundert Jahre vorher der König von Preußen es nicht übers Herz gebracht hatte, seine von Napoleon abgesetzten Kollegen im Bürgertum (heute würde man sagen: im Proletariat) versinken zu sehen. Die revolutionären preußischen Regierungen nach 1918 zahlten also. Nur gegen Ende der Inflation, als die Mark wie von Raketen getrieben dem Nullpunkt ihres Wertes entgegensauste, stellten sie die Zahlungen teilweise ein.

    Als dann 1923 und 1924 die Mark und die Gemüter sich wieder beruhigten, meldeten sich die Standesherren. Die Durchlauchtigsten wünschen … Geld natürlich. Und der preußische Staat benahm sich nobel wie ein Kavalier. Er erklärte sich bereit, die Renten weiter zu bezahlen und zwar wegen der verminderten Kaufkraft des Geldes mit einer Steigerung bis zu 50 Prozent, außerdem die während der Inflation geleisteten wertlosen Zahlungen mit 12,5 Prozent aufzuwerten.

    Die Standesherren waren aber damit nicht zufrieden und gingen vor Gericht. Der Herzog von Arenberg, der Fürst zu Salm und der Fürst zu Salm-Horstmar z.B. klagten vor dem Landgericht Münster auf Aufwertung ihrer Renten für die Jahre 1920 bis 1924. Diesen Herren, wohlgemerkt, hatte der preußische Staat während der ganzen Inflationszeit die Rente bezahlt; in den letzten Jahren war das bezahlte Geld natürlich wertlos, im Jahre 1920 und 1921 aber hatte es noch einen Wert, mit dem man rechnen konnte.

    Und was tat das Gericht? Es verurteilte Ende Mai 1928 den preußischen Staat dazu, diesen drei Standesherren ihre Renten vom Jahre 1920 bis 1924 mit vierzig Prozent aufzuwerten und ihnen rund 250.000 Mark auf den Tisch zu legen. Wenn alle die andern Prozesse, die die Standesherren führen, auch so ausgehen, dann muß der preußische Staat 12 Millionen Mark nachbezahlen (abgesehen von der jährlichen Zahlung der jetzt weiterlaufenden Renten).

    Wie ist das in unserer Republik, Theobald Tiger? „Wenn einer keine Arbeit hat, ist kein Geld da. Wenn einer schuftet und wird nicht satt, ist kein Geld da. Aber für Reichswehroffiziere und für andere hohe Tiere, für Obereisenbahndirektionen und schwarze Reichswehrformationen, für den Heimatdienst in der Heimat Berlin und für abgetakelte Monarchien — dafür ist Geld da.“

    1928, 24 Fritz Lenz

  • Justizopfer: Jakubowski

    — Jg. 1928, Nr. 3 —

    Jakubowski, ein russischer Kriegsgefangener, ist am 26. März 1925 von einem mecklenburgischen Schwurgericht zum Tode verurteilt und am 15. Februar 1926 hingerichtet worden. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er das Opfer eines Justizmordes geworden.

    Jakubowski soll seinen dreijährigen unehelichen Sohn Ewald Nogens ermordet haben. Das Kind ist seit dem 9. November 1924 verschwunden. Jakubowski soll es in die Heide hinausgebracht, getötet und vergraben haben. Ein Beweis liegt nicht vor; das Alibi des Hingerichteten war schon bei der Verhandlung fast lückenlos, nur wo er sich während einer halben Stunde aufgehalten hat, kann nicht durch Zeugen bewiesen werden (von ihm nicht, aber auch vom Gericht nicht): also, hat das Gericht angenommen, hat er in dieser Zeit den Mord begangen. Daß eine Zeugin, die Schreie gehört hat, diesen Vorfall an den Beginn dieser halben Stunde legt (zu dem der „Mörder“ noch gar nicht am Tatort gewesen sein konnte), hat dem Gericht dabei anscheinend keine Sorge gemacht. Es heißt in der Anklageschrift (nicht in der Urteilsbegründung!): „Die von der Zeugin angegebene Zeit scheint allerdings nicht ganz richtig gewesen zu sein, da die Erdrosselung nicht schon um 5.45 Uhr, sondern erst nach 6 erfolgt sein wird.“ „Erfolgt sein wird“ — diese willkürliche Annahme hat sich allem Anschein nach das Gericht zu eigen gemacht. Der „lückenlose Indizienbeweis“, auf den hin ein Mensch um einen Kopf kürzer gemacht worden ist, ist überhaupt kein Beweis, enthält von Beweisen keine Spur. Der einzige Zeuge, der Jakubowski auf dem Weg zur Mordstelle gesehen haben will, ist ein Idiot; er ist unbeeidigt vernommen worden („weil er wegen Verstandesschwäche von dem Wesen und der Bedeutung des Eides keine genügende Vorstellung hat“); wenige Wochen später ist er als unheilbar geisteskrank ins Irrenhaus gebracht worden. Zur Zeit der Verhandlung war er trotz seiner offenkundigen Idiotie noch geeignet, als Kronzeuge zu dienen und durch seine simpelhafte Aussage (nicht einmal sein Alter wußte er anzugeben) das Schicksal eines Menschen zu besiegeln.

    Das Gericht hat, um Jakubowskis Schuld glaubhaft zu machen, den Mann einen schlechten Vater genannt; das Gegenteil ist bewiesen. Es hat ihm, der nur schlecht deutsch sprach, trotz seiner Bitte einen russischen Dolmetscher verweigert; seine Feststellungen zu einzelnen Punkten seiner Aussage: er sei falsch verstanden worden, hat es als „faule Ausrede“ abgetan. Jakubowski hat bis zuletzt seine Unschuld beteuert; er hat auf eine andere Spur gewiesen: es scheint, daß man sich um den Hinweis überhaupt nicht gekümmert hat.

    Der katholische Gefängnisgeistliche wunderte sich über die Art der Verhandlung. Er war wie sein evangelischer Kollege überzeugt, die Hinrichtung hätte nicht stattgefunden, wenn es sich um einen Mecklenburger gehandelt hätte. Der Vertreter der Regierung, ein Ministerialrat, der bei der Verhandlung anwesend war, hielt den Indizienbeweis für nicht gelungen, erwartete bestimmt die Begnadigung — und deckte, nachdem sie abgelehnt war, seinen Minister. Die Gefängnisbeamten waren zum Teil von Jakubowskis Unschuld überzeugt, zum Teil von seiner Schuld nicht überzeugt. Der Pflichtverteidiger appellierte noch zwei Tage vor der Hinrichtung in einem Briefe an das Staatsministerium in Neustrelitz und gab seiner festen Überzeugung Ausdruck, daß Jakubowski unschuldig sei.

    Alles umsonst! Der Kopf des armen Kerls mußte fallen. Die Maschine hat gesiegt. Fiat Justitia! Der schmutzige Rechtsbegriff einer schmutzigen bourgeoisen Ideologie muß unangetastet bleiben: die Todesstrafe muß auch dann als heilig und gerecht erscheinen, wenn ihre Anwendung selbst nach dem Buchstaben des Gesetzes nicht gerechtfertigt scheint. Am Menschen liegt nichts: der ist antastbar und vogelfrei; unantastbar und tabu ist allein der Apparat.

    1928, 3 Max Barth

    Der Mann, der Jakubowski hätte begnadigen können, ist der ehemalige mecklenburg-strelitzische Ministerpräsident Hustädt. Eine Strafanzeige der Liga für Menschenrechte gegen Ankläger und Richter im Jabubowskiprozeß, Oberstaatsanwalt Müller und Landgerichtspräsident von Buchka, ist abgelehnt worden. Ein auf Antrag der Eltern Jakubowskis eingeleitetes Wiederaufnahmeverfahren schwebt noch. Der meineidige Hauptbelastungszeuge, August Nogens, ist im Juni 1929 zum Tode verurteilt worden.

  • Glaubt den Schwindel nicht

    — Jg. 1928, Nr. 2 —

    Wenn ich sehr reich wäre, würde ich mir anläßlich der diesjährigen Wahlen folgenden Scherz leisten. Ich würde in einer Auflage von hundert Millionen Stück ein Plakat drucken lassen, rote Schrift auf weißem Grund: „Glaubt den Schwindel nicht!“ Dieses Plakat müßte vier Wochen vor dem Wahlsonntag an jeder Plakatsäule, jedem Zaun und jedem Scheunentor in ganz Deutschland kleben und wöchentlich in der Nacht von Samstag auf Sonntag erneuert werden.

    Sie meinen, der Text wäre zu undeutlich? Ich solle lieber sagen: „Glaubt den deutschnationalen Schwindel nicht!“? Mein Lieber, wenn es so heißen würde, dann dächte ja jedermann, das sei ein sozialdemokratisches Plakat, und da dann die Absicht am Tage läge, wäre meine Aufforderung nicht halb so wirksam. Warum sollten sich denn die Leute nicht ein wenig besinnen, welchen Schwindel sie nicht glauben sollen? Und seien Sie ruhig überzeugt: neunzig Prozent von dem Gesamtschwindel, der in der Wahlzeit über Deutschland ausgegossen werden wird, wird deutschnationaler Schwindel sein. Das geht nach einer ganz einfachen Rechnung daraus hervor, daß vier Fünftel der ganzen deutschen Presse, dazu fast der ganze gewaltige Apparat von Kino und Radio, durch Hugenberg und seine Leute kontrolliert werden. Man macht sich gar keine Vorstellung, wie groß dank der täglichen Verdunkelungsarbeit jener Mächte die politische Unkenntnis unseres Volkes ist. Keine Ahnung haben wir, habt ihr „Intellektuellen“ vor allem, wie es in den Köpfen von Millionen unserer deutschen Mitbürger aussieht. Wie viel Menschen, schätzen Sie wohl, gibt es in Deutschland, die noch an den leibhaftigen Satan glauben? Was? Na, sehen Sie, gestern erst habe ich mich mit so einem unterhalten. Wo? Mitten in der Großstadt, zwischen Autos, elektrischen Lampen und Lautsprechern.

    Eines der besten Beispiele für die Unbesieglichkeit einer langdauernden, systematischen, raffinierten Propaganda, die mit der Wahrheit gar nichts zu tun hat, ist der Kriegsschuldlügen-Schwindel. Nicht einer unter Tausenden in Deutschland macht sich wahrscheinlich ein halbwegs richtiges Bild von der Art und Weise, wie der Krieg zustande gekommen ist. Nicht ein Zehntel Prozent dieses armen Volkes weiß, wieviel Schuld an seinem Ausbruch jener Mann in Holland und seine Schranzen (Paladine hat man nach Siebzig gesagt, da hatte man gesiegt) auf dem Gewissen haben. Wenn die Wahrheit über den Krieg auch nur in ihren Grundzügen bekannt wäre, dann wäre die deutschnationale Partei ein kleiner Klüngel, um den sich niemand zu kümmern brauchte.

    Sie verstehen, wie stark das Interesse jener Kreise sein muß, der Öffentlichkeit den Tatbestand von 1914, auch von 1917 und 1918, zu verschleiern. Man hat diese rein innenpolitische Angelegenheit zu einer außenpolitischen gemacht und tut so, als ob Deutschland für den verlorenen Krieg nichts zu berappen brauchte, wenn die Welt endlich einsehen würde, daß es, d. h. seine damaligen Regierer, die heute wieder regieren, an seinem Ausbruch unschuldig gewesen sei. Das Ausland weiß so ziemlich Bescheid, übertreibt natürlich ein wenig zu seinen Gunsten; aber wir in Deutschland haben keine Ahnung.

    Kriegerwitwen, verlassene alte Eltern, Kriegskrüppel, verarmte Rentner, denken Sie nur, wählen deutschnational, wählen die Leute, denen sie ihr Unglück, die Zerstörung ihres Lebensglückes zu verdanken haben! Die ihren Wilhelm am liebsten morgen wieder heimholen würden, damit er nach der kleinen Unterbrechung als „Friedens-Kaiser“ glorreich weiterregieren könnte!

    Verzweifeln möchte man oft, wenn man sich das alles vergegenwärtigt. Lügen hätten kurze Beine? Siebenmeilenstiefel haben sie heutzutage an, sage ich Ihnen. Ja, wenn man Geld hätte, Geld wie Hugenberg!

    1928, 2 Kazenwadel

  • Warum die Juristen für Roggenzölle sein müssen

    — Jg. 1928, Nr. 9 —

    Hat da ein Statistiker Roggenpreise und Kriminalitätszahlen nebeneinander geschrieben; und siehe, die beiden Kurven stimmen überein! Steigt der Roggenpreis, nehmen die Diebstähle zu; sinkt der Roggenpreis, nehmen sie ab.

    Mein Neffe hat sein juristisches Examen gemacht und ist jetzt Referendar, ich habe ihm geraten, dieses Frühjahr deutschnational zu wählen (was er sowieso tun wird). Denn die Deutschnationalen, die Partei der roggenbauenden Großgrundbesitzer, sind die einzige Partei, die wirklich zuverlässig für eine Verteuerung des Roggens durch Zölle zu haben ist.

    Die Juristen haben sozusagen ein Berufsinteresse an hohen Roggenpreisen. Wo kämen sie denn hin, wenn gar nicht mehr gestohlen würde, weil das Brot nichts mehr kostet?

    Verstehen Sie jetzt, warum unsere Juristen, ohne Zweifel einem unterbewußt waltenden, aber richtigen Instinkte folgend, meistens deutschnational sind?

    1928, 9 Kazenwadel

  • Wie finden Sie das?

    Der Mädchenhändler

    — Jg. 1928, Nr. 46 —

    Fritz Lang, der Regisseur des „Metropolis“-Films und anderer ebenso monumentaler wie kitschiger Zelluloidstreifen, entdeckt eine junge Schauspielerin, Fräulein Dyers. Er verpflichtet sie vertraglich auf sechs Jahre und sichert ihr eine von Jahr zu Jahr steigende Gage zu (gegenwärtig 1500 Mark monatlich). Fräulein Dyers spielt, mit Erfolg, aber nur einmal unter Fritz Lang. Sonst bei anderen Filmgesellschaften. Fritz Lang vermietet sie nämlich; der Vertrag gibt ihm das Recht dazu.

    Wie finden Sie das? Aber warten Sie noch einen Augenblick! Er vermietet sie nämlich nicht zum Selbstkostenpreis, sondern verlangt von den Gesellschaften, an die er Fräulein Dyers ausleiht, das Sieben- und Achtfache dessen, was er ihr als Gage zahlt. An diesem „Mädchenhandel“ hat er in einem Jahr rund und nett 20 000 Mark verdient.

    Nun sagen Sie: wie finden Sie das? Ich bin ganz Ihrer Meinung: das ist abscheulich, ja . . . ach, die Worte fehlen einem. Das Gericht, vor das Fräulein Dyers endlich gegangen ist, hat auch gedacht wie Sie und den Vertrag zwischen Fritz Lang und Fräulein Dyers als gegen die guten Sitten verstoßend für ungültig erklärt.

    Das ist also soweit in Ordnung. Aber nun hören Sie zu: In Ihrer Wohnung ist ein Rohr der Wasserspülung beschädigt. Sie eilen ans Telefon und lassen von einem Installationsgeschäft einen Arbeiter kommen. Wenn er das Rohr geflickt hat, überreicht er Ihnen eine Rechnung, auf der seine Arbeitsstunde mit 1,50 Mark berechnet wird. Er selbst bekommt aber von seinem Unternehmer nur 70 Pfennig.

    Nun sagen Sie: wie finden Sie das? Ganz in Ordnung? Ich weiß doch nicht. Aber gehen wir zu etwas anderem über.

    Hundert Arbeiter machen aus Eisen, Blech, Holz, Leder usw. Automobile. Ihr Unternehmer kauft die Rohmaterialien um 1 Million Mark ein und verkauft die fertigen Automobile um 3 Millionen Mark. Nach Abzug aller Unkosten (abgesehen von den Löhnen) hat er einen Gewinn von 1 Million Mark. Gibt er nun diese Million seinen Arbeitern als Lohn? O nein, nur einen Teil; und den andern Teil behält er für sich. (Wenn das Unternehmen eine Aktiengesellschaft ist, wird das Geld den Aktionären als Dividende ausbezahlt.) Und nun reden Sie: wie finden Sie das?

    „Aber Herr Hagel. Sie haben heute einmal spassige Manieren! Ich finde es ganz richtig, daß der Inhaber des Installationsgeschäftes und der Automobil-Fabrikant auch etwas verdienen. Die geben doch ihr Kapital her, ohne das die Arbeiter gar nicht arbeiten könnten. Stellen Sie sich einmal vor, der Installationsarbeiter wäre nicht in einem Geschäft angestellt! Der könnte lange suchen, bis er ein geplatztes Rohr fände, bei dessen Reparierung er Geld verdienen kann.“

    Schön, Verehrter, aber jetzt seien Sie bitte einmal konsequent. Mit dem selben Recht kann Fritz Lang sagen, ohne ihn würde Fräulein Dyers gar nicht beim Film arbeiten und 1 500 Mark im Monat verdienen, sondern sie wäre noch Tippfräulein oder anderes in Wien mit 200 Schilling Monatsgehalt. Er habe sie entdeckt, ihr Arbeit und Ruhm verschafft, er habe auch das Recht, an der Arbeit, die sie bei andern Gesellschaften leiste, Geld zu verdienen. Das sei recht und billig. Außerdem brauche er das Geld als „Kapital“ bei seinem „Geschäft“, sonst könnte er nicht andere junge Talente entdecken und ausbilden. Es ist aufs Haar genau der gleiche Fall wie der des Installationsarbeiters. Und im Grunde ist die Lage der hundert Arbeiter der Automobilfabrik auch nicht anders.

    Aber Sie empfinden die Behandlung von Fräulein Dyers als Unrecht, die der Arbeiter dagegen nicht. Wissen Sie, woher das kommt? Weil Fräulein Dyers zwei schöne Augen und zwei schlanke Beine hat und weil ihr die Schönheit eine Art von Monopol verleiht. Die Arbeiter aber stehen seit vielen Jahrzehnten ohne Monopol (es gibt ja ein paar Millionen zu viel) dem Monopol der Unternehmer (Kapital, Boden, Arbeitsgelegenheit) machtlos gegenüber; sie werden deshalb seit langem ausgebeutet, und das sind Sie so gewöhnt, daß Sie es gar nicht mehr als Unrecht empfinden.

    „Ich darf doch mit einem Regenschirm . . .“

    Die Eisenindustriellen, die jetzt, da Wilhelm es nicht mehr tun kann, auf Schiedsgerichte sch . . ., ihre Fabriktore zumachen, das Erz ungenützt im Boden lassen und 200 000 Arbeiterfamilien den Verdienst nehmen, gehören einfach enteignet.

    „Na hören Sie mal, Herr Hagel, Sie sind ja der reinste Bolschewist. Die Fabriken und die Hütten gehören nun einmal den Unternehmern, da können Sie ihnen nicht einfach vorschreiben, was sie mit ihrem Eigentum tun dürfen und was nicht. Ich darf doch mit einem Regenschirm, der mir gehört, auch anfangen, was ich will.“

    Da befinden Sie sich in einem Irrtum, Verehrter. Sie können Ihren Regenschirm zwar bei Sonnenschein spazierentragen, aber Sie dürfen ihn nicht Ihrem Nachbar in den Bauch rennen und dann aufspannen. Sonst bekommen Sie’s mit der Polizei zu tun. Denn dazu ist der Regenschirm nicht da. Und die Erze im Boden sind nicht dazu da, daß man sie den Arbeitswilligen sperrt und dadurch der Allgemeinheit schadet. Das ist Mißbrauch, der gestraft gehört. „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich Dienst sein für das gemeine Beste.“ So heißt es in Artikel 153 der Weimarer Verfassung.

    Darf der Staat stehlen?

    Die pietätlosen Bolschewisten haben nicht nur Kohlengruben und Ölfelder enteignet, sondern auch wertvolle Kunstgegenstände entschädigungslos aus Privatbesitz in staatliche Museen übernommen. Und nun versteigert der Sowjetstaat einige Stücke seiner reichhaltigen Sammlungen im Auktionshaus Lepke in Berlin. Wie finden Sie das? Recht oder Unrecht?

    Nun, ein russischer Fürst hat etwas anderes gefunden: nämlich unter den zur Versteigerung ausgestellten Gegenständen ein paar, die einst ihm gehört haben. „Gestohlen!“ sagt er entrüstet, geht vor ein deutsches Gericht und erreicht, daß die Gegenstände „einem Gerichtsvollzieher zwecks Sicherstellung“ herausgegeben werden müssen und also nicht versteigert werden dürfen. Wie finden Sie das?

    Ich finde es zum mindesten inkonsequent. Denn das Öl, das wir von Rußland kaufen, ist auch „gestohlen“, ebenso das Getreide, das Platin, die Wolle usw., außerdem stammt das Geld, das eine deutsche Fabrik von Sowjetrußland für Lieferung von Maschinen erhält, auch aus „Diebstahl“.

    Aha, Sie finden, es sei ein Unterschied, ob der Staat Bodenschätze, die der Allgemeinheit nützen sollen, „stehle“, oder ein wertvolles Bild. Aber die Bolschewisten werden Ihnen entgegnen, das Bild nütze dem Volk viel mehr, wenn es in einem öffentlichen Museum hänge, als wenn es nur wenigen Besuchern zugänglich sei. Und wenn der Staat jetzt diese Bilder verkaufe und von dem Erlös in Moskau ein Kinderheim oder eine Textilfabrik baue, dann könne die Allgemeinheit gar nichts dagegen einwenden.

    Die deutschen Gerichte scheinen aber da Bedenken zu haben, obgleich sie doch zugeben müßten, daß auch der deutsche Staat täglich zum Wohle der Allgemeinheit „stiehlt“. Er „stiehlt“ Ihnen z. B. jeden Monat 10 Prozent Ihres Einkommens und sagt, er brauche das Geld, um zu verhindern, daß Ihnen irgend ein Gauner den Rest stiehlt, oder um gute Straßen für den Buick des Herrn Thyssen zu bauen. Sie lassen sich das ruhig gefallen, obgleich Sie sogar wissen, daß Ihre Steuern oft nicht der Allgemeinheit zugutekommen, sondern denen, die dem Herzen bzw. Geldbeutel des Staates am nächsten stehen. Sie empfinden das zwar als Unrecht, aber Sie sind durchaus nicht so empört darüber, daß Sie sich dadurch auch nur im geringsten in Ihrer täglichen Arbeit stören ließen. Ja, es gibt Leute, die nehmen davon gar keine Notiz, debattieren jetzt aber, unter Assistenz der Hugenberg-Blätter, erregt über die Frage: „Finden Sie, daß Lepke sich richtig verhält?“

    Sehen Sie, so inkonsequent sind unsere Anschauungen über Recht und Unrecht, so verworren unsere Begriffe von Eigentum und Diebstahl.

    1928, 46 Jan Hagel

  • Strümpfe oder Dynamit

    Strümpfe oder Dynamit

    Zum Kriegführen braucht man heute drei Dinge: Giftgas, Dynamit für die Sprenggeschosse und Öl zum Betrieb der Schiffs- und Flugzeugmotoren. In Deutschland werden diese drei Kriegsmittel hergestellt in den Fabriken und Laboratorien des Chemietrustes, der I.-G. Farbenindustrie A.-G.

    Im Herbst 1913 ist in Oppau die erste Fabrik, in der Stickstoff (der Hauptbestandteil der zur Herstellung des Dynamits nötigen Salpetersäure) nach dem Haber-Bosch-Verfahren aus der Luft gewonnen wird, in Betrieb genommen worden. Ohne sie hätte Deutschland 1914 keine drei Monate lang Krieg führen können. Im Mai 1916 hat die kurz zuvor gegründete Interessengemeinschaft der chemischen Industrie Deutschlands (die Vorläuferin der I.-G. Farbenindustrie A.-G.) das zweite Stickstoffwerk in Leuna gegründet. Als nach dem Krieg die Verflüssigung der Kohle gelang, hat sich die Interessengemeinschaft eigene Kohlenfelder, besonders aus der Liquidationsmasse des Stinneskonzerns, zusammengekauft. Im Dezember 1926 sind dann die in der Interessengemeinschaft vereinigten Trusts zu einem großen Unternehmen verschmolzen worden, das den Namen I.-G. (Interessen-Gemeinschaft) Farbenindustrie Aktiengesellschaft erhielt.

    Diese I.-G. Farbenindustrie A.-G., der deutsche Chemietrust (Sitz der Leitung: Frankfurt a. M.), besitzt nicht nur 39 Großbetriebe und Bergwerke, sondern kontrolliert auch durch „Beteiligungen“ und „Interessengemeinschaften“ zahlreiche Montanwerke, Ölfabriken, Sprengstoffwerke, Waffen- und Munitionsfabriken, Unternehmungen der Elektroindustrie, und hat in letzter Zeit 50 Prozent der Aktien der Rheinischen Stahlwerke A.-G. aufgekauft. Das Aktienkapital des Chemietrusts beträgt 100 Millionen Mark; der Trust ist unstreitig die größte Kapitalmacht in Europa.

    In den Werken des Trustes werden erzeugt oder hergestellt: Kohle und Öl, fotochemische Waren, farmazeutische Mittel (z. B. Aspirin, Salvarsan), Filme, Leichtmetalle (Aluminium), Düngemittel, Kalk, vor allem aber Farben und Kunstseide.

    Und nun ist es nötig, sich einen Augenblick mit einem kleinen Kapitel Chemie abzugeben.

    Aus Steinkohlenteer gewinnt man Benzol, Fenol und andere Öle, die die Ausgangsprodukte nicht nur für die meisten Farbstoffe, sondern auch für die wichtigsten Giftgase sind.

    Wenn Stickstoff (der in Leuna und Oppau gewonnen wird) an Wasserstoff gebunden wird, entsteht Ammoniak, eines der wichtigsten Düngemittel. Aus Ammoniak und Sauerstoff erhält man die Salpetersäure. Behandelt man Zellulose mit Salpetersäure, so entsteht Schießbaumwolle, die Grundlage des Dynamits, behandelt man Zellulose dagegen mit Schwefelkohlenstoff, dann ist das Produkt Kunstseide.

    Man sieht: Werkzeuge des Friedens und Kriegswaffen nahe beieinander. Stickstoff verwendet man als Ammoniak zur Düngung des Ackers, als Salpetersäure zur Herstellung von Schießbaumwolle; Indigo oder ein Filmstreifen werden aus den gleichen Stoffen gewonnen wie Giftgas; die Produktion von seidenen Damenstrümpfen hat mit der von Dynamit große Ähnlichkeit.

    Mit anderen Worten: der deutsche Chemietrust, die größte Kapitalmacht Europas, kann sich über Nacht in den größten Rüstungstrust Europas verwandeln. Er produziert die drei Dinge, die man zum Kriegführen braucht: Dynamit, Giftgas und Öl. (Öl — denn er hat das Patent für das Bergin-Verfahren zur Verflüssigung von Kohle, das in der im April 1927 fertiggestellten Anlage bei Leuna zum erstenmal in großem Maßstab angewendet wird.)

    Wenn heute ein Krieg ausbricht, ist der Chemietrust der erste Kriegslieferant. Dann wird sich sein Kapital nicht wie bisher mit 300, sondern mit noch mehr Prozent verzinsen. Und auch an den Kriegsgewinnen der Kohlen- und Erzherzöge würde er teilhaben; denn schon verhandelt er mit den Vereinigten Stahlwerken A.-G., der zweitgrößten Kapitalmacht, über eine engere Verbindung, über die Ablösung des bisherigen Konkurrenzkampfes durch eine Interessengemeinschaft.

    Der Chemietrust sucht sich aber nicht nur mit seinen Partnern im Inland, sondern auch mit den Konkurrenten im Ausland zu ,,verständigen“. Während des Ruhrkriegs hat die chemische Industrie Deutschlands dem französischen Kriegsministerium und der französischen chemischen Industrie einige Patente mitgeteilt und sich verpflichtet, innerhalb der nächsten 15 Jahre in Frankreich keine Fabriken zu errichten. Gegen gute Bezahlung natürlich. Auch an englische und amerikanische Gesellschaften hat der Trust Patente (z. B. für Erdölraffinierung) verkauft. In Spanien, England und U.S.A. besitzt der Chemietrust Fabriken. Über die Gründung eines europäischen Chemietrustes wird schon seit einiger Zeit verhandelt.

    Diese Internationalität sei eine Gewähr dafür, daß der deutsche Chemie-Trust keine Kriegsgefahr bilde, daß er immer Seidenstrümpfe statt Dynamit herstellen werde?

    Das anzunehmen, wäre eine leichtfertige Täuschung. Auch vor 1914 sind die Rüstungs- und Sprengstoffindustriellen international verbunden gewesen (der Nobel-Konzern z. B. hat in fast allen Staaten die Sprengstoffproduktion beherrscht).

    Die Friedensgarantien schafft nicht die Wirtschaft, sondern die Politik. Und wenn die Regierungen keine Friedenspolitik treiben (die Rüstungen in allen Staaten beweisen, daß sie es nicht tun), wenn sie selber unter dem Einfluß der am Kriege verdienenden Rüstungsindustrie stehen, dann hilft nur eines: Einigung aller Friedensfreunde, vor allem Einigung der Arbeiterklasse zum Kampf gegen die imperialistische Politik der Regierungen und der Rüstungsindustriellen.

    1928, 3 Fritz Lenz

  • Hugenberg

    Hugenberg

    — Jg. 1928, Nr. 34 —

    Der deutschnationale Abgeordnete Hugenberg ist einer der mächtigsten Männer nicht nur in der Deutschnationalen Volkspartei, sondern in Deutschland überhaupt. Worauf beruht seine Macht?

    Im Jahre 1913 teilte August Scherl dem Reichskanzler Bethmann-Hollweg mit, er werde 8 Millionen Mark Stammanteile des Scherl-Verlags verkaufen; Rudolf Mosse biete ihm 11 1/2 Millionen Mark, er, Scherl, sei aber bereit, „Freunden der Regierung“ die Stammanteile um 10 Millionen zu überlassen.

    Bethmann verhandelte mit einigen reichen Leuten; vergeblich. Die Gefahr, daß Rudolf Mosse oder die Gebrüder Ullstein den Scherl-Verlag übernehmen könnten, wurde immer drohender. Um diese „jüdische Gefahr“, vor der hohe und allerhöchste Stellen in Berlin zitterten, abzuwehren, übernahmen schließlich (lachen Sie nicht!) Baron Alfred von Oppenheim und der Kölner Finanzmann Louis Hagen die 8 Millionen Mark Stammanteile.

    Jetzt aber griff Alfred Hugenberg, Vorsitzender des Direktoriums von Krupp, ein. Er gründete in Düsseldorf den „Deutschen Verlagsverein“; dieser kaufte in den folgenden Jahren den Scherl-Verlag auf. Hugenberg wandte sich einfach an die preußische Regierung mit der Bitte, daß dem Deutschen Verlagsverein „aus irgendwelchen uns nicht bekannten Fonds ein Vorschuß gegeben werde“. Auf eine Geheimverfügung des preußischen Ministers des Innern erhielt der Verlagsverein im August 1914 und im Jahre 1916 je 2 1/2 Millionen Mark. (Daß diese 5 Millionen heute noch nicht zurückgezahlt sind, ist für die republikanische Regierung Preußens nicht gerade ein Kompliment.)

    So erwarb Hugenberg den Scherl-Verlag, der jetzt eine Menge stramm deutschnationaler Zeitungen (allen voran den „Berliner Lokalanzeiger“), Zeitschriften, Magazine und Bücher herausgibt.

    Hugenberg erkannte aber, daß in Deutschland die Provinzpresse ebenso wichtig ist wie die Berliner Presse. Die Pariser und Londoner Zeitungen haben viel größere Auflagen als die Berliner, und zwar deshalb, weil sie auch in der Provinz gelesen werden. In Deutschland dagegen hat die kleinste Provinzstadt ihr Lokalblättchen, und die meisten Leute, bescheiden wie sie sind, begnügen sich mit der geistigen Nahrung dieser Zeitung.

    Diese „Kanäle zu den Gehirnen der Menschen“ machte Hugenberg seinen Interessen dienstbar. Er gründete 1922 die „Wirtschaftsstelle der Provinzpresse (Wipro)“, die eine Maternkorrespondenz herausgibt. Nach der Inflation kaufte er noch eine zweite Maternkorrespondenz auf. Diese Maternkorrespondenzen schicken Leitartikel, Nachrichten, Plaudereien, Romane, Sportberichte usw. in Pappstreifen eingepreßt an die Provinzdruckereien, die mit Hilfe einer einfachen Metallgießmaschine die Druckplatten herstellen. Nehmen Sie irgend ein Provinzblatt in die Hand — außer den lokalen Nachrichten ist alles (auch die Schimpfereien über den Berliner Zentralismus) in Berlin fabriziert worden. Und die meisten Provinzblätter beziehen ihr Material aus Hugenbergs Werkstätten.

    Eine solche Korrespondenz kann aber nur die Nachrichten an die Zeitungen weiterleiten, die sie irgendwoher erhält; sie ist also abhängig von den Nachrichtenbüros. Nach dem Kriege gab es in Deutschland nur ein einziges Nachrichtenbüro von Bedeutung: Wolffs Telegrafen-Büro (W.T.B.). Dieses war bei seinen Inlandsnachrichten abhängig von der Regierung (es ist das offiziöse Nachrichtenbüro), bei seinen Nachrichten aus dem Ausland von den englischen und französischen Nachrichtenorganisationen (Reuter und Havas). Wenn also in Buenos Aires eine Revolution ausbrach, ging die Nachricht über das Reuter-Büro und das W.T.B. an die Korrespondenzbüros. Wenn in Berlin die Metalldrücker streikten, meldete das W.T.B. diese Tatsache mit dem nötigen Kommentar dem Reuterbüro und dieses leitete die Nachricht an die Newyorker Zeitungen; wie die Nachricht dort ankam, kann man sich etwa vorstellen.

    Hier griff Hugenberg ein durch den Erwerb und den Ausbau der Telegrafen-Union (T.U.) Er brach das Nachrichtenmonopol des von der Regierung abhängigen W.T.B. im Inland und machte sich auch daran, im Ausland einen eigenen Nachrichtendienst einzurichten: er schloß Verträge mit ausländischen Nachrichtenbüros und gründete eigene Filialen. Wenn also jetzt in Berlin ein Streik ausbricht, gibt die T.U. die Nachricht mit dem entsprechenden Kommentar der United Preß und diese muß sie, nach den abgeschlossenen Verträgen, unverändert an die amerikanischen Zeitungen liefern. Wenn es in Prag zu einem Straßenauflauf kommt, dann meldet die Prager Filiale der T.U. nach Berlin, dort wird die Nachricht zurechtgemacht und dann, teils in Telegrammen, teils schon in Matern, an etwa 1600 deutsche Zeitungen verschickt. Nicht nur an deutschnationale Zeitungen — nein, Hugenberg beliefert auch Zeitungen der Deutschen Volkspartei, ja sogar Zentrums- und Demokratenblätter mit Nachrichten und Leitartikeln. Die Nachrichten müssen natürlich mit Vorsicht und mit Rücksicht auf die Parteistellung der empfangenden Zeitung ausgewählt und „ausgewertet“, d. h. kommentiert werden. Mit dieser Aufgabe beschäftigt Hugenberg außer etwa 2000 Mitarbeitern 500 bis 600 festangestellte Beamte und 90 Redaktöre.

    Nachrichten auswählen, formulieren und kommentieren — das bedeutet: Nachrichtenpolitik treiben. Und Nachrichtenpolitik in dem Maßstab treiben wie Hugenberg es tut — das bedeutet: die Menschen beherrschen. Haben ausländische Blätter recht, wenn sie Hugenberg „uncrowned king“, „roi sans couronne“, „ungekrönten König“ nennen?

    Sie haben recht. Sie haben zehnmal recht, seit Hugenberg auch noch Film und Kino in seine Gewalt zu bringen sucht. Schon 1916 hat er eine „Deutsche Lichtbildgesellschaft“ gegründet, aus der dann 1920 die Deuligfilm A.-G. entstand. Und vor einem Jahr hat er die Werkstätten und die Theater des größten deutschen Filmunternehmens, der Universum-Filmgesellschaft (Ufa) erworben. Über die Machtsteigerung, die dieses Eindringen in die Filmindustrie bedeutet, braucht man kein Wort zu verlieren.

    Woher hat Hugenberg das Geld genommen, mit dem er diese Macht erwarb? Antwort: 1. Von der preußischen Regierung (siehe oben); 2. von der Schwerindustrie; 3. von den Großgrundbesitzern. Eine Ausnahme allerdings gibt es, und die ist sehr bezeichnend für die Entwicklung und die jetzige Macht des Hugenberg-Konzerns: die Ufa hat Hugenberg ohne jede Kapitalzuwendung von der Industrie oder der Landwirtschaft ganz aus eigener Kraft, d. h. aus Reserven und kaufmännisch normalen Bankkrediten seinem Konzern eingegliedert.

    So hat Alfred Hugenberg in den letzten vierzehn Jahren ein Gebäude errichtet, das nicht so leicht eingestürzt werden wird. Denn er kennt die Menschen und hat seinen Bau errichtet auf ihrem Geschmack fürs Mittelmäßige, ihrem Mangel an Zivilkurasche, ihrer geistigen Schwerfälligkeit und ihrer Kritiklosigkeit. Und das sind die sichersten Fundamente.

    1928, 34 · Pitt

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