Kategorie: 1927

Auswahl im Jahrgang 1927 veröffentlichter Beiträge

  • Der zahme Adolf

    [Eine gewaltige Fehleinschätzung, wie sich herausstellen sollte…]

    Der staatenlose Maler Hitler laboriert immer noch an dem Nimbus herum, den er einmal in einer aufgeregten Zeit so en passant erworben hat. Vor einem Jahr hat er sich bemüßigt gefühlt, so etwas wie Erinnerungen von sich zu geben, aber ein Buch ist keine Radauversammlung, man merkt da selbst den breitspurigsten Redensarten an, auf wie schlechten Füßen sie einherhumpeln. Augenblicklich blüht neues Leben aus den nationalsozialistischen Ruinen. Herr Hitler redet und redet, wo man es ihm nur erlaubt. Neulich hat er auch in Stuttgart geredet. Zwei und eine halbe Stunde. Ach, war das ein Geseires! Wie der Mann zu seinem Ansehen gekommen ist, möchte ich auch wissen! Er hatte sich zur nötigen Dekoration malerische Gruppen aus dem ganzen Württemberger Ländle kommen lassen, selbst aus Bayern und Baden waren sie mit ihren neckischen Hakenkreuzfähnchen angerückt. War ein Mordsklamauk. Es ist ja so wenig, was Kinder freut! Als der große Adolf das Podium bestieg, brach die ganze Korona in ein Geheul aus, das ihrer arischen Abstammung alle Ehre machte. So also sieht eine Mussolinikopie aus! Ein in die Politik verirrter Friseur stand da oben und mühte sich, so gut es ging, Zusammenhänge sichtbar werden zu lassen. Gott, was muß der Mann alles zusammengelesen haben, bis sich dieser semmelblonde Brei ergeben hat! Sicher hat er sich tief, tief in alle erreichbaren Probleme hineingekniet, hat sich bis in die Biologie hineinverirrt, hat Bände um Bände gewälzt; da muß einer ja irre werden. Eines war herauszumerken: unbelehrbar ist der Mann nicht; nur dauert es ein bißchen lange, bis er hinter etwas kommt. Heute allmählich hat er kapiert, daß mit Gewalt und Terror sehr wenig zu machen ist; wenn die Hälfte des Volkes aus unbelehrbaren Marxisten und solchen Brüdern besteht und die andere aus miesen Nationalisten, dann fällt selbst Hitlers arisches Mannenherz in die Buxen. Dann wird auch der rabiate Adolf zahm wie ein Deutschdemokrat. Weil es also wie bisher nicht geht, hat ers mit jenem Optimiesmus, den jede pleite gegangene Bewegung kurz vor ihrem seligen Ende noch am Grabe aufpflanzt. Es braucht nicht erwähnt zu werden, daß es hier, entsprechend der ruhmreichen Vergangenheit, ein großschnäuziger Optimiesmus ist. Unser Hitler glaubt nämlich, daß sich die nationalsozialistische Bewegung von Jahr zu Jahr verdoppeln werde. In etwa 10 Jahren werden wir also ein einig Volk von Nazi-Sozi sein. Ein schöner Traum! Wenn diese Verdoppelung nur nicht jeweils durch Spaltung vor sich geht. So was kommt manchmal vor.

    1927, 20 hm

  • Wie ist denn das?

    — Jg. 1927, Nr. 7 —

    Wenn die Kuponschere auf dem Neuen Testament liegt?
    Wenn Heimatdichter von der Heimatlosigkeit leben?
    Wenn sich die Impotenz zum Sittenrichter erhebt?
    Wenn man Sonne im Herzen hat und kein Licht im Zimmer?
    Wenn Oberlehrer ohne Leitfaden durchs Leben wandeln?
    Wenn eine Republik einen solchen Reichswehrminister hat?
    Wenn einer Kriegsanleihe als mündelsicheres Papier gekauft hat?
    Wenn Stresemänner Friedenspreise bekommen?

    
1927, 7 Hermann Mauthe

  • Beim Zeitunglesen

    — Jg. 1927, Nr. 9 —

    Der Vater (nimmt die Zeitung in die Hand): „Dieses Saukorps, die Polacken, eine freche Bande, na, denen wird man schon einmal heimleuchten, ach, den Pestalozzi, den haben sie jetzt aber genug gefeiert, ich weiß nicht, das ist jetzt eben so eine Mode, früher hat man doch auch nichts von ihm gewußt und wir sind trotzdem durch die Schule gekommen, Herrgott, ich möchte nur …, was sie jetzt nur immer mit der Reichswehr haben, neulich — Ernst, hast du’s nicht gesehen? — ist der Gaul vom Hauptmann Köster scheu geworden, wie sie da unten vorbeigezogen sind, gefährlich hat das ausgesehen, sag ich dir, aber der hat ihn in der Hand gehabt, ha, es ist eben doch etwas Schönes, aber jetzt sage ich nichts mehr, hab ich’s nicht gleich gesagt? der Kerl hat die Stelle bekommen, freilich kriegt er da mehr Gehalt, ich hab’s aber gleich gedacht, wie er hergekommen ist, der bleibt nicht lang da, hab ich gedacht, ein Schlauberger ist es, ein Erzschlaule, die mit dem größten Maul, die kommen halt am weitesten bei uns, und unsereiner …“

    Der Sohn: „Jetzt bist fertig mit der Zeitung, ich will nur nach dem Sport sehen, heute ist scheint’s nichts los, aber an der Börse sollte man eben mitmachen, Vater, wenn du etwas wärest, in Schiffahrt oder Farben, ja freilich, ich weiß schon, früher, ja früher, da war man halt anders, ist heut keine Illustrierte dabei? jaso, es ist erst Donnerstag, im Reichstag haben die Kommunisten wieder Krach gemacht, Hindenburg beleidigt, es ist nur gut, daß die Kommunisten noch da sind, sonst wär es vollends stinklangweilig in der Quasselbude, ach Mutter, mach doch kein so Gesicht, ich werde noch lang kein Kommunist, da muß man dazu veranlagt sein, und ich bin das nicht, vom Vater her bestimmt nicht …“

    Die Mutter: „Hör auf mit deinem Geschwätz und gib mir jetzt die Zeitung, ich muß doch das Inserat vom Tietz ansehen, wer ist denn gestorben? scheint’s niemand Bekanntes, „die Kantontruppen vor Schanghai“, warum man da nicht Ordnung schaffen kann, in dem China, früher hat man’s doch auch gekonnt, die Deutschen, aber eklig ist einem die ganze Politik allmählich, äh.“

    Die Tochter: „Die Waldorf-Astoria macht aber jetzt anders Reklame mit ihrer Oberst, ich mag sie erst gar nicht, was im Kino los ist? ,Die Mädchenhändler‘ … , mit Hilfe der amerikanischen Polizei…‘, ach Gott, das Kino ist doch gegenwärtig auch stinkfad, aber jetzt hört einmal her: ,Ein junges Mädchen in Z. hatte schon seit einem halben Jahr ein uneheliches Kind, aber niemand wollte sich zur Vaterschaft bekennen, und sie selbst konnte keinen mit Sicherheit als Vater bezeichnen. Als aber vorige Woche die Nachricht eintraf, sie habe von einer verstorbenen Tante in Amerika 10.000 Dollars geerbt, meldeten sich gleich vier junge Leute mit dem Anspruch, der Vater des Kindes zu sein.‘ Au Backe!“ Der Vater: „Wo, wo steht das? Ich habe doch die Zeitung so genau gelesen, aber das habe ich jetzt nicht gesehen.“ Die Mutter: „Seht, so lest ihr die Zeitung, das Wichtigste findet ihr nie.“ Der Sohn: „Ach nie! Man kann doch nicht immer alles sehen. Aber doll ist das, einfach doll!“

    Und nun seh ich dich vor mir, wie du lachst und denkst: genau so ist es, wenn die Webers drüben die Zeitung lesen. Hm, ja, kann sein; eigentlich hab ich aber dich gemeint, holde Leserin.

    1927, 9 Hans Lutz

  • Bedarf und Bedürfnis

    — Jg. 1927, Nr. 37 —

    So, so: im Reichsministerium des Innern wird wieder einmal eine Denkschrift ausgearbeitet. Über die „Gründe des Geburtenrückgangs“. Sehr interessant. Ja, was mag der wohl für Gründe haben?

    Wenn ich Herrn Geheimrat einen geheimen Rat geben darf … Nein, nicht das, ich kann mir ja denken, daß die gnädige Frau über Fünfzig ist … Wieviel Kinder? Zwei? Und nur eine Siebenzimmerwohnung? Allen Respekt, das ist ja ganz ungewöhnlich … Nein, etwas Anderes, vielmehr gerade das wollte ich sagen: wenn ich Herrn Geheimrat raten darf, so gehen Sie doch mal nach Zimmer 4327, im Vorderflur links die dritte Türe, zu Ihrem Herrn Kollegen von der Wohnungszählung.

    Über diese mit Hilfe von vielen riesigen Papierbogen im Monat Mai durchgeführte Zählung gibt das verehrliche Ministerium des Innern offiziell bekannt: „Das Ergebnis entspricht den bisherigen Schätzungen. An zweiten und weiteren Haushaltungen, die eigene Wirtschaft führen, aber keine selbständige Wohnung besitzen, wurden 660.000, und an weiteren Familien, die weder eigene Hauswirtschaft führen noch eine eigene Wohnung besitzen, rund 240.000 ermittelt. Für die nicht in die Zählung einbezogenen Gemeinden … kommt ein Zuschlag von schätzungsweise 50.000 – 100.000 Fällen in Frage, so daß sich rein zahlenmäßig ein Fehlbetrag von einer Million Wohnungen ergibt.“

    Eine Million Wohnungen zu wenig! Aber erschrecken Sie nicht, es ist nicht so schlimm. „Der tatsächliche Bedarf an Wohnungen“, fährt das amtliche Communique fort, „ist diesen Zahlen jedoch nicht unmittelbar zu entnehmen, da nicht jede Haushaltung oder Familie, die keine eigene Wohnung hat, eine solche beansprucht“. Schon in der Vorkriegszeit seien in Mittel- und Großstädten etwa zwei Prozent der Wohnungen mit zwei oder mehr Haushaltungen belegt gewesen; und heute werde man diesen Prozentsatz „zweifelsohne höher annehmen müssen.“

    Das haben sie nicht gewußt, daß es so bescheidene Familien gibt? Die keine eigene Wohnung „beanspruchen“? Ja, das gibt es. Fällt ihnen gar nicht ein, zu beanspruchen. Sie würden ja ganz gern eine eigene Wohnung haben, die Leute; aber sie können sie nicht bezahlen, deshalb beanspruchen sie sie nicht, und es existiert in diesem Falle kein Bedarf.

    Alle diese armen Menschen bedürfen doch einer Wohnung, erwidern Sie. Wie human Sie denken, Verehrtester! Aber man kann sehr wohl etwas bedürfen, und doch keinen Bedarf haben. Bedürfnis und Bedarf ist eben nicht dasselbe, müssen Sie wissen. Wenn Sie zwar am Verhungern, jedoch leider ohne einen Pfennig in der Tasche sind, so haben Sie keinen „Bedarf“ an Brot. Wenn Sie mit Ihrer schwindsüchtigen Frau und den fünf skrofulösen Kindern — nein, ich fingiere ja nur! — in einem Kellerloch in Berlin-NO bei den lieben Schwiegereltern residieren, aber als Gelegenheitsarbeiter dauernd nichts verdienen, dann existiert Ihrerseits kein Wohnungsbedarf.

    Sie verdienten an sich eine Wohnung, natürlich; aber Sie können sie nicht verdienen. Das Bedürfnis wäre da; aber Sie sind zu bedürftig, um einen Bedarf zu haben.

    Um auf unser Thema zurückzukommen: daß Menschen, die sich gern haben, auch Kinder möchten, ist an sich das Gegebene. Eine Frau, die einen Mann liebt, hat das Bedürfnis, von ihm Kinder zu bekommen. Aber ohne Wohnung haben sie keinen Bedarf an Kindern.

    Für den Statistiker heißt das: Geburtenrückgang. Geheimräte in Ministerien verfassen Denkschriften darüber. Andere Geheimräte in denselben Ministerien befassen sich mit Wohnungszählungen.

    In Deutschland herrscht infolgedessen starker Bedarf an Geheimräten. Obwohl sie an sich kein Bedürfnis sind.

    1927, 37 · Rauschnabel

    Früher wollten die Leute unbedingt in den Himmel kommen, heute sind sie schon mit einem Nachruf im General-Anzeiger zufrieden.

    Professoren kommen manchmal schon nach wenigen Jahren ernsten Studiums auf Dinge, über die sich andere erst nach fünf Minuten richtig klar sind.

  • Kolonien

    — Jg. 1927, Nr. 15 —

    Das Beste an dem miserablen „Friedensvertrag“ von Versailles ist vielleicht, daß er uns unserer Kolonien beraubt hat. Es erspart uns viele Ausgaben: Die Regierung hat einen Posten weniger, aufgrund dessen sie das Geld des Volkes verputzen kann. Wir brauchen nicht mehr die Söhne der deutschen Bauern und Arbeiter nach Afrika, Asien und in die Südsee zu schicken, damit sie dort für „ihre Interessen“ sterben. Wir laufen nicht mehr Gefahr, wegen unserer Nachbarschaft zu den von anderen sogenannten Kulturvölkern unterjochten Völkern in Eingeborenenaufstände oder gar in nationale Kriege verwickelt zu werden. Für die Teutobolde allerdings sind das alles zwingende Gründe, nun erst recht nach der Wiedergewinnung von Kolonien zu streben. Und unsere Verantwortlichen, die jeden Tag zehnmal vor dem Angesicht der Welt feierlich allen Imperialismus abschwören, kennen keine heiligere Pflicht, als nach Aufrüstung der Reichswehr und Rückgabe unserer früheren Kolonien zu geilen. Damit wir auch wissen, wofür wir sie bezahlen!

    Wenn Kolonien einen Sinn haben könnten, so — in unserer unsentimentalen Zeit — doch keinesfalls den, unser „nationales Prestige“ zu heben, sondern einzig den: unserer Volkswirtschaft zu nützen. Daß sie das tun könnten, wird schwerlich zu beweisen sein. Wäre es so, erhöbe sich immer noch die Frage, ob es heutzutage, wo die Erkenntnis von der Unsittlichkeit des Kolonialismus nicht nur in den Hirnen vieler Angehöriger „zivilisierter“ Völker aufzudämmern beginnt, sondern auch — was ausschlaggebend ist — die annoch unterjochten „Wilden“ zur geschlossenen Befreiungsaktion gegen ihre Zwingherren anfeuert, nicht zweckmäßiger wäre, auf die politische Oberherrschaft über außereuropäische Gebiete, eine Herrschaft, deren Wert ebenso problematisch ist wie ihre Fortdauer, zu verzichten und statt dessen ohne Anmaßung, mit Freundlichkeit, Klugheit und Geschick Geschäfte zu machen, die beiden Teilen nützen.

    Es geht nämlich auch anders. Beispiel: China. Wir haben dort kein Tsingtau mehr, das wir als Musterkolonie in allen vier Weltenden ausschreien können; es wimmeln dort keine deutschen Soldaten mehr rum, um den schlampigen Gelben preußische Disziplin vorzuführen; keine Iltisse beschießen mehr Takuforts; keine „Germans“ sind mehr stolz, daß sie ein britischer Admiral „to the front“ kommandiert, damit sie für die Sache der weißen Nationen ins Gras beißen, und kein Waldersee spielt mehr Weltmarschall und kommt zu spät, weil der Krieg vorbei und alles, alles wieder gut ist. Auch gibt’s in China für die Deutschen keine Sonderrechte, keine eigene Gerichtsbarkeit und dergleichen mehr. Und trotzdem floriert das Geschäft. Trotzdem? — gerade deshalb!

    Versailles hat unserem Drang nach imperialistischer Betätigung im eigenen Kontinent einen Dämpfer aufgesetzt. Seien wir so klug, uns nun nicht Ersatz zu suchen in Eroberungsplänen außerhalb Europas. Die große Auseinandersetzung zwischen den in Knechtschaft gehaltenen farbigen Rassen, deren Vorkämpfer China und Rußland sind, sollte uns nicht an der Seite der Sklavenhalter finden, oder doch mindestens nicht im Bunde mit ihnen, durch gleiche Schuld mit ihnen verkettet.

    Hätten wir Kolonien, so wäre alles weniger einfach: es ist schwer, aufzugeben, was man hat. Wir sind aber in der glücklichen Lage, keine zu haben; seien wir nicht so dumm, in der Ära des zusammenbrechenden Kolonialismus schnell noch mit in die Firma einzutreten, damit wir, wenn der Kladderadatsch kommt, doch ganz bestimmt auch unseren Balken auf den Deez kriegen. Seien wir vielmehr froh, daß wir diesmal keine Kastanien im Feuer haben; mögen die anderen die ihren selbst rauslangen!

    1927, 15 Max Barth

  • Sie sind dabei

    — Jg. 1927, Nr. 13 —

    Am 13. März war Volkstrauertag. Wie sieht das aus, wenn man’s in den Illustrierten beschaut? So:

    Berlin. Platz der Republik. Siegessäule. Davor vierzehn Reichswehrsoldaten im Stahlhelm; jeder trägt eine Fahne. Rechts und links von ihnen ein Offizier mit gezogenem Speckmesser und übertrieben breechigen Breeches. Daneben eine Reichswehrmusik, die in die Blechinstrumente bläst. Ferner — man sieht’s nicht; aber man weiß es, denn ohne das geht’s nicht — zweifellos die uns allen so wohlbekannte feldgraue Front mit gestreckten Hammelbeinen, präsentiertem Gewehr (oder gibt’s das nicht mehr?) und mit: Nase rechts!

    Denn einherschreitet vor der Front unser Hindenburg, wie er viele Jahre lang immer wieder an Fronten entlanggeschritten ist. Ein paar Wochen, Tage, Stunden später: da waren die, die dort gestanden waren, keine Fronten mehr. Sie waren, hm . . . verbraucht. Dafür standen dort, wo er vorbeischritt, andere stramm.

    Tja, so war das bei uns. So ist das bei uns; noch heute. Nur daß er jetzt einen Gehrock anhat. Am Übrigen hat sich nichts geändert. Hinter den Soldaten ist ein freier Raum, auf dem der Verkehr gesperrt ist. Des nötigen Abstands wegen. Dann kommt das Volk, aber davor stehen erst noch ein paar Schutzleute. Symbolisch, sehr symbolisch: der Präsident des deutschen Volksstaats und sein Volk — sie können nicht zueinander kommen; zwischen ihnen steht das Militär und die Polizei.

    Aber denen, die dort unter der Siegessäule kleben, geschieht das im Grunde ganz recht. Denn, seht sie nur an, da stehen sie, barhaupt, in der steifen, unbehaglichen Sonntagsmontur, den Hut in der Hand, und bibbern vor Ergriffenheit, weil sie Hindenburgen sehn vor seinen Soldaten rumspazieren. Und das Herzchen klopft ihnen: unsere herrliche Wehr! der Gott, der Eisen wachsen ließ! jeder Schuß ein Ruß und Gott strafe England! Sie erbeben vor Rührung über den historischen Moment, und keiner denkt an die, die draußen brüllend ihr bißchen Leben mit Blut und Magensaft in den russischen Waldboden gespien haben, grün, gedunsen und mit zerfressenen Geweben im Kalk der Champagne verendet sind. Sie fühlen nur den Moment, nur den Moment, der da mit Blasmusikbegleitung vorgefilmt wird, bei dem sie selbst mitfilmen dürfen. Und das stolze Bewußtsein: ich bin dabei! macht sie glücklich.

    Ja, ihr seid dabei. Und das nächstemal werdet ihr auch dabei sein. Dann wärt ihr allerdings lieber anderswo. Das könnte für uns alte Muskoten die einzige Genugtuung sein, eine vollkommen genügende allerdings, wenn’s uns um Genugtuungen zu tun wäre: daß das nächstemal nicht nur wir dabei sein werden, sondern auch ihr, ihr alle: Sextaner, höhere Tochter, Biedermann und Familienvater, wie ihr da rum steht. Hintennach, leider, werden wir keine Gelegenheit mehr haben, Hindenburg an Volkstrauertagen Paradekompagnien abschreiten zu sehen. Schade, nich?

    1927, 13 Klux

  • Prinz Wilhelm

    — Jg. 1927, Nr. 3 —

    Heil dir im Siegerkranz, Harry Domela, Prinz von Hohenzollern! Zwar hat dich die Polizei geschnappt und der Herr Untersuchungsrichter in Behandlung; aber dein Ruhm überstrahlt deinen Untergang, und dein Name sei festgehalten, magst du ein noch so windiger Geselle sein. Denn deine Taten haben uns in dieser trüben Zeit der Külze und Geßler eine Stunde reiner und ungetrübter Freude bereitet.

    Noch hattest du dich selber nicht ganz entdeckt, als du mit deiner abgewetzten Hose in Heidelberg auftratest und als prinzliche Durchlaucht v. Lieven, Leutnant im 4. Reiterregiment zu Potsdam, die Saxo-Borussen besuchtest. Zwar sind das lauter Grafen und Barone, aber waren sie nicht glücklich, sich mit einem Prinzen besaufen zu dürfen? Und die glänzende Generalprobe in Heidelberg gab dir den Schwung für die Hauptvorstellung im thüringischen Lande.

    Als ein simpler Baron v. Korff nahmst du Wohnung im Hotel in Erfurt. Aber dein unvorsichtiges Ferngespräch mit der Hofverwaltung deines Bruders Louis Ferdinand in Potsdam zerstörte das Inkognito. Du hättest es auch so nicht bewahren können: deine Züge hätten dich verraten, das leuchtende Hohenzollernauge, die Nase deines Ahnen, des alten Fritz, der schnittige Mund, den wir von deinem Papa her kennen. Bald wußte die Stadt, wen sie in ihren Mauern hatte. Adel und Gesellschaft drängte sich zur Vorstellung bei Königlicher Hoheit. Als du deine Fahrt nach Gotha unternahmst, war schon ganz Thüringen in begeistertem Aufruhr. Welchen Empfang hat man dir dort im Schlosse bereitet! Der Ministerpräsident a. D. Herr v. Bassewitz, Herr v. Wangenheim, Herr v. Krosigk rechneten es sich zur Ehre, von dir begrüßt zu werden; und gar die Hofdamen alle waren „rein verrückt“ nach dir, dem schlanken und eleganten, inzwischen neu ausstaffierten späteren Thronfolger. Wie huldvoll warst du gegen den armen Oberbürgermeister Dr. Scheffler, der nicht wußte, ob er „kaiserliche“ oder „königliche Hoheit“ zu dir sagen müsse! Und gegen den Herrn Intendanten in Dessau, der dich in die Hofloge geleitete, damit du deinen berühmten Ahnherrn Fritz über die Bretter spazieren sähest. Und die Reichswehrkommandöre in Erfurt und Weimar empfingen dich in Gala, um dich ihrer Ergebenheit zu versichern, die Schupooffiziere standen stramm, und einem Bäckermeister ward die unvergeßliche Gnade zuteil, dir die Hand küssen zu dürfen. Es war ein Triumfzug ohnegleichen, deine Leutseligkeit war bezaubernd, dein ganzes Auftreten so recht hohenzollerisch.

    Tragische Ironie des Geschehens, wenn dich die deutsche Republik nun einspunden wird, statt dich in ihre Dienste zu nehmen! Hätte sie dich nicht auch noch „inkognito“ nach Schwaben und Bayern, nach Ostpreußen und Mecklenburg entsenden müssen, damit du dort republikanischen Anschauungsunterricht erteilest! Gibt es denn eine tödlichere Waffe als die Lächerlichkeit, mit der du die monarchistischen Schweifwedler bloßgestellt und damit für den republikanischen Gedanken mehr getan hast als wir unfähigen Prediger in der Wüste in saurer allwöchentlicher Arbeit vermögen?

    Mögest du Verständnis- und humorvolle Richter finden, Harry Domela, größerer Nachfolger des Hauptmanns von Köpenick! Eine Leibrente sollte dir die Republik aussetzen, wenn dich keine Filmgesellschaft engagiert! Dir gebührt, wenn irgend einem, der erste von den Orden, die demnächst im Namen der Republik wieder verliehen werden sollen.

    1927, 3 Sch.

  • Fememörder

    — Jg. 1927, Nr. 14 —

    „Wenn zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges sich die Schlachtformationen der Landsknechte mit gefällten Lanzen und Hellebarden gegenüberstanden, so konnte der Nahkampf nur dadurch eröffnet werden, daß ein Trupp Freiwilliger unter rücksichtslosem Einsatz des eigenen Lebens in die geschlossene Mauer der feindlichen Waffen einbrach. Diesen Trupp nannte man den „verlorenen Haufen“ . . . Nichts anderes als solch ein „verlorener Haufen“ sind die jetzt zum Tode verurteilten „Fememörder“ . . . Wenn wir . . . jetzt nach dem Richterspruch für den „verlorenen Haufen“ eintreten, und zwar nicht mit dem Ruf der Amnestie und Begnadigung, sondern aus der Überzeugung heraus, daß aus rechtlichen Gründen eine höhere Instanz auf Freisprechung erkennen muß, so tun wir das nicht etwa, weil wir Tat und Täter nach jeder Richtung hin billigen, sondern weil wir, die wir in der Schlachtreihe für die vaterländische Idee kämpfen, diejenigen nicht im Stich lassen dürfen, die die größten Opfer brachten, den „verlorenen Haufen“. Deswegen halten wir uns für verpflichtet, trotz des Todesurteils zu erklären: Die Tat war eine reine Notwehrhandlung.“

    So läßt sich die „Süddeutsche Zeitung“ (Abendausgabe vom 28. März) aus Berlin schreiben; es wird also wohl auch in anderen Blättern gestanden haben.

    Über die rein juristische Seite mögen andere sich den Kopf zerbrechen; was aber die moralische Seite betrifft, so muß ich sagen: Das ist das einzige aufrechte, menschlich sympathische und vernünftige Urteil, das ich über den Richterspruch im letzten Fememordprozeß gelesen habe.

    Der Schulz und der Klapproth und wie sie heißen, das mögen ganz rohe Gesellen sein: Mörder sind es nicht; wenigstens läßt sich das nie nachweisen. Sie haben nach den moralischen Grundsätzen gehandelt, mit deren Hilfe unsere Staaten gegründet worden sind und sich erhalten. Und eines der wichtigsten Gesetze dieser Moral heißt: In Notzeiten darf (darf? nein: muß) der Einzelne sich über die im Privatleben geltenden Gesetze hinwegsetzen, wenn es das Interesse der Allgemeinheit verlangt; der Staatsmann muß lügen, der Bürger (als Soldat) morden. (Ich will mit diesem Satz durchaus nicht Stellung nehmen für oder gegen diese Staatsmoral; Einschaltung für Esel.)

    „Ja, aber es war doch damals, 1921 oder 1923 oder wann die Fememorde geschehen sind, gar keine Notzeit.“ — O doch; zum mindesten haben es die Verurteilten geglaubt, und sie haben es glauben müssen, weil die Regierung doch sicher die Lage im Osten für sehr bedrohlich angesehen hat, sonst hätte sie die 25 000 Mann Schwarze Reichswehr wohl nicht unterhalten. Die Angehörigen der „Arbeitskommandos“ haben sich, ganz mit Recht, als legale, aber geheime Truppe gefühlt; haben sie doch im Jahre 1923 im Hause des Reichspräsidenten Ebert die Wache gestellt. Verrat ihrer Existenz bedeutete die größte Gefahr für sie. Um dieser Gefahr zu begegnen, gab es, da die Verurteilung vor einem Gericht, auch vor einem Kriegsgericht, wegen der Geheimhaltung nicht in Frage kam, nur ein Mittel: Verräter in der Stille beseitigen. Die höheren Stellen der Reichswehr und die Regierung haben von diesem Vorgehen ohne Zweifel gewußt und es gebilligt. In dem Richterspruch steckt eine beispiellose Heuchelei: noch heute werden Leute, die über die Schwarze Reichswehr geschrieben haben, von deutschen Gerichten wegen Landesverrats verurteilt, aber deutsche Gerichte verurteilen Leute, welche vor vier Jahren Landesverrat auf dem damals einzig möglichen und vom Reichswehrministerium zweifellos gebilligten Weg verhindert haben, zum Tod.

    Das ist auch so ein Stück der Moral, auf der unser staatliches Leben beruht, ohne die es zusammenbrechen würde; und es ist deshalb im Grunde eine große Naivität, zu verlangen, die eigentlich Schuldigen, die Minister und Generäle, sollen zur Verantwortung gezogen werden, oder zu fordern, Wirth, Geßler, Severing und ihre Geheimräte sollen sich jetzt vor die Mörder stellen und sagen: „Wir, nur wir sind schuld, wir haben euch in Notzeiten aufgestellt, wir haben euch zu der Ansicht gebracht, ihr seid eine legale Truppe, Soldaten vor dem Feind, wir haben euch auf dem Glauben gelassen, Verräter müssen, aus Notwehr, getötet werden.“ Sie tun das nicht; sie können das nicht tun.

    Diese Verurteilten sind das Opfer, das die Minister, Geheimräte und Offiziere dem Gotte „öffentliche Meinung“ zur Versöhnung dargebracht haben. Sie sind von den Hintermännern im Stich gelassen, verraten worden: ein verlorener Haufen.

    1927, 14 Hermann List

  • Das dicke Buch

    — Jg. 1927, Nr. 5 —

    Im Nachruf auf einen verblichenen Abgeordneten erinnere ich mich als besonderes Lob die Bemerkung gelesen zu haben, er sei ein „ausgezeichneter Kenner des Etats“ gewesen. Und von Matthias Erzberger ist mir einmal erzählt worden, er habe sich als ehedem jüngstes und persönlich nicht gerade blendendes Mitglied seiner Fraktion in ihr lediglich dadurch einen Namen gemacht, daß er sich mit großem Eifer dem Studium des Etats widmete und in ihm bald besser beschlagen war als die meisten seiner Kollegen innerhalb und außerhalb der Partei; so daß er sehr rasch „Etatredner“ der Fraktion und einer der bekanntesten und von der Regierung gefürchtetsten Abgeordneten wurde.

    Ich habe das bisher nie so recht begreifen können. Was war schon dabei für einen Abgeordneten, sich im Etat auszukennen? War das denn nicht selbstverständlich? Erstens Pflicht, und zweitens die einfachste Sache von der Welt, wozu weder Scharfsinn, noch Menschenkenntnis, sondern lediglich die Kunst des Lesens erforderlich war, die in Deutschland mit seinem fortgeschrittenen Schulwesen sehr weit verbreitet ist?

    Heute weiß ich, was es heißen will, den Etat zu kennen. Weil die Zahlen in den Zeitungen nicht übereinstimmten, habe ich mir ihn im Original kommen lassen, nämlich den „Entwurf eines Gesetzes über die Feststellung des Reichshaushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1927“. Jedermann kann ja die Drucksachen (und auch die stenografischen Verhandlungsberichte) des Reichstags kaufen; man kann sich sogar drauf abonnieren wie auf eine Zeitung.

    Der Etat für 1927, den ich mir besorgt habe, ist eine Broschüre in Folio mit rund 1500 Seiten. Sie hat den doppelten Kubikinhalt einer Familienbibel und mit 3,2 Kilogramm etwa das Gewicht eines neugeborenen Kindes. Man sollte sie nicht unter Nachnahme kommen lassen, denn der Preis beläuft sich auf 34 Mark. Wenn es also nur hundert Leute in Deutschland gäbe wie mich, dann würde sich der im ordentlichen Haushalt des Reichstags, Einnahme, Kapitel 1, Titel 4 eingesetzte Posten „Einnahme aus dem Verkaufe von Reichstagsdrucksachen: 3500 Mark“ merklich erhöhen müssen.

    Wer diese sechseinhalb Pfund Papier auf seinem Tisch vor sich liegen hat und sich freiwillig vornimmt, den Wälzer von A bis Z durchzulesen, kann es an Aufopferungswillen nahezu mit einem indischen Büßer aufnehmen. Wie viele von den 493 Reichstagsabgeordneten, die durch ihr Amt dazu verpflichtet sind, werden wohl solchen Vorsatz fassen und auch nur fysisch imstande sein, ihn auszuführen? Du lieber Himmel, ich möchte wetten, daß die Hälfte von ihnen überhaupt noch keinen Blick hineingetan hat, und daß nicht ein einziger dazu kommt, das Buch auch nur halb zu bewältigen. Dabei berät der Haushaltsausschuß des Reichstags schon drei Wochen fröhlich an dem erst seit 29. Dezember vorliegenden Entwurf und hat schon ein gut Teil des Stoffes erledigt. Bis 1. April soll ja die Beratung über den Etat in Ausschuß und Plenum fertig sein.

    Man kann sich denken, was das für eine parlamentarische Kontrolle ist, die da herauskommt. Und wie sich die Geheimräte in den Ministerien im Stillen über den Reichstag lustig machen werden, dem sie jährlich ihren Zauber vormachen, ohne daß viel mehr als eine Zufallsmöglichkeit besteht, daß jemand dahinterkommt. Es sei bloß an die Geschichte mit den Gewehren erinnert, für die im letztjährigen Etat pro Stück 200 Mark eingesetzt waren, obwohl sie nur 154 Mark kosteten (und das war natürlich noch zu viel!); oder an die Reichswehrschränke, die pro Stück 150 Mark gekostet hätten, wenn nicht Gerhart Seger, also kein Reichstagsabgeordneter, im „Anderen Deutschland“ auf diesen Humbug noch rechtzeitig hingewiesen hätte.

    Die ganze Etatsberatung und -verabschiedung im Reichstag, so wie sie in der Praxis heute gehandhabt wird, ist Humbug. Ein Etat wie der vorliegende ist lediglich durch seine Dicke gegen kritische Durchleuchtung gefeit, solange er nicht 1. ein Vierteljahr früher herauskommt, damit die Abgeordneten ihn vor, nicht erst während der Beratung durchsehen können, und solange 2. die Reichstagsfraktionen nicht für jeden Hauptabschnitt mindestens zwei Abgeordnete zu gründlichem Studium verpflichten.

    Der „Parlamentarismus“, wie wir ihn haben, in dem nicht das „Volk“, sondern die Geheimräte regieren, ist eine Karikatur auf sich selber. Aber nur deshalb, weil er von seinen berufenen Vertretern nicht gewissenhaft durchgeführt, nicht ernst genommen wird.

    1927, 5 Sch.

  • Vaterländer

    — Jg. 1927, Nr. 10 —

    Die demokratische Partei will im Reichstag beantragen, daß künftig allen Deutschen die deutsche Reichsangehörigkeit verliehen werden soll.

    Bis jetzt gibt es den Begriff des deutschen Bürgers im staatsrechtlichen Sinne ja noch nicht. Es gibt — sehen Sie nur in Ihrem Paß unter „Staatsangehörigkeit“ mal nach — preußische, württembergische, oldenburgische, lippe-detmoldische und noch vierzehnerlei dergleichen Bürger, aber keine deutschen. Wenn ein Ausländer sich bei uns einbürgern will, so muß er sich wohl oder übel eines der 18 Vaterländer wählen. Das Komische dabei ist, daß alle andern 17 damit einverstanden sein müssen. Er kann also z. B., wenn er in Braunschweig wohnt, nicht braunschweigischer Staatsangehöriger werden, wenn Bayern oder Baden etwas dagegen haben.

    Dem deutschen Reichstag ist zurzeit nicht viel zuzutrauen. Aber diesen alten Zopf wird er doch hoffentlich nicht hängen lassen wollen! Kann sich denn irgend ein Mensch in Deutschland, ausgenommen vielleicht ein paar waschechte Bayern, dagegen sträuben, daß er künftig in seinen Papieren als Deutscher bezeichnet wird?

    Wir dürfen also vielleicht annehmen, daß dieser Schritt zum „Einheitsstaat“ nun demnächst gewagt werden wird; und daß auch Herr Petersen von Hamburg und Herr Braun von Preußen dabei mitmachen, die beide „Unitarier“ sein wollen, sich aber die Einmischung eines „Dritten“, nämlich des Deutschen Reiches, in ihre Grenzstreitigkeiten energisch verbitten.

    Werden dann wohl auch mal die diplomatischen Vertretungen der deutschen Länder beieinander abgeschafft werden? Der preußische Gesandte in München? Der bayrische Gesandte in Berlin, der bayrische „Konsul“ in Stuttgart (Entfernung Stuttgart-München: 1½ Stunden)? Der württembergische, der sächsische Gesandte in Berlin usw.? In Berlin gibt es nach dem „Gotha“ 28 „Diplomaten“ der deutschen Länder, allein zehn davon in der sächsischen Gesandtschaft (Entfernung Dresden-Berlin: 1½ Stunden.)

    Und wird dann auch einmal die Zeit kommen, wo sächsische Banknoten in Württemberg, oder badische in Sachsen an einem Postschalter oder auf einem Finanzamt in Zahlung genommen werden? Bis jetzt wird derartiges „ausländische“ Geld nämlich zurückgewiesen, obwohl es reichsgesetzlich anerkannt und ebenso gut ist wie die Reichsbanknoten.

    Noch einfacher wäre es ja am Ende, die Länderscheine (es gibt badische, württembergische, bayrische und sächsische) ganz abzuschaffen.

    1927, 10 Rauschnabel

  • Hausse in Brauerei-Aktien

    — Jg. 1927, Nr. 11 —

    Kaufen Sie Schultheiß-Patzenhofer! Steigen Sie ein, ehe es zu spät ist! Sie riskieren nichts, Sie werden mir dankbar sein!

    Unbekannt, sagen Sie? Also Sie wissen nicht, daß die vereinigten Brauereien von Schultheiß und Patzenhofer in Berlin — vor zwanzig Jahren waren sie noch scharfe Konkurrenten — heute die größte Brauerei Europas sind? Drei Millionen Hektoliter Bier, oder — Bier gibt Mark! — 120 Millionen Mark sind im letzten Geschäftsjahr umgesetzt worden. Dividendenbrühe, mein Lieber! Im laufenden Jahr, unter einer nationalen Regierung, muß das Ergebnis noch ganz anders ausfallen!

    Die Biersteuer? Nee, da täuschen Sie sich aber ganz gewaltig. Ihr gedachtet es böse zu machen, heißt es da, — wir aber haben’s gut gemacht, Stimmt schon, daß die Biersteuer am 1. Januar um zwei Mark pro Hektoliter erhöht worden ist. Aber die zahlt doch nicht Schultheiß-Patzenhofer, was meinen Sie denn, die zahlt unser lieber deutscher Biertrinker, unser wackeres Volk, auf das immer noch Verlaß ist. Und noch einmal zwei Mark für die Firma dazu, denn die hat am 1. Januar natürlich nicht um zwei Mark, sondern gleich um vier Mark aufgeschlagen; also sozusagen ihrerseits die Biersteuer verdoppelt. So macht’s der Geschäftsmann! Man muß seine Kunden kennen! Das deutsche Volk ist das beste Volk der Welt, wenn Sie das noch nicht gewußt haben.

    Zurückgehen, der Bierkonsum? Wird er nicht, wird er garantiert nicht. Wir haben doch jetzt eine nationale Regierung, nicht zu vergessen. Und wenn der Lebenshaltungsindex steigt, dann steigt auch der Bierkonsum. Kennen Sie dieses nationalökonomische Gesetz denn noch nicht, Sie Ahnungsloser? Jawohl, der Weinkonsum geht zurück, da haben Sie recht — trinkt deutschen Wein! — , aber dafür steigt ja gerade der Bierkonsum. Haben Sie schon einmal einen Arbeitslosen Wein trinken sehen? Bier? Na, also!

    Ganz recht, Schnaps auch. Aber deshalb hat Schultheiß-Patzenhoter ja Kahlbaum in sich aufgenommen und mit den Ostwerken eine Interessengemeinschaft. Und der Konzern Schultheiß-Patzenhofer-Ostwerke verfügt nicht bloß über Brauereien, Hefe- und Malzfabriken, Schnapsfabriken und sogar Sektkellereien, sondern auch über Mühlen, Zementfabriken, Glas-, Maschinen- und (hm) chemische Fabriken. Also seien Sie beruhigt. Da muß ja ein Geschäft herausspringen. 15 Prozent Dividende sind das Mindeste, worauf ich wette.

    Es widerstrebt Ihnen, Geld von Arbeitslosen und überhaupt am Alkoholkonsum des deutschen Volkes zu verdienen? Aber hören Sie mal, Sie stammen wohl vom Monde? Sie sind wohl Idealist? Sozialist, was?

    Ich will Ihnen was sagen: Sie getrauen sich einfach nicht, das ist alles. Sie wollen nichts riskieren. Schämen Sie sich. Gott, wenn unser braves Volk aus lauter solchen Schlappschwänzen bestünde! Ober, noch ein Helles!

    1927, 11 Kazenwadel

  • Auf der Karte vergessen

    Auf der Karte vergessen

    — Jg. 1927, Nr. 1 —

    Im Veltlin, nicht weit von der Bernina, an der schweizerisch-italienischen Grenze, liegt das kleine schweizerische Dorf Carajone. Es besteht aus 16 Häusern und hat etwa 100 Einwohner. Als das Veltlin im Jahre 1794 der „Cisalpinischen Republik“ angegliedert und aus diesem Anlaß eine neue Karte von Graubünden entworfen wurde, geschah es, daß Carajone auf dieser Karte nicht eingezeichnet ward, denn es war mit der übrigen zivilisierten Welt nur durch vereinzelte Ziegensteige verbunden und deshalb übersehen worden. Erst im Jahre 1863, bei Festlegung der italienisch-schweizerischen Grenze, wurde das Dorf wieder entdeckt und der Gemeinde Bruzio zugeschlagen, wofür der Bund der Eidgenossen 17 900, der Kanton Graubünden 3600 und die Einwohnerschaft von Carajone 1420 Franken „Eintrittsgeld“ zu zahlen hatten.

    Bis dahin, also 69 Jahre lang, zwei Menschenalter, hatte Carajone zu keinem Staate gehört. Seine Bewohner hatten ohne Gesetze gelebt, keine Steuern bezahlt, keinen Militärdienst geleistet, keine Schule und keinen Pfarrer gehabt. Kindstaufen und Trauungen waren, „wenn es nötig war“, aus nachbarlicher Gefälligkeit von italienischen Geistlichen vorgenommen worden.

    Die Frankfurter Zeitung, die von diesem weltvergessenen Ort erzählt, nennt die jahrzehntelange Staatenlosigkeit und „unabhängige Existenz“ der Carajonesen einen „glücklichen Fall“.

    Demnach wäre es also kein Unglück für eine Gemeinde, keinem Staat anzugehören? Offenbar haben die Leute von Carajone so gedacht, sonst hätten sie es nicht 69 Jahre lang ohne Staat, ohne Gesetz, ohne Steuern und ohne eine Behörde, von der die „Staatsgesinnung“ gepflegt worden wäre, ausgehalten.

    Ob die gute Frankfurter Zeitung wohl bedacht hat, daß sie mit ihrer Neuigkeit „aus Welt und Leben“ Wasser auf die Mühle der ihr doch sicher nicht nahestehenden Anarchisten geleitet hat? Daß diese Geschichte geeignet ist, die steinhart gewordenen Anschauungen und Begriffe vom Staat, die uns eingeimpft sind, wenn nicht aufzulösen, so doch einigermaßen zu erweichen?

    So, so, man kann also auch ohne Staat und Gesetz leben? Ohne sich aufzufressen? Ohne etwas zu vermissen? Aber das „nationale Empfinden“, wo bleibt dann das? Gibt es das vielleicht gar nicht; und die nationalen „Belange“, sind sie am Ende nur so eine Ausrede für etwas ganz anderes?

    Schade, daß es schon so lange her ist seit dem Ende der carajonesischen Unabhängigkeit. Sonst würde ich nächstes Jahr einmal dorthin in die Sommerfrische gehen und die Eingeborenen über das goldene Zeitalter interviewen, das die einen in die Vergangenheit und die andern in die Zukunft legen, und das in Carajone vor nicht allzulanger Zeit Gegenwart gewesen zu sein scheint.

    1927, 1 Rauschnabel

  • Die neue Wohnung

    Die neue Wohnung

    Die Stuttgarter Werkbundhäuser

    — Jg. 1927, Nr. 39 —

    Sage mir keiner etwas gegen die alten Häuser. Ich bin in einem solchen aufgewachsen; ich habe schöne Stunden in alten ländlichen Pfarrhäusern und kleinstädtischen Bürgerhäusern verlebt.

    Was gab es da für prächtige große Stuben, für gewaltige, helle Treppenhäuser mit bequemem Aufstieg, für riesige Flure (Öhrne sagt man bei uns), für unendliche Bühnen (Bodenräume sagt man bei Ihnen), zwei, drei übereinander, für unheimliche, tiefe und gute Keller! Platz hatte man in den alten Häusern! Freilich, es gab auch Bügel und Winkel, dunkle Alkoven, muffige Kammern, schlechtriechende Aborte. Aber das machte nichts, darin brauchte man sich im allgemeinen nicht aufzuhalten. Man war bei gutem Wetter ja viel im Freien, man hatte den Garten beim Haus, und in den Wald oder ins Wasser waren es fünf oder zehn Minuten. Badezimmer, nein, das war keines vorhanden. Aber man behalf sich. Man badete nicht so viel damals. Man hielt es nicht für so notwendig wie heute.

    Viel Arbeit machten jene Wohnungen freilich, besonders im Winter, wenn es darin behaglich sein sollte. Kräftige Mägde brauchte man, und sie hatten wenig Freistunden. Samstags, wenn geputzt wurde, ging man gern aus dem Wege; über die große Frühjahrs- oder Herbstreinigung verreiste man am besten. Aber die Hausfrauen und die Hausmägde wußten das nicht anders, und hatten daneben merkwürdigerweise noch Zeit, ein halbes oder ganzes Dutzend Kinder aufzuziehen, wunderbar zu kochen, zu backen, einzumachen, zu nähen, zu flicken, zu waschen und dazwischendurch Kaffeevisiten, Metzelsuppen und fabelhafte Bowlen zu arrangieren. Man hatte Zeit in den alten Häusern.

    Heute leben wir anders als damals. Wir haben keine Zeit mehr, und wir sitzen in den großen Städten klumpenweise aufeinander: wir haben keinen Raum mehr. Garten beim Haus, Arbeit im Freien, Spaziergang ins Grüne nach Feierabend, Kinder, die sich im Grase tummeln oder abends um den großen Tisch herumsitzen: wer kennt das noch? Einem Drittel von uns, bald wird es die Hälfte sein, sind das sagenhafte Dinge. Man mag es noch so sehr bedauern: es ist so. Und deshalb brauchen wir andere Häuser.

    Was wir in den letzten 30 Jahren in den Städten und Vorstädten an Häusern gebaut und an Wohnungen eingerichtet haben, sind verkümmerte, häßliche, deplazierte Versuche, die alte Wohnform und Bauart beizubehalten. Die heutige Großstadt-Wohnung ist eine Verkrüppelung der alten Landwohnung. Aus den großen Stuben sind kleine geworden, aus dem Flur ein dunkler Gang, aus Keller und Bodenraum je ein Stück Verschlag, aus Veranda oder Balkon ein Vogelkäfig, aus dem Garten hinterm Haus ein Blumenständer mit Zimmerlinde. Geblieben sind Kammern, Winkel, lichtlose Räume; und geblieben ist der Väter- und Urväterhausrat, der in die enge Wohnung hineingestopft wird, weil er unentbehrlich scheint. Soweit er nicht geblieben ist, wird er von einer fleißigen Industrie reproduziert, nur um etliche Grade schlechter, geschmackloser und unpraktischer als ihn früher ein ehrsames Handwerk geliefert hat. In einer heutigen durchschnittlichen „bürgerlichen“ Stadtwohnung ist es nicht auszuhalten vor Trödelkram, Staubfängern, Vorhängen, gräßlichen Tapeten, unmöglichen Möbeln und Bildern.

    Wer das empfindet, und allmählich sind das doch viele unter uns, für den ist die Werkbundsiedlung auf dem Weißenhof bei Stuttgart gebaut worden. 33 Häuser, teils Einzel-, teils Doppel- und Reihenhäuser, auch eine richtige „Mietskaserne“ ist dabei. Die Erbauer sind eine Anzahl von mehr oder weniger berühmten modernen Architekten, Poelzig, die beiden Taut, Behrens und andere; auch Ausländer, ein welscher Schweizer, ein Belgier, zwei Holländer sind dabei.

    Diese Ausstellung, mag man an ihr im Einzelnen noch so viel auszusetzen haben, ist eine erlösende Tat, für die dem Werkbund und der Stadt Stuttgart Dank und Anerkennung gebührt. Hier sieht man, daß wir endlich im Begriff sind, Häuser und Wohnungen herzustellen, wie sie zu unserer Zeit gehören, in denen sich heutige Menschen wohl fühlen können. Es sind Häuser aus neuem Material (Holz und Ziegel treten zurück gegen Beton, Eisen, Kunststein) und mit neuen, ungewohnten Formen (durchweg mit flachem Dach). Sie haben viele und große Fenster, kleine aber helle Räume mit beweglichen Wänden, wenig Nebenräume, keine Keller, keine Böden (Bühnen), eingebaute Schränke; keine Tapeten, keine Portieren, keine überflüssigen Möbel; alles ist glatt, einfach, praktisch, leicht zu reinigen, nahe beieinander. Der entsetzliche Begriff „Zimmerschmuck“ existiert nicht mehr; dafür kommt an den Wänden die Farbe zu Ehren (worüber der graue Spießer besonders eifrig den Kopf schüttelt). Wenn ich das hier so summarisch sage, so bitte ich den Leser, nicht etwa zu meinen, daß alle die Häuser ein Typ seien. Sie sind sehr verschieden, vom beinahe altmodischen Behrens bis zum revolutionären Le Corbusier; vom ganz kleinen Reihenhaus, dessen hervorragendste Lösung der Rotterdamer Stadtbaumeister Oud gefunden hat, bis zum beinahe üppigen Einfamilienhaus eines Schneck oder Gropius.

    Die öffentliche Meinung und die Presse verhält sich der Ausstellung gegenüber, wie man sich denken kann, ziemlich verständnislos. Die Sachverständigen zählen einem an allen Fingern die Fehler vor, die gemacht worden seien, die dieser oder jener „Lösung“ anhaften. Natürlich haben sie recht. Es wimmelt von Fehlern; auch grundsätzliche und schwerwiegende Fragen wie nach Beheizung, Wetter- und Wasserschutz, Haltbarkeit sind durchaus nicht überzeugend oder endgültig beantwortet. Aber das ist ja auch nicht möglich; dazu bedarf es noch jahre-, jahrzehntelanger Erfahrung. Und Einseitigkeiten, Übertreibungen, wie man sie findet, sind bei jeder Propaganda unvermeidlich.

    Was die Laien auszusetzen haben: in diesen Häusern sei kein „Familienleben“ möglich, dürfe man keine Kinder haben, dürfe man nicht krank werden und nicht sterben, und dergleichen, stimmt ebenfalls im großen Ganzen. Bloß ist es an die falsche Adresse gerichtet. Der Stadtmensch von heute hat sowieso kein Familienleben. Er hat keine Kinder oder nur ganz wenige, und die würden meistens besser in einem Internat aufwachsen als bei den Eltern. Er wird in der Klinik geboren, und wenn er krank wird, dann kommt er ins Krankenhaus.

    Wenn wir noch Verhältnisse hätten wie vor hundert Jahren, dann brauchten wir keine neue Bauart. Und wo solche Verhältnisse noch teilweise bestehen, nämlich auf dem Lande, wird man wahrscheinlich auch nicht so bauen wie auf dem Weißenhof. Wo sie aber nicht mehr bestehen, in der modernen Großstadt, da wird man künftig so bauen und so wohnen wie es dort gezeigt ist. Darum handelt sich’s, und deshalb ist die Werkbundausstellung so wertvoll und wichtig.

    Vielleicht wäre dieser springende Punkt manchem ahnungslosen Gemüt etwas deutlicher geworden, wenn die Ausstellungsleitung in Figura statt nur auf einem Plakat veranschaulicht hätte, wie die alte Wohnung neben der neuen aussieht. Mitten unter den „verrückten“ Werkbundhäusern müßte eine Leistung irgend eines „normalen“ Bautigers stehen; und die Wohnräume darin müßten genau so eingerichtet sein wie sie es in den meisten Fällen heute sind. Man hätte sich dabei ja von Herrn Pazaurek, dem Schöpfer des Greuelkabinetts im Landesgewerbemuseum, beraten lassen können. So, durch Beispiel und Gegenbeispiel, wäre der Zweck des Unternehmens schärfer hervorgetreten; und die Ausstellung wäre um eine Riesenattraktion bereichert gewesen.

    Schade, daß das nicht geschehen ist. Man hätte ein solches „altes Haus“ unter den neuen vermutlich glänzend verkauft. Und wenn nicht, fünfzigtausend Mark wäre der Spaß wert gewesen.

    1927, 39 Hans Hutzelmann

  • Literatur

    Mancher hat einen feingespitzten, treffenden, zündenden Aforismus hinter der Stirn. Auf dem Weg zur Zunge wird ein umständliches und langweiliges Essay daraus. Er schreibt es nieder — und es gibt einen dicken Wälzer, flach, seicht, von vorn bis hinten nur wässrige Brühe.

    1927, 6 Ix

  • Undeutsch

    — Jg. 1927, Nr. 39 —

    Die Werkbundsiedlung auf dem Weißenhof bei Stuttgart ist das Entsetzen aller derer, die etwas ablehnen, weil es anders ist als sie es gewohnt sind. Häuser ohne Dach! Wände ohne Tapeten! Möbel ohne Verzierungen! Nein, das frißt der brave Bürger nicht.

    Da ja auch niemand von ihm verlangt, daß er von morgen ab in einem Haus von Le Corbusier wohnen solle, so hat diese Entrüstung des Publikums weiter nichts zu bedeuten. Aber es gibt auch Leute, die sich etwas ernsthafter aufregen, weil sie ihre Interessen bedroht sehen: die Dachziegelindustriellen, die Tapetenfabrikanten, die Möbelfabrikanten. Sie protestieren aus voller Brust gegen das Neue, das keine Rücksicht auf ihr Absatzbedürfnis nimmt. Und sie begründen ihren Einspruch damit, daß dieser Stil, den der Werkbund da propagiere, undeutsch sei.

    Da haben wir’s also wieder. Wenn irgend eine Gruppe von Interessenten in Deutschland ihren Profit von einer Geistesrichtung, die ihr deshalb nicht paßt, bedroht sieht, dann wallt auf einmal das treudeutsche Herz. Hat man es schon erlebt, daß so ein patentierter Deutscher sagt: ich bin dafür, obwohl ich daran nichts verdiene? Oder: ich bin dagegen, obwohl ich dabei verdienen würde? Oder auch nur ehrlich und offen: ich bin dagegen, weil ich dabei nichts verdiene? Nein, man ist gegen etwas, weil es „undeutsch“ ist.

    Wenn die Arbeiter sich international verabreden, weil sie nur so gegen ihre international verbrüderten Ausbeuter aufkommen können, dann sind sie vaterlandslose Gesellen, die kein nationales Empfinden haben. Wenn vernünftige, rechtlich denkende Menschen gegen den Wahnsinn und die Gemeinheit der Massenschlächterei, genannt Krieg, ihre Stimme erheben, dann behaupten die Kanonen-, Pulver- und Giftgasfabrikanten und ihre Vettern, die Generäle, das seien Vaterlandsverräter. Bierbrauer finden es undeutsch, wenn man kein Bier trinkt. Hutfabrikanten, wenn man barhaupt geht. Warum nicht auch Metzger, wenn einer kein Fleisch ißt? Oder vielleicht Regenschirmhändler, wenn es nicht regnet?

    Die Welt wird offenbar immer undeutscher. Ob es am Ende gar noch so weit kommen wird, daß man mit seinem Deutschtum in Deutschland nichts verdienen kann?

    Dann wüßte man wahrscheinlich überhaupt nicht mehr, was eigentlich deutsch ist. Bis jetzt heißt deutsch sein bekanntlich: eine Sache um ihrer selbst willen tun.

    Das Wort stammt von Paul de Lagarde. Einem echten Deutschen, was schon daraus hervorgeht, daß er sich so einen schönen französischen Namen zugelegt hat.

    1927, 39 Sch.

  • Kegelbrüder

    — Jg. 1927, Nr. 47 —

    Das Kegeln ist immer eine nationaldeutsche Angelegenheit gewesen. Aber während es früher leichtsinnigerweise einfach als Vergnügen für den Samstag Abend oder Sonntag Nachmittag behandelt wurde, ist es heute „Leibesübung“, öffentlich anerkannter „Sport“ und Gott sei Dank gut organisiert.

    Das haben die Stuttgarter Keglertage, beginnend am 6. November mit der Einweihung des neuen Keglersporthauses, auch dem Skeptiker eindrucksvoll bewiesen. Auffallenderweise ist die württembergische Regierung dabei nicht vertreten gewesen. Sonst hätte man vielleicht eine der Bahnen im Keglerhaus, am besten wohl eine Holzbahn, nach Herrn Bazille benamsen können. Jetzt ist es zu spät dazu. Die Bahnen sind durch Vortrag der ergreifenden Chöre „O Schutzgeist alles Schönen“ und „Die Himmel rühmen“, gesungen vom Männnerchor der Stuttgarter Sportfreunde, geweiht worden. Die schönste heißt nach Herrn Bierfabrikant Robert Leicht, dem hohen Protektor der Kegelei, bei der nach eintretender Staubentwicklung am zweckmäßigsten Leicht’sches Schwabenbräu zur Anfeuchtung verwendet wird.

    Vorher zogen unter den Klängen der Kapelle des Grenadierbataillons 13 Hunderte von Keglern im Sportdreß durch die Straßen der Stadt, ein unvergeßlicher Anblick. Ich habe ihn leider versäumt und kann den Dreß deshalb zu meinem Bedauern nicht im Detail schildern, vermute aber, daß die Hemdärmel bei ihm eine gewisse, historisch begründete, Rolle spielen. Die Banner des Deutschen Keglerbundes, des Süddeutschen Gaus und der Verbände von Frankfurt, Durlach, Mainz und Heilbronn wurden in Kutschen mitgeführt, dasjenige des Stuttgarter Verbands sogar in einer vierspännigen. Es war nämlich erst am Abend vorher vom Vorstand des Schwäbischen Keglerbundes enthüllt worden, worauf sehr viele ehrenvolle Bannernägel und Fahnenbänder überreicht wurden. Unter anderem auch von den Heilbronner Damen, die es im Kegeln zu hoher Meisterschaft gebracht haben, denn Frau Störzbach-Heilbronn brachte es bei der im Rahmen der Stuttgarter Keglersportwoche ausgetragenen Damenmeisterschaft (20 Kugeln ins Volle) auf 94 Holz, Frau Drautz auf 91, Frau Heinrich auf 88 und Frau Kircher auf 87. Der württembergische Einzelmeister auf Asfaltbahn, Josef Treß aus Friedrichshafen, hat mit 20 Kugeln ins Volle 107 Holz gemacht, der württembergische Einzelmeister auf Lattenbahn (50 Kugeln, abräumen) 134 Holz.

    Die Sonntags-Zeitung hätte nicht versäumen sollen, schon in ihrer letzten Nummer auf diese Stuttgarter Ereignisse hinzuweisen, die nach dem treffenden Ausspruch des Stuttgarter Tagblatts bewiesen haben, daß der Kegelsport in Stuttgart keine nebensächliche Angelegenheit der Körperpflege ist, wenn auch die Regierung Bazille — aber das habe ich ja schon erwähnt.

    Ich bin selber alter Kegler und bloß durch den Weltkrieg etwas aus der Übung gekommen. Außerdem habe ich eben erst meinen Beitritt zum „Verein ehemaliger Stubenältester“ angemeldet. In allen Vereinen kann man schließlich nicht sein. Meine Frau erlaubt es auch nicht. Sonst würde ich mich jetzt unbedingt dem Sportwart von „Nemm‘ en du“ oder „G’wackelt hot’r“ als Kegelbruder zur Verfügung stellen. Gut Holz!

    1927, 47 Kazenwadel

  • Hindenburg

    Hindenburg

    — Jg. 1927, Nr. 40 —

    Herr v. Hindenburg feiert heute seinen 80. Geburtstag. Da er seit Tannenberg so etwas wie ein deutscher Nationalheiliger ist, wird es ohne einen kleinen Hindenburgrummel nicht abgehen. Auch linksstehende Blätter und Personen werden sich ihm wahrscheinlich nicht entziehen können. Wir sind leider im politischen Takt auf der einen und im Bürgerstolz auf der andern Seite noch nicht so weit fortgeschritten, daß derartige Anlässe nicht peinlich zu werden brauchten.

    Hindenburg ist Präsident der deutschen Republik. Wo er als solcher in angemessener Form geehrt wird, da ist er nicht Person, sondern Symbol; und kein Republikaner, auch nicht der schärfste politische Gegner des Staatsoberhauptes, hätte Anlaß, sich der Veranstaltung zu entziehen oder sie gar zu stören. Aber Hindenburg ist auch kaiserlicher Generalfeldmarschall und schwarz-weiß-rote Propagandafigur; er hat bei aller Loyalität gegen die Republik, die man an ihm seit Übernahme seines heutigen Amtes beobachtet hat, die Beziehungen nicht aufgegeben, die mit seiner ehemaligen Stellung zusammenhängen. Insbesondere scheint er sich immer noch (trotz persönlicher Abneigung) durch seine Soldatenpflicht an den einstigen „obersten Kriegsherrn“ gebunden zu fühlen; sonst hätte er ihm auf jenes echt wilhelminische Telegramm am Tage von Tannenberg nicht geantwortet. Und wenn der Geburtstag Hindenburgs mit Demonstrationen sogenannter vaterländischer Verbände und monarchistischen Flaggenparaden begangen wird, dann wird man es keinem Republikaner zumuten können, mitzumachen. Das Reichsbanner Schwarz-rot-gold hat recht, wenn es darauf verzichtet, in Berlin neben Werwölfen und anderen Hakenkreuzlern Spalier zu stehen.

    Auch an der ganz unbegründeten, für Eingeweihte nahezu komischen Verherrlichung der Person Hindenburgs wird sich niemand beteiligen können, der über die Hindenburglegende Bescheid weiß. Sollte der preußische Ministerpräsident a. D. Adam Stegerwald nicht genügend darüber aufgeklärt sein? Er ist der Verfasser eines schmalzigen Maternartikels, den die Provinzpresse samt dem mit Lorbeerblättern garnierten Bild des Jubilars schon vor längerer Zeit veröffentlicht hat. Hindenburg kann nicht wohl in allen Dingen „unser aller Vorbild“ sein; er ist kein „großer Mann“; und seine Verdienste als Heerführer sind wahrhaftig nicht gerade unbestreitbar. Stegerwald macht’s ungefähr wie jener Weingärtner, der von einem guten Jahrgang zu sagen pflegte: „eigenes Gewächs“, und von einem schlechten: „so hat ihn halt unser Herrgott wachsen lassen“. Er schreibt nämlich von seinem Helden: „Er hat Erfolg gehabt und wurde nicht stolz dabei. Er hat Unglück über sich und seine Sache hereinbrechen sehen . . ., und zerbrach selber nicht.“ Könnte man nicht auch versucht sein, statt Erfolg „Glück“ zu setzen, und statt Unglück „Mißerfolg“? Das — entscheidende — Endergebnis des von Hindenburg geführten Feldzugs war leider der Mißerfolg, und man tut ihm weder Ehre an noch entspricht der geschichtlichen Wahrheit, wenn man ihn für ganz unverantwortlich an der Niederlage erklärt, auch wenn er selber robust genug war, nicht an ihr zu zerbrechen.

    Mit der Verantwortlichkeit der Verantwortlichen ist es heutzutage bei uns etwas Merkwürdiges. Man verfährt ganz nach jener oben zitierten Weingärtnerfilosofie. Hat ein Diplomat, ein Minister, ein General Erfolg, dann betet man ihn an, auch wenn der Erfolg mehr „Schwein“ als Verdienst war. (Das ist immer so gewesen.) Hat der Mann aber Mißerfolg, dann nimmt man ihm das nicht übel, selbst wenn dieser Mißerfolg offenkundig nicht von „Pech“ kommt, sondern auf Unfähigkeit, Starrsinn, Übermut zurückzuführen ist. (Das ist nicht immer so gewesen; für solche Fälle hatte man früher und anderswo Staats- und Kriegsgerichte oder die seidene Schnur.)

    Das deutsche Volk, vielmehr eine knappe Mehrheit dieses Volkes, hat seinen Hindenburg zum Präsidenten gewählt, nachdem er den rechtzeitigen Frieden verhindert und den Krieg verloren hatte, der für ihn freilich nur ein großes Manöver gewesen zu sein scheint.

    Wir haben ihn nicht gewählt. Es sei ferne von uns, ihn zu beschimpfen, wie man Ebert beschimpft hat. Wir sind bereit, ihn als den Präsidenten der Republik geziemend zu ehren. Aber wir möchten ihn dabei im Gehrock auftreten sehen, nicht im Generalskostüm. Und wir lehnen es ab, ihn zu verehren.

    1927, 40 Sch.

  • So wirds werden

    [Eine Fiktion]

    W. T. B. : Berlin, 21. März 1931, 7 Uhr. Heute Morgen 1/2 5 Uhr haben polnische Freischärler östlich von Schlochau die deutsch-polnische Grenze überschritten. Das Reichskabinett ist sofort unter dem Vorsitz des Reichswehrministers Geßler zu einer Sitzung zusammengetreten und hat für ganz Deutschland den Kriegszustand erklärt.

    Extrablatt des „Temps“: Paris, 21. März 1931, 7 Uhr M.E.Z. Wie Havas aus Warschau meldet, hat ein deutsches Fliegergeschwader heute früh gegen 1/2 4 Uhr über verschiedenen polnischen Dörfern, die im tiefsten Frieden lagen, Bomben abgeworfen und ist in Richtung Warschau weitergeflogen. Die polnische Regierung hat daraufhin dem deutschen Gesandten die Pässe zugestellt und die Mobilmachung angeordnet.

    Berliner Lokalanzeiger: Wie wir soeben (1/2 8 Uhr) erfahren, hat das Kabinett an Polen den Krieg erklärt und in einer Verfügung angeordnet, daß die allgemeine Wehrpflicht im Reich wieder eingeführt sei. Wir halten die letztere Maßnahme für gänzlich überflüssig, sind wir doch voll und ganz davon überzeugt, daß alle Deutschen, ohne Unterschied des Standes oder der Konfession, dem Ruf des längst ersehnten Augenblicks folgen und zum heiligen Krieg gegen das räuberische Polenpack ausziehen werden.

    Tägliche Rundschau: Berlin, 22. März. Von besonderer, dem Auswärtigen Amt nahestehender Seite erfahren wir: Seitdem Polen voriges Jahr den Ostlocarnopakt gekündigt hat, waren unsere Beziehungen zu diesem barbarischen Volk sehr gespannt. Bisher haben die Geduld und der Friedenswille unserer Regierung zwar den Ausbruch eines offenen Konfliktes immer noch verhindern können, ob es aber diesmal noch gelingen wird, nachdem die polnische Armee ohne jeden Grund Deutschland im tiefsten Frieden überfallen hat, das steht in Gottes Hand. Die Meldungen von einer Kriegserklärung und der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht sind zwar noch etwas verfrüht, wir stehen aber nicht an, zu erklären, daß wir diese Maßnahmen je eher je lieber begrüßen werden. Denn der polnische Korridor muß jetzt endlich einmal ausgeräuchert werden. Und wir haben über unsere Haltung nie einen Zweifel aufkommen lassen: wir sind national bis auf die Knochen. — Wie uns Herr Oberhofprediger Dr. D. Döhring, dessen Kriegsabende im Weltkrieg noch in guter Erinnerung sein werden, gütigst mitteilt, wird er heute Abend im Lustgarten einen Feldgottesdienst abhalten. Wir zweifeln nicht daran, daß ganz Berlin aus seinen Worten Trost und Kraft für die kommenden schweren Tage schöpfen wird. Gott segne unser deutsches Vaterland in dieser schicksalsschweren Stunde!

    W.T.B.: Berlin, 22. März, 11.50 Uhr. Soeben hat sich Prinz Wilhelm von Preußen, der älteste Sohn des Kronprinzen, als Freiwilliger beim 1. Gardekürassierregiment gemeldet. — S. M. Kaiser Wilhelm hat in Doorn einen Hausgottesdienst veranstaltet und den Segen Gottes auf die deutschen Waffen herabgefleht.

    Dr. Wirth im „Berliner Tageblatt“: Tief erschüttert steht jeder gute Europäer vor den Trümmern seiner Arbeit. Menschenwerk! Und jetzt hat Gott gesprochen. Noch einmal muß Europa durch Blut schreiten, bevor es in Einigkeit und Brüderlichkeit den Tempel der Menschheit errichtet. Aber diese Betrachtung von einem höheren Standpunkt aus darf uns nicht abhalten von dem Bekenntnis: Wir sind unschuldig. Ja, unschuldig sind wir. Und das Blut aller deiner Söhne, deutsche Republik, komme über die Missetäter jenseits der Weichsel! Der junge Staat, dem wir im innersten Herzen anhangen, hat jetzt seine Feuertaufe zu bestehen. Auf in den Kampf, deutsche Republik!

    Vorwärts: Berlin, 23. März. Wir haben uns bisher, da das Auswärtige Amt sehr schweigsam war, jeder Stellungnahme enthalten und nur die amtlichen Nachrichten gebracht: den frevelhaften Überfall polnischer Banditen, die Kriegserklärung Deutschlands an Polen, die deutsche Mobilmachung, die Kriegserklärung Frankreichs an Deutschland (die mit der erlogenen Meldung, deutsche Flugzeuge hätten Bomben über polnischen Dörfern abgeworfen, begründet wurde) und den ersten herrlichen Sieg der deutschen Waffen bei Schneidemühl. Jetzt aber, nachdem unser einstiger Reichspräsident Generalfeldmarschall v. Hindenburg von Hannover nach Berlin geeilt ist (völlig aus eigenem Antrieb, und nicht, wie verblendete Kommunisten behaupten, auf Veranlassung des Herrn v. Tirpitz) und in tiefbewegten Worten zur Einigkeit und zum Gottvertrauen gemahnt hat, rufen wir dir, deutscher Arbeiter, zu: Zieh in den Kampf für dein Vaterland, für Menschenwürde und Sozialismus! Die Kommunisten aber mögen bei den nächsten Wahlen sehen, wohin sie mit ihrer landesverräterischen Propaganda kommen.

    Die Sonntags-Zeitung: Weltkrieg, Ruhrkampf — und jetzt geht der Schwindel zum drittenmal los. Wer’s noch nicht geglaubt hat, daß die Menschen dumm und unbelehrbar sind, der weiß es jetzt ganz sicher. Deutschland rast wieder vor Begeisterung, die Leute schlucken faustdicke Lügen wie himmlische Wahrheit, und in allen Ländern laufen die Menschen in die Kirchen, um den Herrgott zu bitten, er möge möglichst viele ihrer Brüder vergasen. Gottvater hat sich sicheren Nachrichten zufolge entschlossen, das Ressort der Einzelseelsorge seinem Sohn zu übertragen, da er selbst mit dem Segnen von Fliegerbomben und Granaten genügend beschäftigt ist. Eine derart ekelh . . . (Der Rest des Inhalts ist von der Zensur gestrichen worden.)

    1927, 38 Hans Lutz

  • Sacco und Vanzetti

    Sacco und Vanzetti

    — Jg. 1927, Nr. 18 —

    Am 9. April 1927 sind in Boston die beiden italienischen Arbeiter Sacco und Vanzetti zum zweitenmal zum Tode verurteilt worden. Dieser Fall Sacco-Vanzetti ist ein Beispiel politischer Rechtsprechung und ungerechter Handhabung der Justiz, wie es die Fälle Dreyfus in Frankreich, Fechenbach und Hölz in Deutschland waren. Die beiden Italiener sind am 5. Mai 1920 verhaftet worden unter der Beschuldigung, am 15. April desselben Jahres zwei Angestellte einer Firma in South Braintree (Mass.) ermordet zu haben. Die beiden Ermordeten hatten Lohngelder zu transportieren und wurden vor einem Schuhladen von einer Bande, die damals in den Neu-Englandstaaten die Beraubung von Kassenboten zu ihrer Spezialität gemacht hatte, getötet. Die Bande entfloh in einem Auto mit den 15 750 Dollars, die ihr in die Hände gefallen waren.

    Seit 1920 sind die beiden Unschuldigen in Haft; nach dem vor wenigen Wochen ergangenen letzten Todesurteil sollen sie in der Woche vom 10. bis 16. Juli dieses Jahres hingerichtet werden. Der Grund, aus dem sie verhaftet wurden, ist ein politischer: sie waren Anarchisten und hatten gerade in jener Zeit eine Reihe von Protestkundgebungen organisiert, in der sie gegen die amerikanische Justiz zu Felde zogen, weil der italienische Arbeiter Andrea Salsedo ohne Angabe von Gründen festgenommen und acht Wochen in Haft gehalten worden war; bis er schließlich als Leichnam wieder in Freiheit gesetzt wurde. (Auch nachträglich ist die Verhaftung Salsedos nicht begründet worden.) Sacco und Vanzetti waren also der amerikanischen Justiz sehr unbequem; um sie zu vernichten, wurde die schlecht aufgezogene Anklage wegen Raubmords gegen sie erhoben. Das Verfahren gegen sie ist die in legaler Form ausgeführte illegale Absicht, zwei Gegner korrupter Justiz zu ermorden. Ein Beispiel, das auch in europäischen Ländern seine Parallelen hat.

    Es ist Sacco und Vanzetti weder irgend eine Beziehung zur Verbrecherwelt nachzuweisen gewesen, noch hat man einen Anhaltspunkt für die Auffindung der übrigen Mitglieder der Bande — die doch irgendwie zu den beiden Verhafteten in Beziehung stehen müßten — gefunden. Schon in der ersten Hauptverhandlung, 1921, haben zehn Zeugen beschworen, daß Sacco zurzeit des Mordes in Boston sich befand; noch mehr haben beeidigt, daß Vanzetti gleichzeitig in Plymouth (in Amerika, nicht in England) war. Trotzdem ist schon damals, 1921, ein Todesurteil gefällt worden. Und das, obwohl dreizehn von der Staatsanwaltschaft geladene Zeugen keinen der beiden Angeklagten identifizieren konnten, zweiundzwanzig andere Zeugen bestimmt erklärten, daß keiner der beiden am Überfall beteiligt gewesen sei. Von den fünfen, die Sacco und Vanzetti als die Mörder indentifizierten, waren drei unglaubwürdig: zwei wegen ihres Charakters und einer wegen der Widersprüche, die zwischen seiner Aussage und der anderer Zeugen bestand.

    Die übrigen zwei waren zwei Mädchen, die genau einundeinviertel Sekunden lang das Auto mit der Räuberbande hatten vorbeiflitzen sehen. Diese Zeit hat ihnen genügt, um von Sacco (über Vanzetti konnten sie überhaupt nichts aussagen) eine ganze Fülle von Einzelheiten zu erkennen, z. B. daß der Mann ein wenig größer war als sie, ungefähr 140-145 Pfund wog, sauber rasiert war, dünne Wangen, dunkle Brauen, dunkles Haar, hohe Stirn, grünlich-weiße Gesichtsfarbe, gestraffte, kantige Schultern hatte, das Haar zurückgekämmt trug; daß dieses Haar „zwischen zwei und zweieinhalb Zoll lang“ war; daß er ein grünes Hemd trug und ein klar und fein geschnittenes Gesicht hatte. „Er war ein muskulöser, tatbereit (active) aussehender Mann und hatte eine starke linke Hand, eine mächtige Hand.“ Das alles in knapp einer Sekunde erfaßt? Wie man’s nimmt: in der Voruntersuchung haben die beiden Mädchen sich nicht getraut, Sacco zu identifizieren; aber einige Wochen später erklärte dann die eine, Miß Splaine, daß ihr durch „Überlegen“ die Gewißheit gekommen sei. Und die andere schloß sich ihr an.

    Seit sieben Jahren sind Sacco und Vanzetti unschuldig im Gefängnis. Die Sozialisten, Kommunisten, wirklich liberalen, wirklich demokratischen Menschen vieler Länder, auch Amerikas, haben in unzähligen Protesten die Freilassung der beiden Opfer einer verkommenen Justiz gefordert: umsonst — die Bourgeoisie will ihr Opfer haben. Ihr schlägt bei diesem Justizmord auch nicht eine Minute lang das Gewissen.

    1927, 18 – Max Barth

    Sacco und Vanzetti sind am 23. August 1927 in Boston auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet worden, nachdem der Gouverneur von Massachusetts, Fuller, eine Begnadigung abgelehnt hatte.