Kategorie: 1922

Auswahl im Jahrgang 1922 veröffentlichter Beiträge

  • Die demokratische Republik

    Die demokratische Republik

    — Jg. 1922, Nr. 23 —

    Also, das ist ganz famos! Die Republik zieht immer weitere Kreise. Der Gedanke des Volksstaates ist auf der ganzen Linie im Sieg begriffen. Es häufen sich die Fälle, wo republikanische Verordnungen ohne monarchistische Ausführungsbestimmungen ins Land hinausgehen. Neulich soll sogar in Geheimratsvorzimmern die Anschaffung weiterer republikanischer Dienststempel in den Bannkreis der Erwägungen gezogen worden sein. Auf die Anklageschrift „Zwei Jahre Mord“ werde, wie man hört, in absehbarer Zeit mit einer Regierungsdenkschrift geantwortet werden. 

    Eine ungeheuer freudige Erregung hat dieserhalb weite republikanische Schichten erlaßt. Der Optimismus liegt förmlich in der Luft. Gerüchte schwirren wie Maikäfer. 

    Aus den Bädern und Kurorten kommen Nachrichten, daß sämtliche Damen abgereist seien, um in Zigaretten- und Bonbonsfabriken als Arbeiterinnen einzutreten. Barone und Grafen seien bereits im Ruhrrevier als Grubenarbeiter tätig. Erste Folge: Die proletarischen Belegschaften seien in den Streik getreten, um den Zwölf-Stundentag zu erzwingen. Es heißt, die Hohenzollern hätten ihre sämtlichen Forderungen an den preußischen Staat zurückgezogen. Der Kronprinz soll den Erlös aus seinen, bzw. Rosners Erinnerungen zur Anschaffung republikanischer Fahnen gestiftet haben. Im übrigen sei ein Verein endgültig „ehemaliger“ Fürsten ins Leben getreten, um wenigstens auf demokratischer Grundlage dem Leben ratlos gegenüber zu stehen. 

    Mir hüpft das Herz vor Freude, wenn sich alle diese Gerüchte bestätigen. Man hat den unwiderstehlichen Eindruck, daß die Deutschen ein Volk sind. Zeitungen sollen ihr Erscheinen eingestellt haben, weil es doch nichts mehr zu beeinflussen gäbe. Börsenspekulanten und solche Leute z.B. sollen ihre Kuponscheren auf dem Altar des Vaterlandes geopfert und ihre Wertpapiere den nächsten Metzgern als Einwickelpapier zur Verfügung gestellt haben. In Berlin seien in führenden Kreisen spartanische Verhältnisse eingekehrt. Der Inhaber von „Dressel“ habe sich in einem Anfall von Schwermut das Leben genommen. Ein Massenangebot von übrigen Regierungs-Autos begegne absolut keiner Nachfrage. 

    Das ist ja einfach brillant! Man faßt sich an den Kopf, wie das alles auf einmal so hat kommen können! Habe ich es nicht immer gesagt, im deutschen Volk stecke ein guter Kern und am deutschen Wesen müsse noch einmal die Welt genesen? 

    Und sie wird genesen. Ein unendlich großer historischer Moment ist über uns hereingebrochen. Wir kennen keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. Viele sind sicher wie ich von dem Ereignis ganz erschüttert. Der Patriotismus steht sprachlos seiner Verwirklichung gegenüber. In höheren Beamtenkreisen soll eine starke Neigung vorhanden sein, wieder zu einer Beschäftigung zurückzukehren. Die Kirche fürchte sogar, das Himmelreich sei nahe herbeigekommen, da man sich sonst solche unbegreiflichen Vorgänge nicht erklären könne. Sie lege deswegen eine überraschende Gleichgültigkeit gegenüber irdischen Gütern an den Tag. Fälle, in denen Christen in ihren Handlungen sogar im Einklang mit den Lehren Christi standen, sollen schon vorgekommen sein.

    Einige deutschnationale Gelehrte sollen sich allerdings noch gegen die ausgebrochene Demokratie sträuben. Man hofft in Fachkreisen mit Zuversicht, daß der Volkskörper gesund genug sei, um den Krankheitsstoff möglichst rasch auszuscheiden. Die Fälle, daß in christlichen Kreisen nach der Lehre des Nazareners gehandelt worden ist, haben sich in der Tat als ganz vereinzelte Ausnahmen herausgestellt. Aber wie dem auch sei. Ich lasse mich von meinem Optimismus nicht abbringen. Wir gehen herrlichen demokratischen Zeiten entgegen. Vor meinem geistigen Auge ersteht das Bild einer vollendeten Demokratie. Ein Volk der Arbeit in Fabrik und Werkstatt. Fürsten sind zu brauchbaren Menschen geworden. Reiche und Arme sind gleich. In den Palästen wohnen die Kranken und Erholungsbedürftigen und in den Kurorten und Bädern erholen sich die Volksgenossen, die es am notwendigsten haben. Alle Versicherungen, alle Sorgen um die Existenz sind aufgehoben. Die Demokratie ist die beste Versicherung.

    Hier bricht das Protokoll des behandelnden Arztes ab. Der Kranke ist nach den oben wiedergegebenen Ausführungen als unheilbar einer Anstalt überwiesen worden. 

    1922,23 Hermann Mauthe 

  • Die Regierung soll…

    — Jg. 1922, Nr. 35 —

    Je unhaltbarer die Zustände bei uns in Deutschland werden, je mehr ertönt der Angstruf: die Regierung soll. Es ist immer dasselbe. Die eigene Initiative wünscht man ersetzt durch eine Verfügung. Wenn die Not am größten, ergibt man sich vertrauensvoll nach lieber alter Gewohnheit denen da droben, die schon alles regeln und in Ordnung bringen werden. Ein munterer Quell lieblicher Gesetze soll durch das dürre Land fließen und wieder die alte Fruchtbarkeit hervorzaubern, die einstmals ohne die Gesetze oder trotz der Gesetze vorhanden war. Was ist der heutige Mensch ohne Regierungserlasse und außerordentliche Maßnahmen? Er kann sich ohne sie das Leben gar nicht mehr vorstellen. 

    Das Unglück, die Not, das Chaos schreitet schnell, die Gesetze kriechen. Es dauert allemal schon ziemlich lange, bis sie von einer schwerfälligen Gesetzesmaschinerie fabriziert sind und wenn sie dann endlich unter viel Kompromissen da sind, sind sie meist solche Mißgeburten, daß niemand so richtig eine Freude an ihnen haben kann. Alsdann machen sie ihren Weg zuerst durch die jeweiligen Geheimratsvorzimmer und Amtsstuben, allwo rabulistische 14 Ausführungsbestimmungen dafür sorgen, daß das, was an ihnen etwa noch zum Wohle des arbeitenden Volkes wirksam sein sollte, vollends zum Teufel geht. Aber der Untertan in seinem blinden Gesetzesglauben wartet inzwischen geduldig auf die gute Wirkung der neuen Verordnung, deren möglichst unauffällige Beerdigung bei den einzelnen Instanzen schon beschlossene Sache ist. Merkt er aber, daß auch das neue Gesetz keine Rettung bringt, so fordert er ein neues Gesetz. Und die Regierung, gesetzesfreudig wie sie ist, sonst wäre sie ja keine Regierung, macht neue bandwurmartige Gesetze. 

    Es siehts allmählich auch der Blinde, daß man endlich dem Übel mit andern, realeren Mitteln zu Leibe gehen muß. Nicht nach dem Schlachtruf: so geht es nicht mehr weiter, nach dem es erfahrungsgemäß noch allemal so weiter gegangen ist, sondern aus der Erkenntnis heraus, daß man nach Elefanten nicht mit Erbsen schießen soll. Allemal, wenn in schwierigen Situationen die Gewerkschaften den Versuch machten, der Regierung durch irgendwelche Forderungen ihren Willen aufzudrängen, erscholl prompt der Ruf von der Nebenregierung. Und sonderbarerweise kam dieser Ruf immer von jener Seite, die neben der repräsentativen Regierung schon von jeher die mit ungleich mehr Machtmitteln ausgestattete Nebenregierung war. Es ist klar, dieser kapitalistischen Nebenregierung, die ja der Wirkung nach schon mehr die Hauptregierung in Deutschland ist, war das Auftauchen einer neuen Nebenregierung peinlich und gefährlich. Sie hatte in solchen Momenten Angst um den Gesetzgebungsapparat, der immer so schön unbemerkt zu lenken war und nebenbei das Volk in seinen Illusionen weiterleben ließ. Nämlich, daß sich durch Gesetze etwas grundlegend ändern könne und jene Erkenntnis verhinderte, daß sich doch nur die Form der Leibeigenschaft ändert und sonst nichts. 

    Die großen Gruppierungen der mächtigen Wirtschaftsorganisationen sind heute realere Mächte als der Staat, sie machen die Gesetzgeberei durch ihre wirtschaftliche Monopolstellung in mancher Beziehung illusorisch. Der Regierung fehlt ganz einfach die Macht, den mit so ehrlichem Willen errichteten Volksstaat zu einer tatsächlichen Volksgemeinschaft zu machen, in der Zinsknechtschaft und Kapitalhörigkeit nicht mehr möglich ist. Die Regierung soll gegen den Wucher vorgehen, aber die allmächtigen Kartelle können seelenruhig ihre Preisdiktatur ausüben. Die Regierung soll eine Gesundung unseres Volkskörpers herbeiführen, sie ist aber nicht mächtig genug, um zu verhindern, daß die Industrie ihr Geschäftsgebaren nicht in der Richtung einer Förderung der deutschen Allgemeinwirtschaft einstellt, sondern lediglich unter dem Gesichtspunkt des Verdienens und der eigenen Machterweiterung vorgeht. Die Diktatur des Kapitals, der Industrie und des Bodenbesitzes schafft man nicht durch Verordnungen aus der Welt. Dazu sind diese Kräfte zu real. Man kann ihnen nur eine gleichwertige Macht gegenübersetzen, das ist die Macht der Konsumenten gegenüber der der Produzenten. Die Macht des Kapitals Arbeitskraft und die noch größere: der sich einig gewordenen Verbraucher. 

    Die Erkenntnis muß endlich sagen: nicht die Regierung soll, sondern ich soll, ich kann, ich muß. Das Klagen und Warten auf rettende Verordnungen muß endlich weichen einem zielbewußten Vorgehen, das ein ausbeuterisches System an seinen Wurzeln untergräbt. Warum über die Ausbeutung der Händler klagen und ein Gesetz dagegen verlangen, wenn man es jeden Augenblick in den Händen hat, sich eben nicht ausbeuten und übervorteilen zu lassen? Warum sollen so und so viele Tausende Konsumenten nicht in der Lage sein, den Einkauf ihrer Waren selbst in die Hand zu nehmen und warum soll es nicht bei ein wenig Initiative möglich sein, die schon bis zu einer gewissen Bedeutung gelangte Konsum- und Genossenschaftsbewegung so zu benützen, daß man den ganzen Bedarf durch die Genossenschaft deckt und nicht nur einen winzigen Prozentsatz? 

    Hier würde erst der richtige Kampf beginnen zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Ausbeuter und Konsument. Die riesigen wirtschaftlichen Machtfaktoren der Konsumenten-Genossenschaften könnten die Alleinherrschaft der großen kapitalistischen Wirtschaftsorganisationen brechen und so viel wirksamer das erreichen, was man heute durch Gesetzgebung von oben anstrebt. Der Irrwahn des Untertanen muß eben der freien Initiative aller sozial Gesinnten weichen, die nicht aus der Verordnung, sondern aus der Gesinnung heraus zu einem neuen Gesellschaftszustand kommen wollen. Wenn die Befreiung auf diesem Wege erfolgt, dann ist auch die Gefahr überwunden, daß das, was man als Sozialismus anstrebt, ein mächtiger bürokratischer Wasserkopf mit einer Beamtenhierarchie wird, statt eine auf freiester Basis gegründete, organisch gegliederte Gesellschaftsordnung. Dann wird der Mensch auch immer mehr von dem „Die Regierung soll“ des paragraphenandächtigen Staatsheloten zu einer wahren inneren Freiheit kommen, die von Verordnungen und Gesetzen nichts erhofft, aber von sich als freiem unabhängigen Menschen alles. 

    1922, 35 Hermann Mauthe 

  • Halbheiten

    — Jg. 1922, Nr. 14 —

    Der Kompromißler beherrscht heute die Situation. Wir haben die Zeit der Halbheiten. Zwar konstatiert man an der Öffentlichkeit einigen Radikalismus, aber bei näherem Zusehen ist es nicht so schlimm; es ist meist nur ein Radikalismus der Worte. Man bläht sich auf mit Phrasen und schönen Worten; verzichtet aber ängstlich darauf, in Lebenslagen zu kommen, in denen man vielleicht gezwungen wäre, mit all dem Verfochtenen und in die Welt Hinausposaunten Ernst zu machen.

    Der heutige Mensch wagt nicht mehr zu tun, was ihm sein eigenes Gewissen gebietet. Sein charakterloses Durchschlängeln und Anpassen an die „gegebenen Tatsachen“ ist nichts anderes als Feigheit vor dem lieben Nebenmenschen. Aus Unlust und Trägheit vergewaltigt er sein Gewissen. Er verzichtet freiwillig auf die reine Höhenluft, in die man allerdings erst durch mühseliges Hinanklimmen kommen kann, und bescheidet sich mit der Niederung, in der wohltuende Dämmerung sich gütig über Schwächen und Halbheiten legt. Hier winkt dem Menschen eine Welt von erbärmlichem Behagen, wenn er sich „einordnet“, sich bemüht, dem guterzogenen, wohlanständigen Normalbürger gleich zu werden. Bald ist er rettungslos verloren. Das Gewissen hat sich beruhigt. Man bescheidet sich und beginnt geistig zu verkümmern. Man langt bei einer Gemütsverfassung an, die, gespeist von ungewissen, nebelhaften Illusionen, das Leben als eine Sache ansieht, mit der man auf möglichst bequeme Art fertig werden muß. Die Welt hat einen Spießer weiter.

    Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Gott sei Dank. Aber unglücklicherweise ist es so: jeder hält sich in kindlicher Naivität für die Ausnahme. Man drückt ein, ja beide Augen zu und tut so, als ob alles bei sich in schönster Ordnung wäre. Ja, es ist eine direkte ungewisse Angst da, sich überhaupt tiefer mit sich selbst zu beschäftigen, um ja nicht auf schwache Stellen zu stoßen. Man wünscht innigst, in Unklarheit zu bleiben, um durch die in grellem Tageslicht schonungslos aufgedeckten Fehler nicht aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht zu werden.

    Diese Angst ist die Feigheit selber. Man weiß, daß der Inhalt der Fassade nicht entspricht. Aus Eitelkeit, Dumpfheit und Trägheit tut man ängstlich so, als ob dies der Fall wäre. Er ist es gewöhnlich nicht, wenigstens in jüngeren Jahren. Es wäre fürchterlich, wenn es so wäre. So langsam wird dann allerdings im Lauf der Jahre das Gleichgewicht hergestellt. Die Natur rächt sich immer. Sie korrigiert den Menschen innerlich zu dem, was er anfangs nur vortäuscht und Gott sei Dank innerlich noch nicht ist. Äußeres und Inneres wird bald einander adäquat. Dieser Prozeß geht langsam und unmerklich vor sich. Die Halbheiten rächen sich. Aus hoffnungsvoller Knospe freien Menschentums wird niemals süße Frucht. Verkümmert, ohne Luft und Licht, wächst ein armseliges Gewächs heran.

    Das schlimmste daran ist: Diese Menschen wissen gar nicht, wie verkrüppelt sie sind. Es ist ihnen nicht mehr möglich, darüber klar zu werden, wie trostlos sie durch ihre Feigheit, durch ihr ewiges Zurückweichen und Laborieren von dem abgerutscht sind, was sich in ihrer Jugend als hoffnungsvoller Ansatz zu freiem Menschentum präsentierte.

    Weil die innere Umwandlung langsam und unmerklich vor sich gegangen ist, hält man sich für einen andern, als man tatsächlich ist. Der Selbstbetrug ist zur zweiten Natur geworden. Man ist einfach nicht mehr fähig, selbstkritisch festzustellen, daß man ein charakterschwacher Mensch ist, der sich von allen möglichen belanglosen Dingen in seinem Handeln einschränken und bestimmen läßt.

    Diese Halbheit und Selbsttäuschung ist die stärkste Hemmung für alle Weiterentwicklung der Menschheit.

    Sie schafft die Ruhekissen, auf denen man selbstgenügsam dahindämmert. Kein Gedanke wird konsequent zu Ende gedacht; jeder nur auf möglichst bequeme Art zurechtgelegt. Man braucht eine bequeme Religion, bei der sich schön träumen läßt. Alle seine Fehler registriert man unter allgemeiner Sündhaftigkeit und Verderbnis menschlicher Natur. Aus Bequemlichkeit schielt man nach einem Erlöser. Seines Geistes Höhe und Tiefe, sein Wandel, der zum Vorbild werden könnte, wird weit weg in die Sphäre des Göttlichen gerückt. Was bleibt, ist matter Glaube, unklare Gefühlsduselei. Die letzten Entscheidungen liegen immer im „Jenseits“. Diesseits ist das Jammertal der Halbheiten und Schwachheiten.

    Diesseits ist eine gottgewollte, d.h. aus Halbheiten entstandene, Ordnung, die wenig von Belang ist. Es hat keinen Wert, sie viel zu ändern: man muß sich darein fügen.

    Gedankenlosigkeit nicht nur in der Religion, sondern auf allen Lebensgebieten! Keiner wagt, er selbst zu sein. Ist er es, so muß er den Weg der Kreuzigungen gehen. Um „Menschen“ weht in solcher Umgebung der mystische Hauch des Göttlichen. Ganze werden unter lauter Halben zu Heiligen.

    Auf der breiten Straße der Halbheiten schleicht ein Menschengeschlecht in eine ungewisse Zukunft. Es fühlt sich wohl dabei.

    1922, 14
    Hans Müller

  • In der Drecklinie

    — Jg. 1922, Nr. 5 —

    Nirgends findet man bissigere Feindschaft als unter Verwandten. Schwiegermutter und junges Paar, Vater und Sohn, zwei feindliche Brüder — gibt es Beziehungen, die häufiger und heftiger vom Haß vergiftet werden?

    So ist es auch im politischen Leben. Mit überlegener Ironie bewitzeln die demokratischen Blätter die Deutschnationalen, mit heimlichen Neid beehren diese die „Asfaltdemokraten“ mit Retourchaisen: zwei Kreise, die sich kaum berühren. Aber schon wenn die Sozialdemokraten mit dem Zentrum oder die Demokraten mit der Deutschen Volkspartei sich herumstreiten, spürt man die Erbitterung, geboren aus der Angst vor der Konkurrenz. Jedoch die schönsten Blüten treibt der Konkurrenzneid im Kampf zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten.

    Der Ausdruck „Bonze“ wirkt wie Gestreicheltwerden von weichen Händen, und „Heuchler“ ist fast eine Liebkosung, „Geschwätz der S.P.D.“ wird wie eine wissenschaftlich-sachliche Feststellung gebraucht, und „Demagogie“ ist abgeleiert und veraltet. Im Krieg der beiden „Bruderparteien“ braucht man ganz andere Geschosse: „Arbeiterleutnants“, „echte Gassenjungenmanier“, „Dreck“, „Gimpelfang“, „Clowns“, „Taschenspieler“, „enge Doktorhirne“, „Arbeiterhenker“ (statt des verblaßten Ausdrucks „Verräter“) — mit solchen Granaten bombardiert man, wenn man kommunistischer Zeitungsschreiber ist, seine Genossen.

    Und die Maschinengewehre der sozialdemokratischen Redaktionen entgegnen mit Witzchen, die überlegen und ironisch sein sollen und doch die besorgte Stimmung kaum verbergen können. Eine Veranstaltung der K.P.D. ist eine „Gala-Vorstellung“, der „große Saal gähnt von öder Leere“ (was hat denn sonst ein Saal zu tun?), nur hie und da durcheilen ihn „wichtigtuende Funktionäre“. Die Leiter der Versammlung verschleudern die „Arbeitergroschen“ in ellenlangen Protesttelegrammen. Eine Versammlung des „Roten Frontkämpferbundes“ sieht nach den Berichten sozialdemokratischer Zeitungen aus wie der Kriegsrat eines Indianerstammes. Da erscheint der „Höchstkommandierende in kriegerischem Schmuck“, seine „juchteledernen Reitstiefel“ bedecken „beinah seine ganzen Oberschenkel“. Es graust einem vor den Kommunisten, wenn man sich das vorstellt! Und selbst die kommunistischen Blasinstrumente taugen nichts. Sie geben keine gut bürgerlichen Töne von sich, wie es sich eigentlich gehört, nein: ihr Ton stimmt „vollständig mit dem einer Ziehharmonika“ überein. Die Redner „verzapfen Tiraden“, bewegen sich wie „Marionetten“, und wenn einer Kasper heißt, dann heißt er nicht nur so: „sein Name ist ein Symbol“. Man meint manchmal, diese Artikelschreiber verwechseln das Tinten- mit dem Güllenfaß.

    Genug? O bitte, es soll mir eine Ehre sein, weiter aufzuwarten.

    Noch schlimmer als in Zeitungsartikeln ist es in Versammlungen. „Keil, der gerissene Schieber“ ist ein beliebtes Inventarstück kommunistischer Redner, das „Reichsbanner“ ist geworden zu einem „Reichsjammer“ (falls es nicht „Jammerblase“ oder — sehr geschmackvoll! — „Schwarz-Rot-Hengstenberg“ tituliert wird). Die Ehre des „Reichsbanners“ wird aber wiederhergestellt, indem man, mit dem denkbar größten Aufwand von Geist, den „Roten Frontkämpferbund“ als „Laubsammlerbund“ bezeichnet. Übrigens lohnt es sich gar nicht, sich mit der K.P.D. noch weiter abzugeben: sie ist und bleibt die „Partei der moralischen Verlumpung“.

    So befehden sich die beiden Parteien, deren Angehörige das gleiche Los, die gleiche Not zu tragen haben. So erziehen die Führer den Stand, von dem man sagt, er sei dazu berufen, eine bessere Zeit heraufzuführen, den Stand, von dem man hofft, er werde einst eine gerechtere Gesellschaftsordnung schaffen.

    Wie wird die aussehen? Sachlichkeit, Ordnung, Anstand, Achtung vor dem Gegner werden wohl die Haupttugenden des öffentlichen Lebens sein. Denn schon ein altes Sprichwort sagt: Wie man säet, so wird man ernten.

    1927, 16 Hermann List

    Sie schlugen sich gegenseitig die Schädel ein; zum Schluß hörte ich sie dann die „Internationale“ singen.

    1922, 5 Mauthe

  • Drei gesellschaftliche Zeitalter

    — Jg. 1922, Nr. 12 —

    „Kerl“ (Plural: Kerls), sagte mein Großvater — denn er dachte feudal und sprach feudalistisch — „Kerl, er muß“. Der Ton klang grob und gutmütig und wurde gelegentlich von einer warmen Tracht Erziehungsprügel begleitet. Der Betroffene hörte das Gepolter zwar nicht immer gern, aber gehorchte nicht nur bedingungslos, sondern sogar vertrauensvoll, wie einem Schicksalsbefehl, der sich selbst verantwortet, keine Wahl läßt und im Allgemeinen hinterher als sinnreich gerechtfertigt erscheint. Wirkte sich ein Fehlgriff sichtbar aus, so wurde er unbeschönigt wieder gut gemacht. Im Großen und Ganzen ging es bei aller Härte leidlich gerecht zu. Stimmte die Voraussetzung, konnte zwischen Mensch und Mensch ein Verhältnis wie zwischen Mensch und Pferd sein, so war die Folgerung erlaubt, sich darein zu finden, wenn nur der Knecht unter der Obhut seines Herrn so gut gedieh wie durchschnittlich der Gaul unter der Pflege seines Kutschers. Aus sich heraus zerbrach der Friede selten. In Einzelfällen rächten sich Futtergeiz, Fuchtelmißbrauch, Untreue. In der Regel entsprang der Zwist jedoch nicht einmal der Aufklärung, und die Sitten vor und nach der Abschaffung der Leibeigenschaft glichen einander oft genug bis aufs Haar. Die Liebe starb erst allmählich und von oben her aus.

    „Mann“ (Plural: Leute), sagte mein Vater — denn er dachte liberal und sprach liberalistisch — „Mann, du darfst“. Der Ton klang höflich und hochmütig und wurde gelegentlich von der lauen Würze einer Erzieherträne begleitet. Der Betroffene hörte die Predigt zwar nicht immer ungern, aber gehorchte nur unter Bedingungen und ohne Vertrauen wie einer Schicksalslaune, die sich nicht selbst verantwortet, eine gewisse Wahl läßt und hinterher vermöge ihrer Vieldeutigkeit einigermaßen gerechtfertigt erscheint. Offenbarte sich ein Irrtum, so wurde er durch Beschönigung zurechtgestutzt. Im Großen und Ganzen ging es bei aller Milde ziemlich ungerecht zu. Stimmte die Voraussetzung, konnte zwischen erwachsenen Menschen ein Verhältnis wie zwischen Lehrer und Schüler sein, so war die Folgerung erlaubt, sich nicht darein zu finden, wenn der Beauftragte unter der Leitung seines Auftraggebers so schlecht gedieh wie durchschnittlich der Bengel in der Lehre seines Federfuchsers. Aus sich heraus hielt der Friede selten. In Einzelfällen bewährten sich Zuckerbrot, Ehrenstachel, Wortgeklingel. In der Regel ruhte der Verdacht jedoch nicht einmal in den Hallen der Aufklärung und die Sitten vor und nach einer noch so ehrlich versöhnlichen Versammlung wichen nicht voneinander ab. Der Haß starb erst allmählich mit dem Tode der Oberschicht aus.

    „Genosse“, sagt mein Sohn — denn er denkt sozial und spricht sozialistisch — „Genosse, Sie mögen“. Der Ton klingt frech und demütig und wird gelegentlich vom kalten Spott eines bezweckt erziehlichen Lächelns begleitet. Der Betroffene hört den Ruf weder gern noch ungern und gehorcht der Schicksalsmache mit jenen scheuen Vorbehalten, die hinter allzuviel Spielraum und Wahlfreiheit schon die eigenverantwortliche Enttäuschung wittern. Warum wird täglich Gleichberechtigung beteuert und trotzdem stündlich Ungleichheit erlebt? Wozu die Wahrheit, die Notwendigkeit, die Abhängigkeit aller von allen beschönigen? Im Großen und Ganzen geht es vielleicht gerechter, aber nicht angenehmer zu als früher. Stimmt die Voraussetzung, eignet sich der nägelbeschnittene Löwe eine Lämmerseele an, so ist die Folgerung erlaubt, sich darein zu finden, wenn man mit dem Leithammel zwar anders als mit dem Schäferhund, aber auf der Weide auch anders artet als im Dschungel. Aus sich heraus ist in der Welt kein Friede. In Einzelfällen helfen Geduld und Neigung nach. In der Regel trotzt das Böse den Mitteln des Verstandes und Aufklärung bringt es nicht weiter, als neben der Liebe auch den Haß zu dämpfen.

    „Bruder“, würde sagen, wer weder …al dächte noch …istisch spräche, „Bruder, wir wollen“. Der Ton klänge stolz und bescheiden und würde gelegentlich von der heißen Flamme einer unbezweckt erzieherischen Tat begleitet. Der Betroffene hörte und gehorchte mit Leidenschaft wie jemand, dem eine innere Stimme den Glauben an sich, an sein Werk, an sein Schicksal verliehe. Brüderlichkeit behauptete keine Gleichheit, gelobte keine Freiheit, pochte auf keine Gerechtigkeit, erwartete weder Dank noch Lohn, sondern gäbe sich hin, wodurch allein ein würdiges Verhältnis, zwischen den Menschen und ein dauerhafter Friede zu verbürgen wäre. Selbst die Ausnahme bestätigt die Regel; denn wer in solcher Gesellschaft zu nehmen statt zu geben versuchte, bewiese erst recht, daß die Gesellschaft endlich aus sich heraus Bestand hätte: sie würde den ungeselligen, unbrüderlichen Dummkopf oder Schlauberger nämlich einfach in eine Einsiedelei verbannen.

    Indessen, meine Herren, wozu zerbrechen wir uns darüber den Kopf? Wir sagen weder „Kerls“ noch „Leute“ noch „Genossen“ noch „Brüder“ zueinander, sondern eben „meine Herren“, meine Herren, und wissen, was wir meinen: die Umgangsform von unzusammengehörig Zusammengespannten, von auseinanderstrebenden Miteinanderverbundenen, kurz von Ausbeutern einer nur so genannten Gesellschaft. Unserem ungesellschaftlichen Zeitalter gilt durchaus jede Gesellschaft, geschweige denn die Bruderschaft, als utopisch.

    1922, 12 ***

  • Der Christusballon

    — Jg. 1922, Nr. 20 —

    Theatertechnisches aus Oberammergau

    Eine amerikanische Zeitschrift läßt sich von ihrem nach Oberammergau entsandten Sonderberichterstatter melden:

    Eine neue Attraktion, die eine in verschiedener Hinsicht wertvolle Ergänzung des Spielplans bedeutet, ist für die diesjährige Theatersaison in Oberammergau in Aussicht genommen. Die technischen Errungenschaften unserer Zeit werden es ermöglichen, auf der herrlichen Alpenfreibühne jetzt auch die Himmelfahrt des Herrn natur- und wahrheitsgetreu darzustellen.

    Die Szenerie zeigt die Gegend des Ölbergs in der Nähe von Bethanien. Für bibelunkundige Zuschauer ist im Vordergrund eine Wegtafel angebracht mit der Aufschrift: „Ölberg. Nach Jerusalem 1 Sabbatweg“. Es erscheinen die elf Jünger, in der Mitte der Heiland. Die Gruppe ordnet sich und es werden die Worte Apostelgeschichte Kap. 1, Vers 4-8 gesprochen. Und nun erfolgt das Wunderbare: langsam, unter den staunenden Gebärden der umstehenden Jünger, erhebt sich die Gestalt des Meisters in die Luft. Während er rascher und rascher gen Himmel schwebt, breiten sich seine Arme majestätisch segnend aus; die Jünger knien betend nieder. Eine Darstellung von erschütternd und erhebend weihevoller Wirkung. Zugleich ein Triumf moderner Theatertechnik: die Gestalt Christi ist in Wirklichkeit ein kunstvoll konstruierter Wasserstoffballon, der genügend mit Sandsäcken beschwert auf unsichtbaren Rädchen hereingerollt wird. Nachdem die Worte des Abschieds von einer Stimme aus den Kulissen gesprochen sind — ihr geisterhafter, entrückter Klang paßt ausgezeichnet in die Situation -, werden ein paar der schwersten Säcke, die in der hinteren Lendengegend der Figur angebracht sind, geschickt von Petrus oder Johannes abgehängt; infolgedessen erhebt sich Jesus langsam in die Lüfte. Eine automatische Vorrichtung, ähnlich der an den Schrapnells mit Zeitzünder, entleert nach und nach die weiteren Sandsäckchen, so daß die Gestalt rascher und rascher zum Himmel steigt. Das Herabrieseln des feinen Sandes bleibt im Zuschauerraum unbemerkt; wenn sich von den Jüngern einige die Augen reiben müssen, so erhöht das die packende Lebenswahrheit der Szene. Zugleich breiten sich die beiden Arme durch einen sinnreichen Mechanismus seitwärts — hierbei wird die Ausdehnung des Gases mit zunehmender Höhenlage als treibende Kraft benützt. Inzwischen sind zwei Männer in weißen Kleidern zu der Gruppe getreten. Sie sprechen das biblische Schlußwort: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr und sehet gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch aufgenommen ist gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren. Der Vorhang fällt, während hoch oben die Gestalt des zum Himmel Gefahrenen eben im Äther verschwindet.

    Das Wort der beiden Engel hat seine besondere Bedeutung: indem es sich nämlich tatsächlich erfüllt. Es wäre natürlich finanziell unmöglich, für jede Aufführung einen neuen Christusballon zu verwenden, da ihn seine komplizierte Konstruktion ziemlich teuer macht. Hier kommt nun der Umstand trefflich zustatten, daß die bei der Auffahrt sich ausbreitenden Arme als Fallschirm wirken, sobald der Ballon infolge Gasverlusts zu sinken anfängt. Infolgedessen gelangt das Kunstwerk in langsamem Schweben meistens vollständig unversehrt irgendwo in der Umgegend wieder zu Boden — „er wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren“ ist nicht zu kühn behauptet — und wird von der hiezu ausgesandten Dorfjugend von Oberammergau unter kindlichem Jubel wieder eingebracht.

    1922, 20 Adam Heller

  • Ungesühntes Blut

    Ungesühntes Blut

    — Jg. 1922, Nr. 20 —

    Zur Soziologie der politischen Morde in Deutschland

    Der Verfall der politischen Sitten hat in den letzten Jahren in Deutschland eine Massenerscheinung hervorgebracht, die vordem hier vollkommen unbekannt war: den politischen Mord. In den drei Jahren 1919 bis 1921 sind 378 Morde von Rechts und 20 von Links vorgekommen. Auf diese Weise sind fast sämtliche Führer der extremen Linken durch ungesetzliche Handlungen beseitigt, dagegen ist kein einziger Führer der extremen Rechten getötet worden.

    Wie ist diese ungeheure Differenz von 378 Morden von Rechts gegen 20 von Links zu erklären? Falsch wäre es meines Erachtens, zu sagen: Die Linken sind eben moralisch höher stehend. Der wirkliche Unterschied zwischen den Parteien ist meines Erachtens kein moralischer, sondern ein technischer. Die Anhänger der Linksparteien sind durch Jahrzehnte gewerkschaftlicher Schulung gegangen, die ihnen die Massenaktion als einzig wirksames Kampfmittel predigte. Denn der linken Bewegung liegt die materialistische Geschichtsauffassung zugrunde, welche die ökonomischen und technischen Momente als in der Geschichte wirkende Faktoren betont. Bei den Rechten fehlt eine solche Gewerkschaftsschulung. Ihnen handelt es sich darum, die für sie durch die Worte „Ruhe und Ordnung“ charakterisierte anarchische Wirtschaftsordnung aufrecht zu erhalten. Und diesem Ziel entsprechen individuelle Mittel, die in ihrer Wirkung mit der anarchistischen „Propaganda der Tat“ identisch sind. Denn die Rechte ist Anhängerin der heroischen Geschichtsauffassung, wonach der Held die Geschichte „macht“. Entsprechend ist die Rechte geneigt, zu hoffen, sie könne die linke Opposition, die getragen ist durch die Hoffnung auf eine radikal andere Wirtschaftsordnung, dadurch vernichten, daß sie die Führer beseitigt. Und sie hat es getan: Alle Führer der Linken, die sich offen dem Krieg entgegensetzten, zu denen die Arbeiterschaft das Vertrauen hatte, Liebknecht, Rosa Luxemburg, Eisner, Haase, Jogiches usw. sind tot.

    Unzweifelhaft ist die Wirksamkeit dieser Technik für den Augenblick. Die Linke hat keinen bedeutenden Führer mehr, keinen Menschen, von dem die Massen das Gefühl haben: er hat soviel um uns gelitten, soviel für uns gewagt, daß wir ihm blindlings vertrauen können. Dies hat die Arbeiterbewegung zweifellos um Jahre zurückgeworfen, so daß an der augenblicklichen Wirksamkeit dieser Methoden nicht zu zweifeln ist.

    Der Erfolg dieser Morde ist um so größer, als keinerlei Strafe erfolgt ist. Die relativ wenigen Attentate gegen Reaktionäre sind so gut wie sämtlich durch schwere Strafe gesühnt. Von den sehr zahlreichen Attentaten gegen Männer der Linken ist dagegen kein einziges gesühnt. Gutgläubigkeit, falsch verstandene Befehle oder letzten Endes auch Verrücktheit waren hier immer Entschuldigungsgründe, soweit überhaupt ein Verfahren stattfand. Selbst wenn nachgewiesen ist, daß der Ermordete unbeteiligt war, so entwickelt sich folgendes neckische juristische Spiel. Ein Offizier hat einen Befehl gegeben, der dahin aufgefaßt werden konnte: Spartakisten sind zu erschießen. Der Untergebene erschießt Menschen, die er für Spartakisten hält, und wird freigesprochen, weil er im Glauben sein konnte, auf Befehl zu handeln. Er wird also wegen „Putativspartakismus“ freigesprochen. Genau wie seinerzeit der Leutnant v. Forster wegen Putativnotwehr. Gegen den Offizier wird aber nicht eingeschritten. Denn der Befehl hat entweder nicht so gelautet, oder, wenn er so gelautet hat, dann war er eben kein Dienstbefehl.

    Diese unglaubliche Milde des Gerichts ist den Tätern wohlbekannt. Daher unterscheiden sich die politischen Morde in Deutschland von heute von den früher in andern Ländern üblichen durch zwei Momente: ihre Massenhaftigkeit und ihre Unbestraftheit. Früher gehörte zum politischen Mord immerhin eine gewisse Entschlußkraft, ein gewisser Heroismus war dabei nicht zu leugnen: der Täter riskierte Leib und Leben, Flucht war nur unter außerordentlichen Mühen möglich. Heute riskiert der Täter garnichts. Mächtige Organisationen mit ausgebreiteten Vertrauensleuten im ganzen Lande sichern ihm Unterkunft, Schutz und materielles Fortkommen. „Gutgesinnte“ Beamte, Polizeipräsidenten, geben falsche „richtige Papiere“ zur eventuell nötigen Auslandsreise. Man lebt in den besten Hotels herrlich und in Freuden. Kurz, der politische Mord ist aus einer heroischen Tat zu einer leichten Erwerbsquelle für „rasch entschlossene Käufer“ geworden.

    Daß dies unmöglich wäre ohne die allerdings vielleicht unbewußte Mithilfe der Gerichte, liegt auf der Hand. Diese meine These wird auch von den meisten rechtsradikalen Blättern vertreten. Häufig kann man dort Sätze lesen wie: „Es ist schade, daß der Landesverräter Soundso“ (ein Pazifist, dem in strafrechtlicher Hinsicht nicht das Mindeste auch nur nachgesagt werden kann) „nicht in Deutschland, sondern in einem andern Lande lebt. Dort kann ihn leider nicht wie Erzberger der Arm der strafenden Gerechtigkeit erreichen.“ Man kann also danach einen politischen Gegner, der im Ausland wohnt, nicht ermorden. Aber nicht etwa, weil es technisch nicht möglich wäre, was nicht der Fall ist, sondern weil man dort das Risiko trägt, bestraft zu werden.

    Trotz diesen schrecklichen Tatsachen möchte ich die Behauptung, daß die deutschen Richter mit Bewußtsein das Recht beugen, nicht unbedingt bejahen. Sie lassen zwar über 300 Morde straflos ausgehen, aber ich möchte für sie auf mildernde Umstände plädieren. Es fehlt ihnen das Bewußtsein der Strafbarkeit ihrer Handlungen. Aus der alten Zeit her, wo das heutige Wirtschaftssystem von äußeren Angriffen unbedingt geschützt war und wo die Anhänger der Rechtsparteien unbestritten die obere Schicht bilden, ist ihnen der Gedanke, daß aus dieser Kaste eine Reihe von unbestrittenen Mördern und Mordanstiftern hervorgehen könnten, unvorstellbar. Wird ein Anhänger der linken Parteien von rechts ermordet, so kann die Psyche des Richters sich nicht von der Tatsache loslösen, daß der Ermordete sein Feind war und eigentlich schon seiner Gesinnung wegen schwer bestraft hätte werden müssen, daß der Mörder eigentlich doch nur der strafenden Gerechtigkeit zuvorgekommen ist und schon deswegen mild zu behandeln war. So kommt es häufig vor, daß bei der Gerichtsverhandlung nicht der Mörder, sondern der Ermordete moralisch vor dem Richter steht. Der Mörder aber gehört derselben sozialen Schicht, demselben Leben an wie der Richter. Unzählige soziale Bande verknüpfen den Mörder-Offizier und den Richter, der ihn freisprechen wird, den Staatsanwalt, der das Verfahren einstellen wird, den Zeugen, der den Fluchtversuch eingehend schildert. Sie sind Fleisch von einem Fleisch, Blut von einem Blut. Der Richter versteht ihre Sprache, ihr Fühlen, ihr Denken. Zart schwingt des Richters Seele unter der schweren Maske des Formalismus mit den Mördern mit. Der Mörder geht frei aus. Wehe aber, wenn der Mörder links steht. Dem Richter, der selbst zu den früher auch offiziell oberen Klassen gehört, ist der Gedanke, daß diese Wirtschaftsordnung geschützt werden müsse, von altersher vertraut. Beruht doch auf ihr seine eigene Stellung. Und jeder Gegner dieser Wirtschaftsordnung ist an sich verwerflich. Der Angeklagte ist jeder Schandtat fähig. Und kann er auch nur annähernd überführt werden, so ist strenge Bestrafung sein sicheres Los.

    1922, 20 E. J. Gumbel

    Zu Emil Julius Gumbel siehe auch:

    Das rechte Auge – Im Kampf gegen den Terror von rechts haben die deutschen Strafverfolger schon einmal versagt. Der Mann, der ihnen das Zahl für Zahl nachwies, hieß Emil Julius Gumbel. Deutschland hat es ihm nicht gedankt. Artikel von Benjamin Lahusen in DIE ZEIT Nr. 7/2012 47 vom 9. Februar 2012 https://www.zeit.de/2012/07/Gumbel/komplettansicht

    Junger Dokumentarfilm | SWR Fernsehen BW

    Der Dokumentarfilm „Statistik des Verbrechens – Ein Mathematiker gegen das Naziregime“ widmet sich der Lebensgeschichte von E.J. Gumbel – Statistik-Professor, Publizist und Pazifist, einer der prominentesten Gegner des Faschismus und des aufkommenden Nazi-Regimes.

    Gumbel engagierte sich gemeinsam mit Albert Einstein in der Liga für Menschenrechte, schrieb in der ‚Weltbühne‘ und forschte über den Terror von rechts, war mit Ossietzky, Tucholsky, Feuchtwanger und Heinrich Mann befreundet. Er war der erste Professor, der von den Nazis aus Deutschland vertrieben wurde. Schon 1932 musste der Heidelberger Wissenschaftler ins Exil nach Frankreich, 1940 nach New York. Jeder Statistiker kennt noch heute die „Gumbel-Verteilung“ und seine Extremwerttheorie; sein Kampf gegen die Nazi-Ideologie dagegen ist vergessen.

    Quelle: https://programm.ard.de/TV/swrfernsehenbw/statistik-des-verbrechens-/eid_281132298878531

  • Die allgemeine Nährpflicht

    Die allgemeine Nährpflicht

    — Jg. 1922, Nr. 30 —

    Nachdem sich die Marxisten als unfähig erwiesen haben, uns den Sozialismus zu bescheren (wahrscheinlich deshalb, weil wir nicht „reif“ dazu waren), kann man es uns nicht übel nehmen, wenn wir uns von der Beschäftigung mit dem „wissenschaftlichen“ Sozialismus ab- und anderen Lehren zuwenden: solchen, die zwar nicht so gelehrt sind und nicht so ,,historisch“ denken, aber sich dafür ein Bild zu machen suchen, wie die sozialistische Gesellschaft der Zukunft aussehen müßte und auf welchem Wege sie heraufzuführen wäre. Diese Sozialisten, denen die Wirklichkeit mehr ist als die Lehre, und die Zukunft wichtiger als die Vergangenheit, werden von den zünftigen Vertretern des Sozialismus seit Marx unter dem Namen der „Utopisten“ über die Achsel angesehen, weil sie eine „überwundene“ Stufe und wissenschaftlich nicht einwandfrei seien. Aber wir Laien, die wir uns doch auch für Sozialisten halten, können mit ihnen vielleicht mehr anfangen als mit den Hochgelehrten und ihren Nachbetern, die gezeigt haben, daß sie zwar auseinandernehmen, aber nicht zusammensetzen können.

    Ein solcher Utopist ist der österreichische Ingeniör Josef Popper mit dem Schriftstellernamen Lynkeus, der im hohen Alter am 21. Dezember 1921 gestorben ist. Als Ergebnis einer Lebensarbeit hat Popper Lynkeus im Jahr 1912 sein Buch über „Die allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage“ im Verlag von Carl Reißner in Dresden erscheinen lassen. Zu Lebzeiten des Verfassers hat das Werk in der Öffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit gefunden; jetzt, da er tot ist — so geht es gewöhnlich — wird man ihn „entdecken“ und vielleicht sogar einmal ein Denkmal für ihn setzen.

    Popper-Lynkeus geht in seinen Gedanken nicht vom Kapitalismus aus, sondern von der Not. Die möchte er beseitigen; wie es dann dabei dem Kapitalismus geht, ist ihm gleichgültig. Die Not ist die Begleiterscheinung oder Folge der Existenzunsicherheit, die das Kennzeichen unserer Wirtschaftsverfassung bildet. Es gibt in ihr, richtig gesehen, nur zwei Klassen: die kleine der gesicherten und die überaus große, nicht etwa bloß die Arbeiter umfassende, der ungesicherten Existenzen. Sie sind ständig bedroht, und zwar nicht so sehr und beständig von den allgemeinen Wirtschaftskrisen, als von den rein persönlichen zufälligen „Privatkrisen“, wie Popper sie nennt. Ein Maler, der blind wird; ein Arzt, der taub wird; ein Sparer, dessen Papiere gestohlen werden oder ihren Wert verlieren; ein Landwirt, der Mißwachs hat; ein Buchhalter, der wegen Differenzen mit dem Chef entlassen wird; eine junge Witwe, die den Ernährer verliert; eine Familie, die mit Krankheit heimgesucht wird; der Gartenwirt bei schlechtem Wetter, der Sommertheaterdirektor bei gutem: sie alle können an „Privatkrisen“ zu Grunde gehen, gegen die kein soziales Programm etwas hilft, weil sie unberechenbar sind. Es gibt nur ein einziges Mittel dagegen: die Garantie des Existenzminimums an Nahrung, Kleidung, Wohnung und ärztlicher Hilfe für jeden Mitbürger ohne Unterschied. Dies, aber nicht mehr, zu gewähren, ist Aufgabe und Pflicht der Gesellschaft; und ist möglich für die Gesellschaft. Was drüber hinausgeht, ist Sache des Einzelnen und muß ihm überlassen bleiben, Popper hält die volle Ausschaltung des privaten Gewinnstrebens, der freien Privatwirtschaft, wie sie etwa eine radikale Sozialisierung (z. B. der „wissenschaftlichen“ Sozialisten) sich denkt, für unmöglich (utopisch!) und auch nicht für wünschenswert.

    Die Voraussetzung der Lieferung des Existenzminimums an jeden Einzelnen, und zwar nicht in Geld, sondern in Natura, und zugleich die Gegenleistung des Einzelnen an das Ganze, ist die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht, die Aufstellung einer „Nährpflichtarmee“, in der alle männlichen und weiblichen Bürger eine bestimmte Zeit zu dienen haben; und die Gründung der nötigen Anzahl landwirtschaftlicher und industrieller Großbetriebe. Die Dienstzeit in der Nährarmee müßte nach Poppers Berechnung in Deutschland für Männer 13 Jahre und für Frauen 8 Jahre (vom 18. bis 30. bzw. vom 18. bis 25. Lebensjahr) dauern; bei einer täglichen Arbeitszeit von 7 bis 7½ Stunden.

    Popper trennt also das zum Leben Notwendige vom Überflüssigen. Für dieses will er die freie Wirtschaft mit Geld als Tauschmittel und freier Konkurrenz, also den „Kapitalismus“, erhalten wissen. Jenes will er „sozialisieren“: es soll durch die allgemeine Nährpflicht beschafft und „umsonst“, unter Vermeidung jeder Art von Geldwirtschaft, an jeden Staatsangehörigen von der Geburt bis zum Tode verteilt werden.

    Sein Programm lautet dementsprechend:

    „Die soziale Frage (als Frage nach der gesicherten Lebenshaltung aller) ist zu lösen durch die Institution einer Minimum- oder Nährarmee, die alles das produziert oder herbeischaffen hilft, was nach den Grundsätzen der Physiologie und Hygiene den Menschen notwendig ist; und falls es beschafft werden kann, noch etwas darüber hinaus, das heißt das, was zum Zwecke einer behaglicheren Lebenshaltung als wünschenswert gilt.

    Die Versorgung dieses Lebens- oder Existenzminimums geschieht in natura, also nicht in Geldform, ausnahms- und bedingungslos für alle dem Staate angehörigen Menschen; nur werden die Tauglichen unter ihnen durch eine allgemeine Nährpflicht verhalten, eine bestimmte Anzahl von Jahren in der Minimuminstitution, welche einem Ministerium für Lebenshaltung unterstellt ist, tätig zu sein.

    Die Minimuminstitution sichert jedem: Nahrung, Wohnung nebst Wohnungseinrichtung, Kleidung, ärztliche Hilfe und Krankenpflege. Alles das, was nicht zu diesem Minimum gehört, gilt als Luxus und bleibt der bisherigen freien Geldwirtschaft, mit Privateigentum und Vertragsfreiheit, vorbehalten, welche, da die Existenz aller gesichert ist, eventuell noch freier betrieben werden kann als heute.

    Neben dem in natura verteilten Existenzminimum wird noch ein sekundäres oder kulturelles Minimum ebenfalls bedingungslos, jedoch in Geldform, ausgeteilt, das es ermöglichen soll, Luxusbedürfnisse — durch Kauf aus der freien Privatwirtschaft — zu befriedigen.“

    Dem Leser wird die Verwandtschaft Poppers mit Wichard v. Moellendorff (auch einem Ingeniör!) aufgefallen sein. Auch dieser geht von der Unterscheidung zwischen Existenzminimum und Luxus aus. Jenes wünscht er sozialistisch und arbeitsteilig zu befriedigen; diesen will er freigeben, allerdings unter Ausschaltung arbeitsteiliger Arbeit, bei der Arbeitgeber und Arbeitnehmer entstehen. Popper-Lynkeus würde Moellendorff vielleicht entgegnen, daß das Verbot arbeitsteiliger Produktion für die freie Wirtschaft in seinem Staate gar nicht nötig sein werde, da nach dem Wegfall der Hungerpeitsche der Arbeiter ganz von selber dem Arbeitgeber gegenüber in eine andere Machtposition rückte, weil dann wahrscheinlich (um mit Oppenheimer zu reden) nicht mehr zwei Arbeiter einem Unternehmer, sondern zwei Unternehmer einem Arbeiter nachlaufen würden.

    1922, 30 ─ Sch.

  • Wirtschaft ohne Unternehmer

    Wirtschaft ohne Unternehmer

    — Jg. 1922, Nr. 27 —

    Im Sommer 1919 hat mir Walther Rathenau für meine bei Eugen Diederichs in Jena erschienene Schriftenreihe “Deutsche Gemeinwirtschaft” einen Beitrag geschrieben, den er “Autonome Wirtschaft” nannte. Es ist seine letzte und radikalste wirtschaftliche Schrift gewesen; er hat darin nicht mehr und nicht weniger als die Abschaffung des “Unternehmers” gefordert. Seine Partei, der er damals im Begriff war den Rücken zu kehren, hat diese Ketzerei entrüstet abgelehnt und das Büchlein nachher taktvoll totgeschwiegen; auch in die von S. Fischer herausgegebenen Gesammelten Werke ist es nicht aufgenommen worden. Ich habe einmal versucht, es durch eine billige Sonderausgabe der Vergessenheit zu entreißen, und gelegentlich Stücke daraus in der Sonntags-Zeitung veröffentlicht.

    Sch.

    Wir haben mit der Tatsache von ungeheuerster Realität zu rechnen, daß zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern kein Friede mehr zu schließen ist und daß hieran unsere Produktionskraft zugrunde geht. Die Folgerung ist, daß das Unternehmertum aufhören muß.

    Das endgültige Ziel einer jeden künftigen Wirtschaftsordnung muß Solidarität sein. Niemals wird der Zweiklassenzustand: Unternehmertum — Arbeiterschaft zur letzten Solidarität führen, auch dann nicht, wenn durch Aufhebung der Erblichkeit und durch freien Auf- und Abstieg von einer zur anderen Schicht zunächst ein erträgliches, ja organisch schönes Gleichgewicht herbeigeführt würde. Doch darum handelt es sich nicht mehr. Diesen Zwischenzustand müssen wir überschlagen, denn es ist zu spät. Statt dessen werden wir gezwungen sein, eine grundsätzlich neue Ordnung, die Abschaffung des Unternehmers, zu bereiten, sofern wir nicht den gänzlichen Stillstand unseres Produktionsapparates erleben wollen. Soll der Arbeiter mit neuem Mut und Geist arbeiten in einer Zeit, die noch härter sein wird als die jetzige, so muß er wissen, daß das Unternehmen ihm gehört.

    *

    Ist das Unternehmertum aufgehoben, so tritt — nicht sofort, doch sobald der neue Zustand voll begriffen ist — eine gänzliche Wandlung der Kräfte ein. Gegen sich selbst kann niemand streiken; sich selbst kann niemand die Arbeit aufsagen oder verpfuschen, die Werkmittel sabotieren oder den Ertrag schädigen, ohne sich bewußt einer Unordnung schuldig zu machen, für die keinem andern die Verantwortung aufgebürdet werden kann und deren Folgen man unbemitleidet zu tragen hat. Es gibt keine Beschwerde über Vorgesetzte, denn der Arbeitsleiter ist das eigene Organ der arbeitenden Gemeinschaft, es gibt keine Erörterung über das Arbeitseinkommen, denn nach Abzug der Unkosten, Rückstellungen und Lasten steht der gesamte Ertrag zur Verfügung, durch seine Arbeitskraft und Wahlstimme steht es jedem frei, zur Erhöhung des Überschusses beizutragen. Es gibt keine Klagen über inländische Konkurrenz, denn das ganze Gewerbe ist vereinigt.

    Gibt es somit überhaupt keine Klagen?

    Es wird schon Klagen geben. Vornehmlich zu Anfang. Denn in der ersten Zeit werden die Maulhelden und Agitatoren großen Einfluß gewinnen. Sie werden die Werke herunterwirtschaften, nicht ganz so sehr, aber auch nicht viel weniger, als sie heute durch die Arbeitskrise heruntergewirtschaftet werden. Dann wird man die Abenteurer beseitigen, manch einer der alten Leiter wird wiederkehren und sich in die veränderten Verhältnisse finden, und zuletzt wird ein wirtschaftsdemokratisches Geschlecht von Führern erwachsen, das dem heutigen gleich, vielleicht überlegen ist, und das mit beträchtlich höherem Wirkungsgrade arbeitet, weil inzwischen die Wirtschaft eine organische geworden ist.

    Gibt es keine Streiks mehr?

    Es wird in der ersten Zeit auch noch Streiks geben, nämlich politische. Doch bald wird die Erkenntnis durchbrechen, daß in einem demokratischen Staatswesen der Verbraucher keine Veranlassung hat, sich Entbehrungen, Belästigungen und körperlichen Leiden ausgesetzt zu sehen, weil eine Minorität ihren Willen der Regierung nicht aufzwingen kann. Politische Minoritätsproteste können nicht dauernd auf dem Rücken Unbeteiligter ausgekämpft werden; erwachende demokratische Erkenntnis wird dies begreifen, und die Gesetzgebung wird ihr folgen.

    Was geschieht nun, wenn durch dauernde Mißwirtschaft ein Gewerbezweig von seinen neuen Herren derartig heruntergewirtschaftet wird, daß er überhaupt keine Erträge mehr bringt, keine Mitarbeiter mehr beschäftigen kann und zeitweilig oder endgültig niederbricht?

    Dahin sollte es eigentlich nicht kommen, denn zu Anfang wird der Staat über die Wirtschaftsführung der Gewerbezweige eine gewisse Aufsicht und der Vorbesitzer einen gewissen Einblick haben. Geschieht es dennoch, so wird sich niemand wundern, wenn von einer Einrichtung Gebrauch gemacht wird, die aus Amerika stammt. Wenn dort ein Unternehmer sich nicht mehr zu helfen weiß, so setzt der Staat einen Receiver ein, der ist ein Mittelding zwischen Konkursverwalter und Vormund, und bleibt solange an seinem Platz, bis das Geschaft wieder läuft oder liquidiert ist.

    Wirksamere Sicherungen bedürfen die für die Nation lebenswichtigen, die Schlüsselbetriebe. Gleichviel, wie die Wirtschaftsordnung aussieht:

    eine Nation, die sich auf Leben und Tod einer Oligarchie von fünfhunderttausend Grubenarbeitern oder Eisenbahnern unterwirft, ist ebenso unwürdig wie die, welche eine feudalistische, militaristische oder monarchistische Despotie duldet. Ist ein einzelner Stand dem Staate so wichtig, hält er gleichsam den Lebensfaden der Nation in seiner Hand, so muß er unter seinesgleichen der bestgestellte sein, jeder seiner berechtigten Wünsche muß sogleich eine vertrauenswürdige Instanz finden, die prüft, schlichtet und bessert: Selbsthilfe mit Todesgefahr für alle ist ihm nicht gestattet. Verträge und Gesetze werden nicht genügen, um diesem Grundsatz Geltung zu schaffen, denn wir haben keine Macht mehr, sie zu exekutieren, noch weniger haben wir Reserven, um die Arbeit der Feiernden zu ersetzen.

    Da militärische Ausbildung der Jugend uns verboten ist, müssen wir ohnehin ein neues Mittel der nationalen Kräftigung uns schaffen, sofern nicht unsere Jugend auf dem Lande verbauern, in den Städten verludern, und unsere Nation verschlampen und erschlaffen soll. Dieses Mittel kann nur in einer allgemeinen Dienstzeit körperlicher Arbeit bestehen, die zugleich Bildung und Aussöhnung zwischen Kopf- und Handarbeit bedeutet. Diese Dienstzeit hat uns die nötigen Reserven für die gefährdeten Schlüsselbetriebe des Reiches zu schaffen.

    *

    Die autonome Unternehmung ist bestimmt, in sozialer Ausgestaltung den Kern des künftigen Betriebsaufbaus zu bilden.

    Um jeden beliebigen wirtschaftlichen Besitz in die autonome Form überzuführen, bedarf es keiner Transaktion, sondern einer einfachen gesetzlichen Bestimmung: die Aktionäre oder sonstigen Besitzer treten in die Reihe der Gläubiger, sie erhalten eine billig zu bestimmende Rente und eine Tilgungsquote, die den Anspruch im Laufe etwa eines Menschenalters amortisiert, sie erhalten ferner einige Sitze im Aufsichtsrat — ein Recht, das die bisherigen Obligationäre nicht hatten — und ein weiteres Mitbestimmungsrecht in der Generalversammlung, das ausgedehnt werden kann, wenn die zugesagte Rente nicht voll aufkommt oder ernstlich gefährdet ist.

    In die vollen Rechte der Vorbesitzer treten die Arbeiter und Angestellten unter einer allgemeinen, jedoch nicht belastenden Aufsicht des Staates. Aktien oder dingliche Rechte erhalten sie nicht, Ungleichheiten des Stimmrechtes finden nicht statt. Nach Abzug der Kosten, Lasten und Rückstellungen werden die Überschüsse an alle Anteilsberechtigten — also ausschließlich Arbeiter und Angestellte — gleichmäßig ausgeschüttet.

    Mit dem Übergang der Eigentumsrechte an Angestellte und Arbeiter ändert sich an sich weder Aufbau noch Geschäftsgang des Unternehmens. Gegen rücksichtslose Ausschüttung der Gewinne sichern Bestimmungen über weitgehende Reservestellung und über zulässige Höchstverteilungen. Was über diese beiden Grenzen hinaus verdient wird, fließt in einen Ausgleichsfonds, der, sobald die Gilden entstanden sind, diesen überwiesen wird.

    In der Anstrebung der Gilden liegt der Gegensatz zu syndikalistischen Prinzipien. Hier liegt auch die Beseitigung der Schwierigkeit, die entstehen könnte, wenn wirtschaftlich schwächere Unternehmungen ihre Angestellten schlecht bezahlen und durch Wegströmen der Kräfte nach besser gestellten und geleiteten Werken geschädigt werden. Die Gilde gleicht die Erträgnisse aus, kontrolliert die Geschäftsführungen und setzt rettungslose Betriebe still.

    Ersparnisse und Produktionserhöhungen treten ein, sobald die Gilden errichtet sind, und zwar in gewaltigem Umfange, vorher nicht. Einzelne Einkommen hochbezahlter Betriebsleiter werden sich in der ersten Zeit mindern; sobald man sich von der Seltenheit talentierter Kräfte überzeugt hat (wie in Rußland), wird die Nachfrage nach den Wenigen die Ansprüche von neuem steigern, die in der Form langsichtiger Verträge und Ruhegehaltsforderungen wiederkehren. Vermögensausgleich ist nicht Sache der Wirtschaft, sondern der Vermögenspolitik und Steuertechnik.

    Zugleich aber gesundet die ganze Wirtschaft. Denn der Eigensinn und Partikularismus des Unternehmers, der für sich bleiben will, um Herr im eigenen Hause zu sein, ist ausgeschaltet, der Verbündung und Vereinigung der Werke steht nichts mehr im Wege. Nach kurzer Gewöhnung wird eine selbstverwaltende Arbeiterschaft den Gedanken der Inlandkonkurrenz gar nicht mehr begreifen, sie wird von selbst auf Arbeitsteilung von Werk zu Werk, von Gruppe zu Gruppe, auf Ersparnis an Kraft, Stoff, Arbeit und Transport, auf Wahl des richtigen Standortes, Ausschaltung ungeeigneter Einrichtungen, Einführung durchdachter Typisierung drängen und wirken.

    Mit der Entstehung der Gilden aber vollzieht sich die weitere Umgestaltung der wirtschaftlichen Verwaltung. Die Produktionspolitik geht aus den Händen der zersplitterten Werkleitungen in die Hände der zentralen Gildenleitungen über, während der Werkleitung die örtlichen Aufgaben bleiben. Daraus entspringt ein Prozeß persönlicher Auslese, denn die ungesiebten Elemente, die sich Einfluß auf die Einzelwerke verschafft haben, werden durch engere Wahlen nur insoweit in die Gildenleitungen eindringen, als sie in praktischer Arbeit ihre Eignung beweisen. Rückwirkend aber werden die Gildenleitungen die Emporbildung der Werkleitungen fördern. Dieser Verlauf gibt den ausgeschiedenen Fachkräften Vertrauen. Auch sie haben sich an eine neue Denkweise gewöhnt, sie verstehen die Bedeutung der Evolution und glauben an ihr Gelingen. Die wirtschaftsdemokratischen Leitungen haben ihr hassendes Mißtrauen überwunden, die Interessengegensätze sind getilgt, man erkennt den Wert der alten Führer und überträgt ihnen neue Verantwortungen.

    Die Abfindungslasten, die Vorsorge für Kapitalbeschaffung gehen vom Einzelwerk an die Gilde über, und beide Leitungen gewinnen an Kredit und Sicherheit.

    Alle materiellen Vorteile aber werden von den sittlichen übertroffen. Eine Wirtschaft ist entstanden, die nicht mehr auf Feindschaft, die nicht mehr auf willkürlich aufgedrungener Leitung und unfreiwilligem Dienst beruht. Der Wirkende und Leistende, mag er materiell besser oder schlechter gestellt sein als zuvor, wirkt und leistet für sich selbst, für sein Werk, für seine Schöpfung, die er selbst erhält, die er verwaltet und verwalten läßt, und die er wieder lieben kann, so wie seine Vorfahren ihre Werke und Werkstätten liebten, weil sie ihr eigen waren. Trotz Mechanisierung und Arbeitsteilung ist der alte Stand des freien Handwerks zurückgewonnen, in solidarischem Wirken und organischem Aufbau.

    1922, 27 · Walther Rathenau

    Veröffentlichungen von und über Walther Rathenau finden Sie hier:
    https://de.wikisource.org/wiki/Walther_Rathenau