Kategorie: Feudales Erbe

Die Vormacht der Hohenzollern-Dynastie im Königreich Preußen und im Deutschen Reich war ein historischer „Super-GAU“. Wilhelm Zwei zettelt mit seinen Generälen einen verbrecherischen Krieg an, der folgerichtig mit einer fulminanten Niederlage endet. Das gedemütigte Volk lässt sich darüberhinaus durch die infame Dolchstoßlüge blenden und folgt seinem dem von den Generälen aus dem Hut gezauberten nächsten Führer blind in ein nochmals katstrofaleres Fiasko, von dem es sich nur erholt, da die Westalliierten den Plan haben es zum Bollwerk gegen den Bolschewismus umzubilde.

  • Der Weg zur Meinungsfreiheit

    Der Weg zur Meinungsfreiheit

    Nach der Kapitulation behandeln die Alliierten Deutschland zunächst wie ein besiegtes, nicht wie ein befreites Land. Für Demokraten begann die Stunde null mit Verspätung – auch mithilfe neuer Medien wie der Stuttgarter Zeitung. 

    Vielleicht ist es nur eine Fata Morgana der Hoffnung, die der französische General Jean de Lattre des Tassigny festzuhalten versucht, als der Zweite Weltkrieg zu Ende geht. „Aus den Kellern steigen Menschen, die vor Freude taumeln“, so beschreibt er die ersten Eindrücke von Stuttgart, an jenem 22. April 1945, als er mit seiner Armee die Stadt besetzt hat. Die Empfindungen der Deutschen sind zu jener Zeit nicht so eindeutig und bei den meisten wohl eher zwiespältig. „Zumindest an diesem Nachmittag überwog bei den meisten Bürgern, die mir begegnet sind, das Gefühl der Befreiung“, berichtet Rudolf Steiger, ein Augenzeuge. Es gibt jedoch durchaus gute Gründe, weshalb Bundespräsident Richard von Weizsäcker, auch ein gebürtiger Stuttgarter, 40 Jahre später seine Nation noch einmal nachdrücklich erinnern muss, dass es sich damals tatsächlich um einen Akt der Befreiung gehandelt hatte.

    Jedenfalls ist das Kriegsende, die Kapitulation des diktatorischen Regimes keineswegs die Stunde null für einen demokratischen Neuanfang in Deutschland. Daran denken die Siegermächte zunächst gar nicht. In Stuttgart gründen idealistisch gesinnte Demokraten unmittelbar nach dem Zusammenbruch der NS-Tyrannei „Kampfkomitees“, um das gesellschaftliche Leben neu zu organisieren. Diesen ersten Versuch einer demokratischen Selbstverwaltung unterbinden die französischen Besatzer jedoch strikt. Parteipolitische Aktivitäten bleiben vorerst verboten. Der am Tag nach der Besetzung installierte neue Oberbürgermeister Arnulf Klett scheitert noch im Juni 1945 mit dem Vorschlag, Gemeinderäte einzusetzen, die sich um die unmittelbaren Belange der Stadt kümmern sollen. So etwas komme „auf absehbare Zeit überhaupt nicht in Frage und kann in keiner Form diskutiert werden“, wird ihm beschieden. Davon erzählt ein Buch über „Stuttgart im Jahre Null“. Verfasst hat es der 2012 verstorbene Journalist Martin Hohnecker, viele Jahre stellvertretender Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung und Leiter der Lokalredaktion.

    Planie statt Adolf-Hitler-Straße

    Am 24. Mai 1945 veranlasst OB Klett immerhin so etwas wie eine nominelle Demokratisierung in Stuttgart. Er lässt die von den Nazis gekaperten Straßennamen umbenennen. Aus der Adolf-Hitler-Straße wird somit wieder die Planie. Auch anderswo im Stadtplan müssen Götzen der Menschenverachtung weichen, um Namenspatronen mit demokratischer Gesinnung Platz zu machen. So wird die nach dem rechtsradikalen General Ludendorff benannte Straße ein kleines Denkmal für den ermordeten Nazigegner Eugen Bolz, einst Präsident Württembergs. Ein bisschen Graswurzeldemokratie gestattet die französische Besatzungsmacht doch: Am 31. Mai erlaubt sie die Gründung eines Württembergischen Gewerkschaftsbundes. Der soll die Militärverwaltung in sozialen Fragen unterstützen. Nachdem die Nazis auf ihren „Volksempfängern“ schon wochenlang Sendepause hatten, ist von Juni 1945 an auch wieder ein zivilisiertes Rundfunkprogramm zu empfangen. Für das Programm von Radio Stuttgart verantwortlich ist ein Mann mit einschlägigen Erfahrungen: Josef Eberle. Vor dem Dritten Reich hatte er für den Süddeutschen Rundfunk gearbeitet. Als Leiter der Vortragsabteilung lehnte er einen Beitrag Hitlers ab, erhielt dann prompt Hausverbot bei dem Sender, als die Nazis 1933 das Funkhaus eroberten. Zwei Monate nach seinem Debüt am Mikrofon von Radio Stuttgart sollte Eberle Herausgeber der Stuttgarter Zeitung werden. Davon später mehr.Auch als die Amerikaner im Juli das Regiment in der Stadt übernehmen, bleibt demokratisches Engagement zunächst tabu. Oberst William W. Dawson, Militärgouverneur der US Army in Stuttgart, betont, dass „jede politische Betätigung zur Zeit verboten ist“. So will es die Direktive JCS 1067, eine Art Masterplan für die amerikanische Besatzungspolitik. „Deutschland wird immer als ein besiegtes und nicht als ein befreites Land behandelt werden“, erklärt Dawson, als er seinen Posten antritt.

    Der demokratische Neubeginn 

    Sein Verdikt, dies werde „immer“ so bleiben, verliert aber rasch die Gültigkeit. Ausgerechnet im Mitteilungsblatt der amerikanischen Militärverwaltung, der einzigen Zeitung, die es in Stuttgart zu der Zeit gibt, wird Dawson wenige Wochen später dementiert. Dort schreibt der schwäbische Sozialdemokrat Fritz Ulrich, seine Landsleute dürften aufatmen, „dass wir auf dem Weg zu einem freien demokratischen Staat sind“. Tatsächlich vereinbaren die Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz Anfang August 1945, „die endgültige Umgestaltung des politischen Lebens auf demokratischer Grundlage vorzubereiten“. Bei Radio Stuttgart verkündet der US-Offizier Charles L. Jackson, er hoffe, dass der Alltag in der besetzten Stadt bald wieder „in den normalen Bahnen der Demokratie“ ablaufen könne. Der demokratische Neubeginn verläuft dann ziemlich rasant. Am 16. August lassen die Amerikaner die beiden Liberalen Reinhold Maier und Theodor Heuss in der Olga­straße 11 antreten, wo die Militärregierung ihren Sitz hat. Maier wird angewiesen, eine Namensliste für eine künftige Landesregierung aufzustellen. Er selbst soll Ministerpräsident werden – alles noch ohne demokratische Legitimation. Als Heuss ihn darauf anspricht und fragt, wer ihre Regierung eigentlich wieder absetzen könnte, antwortet er: „Entweder die Amerikaner oder die Franzosen oder vielleicht gar die Russen. Und wenn es diese alle nicht tun, dann das dankbare schwäbische Volk.“

    „Es geht vorwärts“

    „Auf Anordnung der Militärregierung“ lässt Oberbürgermeister Klett am 31. August 1945 per Aushang mitteilen, dass „die Bildung von politischen Parteien auf demokratischer Grundlage“ wieder zugelassen sei. Versammlungen, an denen mehr als fünf Leute teilnehmen, bedürfen jedoch einer Genehmigung. In einer seiner Verlautbarungen appelliert Klett an die Stuttgarter: „Trotz dem Los, das jeden von uns betroffen hat, kann nur die Verständigung der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen.“ Zur Verständigung braucht es aber mehr als amtliche Bekanntmachungen. Das sehen auch die Amerikaner bald ein. Im August lassen sie eine Wochenzeitung drucken: die „Stuttgarter Stimme“. Doch sie wird unter Regie der Militärverwaltung redigiert. Am 17. September erhalten schließlich drei Deutsche die Lizenz für ein unabhängiges Blatt: Henry Bernhard, Karl Ackermann und ebenjener Rundfunkmann von Radio Stuttgart – Josef Eberle. „Es geht vorwärts“ ist der Leitartikel in der ersten Ausgabe der Stuttgarter Zeitung betitelt, die tags darauf erscheint. Sie umfasst nur vier Seiten, wird aber in einer Auflage von 400 000 Exemplaren gedruckt. Die neu erlangte Pressefreiheit sei „das beste Mittel gegen jenen Pessimismus unserer Landsleute, der in den Ruinen unserer Heimat die Hoffnung auf eine bessere Zukunft begraben sieht“, schreibt der Kommentator Ackermann, einer der drei Lizenzträger. „Nichts kann deutlicher unsere eigene ehrliche Absicht bekunden, mit dem Nazismus fertig zu werden, als ein vernünftiger Gebrauch dieser ersten Freiheit in dem Sinne, dass wir uns von allen Vergewaltigungsmethoden und jeder Abtötung von zuversichtlichem Glauben und freier Meinung distanzieren.“

    Die Gründer gehen bald ihre eigenen Wege: Ackermann, der während des NS-Regimes im KZ gesessen hatte und der Kommunistischen Partei nahesteht, gibt später den „Mannheimer Morgen“ heraus. Bernhardt, früher Privatsekretär des Friedensnobelpreisträgers Gustav Stresemann, gründet im Jahr darauf die Stuttgarter Nachrichten. Dort wiederum stand über Eberle zu lesen, während des Dritten Reiches sei dessen „Weste so weiß geblieben wie die Flügel des Pegasus“. Er habe es verstanden, „seinem überparteilichen, liberalen Blatt Adel zu verleihen und es zu einer der angesehensten Tageszeitungen der Bundesrepublik zu machen“.

    Der große Eberle

    Die „Zeit“ nennt Eberle den „gebildetsten deutschen Journalisten“. Vielleicht war Iosephus Appellus der Grund dafür. Unter diesem Pseudonym verfasst Eberle lateinische Verse, die an Ovid und Martial erinnern. Er schreibt aber auch in einem urwüchsigen Schwäbisch, dies unter dem Namen Sebastian Blau. Der Mann ist eigentlich Buchhändler von Beruf. Nachdem ihn die Nazis beim Süddeutschen Rundfunk die Tür gewiesen haben, sperren sie ihn für sechs Wochen im Konzentrationslager Heuberg ein. 1936 wird er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Kurz vor Kriegsende muss er mit seiner Frau untertauchen, die einer jüdischen Familie entstammt. Eberle bleibt geschäftsführender Herausgeber der Stuttgarter Zeitung bis 1971, 15 Jahre später verstirbt er wenige Tage nach dem 85. Geburtstag. Das Blatt ist sein Lebenswerk geworden, schreibt Oskar Fehrenbach, der spätere Chefredakteur. Und dieses Lebenswerk „gründete sich auf den Willen, alles in seinen Kräften Stehende dazu beizutragen, dass sich die Herrschaft des braunen Terrors niemals mehr wiederholen könne; und es war gerade die bei Voltaire erlernte Toleranz, die Eberles Instinkt für jede Form von Intoleranz, von politischer Einseitigkeit und parteipolitischer Illiberalität schärfte“.

    Quelle: Artikel von Armin Käfer in der Stuttgarter Zeitung vom 8. April 2020

    https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.75-jahre-kriegsende-der-weg-zur-meinungsfreiheit.4f58edd3-01ba-4450-9c6c-b2bbd196f093.html

    Nachbemerkung:

    Josef Eberle hat seinen Mitherausgeber Erich Schairer um 30 Jahre überlebt – ausreichend Zeit, um das Narrativ der frühen Jahre der Stuttgarter Zeitung vom Namen seines Partners zu befreien. Offenbar mit Erfolg, wie der Beitrag von Armin Käfer belegt. Den Herren Käfer und Konsorten möchte ich den Rundfunkbeitrag Schairers zu Eberles fünfzigstem Geburtstag nahe legen, er ist nur einen Klick entfernt…

  • Die Abfindung

    — 5. Jg. 1924, Nr. 39 —

    Die Hohenzollern, denen es bekanntlich sehr schlecht geht, führen einen Rechtsstreit, um von der deutschen Republik eine Jahresrente von 1 1/2 Millionen herauszuschlagen. Sie glauben einen berechtigten Anspruch darauf zu haben, daß das Volk, das sie in die Tinte geritten haben, dafür auch ordentlich bleche. Damit sie standesgemäß weiterleben können. „Standesgemäß“, d. h. wie es ihnen paßt, vor allem aber ohne durch das entwürdigende Mittel der Arbeit das tägliche Brot herbeischaffen zu müssen.

    1 1/2 Millionen sind für die vielköpfige Familie (Gottes Segen lag ja immer auf dem Hause Hohenzollern — wenigstens in puncto Fruchtbarkeit) vielleicht nicht sehr viel. (Wie sie’s nun mal zu treiben gewöhnt sind.) Immerhin liegt ein derartiges Einkommen einige Grade über dem Existenzminimum. Man kann schon mit viel weniger auskommen, wenn es sein muß. Da hat z. B. erst vor kurzem Berlin der verarmten Tochter des großen Chirurgen Virchow, der Ehrenbürger der Stadt war, eine widerrufliche Monatspension von 225 Goldmark bewilligt. Nun, Virchow hat ja auch nur für die Erhaltung von Menschenleben gearbeitet; diese Tätigkeit steht weniger hoch im Kurs als die andere: Menschen zu Millionen in den Tod zu hetzen. Es ist also recht und billig, wenn die Hohenzollern, die alles in allem an die fünfzig Leute sind, ein paar hundertmal mehr bekommen.

    Hoffentlich, so muß man sich sagen, verfällt nicht diese Republik auf die Idee, nach dem bismärckisch-hohenzollernschen Prinzip, das bei der Einverleibung des Königreichs Hannover durch Preußen zur Anwendung gebracht worden ist, das Eigentum der verflossenen „Herrscher“ einfach für verfallen zu erklären und aus Gnade eine mäßige, bescheidene Abfindung zu schenken. Denn wovon wollten dann die armen Leute die Propaganda für ihre Wiedereinsetzung bezahlen?

    Ix

  • Zur Strecke gebracht

    Zur Strecke gebracht

    — Jg. 1924, Nr. 51 —

    Am 19. September 1902 ließ Wilhelm II. auf der Grimnitzer Heide ein Denkmal errichten, das vermeldete, daß er hier den 200. Hirsch „zur Strecke gebracht“ habe. 

    Im Jahre 1900, beim Streik der Straßenbahnangestellten in Berlin, schickte Wilhelm II. an das Kommando des Gardekorps ein Telegramm, in dem es hieß: „Ich erwarte, daß beim Einschreiten der Truppen mindestens 300 Leute zur Strecke gebracht werden.“ 

    Am 16. August 1888 hatte er in Frankfurt an der Oder bei einer Denkmalseinweihung gesagt, er werde „lieber unsere gesamten 18 Armeekorps und 42 Millionen Deutsche auf der Strecke liegen lassen“, als einen einzigen Stein von dem abtreten, was sein Vater und Prinz Friedrich Karl (1870) errungen hätten. 

    November 1918 ist der große Jägersmann nach Holland gereist. Auf der Strecke lagen 50 Armeekorps: 2 Millionen Deutsche.

  • Verblendet

    Verblendet

    – Jg. 1924, Nr. 18 vom 4. Mai – 

    Neuen Katastrophen entgegen?

    von Heinrich Ströbel

    Die unheilvollen Kräfte, die Deutschland seit zehn Jahren ins Verderben gestürzt, rumoren unheimlich weiter. Es scheint, als ob die Masse dieses Volkes aus den blutigen und tragischen Lehren seiner Vergangenheit nicht das Mindeste gelernt habe. Vor allem nicht die Schicht, die einst selbst von sich rühmte, daß sie „Bildung und Besitz“ repräsentiere. Nicht die leiseste Erkenntnis ist ihr aufgedämmert, daß an dem Unglück Deutschlands nichts anderes die Schuld trägt, als der schrankenlos herrschende Gewaltkult, der zum Fanatismus gewordene Glaube an die Machtpolitik. Noch heute, und gerade heute wieder, sucht man die Ursache für die Weltkatastrophe und den Zusammenbruch Deutschlands überall sonst, in der Einkreisungspolitik des „Feindbundes“, in der Unzulänglichkeit der Heeresvorlage von 1912, nur nicht da, wo sie zu finden ist: in der stupiden und brutalen Vorstellung, daß Deutschland durch Waffengewalt die Vormacht in Europa an sich reißen könne. Und doch war es diese Wahnidee, die den Weltkrieg provozierte. Wie leicht wäre der europäische Frieden zu erhalten gewesen, wenn Deutschland sich mit England verständigt hätte, statt alle großen Nachbarstaaten gegen sich aufzubringen. Aber man glaubte mit der bestorganisierten Armee der Welt aller Welt Trotz bieten zu können.

    Und ein Besessener dieses bewußt-militaristischen Machtwahns und während des letzten Jahrzehnts dessen sichtbarste Verkörperung war Ludendorff. Ein Soldat, der sein Handwerk vielleicht so gründlich beherrschte, wie irgend einer seiner Zeitgenossen, der aber zum Fluch seines Landes wurde, weil er alles Volks- und Völkerleben nur unter dem Gesichtswinkel des Soldaten betrachtete. Ohne jedes Verständnis für die sozialen, kulturellen und moralischen Kräfte des zeitgenössischen Lebens, dachte er nur in Divisionen, Batterien und U-Booten, in Durchbrüchen, Umgehungsmanövern und Vernichtungsstrategie. Aber da die Komponenten und Exponenten des Weltgeschehens sich nun einmal nicht auf die simple militaristische Formel bringen ließen, konnte die Rechnung Ludendorffs schließlich unmöglich stimmen. Er brachte nun alle Welt gegen Deutschland auf, entfesselte unwiderstehliche Gegenkräfte und verspielte Deutschlands Zukunft. An dem Zusammenbruch des Jahres 1918 ist er der wahre Schuldige.

    Ja, die militärische Niederlage Ludendorffs wäre noch viel fürchterlicher gewesen, wenn nicht die Revolution für den schmählich geschlagenen Oberkommandierenden und seine unaufhaltsam zurückweichende, halb aufgelöste Armee die strategische Entlastung gebracht hätte. Nur die Ausrufung des deutschen Volksstaates hinderte die Entente-Mächte daran ihren Sieg militärisch bis aufs Äußerste auszunutzen und die zurückflutenden deutschen Truppen völlig zu vernichten, Franzosen und Amerikaner waren in Stärke von 50 Divisionen bereitgestellt, um östlich von Metz den tödlichen Flankenstoß gegen die deutschen Heerestrümmer zu unternehmen, ebenso viele französisch-amerikanische Truppen sollten folgen. Es war ein namenloses Glück für Deutschland, es rettete hunderttausenden Deutscher das Leben, daß dieser Angriff infolge des Waffenstillstandes unterblieb. Hätte Ludendorff diesen letzten Stoß aushalten müssen, so wäre es nicht nur um seinen Feldherrenruhm geschehen gewesen, sondern auch die blödsinnige Dolchstoß-Legende wäre ihm sicherlich im Halse stecken geblieben!

    Nur weil Ludendorff, die deutsche Militärkaste und die ganze deutsche Reaktion dank einer unverdienten Schicksalsfügung vor den letzten, schmählichsten Folgen ihrer brutalen Wahnsinnspolitik bewahrt blieben, nur weil die Revolution ihnen die Konsequenzen der militärischen Niederlage, die Unterwerfung unter den Versailler Friedensvertrag usw. abnahm, konnte der nationalistische Dünkel sich nur zu bald wieder in seiner ganzen Unverfrorenheit aufblähen.

    Wenige Wochen erst waren seit dem militärischen Niederbruch, seit der blamablen Abdankung und Flucht Ludendorffs vergangen, und schon regte sich in Deutschland wieder der alte Geist. Die junge Heeresmacht der Republik wurde der Leitung wilhelminischer Generale unterstellt, und gerade der sozialistische Führer, in dem der Geist des ehrlichen Bekennermutes und der Völkeraussöhnung am stärksten lebendig geworden war, Kurt Eisner, fiel von der Hand eines nationalistischen Mörders, den die chauvinistische Hetze der alten Kriegsverbrecher erst zu seiner Untat aufgestachelt hatte.

    Wie sich dann im Laufe der Zeit die alte Geistesverfassung des deutschen Volkes wieder einstellte, ist ja allen Sehenden nur zu bekannt. Wir erlebten die verschiedenen Stadien der „Erfüllungspolitik“, die ja nichts war, als die systematische Nichterfüllung. Erzberger wollte noch so viel Steuern aufbringen, um nicht nur die eigenen Staatsausgaben, sondern auch die Reparationsverpflichtungen decken zu können. Aber die ganz bewußt herbeigeführte und gesteigerte Inflation, die eine märchenhafte Vermögensansammlung und die abenteuerlichste Steuerhinterziehung der Industriellen und Schieber ermöglichte, führte mit eherner Notwendigkeit zum Bankerott des deutschen Reiches und zum Bankerott der Reparationspolitik. Die Jahre hindurch beharrlich betriebene Nichterfüllungspolitik reizte die französischen Gewaltpolitiker hinwiederum zur Ruhrbesetzung an. Die Ruhrbesetzung aber entflammte erst recht den deutschen Nationalismus. Die „verbotenen“ Geheimbünde erlangten eine ungeheure Ausbreitung. Der passive Widerstand schlug häufig genug in den aktiven um. Schlageter wurde zum Volkshelden der Nationalisten und — Kommunisten!

    Und hinter dem aktiven Widerstand, der sich zur Volkserhebung und zum Befreiungskrieg gegen Frankreich auswachsen sollte, standen Hitler und Ludendorff, der längst wieder das Idol aller Nationalisten, der künftige Befreier Deutschlands geworden war. Schon bei seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsausschuß im Jahre 1919 hatte man ihm stürmische Ehrungen bereitet, und wie groß inzwischen seine Volkstümlichkeit geworden war, bewies ja in München neben dem Hackenzusammenschlagen sämtlicher Offizierszeugen und dem Zujauchzen der Völkischen, die aus Devotion und Revanchegeist geborene Freisprechung dieses Hauptschuldigen.

    Kein Zweifel: Ludendorff hält sich noch immer für den Oberstkommandierenden des neu entbrennenden Weltkrieges und starke Teile des deutschen Volkes teilen seinen Glauben. Und die Franzosen sind eine viel zu intelligente Nation, um diese Zeichen der Zeit nicht zu erkennen. Sie erkennen sie sogar früher, als manche Deutsche selbst. So sagte General Buat schon 1920 voraus, daß Ludendorff der Organisator der Konterrevolution und des Revanchekrieges sein werde. Aus seinen Gesichtszügen, dem eckigen Doppelkinn, den übermäßig starken Wangen las er die unerbittliche Willensenergie, die Härte, um nicht zu sagen die Rohheit des Mannes ab, der vor keinem Mittel zurückschrecke, das ihn zum Ziele zu führen schien, das sein unmäßiger Hochmut gesteckt habe. „Nein, gewiß“, schrieb Buat, „der gibt sich nicht in die Lage, der wird sich nie dreingeben. Wer weiß, ob es in den Unruhen, die uns die Zukunft vorbehält, keinen Platz für einen deutschen Diktator geben wird, und vielleicht sogar für einen europäischen? … Ludendorff ist der Mann, der fähig ist, die Rolle zu spielen… Wir werden noch einmal von ihm sprechen hören.“ Und Ludendorff hat sich beeilt, seinem französischen Porträtisten die Lebensechtheit seiner Zeichnung zu bestätigen.

    Man kann sich deshalb vorstellen, wie das Auftreten der Hitler und Ludendorff, und wie vor allem die Freisprechung dieser Organisatoren des Revanchekrieges auf Frankreich wirken muß. Denn auch Hitler ist, durch Gewährung der Bewährungsfrist, faktisch freigesprochen worden. Wie er sich „bewähren wird“, haben ja seine Drohreden vor Gericht bewiesen. Und die Wirkung dieses Prozesses muß noch vertieft werden, durch den Ausgang des Prozesses Zeigner. Denn das unerhörte Urteil gegen Zeigner bildete nur die Ergänzung des Hitler-Ludendorff-Prozesses. Kamen die Hitler und Ludendorff straffrei davon, weil der Hochverrat gegen die Republik und die Vorbereitung zum Revanchekrieg dem deutschen Bürgertum als patriotische, gottwohlgefällige Dinge gelten, so wurde der ehemalige sozialdemokratische Ministerpräsident Zeigner unter brutalster Mißachtung aller Entlastungs- und Strafmilderungsmomente zu mehrjähriger Gefängnisstrafe und zum Verluste der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt, weil seine ganze Tätigkeit der demokratischen Unterpfeilerung der Republik und der Bekämpfung der militärischen Geheimorganisationen gegolten hatte. Die unglaubliche Freisprechung in München und das skandalöse Verdikt in Leipzig erklären sich nur aus der gleichen nationalistischen Verblendung.

    Daß Zeigner das Opfer des in Deutschland besonders stark entwickelten moralischen Feingefühls geworden sei — schon dieser Gedanke ist die blutigste Satire. An welches Maß von politischer Korruption haben wir uns in Deutschland gewöhnen müssen! Erzberger überragte sicherlich das Unterholz seiner Partei um ein Beträchtliches, aber daß er Politik und Privatgeschäfte in der bedenklichsten Weise vermengte, kann auch der nicht bestreiten, der seine Ermordung für die niederträchtigste Schurkerei hält. Und doch wäre dieser Erzberger längst wieder in Amt und Würden, wenn ihn nicht das Mörderblei niedergestreckt hätte. Oder ist Herr Hermes etwa dadurch zum Rücktritt von seinem Ministerposten gezwungen worden, daß ihm vor Gericht die eindeutigsten Weinkaufsgeschichten nachgewiesen wurden? Und sind nicht unlängst einem Staatssekretär und obendrein hohem Justizbeamten (Welsmann, d. R.) Dinge angehängt worden, die früher nicht ohne schwerste Folgen für den Beschuldigten oder den Beschuldiger geblieben wären?

    Nur Zeigner, der unbeugsame Demokrat, der rücksichtslose Gegner der vertrags- und gesetzeswidrigen Waffenbünde, wurde niedergehetzt und durch einen Justizmord politisch und menschlich vernichtet. Ja, die nationalistische Verfolgungswut ist damit nicht einmal zufrieden: ist doch gegen Zeigner jetzt auch noch die Anklage wegen Landesverrats erhoben worden, begangen durch jene Reden im Volkshaus und im sächsischen Landtag (!), in denen behauptet wurde, daß zwischen der Reichswehr und gewissen rechtsradikalen Geheimorganisationen enge Beziehungen beständen. Unter den mehr als 1300 Landesverratsprozessen hat dieser Landesverratsprozeß gegen Zeigner gerade noch gefehlt, um dem Ausland jedes Mißtrauen gegen den deutschen Militarismus und die deutsche Mentalität einzuflößen. Erklärte doch auch die „Times“ die französische Behauptung, daß Deutschland während der durch die Ruhrbesetzung unterbrochenen Waffenkontrolle seine Kräfte für die militärische Reorganisation verdoppelt habe, für glaubhaft und darum eine scharfe Kontrolle für unbedingt geboten.

    Auf der anderen Seite aber zeigt die Regierung Karr-Stresemann so wenig Entschlußkraft, den Forderungen nach einer solchen Kontrolle und den Bedingungen der Sachverständigenkommission zu entsprechen, daß wir nur zu bald wieder in die schwersten äußeren und inneren Konflikte geraten könnten. Jeder derartige Konflikt aber müßte unsere ohnehin nur provisorisch gestützte Valuta sofort wieder ins Gleiten und damit von neuem unser gesamtes Wirtschaftsleben aus Rand und Band bringen.

    Nur wenige Deutsche ahnen leider, daß wieder einmal der Boden unter uns schwankt. Möchten die Wissenden den Wahlkampf dazu ausnutzen, um der völkischen Raserei rechtzeitig in den Arm zu fallen!

    Siehe z.B. auch:

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/erster-weltkrieg-schonungslose-analyse-der-deutschen-schuld.1270.de.html?dram:article_id=289753

    https://www.sueddeutsche.de/politik/ausbruch-des-ersten-weltkrieges-1914-deutschland-und-oesterreich-sind-hauptverantwortlich-1.2061512

  • Schandfrieden

    Schandfrieden

    Volker Ullrich in DIE ZEIT Nr. 7 vom 8. Februar 2018. Der Versailler Vertrag war milde im Vergleich zu den Bestimmungen von Brest-Litowsk: Vor 100 Jahren diktierte das Deutsche Reich Russland einen Gewaltfrieden ohne Kompromisse und setzte seinen Eroberungszug im Osten unvermindert fort.

    Am 3. März 1918, einem lauen Vorfrühlingstag, herrscht auf der Leipziger Messe ein Gedränge wie in Friedenszeiten. Ein besonders dichtes Knäuel hat sich um ein Denkmal mit einem davor postierten erbeuteten englischen tank gebildet. An ihn angelehnt, verkauft ein Mann ein Extrablatt: „Heute um fünf Uhr wurde der Friede in Brest-Litowsk unterzeichnet“. „Stück um Stück ging sehr rasch ab“, beobachtet der Romanist Victor Klemperer, „und jedes wurde mit den ruhigen und monoton gesprochenen Worten überreicht: ‚Rahmen Sie sich das ein – rahmen Sie sich das ein‘.“

    „Eingerahmt“ haben sich die Deutschen die Erinnerung an den Frieden von Brest-Litowsk nicht. Im Gegenteil: Nach 1918 setzte rasch ein Prozess des Verdrängens ein. In der Depression über die Niederlage im Westen vergaß man ganz, wie euphorisch man ein halbes Jahr zuvor den Friedensschluss im Osten bejubelt hatte, der noch einmal die Aussicht auf einen Gesamtsieg zu eröffnen schien. Und in der allgemeinen Empörung über den „Schandfrieden“ von Versailles übersah man geflissentlich, dass Deutschland dem revolutionären Russland Bedingungen oktroyiert hatte, an denen gemessen sich das Versailler „Diktat“ geradezu milde ausnahm.

    Alles begann mit der Machtübernahme der Bolschewiki am 7. November 1917 in Petrograd. Bereits einen Tag später richtete der Zweite Allrussische Rätekongress auf Vorschlag Lenins einen Aufruf an alle kriegführenden Mächte, einen sofortigen Frieden zu schließen „ohne Annexionen und Kontributionen“. Während Russlands ehemalige Verbündete, England und Frankreich, wenig Neigung zeigten, der Einladung Folge zu leisten, signalisierten die Mittelmächte, Deutschland und Österreich-Ungarn, Verhandlungsbereitschaft. Da man nicht wisse, wie lange sich Lenin halten könne, müsse man „den Moment ausnutzen“, um „Faits accomplis zu schaffen“, erklärte Österreich-Ungarns Außenminister Ottokar Graf Czernin. Bereits am 15. Dezember schloss man ein Waffenstillstandsabkommen. Es galt zunächst für vier Wochen, während derer förmliche Friedensverhandlungen begonnen werden sollten.

    […]

    Den gesamten Artikel von Volker Ullrich aus DIE ZEIT Nr. 7 vom 8. Februar 2018 finden Sie hier: https://www.zeit.de/2018/07/friedensvertrag-von-brest-litowsk-deutsches-reich-russland/komplettansicht

  • Rudolf Augstein: Lieber Spiegel-Leser!

    Rudolf Augstein: Lieber Spiegel-Leser!

    11.03.1964

    Ich muß mal wieder das eigene Nest beschmutzen.

    Kaum einer von uns, der nicht gelernt hätte, daß der Erste Weltkrieg, der den Europäern das Konzept verdarb, einer unglücklichen Verkettung von Umständen entsprungen sei. Die europäischen Nationen, mit dem Wort des englischen Premiers Lloyd George, seien „in den Krieg hineingeschlittert“. So steht es bis heute in den Schulbüchern, und so lehren uns die Senioren der Geschichtswissenschaft von Gerhard Ritter bis Hans Herzfeld.

    In der Tat, da die deutsche Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg nicht wohl bestritten werden kann, wäre es höchst praktisch, Deutschland wenigstens für den Ersten Weltkrieg einen Freispruch zweiter Klasse einzuhandeln, in einer Reihe mit den anderen vier europäischen Großmächten, „wegen entschuldbaren Verbotsirrtums“ gewissermaßen.

    Unglücklicherweise zeigen die neuesten Forschungen, daß davon nicht die Rede sein kann. Auch der Erste Weltkrieg, wie der Zweite, ist entstanden, weil das Bismarck-Reich das ihm von seinem Gründer angemessene Korsett sprengen und eine Weltstellung mit Gewalt erobern wollte, wie sie die USA nur zwischen 1940 und 1955, und auch das nicht absichtsvoll, innehatten.

    Wortwörtlich bis zum „schwarzen Tag an der Westfront“, dem 8. August 1918, an dem die Alliierten das letzte deutsche Aufgebot in die „Siegfriedstellung“ zurückwarfen, hat Deutschland die durch wirtschaftliche und militärische Faustpfänder gesicherte Vorherrschaft über den Kontinent erstrebt, von Finnland bis nach Baku am Kaspischen Meer, dazu ein zusammenhängendes mittelafrikanisches Kolonialreich von der räumlichen Ausdehnung Australiens, mit Katanga als Kronjuwel.

    Bis zum Zusammenbruch hat das Reich versucht, vier Großmächte auf einmal, nämlich England, Frankreich, Rußland und das verbündete Österreich -Ungarn, auf den Rang einer Macht minderer Ordnung herunterzudrücken. Im Mai 1918 noch entschied man in Berlin, Österreich-Ungarn wirtschaftlich (zu) beherrschen wie Polen und Rußland“. Die „wirtschaftliche Ausnutzung der Türkei im Frieden“ zu sichern, einschließlich der mesopotamischen Ölquellen, beschloß die Reichsleitung am 7. April 1917.

    Kaiser, Kanzler und Oberste Heeresleitung hatten keinen Respekt vor dem Recht auf Heimat“ und vor dem Lebensrecht anderer Völker. Der Gedanke, daß 60 Millionen Reichsdeutsche rund hundert Millionen „Fremdvölker“ militärisch beherrschen und wirtschaftlich ausbeuten sollten, schreckte sie nicht im mindesten. Von Georgien etwa versprach sich der General Ludendorff gutes „Soldatenmaterial“: „Unsere Westfront braucht Menschen.“

    Wie Hitler die Tiroler auf der Krim anzusiedeln erwog, so wollte im Ersten Weltkrieg Ludendorff auf der Krim alle Rußlanddeutschen in einem eigenen Staat („Krim-Taurien“ oder „Tatarische Republik“ genannt) zusammenfassen, wie er überhaupt alle Über-Land- und Übersee-Deutschen in heimische Siedlungsräume, die durchaus anderen Völkerschaften gehörten, zurückrufen wollte.

    Sein militärischer Emissär von Lossow – auch ihm wird man 1923 während des Hitler-Putsches im Bürgerbräukeller wiederbegegnen – schrieb im Mai 1918, kurz bevor er den Satelliten-Staat Georgien gründete, mit Blick auf Aserbeidschan, das Kuban-Gebiet und den nördlichen Kaukasus: „Hier ist ein großes, reiches Land zu vergeben, eine Gelegenheit, wie sie vielleicht in vielen Jahrhunderten nicht wiederkehren wird.“ Baku, Luftlinie 3000 Kilometer von Berlin entfernt, war „das zweitgrößte Naphtha-Gebiet der Erde“.

    Satelliten-Regierungen schossen 1918 unter dem deutschen Regen wie Pilze aus der Erde, ohne freie und meistens ganz ohne Wahlen. In Litauen wurde am 4. Juni 1918 als „Mindaugas II.“ ein Herzog von Urach aus der katholischen Linie König; einem rundum zur Amputation bestimmten Kongreß-Polen, das militärisch und wirtschaftlich „dauernd“ an Deutschland angegliedert werden sollte, wurde ein Hohenzollern-Prinz angedient. Prinz Friedrich Karl von Hessen, der am 9. Oktober 1918 durch das finnische Parlament zum König gewählt wurde, als einziger Schattenkönig legitim, war auch schon den Rumänen avisiert worden. Die Finnen räumten den Deutschen Marinestützpunkte ein, die Rumänen ihr Öl, ihr Getreide und ihre Eisenbahnen.

    Estland, Livland und Kurland, von Rußland abgetrennt, sollten wirtschaftlich und militärisch von Deutschland beherrscht werden; in der Ukraine ließen die deutschen Herren den Hetman Skoropadski die „Jüngelchen“ des parlamentarisch-sozialistischen örtlichen Regimes abservieren – die Regierung wich dem deutschen Ruf „Hände, hoch!“ – und, machten sich sogleich ans Umnageln der Eisenbahnschienen (Der Hetman wurde später Mitbegründer des „Völkischen Beobachter“).

    Erste Aufgabe der örtlichen Puppen-Regierungen war es, den Deutschen die Kontrolle über die Eisenbahnen und alle sonstigen wichtigen Verkehrswege nebst Ausbeutung der Bodenschätze zu gewährleisten. Die Häfen Nikolajew, Cherson, Sewastopol, Taganrog, Rostow und Noworossisk, alles neuvertraute Namen, sollten auch im Frieden Deutschland überantwortet bleiben.

    Aber auch über den Rest des „halbasiatischen Moskowiter-Reichs“ (so Staatssekretär von Jagow 1915), der eilfertigst „Großrußland“ genannt wurde, wollte das Reich verfügen. Zwar, man hatte mit den Bolschewisten im März 1918 den Frieden von Brest-Litowsk geschlossen und sie als einziger Staat anerkannt. Aber damit hatte die Reichsleitung, wie Staatssekretär von Kühlmann scharfsinnig bemerkte, noch lange nicht dekretiert, „daß zur Abspaltung eines Randstaates die Genehmigung des Mutterstaates nötig ist“.

    Wenn die „selbständige“ Ukraine weiteres Gebiet von Rußland verlangte, mußte man es ihr verschaffen. Wenn die Don-Kosaken Waffen gegen die sowjetischen Vertragspartner der Reichsregierung wollten, mußte man sie heimlich bedienen und sie anschließend unter den Schutz des Reichs stellen.

    Einmarschieren mußte man auch, denn – so schrieb der Unterstaatssekretär im Außenamt von dem Bussche – den „vollkommenen Einfluß auf die wirtschaftliche Kapazität eines Landes könnten papierene Abmachungen allein“ nicht sichern. Die deutsche Beteiligung müsse, forderte Bussche, nicht nur in der Ukraine und im Kaukasus, sondern im gesamten Ostraum, „wie sie sich auch gestalten möge, nach außen hin unter Verwendung des betreffenden Staates als Kulisse“ auftreten. So war die deutsche Vertragstreue beschaffen, auf die das bolschewistische Reich in seiner Geburtsstunde stieß.

    Für Restrußland selbst, „Großrußland“, forderte der Unterstaatssekretär am 14. Juni 1918: „Das russische Verkehrswesen, die Industrie und die ganze Volkswirtschaft müssen in unsere Hände kommen. Es muß gelingen, den Osten für uns auszubeuten. Dort sind die Zinsen für unsere Kriegsanleihen zu holen.“

    Zuvor, am 16. Mai 1918, hatten die Vertreter der zwölf gewichtigsten deutschen Eisen- und Stahl-Konzerne den Versuch empfohlen, Eisenbahnen und Wasserstraßen im gesamten früheren russischen Reich und auf dem Balkan unter deutsche Kontrolle zu bringen. Der Deutsche Handelstag verlangte Ende 1917, daß Rußland „durch Oktroyierung entsprechender wirtschaftlicher Verträge zum Ausbeutungsobjekt gemacht werden soll“, und am 30. Mai 1918 erklärte der Reichskanzler Graf Hertling vom katholischen Zentrum: „Rußland muß unsere wirtschaftliche Domäne werden.“ Der Chef der Obersten Heeresleitung, Paul von Hindenburg, erkannte lange vor seinem „böhmischen Gefreiten“: „Rassenhaß ist der Grund unserer Gegnerschaft zu Rußland.“

    Wirklicher Friede mit Rußland, so schrieb Kaiser Wilhelm im Mai 1918, nachdem er Brest-Litowsk gebilligt hatte, an den Aktenrand, „ist zwischen Slawen und Germanen überhaupt unmöglich“. Er „kann nur durch Furcht vor uns erhalten werden. Die Slawen werden uns immer hassen und Feinde bleiben! Sie fürchten und haben nur Respekt vor dem, der sie verhaut!“

    Den vollständigen Text von Rudolf Augstein finden Sie hier: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46163408.html

    oder auch hier:

    SPIEGEL_1964_11_46163408

  • Wie Wilhelm

    Kommt es nur mir so vor, oder hat der neue deutsche Reichskanzler wirklich diese frappante Ähnlichkeit mit Wilhelm dem Zweiten von Hohenzollern?

    Natürlich nicht äußerlich, meine ich. Obwohl man vielleicht auch da… Wenn man sich die Barttracht anders vorstellen würde… Aber das spielt keine Rolle. Ich denke an das Auftreten, an den geistigen Habitus, an die Charaktereigenschaften.

    Erinnert ihr euch noch an den früheren Kaiser? An seine fabelhafte Vielseitigkeit und Beweglichkeit? An jene Impulsivität, die den politischen Beamten des Zweiten Reichs so manchesmal zu schaffen machte? An seine Frömmigkeit, die auf einer gewissermaßen persönlichen Fühlung mit Gott zu beruhen schien? An die naive Freude am Reisen und Reden, die ihn beherrschte, so daß er „bald hier, bald da“ zu sehen und zu hören war, in Uniform und Zivil, in allen Sätteln gerecht, von allem etwas verstehend, überall zu Hause? Wer sich ihm entgegenstellte, den wollte er zerschmettern (z.B. die bösen Sozialdemokraten); er gedachte sein Volk herrlichen Zeiten entgegenzuführen; er war der Friedenskaiser und rutschte dann freilich in einen Krieg hinein. (Und den Krieg verlor er.)

    Und der neue Kanzler? Hat er in der kurzen Zeit, die er nun im Amte ist, nicht schon eine ganze Reihe von Zügen entwikkelt, die geradezu frappant an den ehemaligen deutschen Kaiser erinnern?

    Auch Adolf Hitler liebt die markigen Reden, die Ansprachen an sein Volk, und hat dabei den technischen Vorsprung des Rundfunks und des Flugzeugs voraus, Einrichtungen, die es damals noch nicht gab und um deren Handhabung ihn Wilhelm der Verflossene wahrscheinlich ehrlich beneidet.

    Auch Adolf Hitler betrachtet den „allmächtigen Gott“ als seinen speziellen Bundesgenossen, mit dem zusammen er die Wiederauferstehung der Nation herbeiführen wird, ein „Reich der Größe, der Kraft, der Herrlichkeit und der Gerechtigkeit, Amen“, wie er im Anklang an das Vaterunser jene Berliner Sportpalastrede vom 10. Februar geschlossen hat.

    Auch Hitler will den Kommunismus und „Marxismus“, wie man jetzt sagt, ausrotten; er will Christentum und Familie in seinen Schutz nehmen; er tritt für die „Erhaltung und Festigung des Friedens“ ein und strebt mit allen Kräften nach Abrüstung. Dann passiert es ihm freilich zwischendurch (wie Wilhelm s. Z. die Daily-Telegraf-Affäre), daß ein Engländer ein Interview nicht ganz einwandfrei wiedergibt und daß Mißverständnisse wegen des polnischen Korridors und so berichtigt werden müssen.

    Freitag abend spricht er vor dem begeisterten Publikum im Berliner Sportpalast über die deutsche Zukunft, am Sonntag eröffnet er mit einer äußerst sachkundigen Rede die deutsche Automobilausstellung und steht am seihen Tag noch in Kassel, „an der Stelle, von der aus ein Kaiser und ein Bismarck den Friedrichsplatz überschauten“ (Völk. Beobachter vom 13. Februar), und am Sonntag Mittag finden wir ihn in Leipzig dabei, wie Richard Wagners 50. Todestag begangen wird. Er darf da nicht fehlen.

    Könnte man diese Wiederkehr Wilhelms II. in anderer Gestalt nicht beinahe gespenstisch heißen?

    Jedenfalls ist sie kein Zufall. Das deutsche Volk will offenbar solche Führer haben wie Wilhelm und Hitler.

    Sollen wir ihm wünschen, daß das Ergebnis diesmal anders ausfalle? Wird es, kann es mit der Herrlichkeit des dritten Reiches ein anderes Ende nehmen als mit der des zweiten?

    1933, 8 · Erich Schairer

  • Verantwortlich

    Verantwortlich

    — Jg. 1928, Nr. 11 —

    Wenn ich mit einer brennenden Pfeife über den Heuboden meiner eigenen Scheuer gehe, etwas Glut fällt heraus, die Scheuer brennt ab, — was glauben Sie, was mir geschieht, obwohl vielleicht außer mir selber nicht einmal jemand zu Schaden gekommen ist?

    Wenn ich als Angestellter der Firma Meier einem armen Reisenden, der mich dauert, fünfzig Mark aus der mir anvertrauten Kasse schenke — den Betrag, den der Chef jeden Abend herausnimmt, um ihn zu verjuxen —, glauben Sie, man wird mir das hingehen lassen?

    Wenn ich mit dem mir anvertrauten Gelde meines Mündels an der Börse spekuliere, z.B. in Filmaktien, oder in Speck, und elend hereinfalle, so daß am Schluß nichts mehr da ist, — wird der Herr Staatsanwalt mich etwa nicht beim Wickel nehmen?

    Wegen Veruntreuung, wegen Unterschlagung, wegen fahrlässiger Brandstiftung? Obwohl meine Gesinnung in allen diesen Fällen am Ende nicht einmal unanständig zu nennen wäre? Aber ich bin eben verantwortlich für etwas, für das Geld, den Besitz, oder Leben und Gesundheit meiner Mitbürger; und wenn ich diese Güter schädige, werde ich zur Verantwortung gezogen. Ich werde bestraft, oder muß Schadenersatz leisten, oder beides.

    Wenn ich als „verantwortlicher“ Minister meines Landes leichtsinnigerweise einen Krieg heraufbeschwöre, in dem zwei Millionen Landsleute mehr oder weniger qualvoll verrecken; wenn ich als Heerführer diesen Krieg infolge meiner bodenlosen Leichtfertigkeit in der Abschätzung der gegnerischen Kräfte verliere, so daß mein Volk 132 Milliarden Mark Kriegsentschädigung zu zahlen bekommt; wenn ich als Chef der Staatsbank so lange Papiergeld drucken lasse, bis es seinen bloßen Papierwert nicht mehr wert ist und auf diese Weise Hunderttausende um ihr mühselig erspartes Vermögen betrüge — was glauben Sie, daß mir dann passiert? Du lieber Gott: nichts. Ich werde höchst ehrenvoll pensioniert, bekomme dicke Ruhegehälter, genieße überall hohen Respekt. Statt daß man mich — (na, malts euch selber aus).

    Wenn ich aus der Kasse meines Landes Leuten wie etwa den Ruhrindustriellen, die schon vorher Millionäre sind, Millionen an die Rippen schmeiße, auf die sie nicht das geringste Anrecht haben; oder wenn ich mich mit den Geldern dieser Kasse als Beamter des Reichswehrministeriums an Film- und Speckgesellschaften beteilige, mit dem Erfolg, daß zwanzig Millionen Steuergelder in die Binsen gehen — wird da wohl ein Hahn darnach krähen? Jawohl, das wird einer, es wird wochenlang, monatelang in den Zeitungen und im Reichstag darüber gequatscht werden. Solange, bis der nächste Skandal reif ist. Aber wird mir etwas passieren? Nicht die Bohne, ich bekomme meine Pension, ziehe mich ins Privatleben zurück, und kann nach ein paar Jahren womöglich wieder weiß nicht was werden, Abgeordneter, Minister, Reichskanzler, Diktator oder so.

    Das ist der kleine Unterschied zwischen der Verantwortlichkeit im gewöhnlichen Leben und der Verantwortlichkeit in der Politik.

    Wenn es anders wäre, dann müßte ja die Politik ein höchst gefährliches Gewerbe sein.

    Und dann würde wahrscheinlich mancher die Finger davon lassen. Heiße er — bitte, die Namen selber einzusetzen, und ziemlich weit oben anzufangen.

    Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß es dann besser um uns stünde.

    1928, 11 Kazenwadel

  • Durchlaucht wünschen…

    Durchlaucht wünschen…

    — Jg. 1928, Nr. 24 —

    Geld natürlich. Und wofür? Das zu erklären geht nicht ohne eine kleine historische Abschweifung.

    Einer Reihe von deutschen Fürsten hat Napoleon I. ihre Souveränität genommen. Dafür hat sie im Jahre 1815 der König von Preußen entschädigt, indem er ihnen eine Art Halbsouveränität, die „Standesherrlichkeit“, verlieh. Sie bestand aus Ehrenrechten (Adel, Titel und Wappen, Kirchengebet, Landestrauer etc.), Hoheitsrechten (Verwaltung der direkten Steuern, Gerichtsbarkeit, Aufsicht über Kirchen und Schulen) und finanziellen Rechten (Freiheit von Personalsteuern, Brückengeldern etc.). Diese Vorrechte sind den Standesherren 1848 und später teils einfach genommen, teils durch Renten abgelöst worden.

    Die sogenannte Revolution im November 1918 übernahm, deutsch und — treu — wie sie war, mit dem Staat auch dessen Verpflichtungen, den diversen durchlauchtigsten Standesherren jährlich so und so viel Mark zu bezahlen, weil hundert Jahre vorher der König von Preußen es nicht übers Herz gebracht hatte, seine von Napoleon abgesetzten Kollegen im Bürgertum (heute würde man sagen: im Proletariat) versinken zu sehen. Die revolutionären preußischen Regierungen nach 1918 zahlten also. Nur gegen Ende der Inflation, als die Mark wie von Raketen getrieben dem Nullpunkt ihres Wertes entgegensauste, stellten sie die Zahlungen teilweise ein.

    Als dann 1923 und 1924 die Mark und die Gemüter sich wieder beruhigten, meldeten sich die Standesherren. Die Durchlauchtigsten wünschen … Geld natürlich. Und der preußische Staat benahm sich nobel wie ein Kavalier. Er erklärte sich bereit, die Renten weiter zu bezahlen und zwar wegen der verminderten Kaufkraft des Geldes mit einer Steigerung bis zu 50 Prozent, außerdem die während der Inflation geleisteten wertlosen Zahlungen mit 12,5 Prozent aufzuwerten.

    Die Standesherren waren aber damit nicht zufrieden und gingen vor Gericht. Der Herzog von Arenberg, der Fürst zu Salm und der Fürst zu Salm-Horstmar z.B. klagten vor dem Landgericht Münster auf Aufwertung ihrer Renten für die Jahre 1920 bis 1924. Diesen Herren, wohlgemerkt, hatte der preußische Staat während der ganzen Inflationszeit die Rente bezahlt; in den letzten Jahren war das bezahlte Geld natürlich wertlos, im Jahre 1920 und 1921 aber hatte es noch einen Wert, mit dem man rechnen konnte.

    Und was tat das Gericht? Es verurteilte Ende Mai 1928 den preußischen Staat dazu, diesen drei Standesherren ihre Renten vom Jahre 1920 bis 1924 mit vierzig Prozent aufzuwerten und ihnen rund 250.000 Mark auf den Tisch zu legen. Wenn alle die andern Prozesse, die die Standesherren führen, auch so ausgehen, dann muß der preußische Staat 12 Millionen Mark nachbezahlen (abgesehen von der jährlichen Zahlung der jetzt weiterlaufenden Renten).

    Wie ist das in unserer Republik, Theobald Tiger? „Wenn einer keine Arbeit hat, ist kein Geld da. Wenn einer schuftet und wird nicht satt, ist kein Geld da. Aber für Reichswehroffiziere und für andere hohe Tiere, für Obereisenbahndirektionen und schwarze Reichswehrformationen, für den Heimatdienst in der Heimat Berlin und für abgetakelte Monarchien — dafür ist Geld da.“

    1928, 24 Fritz Lenz

  • Die demokratische Republik

    Die demokratische Republik

    — Jg. 1922, Nr. 23 —

    Also, das ist ganz famos! Die Republik zieht immer weitere Kreise. Der Gedanke des Volksstaates ist auf der ganzen Linie im Sieg begriffen. Es häufen sich die Fälle, wo republikanische Verordnungen ohne monarchistische Ausführungsbestimmungen ins Land hinausgehen. Neulich soll sogar in Geheimratsvorzimmern die Anschaffung weiterer republikanischer Dienststempel in den Bannkreis der Erwägungen gezogen worden sein. Auf die Anklageschrift „Zwei Jahre Mord“ werde, wie man hört, in absehbarer Zeit mit einer Regierungsdenkschrift geantwortet werden. 

    Eine ungeheuer freudige Erregung hat dieserhalb weite republikanische Schichten erlaßt. Der Optimismus liegt förmlich in der Luft. Gerüchte schwirren wie Maikäfer. 

    Aus den Bädern und Kurorten kommen Nachrichten, daß sämtliche Damen abgereist seien, um in Zigaretten- und Bonbonsfabriken als Arbeiterinnen einzutreten. Barone und Grafen seien bereits im Ruhrrevier als Grubenarbeiter tätig. Erste Folge: Die proletarischen Belegschaften seien in den Streik getreten, um den Zwölf-Stundentag zu erzwingen. Es heißt, die Hohenzollern hätten ihre sämtlichen Forderungen an den preußischen Staat zurückgezogen. Der Kronprinz soll den Erlös aus seinen, bzw. Rosners Erinnerungen zur Anschaffung republikanischer Fahnen gestiftet haben. Im übrigen sei ein Verein endgültig „ehemaliger“ Fürsten ins Leben getreten, um wenigstens auf demokratischer Grundlage dem Leben ratlos gegenüber zu stehen. 

    Mir hüpft das Herz vor Freude, wenn sich alle diese Gerüchte bestätigen. Man hat den unwiderstehlichen Eindruck, daß die Deutschen ein Volk sind. Zeitungen sollen ihr Erscheinen eingestellt haben, weil es doch nichts mehr zu beeinflussen gäbe. Börsenspekulanten und solche Leute z.B. sollen ihre Kuponscheren auf dem Altar des Vaterlandes geopfert und ihre Wertpapiere den nächsten Metzgern als Einwickelpapier zur Verfügung gestellt haben. In Berlin seien in führenden Kreisen spartanische Verhältnisse eingekehrt. Der Inhaber von „Dressel“ habe sich in einem Anfall von Schwermut das Leben genommen. Ein Massenangebot von übrigen Regierungs-Autos begegne absolut keiner Nachfrage. 

    Das ist ja einfach brillant! Man faßt sich an den Kopf, wie das alles auf einmal so hat kommen können! Habe ich es nicht immer gesagt, im deutschen Volk stecke ein guter Kern und am deutschen Wesen müsse noch einmal die Welt genesen? 

    Und sie wird genesen. Ein unendlich großer historischer Moment ist über uns hereingebrochen. Wir kennen keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. Viele sind sicher wie ich von dem Ereignis ganz erschüttert. Der Patriotismus steht sprachlos seiner Verwirklichung gegenüber. In höheren Beamtenkreisen soll eine starke Neigung vorhanden sein, wieder zu einer Beschäftigung zurückzukehren. Die Kirche fürchte sogar, das Himmelreich sei nahe herbeigekommen, da man sich sonst solche unbegreiflichen Vorgänge nicht erklären könne. Sie lege deswegen eine überraschende Gleichgültigkeit gegenüber irdischen Gütern an den Tag. Fälle, in denen Christen in ihren Handlungen sogar im Einklang mit den Lehren Christi standen, sollen schon vorgekommen sein.

    Einige deutschnationale Gelehrte sollen sich allerdings noch gegen die ausgebrochene Demokratie sträuben. Man hofft in Fachkreisen mit Zuversicht, daß der Volkskörper gesund genug sei, um den Krankheitsstoff möglichst rasch auszuscheiden. Die Fälle, daß in christlichen Kreisen nach der Lehre des Nazareners gehandelt worden ist, haben sich in der Tat als ganz vereinzelte Ausnahmen herausgestellt. Aber wie dem auch sei. Ich lasse mich von meinem Optimismus nicht abbringen. Wir gehen herrlichen demokratischen Zeiten entgegen. Vor meinem geistigen Auge ersteht das Bild einer vollendeten Demokratie. Ein Volk der Arbeit in Fabrik und Werkstatt. Fürsten sind zu brauchbaren Menschen geworden. Reiche und Arme sind gleich. In den Palästen wohnen die Kranken und Erholungsbedürftigen und in den Kurorten und Bädern erholen sich die Volksgenossen, die es am notwendigsten haben. Alle Versicherungen, alle Sorgen um die Existenz sind aufgehoben. Die Demokratie ist die beste Versicherung.

    Hier bricht das Protokoll des behandelnden Arztes ab. Der Kranke ist nach den oben wiedergegebenen Ausführungen als unheilbar einer Anstalt überwiesen worden. 

    1922,23 Hermann Mauthe 

  • Unsere Schuld

    Unsere Schuld

    — Jg. 1925, Nr. 46 —

    „Wir“, denen diese Zeilen gelten, das ist ein sehr erheblicher Teil des gebildeten deutschen Mittelstandes. Wenn wir am Jahrestage der deutschen Revolution darnach gefragt haben, was aus den „Revolutionserrungenschaften“ geworden ist, so hat die Antwort nur lauten können: nichts. Zwar, daß uns die deutsche Republik finanziell besser stellen werde als früher, darauf hofften wir vernünftigerweise selbst nicht; nur hätten wir gewünscht, daß die Lasten des verlorenen Krieges etwas gleichmäßiger auf alle Schultern verteilt worden wären, als es in Wahrheit geschehen ist. Aber auch die kostbarsten Güter, die uns die neue Zeit zu schenken versprach und um derentwillen gerade wir auf manche sonstigen Vorteile verzichtet hätten: Gerechtigkeit in der staatlichen Verwaltung und Freiheit der persönlichen Überzeugung, auch sie sind in der „freiesten Republik der Welt“ so stark gefährdet wie nur je in den Zeiten der Monarchie.

    Es ist sehr bequem, aber weder ehrlich noch zweckmäßig, die Schuld an diesen jämmerlichen Zuständen allein außer uns zu suchen. Laßt uns etliche Jahre zurückdenken!

    Wir waren gute Patrioten. Der Krieg hatte die meisten von uns schonungslos an die Front gejagt. Der „Unabkömmlichen“ gab es wenig in unsern Reihen. Warum auch? Der Staat war uns nicht verpflichtet. Und wir waren durch das bürgerliche Ehrgefühl an ihn gekettet, das er zur rechten Zeit noch dadurch zu kitzeln verstand, daß er uns in den Glorienstand seiner Offiziere erhob. So gingen wir für ihn durch dick und dünn und wehrten uns bis zuletzt gegen das Gefühl, daß er uns, daß er das ganze deutsche Volk schändlich betrogen habe, obwohl unsere Erfahrungen daheim und draußen immer eindringlicher davon zeugten. Dann kam die Revolution. Im ersten Augenblicke schien uns alles zusammenzubrechen, was bisher fest gestanden, was auch unser Leben getragen hatte. Wir glaubten den Stoß gegen uns gerichtet. Dann begannen wir zu überlegen, wurden aber auch jetzt noch von den zwiespältigsten Empfindungen gequält. Wollten wir uns, überwältigt von dem ungeheuren Glücksgefühl des Zauberwortes „Frieden“, der neuen Bewegung begeistert in die Arme werfen, so stieß sie uns im selben Augenblicke durch ihre Begleiterscheinungen, losgelassene Verbrecherbanden und geplünderte Magazine, zurück. Allerdings erkannten wir bald, daß dieses zügellose Chaos eine ganze Welt an neuen Ideen gebären wollte, deren Kühnheit und Größe unsern Herzschlag stocken ließ. Wie Frühlingsstürme umwehte es unsern Geist. Nun mußte alles hinweggefegt werden, was niedrig und häßlich im Leben gewesen war. Aber wir schauten dem Kampf der Geister untätig zu. Wir warteten darauf, daß andere uns die Freiheit brächten. Wir verstanden die flehenden Rufe der Kämpfer nicht, die uns um Unterstützung baten. Wir stellten uns nicht zur Verfügung, als es galt, die muffigen Amtsstuben von den Geheimräten zu säubern. Statt dessen machten wir billige Witze über die Schuster und Schneider als Minister und hatten ein heimliches Wohlgefallen daran, daß diese Republik, die gekommen war, ohne uns zu fragen, nun ohne uns in Nöte geriet.

    Wir erkannten zu spät, daß ihre Nöte auch unsere Nöte waren. Das kühne, himmelanstrebende Dach, das sie auf den brüchigen alten Mauern aufbauen mußte, droht auch in seinen letzten Teilen einzustürzen und uns unter sich zu begraben. Können wir an einen Neubau denken? Nur, wenn wir von unten, wenn wir bei uns selbst anfangen.

    1925,46
    Gerhard Ott

  • Mein Programm

    Mein Programm

    — 1. Jg. 1920, Nr. 1 —

    Das arme deutsche Volk ist durch die Borniertheit und Leichtfertigkeit einer Regierung, die seinem Erleben und Erleiden fremd und verständnislos gegenüberstand, in einen unglückseligen Krieg hineingerissen worden. Während dieses Kriegs hat eine politisch unfähige, rücksichtslose Militärkaste die Macht an sich gerissen und die sich mehrfach bietenden Gelegenheiten zu einer vernünftigen Liquidierung des Kriegs von sich gewiesen. Dann hat sich das alte Sprichwort ,Hochmut kommt vor dem Fall‘ erfüllt. Die militärische Niederlage hätte jedoch noch nicht ohne weiteres eine politische zu werden brauchen, wenn nicht durch die Schuld des Unglücksmenschen Ludendorff ein voreiliger und kopfloser Waffenstillstand geschlossen worden wäre. Er drückte das Siegel auf den vollkommenen Zusammenbruch. In ihm sind die alten politischen und militärischen Gewalten verschwunden. Die Revolution hat Kaiser und Könige, Generäle und Minister hinweggefegt und die deutsche Republik, den hundertjährigen Traum der Patrioten, erfüllt. Aber es war ein schlimmes Erbe, das sie antreten mußte. Wohl waren die schuldbeladenen Häupter verjagt; aber die Folgen der Vergangenheit waren damit nicht aus der Welt geschafft. An diesen bitteren Folgen haben wir jetzt zu würgen, und wir wissen beim Anbruch dieses kommenden schweren Jahres [1920] noch nicht, ob wir nicht daran ersticken werden.

    Ob wir wieder aus dem Elend herauskommen werden, hängt von zweierlei Umständen ab. Einmal von dem in mehr als einer Beziehung zweifelhaften Wohlwollen der bisher feindlichen Regierungen. Es wäre schlimm, wenn wir uns darauf allzusehr verlassen wollten oder sogar einzig verlassen müßten, wie Österreich. Und umso weniger wird dies nötig werden, je mehr wir selber die Kraft finden, uns aufzuraffen. Das heißt: je entschlossener, entsagender, ernsthafter wir uns zu gemeinsamer, planvoller Arbeit im Dienste des deutschen Vaterlandes zusammenschließen.

    Leider ist von einem solchen Zusammenschluß, von einem sieghaften Erwachen des Solidaritätsgedankens (das verstehe ich auch unter Sozialismus und Sozialisierung) bisher in Deutschland nicht viel zu bemerken. Weder politisch noch wirtschaftlich noch sozial. Die Vereinigung der deutschen Einzelstaaten zum einen Deutschland wird zwar mehr und mehr als nationale und wirtschaftliche Notwendigkeit eingesehen, aber noch ist die Bereitschaft dazu über Trägheit und Eigenbrödelei nicht Herr geworden. Die alten Parteien sind mit neuen Firmenschildern wieder auferstanden und zanken sich über dieselben Worte (denn zu Taten kommt es nicht) und mit denselben widerlichen Methoden wie früher. Der Zusammenschluß der wirtschaftlichen Gruppen und ihre Einordnung in einen planvoll funktionierenden Gesamtorganismus ist zwar weithin als wünschenswert und vernünftig erkannt; aber noch steht Industrie gegen Handel, Stadt gegen Land, Verbraucher gegen Erzeuger; und der wirtschaftliche Egoismus feiert höllische Triumphe. Die Arbeitsgemeinschaft zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, der Friede zwischen den Ständen und Klassen, wird zwar unermüdlich gepredigt; aber alle Predigt hat die tiefe Kluft der Entfremdung und des Übelwollens, die von altersher befestigt ist, noch nicht zuschütten können. Wir leben dem Buchstaben nach in einer sozialen und demokratischen Republik; aber der Geist des Sozialismus und der Demokratie, der Rücksicht, Verständnis, Wohlwollen und Gerechtigkeit bedeutet, ist nicht zum Leben erwacht.

    Diesem Geiste wird diese Zeitung dienen. Sie wird eintreten für die Gleichberechtigung aller Volksgenossen ohne Unterschied des Standes oder Berufs und für das Recht der Allgemeinheit, das vor dem Einzel- oder Gruppeninteresse rangiert; sie wird kämpfen gegen Standesvorurteile und Eigennutz, gegen jedwede Ungerechtigkeit und das Erbübel der Deutschen: die Zersplitterung. Der deutsche Einheitsstaat, die Gemeinwirtschaft und die Wahrung der Menschenwürde sind ihre drei Leitsterne für Politik, Wirtschaft und Gesellschaftsordnung. Sie wird national und sozial sein. Aber wie sie innerhalb des Volkes für Frieden und gegenseitiges Verständnis eintreten wird – das bedeutet ,sozial‘ – , so wird sie auch in der äußeren Politik nicht etwa nationalistisch und national verwechseln. Auch die Völker und Nationen sind zur Gemeinschaft bestimmt und nicht zur gegenseitigen Zerfleischung. Sie sollen und werden einander anerkennen und verstehen lernen. Die Völker hassen sich nicht; trotz aller giftigen Saat, die von falschen Führern und ihrer Presse ausgestreut worden ist und jetzt wieder ausgestreut wird. Auch diese Verhetzung soll hier kein Echo finden.

    Es mag vielleicht gewagt sein, in dieser Zeit und unter solcher Devise eine Zeitung ins Leben zu rufen. Sei es gewagt! Wenn der Widerhall ausbleiben sollte, dann umso schlimmer – nicht sowohl für mich als für das Gemeinwesen.

    1920, 1 · Erich Schairer

  • Aus dem Leben eines Fabeltiers

    Aus dem Leben eines Fabeltiers

    4. September 1987 – AUS DER ZEIT NR. 37/1987

    Mir ist, als ob uns eine Herde Irrsinniger regiere.
    Max Weber

    Kurz nach Ausbruch des großen Krieges im Sommer 1914 schrieb ein preußischer Offizier in Brasilien an einen Freund in Heidelberg, es stehe endlich fest, daß Kaiser Wilhelm II. dazu berufen sei, ein „Weltgestalter“ zu sein. Ihm komme mehr Größe als Bismarck und Moltke, ein höheres Schicksal als Napoleon zu. Begeistert rief er aus: „Wer ist dieser Kaiser, dessen Friedensherrschaft so voller Anstoß und mühseligen Lavierens war?… Wer ist dieser Kaiser, der plötzlich diese Zweifel von sich wirft, das Visier emporreißt, ein Titanenhaupt entblößend und der Welt entgegenstemmend? …Ich habe diesen Kaiser verkannt, ich habe ihn für einen Zauderer gehalten. Er ist ein Jupiter, die Blitze in der Hand auf dem Olymp seiner eisenstarrenden Macht. In diesem Augenblick ist er Gott und der Herr der Welt… Ungeheuer wird sich die Gestalt Wilhelms II. aus der Geschichte emporrecken.“ Der Offizier irrte sich. Bis heute gibt es von Kaiser Wilhelm II. keine einzige vollwertige Biographie aus der Feder eines deutschen Geschichtsgelehrten. Schlimmer noch: Die heute in der Bundesrepublik vorherrschende Forschungsrichtung verwirft jede Beschäftigung mit ihm – ja mit Persönlichkeiten in der Geschichte überhaupt – als personalistischen Rückfall in längst überholte Methoden der Geschichtsschreibung. Die „neue Orthodoxie“ schreibt die Geschichte des Kaiserreiches ohne Kaiser, die des Wilhelminismus ohne Wilhelm. 

    Und doch: Es gibt gute Gründe, sich mit diesem „Fabeltier unserer Zeit“ (J. Daniel Chamier) auseinanderzusetzen. Erstens bildet seine eigenartige Persönlichkeit ein faszinierendes Rätsel für sich. Sodann regierte Wilhelm II. über den mächtigsten und dynamischsten Staat Europas, und zwar dreißig Jahre lang – das ist länger noch als Bismarck und zweieinhalbmal so lange wie Hitler. Und wenn auch keiner behaupten würde, seine Machtfülle sei der des Eisernen Kanzlers oder des „Führers“ gleichzustellen, so ist es doch absurd, den komplexen Entscheidungsprozeß in diesem „heroisch-aristokratischen Kriegerstaat“ (Karl Alexander von Müller) verstehen zu wollen, ohne die Rolle des Monarchen zu berücksichtigen, der sowohl in der Theorie als auch in der Praxis seinen politischen und gesellschaftlichen Mittelpunkt darstellte, der im militärischen Bereich die absolute Kommandogewalt besaß und das Recht hatte, sämtliche Personalentscheidungen selbst zu treffen. Die Zeitgenossen sahen das jedenfalls anders als die Historiker. „Es gibt im gegenwärtigen Deutschland keine stärkere Macht als das Kaisertum“, schrieb Friedrich Naumann 1900. Zwei Jahre später stellte Maximilian Harden fest: „Der Kaiser ist sein eigener Reichskanzler. Von ihm sind alle wichtigen politischen Entscheidungen der letzten zwölf Jahre ausgegangen.“ Auch für ausländische Beobachter war Kaiser Wilhelm II. einfach „the most important man in Europe“

    Ein dritter Grund, sich mit dem Kaiser zu beschäftigen, liegt in dem Umstand, daß Wilhelm II. in einem ganz ungewöhnlichen Maße die politische Kultur seiner Epoche verkörperte. Er war König von Gottes Gnaden und zugleich stets Parvenü; ein Ritter des Mittelalters in schimmernder Wehr und Schöpfer jenes Wunders der modernen Technologie, der großen Schlachtflotte; ein junkerlicher Reaktionär und auch – wenigstens zeitweilig – „der sozialistische Kaiser“. Wie die Gesellschaft, über die er herrschte, war Wilhelm zugleich brillant und bizarr, aggressiv und unsicher. Er war so, wie die meisten Deutschen seiner Zeit ihn haben wollten. Während des 25. Regierungsjubiläums Kaiser Wilhelms im Juni 1913 rief Friedrich Meinecke vor der versammelten Freiburger Universität aus: „Wir verlangen einen Führer…, für den wir durchs Feuer gehen können.“

    Ja, auch über seine Regierungszeit hinaus kann Wilhelm geradezu als „Schlüsselfigur“ für das Verständnis der Hybris und Nemesis des deutschen Nationalstaates überhaupt dienen. Sein Leben umspannte beinahe bis auf Jahr und Tag die Geschichte des deutschen Reiches von der Reichsgründung durch Bismarck bis zur Selbstzerstörung unter Hitler. Seine Haßliebe für seine Mutter, die älteste Tochter der Queen Victoria, spiegelt genau den deutsch-englischen Antagonismus wider, der in dem Rüstungswettbewerb der Schlachtflotten seinen klarsten Ausdruck fand und in dem fürchterlichen europäischen Bürgerkrieg von 1914-1918 gipfelte. Niederlage, Revolution und Abdankung brachten in Wilhelm eine fanatische Radikalisierung seines Hasses auf seine – wirklichen und eingebildeten – Feinde hervor, der von dem revolutionären Antisemitismus und dem völkischen Nationalismus Adolf Hitlers kaum noch zu unterscheiden ist. Hätte er ein paar Wochen länger gelebt, so hätte er mit Sicherheit dem „Führer“ zum Angriff auf Rußland ein begeistertes Glückwunschtelegramm gesandt, ähnlich wie diejenigen anläßlich der Siege über Polen 1939 und Frankreich 1940.

    Der allerbeste Grund aber, sich mit dem Kaiser auseinanderzusetzen, ist einfach der, daß die Archive Europas voll sind von Briefen von ihm, an ihn und über ihn – Briefe, die in vielen Fällen noch von keinem eingesehen worden sind. Der Historiker hat mehr als ein Recht, diese reichhaltigen Quellen aufzudecken und auszuschöpfen: Er hat die Pflicht. Tut er das nicht, so bleiben die Mythen unwidersprochen, die seit Generationen durch eine Mischung von Wunschdenken und bewußter Propaganda in Umlauf sind. In dieser kurzen Skizze möchte ich ein wenig von meiner Entdeckerfreude mitteilen, als ich in einem Archiv in der DDR das Siegel an einem Paket von Briefen der Queen Victoria an ihren Enkelsohn Willie aufbrach, oder aber auch mein Entsetzen, hoch in einem Burgturm in Württemberg, als ich die furchtbaren antisemitischen Expektorationen des Kaisers aus der Exilzeit auffand.

    Wer, also, war dieser Kaiser, der im Jahre 1888 im Alter von 29 Jahren den „mächtigsten Thron der Welt“ erbte? Zehn Jahre nach der Thronbesteigung schrieb Bernhard von Bülow, damals immerhin Staatssekretär des Auswärtigen Amtes: „Ich hänge mein Herz immer mehr an den Kaiser. Er ist so bedeutend!! Er ist mit dem großen König und dem großen Churfürsten weitaus der bedeutendste Hohenzoller, der je gelebt hat. Er verbindet in einer Weise, wie ich es nie gesehen habe, echteste und ursprünglichste Genialität mit klarstem bon sens. Er besitzt eine Phantasie, die mich mit Adlerschwingen über alle Kleinigkeiten emporhebt, und dabei den nüchternsten Blick auf das Mögliche und Erreichbare. Und dabei welche Tatkraft! Welches Gedächtnis! Welche Schnelligkeit und Sicherheit der Auffassung! Heute morgen im Kronrat war ich geradezu überwältigt!“ Nun ist das Vorhandensein dieser von Bülow hervorgehobenen eindrucksvollen Eigenschaften des Kaisers keineswegs zu bestreiten. Das Problem war aber, daß diese guten Eigenschaften mit anderen Hand in Hand gingen, die zwar bis auf wenige Ausnahmen vor der Öffentlichkeit geheimgehalten werden konnten, aber bei den wenigen Eingeweihten schwerste Besorgnis erregten. Selbst Bülows Optimismus konnte den Kontakt mit der Realität nicht lange überstehen.

    Was war diese Realität? Beginnen wir mit einer Aufzählung der Eigenschaften, die den größten Eindruck auf Wilhelms engsten Freundeskreis machten.

    1. Jede Skizze seines Charakters muß mit der Feststellung beginnen, daß er nie reifer wurde. Am Ende seiner 30jährigen Regierungszeit galt er immer noch als „junger“, als „kindlich-genialer“ Kaiser (Bülow). Er schien unfähig, aus der Erfahrung zu lernen. Philipp Eulenburg, der ihn besser kannte als irgendein anderer, schrieb um die Jahrhundertwende, daß sich der Kaiser während der elf Jahre seiner Regierung zwar „in seinem äußeren Wesen … sehr beruhigt habe“. „Geistig aber hat sich nicht die geringste Wandlung vollzogen. Er ist unverändert in seiner explosiven Art. Sogar härter und plötzlicher in einem Selbstgefühl gereifter Erfahrung, die keine Erfahrung ist. Seine Individualität ist stärker als die Wirkung von Erfahrung.“ 

    Mehr als dreißig Jahre später, als Eulenburg und Bülow beide tot waren und der Kaiser 72 Jahre alt, schrieb sein Adjutant von Ilsemann in seinem Tagebuch in Doorn: „Ich habe jetzt den zweiten Band der Bülow-Memoiren fast ganz durchgelesen, und immer wieder muß ich konstatieren, wie wenig der Kaiser sich seit jener Zeit verändert hat. Fast alles, was sich damals zugetragen hat, wiederholt sich heute, nur mit dem Unterschied, daß seine Handlungen damals von schwerwiegender Bedeutung waren und Folgen hatten, während sie heute kein Unheil anrichten. Auch die vielen guten Eigenschaften dieses seltsamen, eigenartigen Menschen, dieser so komplizierten Natur des Kaisers, hebt Bülow immer wieder hervor.“

    Warum? Die amerikanische Historikerin Isabel Hull hat in ihrer glänzenden Untersuchung über die kaiserliche Umgebung die These aufgestellt, daß die Rastlosigkeit des Kaisers, sein ständiges Reisen, der Zwang, immer selbst zu reden, welcher jedes „Zwiegespräch“ zu einem hektischen Monolog gestaltete, sein Bedürfnis, immer Leute um sich zu haben, auch während er las – daß diese Rastlosigkeit eine „Conspiracy against selfunderstanding“, eine Abwehrtaktik gegen eine Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit darstellte. Das leuchtet sehr ein. Sicher ist, daß eine derartige unruhige Lebensweise den Prozeß der Reifung zur persönlichen Autonomie und Ich-Integrität sehr erschweren mußte.

    2. Die berüchtigte Selbstherrlichkeit Wilhelms, die grobe Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, die von seinen Zeitgenossen als „Cäsarenwahnsinn“ (Ludwig Quidde) oder folie d’empereur kritisiert wurde, verhinderte ebenfalls die Aufnahme von konstruktiver Kritik. Wie sollte der Kaiser auch lernen, wenn er seine Minister verachtete, selten empfing und kaum anhörte; wenn er der Überzeugung war, seine Diplomaten hätten so „die Hosen voll“, daß die ganze Wilhelmstraße zum Himmel stinke; wenn er selbst den Kriegsminister und den Chef des Militärkabinetts ab „Ihr alten Esel“ anredete und zu einer Versammlung von Admiralen sagte: „Ihr wißt alle gar nichts. Nur ich weiß etwas, nur ich entscheide.“ Noch vor der Thronbesteigung warnte er: „Wehe, wenn ich zu befehlen haben werde!“ Noch vor der Entlassung Bismarcks drohte er, jeden Gegner zu „zerschmettern“. Er allein sei Herr im Reich, er dulde keinen anderen, hieß es im Mai 1891. Dem Prinzen von Wales sagte er: „I am the sole matter of German policy and my country must follow me wherever I go.“ Zehn Jahre später, in einem Privatbrief an eine Engländerin, erklärte er: „As for having to sink my ideas and feelings at the bidding of the people, that is a.thing unheard of in Prussian history or traditions of my house! What the German Emperor, King of Prussia thinks right and best for bis people he does.“

    Im September 1912 entsandte er gegen den Rat des Reichskanzlers den Fürsten Lichnowsky nach London mit den Worten: „Ich schicke nur einen Botschafter nach London, der Mein Vertrauen hat, Meinem Willen pariert, Meine Befehle ausführt.“ Und noch im Weltkrieg behauptete er: „Was das Publikum darüber sagt, ist mir ganz gleichgültig. Ich entscheide nach meiner Überzeugung, erwarte allerdings dann, daß meine Beamten darauf das Ihrige tun, irrigen Auffassungen des Volkes in geeigneter Form entgegenzutreten.“ Kein Wunder, nach einem solchen Katalog der Selbstglorifizierung, daß man sich in Wien den Witz erzählte, Kaiser Wilhelm wolle auf jeder Jagd der Hirsch, auf jeder Hochzeit die Braut, auf jeder Beerdigung die Leiche sein!

    3. Der Kaiser hatte eine ganz ungewöhnliche Gabe, die Welt zu sehen, nicht wie sie war, sondern wie er sie sehen wollte. Im Sommer 1903 schrieb Eulenburg von der Nordlandreise an Reichskanzler von Bülow: „Wochenlang… mit dem lieben Herrn in Kontakt zu sein, öffnet ja auch dem weniger Eingeweihten die Augen – und auch dieser erschreckt über die immer mehr in Erscheinung tretende Tatsache, daß S. M. alle Dinge und alle Menschen lediglich von seinem persönlichen Standpunkt betrachtet und beurteilt. Die Objektivität ist völlig verloren, die Subjektivität reitet auf einem beißenden und stampfenden Rosse.“ 1927 mußte sich auch die Kronprinzessin fragen, wie es möglich sei, daß ein doch so kluger Mensch „so jede Dimension verliert und die phantastischsten Dinge erzählt und sie selbst glaubt? In einem gewissen Augenblick ist eben völlig Schluß beim Kaiser, da hört sein Blick für jede Wirklichkeit auf und dann glaubt er an die unmöglichsten Zusammenhänge. Er ist und bleibt ein Rätsel.“

    Das drastischste Beispiel für die Fähigkeit des Kaisers, die Welt nach seinen Bedürfnissen zurechtzurücken, bietet wohl seine Erkenntnis aus dem Jahre 1923, daß er sich mit seinen Mahnungen gegen die „Gelbe Gefahr“ geirrt hatte. „Endlich weiß ich (sagte er), welche Zukunft wir Deutschen haben, wozu wir noch berufen sind!… Wir werden die Führer des Orients gegen den Okzident. Mein Bild ‚Völker Europas‘ muß ich jetzt ändern. Wir gehören ja auf die andere Seite! Wenn wir den Deutschen erst einmal beigebracht haben, daß Franzosen und Engländer gar keine Weißen, sondern Schwarze. … sind, dann werden sie schon gegen die Bande vorgehen!“ Wer Engländer und Franzosen für Neger halten konnte, hatte natürlich auch kaum Schwierigkeiten, Jesus von Nazareth als „Nichtsemiten“ und ab „niemals … ein Jude“ zu bezeichnen.

    4. Der Kaiser wütete gegen jeden, der nicht seinen Willen tat, und war voller Rachsucht gegen alle, die ihn „verraten“ hatten. 1900 notierte Eulenburg, daß Wilhelm die Ermordung des deutschen Gesandten in China „als eine persönliche Beleidigung“ auffaßte, für die er „durch die Truppen Rache“ nehmen wollte. Dementsprechend telegraphierte er an Bülow: „Der Deutsche Gesandte wird durch meine Truppen gerächt. Peking muß rasiert werden.“ Wenige Wochen später befiehlt er dann in seiner wohl fürchterlichsten Rede den Truppen, die nach China eingeschifft wurden, sich wie die Hunnen zu benehmen:„Bewährt die alte preußische Tüchtigkeit, zeigt euch als Christen im freudigen Ertragen von Leiden, möge Ehre und Ruhm euren Fahnen und Waffen folgen, gebt an Manneszucht und Disziplin aller Welt ein Beispiel. Ihr wißt es wohl, ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen, tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind. Kommt ihr an ihn, so wißt: Pardon wird (euch) nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht. Führt eure Waffen so, daß [211] auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen.“

    (zitiert nach wikisource, siehe hier: https://de.m.wikisource.org/wiki/Hunnenrede)

    Das war keine einmalige Entgleisung. Während des Ersten Weltkriegs befahl er den Offizieren einer Division, keine Gefangenen zu machen. Und im September 1914, nach der Schlacht von Tannenberg, schlug er vor, daß die 90 000 russischen Kriegsgefangenen so lange auf die Kurische Nehrung getrieben werden sollten, bis sie vor Hunger und Durst umkämen.

    In der Innenpolitik war das nicht anders. 1899 meinte der Kaiser: „Ehe nicht die sozialdemokratischen Führer durch Soldaten aus dem Reichstag herausgeholt und füsiliert sind, ist keine Besserung zu erhoffen.“ Während eines Streiks der Berliner Trambahner 1900 drahtete Wilhelm dem Kommandeur von Berlin: „Ich erwarte, daß beim Einschreiten der Truppe mindestens 500 Leute zur Strecke gebracht werden.“ 1903 schilderte der Kaiser, wie er mit der kommenden Revolution fertig zu werden gedenke. Er würde alle Sozialdemokraten zusammenschießen, sagte er, aber erst, nachdem sie „ordentlich Juden und Reiche geplündert“ hätten, denn er habe „Rache zu nehmen für ’48 – Rache!!!“

    Seine Rachsucht wurde selbstverständlich noch dominanter, nachdem die Revolution von 1918 ihn vom Throne getrieben hatte. In den frühen 1920er Jahren entwickelte Wilhelm II. eine vollständige Weltverschwörungstheorie, laut welcher die Freimaurer, Jesuiten und Juden die Welt erobern wollten, um alle „deutschen“ (d. h. monarchischen) Werte zu vernichten. Seine Freunde in Deutschland und Amerika erhielten regelmäßig 20- bis 30seitige Briefe, die diese Weltverschwörungsidee in solch drastischer Weise verbreiteten, daß ich, während ich sie las, immer mehr befürchten mußte, eines Tages das Unsagbare zu entdecken. Und vor einiger Zeit fand ich tatsächlich folgenden Passus in einem Schreiben Kaiser Wilhelms: „Die tiefste, gemeinste Schande, die je ein Volk in der Geschichte fertiggebracht, die Deutschen haben sie verübt an sich selbst. Angehetzt und verführt durch den ihnen verhaßten Stamm Juda, der Gastrecht bei ihnen genoß! Das war sein Dank! Kein Deutscher vergesse das je, und ruhe nicht bis nicht diese Schmarotzer vom Deutschen Boden vertilgt und ausgerottet sind! Dieser Giftpilz am Deutschen Eichbaum!“ Diese Worte sind eigenhändig geschrieben und datieren vom 2. Dezember 1919.

    Kaiser Wilhelm wütete aber nicht nur gegen die ehemaligen „Reichsfeinde“, sondern gegen jeden, der sich seinem Willen widersetzte. Nach Hindenburgs Tod im Sommer 1934 rief er aus, in Erwartung einer baldigen Restauration: „Blut muß fließen, viel Blut, bei den Offizieren und den Beamten, vor allem beim Adel, bei allen, die mich verlassen haben.“ Es war, wie Eulenburg einmal schrieb, „als ob gewisse Empfindungen, die wir an anderen voraussetzen, plötzlich verschwunden sind“.

    Ja, selbst Wilhelms Familie und Verwandtschaft wurden nicht verschont. Dem „verdammten Pollacken“ Prinz Alexander von Battenberg wollte er „eine Kugel vor den Kopf schießen“. „Wenn alles reißt“, sagte er 1887, „schlage ich den Battenberger tot!“ Während des Besuchs der Queen Victoria in jenem Jahr erklärte Wilhelm, es sei höchste Zeit, daß die alte Frau – seine Großmutter – sterbe. Er bezeichnete sie jetzt als „Kaiserin von Hindostan“, seine Mutter und Schwestern ab „Englische Kolonie“, die Ärzte, die den Kehlkopfkrebs seines Vaters behandelten, ab „Judenlümmel“, „Halunken“ und „Satansknochen“. Alle, so behauptete er, seien durchsetzt von „Rassenhaß“ und „Antideutschtum bis zum Rande des Grabes“. Während der tragischen 99-Tage-Regierung seines Vaters schrieb Wilhelm an Eulenburg: „Was ich hier in den letzten 8 Tagen durchgelebt, ist eben einfach nicht zu schildern und spottet auch nur des Gedankens! Das Gefühl der tiefen Scham für das gesunkene Ansehen meines einst so hoch und unantastbar dastehenden Hauses ist aber das stärkste! Ich sehe das als Prüfung für mich und uns alle an, und versuche, es mit Geduld zu tragen! Daß unser Familienschild befleckt und das Reich an den Rand des Verderbens gebracht ist durch eine englische Prinzessin, die meine Mutter ist, das ist das Allerfurchtbarste!“ Ein Jahr vor der Thronbesteigung sagte Wilhelm, man könne nicht Haß genug gegen England haben, und warnte: „England kann sich vorsehen, wenn ich einmal etwas zu sagen habe.“

    5. Wilhelms „Humor“ hatte nicht selten einen verletzenden, ja bisweilen sadistischen Charakter. Obwohl sein rechter Arm so stark war, wie der linke nutzlos von der Schulter hing, amüsierte es ihn, seine Ringe nach innen zu drehen – um dann die Hand von Besuchern so fest zu drücken, bis ihnen die Tränen kamen. König Ferdinand von Bulgarien reiste „weißglühend vor Haß“ von Berlin ab, nachdem der Kaiser ihm öffentlich einen wuchtigen Schlag auf den Hintern gegeben hatte. Dem Großfürsten Wladimir von Rußland schlug er mit dem Marschallstab auf den Rücken. Den Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha, auch ein Enkel der Queen, kniff und puffte der Kaiser derart in der Bibliothek, „daß der arme kleine Herzog eigentlich“, wie ein Hofmarschall seinem Tagebuch anvertraute, „in regelrechter Weise verprügelt wird“. Auch nach der Thronbesteigung des Herzogs kam es vor, daß der Kaiser ihm befahl, sich auf den Rücken zu legen, während Majestät sich dann auf den Bauch des Herzogs setzte.

    Die nähere Umgebung des Kaisers blieb von solchen „Scherzen“ nicht verschont. Ein Diplomat schrieb in sein Tagebuch während einer Schiffsreise: „Morgens machen wir mitsamt dem Kaiser gesundheitshalber ‚Freiübungen‘… Ein ulkiger Anblick: Wenn all die alten Kracher von Militärs gemeinsam die Kniebeuge machen müssen mit verzerrten Gesichtern! Der Kaiser lacht manchmal laut auf und hilft mit Rippenstößen nach. Die alten Knaben tun dann so, ab ob diese Auszeichnung ihnen eine besondere Freude machen würde, ballen aber die Faust in der Tasche und schimpfen nachher unter sich über den Kaiser wie alte Weiber.“

    Wiederholt beklagt sich auch Philipp Eulenburg über dieses „geradezu ekelhafte“ Schauspiel: „Alle alten Exzellenzen und Würdenträger (müssen) unter Geschrei und Witzen zum Turnen antreten.“ Ab Eulenburg sich nach einem besonders enervierenden Tag auf der Hohenzollern nachts schlafen legte, hörte er um Mitternacht „plötzlich die laut lachende, schreiend schallende Stimme des Kaisers vor meiner Tür: Er jagte die alten Exzellenzen Heintze, Kessel, Scholl, etc. durch die Gänge des Schiffes zu Bett“. Auch daran änderte sich im Laufe der Jahre nichts. Noch während der zweiten Marokkokrise notierte der Chef des Marinekabinetts in seinem Tagebuch: „Beim Turnen morgens große Albernheit. S. M. schneidet Scholl mit einem Taschenmesser die Hosenträger durch.“

    6. Schließlich hatte der Kaiser eine Vorliebe für Uniformen, historische Kostüme, Schmuck und Juwelen, vor allem aber für kindliche Spiele in männlicher Gesellschaft. Einer seiner engsten Freunde, Graf Görtz, machte „heulende und tanzende Derwische und allerlei Schnickschnack“ für den Kaiser. Er konnte auch Tierstimmen vorzüglich nachahmen. Für die Liebenberger Jagd im Herbst 1892 schlug Georg von Hülsen Görtz vor: „Sie müssen von mir ab dressierter Pudel vorgeführt werden! – Das ist ein ,Schlager‘ wie kein anderer. Bedenken Sie: hinten geschoren (Tricot), vorn langer Behang aus schwarzer oder weißer Wolle, hinten unter dem echten Pudelschwanz eine markierte Darmöffnung und, sobald sie ‚schön machen‘ vorne ein Feigenblatt. Denken Sie wie herrlich, wenn Sie bellen, zur Musik heulen, eine Pistole abschießen oder andere Mätzchen machen. Das ist einfach großartig!!… Ich sehe bereits S. M. lachen wie wir … Ich komme mir dabei vor wie der Clown aus dem Knaus’schen Bild „Hinter den Kulissen‘. Gleichviel! – S. M. soll zufrieden sein!!“ Der Bruder Georg Hülsens, Dietrich, General und Chef des Militärkabinetts, starb 1908 an einem Herzanfall, während er in Donaueschingen – in einen großen Federhut und ein Ballettröckchen gekleidet – dem Kaiser vortanzte.

    Unsere Aufzählung der Charaktereigenschaften Kaiser Wilhelms II. hat bisher ein höchst unerquickliches Porträt ergeben – eines, das weit entfernt ist von dem Bilde, welches die meisten Biographien zeichnen. War das aber vielleicht nur eine Fassade? Gab es, hinter diesem harten, grausamen Äußeren, einen weicheren, liebenswürdigeren Wilhelm, wie Rathenau beispielsweise vermutete? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir sein Privatleben etwas näher beleuchten.

    Den gesamten Artikel von John G. G. Röhl in der ZEIT vom 4. September 1987 finden Sie hier: https://www.zeit.de/1987/37/aus-dem-leben-eines-fabeltiers/komplettansicht

  • Gedenkblatt für Erich Schairer

    Gedenkblatt für Erich Schairer

    Es sind nun schon mehr als elf Jahre, daß wir Erich Schairer auf dem Stuttgarter Waldfriedhof das letzte Geleit gaben. Unser Kreis alter Blaubeurer Seminaristen aus den Jahren 1903/05 ist seitdem kleiner geworden, so klein, daß man sich fast nicht mehr getraut, ihn zusammenzurufen. Wir waren ja so froh, daß wir Erich Schairer nach dem zweiten Weltkrieg wieder in unserer Mitte hatten, so oft wir zusammenkamen. Wenn sich alte Jugendfreunde treffen, heißt es: „Alte Liebe rostet nicht“, und wenn wir auch durch Jahrzehnte getrennte Wege gegangen sind, das Leben führte uns doch immer wieder zusammen, manchmal unter höchst seltsamen, ja erschütternden Umständen. Seine Freundestreue habe ich besonders im Winter 1903/04 erfahren, als ich mir beim Schlittenfahren auf der Sonderbucher Steige den Fuß verstaucht hatte, so daß ich acht Wochen lang im Gipsverband liegen mußte. Er hat mich damals auf der Krankenstube des Seminars so treulich versorgt wie kein anderer, und ich sehe noch heute, wie er meinen Nachtstuhl, wenn auch mit leicht gerümpfter Nase, zur Stube hinaustrug. Dafür haben wir dann auch die Kuchen, die mir meine Mutter sandte, miteinander verzehrt nach dem Rezept, das er einmal in die Verse gefaßt hatte: „Da kommt ein Kuchen, süß und groß, er (der Seminarist) glaubt sich schon in Abrahams Schoß, doch zeigt sich ihm zu großem Leid, gleich das Gesetz der Teilbarkeit. Mit dem Messer und in Eile, macht er viele, viele Teile. Und am Schluß ist es noch viel, wenn ihm bleibt ein Molekül.“ — Später hat Erich die Verse durchgestrichen; so war er immer: Teilen, helfen, ja — aber nicht damit angeben wollen. Gutes tun, ja — aber in aller Stille.

    Aber ich greife vor. Was uns damals gemeinsam begeisterte, war die Liebe zu unseren Dichtern Eduard Mörike, Gottfried Keller und anderen. Vielleicht hatte ich ihm damals noch etwas an Kenntnissen voraus, von meinem literarischen Elternhaus her, aber was ihn an Mörike anzog, das war das Klare und Echte, die unverfälschte Schönheit seiner Dichtung. Als wir nach dem ersten Weltkrieg uns wiedertrafen — am 21. Mai 1919 — war er zu Fuß von Heilbronn zu uns nach Neuenstadt am Kocher gekommen und wir gaben ihm auf dem Rückweg das Geleit nach Cleversulzbach. Am Grab der Dichtermutter entzündete sich aufs neue unsere Freundschaft. Oft habe ich mich gefragt, warum Erich Schairer schriftstellerisch nicht mehr hervorgetreten ist. Er hatte doch das Zeug dazu. Noch heute lese ich mit Entzücken seine geistvolle „Mathematische Romanze“, die er für unsere Weihnachtskneipzeitung 1903 beisteuerte. Keiner von uns hatte je etwas so witziges, einfallreiches, trockene mathematische Begriffe spielerisch Umkreisendes geschrieben. Aber seine Zukunft war der Journalismus, und sein Ehrgeiz, ein gutes, klares Deutsch zu schreiben und, wenn es sein mußte, auch andere dazu zu erziehen. (Siehe „Fünf Minuten Deutsch“! Kein Wunder, der echte und gediegene Schulmeister steckte ihm vom Vater her im Blut!)

    Einmal habe ich seine kritische Ader zu meinem Heil selbst zu spüren bekommen. Ich schrieb ihm damals auf seinen Wunsch für seine „Sonntagszeitung“ kleine Geschichten, Begebnisse, wie sie im Leben des Pfarrers immer wieder vorkommen. In einem Brief vom 20. Juli 1920 — ich besitze ihn heute noch — schrieb er mir: „Dies mal bekommst Du Deine Geschichte zurück. Redaktionen pflegen bei Ablehnung von Manuskripten keine Gründe anzugeben, weil die Verfasser dann meist beleidigt sind. Auch Dir gegenüber hätte ich mich gern mündlich über das „Vogelnest“ geäußert, denn wenn ich meine Kritik schreibe, kommt sie natürlich wüst und herzlos heraus. Aber wer weiß, wann ich wieder einmal hinüberkomme… (Folgt eine eingehende Kritik.) Zum Schluß schreibt er: „Nun, sei mir bitte nicht böse. Betrachte diese absichtlich scharfe Kritik als einen Beweis, daß ich Dich ernst nehme. Sage auch Deiner lieben Frau, sie möge mir jetzt ihr Wohlwollen nicht entziehen und unterlasse es nicht, mir Deine nächste Geschichte zu zeigen. Sonst würde ich es bedauern müssen, das „Vogelnest“ so heruntergerissen und nicht mit irgend einer Ausrede zurückgeschickt zu haben…“

    So war er. Ehrlich, geradeheraus, durch und durch wahrhaftig. Darum hat er ja auch den Kirchendienst verlassen und sich schon bald mit der „Neckarzeitung“ überworfen. Er konnte aus seinem Herzen keine Mördergrube machen. Man wußte bei ihm, woran man war. Auch aus seiner sozialistischen Einstellung machte er keinen Hehl, erst recht nicht in kleinem Kreis. Er freute sich, daß er bei uns Verständnis für seine Ideen fand. Hin und wieder schickte er uns neue Broschüren über Marx, Engels, Lasalle, „zur Orientierung“.

    Es wird wohl im Jahr 1941 gewesen sein, daß er bei uns als „Weinreisender“ auftauchte. Was vorausgegangen war, wußten wir nicht, wir hatten nur gehört, daß ihm die Herausgabe seiner Zeitung verboten worden war. Er selbst sprach nicht davon. Auch später, als wir ihn in Lindau besuchten, vermied er jedes politische Gespräch. Und doch waren es unvergeßlich schöne Wochen im Kreis seiner Familie. Er selbst arbeitete fleißig im Garten und unterrichtete uns in der Bekämpfung der „Werren“ (Maulwurfsgrillen). Damals sahen wir ihn auch auf dem Bahnhof in Lindau in der roten Mütze, mit dem Täfelchen dem Zugführer zur Abfahrt winken. Auch das gehört mit zu seinem Bild, daß er sich in sein Schicksal ergab, so hart es mit ihm umgehen mochte.

    Gott sei Dank, es kam wieder anders; aber auch nach dem großen Umschwung blieb er für seine Freunde der, der er immer gewesen war, unser Erich Schairer.

    Von etwas muß noch die Rede sein. Wenn ich zu Anfang sagte, daß wir durch Jahrzehnte getrennte Wege gegangen seien, so meine ich seine kämpferische Einstellung zu Christentum und Kirche, ja zur Religion überhaupt, wie er in seinem Büchlein „Gottlosigkeit“ ausgedrückt hat. Es war eine ausgesprochene Kampfschrift mit den Vorzügen und Nachteilen einer solchen. Wenn wir sie heute wieder lesen, so scheint uns vieles überholt. Von der Grundthese allerdings, von der er ausging, kann man das nicht sagen: „Das Christentum wird gepredigt, aber es lebt nicht“. Diesen Vorwurf haben ja schon Nietzsche und andere erhoben, und die Christenheit muß sich seiner immer bewußt bleiben. Bei Schairer kam anderes hinzu: die Ablehnung des persönlichen Gottesbegriffs und der Zwiesprache mit ihm. Doch müßte man eigentlich sein Büchlein von hintenherein lesen, um die Mühe zu erkennen, die er sich gab, trotz allem den Christen von heute zu verstehen. Seine Thesen über Gott erinnern uns in vielem etwa an das Buch des englischen Bischofs Robertson: „Gott ist anders“. Das Kapitel „Religiöse Pause“ in Schalters Büchlein enthält positive Aussagen wie: „Es wird einmal eine Zelt kommen, wo man wieder von Gott und Religion wird reden können, ohne mißverstanden zu werden; etwa wie wir heute vom Himmel oder vom Sonnenaufgang reden. Dann wird man, denke ich, auch den ganzen christlichen Sprach- und Gedankenschatz wieder ausgraben und unbefangen verwenden… Die Bibel ist eine unerschöpfliche Fundgrube von Weisheit und Wahrheit; man wird sie dereinst wieder zu würdigen wissen.

    So war er auf der Suche nach „Gott“; kein eigentlicher Gottesleugner schlechthin, aber seine Aussagen über Gott mußten der Erkenntnis des modernen Menschen entsprechen, und er forderte von der Kirche, daß sie diesen Sachverhalt in voller Wahrhaftigkeit bejahe. Als ich ihn zum letztenmal auf seinem Kranken- und Sterbebett besuchte, waren seine letzten Worte: „Weiter wäre nichts mehr zu sagen.“ Er schwieg lieber von Gott, als daß er über ihn sprach.

    1967, Wilhelm Teufel

  • Das deutsche Verbrechen

    Das deutsche Verbrechen

    Klar sieht, wer von ferne sieht;
    Nebelhaft, wer Anteil nimmt.

    Laotse

    [StZ vom 31.12.1946] Professor Friedrich Wilhelm Förster, der bekannte Pädagoge und Pazifist, hatte in der „Neuen Zürcher Zeitung“ einen Aufsatz über „Moralische Präliminarien des Friedens mit Deutschland“ erscheinen lassen, in dem er die Alliierten davor warnt, Deutschland zu vertrauen und es in den Kreis der Nationen aufzunehmen, ehe es sein Riesenverbrechen wirklich eingesehen und bereut und sich moralisch gebessert habe. Vorläufig sei davon noch nichts zu entdecken. „Wann hat man je gehört, daß ein erbarmungsloser Räuber und seine Komplicen schon ein Jahr nach der Verhaftung und ohne daß auch nur das geringste Zeichen einer Sinnesänderung vorliegt, in allem Ernst eingeladen werden (gemeint ist Churchills Paneuropa-Vorschlag, die Red.), mit seinen Opfern zusammen einen Verein zur Sicherung der öffentlichen Ordnung zu begründen?“

    Förster zitiert ein Wort von General Haushofer aus dem Jahr 1941 zu einem amerikanischen Journalisten: „Sie können sicher sein, daß wir im Falle einer Niederlage von der ersten Stunde nach dem Waffenstillstand Tag und Nacht an nichts denken als an die Vorbereitung des nächsten Krieges.“ So denke heute noch die Mehrheit der Deutschen. Die Verbrecher und ihre verblendeten Mitläufer hätten nichts bereut und nichts aufgegeben; sie seien entschlossen, ihren Plan so bald als möglich „mit andern Mitteln und Bundesgenossen“ wieder aufzunehmen.

    Darum sei es unbedingt nötig, Deutschland streng zu behandeln, ihm die materiellen und geistigen Grundlagen für einen Angriff zu entziehen, also in erster Linie seine Kriegsindustrie zu vernichten und jede Propaganda für die alte Ordnung zu unterbinden, und keinen der kompromittierten Agenten des alten Deutschlands in Amt und Ehren zu lassen. Alles sei verloren, wenn „die jetzige Praxis weitergeht und die Alliierten um die Wette den Deutschen den Hof machen, selbst wenn es sich um Nazi oder Pangermanisten handelt“.

    Hat Professor Förster mit diesem seinem Pessimismus recht oder nicht? Es ist nicht ganz einfach, diese Frage zu beantworten.

    Richtig ist, daß die Nazi in Deutschland keineswegs ausgerottet sind; daß ihre Gesinnung namentlich an einigen wichtigen Stellen, in der Wirtschaft, in der Justiz und auf den Universitäten, weiterlebt; daß sie so gut wie unbelehrbar sind und nur für Gewalt Verständnis haben.

    Daß die Mehrheit der Deutschen heute schon wieder an die Vorbereitung des nächsten Kriegs denke, ist ohne Zweifel stark über trieben. Aber hat denn die Mehrheit den letzten oder den vorletzten gewollt? Kriege sind bis jetzt immer von Minderheiten gemacht worden. Die Mehrheiten sind ihnen dann gefolgt, und wer sich nicht scheut, der “Wirklichkeit ins Auge zu sehen, der wird zugeben, daß auch heute eine Mehrheit des deutschen Volkes nicht imstande wäre, einen Krieg zu verhindern, den anzufangen eine Minderheit mächtig genug wäre; auch wenn es diese Mehrheit heute weit von sich weisen wird, daß sie einen Krieg wünsche oder mit einem solchen rechne.

    Die große politische Aufgabe der alliierten Mächte besteht darin, einen neuen Krieg zu verhindern, auf den heute die nazistischen Elemente in Deutschland wieder hoffen mögen. Die Voraussetzung dafür ist, daß die Alliierten unter sich einig sind; daß es ihnen gelingt, die zwischen ihnen vorhandenen Interessengegensätze, mit denen der geschlagene Nazismus rechnen zu dürfen glaubt, auch weiterhin friedlich auszugleichen. Damit würde diesem der Wind aus den Segeln genommen; von sich aus kann er ja keinen Krieg mehr an fangen, solange Deutschland von den alliierten Mächten besetzt ist. Er würde dann vielleicht zwar nicht von heute auf morgen, aber doch im Laufe der Zeit langsam absterben, weil ihm sozusagen der Boden entzogen würde, aus dem er Nahrung saugen kann.

    Ob Herr Förster mit seiner moralisierenden Betrachtungsweise und mit seinem pädagogischen Rezept der Strenge auf dem richtigen Wege ist, bleibe dahingestellt. Den Nationalismus mit negativem Vorzeichen, zu dem ihn seine Haltung verführt, halten wir für ebenso verfehlt wie den positiven. Der alte Abraham, derSodom und Gomorrha retten wollte, auch wenn er nur fünf Gerechte in seinen Mauern gehabt hätte, war vermutlich nicht bloß etwas menschen freundlicher, sondern auch ein besserer Politiker.

    Wir büßen heute alle für das, was die Nazi gefrevelt haben. Das ist in der Ordnung. Aber trotzdem wollen wir uns nicht insgesamt mit den Nazi in einen Topf werfen lassen, wie Förster es tut; und Moralpredigten wirken nicht so unbedingt erzieherisch, wie der be rühmte Pädagoge anzunehmen scheint. Es könnte sein, daß allzu große kollektive Strenge in der Behandlung eines geschlagenen Volkes das Gegenteil von der beabsichtigten Wirkung hervorriefe: vermehrten Nationalismus, weiterschwelenden Nazismus.

    Es wäre also vielleicht besser gewesen, wenn Herr Förster, etwas weniger alttestamentlich, auch ein paar milde Tone gefunden und den Alliierten geraten hätte, zwar die militanten Nazi in Deutschland mit Skorpionen statt mit Ruten zu züchtigen, aber gnädig zu sein gegen die bloßen Mitläufer und die vielen anderen, deren Schuld lediglich darin besteht, daß sie noch leben.

    „Hat nicht die deutsche Nation“, schreibt Förster, „ein kollektives Riesenverbrechen begangen, das ohnegleichen in der ganzen Geschichte der Menschheit ist?“ Gewiß, es war ein Riesenverbrechen, das geschehen ist; fast so groß wie das eines Dschingis Khan oder Tamerlan. Aber darf man sagen, die „deutsche Nation“ habe es begangen, von der Tausende und Abertausende behaupten und beweisen können, daß es nicht von, sondern an ihnen begangen worden ist?

    Stuttgarter Zeitung, 31. 12. 1946

  • Prinz Wilhelm

    — Jg. 1927, Nr. 3 —

    Heil dir im Siegerkranz, Harry Domela, Prinz von Hohenzollern! Zwar hat dich die Polizei geschnappt und der Herr Untersuchungsrichter in Behandlung; aber dein Ruhm überstrahlt deinen Untergang, und dein Name sei festgehalten, magst du ein noch so windiger Geselle sein. Denn deine Taten haben uns in dieser trüben Zeit der Külze und Geßler eine Stunde reiner und ungetrübter Freude bereitet.

    Noch hattest du dich selber nicht ganz entdeckt, als du mit deiner abgewetzten Hose in Heidelberg auftratest und als prinzliche Durchlaucht v. Lieven, Leutnant im 4. Reiterregiment zu Potsdam, die Saxo-Borussen besuchtest. Zwar sind das lauter Grafen und Barone, aber waren sie nicht glücklich, sich mit einem Prinzen besaufen zu dürfen? Und die glänzende Generalprobe in Heidelberg gab dir den Schwung für die Hauptvorstellung im thüringischen Lande.

    Als ein simpler Baron v. Korff nahmst du Wohnung im Hotel in Erfurt. Aber dein unvorsichtiges Ferngespräch mit der Hofverwaltung deines Bruders Louis Ferdinand in Potsdam zerstörte das Inkognito. Du hättest es auch so nicht bewahren können: deine Züge hätten dich verraten, das leuchtende Hohenzollernauge, die Nase deines Ahnen, des alten Fritz, der schnittige Mund, den wir von deinem Papa her kennen. Bald wußte die Stadt, wen sie in ihren Mauern hatte. Adel und Gesellschaft drängte sich zur Vorstellung bei Königlicher Hoheit. Als du deine Fahrt nach Gotha unternahmst, war schon ganz Thüringen in begeistertem Aufruhr. Welchen Empfang hat man dir dort im Schlosse bereitet! Der Ministerpräsident a. D. Herr v. Bassewitz, Herr v. Wangenheim, Herr v. Krosigk rechneten es sich zur Ehre, von dir begrüßt zu werden; und gar die Hofdamen alle waren „rein verrückt“ nach dir, dem schlanken und eleganten, inzwischen neu ausstaffierten späteren Thronfolger. Wie huldvoll warst du gegen den armen Oberbürgermeister Dr. Scheffler, der nicht wußte, ob er „kaiserliche“ oder „königliche Hoheit“ zu dir sagen müsse! Und gegen den Herrn Intendanten in Dessau, der dich in die Hofloge geleitete, damit du deinen berühmten Ahnherrn Fritz über die Bretter spazieren sähest. Und die Reichswehrkommandöre in Erfurt und Weimar empfingen dich in Gala, um dich ihrer Ergebenheit zu versichern, die Schupooffiziere standen stramm, und einem Bäckermeister ward die unvergeßliche Gnade zuteil, dir die Hand küssen zu dürfen. Es war ein Triumfzug ohnegleichen, deine Leutseligkeit war bezaubernd, dein ganzes Auftreten so recht hohenzollerisch.

    Tragische Ironie des Geschehens, wenn dich die deutsche Republik nun einspunden wird, statt dich in ihre Dienste zu nehmen! Hätte sie dich nicht auch noch „inkognito“ nach Schwaben und Bayern, nach Ostpreußen und Mecklenburg entsenden müssen, damit du dort republikanischen Anschauungsunterricht erteilest! Gibt es denn eine tödlichere Waffe als die Lächerlichkeit, mit der du die monarchistischen Schweifwedler bloßgestellt und damit für den republikanischen Gedanken mehr getan hast als wir unfähigen Prediger in der Wüste in saurer allwöchentlicher Arbeit vermögen?

    Mögest du Verständnis- und humorvolle Richter finden, Harry Domela, größerer Nachfolger des Hauptmanns von Köpenick! Eine Leibrente sollte dir die Republik aussetzen, wenn dich keine Filmgesellschaft engagiert! Dir gebührt, wenn irgend einem, der erste von den Orden, die demnächst im Namen der Republik wieder verliehen werden sollen.

    1927, 3 Sch.