Kategorie: Ökonomie

  • Am Grabe des Kapitalismus

    Am Grabe des Kapitalismus

    Wir stehen am Grabe der großkapitalistischen Epoche. Der Hochkapitalismus ist zu Ende, nicht das Kapital. Das wird uns alle lange überleben, gleichviel ob als Staats- oder persönliches Kapital. Doch der Hochkapitalismus als Weltbewegung ist – obwohl er im Westen seinen höchsten Gipfel noch nicht erreicht hat – ein gestorbener Koloß. Wir dürfen ihm seine Grabrede halten und sagen: Er hat Enormes geleistet. Er ist eine der größten Weltbewegungen gewesen, er hat an Technik und Verkehr in einem Jahrhundert mehr geleistet als Ägypten und Babylon, als Phönizien und Karthago in Jahrtausenden. Was er schuf, war Pionierarbeit. Wohin er griff, war jungfräuliches Land. Hier griff er in das Gebiet der Erfindungen, hier in das Gebiet der Massenbetätigung; jeden Tag eine neue Möglichkeit, eine neue Richtung, eine neue Erschließung. Er packte Landstrecken, Forsten, Ströme, Bergwerke, Meerengen und Häfen und schuf Unternehmungen. Eine Pionierarbeit, die die Welt urbar machte, nicht im Sinne des Ackerbaus, sondern des Gewerbefleißes. Und diese gewaltige Arbeit, von starken Menschen geleitet, hat die Welt umgewandelt, so daß sie in die Lage kam, anstelle spärlicher Millionen die Milliardenzahl der heutigen Bewohner zu ernähren.

    Nun müssen wir zwei Dinge unterscheiden: auf der einen Seite als Rodungsarbeit, als Squatter-Arbeit, mußte der Kapitalismus aus dem Vollen wirtschaften; er mußte in großen Zügen schöpfen, er dudte sich an das Kleine nicht halten. Es war ganz nebensächlich, ob Milliarden nebenbei gingen, ob unendliche Materialien, unendliche Mengen von Arbeitskräften verwüstet wurden: er konnte in einem Tage mehr erreichen, als zehn Jahre Sparsamkeit ihm eingebracht hätten.

    So hat er in tiefen Zügen aus dem Vollen geschöpft. Er hat vergeudet, nach dem Vorbild der unbekümmerten Natur. Doch nicht in allem hat er vergeudet; in einem Punkt war er sparsam, und diesen Punkt müssen wir scharf ins Auge fassen. Er war unendlich sparsam in der Verwaltung. Verschwenderisch im Betrieb, sparsam in der Verwaltung! Ist das möglich? Das ist sehr gut möglich. Er häufte zwar die Reichtümer, die er schuf, im Besitz seiner Personen, seiner Unternehmen oder seiner Nachkommen. Doch immer wieder wurden sie in den Betrieb gesteckt; er besaß von all diesen Reichtümern nichts weiter als den auf Papier geschriebenen Besitztitel. Er wollte Macht und verzichtete um ihretwillen im Zweifelsfalle auf Genuß. Auch konnte er nicht allzuviel auf Genuß verschwenden, denn die Zahl der erobernden Menschen war viel zu klein, als daß sie den unendlichen Ertrag der Welt hätte vergeuden können. Gewiß, mit Recht spricht der Arbeiter davon, daß es ihm zuwider ist, wenn er durch reiche Straßenviertel wandert, dort große Gärten, Parks und Villen erblickt und sich vorstellt, was hinter diesen Gittern und Mauern geschieht. Doch wenn die Rechnung gemacht wird, so bedeutet alles, was hinter diesen Gittern verschwendet wird, einen verhältnismäßig billigen Verwaltungsaufwand. […]

    Die künftige Form der Wirtschaft und ihrer Verwaltung wird sehr teuer sein; der größte Teil des Arbeitsertrages, der bisher gesammelt wurde, wird verbraucht werden. Noch mehr als das. Es wird außerordentlich schwer sein, den riesenhaften Wirtschaftspark, den wir geerbt haben und von dem wir glauben, daß er unzerstörbar ist, aufrecht zu erhalten. Wir haben diesen Park von Maschinen, von Gebäuden, von Einrichtungen, von Verkehrsmitteln in jener Zeit aus dem Vollen geschaffen, jetzt muß er aus dem Mangel ergänzt und erneuert werden; einstweilen hält er noch, bis auf den Ölfarbenanstrich und die Teppiche.[…]

    Das ist nicht alles. Wir sprechen von Spaa, von der Kriegsentschädigung wie von einer alltäglichen Sache: „Wir haben schon soviel durchgemacht, so werden wir auch das noch durchmachen.“ Milliarden auszusprechen ist leicht, sie zu drucken ist nicht schwer. In einer noch nicht stationär gewordenen Wirtschaft, die im wesendichen noch von Vergangenheit zehrt, in einer Übergangszeit werden die Abnormitäten fast unmerklich in den Kauf genommen. Deshalb sprechen wir gemütlich von den Milliarden, die wir zahlen sollen, und wieder heißt es in einer Ecke unseres Bewußtseins: „Wir werden schon herauskommen.“ Wir werden nicht herauskommen, wir werden zahlen! Denn daß die offene Wunde Europas sich schließen muß, ist gar kein Zweifel. Wie weit Recht, Gesetz, eine moralische Verpflichtung uns zwingen, ist nicht entscheidend. Es wird wiederhergestellt werden! Und diese Wiederherstellung wird in der schwer bedrückten Lage unserer Wirtschaft uns unendliche Sorgen machen. Denn wenn ich auch ganz von den französischen Zahlen absehe, so bitte ich zu bedenken: Jede Milliarde Gold jährlich bedeutet eine Summe von 10 Millionen Mark Papier, die hier gedruckt und irgendwie herangesteuert werden müssen; jede Milliarde Gold bedeutet 15 Millionen Tonnen Kohlen zum Auslandspreis, 50 Millionen zum Inlandspreis. Wir dürfen diese Dinge nicht vergessen. Wir dürfen nicht glauben, weil es nuneinmal wieder vier Wochen leidlich gegangen ist und vielleicht vier Wochen wieder ein bischen schlechter, daß so eine Art von ständigem Zustand eingetreten sei.

    Wenn wir nun fragen: Was ist die Zukunft und wie werden wir über diese Dinge hinwegkommen?, so ist die Antwort die gleiche, die wir erhalten, wenn es sich um ein zusammengebrochenes Unternehmen handelt, das über seine Verhältnisse gewirtschaftet hat, eine Bank, eine Reederei oder eine Fabrik. Es schwebt jedem das Wort „sparen“ auf den Lippen. Nein, nicht das Sparen im gemeinen Sinne ist es, das karge Sparen richtet den Menschen nur zugrunde, wenn es über ein bestimmtes Maß getrieben wird. Wir können nicht die Menschen noch schlechter ernähren, als es geschieht und geschehen ist; die Aufgabe heißt organisieren und ordnen!

    Es ist nicht möglich, daß in einer Wirtschaft, in einer Zukunft, wie wir sie vor uns haben, die Dinge anarchisch, unorganisch, ungeordnet weiterlaufen können. Wir werden nicht mehr in einem unorganischen, verfahrenen, lediglich vom Individualimus, vom persönlichen Eigennutz getriebenen Wirtschaftsmechanismus leben, sondern in einem gegliederten Organismus, in dem jeder, der Wirtschaft oder Ämter führt, in gleichem Maße sich selbst und der Gemeinschaft verantwortlich ist. Unsere Aufgabe und Rettung heißt: Mit gleicher Menschenzahl, verminderten Bodenschätzen, gleicher Arbeitsleistung das Doppelte und Dreifache von dem zu erzeugen, was wir bisher erzeugt haben. Sollen wir teuer verwalten, so müssen wir – in Umkehrung der alten Wirtschaft – um so ökonomischer betreiben. Das scheint den meisten verwegen und unmöglich, weil sie den Prozeß der Gütererzeugung nicht kennen. Wer ihn kennt, der weiß, daß heute die Hälfte der Arbeitsleistung und der Gütermenge nutzlos vertan wird. Der Gesamtprozeß unserer Produktion ist kindlich primitiv, der Laune, dem Eigennutz, dem Zufall überlassen. Er ist vergleichbar der Landwirtschaft vor hundert Jahren, die der rationellen Durcharbeitung entbehrte und kaum den vierten Teil der heutigen Erträge lieferte.

    Durch Schlagworte hat man diesen Gedanken ihre beflügelnde Kraft scheinbar genommen, durch Vermischung mit behördlichen Maßnahmen hat man ihnen den Schein von Mechanismen gegeben, die sie nicht sind. Nein, in diesen Gedanken liegt die tiefste Ethik, deren wir technisch, wirtschaftlich, politisch und sozial fähig sind. Es liegt darin die Ethik der Verantwortung eines jeden Menschen und die Idee der Gemeinschaft.

    1920, 30 · Walther Rathenau

  • Sturz in den Ruin

    SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2008

    Im Oktober 1929 riss die Finanzkrise an der Wall Street die Weltwirtschaft in den Abgrund. Die Weimarer Republik traf der Schock schwer. Doch erst die Deflationspolitik der Regierung Brüning wurde Deutschland zum Verhängnis – und ebnete Adolf Hitler den Weg.

    Schon der Morgen war anders als alle Tage, die Winston Churchill bisher erlebt hatte. Der spätere Premierminister Seiner Majestät, der auf einer Amerika-Reise in New York Station gemacht hatte, schaute von seinem Zimmer im Luxushotel Savoy-Plaza hinaus auf die Fifth Avenue. Dort drängten sich die Passanten, Feuerwehrleute eilten herbei, doch sie waren zu spät gekommen.

    „Direkt unter meinem Fenster hatte sich ein Gentleman 15 Stockwerke in die Tiefe gestürzt“, berichtete Churchill von der Begebenheit in der Frühe des 25. Oktober 1929. Der Mann, der an diesem Freitag in den Tod sprang, gehörte zu den Unglücklichen, die erst ihr Vermögen verloren hatten und dann die Nerven.Später folgte Churchill einer Einladung an die Wall Street. Er nahm auf der Besuchertribüne der Börse Platz, dort machte er seine zweite Grenzerfahrung an diesem Tag. Er wurde Zeuge einer Finanzkrise, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte.

    Die Kurse fielen und fielen und fielen, der Ticker ratterte ohne Unterlass, das Papierband konnte die Notierungen gar nicht so schnell ausspucken, wie sie sanken. Ratlos standen die Händler auf dem Parkett, sie sahen aus „wie die Zeitlupenaufnahme eines aufgeschreckten Ameisenhaufens“, beschrieb Churchill, was er von der Empore beobachten konnte.

    Am Tag zuvor war die Verkaufswelle ins Rollen gekommen. Erst verloren nur einzelne Papiere kräftig an Wert, dann schwoll die Bewegung zu einer Massenflucht an. Jeder Händler wollte nur noch raus aus dem Markt, egal zu welchem Preis.

    Am Montag setzte sich der Verfall fort, am Dienstag sackten die Kurse ins Bodenlose: Rund 16,4 Millionen Aktien wurden an diesem Tag verramscht, ein Rekord, der fast 40 Jahre hielt. Existenzen wurden vernichtet, Träume waren zerplatzt. Das meiste dessen, was in den Jahren zuvor an Papiervermögen aufgetürmt worden war, hatte der Sturm an der Wall Street fortgeweht.

    „Wenige Menschen verloren jemals so rapide an Ansehen“, resümierte später der Ökonom John Kenneth Galbraith, „wie die Bankleute von New York in den fünf Tagen vom 24. bis zum 29. Oktober.“

    Einen Tag später endete Churchills Besuch in den USA, der Staatsmann nahm das Schiff zurück nach England. Es war gleichsam der Aufbruch in eine andere Zeit.Der Börsenkrach von 1929 war der Auftakt zur ersten Weltwirtschaftskrise, die tatsächlich diesen Namen verdient; ihre Ausläufer waren bis nach Japan und Australien zu spüren. Sie hat nicht nur zahllose Menschen und Unternehmen ruiniert, sie hat die Weltläufte verändert – und ganz besonders das Geschehen in Deutschland. Das „Dritte Reich“, der Zweite Weltkrieg, die Teilung des Landes: All das wäre ohne die globale Wirtschaftskrise nicht denkbar gewesen.

    Den vollständigen Artikel von Alexander Jung finden Sie hier: https://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecialgeschichte/d-55573686.html

  • Die Sozialisierung des Elends

    — Jg. 1923, Nr. 35 —

    Es ist ein Jammer mit dem untergehenden Bürgertum. Viele Damen können sich längst kein Dienstmädchen mehr leisten, müssen überall selbst Hand anlegen. Das ganze Leben wird aufgesogen im Kampf um die Lebenserhaltung; alle höheren Interessen treten zurück hinter den Sorgen um Kleinigkeiten. Es ist scheußlich! Das Leben hat so auf die Dauer keinen Sinn, man zermürbt sich dabei, verbraucht die besten Kräfte, wird matt und stumpf und energielos.

    So tönt es in mancherlei Variationen aus den bürgerlichen Blättern. Man bekommt nun doch hie und da zu fühlen, was Not ist. Und schon lamentiert man. Schon schreit man empfindlich auf. Nun, da man am eigenen Leibe spürt, was es erfordert, jahrelang im Elend dahinzuleben, weist man auf die Hölle hin, die in einem kärglichen Leben verborgen ist. Leider hat es dabei immer noch nicht den Anschein, als ob man daraus auch in Hinsicht auf unsere Wirtschaftsordnung oder vielmehr -unordnung seine Schlüsse zöge. Man denkt zuvörderst an sich!

    Das Proletariat lebt nun schon Jahrzehnte in Verhältnissen, in denen nun auch bürgerliche Kreise zu „versinken“ drohen. Man hat ihm sein Streben, aus diesem unwürdigen Leben herauszukommen, fürchterlich übelgenommen und dafür den Ausdruck Klassenkampf gewählt. Nun ist man selbst auf diesen Klassenkampf, soll heißen Kampf um ein menschenwürdiges Dasein, verfallen. Und man führt ihn viel einseitiger als das Proletariat. Denn das Proletariat hat in seinem Kampf ein Bild einer gerechten Gesellschaftsordnung vor sich hingestellt; die notleidende Bourgeoisie hat aber heute nur einen Gedanken, wieder das alte Herrenleben zurückzuholen. Dort kämpft man um Aufhebung von Vorrechten, hier um deren Erhaltung.

    Darum genießt das untergehende Kleinbürgertum keine Sympathie, weil es gänzlich ideenlos nur auf sich bedacht ist. Und darum geht es auch zu Grunde. Hätte man sich zu Beginn dieser nun so verfluchten Republik auf Seiten des arbeitenden Volkes gestellt, das Proletariat durch Sozialisierung der Wirtschaft zu sich heraufgehoben, man drohte heute nicht gemeinsam zu versinken. Man hat es nicht gewollt. Denn das Elend lag trotz Revolution in weiter Ferne. Nun ist man glücklich daran, an sich selbst zu Grunde zu gehen.

    Aber der Niedergang wird dieses Volk in seinen verschiedenen Teilen so wenig zusammenführen, wie der einstige fragwürdige Aufstieg. Sie stoßen heute in ihrer materiellen und sittlichen Not hart aufeinander, und es gibt wahrlich keinen guten Klang. Erretten könnte sie nur ein klein wenig Einfühlen in die Lage des anderen; aber das haben sie selbst noch nicht gelernt, da sie, wie sie uns vorjammern, schon selbst dem Elend preisgegeben sind. Man kann daraus vielleicht auch schließen, daß es im allgemeinen noch nicht gerade überwältigend fühlbar ist.

    1923, 35 · Frida Leubold

  • Volksgemeinschaft

    — Jg. 1930, Nr. 10 —

    Die „Heimat“ des Volkes besteht nach der nationalistischen Ideologie aus Gemeinplätzen, auf denen sich die Mitglieder der vaterländischen Vereine tummeln dürfen. Wer da nicht mittut, gehört zu den entwurzelten Massen und ist im innersten Grunde seines Wesens undeutsch. Auch in der Provinzstadt X. hat sich aus allen Schichten der Bevölkerung ein solches nationales Bollwerk gebildet; man kommt dort von Zeit zu Zeit zusammen, um in öffentlichen Kundgebungen als einzige Vertreter der guten alten Zeit sich über den Massenund Klassenwahn der Neuzeit zu entrüsten. Unter den Anwesenden befindet sich dann beispielsweise:

    Die Heimarbeiterin A. Sie befaßt sich mit Perlenstickerei und verdient in der Stunde 10 bis 16 Pfennige; ihre Wohnung besteht aus einer gegipsten, nicht heizbaren Kammer; ihre Bildung entstammt dem Lesebuch der katholischen Volksschule; ihre Religiosität ist im Sonntagsblättchen beheimatet.

    Der Generalleutnant B. Er bezieht von der Republik eine Jahrespension von 14.000 Mark, außerdem genießt er noch die Zinsen aus einem kleinen Vermögen; die Wohnung für die zweiköpfige Familie besteht aus sechs Zimmern mit Bad und sonstigem Zubehör; die Bildung riecht nach Kadettenhaus, gemildert durch Besuch des Stammtisches im Hotel Y; Religiosität: Wotanskult.

    Der Industriearbeiter C. Er erhält in der Fabrik einen Stundenlohn von 80 Pfennig, wovon noch die Sozialbeiträge abgehen. Die Wohnung für seine fünfköpfige Familie besteht aus einem großen und einem kleinen schrägen Zimmer nebst Küchenanteil; Bildung: evangelische Volksschule plus vaterländische Presse; die Religiosität besteht aus dem Bestreben, sich bei den Unterstützungsinstanzen der Kirchengemeinde für alle Fälle in Erinnerung zu halten.

    Der Stadtpfarrer D. Er bezieht ein Monatsgehalt von etwa 800 Mark und ist pensionsberechtigt; seine Dienstwohnung besteht aus einem geräumigen Einfamilienhaus mit Garten und reichlichem Zubehör; seine Bildung: akademisch; seine Religiosität: selbstverständlich.

    Der Bauer E. Er kommt auf einen Stundenlohn von etwa 24 Pfennig; die Wohnung für seine siebenköpfige Familie besteht aus einem Wohnraum und zwei gegipsten Kammern; seine Bildung: Dorfschule plus 11 Jahre Heimatkalender; seine Religiosität: Naturreligion mit einem gehörigen Schuß Traditionsbewußtsein.

    Der Kommerzienrat F. Er ist Aufsichtsratsmitglied und hat ein jährliches Einkommen von rund 100.000 Mark; er besitzt eine Villa mit 11 Zimmern und ein kleineres Gebäude für die Dienerschaft; seine Bildung besteht aus einer dunklen Erinnerung ans Gymnasium plus Lektüre des Scherlmagazins und der Fachpresse; seine Religiosität kommt nur an hohen Festtagen zum Durchbruch.

    Auf den ersten Blick hat es durchaus den Anschein, als ob diese Leute nichts „Gemeinsames“ hätten, aber wenn dann der Festredner von einem links stehenden und meistenteils jüdisch aussehenden Feind spricht, der „es“ rauben wolle, was ihm aber selbstverständlich bei dem einmütigen Zusammenhalt des Vereins niemals gelingen werde, dann kommt dieses Gemeinsame in einer tumultuarischen Begeisterung mächtig zum Ausbruch, und jeder gelobt sich in heiligem Zorn, in seinem Teil die Fahne des echten Deutschtums hoch zu halten. Nur wenn sie dann zu Hause sind, in der Dachkammer, im Pfarrgarten, im Palais, da fragen sie sich, was sie nun eigentlich hochhalten sollen und wissen darauf keine rechte Antwort.

    1930, 10 Kurt Debil

  • Gescheitert

    — Jg. 1928, Nr. 43 —

    Das von der kommunistischen Partei eingeleitete Volksbegehren, das den Bau von Kriegsschiffen verboten wissen wollte, ist gescheitert. Es sind nur etwa zwei Millionen Stimmen aufgekommen, die Hälfte der Zahl, die notwendig gewesen wäre, um das beantragte Gesetz vor den Reichstag und einen etwaigen späteren Volksentscheid zu bringen.

    Die Sozialdemokratie, die in dem Volksbegehren der K.P.D. lediglich ein gegen sie gerichtetes parteipolitisches Manöver gesehen hat, triumphiert. Vielleicht etwas zu sehr und etwas zu früh.

    Es ist zwar richtig: man hat nun gesehen, daß eine derartige Aktion ohne die S.P.D. keinen Erfolg hat. Der Einfluß der K.P.D. in Deutschland ist weit geringer als die Wählerziffer vom 20. Mai es erscheinen ließ. Sie hat keine Presse, kein Geld, keine Führer. Und sie hat auf dem Lande fast gar keinen Boden. Ein „Kommunist“ ist für die große Mehrzahl unserer biederen Volksgenossen und namentlich -genossinnen offenbar etwas Fürchterliches.

    Man kreuzt zwar bei einer geheimen Wahl aus lauter Verbitterung einmal die rote Partei an, etwa wie Kinder den Teufel an die Wand malen (und dann froh sind, wenn er doch nicht kommt). Aber seinen Namen auf eine Liste setzen, die von der K.P.D. aufgelegt ist — Gott behüte! Ja, wenn die S.P.D. mitgemacht hätte, die heute durchaus gesellschafts- und regierungsfähig geworden ist!

    Die S.P.D. hat nicht mitgemacht, obwohl sie, wie sie nachdrücklich versichert, ebenfalls gegen den Bau von Panzerkreuzern ist. Und auch ihre „oppositionellen“ Mitglieder, der linke Flügel, die Sachsen, haben Disziplin gehalten und in der kritischen Zeit nicht gegen den Panzerkreuzer, sondern gegen die K.P.D. agitiert, die ebenfalls gegen Panzerkreuzer ist. Eine Haltung, die bei der Parteileitung der S.P.D. stolze Befriedigung erweckt haben mag: wir haben unsere Leute fest in der Hand; bei neutralen Zuschauern je nachdem ebenfalls Befriedigung oder Trauer: über die unheilbare Spaltung der Arbeiterklasse, die über den Klassenfeind niemals siegen wird, solange sie mit beispielloser Verbissenheit und tödlichem Haß den Bruderkrieg in den eigenen Reihen führt.

    Die S.P.D., der stärkere Bruder, freut sich über den Sieg, den ihm der Mißerfolg des Volksbegehrens bedeutet. Aber wenn die Partei den Weg weitergehen wird, den ihre Führer am 10. August (dem Nachfolger des 4. August 1914) beschritten haben, wenn die Taktiker vom Kaliber Severing und Hörsing in ihr die unumstrittene Oberhand bekommen, wenn mit ihrer Hilfe nach einem „positiven Wehrprogramm“ aufgerüstet werden wird, dann wird es sich eines Tages zeigen, daß ein Sieg auch ein Pyrrhussieg sein und daß hinter einem Höhepunkt der jähe Abfall kommen kann. „Genosse“ Severing und „Kamerad“ Hörsing wollen Seite an Seite mit Hindenburg, Groener und Heye marschieren. Es ist kaum denkbar, auch bei einem Höchstmaß von Parteifrommheit, „Disziplin“, Schafsgeduld oder wie wir das je nach Temperament nun heißen mögen, daß die sozialdemokratischen Arbeitermassen (in denen, o Ironie des Geschehens, heute die Erinnerung an die Zeit vor 50 Jahren jubiläumsweise aufgefrischt wird) dabei auf die Dauer mitgehen werden.

    Wir Kriegsgegner, die wir, ohne an dem Zwist zwischen S.P.D. und K.P.D. beteiligt oder interessiert zu sein, das Volksbegehren mitunterzeichnet haben (und morgen wieder mitunterzeichnen würden), weil sein Inhalt unserem Willen entsprach, werden jedenfalls bis auf Weiteres nicht mehr mit dem alten Vertrauen zur S.P.D. hinüberschauen können wie bisher. Wir verfolgen ihre Politik, die heute nicht mehr so eindeutig ist wie vor fünfzig Jahren, mit einer Spannung, die von Zweifel und Besorgnis erfüllt ist.

    1928, 43 Erich Schairer

  • Durchs Fegefeuer

    — Jg. 1920, Nr. 42 —

    Die sozialistische Wirtschaft, heißt es, wird für den Bedarf produzieren, nicht für den Markt. Sie wird planmäßig und gleichmäßig ablaufen, nicht chaotisch und ruckweise. Nicht der beliebige Einzelne, weder als Unternehmer noch als Händler noch als Kunde, wird in ihr das Wort haben, wenn er nur drei Häuser weiter schreien kann als sein Nachbar; sondern der oder die Verantwortlichen werden ihm das Wort erteilen, und zwar nicht auf Grund seiner Stimmbänderleistung.

    Das ist Revolution, man mag sich den Weg dazu noch so lang, krumm und „evolutionär“ vorstellen. Und die siegreichen Stimmgewaltigen auf der Kirchweihrauferei unserer bisherigen Wirtschaft wollen deshalb nichts davon wissen; während die Nur-Konsumenten, auf deren Nasen der wilde Tanz sich bisher abspielt und die die Musik und die Zeche bezahlen dürfen, schon eher mit einer Ordnung und Schlichtung des Durcheinanders zufrieden wären. Auch die scheinbar unbeteiligten dienstbaren Kräfte, deren sich die Handelnden bedienen, die Arbeiter, sind einverstanden — was sage ich: einverstanden? — sie sind es ja, die von jeher vom Sozialismus gerade das Paradies statt der Hölle, die Ruhe statt der Hetze, die Würde statt der Mißachtung (Demagogen sagen: den Genuß statt der Mühe) erwarten.

    In den vereinigten sozialpolitischen und wirtschaftspolitischen Ausschüssen des Reichswirtschaftsrates ist kürzlich ein Antrag Baltrusch (Arbeitnehmervertreter) eingegangen, der fordert, daß „Arbeit und Kapital nicht mehr zur Erzeugung von wirtschaftlich nicht notwendigen Waren, sondern zu Gunsten des Exports und des notwendigen Inlandsbedarfs verwendet werden sollen“.

    Donnerwetter, sagte man sich, da haben wir ja wieder die ominöse Wissell-Moellendorff’sche Planwirtschaft, die vor einem Jahr von den Unternehmern verabscheut und von den Arbeitern nicht begriffen worden ist! Habt ihr euch besonnen, Arbeiter? Schön, also kann die Geschichte losgehen, denn ihr seid doch heute noch immer mächtig genug, euch durchzusetzen?

    Aber gemach: gleich meldet sich die bittere Skepsis. Hast du, Baltrusch, gewußt, was deine resolute „Resolution“ bedeutet?

    Auch für die Arbeiter bedeutet, die nämlich bei der Umstellung zur Gemeinwirtschaft nicht so ganz unbeteiligt sind, daß ihnen die Aktion kein Kopfzerbrechen zu machen brauchte. Sie sind sogar sehr unangenehm passiv beteiligt. Wenn Kollege Baltrusch konjugiert: ich stelle um, so heißt das für den Kollegen Ixmüller: du wirst entlassen.

    Ich erinnere mich an eine Versammlung von Berliner Buchdruckern, in der ich einmal über die Sozialisierung der Presse referiert habe. Ich wies die unsinnige Überproduktion an Zeitungen nach, die in Deutschland vorhanden ist, wo jedes Provinznest gleich drei, vier Dreckblätter haben muß. Ich wies auf England hin und behauptete, daß wir in Deutschland so gut wie dort mit 300 Tageszeitungen statt mit 3000 leben könnten. Man sollte den Zeitungsverlegern ihre melkende Kuh, derentwegen der ganze Blätterwald rausche, den Inseratenteil, entziehen und ihn besonderen öffentlich kontrollierten Anzeigenblättern vorbehalten. Dann würden die 3000 Zeitungen ganz gewiß bald auf die Hälfte, auf ein Drittel reduziert sein. Die Versammlung von Buchdruckern lauschte aufmerksam und spendete Beifall, wenn saftige Seitenhiebe auf den raffgierigen Unternehmer fielen. Aber als der Redner fertig war, standen nacheinander drei, vier Arbeiter auf und bedeuteten den Kollegen, man könne da nicht mitmachen, so schön der Gedanke des Referenten vielleicht sei, denn durch eine solche Regelung würden ja 50 Prozent der Buchdrucker arbeitslos, würden ihre Stellung verlieren, ihren Beruf vielleicht ganz aufgeben müssen.

    Das ist der Haken bei der Geschichte, liebe Arbeiter. Ihr müßt wissen, was auch für euch eine Umstellung der Wirtschaft vom unwirtschaftlichen wilden Privatkapitalismus zur wirtschaftlichen Form der bewußt gelenkten, öffentlich kontrollierten Wirtschaft heißen will: Entsagung, Schwierigkeiten, Unbequemlichkeiten, Härten, vielleicht sogar Not, Sorge und Armut für eine nicht ganz kurze Übergangsperiode. Jede Etappe der Wirtschaftsentwicklung ist nicht bloß ein Steigen, sondern auch ein Stolpern gewesen. Erinnert euch der Handwerker, die von der Industrie samt ihrem ganzen Handwerk aufs Trockene gesetzt worden sind, oder der Arbeiter, die durch neue Maschinen an die Luft flogen. Selbstverständlich werden die frei werdenden Arbeitskräfte wieder aufgesogen werden, wenn die Gemeinwirtschaft die planlose Wirtschaft ablöst; und Geschick der Leitenden, guter Wille der Geleiteten wird es dahin bringen können, daß der Umlenkungsprozeß möglichst glatt, möglichst schmerzlos, möglichst rasch vollzogen wird. Aber ganz ohne Opfer wird es für euch Arbeiter nicht abgehen. Wenn operiert wird, muß Blut fließen. Wenn Fabriken geschlossen und Produktionen aufgegeben werden, dann werden zunächst Arbeiter brotlos oder wenigstens — was fast ebenso schlimm ist — beschäftigungslos. Sie müssen umlernen oder umziehen. Da ist nichts zu ändern.

    Der Weg zum Sozialismus braucht vielleicht nicht durch die Hölle zu führen wie in Rußland, aber auf alle Fälle geht er durchs Fegefeuer. Ob wohl Baltrusch daran gedacht hat, als er seinen Antrag einbrachte? Und ob die Arbeitervertreter, die für ihn stimmten, alle wußten, was sie damit beschlossen? Ob schließlich die Wähler jener Arbeitervertreter wissen, was bei der etwaigen Durchführung (etwaigen! bitte, denn er ist ja lediglich „Material“ für die Regierung!) des Beschlusses ihrer wartet? Wenn es so wäre, dann wäre es gut, dann könnte die Umstellung zur Gemeinwirtschaft beginnen.

    1920, 42 · Sch.

  • Sozialismus

    — Jg. 1929, Nr. 32 —

    Ein Arbeiter unter den Lesern der Sonntags-Zeitung hat mir vor längerer Zeit einen Brief geschrieben, der mit den Worten schließt: Glauben Sie an den Sozialismus? Wenn ja: wann sind wir für den Sozialismus reif?

    Da ich mir inmitten der heutigen Gesellschaftsordnung immer als Sozialist vorkomme und es wenigstens solange zu bleiben gedenke, als wir keine sozialistische Gesellschaftsordnung haben, so gestehe ich nicht ohne Befangenheit, daß ich auf diese Fragen bis heute keine Antwort gefunden habe. Sie scheinen mir eine verdächtige Ähnlichkeit mit der Frage nach Gott und dem ewigen Leben zu haben, auf die ich ebenfalls keinen Bescheid weiß; die ich aber vorsichtshalber zu verneinen pflege, denn ich kann mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß der Fragesteller sich dabei etwas denken wird, was ich ablehne. Wahrscheinlich versteht auch mein Freund, der sich nach meinem Glauben an den Sozialismus erkundigt hat, eine Art von Reich Gottes auf Erden darunter, in dem keiner mehr etwas für sich haben will. In diesem Fall würde ich alle meine Lebenserwartungen in den Wind schlagen müssen, wenn ich Ja sagen wollte.

    Nein, ich glaube nicht an einen Sozialismus, zu dem man erst „reif“ werden müßte. Aber ich bin Sozialist, denn ich hasse und verachte diese Gesellschaft, in der die Drohnen von der Ausbeutung der Bienen leben dürfen, und ich kann mir nichts Unwirtschaftlicheres denken als den Wirtschaftsapparat, der zu diesem Zwecke in Bewegung gesetzt wird. Ich bin überzeugt, daß eine gerechte Ordnung und eine wirtschaftlichere Wirtschaft möglich ist, ohne das vorher aus Menschen Engel zu werden brauchten.

    Eben weil die Menschen keine Engel sind, muß hiezu die sogenannte „freie“ Wirtschaftsordnung, in der wir leben, durch eine gebundene abgelöst werden, in der jeder, ob er will oder nicht, seinen Dienst zu erfüllen hat, und in der die Güter nicht ins Blaue hinein, sondern nach einem Plan erzeugt und verteilt werden. Über den Weg zu diesem Ziel getraue ich mir nicht eine Ansicht zu äußern, die den Anspruch auf Alleingültigkeit erheben könnte. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß es verschiedene Wege dazu gibt, ja daß es sogar auf Umwegen erreichbar ist. Ich begrüße jede Annäherung an das Ziel, gehe sie aus, von wo sie wolle; und mißtraue jedem Ismus, der die Patentlösung in der Tasche zu haben behauptet. (Auch dem Marxismus.) Insbesondere bin ich mir keineswegs so ganz klar darüber, ob die Durchführung des Sozialismus von einer gewaltsamen, blutigen Umwälzung bedingt (und andererseits garantiert) ist. Die Geschichte lehrt allerdings, daß herrschende Klassen ihre Macht nicht freiwillig aus der Hand zu geben pflegen. Aber ich weiß nicht, ob diese Geschichte schon lange genug gedauert hat, daß man behaupten könnte, was bisher so oder so gewesen sei, müsse überhaupt und immer so sein.

    *

    Alle mehr oder weniger gelehrten bürgerlichen Einwände gegen den Sozialismus gehen aus einer Wurzel hervor, deren populäre Formel lautet: da nicht alle Menschen gleich sind, so können sie auch nicht alle gleichviel haben wollen. Gegen die Demokratie, die politisch „alles gleichmachen“ wolle, hat man seinerzeit ähnlich argumentiert. Ihre Vertreter haben mit Recht erwidert, daß sie nicht alles gleichmähen, aber allen gleichen Start geben möchten. Was hat der Sozialist auf jenen Vorwurf zu antworten?

    Es stimmt schon, daß nicht alle Menschen gleich sind, so wenig wie alle Baumblätter, alle Katzen oder alle Wanzen. Aber bis an einen gewissen Punkt sind sie alle gleich: alle müssen essen, wenn sie Hunger haben, alle müssen sich kleiden und ein Dach über dem Kopf haben, wenn sie nicht frieren sollen, und alle müssen sterben, wenn sie krank oder alt sind. Solange das so sein wird, solange hat jede menschliche Gesellschaft die Pflicht, ihre einzelnen Mitglieder vor Hunger und Frost zu bewahren und in Krankheit und Alter zu pflegen, und das Recht, die hiezu erforderliche Arbeitsleistung auf alle zu verteilen; jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft hat umgekehrt das Recht, die Sicherung seiner Existenz zu beanspruchen, und die Pflicht, zu dem hiezu nötigen Aufwand sein Teil beizusteuern. Für die kleinste gesellschaftliche Gruppe, die Familie, gilt dies als selbstverständlich, ohne daß man diesen Sozialismus groß als solchen bezeichnet. Auch noch in der altgermanischen Dorfgenossenschaft und in der mittelalterlichen Stadt hat es diesen Sozialismus gegeben. Heute gehören wir, wohl oder übel, größeren gesellschaftlichen Verbänden an. Ist es nicht selbstverständlich, daß auch jene Pflicht und jenes Recht sich auf sie vererben muß?

    Keiner hat dies so überzeugend begründet und gleichzeitig die Durchführung der Forderung technisch so vollkommen ins einzelne durchdacht wie der Wiener Ingenieur und Soziologe Popper-Lynkeus in seinem Werk über die „Allgemeine Nährpflicht“, dessen Studium vielleicht als Ergänzung zu Karl Marxens Parteibibel manchen eifrigen Sozialisten empfohlen werden darf. Und ein anderer Nichtmarxist, der sich ebenfalls Gedanken nicht bloß über den Weg, sondern das Ziel gemacht hat, Wichard von Moellendorff, hat vor Jahren in dieser Zeitung erklärt, daß ein vierstündiger Arbeitstag genügen würde, um die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft durch arbeitsteilige Arbeit zu decken.

    *

    An dem Punkt, wo die Menschen ungleich werden (und das können sie erst, wenn die allen gleichen Bedürfnisse befriedigt sind), hört die Notwendigkeit und das Recht des Sozialismus auf. Von da an wäre Sozialismus nicht Hilfe, sondern Vergewaltigung. Wenn einmal eine überspannte „sozialistische“ Epoche käme, wo die Menschen, die jetzt unter dem Banner der individualistischen „Freiheit“ den Kampf aller gegen alle führen, gewissermaßen alle in einer großen Kaserne leben müßten, dann wäre es an der Zeit, dem Sozialismus den Kampf anzusagen. Aber darüber brauchen wir uns heute wahrhaftig keine Sorgen zu machen.

    1929, 32

  • Weder Berlin noch Weinsberg allein

    Weder Berlin noch Weinsberg allein

    — Jg. 1920, Nr. 37 —

    Mein Freund hat mich aus Berlin geholt und ist mit mir nach Weinsberg spaziert. Dort hat er mir von der Höhe her das Tal gezeigt und mich gemahnt: „Euer Berlin ist ein Umweg, eine Sackgasse, ein endloser Sumpf. Kehr zurück in unser Idyll. Hier ist Gleichmaß, Glück, Gemeinschaft, Gerechtigkeit. Mach aus Deutschland eine Welt voller Weinsberge. Überwinde das Neue durch das Alte.“ Was soll ich darauf antworten? Einem selbst steht vor dem Erinnerungsbild das Herz beinahe still. Man stößt auf Schritt und Tritt an Ecksteine des Heimwehs. Jedes krumme Gäßchen, jedes hohe Dach, jeder Nußbaum lockt rückwärts. Jede Villa, jedes Autoschild, jeder Schornstein schmerzt. Wozu predigt nun auch noch der Freund! Da, da pfeift eine Lokomotive. Weinsberg, soviel von dir noch lebt, unzertrümmert noch im Safte strotzt: dankst du es nur dem Mittelalter, das dich aufbaute, oder dankst du es gar zur Hälfte eben der Eisenbahn, der Technik, der Arbeitsteilung mit Berlin? Es gibt kein Zurück. Hüte dich vor dem Kanonenkampf, aber auch vor dem Konkurrenzkampf mit Berlin. Die Spuren deiner zermalmten Feste, aber auch die Spuren deiner provinziellen Nachahmung des Modernen schrecken. Verweichliche mich nicht. Gesetzt den Fall, ich wäre ein zärtlicher Liebhaber deiner Museumschönheit und schlöße dich ab und zöge aus dich zu rühmen: wir röchen alsbald zusammen nach der Mottenkiste oder nach Moder. Wenn nicht Berlin, dann London, wenn nicht London, dann Newyork, wenn nicht Newyork, dann Moskau wäre stärker als unsere Sentimentalität. Denn wie auch immer: der Schaffende hat Recht.

    Ich bin wieder in Berlin. Allabendlich fliehe ich vor dem Fieber der Arbeit ins Freie, zur Ruhe, unter das dämpfende Zudeck einer sogenannten Gartenvorstadt. Ein Gift zerfrißt mich, und nicht allein mich, nicht allein uns Menschen, auch unsere Bauten, ja unsere Blumen: es gibt eine tausendblütige Kletterrose, die aussieht wie die Massenware einer Fabrik. Kann man sich etwas Entsetzlicheres erdenken als eine mechanistische Fratze der Natur? Stauden oder Roßkastanien, die eingerichtet — eingerichtet! — sind, rasch, um jeden Preis rasch zu wirken — zu wirken! -?

    Das Gift heißt Hast. Berlin ist ein Karussell. Personifiziertes Tempo hastet und rast und stampft über mich und die anderen hinweg und verwandelt unser Dasein in eine Hölle. Denn, so flackert es in meinem Gehirn zwischen Wachen und Schlafen, Narr, der du warst, als du Weinsberg verleugnetest und verließest, gewiß hat der Schaffende Recht, aber bist du dich Drehender, du im Kreis Gedrehter wirklich ein Schaffender? Was hat dein neunzehntes Jahrhundert, was hat deine Maschine, was hat dein Berlin vollbracht? Lief nicht immer wieder der Hunger schneller als die Sättigung? Türmte der Fortschritt nicht einfach immer wieder den heutigen auf den gestrigen Unrat? Wo blieb sein Werk? Bestand sein letzter Selbstzweck nicht im Auflösen? Und läßt sich daran irgend etwas ändern, solange du dem Glauben nachjagst, mit Hilfe von Erfindung, Rotation, Industrie die Übervölkerung fördern zu sollen? So träume ich denn in einen neuen Morgen hinein die gräßlichen Gesichter einer quälerischen Wahl.

    Ich werde noch einmal nach Weinsberg fahren, um die Fibel niederzuschreiben, die mich vom Entweder-Oder befreit. Ich will ein Ding vor Augen haben, dem es lohnt, mein Ziel anzuähneln oder doch ebenbürtig zu gestalten. Ich will Berlin als Werkzeug im Rücken haben; das Konservieren genügt mir nicht, ich will bauen. Ich mag mich nicht in die Aussicht bescheiden, daß „nun einmal weniger geboren und mehr gestorben werden muß“. Mich ekelt vor dem billigen Nihilismus, der nichts mehr versucht, weil er sich mit seiner Romantik und seiner Rationalität blamiert hat, und mich widert der Schwindel an, der in die Rationalität Romantik hineingeheimnißt. Ich sehne mich nicht nach einem Ausweg aus dem Seienden. Ich vertraue auf den Sinn des Daseins. Ich verlange danach, Verstand und Gefühl zu vereinigen, ohne sie zu vermantschen; jener muß so unterworfen werden, daß er diesem zur Zufriedenheit dient. Ich ahne eine Gesellschaftsordnung von ungefähr folgendem Gepräge:

    Jeder Erzeugte hat neben jedem anderen Erzeugten gleiches Recht und gleiche Pflicht zu produzieren und zu konsumieren. Da nach der bisherigen Erfahrung jeder Mehrkonsum eine mehr als proportionale Mehrproduktion erfordert und deshalb „das Glück“ nicht mehrt, sondern mindert, so beschränkt die Gesellschaft ihre mechanistisch-arbeitsteilige Produktion auf die Deckung desjenigen Bedarfes, den sie als das Existenzminimum ihrer Mitglieder anerkennt. Diese Produktion wird von allen arbeitsfähigen Mitgliedern mit gleichwertigen Anteilen bewerkstelligt, und zwar so rationalistisch und intensiv wie möglich. Wahrscheinlich genügen Bruchteile der jetzigen durchschnittlichen Arbeitszeit, um der Gesellschaft das Existenzminimum zu sichern. Um den Rest der menschlichen Arbeitsfähigkeit kümmert sich die Gesellschaft nur insoweit, als sie außerhalb der gesellschaftlich organisierten Produktion jede Art von „Arbeitgeberschaft“ verbietet. Du magst in deiner freien Zeit auf dem Rücken liegen oder musizieren oder Obst züchten oder dein Kleid zieren oder Löffel schnitzen oder Regenrinnen flicken oder Knöpfe verkaufen; aber „Arbeitnehmer“ anzuwerben ist dir untersagt.

    Das Getriebe Berlin und du, ein Rädchen in ihm, schaffen, verschaffen dir Spielraum, nicht mehr: nur Spielraum, in dem du dir dein Weinsberg formen magst, wie es dir gefällt. Berlin ist außerstande, ein Schöpfer von Weinsberg zu sein. Aber es ist, in die Grenzen einer bewußten Aufgabe eingeschlossen, imstande, dir fünf Sechstel oder drei Viertel deines Tages so zu überliefern, als wärest du noch ein Weinsberger. Dahin hat alles Bemühen der letzten Jahrzehnte gedrängt. Was fehlte, war die Erkenntnis, daß „aus sich heraus“ der materielle Eifer niemals eine Idee gebären konnte.

    1920, 37 Wichard von Moellendorff

    Siehe auch:https://www.dhm.de/lemo/biografie/wichard-moellendorff

  • Aufgepaßt, ohne Stelzen

    Aufgepaßt, ohne Stelzen

    Leben und Werk Erich Schairers

    — StZ vom 29. Mai 1982 · Von Richard Schmid

    Es gibt eine ansehnliche Reihe von Deutschen, deren Lebenslauf und Lebenswerk für die erste Hälfte dieses Jahrhunderts exemplarische Bedeutung haben. Aber bei wenigen wird das Gewebe dieser Zeit, werden die Muster darin so markant und scharf sichtbar wie bei Erich Schairer, dem Mitherausgeber dieser Zeitung von 1946 bis 1955, der im Jahre 1956 im Alter von neunundsechzig Jahren gestorben ist. Über diesen Mann ist im vergangenen Jahr unter dem Titel „Der Gratgänger — Welt und Werk Erich Schairers“ eine gut geschriebene Biographie von Will Schaber erschienen (Verlag K. G. Saur, München). Das Folgende ist teils daraus geschöpft, teils stammt es aus eigener Erinnerung und persönlicher Freundschaft. Den Verdacht, nicht ganz objektiv zu sein, muß ich hinnehmen.

    Es wird sich dabei ergeben, daß das Schicksal Schairers nicht nur jene exemplarische Bedeutung für seine Zeit hat, sondern daß er überdies recht viel Besonderes und Originelles an sich hatte. Trotz aller Welterfahrung und hoher Bildung blieb er sein Lebtag ein urwüchsiger Schwabe, im Umgang und Ausdruck derb, fast rauh, von einer Art, die ihn gelegentlich im Verhältnis zu glatter abgehobelten Mitmenschen, die sich den Umständen und Zwecken besser anpaßten, in Gegensatz und Konflikt brachte. Nicht daß ihn sein in der Wolle gefärbtes schwäbisches Wesen provinziell gemacht hätte — so wenig wie etwa Ludwig Thoma durch sein Bayerntum provinziell geworden ist. Das Landsmannschaftliche gab ihm Schwerpunkt und Selbstbewußtsein.

    Zuerst ein paar dürre Daten: Schairer ist 1887 als Sohn eines Schullehrers in Hemmingen, Oberamt Leonberg, geboren. Er wird Primus im „Landexamen“, jener Einrichtung, die vor allem begabten Beamtensöhnen kostenlos die evangelisch-theologischen Seminare Württembergs öffnet, humanistische Schulen, herausgewachsen aus den evangelischen Klosterschulen, die den einheimischen evangelischen Pfarrernachwuchs sichern sollen. Von der Schule im Kloster Blaubeuren, wo viel Lateinisch, Griechisch und Hebräisch betrieben wird, kommt er ans Tübinger Stift. Dort studiert er bis 1909 Theologie, wird zum Pfarrer ordiniert, wird Pfarrgehilfe (Vikar) in verschiedenen Pfarreien und an einem Lehrerseminar. Im Jahr 1911 bittet er um Entlassung aus dem Kirchendienst, weil er die Glaubensverpflichtungen nicht erfüllen könne. Die Kirchenbehörde bewilligt die Entlassung schließlich.

    Schairer wird Journalist; daneben verfaßt er eine Doktorarbeit über „Christian Friedrich Daniel Schubart als politischer Journalist“. Einige Zeitgenossen werden für ihn bedeutsam: unter anderen der Philosoph Christoph Schrempf, der schon 1892 aus ähnlichem Konflikt die Kirche verlassen hat und in Stuttgart lebt und schreibt; Hans Erich Blaich, der Dr. Owlglass des „Simplicissimus“, mit dem er eine lebenslange Freundschaft schließt. Er wird Anhänger und schließlich Sekretär des demokratischen Politikers und Sozialreformers Friedrich Naumann und — neben und nach Theodor Heuss — Redakteur an der Naumannschen Zeitschrift „Die Hilfe“. Im Krieg ist er zuerst Soldat, alsdann wird er vom Auswärtigen Amt angefordert als Sekretär der Deutsch-Türkischen Vereinigung in Konstantinopel. Im Jahre 1918 wird Schairer politischer Redakteur an der „Heilbronner Neckarzeitung“, als Nachfolger von Theodor Heuss, wobei es bald zu Spannungen mit dem Verleger und zur Kündigung wegen der radikaldemokratischen Richtung Schairers kommt.

    Schairer macht sich mit dem Wochenblatt „Sonntagszeitung“ zuerst in Heilbronn, dann in Stuttgart selbständig. 1933 wird ihm die Politik verboten, schließlich die journalistische Tätigkeit überhaupt untersagt. Er sucht sich und seine vielköpfige Familie als Weinvertreter durchzubringen. Im Krieg wird er schließlich dienstverpflichtet — als Fahrdienstleiter am Bahnhof Lindau. Nach dem Krieg wird er 1946 Lizenzträger und Mitherausgeber der „Stuttgarter Zeitung“.

    Es sollen nun einige Stationen dieses Lebens dargestellt und dokumentiert werden, vorwiegend mit Hilfe Schairerscher Texte, wodurch nicht nur seine Gedankenwelt, sondern auch, was nicht weniger wichtig ist, seine schlichte, jeden Mode- und Bildungsschmuck verschmähende, verdichtete Sprache deutlich werden soll.

    Als 1911 seine Verwendung als „Professoratsverweser“ am Esslinger Lehrerseminar zu Ende geht und er ins Pfarramt zurückkehren soll, bittet er um seine Entlassung: „Da ich es mit meiner persönlichen Überzeugung nicht mehr vereinigen kann, die von mir seinerzeit leichtsinnigerweise übernommene und während meiner früheren kirchlichen Amtstätigkeit bereits mehrfach verletzte Verpflichtung für den Dienst an der Evangelischen Landeskirche Württembergs wieder auf mich zu nehmen, so bitte ich das Konsistorium, mich aus diesem Dienst entlassen zu wollen.“

    Zur Begründung gibt er den Wortlaut der von ihm beschworenen „Augsburger Konfession“ wieder und sagt: „Als ich, frisch von der Hochschule weg, im Sommer 1909 als ‚Pfarrgehilfe‘ verpflichtet und in der Eßlinger Stadtkirche feierlich ordiniert wurde, machte ich mir über den Inhalt dieser Verpflichtung kaum Gedanken, obwohl ich das Augsburgische Glaubensbekenntnis kannte. Ich hatte es nicht allzulange vorher fürs Examen großenteils auswendig gelernt, natürlich ohne es nur einen Augenblick für mich selber anzunehmen. Dreieinigkeit, Erbsünde, Menschwerdung des Gottessohnes, Opfertod, Höllenfahrt, Auferstehung, Wiederkunft, ewige Verdammnis, Verwandlung beim Abendmahl — alles das war für mich Aberglaube, im besten Fall Symbol, aber nicht ‚wahrhaftig‘. Ich hielt den Glauben an diese ‚Heilstatsachen‘ auch wirklich bei der Ausübung des Pfarramts nicht für entscheidend. Aber als ich dann mein Amt auszuüben begann, da kam ich bald in eine böse Zwickmühle. Einerseits war ich verpflichtet, bei den Amtshandlungen dauernd jene Sätze, die für mich Formeln waren, in den Mund zu nehmen, und getraute mich nicht, das zu unterlassen; andererseits hütete ich mich in Predigt und Unterricht sorgfältig, etwas zu sagen, was ich nicht vor mir selber vertreten konnte. So kam ich mir beim Aussprechen der liturgischen Formeln des Glaubensbekenntnisses und dergleichen mehr und mehr als ganz kläglicher, charakterloser Pfaffe vor, als Schauspieler, der seinen Spott mit dem trieb, was anderen heilig war.“

    Der hohe Geistliche des Konsistoriums versucht, Schairer das Gesuch auszureden und sich vorerst mit einem Urlaub zu begnügen. Aber Schairer besteht auf der Entlassung.

    Seine Meinung über das Pfarramt legt er einige Zeit später in einem Briefwechsel mit einem Pfarrer nieder, der die menschlichen Beziehungen und Verpflichtungen des Pfarramts nicht aufgeben will, aber den dogmatischen und obrigkeitlichen Zwang nicht verträgt und der nun Schairer fragt, was er tun solle. Dem rät er: Du mußt aus der Kirche heraus, aber Pfarrer bleiben. Er gibt ihm Ratschläge, wie er sich mit dem Kirchengemeinderat verständigen soll über die Weiterführung des Amtes nach dem Austritt. „Eine Dorfkirche bleibt stehen, wo sie steht; die wird auch wohl das Konsistorium nicht wegtragen.“ Der Briefwechsel ist wohl irreal, aber verständig und verständlich. Ich würde ihn in diese Darstellung nicht aufnehmen, wenn sich nicht in der Zeit des Nationalsozialismus, als die Kirchenleitung noch durchaus auf Anpassung an das Regime bedacht war, in Württemberg ein entsprechender Fall wirklich ereignet hätte: der Kirchengemeinderat eines Dorfes bei Vaihingen an der Enz hat einem Pfarrer, der aus politischen Motiven der Kirchenbehörde ungehorsam gewesen und von ihr entlassen worden ist, seine Kirche samt Pfarrhaus zur Ausübung des Pfarramts überlassen. Das war der Fall des Pfarrers Paul Schempp, nach dem Krieg Professor an der Universität Bonn; Näheres darüber in dem Buch von Professor Ernst Bizer „Der Fall Schempp“, erschienen 1965.

    Im übrigen hat der Konflikt des Klosterschülers, Stiftlers und Vikars Schairer auch eine interessante historische Parallele. Es ist der Fall des Balinger Vikars Karl Friedrich Reinhard, geboren 1761 in Schorndorf. Auch der hat den Drang zur Publizistik und veröffentlicht einen satirischen Artikel über die Klosterschule und das Stift, muß fliehen, als seine Verfasserschaft bekannt wird, wird Hauslehrer in Frankreich, tritt dort in den diplomatischen Dienst, zuerst der Republik, alsdann Napoleons, dann der Könige und wird schließlich Pair von Frankreich und, eine noch höhere Auszeichnung, Goethes hochgeachteter Freund, Gast und Korrespondent.

    Der Gegenstand der Schairerschen Doktorarbeit ist Schubarts „Deutsche Chronik“, die ihrem Verfasser die zehnjährige Haft auf dem Hohenasperg eingetragen hat. Schairer untersucht darin die Gründe, aus denen die politischen Ideen und Bewegungen in Frankreich und Nordamerika während der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Deutschland zwar von einzelnen literarisch ergriffen wurden, aber nicht in die Breite drangen:

    „Jetzt wäre der geeignete Moment für das Entstehen einer politischen Presse dagewesen. Das Material für einen politischen Anschauungsunterricht in großem Stil war geliefert. Aber es zeigte sich, daß die Lehrkräfte versagten. Ideen in sich tragen und Ideen verbreiten, Denken und Schreiben ist nicht ein und dasselbe; und Menschen, die das Gehorchen so gut gelernt hatten, denen das Unterworfensein so in Fleisch und Blut übergegangen war — wo hätten sie die Kühnheit hernehmen sollen, nun auf einmal frei von der Leber weg zu schreiben und keine Rücksicht zu nehmen? Und den Fall gesetzt, der Wille dazu wäre wirklich vorhanden gewesen — so fehlte die Macht. Denn alle die Herrschenden in Deutschland, bis herunter zum kleinsten Abt und Reichsbaron, zählten unter ihre selbstverständlichen Privilegien die unbeschränkte Aufsicht über das geschriebene (gemeint ist auch: das gedruckte) Wort.“

    Im August 1914 bricht der Krieg aus. Die demokratische Verspätung Deutschlands ist immer noch so stark, daß Parlament und öffentliche Meinung politisch so gut wie machtlos und leicht über die wahren Kriegsursachen und die Situation Deutschlands irrezuführen sind. Schairer meldet sich freiwillig als Soldat. Sein verehrter Chef und Freund Friedrich Naumann entwickelt sich vom demokratischen Sozialreformer zum Imperialisten. Es ist die Zeit der Bagdad-Bahn-Pläne. Schairer wird vom Kriegsdienst wegreklamiert und wird Sekretär der Deutsch-Türkischen Vereinigung in Konstantinopel, der Hauptstadt des großen und schwachen Osmanischen Reichs. Zeitweise macht Schairer Redaktionsarbeit an deutschen Zeitungen, zuerst in Hamburg und schließlich an der „Neckarzeitung“ in Heilbronn. Er bewegt sich, was den Krieg betrifft, auf der offiziellen patriotischen Linie: es handele sich um einen „uns aufgezwungenen Verteidigungskrieg“. Noch Anfang September 1918 glaubt er an den Sieg, wie fast alle schmählich belogenen Deutschen. Den Zusammenbruch 1918 erlebt er in Odessa. An Weihnachten 1918 ist er zu Hause und tritt als politischer Redakteur in die „Neckarzeitung“ ein.

    Nun treten wieder sozialreformerische Ideen, Planwirtschaft, der Schutz des kleinen Mannes und des Konsumenten in den Vordergrund. Von Naumann hat er sich gelöst. Schon während des Kriegs ist er auf die Reformideen Wichard von Moellendorffs gestoßen, Oberingenieur bei der AEG und Mitarbeiter Walther Rathenaus. Diese Beziehung führt zu lebhafter literarischer Mitarbeit und auch zu persönlichen Kontakten mit Rathenau. Es handelt sich um Entwürfe einer unmarxistischen deutschen Gemeinwirtschaft unter Beteiligung der Arbeiter und Angestellten — Strebungen, die in den Jahren nach dem Umsturz von 1918 die öffentliche Diskussion beherrschen und die sich auch in einigen Artikeln der Weimarer Verfassung und in der Schaffung des Reichswirtschaftsrats niedergeschlagen haben. Es wird in der Praxis nichts daraus, weil das reaktionäre Bürgertum bald wieder im Parlament und vor allem auch in der Presse die Oberhand gewinnt. Walther Rathenau, Präsident der AEG, einer der ganz großen Unternehmer, hat gar in einer Schrift, die er Schairer zur Veröffentlichung übergibt, die Abschaffung des Unternehmers zugunsten der im Betrieb Tätigen gefordert.

    Schairer schont, nachdem der Zusammenbruch und die Revolution neue Erkenntnisse und Verhältnisse geschaffen haben, das alte monarchische Regime nicht. Das führt bald zu Spannungen mit dem Verleger, der gleichzeitig ein deutschnationales Blatt herausgibt. Im Bürgertum regen sich bald wieder die Sympathien mit den alten Gewalten und Gestalten. Anlaß zu einem akuten Konflikt ist ein Korrespondenzbericht über die Vernehmung eines der übelsten Scharfmacher der Kriegszeit, des früheren Staatssekretärs des Reichsschatzamtes, Karl Helfferich. Der hat bei seiner Vernehmung vor dem Reichstagsausschuß, der die Politik der kaiserlichen Regierung zu untersuchen hat, eine perfide Variante der Dolchstoßlegende dargeboten: schuld an der Niederlage sei, daß die U-Boot-Waffe nicht unbeschränkt eingesetzt worden sei. Dem Bericht über diese Vernehmung will Schairer folgende redaktionelle Bemerkung vorausschicken:

    „Im Parlamentarischen Untersuchungsausschuß kam es gestern bei der Vernehmung Helfferichs zu lebhaften Auseinandersetzungen. Helfferich ist als Redner sehr temperamentvoll (man erinnert sich noch an jene Situation im Reichstag, wo sein unverschämtes Auftreten dem damaligen Staatssekretär allen Kredit raubte); er ist ein geschickter und mundfertiger Debatter, den keine allzuschweren Gewissens- oder Charakterskrupel belasten. Nach dem Grundsatz ‚Die beste Parade ist der Hieb‘ hat Helfferich gestern den Stiel umzudrehen und gegen seine heutigen Ankläger vorzugehen versucht… Interessant mag bei der Sache noch die Teilnahme des Publikums sein, das sich demonstrativ auf die Seite der … Säulen des alten Regimes stellte und vor dem Reichstagsgebäude mit schwarz-weiß-roten Fahnen aufmarschiert war, um Hindenburg und Ludendorff zuzujubeln, die dann freilich nicht erschienen.“

    Diese beiden erscheinen dann in der nächsten Sitzung und wiederholen die Lüge vom Dolchstoß.

    Die Schairersche Vorbemerkung kratzt sein Verleger ohne Wissen und Einwilligung Schairers aus der Druckplatte heraus; das Blatt erscheint mit einer weißen Lücke auf der ersten Seite.

    Dieser Vorgang hat inzwischen historische Perspektive gewonnen. Drei Monate später bricht der Kapp-Putsch aus. Die Dolchstoßlüge ist, neben der Judenhetze, der Hauptschlager der Hitlerschen Propaganda von Anfang an. Der Weg zum Dritten Reich ist damals beschritten worden.

    Für Schairer ist der Bruch mit der Zeitung damit vollzogen. Er entschließt sich, ein eigenes Organ, eine politische Wochenschrift, herauszugeben. Die erste Nummer erscheint schon im Januar 1920; es ist die „Heilbronner Sonntagszeitung“. Inserate sollen anfänglich die Unkosten decken helfen, aber allmählich, im Interesse der Unabhängigkeit, abgebaut und schließlich abgeschafft werden. Letzteres ist schon 1924 erreicht. Im Jahr 1925 ziehen Schairer und das Blatt nach Stuttgart. Der Absatz steigt stetig von zweitausend Exemplaren (1920) bis auf achttausend (1932). „Die Sonntagszeitung“, wie sie nun heißt, ist im ganzen Reichsgebiet verbreitet, allerdings kaum in Bayern. Was das Programm, den Umfang, die Themen und Tendenzen, die Mitarbeiter, das Verhältnis zu den Lesern betrifft, so sei auf die faktenreiche Darstellung in der Schaberschen Arbeit verwiesen. Die Richtung geht deutlich nach links, aber ohne Bindung an eine Partei oder ein Dogma und mit ausgeprägter sozialer Note. Das Thema Plan- und Gemeinwirtschaft tritt allmählich zurück zugunsten des schlichten Konsumenten- und Lohnarbeiter-Interesses. Erwähnt sei, daß die besondere Begabung des jungen Josef Eberle (Pseudonym „Tyll“) für die politische Verssatire durch Schairer für die „Sonntagszeitung“ entdeckt und gepflegt wird. Zum Profil der Sonntagszeitung tragen auch die drastischen Holzschnittkarikaturen von Hans Gerner bei.

    Zwei Farben der politischen Palette Schairers treten besonders hervor: erstens die Lehre aus dem Schock des Kriegsendes, das ihm gezeigt hat, wie wichtig die freie Unterrichtung der Öffentlichkeit, die Unabhängigkeit der Presse von staatlicher und sonstiger Macht und die demokratische Kontrolle der Regierung sind, woraus im Fall Deutschland speziell ein scharfer Antimilitarismus und Pazifismus folgen; zweitens: der Kampf gegen den immer weitere, auch kirchliche Schichten befallenden Antisemitismus. Dieser Kampf zieht sich durch alle Jahrgänge der „Sonntagszeitung“. Dazu sei nur ein Satz des langjährigen Mitarbeiters Hermann Mauthe zitiert: „Das Christentum wurde von einem Juden begründet und der neudeutsche Antisemitismus von einem Hofprediger.“ (Gemeint ist der Berliner Hof- und Domprediger Adolf Stöcker.)

    Das Verhältnis zur NSDAP ergibt sich aus alledem von selbst. Daß die „Sonntagszeitung“ nach der „Machtergreifung“ nicht überhaupt verboten, sondern daß im April 1933 nur eine Nummer beschlagnahmt wird, wird darauf zurückgeführt, daß einer der Stuttgarter Machthaber eine persönliche Regung zugunsten Schairers verspürt. Es wird ihm aber sofort die Befassung mit der Tagespolitik verboten. Bald häufen sich von außerhalb Württembergs die Beanstandungen. Schairer verschafft sich einen der Partei genehmen Redakteur, um nominell auszuscheiden. Er versteht es bis 1937, als er das Blatt ganz aufgeben muß, in einigen Rubriken die Leser versteckt kritisch zu unterrichten. Für viele bleibt die „Sonntagszeitung“ hochbegehrte Wochenlektüre. Besonders ergiebig sind die volkswirtschaftlichen Wochenartikel des Mitarbeiters „Fritz Werkmann“, hinter dem sich ein illegal in Deutschland lebender, von der Gestapo gesuchter Sozialist H. von Rauschenplat verbirgt, der schließlich emigriert und nach dem Krieg unter dem neuen Namen Fritz Eberhard zurückkehrt, Intendant des Süddeutschen Rundfunks wird, alsdann Professor an der Freien Universität in Berlin. Der teilt den Lesern in einer mit Statistiken garnierten Abhandlung zum Beispiel mit, daß eine der ersten Regierungsmaßnahmen — außer der Einrichtung der KZ und der Entlassung von Nichtariern — die Abschaffung der Sektsteuer gewesen sei und wie daraufhin der Sektkonsum (wessen?) so enorm gestiegen sei oder (in der Nummer vom 20. September 1936) wie die neue Regierung die Preiskartelle der Industrie und des Handels begünstige und daß diese Preiskartelle naturgemäß preiserhöhend wirkten. Diese verbraucherfeindliche Preispolitik hat sich übrigens noch lange in die Bundesrepublik fortgesetzt; es ist mühsam gewesen, die dadurch begründeten Preisbindungen abzubauen.

    Im selben Jahr 1936 (Nummer vom 26. Januar) erscheint ein kurzer Artikel des philosophischen Mitarbeiters Kuno Fiedler (übrigens auch ein wegen dogmatischen Ungehorsams 1922 aus der lutherischen Kirche Sachsens ausgeschiedener Theologe), eines nahen Freundes von Thomas Mann. Dieser Artikel enthält einige gewagte Wendungen zugunsten Thomas Manns, dessen bitterer Konflikt mit den Nazis längst ausgebrochen ist, dessen Münchner Haus bereits von der SS okkupiert ist und dessen Ausbürgerung noch im selben Jahr verfügt wird. Allerdings wird schon im September dieses Jahres Kuno Fiedler von der Gestapo verhaftet, weil er, so wird ihm erklärt, mit der „Spionagezentrale“ des Thomas Mann zusammenarbeite. Fiedler gelingt eine abenteuerliche Flucht aus dem Gefängnis; womit wir wieder zu Erich Schairer zurückkehren. Denn auf der Flucht in die Schweiz findet Fiedler zuerst Zuflucht im Schairerschen Haus in Sulzgries bei Esslingen und Geld für die weitere Reise. Er wird von Frau Schairer nach Allensbach am Bodensee gelotst, wo der befreundete Maler Marquard eine bescheidene Pension am Seeufer betreibt. Mit Schairer ist ein Stichwort vereinbart, mit dem sich Flüchtige melden sollen, um ans Schweizer Ufer zu kommen. Das geschieht. Am 27. September ist Fiedler schon, wie Thomas Mann seinem Bruder Heinrich schreibt, in Zürich bei ihm. Derselbe „wackere Tell“ (so Thomas Mann) hat übrigens kurz darauf, von mir nach Allensbach geschickt, den Stettiner Fritz Lamm in die Schweiz gerudert, der vielen Stuttgartern und besonders Angehörigen der „Stuttgarter Zeitung“ in Erinnerung sein wird.

    Erich Schairer ist nach dem Krieg achteinhalb Jahre lang Mitherausgeber und Gesellschafter dieser Zeitung gewesen. Seine Energie mag durch die bösen Erlebnisse der Hitlerzeit gelitten haben. Zudem war er nur einer unter mehreren. Es war klar, daß das größere und vielfältige Unternehmen nicht nach dem Muster seiner alten Schöpfung, der „Sonntagszeitung“, betrieben werden konnte, die auf ihn zugeschnitten war. Es war nötig, Kompromisse zu schließen. Aber er hat doch eine Tradition der Unabhängigkeit der Zeitung schaffen helfen, die auch dem Außenstehenden nicht entgeht. Vor allem aber hat er, wie ich glaube, mit der ihm eigenen Gabe und mit großer Mühe für eine saubere und klare Sprache gearbeitet, was, wie mir scheint, noch unvergessen und wirksam ist. Zwar gibt es „allzumal Sünder“, und seine zwölf Sprachgebote, die er den Mitarbeitern hinterlassen hat, werden nicht immer befolgt, aber doch respektiert. Seine Rubrik „Fünf Minuten Deutsch“, auch als Büchlein erschienen, hat weit in die Leserschaft hineingewirkt.

    Erich Schairer hatte, so barsch und derb er manchmal im Umgang sein konnte, als Journalist jene wahre und höhere Höflichkeit, die sich in den Leser hineindenkt, sich dessen Begriffsschatz und Fassungsvermögen vergegenwärtigt, anstatt wie manche andere mit schicken Modewörtern oder aparten Fremdwörtern zu imponieren und auf Sprachstelzen zu gehen. Er verabscheute das, was ein anderer großer Meister der Einfachheit, Ernest Hemingway, die „Zehn-Dollar-Wörter“ genannt hat; und er brachte den Mut zur Banalität auf, um auf alle Fälle klar zu sein. In einer alten Nummer der „Sonntagszeitung“ habe ich folgenden Ausspruch Schairers gefunden: „Manche Leute haben es mit ihrer Bildung wie gewisse Krämer: sie präsentieren stets ihr ganzes Warenlager, um ihre Leistungsfähigkeit zu beweisen.“ Und aus „Fünf Minuten Deutsch“ sei folgendes schöne Beispiel aus einem Wirtschaftsteil zitiert: „Ein Fremdwörterprotz. Die Ursache des geringen Bauvolumens ist die Diskrepanz zwischen Baukosten und Miete.“ Schairer übersetzt das so: „Daß so wenig gebaut wird, kommt daher, daß die Baukosten hoch und die Mieten niedrig sind.“

    Damals, vor dreißig Jahren, war „Diskrepanz“ schick. Heute sind’s andere Stelzen. Schairer hat uns gelehrt, aufzupassen, auf andere und auf uns selbst.

    Leben und Werk Erich Schairers — ein Artikel von Richard Schmid in der Sonntagsbeilage der Stuttgarter Zeitung „Die Brücke zur Welt“ vom Samstag 29. Mai 1982 

    http://erich-schairer.de/wp-content/uploads/mp3/SDR-1989-12.mp3

  • Autoren der Sonntags-Zeitung

    Barth, Max

    von Deimling, Berthold

    Edinger, Fritz

    Ehrmann, Karl

    Endres, Franz Carl

    Emel
    Pseudonym von Abraham Gumbel

    Fehr, Karl
    Pseudonym von Max Barth

    Fiedler, Kuno

    Gerner, Hans

    Gumbel, Abraham
    Bankier aus Heilbronn

    Gumbel, Emil Julius

    Hagel, Jan
    Pseudonym von Hermann List

    Hammer, Karl

    Heller, Adam
    Pseudonym von Erich Schairer 

    Herrmann, Immanuel

    Hutzelmann, Hans
    Pseudonym von Erich Schairer

    Jacobi, Hugo 

    Ix
    Pseudonym von Max Barth

    Kazenwadel, Eugen
    Pseudonym von Erich Schairer 

    Knurrhahn
    Pseudonym von Max Barth

    Klux
    Pseudonym 

    Kury, Franz
    Pseudonym von Max Barth

    Kuttner, Ludwig 

    Lenz, Fritz
    Pseudonym von Hermann List

    List, Hermann

    Lutz, Hans
    Pseudonym von Hermann List

    Mara Bu
    Pseudonym von Max Barth

    Mauthe, Hermann

    von Moellendorff, Wichard

    ***
    Pseudonym von Erich Schairer 

    Momos
    Pseudonym 

    Mufti Bufti
    Pseudonym von Max Barth

    Müller, Fritz

    Oppenheimer, Franz

    Ott, Gerhard

    Owlglaß, Dr.
    Pseudonym von Hans Erich Blaich

    Peng
    Pseudonym von Max Barth

    Pfleiderer, Wolfgang

    Pickelhering
    Pseudonym von Josef Eberle

    Pitt
    Pseudonym von Hermann List

    Rathenau, Walther

    Rauschnabel, Robert
    Pseudonym von Erich Schairer

    Rieger, Konrad
    Pseudonym von Hermann List

    Sakmann, Paul

    Schaber, Will

    Schairer, Erich

    Schall, Wilhelm

    Scheurmann, Erich

    Schmidts, Ludwig H.

    von Schoenaich, Paul

    Severus
    Pseudonym von Josef Eberle

    -th
    Pseudonym von Max Barth

    Tyll
    Pseudonym von Josef Eberle

    Wendnagel, August
    Pseudonym von Erich Schairer

    Werkmann, Fritz 
    Pseudonym von Hellmut von Rauschenplat (1896-1982) 

    Wolf, Friedrich

  • Die allgemeine Nährpflicht

    Die allgemeine Nährpflicht

    — Jg. 1922, Nr. 30 —

    Nachdem sich die Marxisten als unfähig erwiesen haben, uns den Sozialismus zu bescheren (wahrscheinlich deshalb, weil wir nicht „reif“ dazu waren), kann man es uns nicht übel nehmen, wenn wir uns von der Beschäftigung mit dem „wissenschaftlichen“ Sozialismus ab- und anderen Lehren zuwenden: solchen, die zwar nicht so gelehrt sind und nicht so ,,historisch“ denken, aber sich dafür ein Bild zu machen suchen, wie die sozialistische Gesellschaft der Zukunft aussehen müßte und auf welchem Wege sie heraufzuführen wäre. Diese Sozialisten, denen die Wirklichkeit mehr ist als die Lehre, und die Zukunft wichtiger als die Vergangenheit, werden von den zünftigen Vertretern des Sozialismus seit Marx unter dem Namen der „Utopisten“ über die Achsel angesehen, weil sie eine „überwundene“ Stufe und wissenschaftlich nicht einwandfrei seien. Aber wir Laien, die wir uns doch auch für Sozialisten halten, können mit ihnen vielleicht mehr anfangen als mit den Hochgelehrten und ihren Nachbetern, die gezeigt haben, daß sie zwar auseinandernehmen, aber nicht zusammensetzen können.

    Ein solcher Utopist ist der österreichische Ingeniör Josef Popper mit dem Schriftstellernamen Lynkeus, der im hohen Alter am 21. Dezember 1921 gestorben ist. Als Ergebnis einer Lebensarbeit hat Popper Lynkeus im Jahr 1912 sein Buch über „Die allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage“ im Verlag von Carl Reißner in Dresden erscheinen lassen. Zu Lebzeiten des Verfassers hat das Werk in der Öffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit gefunden; jetzt, da er tot ist — so geht es gewöhnlich — wird man ihn „entdecken“ und vielleicht sogar einmal ein Denkmal für ihn setzen.

    Popper-Lynkeus geht in seinen Gedanken nicht vom Kapitalismus aus, sondern von der Not. Die möchte er beseitigen; wie es dann dabei dem Kapitalismus geht, ist ihm gleichgültig. Die Not ist die Begleiterscheinung oder Folge der Existenzunsicherheit, die das Kennzeichen unserer Wirtschaftsverfassung bildet. Es gibt in ihr, richtig gesehen, nur zwei Klassen: die kleine der gesicherten und die überaus große, nicht etwa bloß die Arbeiter umfassende, der ungesicherten Existenzen. Sie sind ständig bedroht, und zwar nicht so sehr und beständig von den allgemeinen Wirtschaftskrisen, als von den rein persönlichen zufälligen „Privatkrisen“, wie Popper sie nennt. Ein Maler, der blind wird; ein Arzt, der taub wird; ein Sparer, dessen Papiere gestohlen werden oder ihren Wert verlieren; ein Landwirt, der Mißwachs hat; ein Buchhalter, der wegen Differenzen mit dem Chef entlassen wird; eine junge Witwe, die den Ernährer verliert; eine Familie, die mit Krankheit heimgesucht wird; der Gartenwirt bei schlechtem Wetter, der Sommertheaterdirektor bei gutem: sie alle können an „Privatkrisen“ zu Grunde gehen, gegen die kein soziales Programm etwas hilft, weil sie unberechenbar sind. Es gibt nur ein einziges Mittel dagegen: die Garantie des Existenzminimums an Nahrung, Kleidung, Wohnung und ärztlicher Hilfe für jeden Mitbürger ohne Unterschied. Dies, aber nicht mehr, zu gewähren, ist Aufgabe und Pflicht der Gesellschaft; und ist möglich für die Gesellschaft. Was drüber hinausgeht, ist Sache des Einzelnen und muß ihm überlassen bleiben, Popper hält die volle Ausschaltung des privaten Gewinnstrebens, der freien Privatwirtschaft, wie sie etwa eine radikale Sozialisierung (z. B. der „wissenschaftlichen“ Sozialisten) sich denkt, für unmöglich (utopisch!) und auch nicht für wünschenswert.

    Die Voraussetzung der Lieferung des Existenzminimums an jeden Einzelnen, und zwar nicht in Geld, sondern in Natura, und zugleich die Gegenleistung des Einzelnen an das Ganze, ist die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht, die Aufstellung einer „Nährpflichtarmee“, in der alle männlichen und weiblichen Bürger eine bestimmte Zeit zu dienen haben; und die Gründung der nötigen Anzahl landwirtschaftlicher und industrieller Großbetriebe. Die Dienstzeit in der Nährarmee müßte nach Poppers Berechnung in Deutschland für Männer 13 Jahre und für Frauen 8 Jahre (vom 18. bis 30. bzw. vom 18. bis 25. Lebensjahr) dauern; bei einer täglichen Arbeitszeit von 7 bis 7½ Stunden.

    Popper trennt also das zum Leben Notwendige vom Überflüssigen. Für dieses will er die freie Wirtschaft mit Geld als Tauschmittel und freier Konkurrenz, also den „Kapitalismus“, erhalten wissen. Jenes will er „sozialisieren“: es soll durch die allgemeine Nährpflicht beschafft und „umsonst“, unter Vermeidung jeder Art von Geldwirtschaft, an jeden Staatsangehörigen von der Geburt bis zum Tode verteilt werden.

    Sein Programm lautet dementsprechend:

    „Die soziale Frage (als Frage nach der gesicherten Lebenshaltung aller) ist zu lösen durch die Institution einer Minimum- oder Nährarmee, die alles das produziert oder herbeischaffen hilft, was nach den Grundsätzen der Physiologie und Hygiene den Menschen notwendig ist; und falls es beschafft werden kann, noch etwas darüber hinaus, das heißt das, was zum Zwecke einer behaglicheren Lebenshaltung als wünschenswert gilt.

    Die Versorgung dieses Lebens- oder Existenzminimums geschieht in natura, also nicht in Geldform, ausnahms- und bedingungslos für alle dem Staate angehörigen Menschen; nur werden die Tauglichen unter ihnen durch eine allgemeine Nährpflicht verhalten, eine bestimmte Anzahl von Jahren in der Minimuminstitution, welche einem Ministerium für Lebenshaltung unterstellt ist, tätig zu sein.

    Die Minimuminstitution sichert jedem: Nahrung, Wohnung nebst Wohnungseinrichtung, Kleidung, ärztliche Hilfe und Krankenpflege. Alles das, was nicht zu diesem Minimum gehört, gilt als Luxus und bleibt der bisherigen freien Geldwirtschaft, mit Privateigentum und Vertragsfreiheit, vorbehalten, welche, da die Existenz aller gesichert ist, eventuell noch freier betrieben werden kann als heute.

    Neben dem in natura verteilten Existenzminimum wird noch ein sekundäres oder kulturelles Minimum ebenfalls bedingungslos, jedoch in Geldform, ausgeteilt, das es ermöglichen soll, Luxusbedürfnisse — durch Kauf aus der freien Privatwirtschaft — zu befriedigen.“

    Dem Leser wird die Verwandtschaft Poppers mit Wichard v. Moellendorff (auch einem Ingeniör!) aufgefallen sein. Auch dieser geht von der Unterscheidung zwischen Existenzminimum und Luxus aus. Jenes wünscht er sozialistisch und arbeitsteilig zu befriedigen; diesen will er freigeben, allerdings unter Ausschaltung arbeitsteiliger Arbeit, bei der Arbeitgeber und Arbeitnehmer entstehen. Popper-Lynkeus würde Moellendorff vielleicht entgegnen, daß das Verbot arbeitsteiliger Produktion für die freie Wirtschaft in seinem Staate gar nicht nötig sein werde, da nach dem Wegfall der Hungerpeitsche der Arbeiter ganz von selber dem Arbeitgeber gegenüber in eine andere Machtposition rückte, weil dann wahrscheinlich (um mit Oppenheimer zu reden) nicht mehr zwei Arbeiter einem Unternehmer, sondern zwei Unternehmer einem Arbeiter nachlaufen würden.

    1922, 30 ─ Sch.

  • Christlicher Solidarismus

    Christlicher Solidarismus

    Ein Vermächtnis

    — Jg. 1923, Nr. 36 —

    Was hier aus der Nummer 36 des 4. Jahrgangs der „Sonntags-Zeitung“ wiedergegeben wird, ist ein Dokument von historischer Bedeutung: eine mir damals übermittelte Denkschrift Matthias Erzbergers über „Richtlinien für den Wiederaufbau des deutschen Wirtschaftslebens“, die er kurz vor seiner Ermordung (Ende August 1921) fertiggestellt hat. Diese Arbeit zeigt, wie Erzberger, offenbar unter dem Einfluß Moellendorffs oder Rathenaus, sich zum Sozialismus bekehrt hatte, für den der kluge Parteitaktiker allerdings einen anderen Namen wählt: er vermeidet das für seine Kreise ominöse Wort und setzt dafür den Begriff „Christlicher Solidarismus“. Seiner Niederschrift hat Erzberger folgende Sätze vorangestellt: „Die Richtlinien A—D stellen die Neuorganisation des deutschen Gewerbelebens auf dem Boden des christlichen Solidarismus dar. Die Richtlinien unter E dienen dem Zweck, die für die Wiedergutmachung notwendigen Mittel zu erhalten und unser Volk durch selbstlose Arbeit seiner Jugend für die Zukunft stark zu machen. Die Mittel für die Wiedergutmachung aus Steuern zu gewinnen, ist angesichts der Höhe derselben aussichtslos; durch neue Schulden können dieselben ebensowenig gedeckt werden.“ Sch.

    A. Richtlinien für Überführung in Gemeineigentum („Sozialisierung“)

    1. Die für die Vergesellschaftung geeigneten privaten wirtschaftlichen Unternehmungen sind in Gemeineigentum nach Maßgabe eines jeweils zu erlassenden Reichsgesetzes überzuführen (Artikel 156 der Reichsverfassung).

    2. Vor der Vergesellschaftung sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer der in Betracht kommenden Unternehmungen in geheimer Abstimmung zu befragen.

    3. Die Entschädigung an die Vorbesitzer hat nach Maßgabe des Reichsgesetzes nach dem tatsächlichen Wert zu erfolgen. Die Entschädigungssumme wird als Grundschuld auf das private Unternehmen an erster Stelle eingetragen. Der Besitztitel geht auf das Reich über.

    4. Die vergesellschafteten Unternehmungen sind nach kaufmännischen Grundsätzen zu bewirtschaften. Dabei muß jeder Unternehmung im Rahmen des Gesamtplanes weitgehendste Selbständigkeit belassen werden. Handelt es sich um die Überführung von Gesellschaften, so haben die bisherigen Aktionäre und Anteilseigner das Recht, den Aufsichtsrat weiter zu wählen. Der Aufsichtsrat wird verstärkt gemäß den Bestimmungen des Betriebsrätegesetzes. Das Reich kann den Vorsitzenden des Aufsichtsrats bestimmen oder den von den bisherigen Aktionären gewählten Vorsitzenden auch als Vertrauensmann des Reichs bestätigen.

    5. Die Arbeiter und Angestellten der vergesellschafteten Unternehmungen bleiben im freien Arbeitsvertrag und werden nicht Staats- oder Reichsbeamte.

    6. Die Entschädigungssumme der Vorbesitzer wird mit jährlich 5½ Prozent verzinst. Die Tilgung der Entschädigungssumme beginnt in der Regel erst nach 30 Jahren.

    7. Der zur Verfügung stehende Reingewinn des Unternehmens wird in folgender Weise verteilt: a) 40 Prozent entfallen auf die Arbeiter und Angestellten als Jahres-Sondervergütung; b) 40 Prozent erhält das Reich, die in erster Linie zum Ausbau der Unternehmung zu verwenden sind; c) der Rest von 20 Prozent wird verwendet, um den Zinsfuß der Entschädigungssumme um 1 bis 1½ Prozent zu erhöhen. Der noch verbleibende Rest wird zur außerordentlichen Tilgung der Entschädigungssumme verwendet.

    B. Leitsätze für Einführung der Gemeinwirtschaft für einzelne Unternehmungen durch Bildung von Werksgenossenschaften

    1. In sämtlichen gewerblichen Unternehmungen mit 20 und mehr Arbeitern und Angestellten, soweit sie nicht in Gemeineigentum überführt sind (siehe A), ist eine Werksgenossenschaft zu bilden (Artikel 156, Abs. 2 der Reichsverfassung).

    2. Der Werksgenossenschaft gehören als gleichberechtigte Mitglieder an a) alle Arbeiter und Angestellten der Unternehmung; b) die infolge Alters- und Erwerbsunfähigkeit aus der Unternehmung ausgeschiedenen Arbeiter und Angestellten, soweit sie nicht in einem anderen Unternehmen, das eine Werksgenossenschaft hat, beschäftigt sind; c) die Ehefrauen der unter a und b genannten Personen und im Falle des Ablebens derselben die Vormünder der minderjährigen Kinder.

    3. Die Verwaltung der Werksgenossenschaft erfolgt selbständig nach Maßgabe des Genossenschaftsgesetzes. Alle Wahlen sind nach dem System der Verhältniswahl zu vollziehen.

    4. Das Vermögen der Werksgenossenschaften bildet ein unteilbares unveräußerliches Ganzes. Kein Mitglied hat beim Ausscheiden aus dem Betrieb oder der Genossenschaft Anspruch auf einen Teil dieses Vermögens.

    5. Das Vermögen der Werksgenossenschaft beträgt im Höchstfall 50 Prozent des gesamten Anlagekapitals der Unternehmung und ist mit dem übrigen in der Unternehmung arbeitenden Privatkapital (Kapital des Unternehmers, Aktien, Geschäftsanteile, Kuxe usw.) nach Maßgabe des Handelsgesetzbuches vollkommen gleichberechtigt. In der Bilanz ist das Privatkapital und das Vermögen der Werksgenossenschaften getrennt zu führen. Beide zusammen tragen die Bezeichnung Anlagekapital.

    6. Das Vermögen der Werksgenossenschaft wird in folgender Weise gebildet: a) In Unternehmungen, welche mehr als 6 Prozent des Anlagekapitals verteilen, wird der überschießende Teil zur Hälfte als Vermögen der Werksgenossenschaft gutgeschrieben und zum Anlagekapital hinzugerechnet. (Ein Beispiel: Ein Unternehmen mit 100 Millionen Mark Privatkapital verteilt 12 Prozent Dividende. Es hat von den überschießenden 6 Prozent die Hälfte = 3 Prozent, also 3 Millionen Mark als erhöhtes Anlagekapital der Werksgenossenschaft gutzuschreiben und in dem Unternehmen zu belassen, so daß im kommenden Jahr das Anlagekapital nicht 100, sondern 103 Millionen Mark beträgt, und zwar 100 Millionen Mark Privatkapital und 3 Millionen Mark Vermögen der ‚Werksgenossenschaft. Die Dividende würde also statt 12 Prozent 9 Prozent betragen). Die Bildung des Vermögens der Werksgenossenschaft erfolgt stets zu pari. b) Unternehmungen, die weniger als 6 Prozent Reingewinn verteilen, haben der Werksgenossenschaft in den ersten 10 Jahren je 2 Prozent des Privatkapitals durch Abtretung kostenlos zuzuführen, in den nächsten 30 Jahren je 1 Prozent bis zur Erreichung der Höchstsumme von 50 Prozent. Die kostenlosen Abtretungen sind bei Gesellschaften von den einzelnen Aktionären gleichmäßig zu tragen, c) Unternehmungen, welche 6—10 Prozent Reingewinn verteilen, haben die Bildung des Vermögens der Werksgenossenschaft zunächst nach Ziffer a und den fehlenden Rest nach Ziffer b herbeizuführen.

    7. Die Erhöhung des Privatkapitals der Unternehmung bedarf der Zustimmung der Werksgenossenschaft. Die Erhöhung hat jeweils zu gleichen Teilen auf das Privatkapital der Unternehmung und das Vermögen der Werksgenossenschaft zu erfolgen. Der der Werksgenossenschaft zufallende Betrag der Kapitalserhöhung wird von der Unternehmung gestundet und nach den Vorschriften der Ziffer 6 getilgt, (Eine Aktiengesellschaft mit 100 Millionen Mark Privatkapital und 20 Millionen Mark Vermögen der Werksgenossenschaft, insgesamt 120 Millionen Mark Anlagekapital, erhöht das Anlagekapital um 60 Millionen Mark. Das Privatkapital wird hierdurch von 100 auf 130 Millionen, das Vermögen der Werksgenossenschaft von 20 auf 50 Millionen Mark erhöht. Die 30 Millionen Mark Aktienkapital sind in bar einzuzahlen. Die 30 Millionen Mark Erhöhung des Vermögens der Werksgenossenschaft werden gemäß Ziffer 6 im Laufe der Jahre getilgt.)

    8. Das Vermögen der Werksgenossenschaft wird in gleichem Verhältnis an dem Reingewinn beteiligt wie das in der Unternehmung arbeitende Privatkapital.

    9. Hat das Vermögen der Werksgenossenschaft 50 Prozent erreicht, so kann eine weitere prozentuale Erhöhung desselben nur mit Zustimmung der Werksgenossenschaft und der Besitzer des Privatkapitals erfolgen.

    10. Die Verteilung der auf das Vermögen der Werksgenossenschaft entfallenden Einnahmen geschieht nach Maßgabe der Beschlüsse der Generalversammlung der Werksgenossenschaft. Die Einnahmen dürfen nur für Mitglieder der Werksgenossenschaft verwendet werden, und zwar in folgender Weise: a) 30 Prozent für Wohnungsfürsorge; b) 10 Prozent für Kinderfürsorge; c) 10 Prozent für Zuschuß für erwerbsunfähige Mitglieder der Werksgenossenschaft. Der Rest wird gemäß den Beschlüssen der Werksgenossenschaft verwendet.

    11. Die gesetzlichen Aufgaben der Betriebsräte gehen auf die Werksgenossenschaft über.

    12. Die Auflösung (Konkurs, Liquidation) oder Stillegung der Unternehmung bedarf der Zustimmung der Werksgenossenschaft. Die Werksgenossenschaft kann das ganze Unternehmen auf eigene Rechnung weiterführen. Die Entschädigung für das Privatkapital erfolgt nach dem tatsächlichen Wert, höchstens aber zum Nominalbetrag desselben. Erfolgt die Auflösung des gesamten Unternehmens und lehnt die Werksgenossenschaft die Weiterführung desselben ab, so wird das Vermögen der Werksgenossenschaft unter die Mitglieder nach der Dauer der Zugehörigkeit zur Werksgenossenschaft verteilt.
    Beispiel:
    Aktiengesellschaft mit 8 Millionen Mark Anlagekapital, verteilt jährlich 20 Prozent Dividende

    C. Leitsätze für Selbstverwaltungskörper zum Zwecke der Gemeinwirtschaft wirtschaftlicher Unternehmungen

    1. Die wirtschaftlichen Unternehmungen sind auf berufsgenossenschaftlicher Grundlage entweder für das Reich oder für einzelne Wirtschaftsgebiete als Selbstverwaltungskörper zum Zwecke der Regelung der Produktion und der Gestaltung der Preise für die Gemeinwirtschaft zusammenzuschließen. Es können für einzelne Wirtschaftsgebiete auch Sektionen des Selbstverwaltungskörpers gebildet werden (Artikel 156, Abs. 2 der Reichsverfassung).

    2. Mitglieder dieser Selbstverwaltungskörper sind: a) Vertreter der Unternehmungen; b) Vertreter der Werksgenossenschaften oder Betriebsräte. Die Vertreter von a und b sind in gleicher Zahl zu bestimmen. Sie werden in geheimer Wahl nach dem Verhältnissystem gewählt.

    3. Die Satzung des Selbstverwaltungskörpers wird von diesem in Anlehnung an die Satzung der Berufsgenossenschaften der Unfallversicherung erlassen. Aufsichtsorgan ist das Reichswirtschaftsministerium. In den Vorstand des Selbstverwaltungskörpers sind vom Reichswirtschaftsrat Vertreter, die nicht dem betreffenden Selbstverwaltungskörper angehören dürfen und gegenüber demselben als Verbraucher anzusehen sind, zu entsenden, sowie Vertreter des Reichs. Die Zahl dieser Vertreter darf ein Viertel der Gesamtzahl des Vorstandes nicht überschreiten.

    4. Die Selbstverwaltungskörper regeln die Erzeugung der Güter in den einzelnen ihnen angeschlossenen Unternehmungen, setzen die Kontingente derselben fest und können auch die Beschaffung der Rohstoffe, sowie die Arbeitsvermittlung regeln.

    5. Die Preise für die erzeugten Güter werden vom Selbstverwaltungskörper als Durchschnitt der Preise der Gestehungskosten aller angeschlossenen Unternehmungen festgesetzt, wobei die günstigeren Gestehungskosten unter dem Durchschnittspreis nicht restlos der einzelnen Unternehmung zufließen, sondern teilweise an den Selbstverwaltungskörper abzuliefern sind. Diese Gelder sind zu verwenden zur Förderung jener Unternehmungen, welche wenig teurer als der festgestellte Durchschnittspreis arbeiten, sowie zur rascheren Ansammlung des Vermögens der Werksgenossenschaften solcher Unternehmungen, die weniger als 6 Prozent Reingewinn auf das Anlagekapital verteilen. Der Selbstverwaltungskörper hat auch die Kleinhandelspreise dieser Produkte festzusetzen.

    6. Der Vertreter des Reichs hat gegen die Festsetzung aller Preise ein Einspruchsrecht und muß dieses geltend machen, wenn die Vertreter der Verbraucher sich gegen die Höhe der Preise aussprechen.

    7. Die letzte entscheidende Stelle über Beschwerden usw. ist das Reichswirtschaftsministerium mit Zustimmung des Reichswirtschaftsrats.

    D. Reichswirtschaftsrat

    1. Dem Reichswirtschaftsrat (Artikel 165 der Reichsverfassung) unterliegt die Ordnung der gesamten Wirtschaft im Reich zugunsten des Gemeinwohls.

    2. Die Aufgaben des Reichswirtschaftsrats sind: a) Kontrolle der auf berufsgenossenschaftlicher Grundlage gebildeten Selbstverwaltungskörper; b) Ausgleich von Beschwerden einzelner Verwaltungskörper oder von Teilen derselben; c) in Verbindung mit dem Reichswirtschaftsministerium Entscheidung von Beschwerden der Selbstverwaltungskörper; d) Begut-achtung sozialpolitischer und wirtschaftspolitischer Gesetzentwürfe, ehe diese dem Reichsrat und Reichstag unterbreitet werden; e) das Initiativrecht für sozialpolitische und wirtschaftspolitische Gesetzentwürfe und die selbständige Vertretung derselben vor dem Reichstag; f) der Erlaß von Ausführungsbestimmungen zu sozialpolitischen und wirtschaftspolitischen Gesetzen der einzelnen Ministerien oder des Reichsministeriums bedarf der Zustimmung des Reichswirtschaftsrats, der hier an Stelle des Reichsrats tritt.

    3. Dem Reichswirtschaftsrat gehören an: a) die Vertreter der Selbstverwaltungskörper auf berufsgenossenschaftlicher Grundlage, und zwar Vertreter der Unternehmer und der Werksgenossenschaften oder Betriebsräte in gleicher Zahl; b) Vertreter der freien Berufe, welche die Reichsregierung auf Vorschlag der Standesorganisationen beruft; c) angesehene Kenner des Wirtschaftslebens, von der Reichsregierung berufen; d) die früheren Reichsminister.

    Die Vertreter von b und c dürfen zusammen ein Fünftel der Gesamtzahl der Mitglieder des Reichswirtschaftsrates nicht übersteigen. Die Wahl oder Berufung der einzelnen Mitglieder erfolgt auf fünf Jahre. Die Zahl der Vertreter der einzelnen Selbstverwaltungskörper (Erwerbsgruppen) ist dieselbe wie in dem vorläufigen Wirtschaftsrat. Die Selbstverwaltungskörper haben bei ihrer Wahl auf die einzelnen Wirtschaftsgebiete des Reiches Rücksicht zu nehmen. Die Bezirkswirtschaftsräte haben das Vorschlagsrecht für die unter b und c zu berufenden Mitglieder.

    E. Richtlinien für den allgemeinen nationalen Arbeitsdienst

    1. Zum Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft im allgemeinen Interesse wird zugunsten des Reiches der allgemeine nationale Arbeitsdienst eingeführt.

    2. Der Arbeitsdienst wird von der gesamten männlichen Jugend zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr geleistet. Für die weibliche Jugend kann die Gemeinde einen allgemeinen nationalen Arbeitsdienst entsprechend der weiblichen Eigenart einführen.

    3. Jeder Deutsche erhält beim vollendeten 18. Lebensjahr von der Ortsbehörde seines Aufenthaltes ein Arbeitsdienstbuch, in welches die Ableistung des Dienstes, Zurückstellung usw. von der zuständigen Amtsstelle einzutragen sind. Die Ortsbehörden führen Listen über die Arbeitsdienstpflichtigen und sind für die rechtzeitige Gestellung der Dienstpflichtigen verantwortlich.

    4. Das Arbeitsdienstbuch gilt als Ausweis gegenüber allen Behörden. Wer ein ordnungsmäßig geführtes Arbeitsdienstbuch nicht besitzt, kann keine Beschäftigung bei einem Arbeitgeber finden, ist von der Ausübung der bürgerlichen Pflichten, auch von der Arbeitslosenunterstützung ausgeschlossen und kann keine öffentliche oder private Unterrichtsanstalt besuchen.

    5. Befreiungen vom nationalen Arbeitsdienst sind für körperlich und geistig Vollwertige nicht zulässig. Wo infolge der Leistung des Arbeitsdienstes durch den einzigen Ernährer erwerbsunfähige Eltern in Not geraten, übernimmt das Reich für die Dauer des Arbeitsdienstes die bisher vom Arbeitspflichtigen geleisteten Zuschüsse.

    6. Zurückstellungen sind der unteren Verwaltungsbehörde nur auf Grund der wirtschaftlichen Verhältnisse des Arbeitsdienstpflichtigen und seiner Eltern, sowie wegen zurückgebliebener Entwicklung des Dienstpflichtigen gestattet. Sie dürfen aber nicht über das 20. Lebensjahr hinaus sich erstrecken.

    7. Der nationale Arbeitsdienst ist in den gemeinwirtschaftlich betriebenen Unternehmungen des Reichs und, soweit anderwärts, lediglich zugunsten des Reichs zu leisten. Hierfür kommen in Betracht: Bergbau, Arbeit auf staatlichen Domänen, in Staatswaldungen, im Wohnungsbau, zur Erstellung reichseigener Kraftquellen, zum Bau von Wasserstraßen und Eisenbahnen, zur Urbarmachung von Mooren. Das Reichsministerium bestimmt, inwieweit der Arbeitsdienst in anderen Unternehmungen des Reichs geleistet werden kann.

    8. Die Eingliederung der Arbeitspflichtigen in den Arbeitsdienst erfolgt zunächst auf
    Grund freiwilliger Meldungen; hiebei ist zuerst der Bedarf des Bergbaus voll zu befriedigen. Wer im Bergbau seinen Arbeitsdienst als Freiwilliger abgeleistet hat, erhält bei der Entlassung eine einmalige Prämie von 4000 Mark. Sind ausreichend Freiwillige im Bergbau vorhanden, werden Freiwillige für die Arbeiten auf Domänen und in den Staatswaldungen angenommen. Die Zuteilung der Nichtfreiwilligen auf die einzelnen Arbeitsgebiete erfolgt durch die unteren Verwaltungsbehörden unter Berücksichtigung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten sowie der bisher erlernten Arbeiten oder des Berufs, ohne Rücksicht auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung des Dienstpflichtigen oder seiner Eltern.

    9. Die Zuweisung der von der unteren Verwaltungsbehörde als geeignet erklärten Arbeitsdienstpflichtigen in die einzelnen Betriebe erfolgt nach Anhörung des Reichswirtschaftsrats durch das Reichsarbeitsministerium (Reichsamt für Arbeitsvermittlung). Die Aufforderung zum Beginn der Leistung des nationalen Arbeitsdienstes wird durch die untere Verwaltungsbehörde zugestellt.

    10. Die Dauer des Arbeitsdienstes wird auf der Grundlage berechnet, daß der Arbeitspflichtige durchschnittlich im Steinkohlenbergbau 450 Tonnen Kohle gefördert hat, wobei die natürlichen Unterschiede der Förderstelle wohl zu berücksichtigen sind. Der freiwillig sich stellende Arbeitspflichtige hat durchschnittlich 50 Tonnen Kohle weniger zu fördern. Der Arbeitsdienst dauert in allen anderen Betrieben ein halbes Jahr länger als im Bergbau.

    11. Das Reich gewährt den Arbeitsdienstpflichtigen kostenlos auskömmliche Verpflegung, Bekleidung und Wohnung und einen mit der Arbeitsleistung steigenden monatlichen Barlohn. Die allgemeinen Vorschriften über die Arbeitszeit finden Anwendung.

    12. Verpflegung und Unterbringung der Arbeitsdienstpflichtigen erfolgen in geschlossenen Gruppen. Jede Gruppe wählt sich auf drei Monate zur Aufrechterhaltung der Ordnung ihren Gruppenführer. Sie bewirtschaftet die für die Verpflegung gewährten Naturalien selbst durch einen Wirtschaftsausschuß von mindestens drei Mitgliedern. Disziplinarstrafen gegen die Haus- und Wirtschaftsordnung verhängt der Gruppenführer. Über Beschwerden entscheidet der Wirtschaftsausschuß, endgültig die Vollversammlung der Gruppe.

    13. Die Arbeitsdienstpflichtigen haben während der Leistung ihres Arbeitsdienstes am Staatsbürgerunterricht teilzunehmen. Jeder Arbeitsdienstpflichtige hat sich einer Sportabteilung anzugliedern. Einrichtungen für die unentgeltliche wissenschaftliche und technische Aus- und Fortbildung der Arbeitspflichtigen sind zu schaffen. Über die Schlußprüfung wird ein Zeugnis ausgestellt, das Berechtigungen zum Besuch aller Unterrichtsanstalten, einschließlich der Hochschulen, und zur Anstellung im öffentlichen Dienst enthalten kann.

    14. Wer sich der Leistung des Arbeitsdienstjahres entzieht, wird zwangsweise zu dieser bis zum vollendeten 60. Lebensjahr herangeholt. Das Vermögen des Flüchtlings verfällt zugunsten der Reichskasse. Wer Beihilfe leistet, dessen Vermögen verfällt gleichfalls der Reichskasse. Daneben kann auf Zwangsarbeit bis zu drei Jahren erkannt werden.

    F. Richtlinien für Volksernährung und Landwirtschaft

    1. Der deutsche Boden als Grundlage der Volksernährung dient als Privateigentum dem Volksganzen.

    2. Die Schaffung von Neuland ist mit allen Mitteln zu unterstützen.

    3. Eine gesunde Mischung von Klein-, Mittel- und Großbesitz ist überall herbeizuführen und, wo vorhanden, beizubehalten.

    4. Schlecht bewirtschaftete Grundstücke sind nach den Beschlüssen der Ortseinwohner durch Betriebszwang der höchsten Ertragsmöglichkeit zuzuführen, auch durch gemeinwirtschaftlichen Betrieb.

    5. Gemeinden und Gemeindeverbände haben bei allen Veräußerungen von Grundstücken das Vorkaufsrecht.

    6. Der Verkaufspreis der Grundstücke — auch bei Erbschaften — ist höchstens der den letzten Steuererklärungen zugrunde gelegte Ertragswert unter Berücksichtigung besonderer Aufwendungen der letzten Zeit für Verbesserungen.

    7. Jeder Mehrerlös eines Grundstückes über den Ertragswert (Ziffer 5) fällt der Gemeinde zu.

    8. Die Preise für künstliche Düngemittel sind zu ermäßigen und den Landwirten gegen geringe Anzahlung unter Stundung des vollen Kaufpreises bis zur Ernte zu liefern.

    9. Tarifverträge zwischen Besitzer und Landarbeiter mit obligatorischer Schiedsgerichtsbarkeit und beiderseits verbindlichem Rechtsspruch sind mindestens auf eine Erntejahr abzuschließen. Während der Erntezeit sind Arbeitseinstellungen unzulässig.

    10. Abwanderung Jugendlicher vom Lande bedarf der Zustimmung der Gemeindevertretung; sie ist in der Regel nur für die Berufsausbildung zu gestatten.

    11. Die Preise für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse sind so zu gestalten, daß sie die durchschnittlichen Selbstkosten nebst einer vierprozentigen Verzinsung des Wertes der Grundstücke (Ertragswert) decken. Die Preise von Getreide sind mit denen von Vieh und Milch in ein Verhältnis zu setzen, das die Verfütterung des Getreides unrentabel gestaltet.

    12. Jeder Verkauf zu höheren als den gesetzlichen Preisen wird mindestens mit Einziehung aller Vorräte des betreffenden Erzeugnisses, im Wiederholungsfall innerhalb eines Jahres mit Einziehung des gesamten Vermögens bestraft; der Käufer oder Händler unterliegt derselben Strafe.

    1923, 36 Matthias Erzberger