Kategorie: 1931

Auswahl im Jahrgang 1931 veröffentlichter Beiträge

  • Abraham Gumbel gestorben

    — Jg. 1931, Nr. 1 —

    Mit 78 Jahren ist in Heilbronn mein Onkel Abraham Gumbel, den Lesern dieser Zeitung als „Emel“ bekannt, sanft in das Land gegangen, aus dem es keine Wiederkehr gibt. lm Dorfe Stein am Kocher, wo unsere Ahnen seit über 200 Jahren ansässig waren, ist er geboren, in Heilbronn bestattet. Mit ihm starb einer der wenigen unabhängig denkenden, freien Menschen, die unser angebliches „Land der Dichter und Denker“ aufzuweisen hat.

    Schon unter dem Sozialistengesetz hat er gezeigt, daß die herrschende Meinung, d. h. die Meinung der Herrschenden, ihn nicht beeinflußt, das Geschrei der Straße ihn nicht berührt hatte. Er war eng und nah dem Heimatboden verwurzelt und gerade deswegen ein überzeugter Europäer. So verstand er die heimische Erde, das Volk, die Scholle zu lieben, und die Herren, die säbelrasselnden Habebald und Eilebeute, die Vaterlandspartei und die „angestammten“ Fürsten anzuklagen.

    Im Jahr 1914, als sein Sohn gefallen war, wandte er sich der Kriegsschuldfrage zu. Mit ungeheurem Eifer, Fleiß und Nachdruck vertrat er die Theorie, die er mit immer neuen Dokumenten zu belegen verstand, daß das deutsche Volk unschuldig sei, daß aber die volle Alleinschuld auf den Berliner Hof treffe. Seinem profunden Wissen der ganzen diplomatischen Aktenstücke wurde das Bild der Entstehung des Krieges immer einfacher. In zahlreichen Artikeln hat er dies belegt und manche Polemik durchgehalten.

    Während des Krieges hoffte er auf eine geistige Revolution, die das alte Regime und alle, die den Krieg bejaht hatten, mit Stumpf und Stiel ausrotten sollte. Nach der Niederlage, die er immer hatte kommen sehen, vertrat er den Standpunkt Eisners, daß nur ein neues Deutschland einen gerechten Frieden erringen könnte. Eine Bekämpfung des Versailler Vertrags war ihm nur auf dieser Grundlage möglich. Die Beteuerung der Unschuld für die Männer von 1914 bekämpfte er als verschleierte Propaganda zur Wiederherstellung der Monarchie und der Schichten, die in ihr geherrscht hatten. In diesem Sinne arbeitete er mit an der Fürstenenteignung.

    Als die Gelehrten und „Fachleute“ in der Inflation genau so versagten wie während des Krieges und sie auf die Reparationen oder gar die passive Handelsbilanz zurückführten, zeigte er die einfache Wahrheit: die Inflation kommt vom Zetteldrucken. Ohne Erfolg verlangte er die Zerstörung der Notenpressen. Schon früh erkannte er auch die ungeheure Gefahr des Nationalsozialismus.

    Er blieb ein Prediger in der Wüste. Nur im engen Kreis seiner schwäbischen Heimat hat er gewirkt. Mir hat er mehr gegeben als irgend ein anderer Mensch. Er liebte die Wahrheit; er war aufrecht und frei. Sein Leben war voller Mühe, sein Tod ohne Schmerz.

    E. J. Gumbel 

  • Hitler stößt vor

    — Jg. 1931, Nr. 50 —

    Herr Hitler rüstet sich zur Thronbesteigung. Er predigt seinen ungeduldigen Scharen noch einmal Geduld; die fälligen Pogrome müssen noch einmal ein wenig hinausgeschoben werden. Er designiert seinen Botschafter für das Land, das seine Seele sucht, das heilige Land des Faschismus: Prinz Waldeck-Pyrmont soll als sein Vertreter nach Rom. Er schickt seinen Herrn Rosenberg nach London, läßt ihn um gut Wetter bitten und seinen baldigen höchsteigenen Besuch anmelden. Und er geht selbst an die Front: er redet selbst.

    Im Hotel Kaiserhof zu Berlin hat er die Vertreter der englischen und der amerikanischen Presse empfangen und ihnen versichert, daß die Nazis nicht so schlimm seien, wie sie sind. Zum Beispiel wollten sie, wenn sie erst an der Spitze seien, die Privatschulden bezahlen. Was das Boxheimer Dokument betreffe, so sei es „eine Arbeit einer Privatperson, die unter Beteiligung eines Spitzels, der sie später der Polizei auslieferte, zustandegekommen“ sei. Er, Hitler, sei legal, besonders, da man ja sozusagen schon mit einem Bein in der Regierung stehe. Kein Zweifel, sagt er, wir kommen dran; jetzt oder in zwei, in fünf oder zehn Monaten. Die kommunistische Gefahr, sagt er, ist furchtbar; ihr könnt froh sein, daß wir Nazis da sind. Aber habt keine Angst: die SA sollen unter unserer Regierung weder zur Polizei noch zur Staatsmiliz werden, sagt er, sie sollen nur wie bisher „dem Schutze der Partei“ dienen. Sie sind sein Abwehrmittel gegen einen sozialistischen oder kommunistischen Aufstand. Sagt er, und die deutsche Arbeiterschaft hat’s gehört und sich gemerkt: der Oberosaf höchstselbst hat ausländischen Vertretern kapitalistischer Interessen versichert, daß die SA nicht gegen das Kapital, sondern nur gegen die Arbeiter marschieren sollen. Weil sie „zuverlässiger“ seien als das Heer und die Polizei.

    So also nimmt der (staatenlose?) Österreicher Hitler die diplomatischen Beziehungen mit dem Ausland auf, als wär er schon Duce Deutschlands. Freundliche Beziehungen zum ausländischen Kapital sind ihm wichtig; die zum deutschen Proleten sind kaum herzlich zu nennen.

    Es scheint verschiedenen Meldungen nach sicher zu sein, daß Hitler in Berlin nicht nur mit den englischen und amerikanischen Zeitungsmännern Fühlung gesucht und gefunden hat, sondern auch mit dem Zentrum und mit Vertretern der „Wirtschaft“. Außerdem hat er offenbar direkt oder indirekt mit dem General Schleicher — dem er ja kein Unbekannter war — verhandelt.

    Auf der Rechten scheint man sich einig zu sein. Und links? Ist die Einheitsfront im Werden? Rüstet sich die SPD zum Widerstand?

    Nein. Kein Zweifel, daß die Massen der sozialdemokratischen Arbeiter den Wunsch haben, gemeinsam mit ihren Klassengenossen gegen den Faschismus Front zu machen. Aber wer fragt nach den Massen? Die „Welt am Montag“ behauptet zwar, der Mann, der in einem kommunistischen Blatt geschrieben hat, der Parteivorstand der SPD habe sich bereits für eine „nationale Regierung“ von Braun bis Hitler entschieden, habe sich die Meldung aus den unsauberen Fingern gesogen.

    Aber hat nicht Severing den Hakenkreuzlern in öffentlicher Versammlung (in Leipzig) geraten, ihre Terrormethoden aufzugeben: „Das ist die einzige Grundlage, auf der wir uns einigen können und die zu einem Wiederaufstieg Deutschlands führen kann.“ Was ist das anders als ein Tolerierungs-, wenn nicht gar ein Bündnisangebot?

    Und hat nicht der „Vorwärts“ vom 3. Dezember in einem großen Artikel ausgeführt, daß die Koalition mit Hitler nicht ohne weiteres prinzipiell abzulehnen sei. Es komme darauf an, wie innerhalb der Koalition die Kräfte verteilt seien. Und das deutsche Volk habe dann ja nach spätestens vier Jahren die Möglichkeit, den Faschismus abzuschaffen: durch — Neuwahlen!

    Darf man nach solchen Äußerungen hoffen, daß die Führer der SPD den Entschluß finden werden, gegen den Faschismus und gegen Hitler Ernst zu machen? Nein. Die SPD ist kein Bollwerk gegen den Faschismus.

    Ein Bollwerk, ja, mehr als das: die einzige Kampftruppe, die fähig ist, Hitler und sein volksverräterisches System zu erledigen, ist die Arbeiterschaft. Aber ihre Einigung kann nur von unten kommen. Nur im aktiven Zusammenwirken der Proleten beider Lager liegt der Sieg. In der Einheitsfront des Proletariats wird man, wenn nur die richtigen Parolen ausgegeben werden, nicht nur die sozialistischen und kommunistischen Arbeiter finden, sondern auch die Schar der unorganisierten und einen großen Teil der christlichen.

    Wenn die Arbeiterschaft einig und geschlossen ist, wird kein Naziheer sie besiegen. Wie die Einheitsfront herzustellen ist, ist das wichtigste und ernsteste Problem unserer Tage. Vielleicht hebt Hitlers volksfeindliche, kapitalfreundliche Attacke auf die Macht die proletarische Einheitsfront aus der Taufe. Dann hätte sein Dasein einen geschichtlichen Sinn erhalten.

    1931, 50 · Max Barth

  • Gestohlen?

    — Jg. 1931, Nr. 4 —

    Der Reichstag wird erst in einigen Tagen wieder zusammentreten. Eigentlich müßte ich also seine kommenden Taten abwarten. Leichtsinnig, wie ich nun einmal bin, nehme ich aber an, daß sie, wie bisher, gleich Null sein werden. Die Herren Abgeordneten werden etwas schimpfen, im Herzen aber ganz froh sein, daß die Regierung sie der unangenehmen Lage überhebt, sich vor den Augen ihrer Wähler die Finger zu verbrennen. Ich nehme daher als sicher an, daß der Etat für 1931 einschließlich aller gepanzerten Lustkähne durch Regierungsdiktat ebenso bewilligt werden wird, wie den Gewerkschaften die Durchführung von Lohnkämpfen unmöglich gemacht worden ist.

    Ich komme also zu dem traurigen Ergebnis, daß die Republik in Nebel gehüllt morgen verschwinden kann, und daß die Staatsgewalt dem Volke entzogen worden ist. Als nur kümmerlichen Laienjuristen interessiert mich nun die Frage, ob die Staatsgewalt etwa gestohlen ist. Und da ist mir folgender Vergleich eingefallen.

    Die fremden Kaufleute in China pflegen sich, da die einheimischen Arbeitskräfte billig sind, sehr viel häusliche Dienstboten zu halten. Diese chinesischen Dienstboten haben sich zweierlei angewöhnt: Jeder tut nur das, wofür er gemietet worden ist, und alle verstehen es, sich durch allerlei Listen Nebeneinnahmen zu verschaffen. Diejenigen Dienstboten aber, denen das noch nicht genügt, haben, soweit sie nicht einfach plump mausen, eine geniale Methode des allmählichen Stehlens erdacht. Objekt dieses Tuns sind solche Gegenstände, die die Herrschaft nur sehr selten braucht. Sie werden zunächst an irgend einen geheimen Ort innerhalb des Hauses verbracht. Wenn die Herrschaft eines Tages danach fragt, so erklärt der Täter, er könne sich nicht darauf besinnen, den Gegenstand jemals gesehen zu haben. Dann fällt die Entscheidung: Entweder die Herrschaft findet sich mit der Tatsache ab, daß der Gegenstand futsch ist, oder sie schlägt Krach. Im letzteren Falle erscheint der betreffende Boy (so heißen diese in China) bald mit dem glücklich wiedergefundenen Gegenstand und avanziert dadurch zur „Dienstbotenperle“. Im ersteren Falle kann der Boy den Gegenstand nunmehr in aller Ruhe zum eigenen Nutzen verwerten.

    Ich muß gestehen, daß ich diese chinesische Kunst des allmählichen Stehlens für das genialste halte, was auf dem Gebiete der Enteignung jemals von einem Menschenhirn erdacht worden ist.

    Und nun die Nutzanwendung für unsere Sendboten des Volkes: Die vom Volk ausgehende Staatsgewalt ist noch vorhanden, sie ist von der Regierung Brüning nur an einem verborgenen Platz niedergelegt worden. Die große Entscheidung steht jetzt bevor. Wird das Volk Krach schlagen oder wird es sich mit der Tatsache abfinden? Herr Brüning möge es mir nicht übelnehmen, daß ich ihn gewissermaßen mit einem chinesischen Boy vergleiche. Er möge es um so weniger übelnehmen, als manche dieser Boys sonst ganz famose Leute sind. Jedenfalls dünkt mir seine Methode immer noch schmerzloser als die, die die Mannen Adolfs I. vermutlich anwenden werden. Sie werden mit Gewalt den Kleinen im Volke den letzten Rest ihrer Staatsgewalt nehmen und ihn sich selbst und ihren großen Freunden in die Taschen bugsieren.

    Gibt es für unsere nach Gehaltsklasse 10 (– 20 Prozent) besoldeten Volksboten denn eigentlich gar keine Möglichkeit mehr, uns aus den, in mancher Hinsicht gewiß bequemen, chinesischen Haushaltsverhältnissen wieder in unbequemere, aber solidere westeuropäische zurückzuführen?

    1931, 4 · Paul von Schoenaich

  • Anschauungsunterricht

    Anschauungsunterricht

    — Jg. 1931, Nr. 2 —

    Ein Gutes hat die große Wirtschaftskrise, in der wir uns befinden: sie erteilt auf breitester Basis Anschauungsunterricht über das kapitalistische System, unter dessen Herrschaft die Menschen neben vollen Scheuern verhungern können.

    Die Menschen wollen fühlen, nicht hören. Ein Beispiel, und vollends eines am eigenen Leib, ist besser als zehn Predigten. Auch das Beispiel genügt im allgemeinen nicht, wenn es vereinzelt bleibt. Es muß repetiert und wieder repetiert werden. Am Ende des letzten Krieges war alles voll Abscheu und Ablehnung gegenüber dem Wahnsinn des Völkermords nach dem Prinzip der umgekehrten Auslese. Nie wieder Krieg! Heute ist jener Eindruck schon wieder halb vergessen. Man treibt in Europa auf einen neuen Krieg zu, der schlimmer sein wird als der vorige. Vielleicht wird das dann der letzte sein, oder der vorletzte.

    Auch von der gegenwärtigen Krise, der „größten Weltwirtschaftskrise seit einem halben Jahrhundert“ (Julius Hirsch), glauben manche, sie werde den endgültigen Zusammenbruch des Kapitalismus heraufführen. Wir wollen nicht so optimistisch sein; aber soviel ist sicher, daß sie mithilft, ihn vorzubereiten. Not lehrt denken, fragen, zweifeln.

    „Sollte es denn im zwanzigsten Jahrhundert dem menschlichen Geiste, der fast jedes technische Problem spielend löst, der immer neue Methoden zur Steigerung des Güterreichtums ersinnt, nicht möglich sein, auch eine Organisation der Wirtschaft zu schaffen, die eine störungslose Entwicklung ermöglicht und alle Menschen auch wirklich in den Genuß dieses Güterreichtums bringt?“ So fragt Max Weber im schweizerischen „Aufbau“ und wird sicher auch mancher fragen, der sich sonst nicht mit wirtschaftstheoretischen Problemen zu befassen pflegt. Ein Pfarrer aus der Stuttgarter Umgebung, kein Sozialist, schreibt in der zum Jahresschluß von ihm herausgegebenen Chronik seiner Gemeinde: „…Im übrigen muß eine Ordnung gefunden und aufgerichtet werden, nach der nicht die einen prassen und die andern darben, nach der das Wohl des ganzen Volkes und jedes Einzelnen und nicht der Profit und die Bereicherung verhältnismäßig Weniger das Maßgebende und Entscheidende ist.“ Also genau das, was wir hier seit elf Jahren immer wiederholen. Und Hugo Borst, der frühere kaufmännische Direktor der Robert Bosch AG., ebenfalls kein Sozialist, hat vor acht Tagen im „Stuttgarter Tagblatt“ gesagt: „Es handelt sich … gegenwärtig um die vielleicht letzte Probe auf die Tragfähigkeit unserer heutigen individualistischen kapitalistischen Wirtschaftsordnung … Auch Wirtschaftsformen ändern sich und entwickeln sich weiter.“ Er fährt allerdings fort: „Ich glaube nicht, daß wir heute schon am Ende der unserigen stehen“, und zwar, „weil wir aus unserer gegenwärtigen Schwäche und Armut heraus gar nicht die Kraft aufbringen, eine völlig neue, bessere Ordnung zu schaffen.“

    Diese Begründung mag stimmen oder nicht; jedenfalls beweisen die angeführten Sätze, daß sogar im kapitalistischen Lager selber, um einen militärischen Ausdruck zu gebrauchen: die Moral der Truppe zu wanken beginnt. Und das ist keineswegs unwichtig. Wenn die Vertreter eines Systems selber nicht mehr daran glauben, dann trägt das ebensoviel oder mehr zu seinem Ende bei als die Angriffe der Gegner von außen. Man erinnere sich an das politische Ende des wilhelminischen Reiches, das 1918 nur deshalb so leicht zu stürzen war, weil es seine berufenen Verteidiger von innen her bereits aufgegeben hatten.

    Der Anschauungsunterricht durch Beispiel ist wirksamer als alle Theorie. Und doppelt wirkungsvoll ist das Beispiel, wenn es durch ein Gegenbeispiel unterstützt wird. Wenn es wahr ist, daß der russische Fünfjahresplan in diesem Jahr dahin geändert werden soll, daß die Erzeugung und Verteilung von Konsumwaren, die seither zugunsten der Schwerindustrie zurückgestellt gewesen ist, jetzt mehr in den Vordergrund treten wird, so könnte darin ein kluger Schachzug der Bolschewisten gerade im Hinblick auf das heutige Elend in den kapitalistischen Ländern liegen.

    1931, 2 · Erich Schairer

  • Das goldene Herz

    Das goldene Herz

    — Jg. 1931, Nr. 6 —

    Die Millionen Arbeitslosen, gestern noch am Rande der Verzweiflung, können wieder frohgemuter zu Bette gehen: die Regierung hat einen vielköpfigen Ausschuß gebildet, der über dem Problem der Arbeitslosigkeit brüten soll, und Damen der Berliner Gesellschaft haben eine ganz großartig aufgezogene „Winterhilfe“ arrangiert. Die Berliner Zeitungen sind voll von Berichten; man sieht auf Bildern prominente Persönlichkeiten der äußerst dekorativ wirkenden Sammeltätigkeit nachgehen; an den Straßenecken klappert die Sammelbüchse genau so wie in den Vergnügungslokalen; wer einigermaßen auf sich hält, greift in die Tasche und entdeckt sein goldenes Herz. Man trägt es auf dem rechten Fleck, nämlich am Rock angesteckt, weithin sichtbar, damit ja kein Zweifel darüber besteht, daß man mit von der Partie ist.

    Sicher wird auf die Art einiges zusammenfließen, und da diesmal, wie man glaubhaft versichert, der Apparat kaum Unkosten verursachen wird, so werden, wenn sich alle Hoffnungen erfüllen, auf den einzelnen Berliner Arbeitslosen wohl ein paar Mark kommen. Vielleicht aber auch bloß für die, die am miesesten dran sind. Es ist noch nicht ganz sicher. Es ist nicht alles Gold was glänzt, selbst wenn es auf „Herz“ gearbeitet ist, sondern manchmal nur Double.

    Nun, es kommt auch nicht so sehr darauf an. Ob man auf einen heißen Stein zwei oder sieben Tropfen Wasser träufelt, ist Jacke wie Hose. Scheußlich ist dies: daß der geräuschvoll kreisende nationale Berg ein ärmliches Wohlfahrtsmäuschen nach ganz altem Muster geboren hat, und daß die Opferbüchsen im Schatten eines Ausschusses klappern. Ausschüsse sind von jeher das Grab dringlicher Angelegenheiten gewesen, an dem sich aber immer wieder die alte dumme Hoffnung aufpflanzt. Bis der bescheidene Auftrieb, den sie jetzt erhalten hat, verpufft ist, wird man wohl über die schlimmsten Monate weg sein. Na, und dann wird Brüning oder sonst einer ein Sanierungsprogramm ausgeknobelt haben, mittels dessen man den Karren so langsam wieder aus dem Dreck bringt. Dabei wird man dann allerdings mehr das goldene Herz der unteren Schichten beanspruchen müssen, als das derjenigen, die heute im Vollgefühl einer guten Tat mit vergoldeten Anstecknadeln paradieren.

    Und die Massen lassen sich wieder mit der Schafsgeduld, die wirklich ein goldenes Herz vermuten läßt, zwischen den Ausplünderungen des Auf- und Abbaus und zwischen billigen Wohlfahrtsaktionen hin- und herschieben und schlagen sich hie und da, im Hochgefühl ihrer politischen Freiheit und ihres heiß erkämpften Rechts auf die Straße, gegenseitig die Schädel ein oder tragen stolz die Fahnen durch die Straßen. Währenddessen sitzen die anderen gemütlich in ihren Kontoren und in den Cafés und machen ihre Geschäfte auch in miesen Zeiten wie heute; auch in ganz schlechten; auch wenn ein großer Teil der andern schon längst draufgegangen ist. Die, die verkommen, haben eben ihr goldenes Herz am falschen Fleck, nämlich: am richtigen. Das bedeutet heute so viel wie: dumm und hoffnungslos.

    1931, 6 M.

  • Eine vorbildliche Familie

    — Jg. 1931, Nr. 10 —

    Ich weiß nicht, was die Leute immer über die schlechten Zeiten zu klagen haben, das ist doch alles übertrieben, wissense, die sind eben mit nichts zufrieden, ich zum Beispiel kenne da eine gewisse Familie, die kommt ganz schön aus, sie lebt vom Existenzminimum und kann alle Einnahmen, die darüber hinausgehen, auf die hohe Kante legen. Ich will Ihnen mal ihren vorbildlichen Etat vorführen.

    Also es sind fünf Köpfe: Vater, Mutter, ein Bub von 14, ein Mädel von 7 Jahren und dann noch ein Setzling von anderthalb. Sehen Sie, die leben da glücklich und vergnügt in einer Zweizimmer-Wohnung; Küche ist natürlich dabei; aber von Zentralheizung und Warmwasserversorgung und solch kostspieligem Zeug ist seffaständlich keine Rede, die Leute sind halt noch vom guten, alten Schlag. Darum leben sie auch in einer Altwohnung — ist immerhin auch eine Ersparnis, wer den Pfennig nicht ehrt, und Raum ist in der kleinsten Hütte …

    Übrigens zahlen die Leutchen keinerlei Steuer, wozu auch; Steuern hat ja in Deutschland nur unsereins zu zahlen, und wie! — immer gleich in die Zehntausende, aber was die sozial tieferstehenden Schichten sind, die haben’s ja wie der Herrgott in Frankreich, und zahlt der vielleicht Steuern?

    Na, sie verdienen auch diese Vergünstigung, meine lieben Bekannten; denn die sind noch vom alten Schlag; da hat zum Beispiel die Frau bis vor sechs Jahren immer noch einen weißen Unterrock gekauft, jedes Jahr; den hat sie aber nun auch aufgegeben; was die Leutchen anziehen, sind wenige, aber gute Sachen: baumwollene Strümpfe die Frau, Flanellhemden der Mann und der Junge, schwarze Rindslederstiefel alle zusammen. Solid, aber gut. Die Stiefel werden zweimal im Jahr besohlt, nur die der Alten und der beiden größeren Kinder versteht sich; achtmal Schuhsohlen für fünf Personen — das langt.

    Was soll ich Ihnen noch erzählen? Ja, also Obst, Salat und dergleichen essen diese schlichten, vorbildlichen Menschen nicht; für Sport werfen sie kein Geld zum Fenster hinaus, und Tabak und Bier gibt’s nicht. Was die Bildung betrifft, so kommen sie mit vier Kinobilletten und vier Reclamheften im Monat aus; ist ja auch reichlich genug, was sollen schon solche Leute mit zum Beispiel Literatur! Zweimal im Jahr darf sich auch eins von den Fünfen die Haare schneiden lassen, natürlich tragen da die übrigen immer ein bißeben wilde Perücken herum, bis sie auch an der Reihe sind; aber das hält warm, schützt das Hirn und erspart Kopfbedeckung, wenigstens im Sommer, meinen Sie nicht auch? Der Vater läßt sich jeden Monat achtmal rasieren, fast jede Woche zweimal, trägt also auch auf diese Weise zur Verbilligung des Haushalts bei. Kurzum, es sind vorbildliche Staatsbürger, wenn nur alle, die immer so auf die Besitzenden schimpfen, sich nach ihnen richten würden. Wir brauchen Einfachheit und Bescheidenheit, brauchen wir, nehmse noch ein Brasil, ja? und einen Hennessy, bitteschön!

    Was sagense? Gäb’s nich, sone Familie? Da irrense aber, kann ich Ihnen flüstern: die gibt’s! Wissense, was der Reichsindex der Lebenshaltungskosten ist? Das ist die amtliche Berechnung des durchschnittlichen Existenzminimums. Und die Familie, von der ich Ihnen erzählt habe, ist diejenige, nach der unser Index berechnet ist. Die Etatsposten, die ich Ihnen da von meinen Bekannten erzählt habe, stammen aus dem Haushalt der amtlichen Indexfamilie. Was amtlich ist, das stimmt; und wenn amtlich ausgerechnet wird, daß die normale Familie so und so lebt, dann sollten Sie’s nicht besser wissen wollen. Vielleicht mehr: nehmse sich ein Muster, und noch’n Kognac.

    1931, 10 Mara Bu