Kategorie: Weimarer Republik

  • Heilbronner Presseskandal mit Folgen

    Heilbronner Presseskandal mit Folgen

    Er gilt als einer der mutigsten Journalisten der Weimarer Republik, der seine Wortgewalt und seinen Sprachwitz gezielt gegen politische Heuchelei, Nationalismus und Antisemitismus rich­tete: Erich Schairer.

    Ernst Jäckh empfiehlt ihn als Nachfolger von Theodor Heuss nach Heilbronn, als Heuss den Posten des Chefredakteurs der Neckar-Zeitung aufgibt, um in Berlin Geschäftsführer des Deutschen Werkbundes zu werden. Wie Heuss hat auch Schairer für Naumanns Zeitschrift „Die Hil­fe“ gearbeitet. 1918 übernimmt Schairer nicht nur den Posten von Heuss bei der Neckar-Zeitung, sondern gleich auch dessen Wohnung in der Lerchenstraße.

    Doch bald überwirft er sich mit dem Verleger, der es nicht gerne sieht, dass Schairer Leugner der deutschen Kriegsschuld in seinem Blatt angreift. Als er in einem Artikel wieder gegen die Verfechter der Kriegsschuldlüge wettert, lässt er Schairers Text aus der Druckplatte herauskratzen. Die Zeitung erscheint am 15. November 1919 mit einem weißen Fleck auf der Titelseite. Noch am selben Tag dieses Presseskandals teilt der Verleger seinem Chefredakteur mit, dass er nicht mehr in der Redaktion zu erscheinen brauche.

    Schairer gründet darauf kurzerhand die „Heilbronner Sonntags-Zeitung“, in deren erster Ausgabe vom 4. Januar 1920 er schreibt: „Wir leben dem Buchstaben nach in einer sozialen und demo­kratischen Republik. Aber der Geist des Sozialismus und der Demokratie, der Rücksicht, Ver­ständnis, Wohlwollen und Gerechtigkeit bedeutet, ist nicht zum Leben erwacht. Diesem Geist wird diese Zeitung dienen.“ Die Heilbronner Sonntags-Zeitung ändert bald ihren Namen in Süddeut­sche Sonntags-Zeitung, dann Sonntagszeitung, verbreitet sich in kurzer Zeit über ganz Deutschland und wird zu einem der bedeutendsten Wochenblätter. Stolz betont sie ihre Unabhängigkeit: „Die Sonntags-Zeitung wird künftig ohne Inserate erscheinen und den Beweis liefern, dass auch heute die Existenz einer Zeitung ohne Inserate möglich ist.“ Entschieden kämpft Schairer gegen den Aufstieg des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik. So kündigt er noch im Oktober 1932 für seinen Verlag „Das Kleine Hitler-Album“ an, mit boshaften Karikaturen vom Illustrator der Sonntagszeitung, dem Holzschneider Hans Gerner. Im März 1933 wendet sich Schairer gegen die Zustimmung des Reichstags zum Ermächtigungsgesetz, die er als Selbstentmachtung des Parlaments« brandmarkt. So nimmt es nicht wunder, dass am 26. März 1933 die Sonntagszeitung mit nur einer Meldung erscheint: »Bis aufweiteres verboten«. Redakteure der Zeitung werden in Schutzhaft genommen, Schairer selbst muss sich täglich bei der Gestapo melden.

    Nach dem Krieg wird Schairer zunächst Chefredakteur des Schwäbischen Tagblatts in Tübin­gen, bevor ihn die amerikanische Militärregierung nach Stuttgart holt. Schairer und sein Freund Josef Eberle werden die ersten Herausgeber der Stuttgarter Zeitung.

    Quelle: https://verlagshaus24.de/zeitreise-heilbronn

    Siehe auch: https://www.stimme.de/regional/heilbronn/stadt/lokales/schoene-zeitreise-neues-buch-zur-stadtgeschichte-heilbronn-art-4547671

    und auch hier:

  • Der Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920

    Der Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920

    Text zum 90-minütigen Dokumentar-Fernsehspiel „Die Konterrevolution“, Teil der zehnteiligen Reihe „Vom Reich zur Republik“ des Bayrischen Rundfunks. Drehbuch von Klaus Gietinger und Bernd Fischerauer.

    Der Kapp-Lüttwitz-Putsch vom März 1920 ist ein fast vergessenes Kapitel deutscher Geschichte. Zu Unrecht. Denn der Versuch, die erste deutsche Demokratie schon eineinhalb Jahre nach ihrer Entstehung wieder zu ersticken, scheiterte am demokratischen Bewusstsein ihrer Bürger. Das Dokumentarspiel schließt an den Film „Gewaltfrieden“ an und beleuchtet die Umstände, die zum ersten, zunächst erfolgreichen Staatsstreich gegen Weimar führten. Die durch die Novemberrevolution 1918 entstandene Republik war anfangs mehrfach bedroht, am heftigsten im März 1920. Der Versailler Friedensvertrag besiegelte nicht nur die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg, sondern verlangte vom Reich auch Gebietsabtretungen, Reparationen und eine Verkleinerung der Armee. Die alten Mächte des Kaiserreiches empfanden besonders den sogenannten Kriegsschuldparagrafen des Vertrages, der Deutschland die Alleinschuld am Weltkrieg zuwies, als auch die verlangte Auslieferung deutscher Kriegsverbrecher – darunter Kaiser Wilhelm II. und Feldmarschall Hindenburg – als Schmach. Auch die von den Alliierten verlangte Auflösung der sogenannten Freikorps, paramilitärische Verbände, die sich aus den Resten der kaiserlichen Armee zusammengefunden hatten, war nicht im Sinne der Offiziere. Überhaupt fand die parlamentarische Demokratie von Weimar in weiten Kreisen des Militärs, der Hochfinanz, der Industrie, des Adels und des Bürgertums keine Unterstützung. Ein Sturz des Systems lag im Interesse rechtsgerichteter Kreise. So fanden sich Ende 1919 hohe Militärs und andere putschwillige Männer zusammen. Organisiert wurde das vom früheren Freikorpsführer Pabst, der schon die Ermordung Liebknechts und Luxemburgs befohlen hatte. Finanziell unterstützt wurden die Putschisten von Teilen der Industrie und Banken. Aushängeschild war Wolfgang Kapp, ein Ostelbischer Junker und Aufsichtsrat der Deutschen Bank. Mit von der Partie: General von Lüttwitz, der Freikorpsführer Ehrhardt, dessen Marinebrigade den Putsch ausführen sollte, Canaris, der Adjutant von Reichswehrminister Noske und als verdecktes Mitglied, der preußische Geheimdienstchef von Berger. Im Hintergrund wirkte der ehemalige Weltkriegsgeneral Ludendorff. Unter der Regie von Bernd Fischerauer schildert der Film minutiös den Ablauf des Putsches, der nur fünf Tage dauerte: wie die rechtmäßige Regierung unter Reichskanzler Bauer verjagt wurde, ebenso Reichspräsident Ebert und der gegenüber dem Militär arglose Reichswehrminister Noske, das erzwungene Untertauchen des Finanzministers Erzberger, die ambivalente Haltung der Reichswehroffiziere und der Sicherheitspolizei, die der Regierung den notwendigen Schutz verweigerten. Die Flucht der Regierung, der Streit der Putschisten, ihre erfolglosen Versuche, den festgesetzten Vizekanzler Schiffer zu benutzen und das Ruder Richtung Diktatur herumzuwerfen und zuletzt der Widerstand der Arbeiter, Angestellten und Beamten, die im größten Generalstreik der deutschen Geschichte die Putschisten in die Knie zwangen. Stellvertretend hierfür die Redaktionsleiterin und Frauenrechtlerin Marie Juchacz und Hannah Wölke. Scharfsinnig begleitet wird das Geschehen vom Kunstmäzen Harry Graf Kessler und seinen Schützlingen: der Schauspielerin Tilla Durieux, den Malern und Grafikern George Grosz und John Heartfield. Als der Spuk des Putsches vorbei war, kam es zu Aufständen im Ruhrgebiet. Die Regierung, nach Berlin zurückgekehrt, wurde zwar umgebildet und Noske musste seinen Abschied nehmen, doch die Hochverräter ließ man weitgehend ungestraft, die Aufstände dagegen wurden blutigst niedergeschlagen, zum Teil sogar unter Einsatz und Nutzung der militärischen Schlagkraft der ehemaligen Putschisten. Das Volk hatte sich als demokratisch gesinnt und wehrhaft erwiesen, Armee und Justiz großteils nicht. Eine Gruppe frühfaschistischer Republikgegner konnte sich dagegen in Bayern sammeln. Unter ihnen Adolf Hitler.

    Quelle: https://www.br.de/mediathek/video/dokumentarspiel-reihe-vom-reich-zur-republik-die-konterrevolution-der-kapp-luettwitz-putsch-1920-av:58773afa22f7ba0012e23fe9

  • Sturz in den Ruin

    SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2008

    Im Oktober 1929 riss die Finanzkrise an der Wall Street die Weltwirtschaft in den Abgrund. Die Weimarer Republik traf der Schock schwer. Doch erst die Deflationspolitik der Regierung Brüning wurde Deutschland zum Verhängnis – und ebnete Adolf Hitler den Weg.

    Schon der Morgen war anders als alle Tage, die Winston Churchill bisher erlebt hatte. Der spätere Premierminister Seiner Majestät, der auf einer Amerika-Reise in New York Station gemacht hatte, schaute von seinem Zimmer im Luxushotel Savoy-Plaza hinaus auf die Fifth Avenue. Dort drängten sich die Passanten, Feuerwehrleute eilten herbei, doch sie waren zu spät gekommen.

    „Direkt unter meinem Fenster hatte sich ein Gentleman 15 Stockwerke in die Tiefe gestürzt“, berichtete Churchill von der Begebenheit in der Frühe des 25. Oktober 1929. Der Mann, der an diesem Freitag in den Tod sprang, gehörte zu den Unglücklichen, die erst ihr Vermögen verloren hatten und dann die Nerven.Später folgte Churchill einer Einladung an die Wall Street. Er nahm auf der Besuchertribüne der Börse Platz, dort machte er seine zweite Grenzerfahrung an diesem Tag. Er wurde Zeuge einer Finanzkrise, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte.

    Die Kurse fielen und fielen und fielen, der Ticker ratterte ohne Unterlass, das Papierband konnte die Notierungen gar nicht so schnell ausspucken, wie sie sanken. Ratlos standen die Händler auf dem Parkett, sie sahen aus „wie die Zeitlupenaufnahme eines aufgeschreckten Ameisenhaufens“, beschrieb Churchill, was er von der Empore beobachten konnte.

    Am Tag zuvor war die Verkaufswelle ins Rollen gekommen. Erst verloren nur einzelne Papiere kräftig an Wert, dann schwoll die Bewegung zu einer Massenflucht an. Jeder Händler wollte nur noch raus aus dem Markt, egal zu welchem Preis.

    Am Montag setzte sich der Verfall fort, am Dienstag sackten die Kurse ins Bodenlose: Rund 16,4 Millionen Aktien wurden an diesem Tag verramscht, ein Rekord, der fast 40 Jahre hielt. Existenzen wurden vernichtet, Träume waren zerplatzt. Das meiste dessen, was in den Jahren zuvor an Papiervermögen aufgetürmt worden war, hatte der Sturm an der Wall Street fortgeweht.

    „Wenige Menschen verloren jemals so rapide an Ansehen“, resümierte später der Ökonom John Kenneth Galbraith, „wie die Bankleute von New York in den fünf Tagen vom 24. bis zum 29. Oktober.“

    Einen Tag später endete Churchills Besuch in den USA, der Staatsmann nahm das Schiff zurück nach England. Es war gleichsam der Aufbruch in eine andere Zeit.Der Börsenkrach von 1929 war der Auftakt zur ersten Weltwirtschaftskrise, die tatsächlich diesen Namen verdient; ihre Ausläufer waren bis nach Japan und Australien zu spüren. Sie hat nicht nur zahllose Menschen und Unternehmen ruiniert, sie hat die Weltläufte verändert – und ganz besonders das Geschehen in Deutschland. Das „Dritte Reich“, der Zweite Weltkrieg, die Teilung des Landes: All das wäre ohne die globale Wirtschaftskrise nicht denkbar gewesen.

    Den vollständigen Artikel von Alexander Jung finden Sie hier: https://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecialgeschichte/d-55573686.html

  • Schandfrieden

    Schandfrieden

    Volker Ullrich in DIE ZEIT Nr. 7 vom 8. Februar 2018. Der Versailler Vertrag war milde im Vergleich zu den Bestimmungen von Brest-Litowsk: Vor 100 Jahren diktierte das Deutsche Reich Russland einen Gewaltfrieden ohne Kompromisse und setzte seinen Eroberungszug im Osten unvermindert fort.

    Am 3. März 1918, einem lauen Vorfrühlingstag, herrscht auf der Leipziger Messe ein Gedränge wie in Friedenszeiten. Ein besonders dichtes Knäuel hat sich um ein Denkmal mit einem davor postierten erbeuteten englischen tank gebildet. An ihn angelehnt, verkauft ein Mann ein Extrablatt: „Heute um fünf Uhr wurde der Friede in Brest-Litowsk unterzeichnet“. „Stück um Stück ging sehr rasch ab“, beobachtet der Romanist Victor Klemperer, „und jedes wurde mit den ruhigen und monoton gesprochenen Worten überreicht: ‚Rahmen Sie sich das ein – rahmen Sie sich das ein‘.“

    „Eingerahmt“ haben sich die Deutschen die Erinnerung an den Frieden von Brest-Litowsk nicht. Im Gegenteil: Nach 1918 setzte rasch ein Prozess des Verdrängens ein. In der Depression über die Niederlage im Westen vergaß man ganz, wie euphorisch man ein halbes Jahr zuvor den Friedensschluss im Osten bejubelt hatte, der noch einmal die Aussicht auf einen Gesamtsieg zu eröffnen schien. Und in der allgemeinen Empörung über den „Schandfrieden“ von Versailles übersah man geflissentlich, dass Deutschland dem revolutionären Russland Bedingungen oktroyiert hatte, an denen gemessen sich das Versailler „Diktat“ geradezu milde ausnahm.

    Alles begann mit der Machtübernahme der Bolschewiki am 7. November 1917 in Petrograd. Bereits einen Tag später richtete der Zweite Allrussische Rätekongress auf Vorschlag Lenins einen Aufruf an alle kriegführenden Mächte, einen sofortigen Frieden zu schließen „ohne Annexionen und Kontributionen“. Während Russlands ehemalige Verbündete, England und Frankreich, wenig Neigung zeigten, der Einladung Folge zu leisten, signalisierten die Mittelmächte, Deutschland und Österreich-Ungarn, Verhandlungsbereitschaft. Da man nicht wisse, wie lange sich Lenin halten könne, müsse man „den Moment ausnutzen“, um „Faits accomplis zu schaffen“, erklärte Österreich-Ungarns Außenminister Ottokar Graf Czernin. Bereits am 15. Dezember schloss man ein Waffenstillstandsabkommen. Es galt zunächst für vier Wochen, während derer förmliche Friedensverhandlungen begonnen werden sollten.

    […]

    Den gesamten Artikel von Volker Ullrich aus DIE ZEIT Nr. 7 vom 8. Februar 2018 finden Sie hier: https://www.zeit.de/2018/07/friedensvertrag-von-brest-litowsk-deutsches-reich-russland/komplettansicht

  • Die Ermächtigung

    Die Ermächtigung

    — Jg.1933, Nr. 18 —

    Der deutsche Reichstag ist am 21. März mit einer ungewohnten Feierlichkeit zusammengetreten: um sich selber zu Grabe zu tragen.

    Die Geschichte ist reich an Ironien. Aber ein Parlament, das sich selber in dieser Weise ausschaltet, eine parlamentarisch sanktionierte Diktatur wie die jetzige deutsche: das ist wirklich kein alltägliches Ereignis.

    Man kann heute sagen, daß Hitler in wenigen Wochen einen Weg zurückgelegt hat, zu dem Mussolini ungefähr ebensoviele Jahre gebraucht hat. Es ist kaum übertrieben.

    Die Erwartungen, die manche Leute vor der letzten Reichstagswahl auf das Zentrum gesetzt haben, sind rasch zu Wasser geworden. Das Zentrum hat von seiner „Schlüsselstellung“ keinen Gebrauch gemacht. Ohne das Zentrum war auch nach dem Ausschluß der Kommunisten (mit dem von Anfang an zu rechnen war) im Reichstag keine Mehrheit für ein verfassungsänderndes Ermächtigungsgesetz vorhanden. Wenn die Partei der Herren Kaas und Brüning sich geweigert hätte, eine solche Blankovollmacht auszustellen, hätte die Regierung die Hände nicht so ganz, zum mindesten nicht so rasch frei gehabt, um nun auf vier Jahre unumschränkt über Deutschland zu gebieten.

    (Während dies geschrieben wird, sind zwar die Würfel noch nicht gefallen. Aber man weiß, wie sie fallen werden, und kann es wohl riskieren, von der Zukunft in der Vergangenheit zu reden.)

    Was mag in den Besprechungen, die dieser Lösung vorausgingen, von Seiten der Regierung Hitler und von Seiten des Zentrums verabredet worden sein?

    Ob es den Männern, die seit vierzehn Jahren entscheidend an der deutschen Politik mitbeteiligt waren (das Zentrum ist politisch, wenn auch nicht zahlenmäßig, nach dem Kriege lange die stärkste Partei gewesen) leicht gefallen sein mag, nun so völlig zu verzichten? Ob sie sich der Verantwortung bewußt sind, die dieser Verzicht bedeutet?

    Hat sie der Elan der nationalen Erhebung in seinen Bann gerissen? Wollten sie den neuen Männern, die sich so viel vorgenommen haben, eine „Chance“ geben?

    Die Regierung kann jetzt freilich arbeiten wie keine vor ihr. Der ehemalige Reichstag mit seinen jede zielbewußte Tätigkeit lähmenden Mehrheitsverhältnissen gehört der Vergangenheit an. Man kann es begreifen, daß ein Ministerpräsident froh sein muß, diesen Klotz am Bein wegzuhaben. Man könnte es einem Manne voll Tatkraft und fruchtbarer Ideen sogar gönnen, daß er seine Arme regen kann. Aber…

    Der Reichstag der letzten Jahre war eine Unmöglichkeit. Er war es wirklich wert, unterzugehen. Der Kuhhandel der Regierungsbildungen, wie wir ihn so oft erlebt haben, war ein ekelhaftes Schauspiel. Aber ist gar kein Reichstag auch wirklich besser als ein schlechter Reichstag?

    Der Reichstag selber ist es gewesen, gewiß, der die Weimarer Verfassung ad absurdum geführt hat. Als regierungsbildende Instanz war er bei den deutschen Parteiverhältnissen einfach unbrauchbar. Aber, ihr Herren vom Zentrum, ist es nicht sehr gefährlich, wenn er nun auch als Kontrollinstanz ausgeschaltet ist? […]

    1933, 13 · Erich Schairer

  • Rundfunkwahlen

    Rundfunkwahlen

    — Jg. 1933, Nr. 11 —

    Der 5. März hat der nationalsozialistischen Partei und damit der Regierung Hitler einen Sieg von unerwartetem Ausmaß gebracht. Im Reich und in Preußen sind die 51 Prozent Mehrheit nicht nur erreicht, sondern überboten, und zwar nahezu ausschließlich durch den ungeheuren Stimmenzuwachs der Nationalsozialisten. Diese haben, rechnerisch betrachtet, nicht nur 3,8 Millionen seitherige Nichtwähler für sich mobil gemacht, sondern auch noch beinahe 2 Millionen Wähler aus anderen Lagern zu sich herübergezogen; und zwar nicht nur aus dem „nationalen“ Reservoir, sondern offenbar auch erhebliche Scharen aus den Quellgebieten des Zentrums, der Sozialdemokratie und der kommunistischen Partei.

    Dieser fabelhafte Erfolg ist ohne Zweifel in erster Linie der Propaganda durch den Rundfunk zuzuschreiben, die in solchem Ausmaß und mit solcher Stärke noch nie von einer Partei betrieben worden ist und hat betrieben werden können. Hitlers Wahlreden sind diesmal auch im kleinsten Dorf, vor Menschen, die sozusagen jungfräulicher Boden waren, zur vollen Wirkung gekommen; Ereignisse wie die Durchsuchung des Liebknecht-Hauses und der Reichstagsbrand mit ihren Folgen und Folgerungen konnten hundertprozentig ausgeschlachtet werden; und dazu kam die völlige Ausschaltung eines großen Teils der gegnerischen Presse, vor allem in Norddeutschland.

    Von links ist im Wahlkampf mit Argumenten operiert worden, die angesichts der in breiten Schichten erzeugten Stimmung unbedingt versagen mußten.

    Man fragte, wo denn das Programm sei, mit dem die neue Regierung Deutschland retten wolle. Ein solches Programm war in Einzelheiten nicht vorhanden; aber sein Fehlen hat wahrscheinlich den Regierungsparteien eher genützt als geschadet. Auf diese Weise war nämlich jeder kritischen Debatte über Konkretes der Boden entzogen. Der Glaube an den Willen der Regierung trat an die Stelle einer zweifelhaften Einsicht in die Richtigkeit ihrer Pläne, und jener Glaube erwies sich dabei als die weit stärkere Triebfeder. Das Volk sah Männer vor sich, die jedenfalls an dem Willen, sich durchzusetzen, nicht zweifeln ließen, und solchen zu folgen ist die Masse noch immer geneigt gewesen.

    Wo um die politische Macht gekämpft wird, ist der Wille entscheidend, nicht der Intellekt, dessen Rolle ja schon der alte Oxenstjerna nicht allzuhoch eingeschätzt hat. Die Schwäche der deutschen Linken, die sich jetzt mit so schmerzlicher Deutlichkeit geoffenbart hat, liegt eben zum guten Teil darin, daß in ihr zu wenig Wille mit zu viel Intelligenz gepaart ist.

    Daß die Regierung vor der Wahl Meinungsfreiheit und andere bürgerliche Freiheiten beschränkt hat, dieser andere von der linksstehenden Presse so stark betonte Vorwurf, hat ihr ebenfalls im Wahlkampf nicht sehr viel geschadet. Heutzutage kümmert sich der einfache Mann (und die einfache Frau!}, namentlich auf dem Lande, nicht allzuviel um diese Freiheiten. Wer nichts zu nagen und zu beißen hat, dem stehen die demokratischen Grundrechte nicht im Mittelpunkt des Interesses. Sein Denken kreist um das tägliche Brot, und wer ihn auf irgend eine Weise zu überzeugen vermag, er werde dafür sorgen, daß ihm dieses künftig besser zugemessen werde, der ist sein Mann, auch wenn er Zeitungen verbietet und Versammlungen auflöst.

    Der Sieg des Hakenkreuzes in Deutschland am 5. März ist der Sieg einer unerhört geschickten und stark auftragenden Propaganda. Wenn jetzt, wie man hört, für einen der Hauptregissöre des nationalsozialistischen Wahlfeldzugs, Herrn Goebbels, ein besonderes Propaganda-Ministerium geschaffen werden soll, so wäre das ein sinnfälliger Beweis dafür, welche Bedeutung von der Regierung selber einem von ihr so virtuos gehandhabten Instrument beigemessen wird.

    1933, 11 · Erich Schairer

  • Das Ende

    Das Ende

    — Jg. 1933, Nr. 11 —

    Wenn diese Zeilen in Druck gehen, hat sich die „nationale Revolution“ im Anschluß an das Wahlergebnis vom 5. März in ähnlicher Form durchgesetzt, wie die Revolte 1918 nach der militärischen Niederlage. Damals hob sich keine Hand in Deutschland, das Kaiserreich zu verteidigen. Auch diesmal ist es ähnlich gegangen. Die Träger der Republik von Weimar haben erkannt, daß diese Epoche zu Ende ist.

    Es ist noch nicht an der Zeit, Nekrologe zu schreiben. In ruhigen Zeiten wird ein gerechteres Urteil über die verflossenen 14 Jahre gefällt werden, als dies in der Hitze des Wahlkampfs möglich war, wo von nationaler Seite in Bausch und Bogen verdammt wurde, was man links fast wie ein verlorenes Paradies beweint.

    Eine objektive Prüfung der Bilanz beider Epochen zeigt klar, daß die Aktiven der Republik von Weimar trotz vierjähriger Krise viel größer und hochwertiger als die des Kaiserreichs sind, obwohl die Republik mit den erdrückenden Passiven des Kaiserreichs vorbelastet war.

    Damals waren keine Lebensmittel und Rohstoffe im Lande. Ein heruntergewirtschafteter Produktionsapparat mußte erst wieder auf die normale Warenproduktion umgestellt werden. Der Verkehr wurde monatelang durch die Demobilmachung schwer belastet und die Ablieferung des besten Eisenbahnmaterials verschärfte noch den Zustand. Von den anderen Kriegsfolgen sei nur noch die Unsicherheit über die Friedensbedingungen erwähnt.

    Das alles fällt auf der Passivseite der Eröffnungsbilanz des „dritten Reiches“ weg. […]

    Der Vergleich zwischen dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und dem der Republik von Weimar wird der künftigen Geschichtsschreibung noch manche Parallele aufzeigen. Es gibt aber auch einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Entstehen und Walten des Weimarer Staates und des angebrochenen „dritten Reiches“.

    Die Sozialdemokratie nahm die militärische Niederlage von 1918 als nationales Unglück hin und tat nur widerstrebend jene Schritte zur politischen Umstellung und Erhaltung des Reiches, die ihr später als Novemberverbrechen angekreidet wurden. Aus der Auffassung des nationalen Unglücks, das gemeinsam getragen und überwunden werden müsse, verzichtete sie auf jede Maßnahme gegen die Verantwortlichen am Zusammenbruch. Die Sozialdemokratie handelte also nach dem Bibelwort: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.“

    Ganz anders verfuhr die nationale Revolution. Sie machte für die Krise in Deutschland (Auswirkung der Weltwirtschaftskrise!) einzig und allein den Marxismus verantwortlich, als ob die deutsche Wirtschaft seit 1918 von Partei- und Gewerkschaftsführern geleitet worden wäre, und nicht von den Stinnes, Thyssen, Cuno, Vögler, Kirdorf usw. Daß die Krise in den marxistenreinen U.S.A. früher begann und schlimmere Folgen brachte, hat die „nationalen“ Ankläger gegen den deutschenMarxismus keinen Augenblick beirrt. Sie handelten nach keinem Bibelspruch, sondern nach einem uralten Grundsatz des Klassenkampfes: „Richtet, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!“ […]

    Das Volk will einen Weg aus der Krise und muß zugleich den Eindruck bekommen, daß eine Bewegung alle Energie für die Verwirklichung ihres Programms einsetzt.

    Diese ihre Aufgabe hatten die „Marxisten“ nicht begriffen. Sie ließen sich von vornherein in die Verteidigung drängen und verstanden keine Schwäche des Gegners zu ihrem Erfolg zu nützen.

    Hätten sie dem ungewissen Vierjahresprogramm ein Vierwochen- oder Viermonatsprogramm mit klaren Forderungen entgegengestellt, so wäre die Regierung zur Formulierung ihres Programms gedrängt worden. Ihre künftige Politik wäre im Kontrast zum Krisen- und Sozialprogramm der sozialistischen Opposition gestanden.

    Die Forderungen eines solchen Programms drängen sich förmlich auf. Erste, richtungweisende Forderung: Beseitigung der Armut durch volle Anwendung aller technischen Fortschritte, Beseitigung aller kapitalistischen Hemmungen einer planmäßigen Bedarfswirtschaft, sofortige Steigerung der Kaufkraft zur Wiederingangsetzung des ganzen Produktionsapparats.

    Aber die Sozialisten fühlten sich durch die alten Vorwürfe so bedrängt und waren über das Gebot der Stunde so wenig im klaren, daß die Gegner vollständig den Kampf bestimmten. Gewiß, der Gegner wandte ungewohnte Mittel an; aber eben seine Geschichte zeigt, daß eine aufstrebende Bewegung nur wenig behindert werden kann […]

    1933, 11 · Fritz Sturm

  • Wie Wilhelm

    Kommt es nur mir so vor, oder hat der neue deutsche Reichskanzler wirklich diese frappante Ähnlichkeit mit Wilhelm dem Zweiten von Hohenzollern?

    Natürlich nicht äußerlich, meine ich. Obwohl man vielleicht auch da… Wenn man sich die Barttracht anders vorstellen würde… Aber das spielt keine Rolle. Ich denke an das Auftreten, an den geistigen Habitus, an die Charaktereigenschaften.

    Erinnert ihr euch noch an den früheren Kaiser? An seine fabelhafte Vielseitigkeit und Beweglichkeit? An jene Impulsivität, die den politischen Beamten des Zweiten Reichs so manchesmal zu schaffen machte? An seine Frömmigkeit, die auf einer gewissermaßen persönlichen Fühlung mit Gott zu beruhen schien? An die naive Freude am Reisen und Reden, die ihn beherrschte, so daß er „bald hier, bald da“ zu sehen und zu hören war, in Uniform und Zivil, in allen Sätteln gerecht, von allem etwas verstehend, überall zu Hause? Wer sich ihm entgegenstellte, den wollte er zerschmettern (z.B. die bösen Sozialdemokraten); er gedachte sein Volk herrlichen Zeiten entgegenzuführen; er war der Friedenskaiser und rutschte dann freilich in einen Krieg hinein. (Und den Krieg verlor er.)

    Und der neue Kanzler? Hat er in der kurzen Zeit, die er nun im Amte ist, nicht schon eine ganze Reihe von Zügen entwikkelt, die geradezu frappant an den ehemaligen deutschen Kaiser erinnern?

    Auch Adolf Hitler liebt die markigen Reden, die Ansprachen an sein Volk, und hat dabei den technischen Vorsprung des Rundfunks und des Flugzeugs voraus, Einrichtungen, die es damals noch nicht gab und um deren Handhabung ihn Wilhelm der Verflossene wahrscheinlich ehrlich beneidet.

    Auch Adolf Hitler betrachtet den „allmächtigen Gott“ als seinen speziellen Bundesgenossen, mit dem zusammen er die Wiederauferstehung der Nation herbeiführen wird, ein „Reich der Größe, der Kraft, der Herrlichkeit und der Gerechtigkeit, Amen“, wie er im Anklang an das Vaterunser jene Berliner Sportpalastrede vom 10. Februar geschlossen hat.

    Auch Hitler will den Kommunismus und „Marxismus“, wie man jetzt sagt, ausrotten; er will Christentum und Familie in seinen Schutz nehmen; er tritt für die „Erhaltung und Festigung des Friedens“ ein und strebt mit allen Kräften nach Abrüstung. Dann passiert es ihm freilich zwischendurch (wie Wilhelm s. Z. die Daily-Telegraf-Affäre), daß ein Engländer ein Interview nicht ganz einwandfrei wiedergibt und daß Mißverständnisse wegen des polnischen Korridors und so berichtigt werden müssen.

    Freitag abend spricht er vor dem begeisterten Publikum im Berliner Sportpalast über die deutsche Zukunft, am Sonntag eröffnet er mit einer äußerst sachkundigen Rede die deutsche Automobilausstellung und steht am seihen Tag noch in Kassel, „an der Stelle, von der aus ein Kaiser und ein Bismarck den Friedrichsplatz überschauten“ (Völk. Beobachter vom 13. Februar), und am Sonntag Mittag finden wir ihn in Leipzig dabei, wie Richard Wagners 50. Todestag begangen wird. Er darf da nicht fehlen.

    Könnte man diese Wiederkehr Wilhelms II. in anderer Gestalt nicht beinahe gespenstisch heißen?

    Jedenfalls ist sie kein Zufall. Das deutsche Volk will offenbar solche Führer haben wie Wilhelm und Hitler.

    Sollen wir ihm wünschen, daß das Ergebnis diesmal anders ausfalle? Wird es, kann es mit der Herrlichkeit des dritten Reiches ein anderes Ende nehmen als mit der des zweiten?

    1933, 8 · Erich Schairer

  • Hitler stößt vor

    — Jg. 1931, Nr. 50 —

    Herr Hitler rüstet sich zur Thronbesteigung. Er predigt seinen ungeduldigen Scharen noch einmal Geduld; die fälligen Pogrome müssen noch einmal ein wenig hinausgeschoben werden. Er designiert seinen Botschafter für das Land, das seine Seele sucht, das heilige Land des Faschismus: Prinz Waldeck-Pyrmont soll als sein Vertreter nach Rom. Er schickt seinen Herrn Rosenberg nach London, läßt ihn um gut Wetter bitten und seinen baldigen höchsteigenen Besuch anmelden. Und er geht selbst an die Front: er redet selbst.

    Im Hotel Kaiserhof zu Berlin hat er die Vertreter der englischen und der amerikanischen Presse empfangen und ihnen versichert, daß die Nazis nicht so schlimm seien, wie sie sind. Zum Beispiel wollten sie, wenn sie erst an der Spitze seien, die Privatschulden bezahlen. Was das Boxheimer Dokument betreffe, so sei es „eine Arbeit einer Privatperson, die unter Beteiligung eines Spitzels, der sie später der Polizei auslieferte, zustandegekommen“ sei. Er, Hitler, sei legal, besonders, da man ja sozusagen schon mit einem Bein in der Regierung stehe. Kein Zweifel, sagt er, wir kommen dran; jetzt oder in zwei, in fünf oder zehn Monaten. Die kommunistische Gefahr, sagt er, ist furchtbar; ihr könnt froh sein, daß wir Nazis da sind. Aber habt keine Angst: die SA sollen unter unserer Regierung weder zur Polizei noch zur Staatsmiliz werden, sagt er, sie sollen nur wie bisher „dem Schutze der Partei“ dienen. Sie sind sein Abwehrmittel gegen einen sozialistischen oder kommunistischen Aufstand. Sagt er, und die deutsche Arbeiterschaft hat’s gehört und sich gemerkt: der Oberosaf höchstselbst hat ausländischen Vertretern kapitalistischer Interessen versichert, daß die SA nicht gegen das Kapital, sondern nur gegen die Arbeiter marschieren sollen. Weil sie „zuverlässiger“ seien als das Heer und die Polizei.

    So also nimmt der (staatenlose?) Österreicher Hitler die diplomatischen Beziehungen mit dem Ausland auf, als wär er schon Duce Deutschlands. Freundliche Beziehungen zum ausländischen Kapital sind ihm wichtig; die zum deutschen Proleten sind kaum herzlich zu nennen.

    Es scheint verschiedenen Meldungen nach sicher zu sein, daß Hitler in Berlin nicht nur mit den englischen und amerikanischen Zeitungsmännern Fühlung gesucht und gefunden hat, sondern auch mit dem Zentrum und mit Vertretern der „Wirtschaft“. Außerdem hat er offenbar direkt oder indirekt mit dem General Schleicher — dem er ja kein Unbekannter war — verhandelt.

    Auf der Rechten scheint man sich einig zu sein. Und links? Ist die Einheitsfront im Werden? Rüstet sich die SPD zum Widerstand?

    Nein. Kein Zweifel, daß die Massen der sozialdemokratischen Arbeiter den Wunsch haben, gemeinsam mit ihren Klassengenossen gegen den Faschismus Front zu machen. Aber wer fragt nach den Massen? Die „Welt am Montag“ behauptet zwar, der Mann, der in einem kommunistischen Blatt geschrieben hat, der Parteivorstand der SPD habe sich bereits für eine „nationale Regierung“ von Braun bis Hitler entschieden, habe sich die Meldung aus den unsauberen Fingern gesogen.

    Aber hat nicht Severing den Hakenkreuzlern in öffentlicher Versammlung (in Leipzig) geraten, ihre Terrormethoden aufzugeben: „Das ist die einzige Grundlage, auf der wir uns einigen können und die zu einem Wiederaufstieg Deutschlands führen kann.“ Was ist das anders als ein Tolerierungs-, wenn nicht gar ein Bündnisangebot?

    Und hat nicht der „Vorwärts“ vom 3. Dezember in einem großen Artikel ausgeführt, daß die Koalition mit Hitler nicht ohne weiteres prinzipiell abzulehnen sei. Es komme darauf an, wie innerhalb der Koalition die Kräfte verteilt seien. Und das deutsche Volk habe dann ja nach spätestens vier Jahren die Möglichkeit, den Faschismus abzuschaffen: durch — Neuwahlen!

    Darf man nach solchen Äußerungen hoffen, daß die Führer der SPD den Entschluß finden werden, gegen den Faschismus und gegen Hitler Ernst zu machen? Nein. Die SPD ist kein Bollwerk gegen den Faschismus.

    Ein Bollwerk, ja, mehr als das: die einzige Kampftruppe, die fähig ist, Hitler und sein volksverräterisches System zu erledigen, ist die Arbeiterschaft. Aber ihre Einigung kann nur von unten kommen. Nur im aktiven Zusammenwirken der Proleten beider Lager liegt der Sieg. In der Einheitsfront des Proletariats wird man, wenn nur die richtigen Parolen ausgegeben werden, nicht nur die sozialistischen und kommunistischen Arbeiter finden, sondern auch die Schar der unorganisierten und einen großen Teil der christlichen.

    Wenn die Arbeiterschaft einig und geschlossen ist, wird kein Naziheer sie besiegen. Wie die Einheitsfront herzustellen ist, ist das wichtigste und ernsteste Problem unserer Tage. Vielleicht hebt Hitlers volksfeindliche, kapitalfreundliche Attacke auf die Macht die proletarische Einheitsfront aus der Taufe. Dann hätte sein Dasein einen geschichtlichen Sinn erhalten.

    1931, 50 · Max Barth

  • Der internationale Faschismus

    Die Schutztruppe der Besitzenden

    — Jg. 1930, Nr. 43 —

    Der Wahlsieg der deutschen Faschisten hat auch die Österreichischen Dunkelmänner um Seipel wieder kühner gemacht. Schober verschwindet, und der geistliche Herr tritt wieder selbst auf den Plan, unterstützt von dem Heimwehrfürsten Starhemberg. Seipel gibt seinem Bruder in Christo, dem „kalten“ Faschisten Brüning, den Rat, zu gleicher Zeit mit ihm die Nazis in die Regierungskoalition einzubeziehen. In der Tschechoslowakei hat sich die Faschisten-Clique um Stribrny wilde nationalistische Exzesse geleistet, die von dem Prager Polizei-Präsidenten mit wohlwollender Passivität mitangesehen wurden. Der polnische Militärdiktator Pilsudski holt zum letzten Schlag gegen die parlamentarische Scheindemokratie aus. Die finnische Lappo-Bewegung, geführt von einem Großbauern, dringt siegreich bis Helsingfors vor; einige tausend Kommunisten wandern in finnische Kerker oder werden außer Landes verwiesen. In Ungarn herrscht der Blutterror Horthys. Das Rumänien Carols wetteifert mit seinen Nachbarn um die Krone des weißen Schreckens. In Spanien hat sich ein lediglich dekorativer Szenenwechsel vollzogen. Ein General ist vom politischen Theater verschwunden, sein Platz nimmt ein nicht minder ehrgeiziger und scharfmacherischer Matador ein. Das Italien Mussolinis darf in diesem Kranze natürlich nicht fehlen. Mit Beifall hat die italienische Presse Hitlers Wahlsieg begrüßt.

    *

    Die fascistische Bewegung in allen Ländern ist nichts als der letzte Versuch der Großbourgeoisie, sich mit allen Mitteln an der politischen Macht zu halten. Sie benutzt dabei die Hilfe all derer, die in Verkennung ökonomischer Notwendigkeiten und Gesetze sich auf ihre Seite, auf die falsche Seite, stellen.

    Der deutsche Faschismus weiß, daß er in Deutschland mit einer aufgeklärten Arbeiterschaft zu rechnen hat, und demgemäß spinnt er seine Fäden. Er rechnet außerdem mit der zunehmenden Verelendung der großen Angestellten-Massen. Und er rechnet mit der wachsenden geistigen und materiellen Entwurzelung der noch selbständigen Mittelstandsexistenzen.

    Aus diesem Kalkül ergibt sich sein Programm. Er hängt sich das Mäntelchen eines Schein-Sozialismus um und hofft dabei auf Zustrom aus den Kreisen der Arbeiterschaft. Er nennt sich antimarxistisch und hofft auf den Zulauf der Angestellten, die sich zum Teil unter Hervorkehrung eines überholten Standesbewußtseins wild gegen ihre fortschreitende Proletarisierung gebärden und sich von dem Faseismus den Aufstieg auf der gesellschaftlichen Stufenleiter versprechen. Gerade die kleinen kaufmännischen Angestellten sind in ihrer oftmals geradezu rührenden politischen Naivität den hohlen Frasen hitlerischer Verblendungsmanöver umso mehr ausgesetzt, weil sie sich entgegen allen volkswirtschaftlichen Gesetzen nicht als Klasse, sondern als Stand fühlen, der sich noch alles von der Privatinitiative innerhalb der heutigen Gesellschaftsordnung verspricht. Sie verkleben sich die Augen und hängen romantischen Wunschträumen nach, die aller Ökonomie Hohn sprechen.

    Dem selbständigen und gehobenen Mittelstand erklärt der deutsche Faschismus, sein Abstieg rühre von der sich immer weiter ausbreitenden Herrschaft der großen Warenhäuser und Kartelle her, die zumeist unter dem Einfluß jüdischen Kapitals ständen. Außerdem würde sich mit der Brechung der Zinsknechtschaft auch seine materielle Lage bessern. Das Ganze umgibt Hitler mit schwarz-weiß-roten Hakenkreuzschärpen, mit schmetternden Fanfaren, mit „Sturmgebraus und Wogenprall“, wodurch er die Unterstützung hoher Militärs und ehemaliger fürstlicher Potentaten gewinnt, die sich 1918 vorübergehend in Mauselöcher verkrochen hatten und jetzt wieder ihre Zeit für gekommen halten.

    Man sieht, der deutsche Faschismus trägt den deutschen ökonomischen Verhältnissen scheinbar Rechnung, um desto eifriger sein wahres Gesicht zu tarnen. Seine eigentliche politische Bestimmung wird erst durch die mehr oder weniger öffentliche Sympathie evident, mit der ihn die deutsche Großindustrie begleitet und — finanziert. Man braucht nur an Namen wie Kirdorf, Thyssen, Borsig, aber auch Bechstein und Mutschmann zu erinnern, nicht zu vergessen Hugenberg, der ja als Exponent der deutschen Großindustrie dem Faschismus in Deutschland zumindesten seine publizistische und organisatorische Unterstützung gibt[…]

    1930, 43 · Ludwig Kuttner

  • Gestohlen?

    — Jg. 1931, Nr. 4 —

    Der Reichstag wird erst in einigen Tagen wieder zusammentreten. Eigentlich müßte ich also seine kommenden Taten abwarten. Leichtsinnig, wie ich nun einmal bin, nehme ich aber an, daß sie, wie bisher, gleich Null sein werden. Die Herren Abgeordneten werden etwas schimpfen, im Herzen aber ganz froh sein, daß die Regierung sie der unangenehmen Lage überhebt, sich vor den Augen ihrer Wähler die Finger zu verbrennen. Ich nehme daher als sicher an, daß der Etat für 1931 einschließlich aller gepanzerten Lustkähne durch Regierungsdiktat ebenso bewilligt werden wird, wie den Gewerkschaften die Durchführung von Lohnkämpfen unmöglich gemacht worden ist.

    Ich komme also zu dem traurigen Ergebnis, daß die Republik in Nebel gehüllt morgen verschwinden kann, und daß die Staatsgewalt dem Volke entzogen worden ist. Als nur kümmerlichen Laienjuristen interessiert mich nun die Frage, ob die Staatsgewalt etwa gestohlen ist. Und da ist mir folgender Vergleich eingefallen.

    Die fremden Kaufleute in China pflegen sich, da die einheimischen Arbeitskräfte billig sind, sehr viel häusliche Dienstboten zu halten. Diese chinesischen Dienstboten haben sich zweierlei angewöhnt: Jeder tut nur das, wofür er gemietet worden ist, und alle verstehen es, sich durch allerlei Listen Nebeneinnahmen zu verschaffen. Diejenigen Dienstboten aber, denen das noch nicht genügt, haben, soweit sie nicht einfach plump mausen, eine geniale Methode des allmählichen Stehlens erdacht. Objekt dieses Tuns sind solche Gegenstände, die die Herrschaft nur sehr selten braucht. Sie werden zunächst an irgend einen geheimen Ort innerhalb des Hauses verbracht. Wenn die Herrschaft eines Tages danach fragt, so erklärt der Täter, er könne sich nicht darauf besinnen, den Gegenstand jemals gesehen zu haben. Dann fällt die Entscheidung: Entweder die Herrschaft findet sich mit der Tatsache ab, daß der Gegenstand futsch ist, oder sie schlägt Krach. Im letzteren Falle erscheint der betreffende Boy (so heißen diese in China) bald mit dem glücklich wiedergefundenen Gegenstand und avanziert dadurch zur „Dienstbotenperle“. Im ersteren Falle kann der Boy den Gegenstand nunmehr in aller Ruhe zum eigenen Nutzen verwerten.

    Ich muß gestehen, daß ich diese chinesische Kunst des allmählichen Stehlens für das genialste halte, was auf dem Gebiete der Enteignung jemals von einem Menschenhirn erdacht worden ist.

    Und nun die Nutzanwendung für unsere Sendboten des Volkes: Die vom Volk ausgehende Staatsgewalt ist noch vorhanden, sie ist von der Regierung Brüning nur an einem verborgenen Platz niedergelegt worden. Die große Entscheidung steht jetzt bevor. Wird das Volk Krach schlagen oder wird es sich mit der Tatsache abfinden? Herr Brüning möge es mir nicht übelnehmen, daß ich ihn gewissermaßen mit einem chinesischen Boy vergleiche. Er möge es um so weniger übelnehmen, als manche dieser Boys sonst ganz famose Leute sind. Jedenfalls dünkt mir seine Methode immer noch schmerzloser als die, die die Mannen Adolfs I. vermutlich anwenden werden. Sie werden mit Gewalt den Kleinen im Volke den letzten Rest ihrer Staatsgewalt nehmen und ihn sich selbst und ihren großen Freunden in die Taschen bugsieren.

    Gibt es für unsere nach Gehaltsklasse 10 (– 20 Prozent) besoldeten Volksboten denn eigentlich gar keine Möglichkeit mehr, uns aus den, in mancher Hinsicht gewiß bequemen, chinesischen Haushaltsverhältnissen wieder in unbequemere, aber solidere westeuropäische zurückzuführen?

    1931, 4 · Paul von Schoenaich

  • Augen rechts

    Augen rechts

    Der Feind steht rechts, der Gegner links.
    Friedrich Naumann

    — Jg. 1933, Nr. 8 —

    Es ist schon tragisch, daß man dem Proletariat heute das predigen muß, was ein bürgerlicher Politiker vor etwa 25 Jahren gesagt hat, also zu einer Zeit, wo es noch keinen Faschismus gab, und unter einem System, das man am heutigen gemessen beinahe „parlamentarisch“ nennen könnte.

    Man kann in gewissem Sinne von einer ,.dialektischen“ Tragik reden. These: Die gesamte Lage erfordert gebieterisch die proletarische Einigung. Antithese: Diese Einigung ist für den Augenblick unmöglich.

    Wenigstens, wenn man darunter auch nur ein noch so loses Kartell zwischen SPD und KPD in Deutschland versteht. Denn die deutsche KP untersteht nun einmal — das ist kein Vorwurf sondern eine Konstatierung — in allen wichtigen Entscheidungen den Weisungen des „Ekki“, des Exekutivkomitees der III. Internationale, und so wie die Dinge liegen, würde sie auch von ihrem Partner verlangen, daß er sich diesen Beschlüssen unterwidt. Tut er es nicht, so ist das Kartell schon ohne weiteres gesprengt. Soweit hat Otto Bauer ganz recht, wenn er verlangt, daß zunächst einmal die beiden Internationalen von Amsterdam und Moskau zu einem Einvernehmen kommen müssen […]

    An Aufmärschen der „Eisernen Front“ haben sich Kommunisten in geschlossenen Abteilungen beteiligt, und das Gleiche ist umgekehrt geschehen. Bei Beerdigungen sind schon beide Formationen überhaupt gemeinsam marschiert. Geschmacklose Ausdrücke wie „Kozi“ oder „Sozialfascisten“ kommen kaum noch vor und werden eigentlich nur noch von Parteijournalisten gebraucht, die die Stimmung der Massen nicht kennen oder nicht kennen wollen. Im übrigen werden sie von den Lesern allgemein mißbilligt.

    Und so wäre alles in schönster Ordnung, wenn — ja wenn nicht die Tatsache bestände, daß SPD und KPD das gleiche Wählerreservoir haben, um die gleiche Wählerschicht kämpfen müssen. Und da muß einmal Fraktur geredet werden: Wie sich diese Wählermassen, die zwischen SPD und KPD schwanken, diesmal entscheiden werden, wissen wir nicht. Es ist aber gegenüber der fascistischen Gefahr und angesichts der kümmerlichen Rolle, die das kommende Parlament überhaupt spielen wird, wirklich ganz gleichgültig, welche der proletarischen Parteien der anderen ein halbes oder selbst ein ganzes Dutzend Mandate abnehmen wird.

    Wichtig ist einzig und allein, daß die antifascistische Front steht, innerhalb und außerhalb des Parlaments.

    1933, 8 · Dr. E.

  • Zwei Briefe

    — Jg. 1932, Nr. 23 —

    Lieber Freund, du bist immer noch Mitglied der SPD, hast, trotz mancher Bedenken, getreu der Parole deiner Führer vor einigen Wochen den Marschall „Vorwärts“, Herrn von Hindenburg, gewählt, weil er dir als letzter, als einziger Schutz gegen den Faschismus empfohlen worden ist – und jetzt bist du natürlich schwer enttäuscht. Wenn die Lage nicht so scheußlich ernst wäre, würde ich sagen: geschieht dir recht. Denn erstens scheint es in der Art Hindenburgs zu liegen, daß er seine Wähler enttäuscht; 1926 haben ihn die Rechtsparteien aufgestellt und gewählt, weil sie hofften, er werde ihrem Einfluß erliegen aber siehe da, Hindenburg wurde ein guter, verfassungstreuer Republikaner und Hüter des „Systems“; 1932 wird Hindenburg von den System-Parteien aufgestellt und gewählt, weil er angeblich ein Schutz gegen den Faschismus sein soll — aber siehe da, Hindenburg stürzt das „System“ und öffnet den Faschisten die Türe zur Regierung. Das hättest du vielleicht doch ahnen können. Und zweitens hättest du, auch wenn du gegen die Persönlichkeit gerade Hindenburgs nicht hast mißtrauisch sein wollen, wissen müssen, daß überhaupt nicht eine einzelne Person ein „Bollwerk“ gegen den Faschismus sein kann.

    Aber so treibt ihr, du und deine Parteifreunde, Politik. Ihr überlegt, ob man wohl dieser oder jener Persönlichkeit das Schicksal der Arbeiterklasse „anvertrauen“ kann; ihr betrachtet die Nationalsozialisten als einen Haufen blöder oder perverser Gesellen; ihr habt geglaubt, sie könnten nie zur Macht kommen (oder würden sich, einmal an der Macht, sofort unsterblich blamieren), weil es ihnen angeblich an Sachkenntnis und Verstand fehlt. Ihr betrachtet die Politik allmählich mit den Augen des spießigsten Kleinbürgers. So viel ist von eurem einstigen Marxismus übrig geblieben! Ihr könntet heute vom Marxistenfresser Hugenberg Marxismus lernen, der die politische und wirtschaftliche Entwicklung richtiger vorausgesehen hat und besser gerechnet hat. Deshalb nähert er sich heute seinem Ziel, während eure Partei Schiffbruch erlitten hat.

    Ihr habt die Krise für eine vorübergehende, durch die Unachtsamkeit oder Dummheit der Wirtschaftsführer hervorgerufene Erscheinung gehalten und den Faschismus für einen von tüchtigen Propagandisten aufgeblasenen Luftballon, der bald zerplatzen wird. Wer aber einmal erkannt hat, daß die Krisen im Kapitalismus unvermeidlich sind, und daß sie im absterbenden Kapitalismus immer schärfer werden, und wer erkannt hat, daß der Faschismus aus der Krise einerseits und der Kampfunfähigkeit der Arbeiterklasse andererseits mit Notwendigkeit entstehen muß, der weiß, daß er sich bei jeder politischen Entscheidung nur nach dem einzigen Gesichtspunkt zu richten hat: wie stärkt man die Kampfkraft der Arbeiterklasse? Darnach habt ihr nicht gefragt. Eure Tolerierungspolitik war deswegen (und nur deswegen) falsch, weil sie die Arbeiterschaft von Tag zu Tag mehr geschwächt hat. Wenn man jahrelang Lohnabbau und Raub aller politischen und wirtschaftlichen Rechte widerstandslos hinnimmt, dann wird man selber schwach und der Gegner stark und dann kann man nicht plötzlich sagen: halt!, sondern dann wird man eben eines schönen Tages vor die Tür gesetzt, so, wie man’s euch gemacht hat. Das ist sehr „undankbar“ von den Herren, denen ihr bisher gedient habt, sehr undankbar vor allem von dem, der nur durch eure Hilfe noch im Amt ist aber die Politik fragt wenig nach kleinbürgerlichen Moralbegriffen; der Vorwurf, falsche Politik getrieben zu haben, trifft nicht sie, sondern euch.

    Wo ist jetzt der Widerstand der „Eisernen Front“? Was für mutige Worte hat man im Wahlkampf von euren Führern gehört! „Niemals!“ — „entschlossener Widerstand“ — „Kampf bis aufs Messer“ usw. Jetzt haben die Faschisten mindestens zu drei Vierteln die Macht erobert — aber wo ist der Widerstand?

    Es wird in eurer Partei viel über die „Bonzen“ geschimpft; auch du tust das gern, wahrscheinlich um zu zeigen, wie revolutionär du bist. Aber ich gebe gar nichts auf das Geschimpfe über die „Bonzen“. Wenn auch nur ein kleiner Teil der Mitglieder erkannt hätte, daß die Politik der Partei falsch ist und zum Bankrott führt und gesehen hätte, warum sie falsch ist und welche Mittel es gibt, um die Arbeiterklasse zu stärken, dann hätten die „Bonzen“ den Einfluß nicht mehr, den sie heute noch haben.

    Entschuldigt euch doch nicht immer mit der Behauptung, die kommunistische Partei habe eben gar nichts Anziehendes für euch, auch ihre Politik sei falsch und schwäche die Arbeiterklasse. Das ist zum Teil richtig, zum Teil übertrieben; auf keinen Fall ist es eine Entschuldigung für euer Verhalten. Wenn ihr die Fehler eurer Partei bis auf den Grund erkannt habt und bereit seid, aus der Erkenntnis die Konsequenzen zu ziehen, dann findet ihr auch Wege, um eure Erkenntnis in die Tat umzusetzen.

    Dein ***

    Lieber Freund, du kannst jetzt, wie alle Kommunisten, mit einigem Stolz darauf hinweisen, wie richtig die Parole der KPD: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler“ gewesen ist; wie richtig es gewesen ist, wenn die KPD immer wieder betont hat, daß die Arbeiterklasse in der heutigen Situation eine durchaus selbständige Politik treiben müsse, eine Politik, deren oberster Leitsatz ist: Stärkung der Arbeiterklasse. Jetzt, wo die Tolerierungspolitik Schiffbruch erlitten hat, müsse, sagst du, doch wohl jeder zugeben, daß die KPD richtig gehandelt habe.

    Gewiß. Trotzdem aber ist der Einfluß der KPD nicht im Wachsen, sondern im Sinken. Das Ergebnis der Landtagswahlen in Oldenburg beweist ebenso wie die sonstigen Wahlen der letzten Zeit, daß die KPD nicht einmal die Verluste der SPD für sich buchen kann. Du wirst sagen, Wahlzahlen seien kein Gradmesser für die Stärke einer Partei oder gar einer Klasse — aber zeigt denn die außerparlamentarische Wirklichkeit ein anderes Bild? Das wirst du nicht behaupten wollen.

    Wir stehen also vor der Tatsache, daß in der heutigen Situation sowohl die SPD als auch die KPD an Einfluß verlieren, und das bedeutet: daß die Arbeiterklasse schwächer wird. Wie kommt das?

    Bei der Beantwortung dieser Frage darf man natürlich SPD und KPD nicht in einen Topf werfen. Daß die SPD abnimmt, ist sehr natürlich; das kann gar nicht anders sein, denn eine so schwere Wirtschaftskrise muß jede reformistische Arbeiterpartei schwächen; verwunderlich ist höchstens, daß der Zerfall nicht noch schneller geht. Bei der KPD ist das etwas ganz anderes. Ihr werden von der Krise die Massen zugetrieben; ihr Einfluß muß steigen, vorausgesetzt daß — ihre Politik richtig ist. Man könnte etwa sagen: Die SPD kann taktisch noch so geschickt operieren, sie wird verlieren; die KPD muß schon eine sehr ungeschickte Taktik anwenden, wenn sie es fertig bringen will, zu verlieren. Und so ist es ja gegenwärtig.

    Inwiefern die Taktik der KPD falsch ist, ist schon dutzendmale gesagt worden und dir (wie vielen in der Partei) sehr wohl bekannt. Oder willst du bestreiten, daß (um gleich das Wichtigste zu nennen) die Kommunisten jeglichen Einfluß in den Massenorganisationen (Gewerkschaften, Kulturorganisationen) verloren haben, zu mindestens achtzig Prozent durch eigene Schuld? Was hilft da die Aufforderung, sich der Arbeit in den Massenorganisationen zuzuwenden, wenn in ihnen keine Stützpunkte mehr vorhanden sind? Was hilft (um ein anderes Beispiel zu nennen) die Aufforderung: Das Gesicht dem Betrieb zu!, wenn die Partei jahrelang die Betriebsarbeit vernachlässigt und ihre Hoffnung auf die revolutionären Erwerbslosen gesetzt hat? Natürlich ist, wie auch diese Beispiele zeigen, in letzter Zeit manches an der Taktik geändert worden aber was nützen alle diese halben Wendungen, wenn nicht die ganze taktische Linie der Partei von Grund auf überprüft wird? Das ist aber nur möglich, wenn in der Partei die Diskussion über taktische Fragen freigegeben wird. Und zwar sofort.

    Nun gibt es in der Partei Leute (ich weiß nicht recht, ob auch du zu ihnen gehörst), die das alles zugeben, dann aber sagen: Die Partei ist in einer schweren Krise; diese Krise muß überwunden werden. Aber das braucht Zeit. Für den Augenblick ist die Partei nun eben einmal nicht aktionsfähig; man muß natürlich daran arbeiten, daß sie es wieder wird, aber das geht nicht so schnell, dazu ist viel beharrliche, stille Arbeit innerhalb der Partei notwendig.

    Wer so sagt, hat im Grunde schon vor dem Faschismus kapituliert. Denn wenn die Partei nicht jetzt, in den nächsten Wochen aktionsfähig wird, wenn es ihr nicht noch gelingt (was doch ihre Aufgabe und ihr Ziel ist und was zu erreichen sie den besten Willen hat), in der Arbeiterklasse den Widerstand gegen den Faschismus zu organisieren — dann ist das Schicksal der deutschen Arbeiterschaft auf Jahre hinaus entschieden. Eine furchtbare Verantwortung liegt jetzt auf der kommunistischen Partei. Jetzt hat sie es noch in der Hand, ihre Taktik zu ändern und damit den Grund zu legen zum erfolgreichen Kampf gegen den Faschismus, der sie und die ganze Arbeiterbewegung bedroht, jetzt noch — aber nicht mehr lange. Glaubst du, daß sie die Frist, die ihr noch gegeben ist, nützen wird?

    1932, 23 · Dein H. D.

  • Worum es geht

    Sozialdemokraten und Kommunisten

    — Jg. 1933, Nr. 8 —

    Alle Pöstchenjäger und Bönzchenaspiranten drängen sich jetzt in die Reihen Hitlers. Hier glauben sie, in erster Linie für ihre Privatwünsche Befriedigung zu finden. Was bedeutet, ziffernmäßig betrachtet, der Anhang Hugenbergs, Seldtes oder gar Papens gegenüber der Braunen Armee des Duce? Die Anziehungskraft des größten Blocks wird sich wieder einmal bewähren. Wer hat, dem wird gegeben.

    Schon in der heutigen Regierungskoalition [vom 30.1.1933] ist Hitler der weitaus stärkste Mann. Nicht wegen seiner persönlichen Stärke, sondern wegen der hinter ihm stehenden und ihm blindlings folgenden Massen. In der neuen Regierungskoalition nach dem 5. März wird er noch unbedingter auss.chlaggebend sein..

    Das ist die große Gefahr, die dem deutschen Volk bei den Wahlen droht. Schon jetzt kann man sich schwer vorstellen, daß Hitler freiwillig von seinem Platze weichen sollte, wenn der 5. März [1933] dem Kabinett der sogenannten nationalen Konzentration keine Mehrheit gibt. Noch weniger vorstellbar ist das, wenn die Wahlen Hitler auf Kosten seiner Bundesgenossen erheblich stärken.

    Unübersehbare Konfliktmöglichkeiten erscheinen drohend am Horizont.

    In einem Blatt der Linken braucht nicht erst die Parole ausgegeben zu werden, daß alles darauf ankomme, bei den Wahlen die republikanischen Parteien zu stärken. Selbstverständlichkeiten soll man nicht aussprechen. Die große Frage ist die, welche praktischen Wege einzuschlagen seien, um zur Stärkung der antireaktionären Front zu gelangen.

    Oberster Grundsatz aller Republikaner muß sein: jede Kräftevergeudung auf der Linken zu vermeiden! Kräftevergeudung aber bedeutet es, wenn die Kräfte, die ausschließlich gegen die Rechte sich kehren sollen, zu einem wesentlichen Teil durch innere Kämpfe innerhalb der Linken lahmgelegt werden.

    Einige Idealisten propagieren eine Listenverbindung zwischen SPD und KPD. Ein Rundschreiben in diesem Sinne ist von zwei sympathischen Mitgliedern der Nelsongruppe, Maria Hodann und Willi Eichler, in sozialistischen Kreisen verbreitet worden. Dabei ist durch genaue Berechnung seinerzeit festgestellt worden, daß bei früheren Wahlen eine solche Listenverbindung die „Marxistische Front“ einen Sitz gekostet hätte. Das liegt an der Eigenart unseres Wahlgesetzes. Dieses Wahlgesetz macht allen kleinen Parteien Listenverbindung gebieterisch zur Pflicht, weil sonst, wie das am 6. November [1932] der Staatspartei passierte, Hunderttausende von Stimmen einfach unter den Tisch fallen. Aber für große Parteien bedeutet die Listenverbindung, die sie untereinander eingehen, keinen Nutzen. Sie kann sogar zu einem kleinen Mandatsverlust führen.

    Es genügt nicht, daß Vorschläge aus Idealismus geboren und wohlgemeint sind. Sie müssen auch praktisch sein. Darum, selbst wenn die Listenverbindung SPD-KPD stimmungsgemäß möglich wäre, wäre sie zwecklos. Warum soll man seine gute Kraft an eine zwecklose Sache setzen?

    Was vielleicht möglich und bestimmt sinnvoll wäre, das wäre die Vermeidung des brudermörderischen Kampfes, wie er bei allen früheren Wahlen einen so erheblichen Teil der Kräfte der beiden größten Arbeiterparteien unnütz verzehrt hat. Oder mußten nicht zahllose ihrer Wahlversammlungen auf den objektiven Dritten den Eindruck hervorbringen, als drehe sich die Wahlschlacht in der Hauptsache darum, daß die KPD der SPD möglichst viel Wähler abspenstig mache, und umgekehrt? So mancher Arbeiter, den dies Schauspiel anekelte, ist dadurch zur Wahlenthaltung, wenn nicht gar zur Abstimmung für die „Arbeiterpartei“ Hitlers getrieben worden.

    Muß das, was bisher so war, immer, muß es diesmal wieder so sein? Soll nur bei Begräbnissen von Opfern des fascistischen Terrors KPD und SPD auf den Austrag ihrer Gegensätze verzichten?

    Heute kommt es darauf an, den Wahlkampf so zu führen, daß die Wähler der großen sozialistischen Linksparteien nicht in ihren Wahlversammlungen in der Hauptsache das Sündenregister der anderen Partei vorgesetzt bekommen. Mögen die Sünden der SPD und der KPD noch so groß sein, jeder andere Gesichtspunkt muß überschattet werden von der Gefahr, die in allernächster Zukunft vor uns steht, der Gefahr einer fascistischen Herrschaft. Ist sie erst da, dann geht es uns wie in Italien: Sozialdemokraten und Kommunisten werden gleichmäßig von der Bildfläche weggefegt.

    Blinde Illusionspolitik wäre es, die tiefen Gegensätze zwischen SPD und KPD leugnen zu wollen. Aber beide müssen heute einsehen: für beide besteht gleichmäßig Lebensgefahr.

    In den Massen der Arbeiterschaft würde nichts befreiender und befeuernder wirken, als wenn aus allen Wahlreden der SPD und der KPD das gemeinsame Leitmotiv herausklänge: der Feind steht rechts!

    1933, 8 · Hellmut von Gerlach

  • Das Bärtchen

    Das Bärtchen

    — Jg. 1930, Nr. 42 —

    Wenn ich an den starken Mann denke, habe ich immer sein Bärtchen vor mir. Es ist kein Bart, mächtig hervorgeschossen im ungestümen Drang des Werdens zum martialischen Schnauz — nein, es ist eine Fliege, die sich nach ungewisser Fahrt auf einer Oberlippe niedergelassen hat. Auf der Oberlippe des werdenden Diktators.

    Da klebt es nun, das Bärtchen. Fühlt es sich glücklich? Ist ihm die Schere, die täglich die unkontrollierbaren Zigeunergelüste seiner Bartnatur beschneidet, die Erfüllerin heimlicher Sehnsüchte? Oder möchte es anders sein? Hat es etwa das Bedürfnis, sich zuweilen in Wut prahlerisch zu sträuben, oder träumt es verloren von kokett gezwirbelten Spitzen? Fühlt es sich fehl am Platze? Paßt ihm das Gesicht nicht, in das es da hineingeraten ist? Vielleicht zierte es lieber das modische Oblatengesicht eines Schaufensterdekorateurs, vielleicht daß es sich wahlverwandt fühlt den traurigen Rehaugen Chaplins. Sicher nistet an seinen Wurzeln der Groll, daß der Diktator nicht Maler geblieben ist, geziert mit kleidsamer Lavalliere-Crawatte, der Mund sanft geschwungen in sacharinsüßer Reserviertheit.

    Ja, das ist es wohl. Über unserem Bärtchen liegt ganz einfach die dumpfe Melancholie eines ganz und gar verfehlten Daseins. Die hoffnungsvolle Oberlippe seines Lebens ist plötzlich aus ihrer malerischen Reserve herausgerissen und steilt sich wild unter dem Anprall rhetorischer Brandung. Aus dem lnnern des ehemals so sanften Malers grollt es dumpf wie von drohenden Gewittern. Das zarte Bärtchen sieht die idyllischen Träume eines geruhsamen Ziergartendaseins jäh zerrinnen. Angstbeklekkert duckt es sich vor den donnernden Wortkaskaden gegen Juden, Sozi- und PazifistengesindeL Es klebt zerquetscht an der selbstgefällig gewordenen Oberlippe, während Militärkapellen brausend einfallen und paradegewohnte Beine die Erde erzittern machen. Weltgeschichte wird gemacht. Mit den billigen Mitteln, die in Deutschland üblich sind.

    Das Bärtchen, gänzlich undeutsch und verdattert bis in die Pigmentzellen der Haare, möchte ganz Fliege sein, um wegfliegen zu können. Aber das ist es nur im Sprachgebrauch. Darum muß es bleiben. Darum ist es wahrscheinlich einmal eine gewichtige Attraktion im Nationalmuseum des dritten Reiches, bewallfahrtet von staunenden Untertanen. Wenn es nicht den keineswegs abwegigen Gedanken in seinem Haargehege nährt, sich selbstmordend von der gehaßten Oberlippe zu tilgen durch die schmerzhaft eiternde Bartfinne, Sykosis vulgaris genannt. Zuzutrauen ist ihm das! Der Diktator sollte es beizeiten abrasieren lassen, ihm zum Heil und dem deutschen Volke zum bleibenden Gedächtnis.

    1930, 42 hm

  • Anschauungsunterricht

    Anschauungsunterricht

    — Jg. 1931, Nr. 2 —

    Ein Gutes hat die große Wirtschaftskrise, in der wir uns befinden: sie erteilt auf breitester Basis Anschauungsunterricht über das kapitalistische System, unter dessen Herrschaft die Menschen neben vollen Scheuern verhungern können.

    Die Menschen wollen fühlen, nicht hören. Ein Beispiel, und vollends eines am eigenen Leib, ist besser als zehn Predigten. Auch das Beispiel genügt im allgemeinen nicht, wenn es vereinzelt bleibt. Es muß repetiert und wieder repetiert werden. Am Ende des letzten Krieges war alles voll Abscheu und Ablehnung gegenüber dem Wahnsinn des Völkermords nach dem Prinzip der umgekehrten Auslese. Nie wieder Krieg! Heute ist jener Eindruck schon wieder halb vergessen. Man treibt in Europa auf einen neuen Krieg zu, der schlimmer sein wird als der vorige. Vielleicht wird das dann der letzte sein, oder der vorletzte.

    Auch von der gegenwärtigen Krise, der „größten Weltwirtschaftskrise seit einem halben Jahrhundert“ (Julius Hirsch), glauben manche, sie werde den endgültigen Zusammenbruch des Kapitalismus heraufführen. Wir wollen nicht so optimistisch sein; aber soviel ist sicher, daß sie mithilft, ihn vorzubereiten. Not lehrt denken, fragen, zweifeln.

    „Sollte es denn im zwanzigsten Jahrhundert dem menschlichen Geiste, der fast jedes technische Problem spielend löst, der immer neue Methoden zur Steigerung des Güterreichtums ersinnt, nicht möglich sein, auch eine Organisation der Wirtschaft zu schaffen, die eine störungslose Entwicklung ermöglicht und alle Menschen auch wirklich in den Genuß dieses Güterreichtums bringt?“ So fragt Max Weber im schweizerischen „Aufbau“ und wird sicher auch mancher fragen, der sich sonst nicht mit wirtschaftstheoretischen Problemen zu befassen pflegt. Ein Pfarrer aus der Stuttgarter Umgebung, kein Sozialist, schreibt in der zum Jahresschluß von ihm herausgegebenen Chronik seiner Gemeinde: „…Im übrigen muß eine Ordnung gefunden und aufgerichtet werden, nach der nicht die einen prassen und die andern darben, nach der das Wohl des ganzen Volkes und jedes Einzelnen und nicht der Profit und die Bereicherung verhältnismäßig Weniger das Maßgebende und Entscheidende ist.“ Also genau das, was wir hier seit elf Jahren immer wiederholen. Und Hugo Borst, der frühere kaufmännische Direktor der Robert Bosch AG., ebenfalls kein Sozialist, hat vor acht Tagen im „Stuttgarter Tagblatt“ gesagt: „Es handelt sich … gegenwärtig um die vielleicht letzte Probe auf die Tragfähigkeit unserer heutigen individualistischen kapitalistischen Wirtschaftsordnung … Auch Wirtschaftsformen ändern sich und entwickeln sich weiter.“ Er fährt allerdings fort: „Ich glaube nicht, daß wir heute schon am Ende der unserigen stehen“, und zwar, „weil wir aus unserer gegenwärtigen Schwäche und Armut heraus gar nicht die Kraft aufbringen, eine völlig neue, bessere Ordnung zu schaffen.“

    Diese Begründung mag stimmen oder nicht; jedenfalls beweisen die angeführten Sätze, daß sogar im kapitalistischen Lager selber, um einen militärischen Ausdruck zu gebrauchen: die Moral der Truppe zu wanken beginnt. Und das ist keineswegs unwichtig. Wenn die Vertreter eines Systems selber nicht mehr daran glauben, dann trägt das ebensoviel oder mehr zu seinem Ende bei als die Angriffe der Gegner von außen. Man erinnere sich an das politische Ende des wilhelminischen Reiches, das 1918 nur deshalb so leicht zu stürzen war, weil es seine berufenen Verteidiger von innen her bereits aufgegeben hatten.

    Der Anschauungsunterricht durch Beispiel ist wirksamer als alle Theorie. Und doppelt wirkungsvoll ist das Beispiel, wenn es durch ein Gegenbeispiel unterstützt wird. Wenn es wahr ist, daß der russische Fünfjahresplan in diesem Jahr dahin geändert werden soll, daß die Erzeugung und Verteilung von Konsumwaren, die seither zugunsten der Schwerindustrie zurückgestellt gewesen ist, jetzt mehr in den Vordergrund treten wird, so könnte darin ein kluger Schachzug der Bolschewisten gerade im Hinblick auf das heutige Elend in den kapitalistischen Ländern liegen.

    1931, 2 · Erich Schairer

  • Die Sozialisierung des Elends

    — Jg. 1923, Nr. 35 —

    Es ist ein Jammer mit dem untergehenden Bürgertum. Viele Damen können sich längst kein Dienstmädchen mehr leisten, müssen überall selbst Hand anlegen. Das ganze Leben wird aufgesogen im Kampf um die Lebenserhaltung; alle höheren Interessen treten zurück hinter den Sorgen um Kleinigkeiten. Es ist scheußlich! Das Leben hat so auf die Dauer keinen Sinn, man zermürbt sich dabei, verbraucht die besten Kräfte, wird matt und stumpf und energielos.

    So tönt es in mancherlei Variationen aus den bürgerlichen Blättern. Man bekommt nun doch hie und da zu fühlen, was Not ist. Und schon lamentiert man. Schon schreit man empfindlich auf. Nun, da man am eigenen Leibe spürt, was es erfordert, jahrelang im Elend dahinzuleben, weist man auf die Hölle hin, die in einem kärglichen Leben verborgen ist. Leider hat es dabei immer noch nicht den Anschein, als ob man daraus auch in Hinsicht auf unsere Wirtschaftsordnung oder vielmehr -unordnung seine Schlüsse zöge. Man denkt zuvörderst an sich!

    Das Proletariat lebt nun schon Jahrzehnte in Verhältnissen, in denen nun auch bürgerliche Kreise zu „versinken“ drohen. Man hat ihm sein Streben, aus diesem unwürdigen Leben herauszukommen, fürchterlich übelgenommen und dafür den Ausdruck Klassenkampf gewählt. Nun ist man selbst auf diesen Klassenkampf, soll heißen Kampf um ein menschenwürdiges Dasein, verfallen. Und man führt ihn viel einseitiger als das Proletariat. Denn das Proletariat hat in seinem Kampf ein Bild einer gerechten Gesellschaftsordnung vor sich hingestellt; die notleidende Bourgeoisie hat aber heute nur einen Gedanken, wieder das alte Herrenleben zurückzuholen. Dort kämpft man um Aufhebung von Vorrechten, hier um deren Erhaltung.

    Darum genießt das untergehende Kleinbürgertum keine Sympathie, weil es gänzlich ideenlos nur auf sich bedacht ist. Und darum geht es auch zu Grunde. Hätte man sich zu Beginn dieser nun so verfluchten Republik auf Seiten des arbeitenden Volkes gestellt, das Proletariat durch Sozialisierung der Wirtschaft zu sich heraufgehoben, man drohte heute nicht gemeinsam zu versinken. Man hat es nicht gewollt. Denn das Elend lag trotz Revolution in weiter Ferne. Nun ist man glücklich daran, an sich selbst zu Grunde zu gehen.

    Aber der Niedergang wird dieses Volk in seinen verschiedenen Teilen so wenig zusammenführen, wie der einstige fragwürdige Aufstieg. Sie stoßen heute in ihrer materiellen und sittlichen Not hart aufeinander, und es gibt wahrlich keinen guten Klang. Erretten könnte sie nur ein klein wenig Einfühlen in die Lage des anderen; aber das haben sie selbst noch nicht gelernt, da sie, wie sie uns vorjammern, schon selbst dem Elend preisgegeben sind. Man kann daraus vielleicht auch schließen, daß es im allgemeinen noch nicht gerade überwältigend fühlbar ist.

    1923, 35 · Frida Leubold

  • Das goldene Herz

    Das goldene Herz

    — Jg. 1931, Nr. 6 —

    Die Millionen Arbeitslosen, gestern noch am Rande der Verzweiflung, können wieder frohgemuter zu Bette gehen: die Regierung hat einen vielköpfigen Ausschuß gebildet, der über dem Problem der Arbeitslosigkeit brüten soll, und Damen der Berliner Gesellschaft haben eine ganz großartig aufgezogene „Winterhilfe“ arrangiert. Die Berliner Zeitungen sind voll von Berichten; man sieht auf Bildern prominente Persönlichkeiten der äußerst dekorativ wirkenden Sammeltätigkeit nachgehen; an den Straßenecken klappert die Sammelbüchse genau so wie in den Vergnügungslokalen; wer einigermaßen auf sich hält, greift in die Tasche und entdeckt sein goldenes Herz. Man trägt es auf dem rechten Fleck, nämlich am Rock angesteckt, weithin sichtbar, damit ja kein Zweifel darüber besteht, daß man mit von der Partie ist.

    Sicher wird auf die Art einiges zusammenfließen, und da diesmal, wie man glaubhaft versichert, der Apparat kaum Unkosten verursachen wird, so werden, wenn sich alle Hoffnungen erfüllen, auf den einzelnen Berliner Arbeitslosen wohl ein paar Mark kommen. Vielleicht aber auch bloß für die, die am miesesten dran sind. Es ist noch nicht ganz sicher. Es ist nicht alles Gold was glänzt, selbst wenn es auf „Herz“ gearbeitet ist, sondern manchmal nur Double.

    Nun, es kommt auch nicht so sehr darauf an. Ob man auf einen heißen Stein zwei oder sieben Tropfen Wasser träufelt, ist Jacke wie Hose. Scheußlich ist dies: daß der geräuschvoll kreisende nationale Berg ein ärmliches Wohlfahrtsmäuschen nach ganz altem Muster geboren hat, und daß die Opferbüchsen im Schatten eines Ausschusses klappern. Ausschüsse sind von jeher das Grab dringlicher Angelegenheiten gewesen, an dem sich aber immer wieder die alte dumme Hoffnung aufpflanzt. Bis der bescheidene Auftrieb, den sie jetzt erhalten hat, verpufft ist, wird man wohl über die schlimmsten Monate weg sein. Na, und dann wird Brüning oder sonst einer ein Sanierungsprogramm ausgeknobelt haben, mittels dessen man den Karren so langsam wieder aus dem Dreck bringt. Dabei wird man dann allerdings mehr das goldene Herz der unteren Schichten beanspruchen müssen, als das derjenigen, die heute im Vollgefühl einer guten Tat mit vergoldeten Anstecknadeln paradieren.

    Und die Massen lassen sich wieder mit der Schafsgeduld, die wirklich ein goldenes Herz vermuten läßt, zwischen den Ausplünderungen des Auf- und Abbaus und zwischen billigen Wohlfahrtsaktionen hin- und herschieben und schlagen sich hie und da, im Hochgefühl ihrer politischen Freiheit und ihres heiß erkämpften Rechts auf die Straße, gegenseitig die Schädel ein oder tragen stolz die Fahnen durch die Straßen. Währenddessen sitzen die anderen gemütlich in ihren Kontoren und in den Cafés und machen ihre Geschäfte auch in miesen Zeiten wie heute; auch in ganz schlechten; auch wenn ein großer Teil der andern schon längst draufgegangen ist. Die, die verkommen, haben eben ihr goldenes Herz am falschen Fleck, nämlich: am richtigen. Das bedeutet heute so viel wie: dumm und hoffnungslos.

    1931, 6 M.

  • Volksgemeinschaft

    — Jg. 1930, Nr. 10 —

    Die „Heimat“ des Volkes besteht nach der nationalistischen Ideologie aus Gemeinplätzen, auf denen sich die Mitglieder der vaterländischen Vereine tummeln dürfen. Wer da nicht mittut, gehört zu den entwurzelten Massen und ist im innersten Grunde seines Wesens undeutsch. Auch in der Provinzstadt X. hat sich aus allen Schichten der Bevölkerung ein solches nationales Bollwerk gebildet; man kommt dort von Zeit zu Zeit zusammen, um in öffentlichen Kundgebungen als einzige Vertreter der guten alten Zeit sich über den Massenund Klassenwahn der Neuzeit zu entrüsten. Unter den Anwesenden befindet sich dann beispielsweise:

    Die Heimarbeiterin A. Sie befaßt sich mit Perlenstickerei und verdient in der Stunde 10 bis 16 Pfennige; ihre Wohnung besteht aus einer gegipsten, nicht heizbaren Kammer; ihre Bildung entstammt dem Lesebuch der katholischen Volksschule; ihre Religiosität ist im Sonntagsblättchen beheimatet.

    Der Generalleutnant B. Er bezieht von der Republik eine Jahrespension von 14.000 Mark, außerdem genießt er noch die Zinsen aus einem kleinen Vermögen; die Wohnung für die zweiköpfige Familie besteht aus sechs Zimmern mit Bad und sonstigem Zubehör; die Bildung riecht nach Kadettenhaus, gemildert durch Besuch des Stammtisches im Hotel Y; Religiosität: Wotanskult.

    Der Industriearbeiter C. Er erhält in der Fabrik einen Stundenlohn von 80 Pfennig, wovon noch die Sozialbeiträge abgehen. Die Wohnung für seine fünfköpfige Familie besteht aus einem großen und einem kleinen schrägen Zimmer nebst Küchenanteil; Bildung: evangelische Volksschule plus vaterländische Presse; die Religiosität besteht aus dem Bestreben, sich bei den Unterstützungsinstanzen der Kirchengemeinde für alle Fälle in Erinnerung zu halten.

    Der Stadtpfarrer D. Er bezieht ein Monatsgehalt von etwa 800 Mark und ist pensionsberechtigt; seine Dienstwohnung besteht aus einem geräumigen Einfamilienhaus mit Garten und reichlichem Zubehör; seine Bildung: akademisch; seine Religiosität: selbstverständlich.

    Der Bauer E. Er kommt auf einen Stundenlohn von etwa 24 Pfennig; die Wohnung für seine siebenköpfige Familie besteht aus einem Wohnraum und zwei gegipsten Kammern; seine Bildung: Dorfschule plus 11 Jahre Heimatkalender; seine Religiosität: Naturreligion mit einem gehörigen Schuß Traditionsbewußtsein.

    Der Kommerzienrat F. Er ist Aufsichtsratsmitglied und hat ein jährliches Einkommen von rund 100.000 Mark; er besitzt eine Villa mit 11 Zimmern und ein kleineres Gebäude für die Dienerschaft; seine Bildung besteht aus einer dunklen Erinnerung ans Gymnasium plus Lektüre des Scherlmagazins und der Fachpresse; seine Religiosität kommt nur an hohen Festtagen zum Durchbruch.

    Auf den ersten Blick hat es durchaus den Anschein, als ob diese Leute nichts „Gemeinsames“ hätten, aber wenn dann der Festredner von einem links stehenden und meistenteils jüdisch aussehenden Feind spricht, der „es“ rauben wolle, was ihm aber selbstverständlich bei dem einmütigen Zusammenhalt des Vereins niemals gelingen werde, dann kommt dieses Gemeinsame in einer tumultuarischen Begeisterung mächtig zum Ausbruch, und jeder gelobt sich in heiligem Zorn, in seinem Teil die Fahne des echten Deutschtums hoch zu halten. Nur wenn sie dann zu Hause sind, in der Dachkammer, im Pfarrgarten, im Palais, da fragen sie sich, was sie nun eigentlich hochhalten sollen und wissen darauf keine rechte Antwort.

    1930, 10 Kurt Debil

  • In Verlegenheit

    — Jg. 1930, Nr. 35 —

    Der Wahlausweis ist ins Haus gekommen. Nummer so und so. Wahllokal da und da. Was macht man bloß?

    Zuhause bleiben? Aber sie werden dann kommen nachmittags, die Schlepper, und milde Vorwüde ausstrahlen. Mit Recht eigentlich. Man ist doch schließlich Staatsbürger, nicht wahr. Es kann auf eine Stimme ankommen; auf die deine!

    Verreisen? Mit dem Rucksack in den Wald liegen? Es sieht nach Flucht aus, nach Feigheit. Geht auch nicht. Würde einen ganz schlechten Eindruck machen.

    Also hingehen. Schließlich ist die Wahl ja geheim. Man kann zwei Zettel statt einen in den Umschlag tun. Man kann zwei Parteien ankreuzen, oder gar keine. Dann ist die Stimme ungültig. Doch das Gewissen sagt: das ist so etwas wie Betrug, wenn du’s absichtlich machst; du müßtest dich vor dir selber schämen.

    Aber ums Himmels willen: was kann man denn mit gutem Gewissen wählen? Welche Partei ist die richtige? Hat man nicht die ganze Zeit auf die verdammten Bonzen geschimpft?

    Aha, da sind doch die sogenannten Splitterparteien. Ist die U.S.P. des wackeren alten Ledebour eigentlich noch da? Oder wie wär’s mit Vitus Hellers Christlich-sozialer Reichspartei? Die Leute sind sozialistisch und pazifistisch bis in die Knochen. Wären’s eigentlich wert, daß man sie unterstützte.

    Bloß: sie werden bestimmt nicht durchdringen. 60.000 Stimmen in einem Wahlkreis, sonst langt’s keinen Sitz! Und das ist ausgeschlossen. Alle Stimmen, die auf Splitterparteien fallen, sind nun einmal verloren, umsonst abgegeben. Sogar wenn’s so einem Grüppchen zwei, drei Sitze langen würde — was hätt’s für einen Wert? Nein, dazu denken wir zu sehr politisch. Wenn ich meine Stimme abgebe, soll sie wenigstens ein wenn auch kleines Gewicht haben.

    Bliebe also: S.P.D. oder K.P.D. Welche von beiden? Die Panzerkreuzerpartei? Die Selbstzerfleischer?

    Die Sozialdemokraten haben sich im letzten Reichstag und im Kabinett Hermann Müller als derart unzuverlässig und unfähig erwiesen, daß ich mir geschworen habe, das nächstemal nicht mehr Liste 1 zu wählen. Soll ich mich neuen Enttäuschungen aussetzen? Kann man eine Partei wählen, von der nichts, aber auch gar nichts zu erwarten ist?

    Aber ist nicht eine starke Sozialdemokratie die einzige Möglichkeit der Rettung vor dem drohenden Bürgerblock, dessen Schatten sich immer deutlicher am Horizont abzeichnet? Vor einem Bürgerblock mit Einschluß der Hakenkreuzler, die man noch vor ein paar Wochen nicht für „regierungsfähig“ gehalten hat, was man heute kaum mehr unterschreiben kann? Wäre ein „Hindenburgkabinett“, eine reaktionäre Regierung von den Nationalsozialisten bis zur Staatspartei, nicht ein großes Unglück für Deutschland? Ein umso größeres, wenn eine starke und aggressive radikale Linke ihr die erwünschten Anlässe zum „Durchgreifen“ liefern würde? Darf man einer derartigen gefährlichen Wendung Vorschub leisten?

    Die Kommunisten kommen für keine Regierungsbildung, für keinerlei „positive“ politische Arbeit in Betracht. Zu ihrem und unserem Glück, denn so, wie sie sind, haben sie ebensowenig das Zeug dazu wie die Hitlerleute. Aber sind sie nicht die einzige zuverlässige Oppositionspartei, die wir haben? Hätte ich nicht im letzten Reichstag fast immer so abgestimmt wie die Kommunisten? Werden nicht im nächsten Reichstag Dinge zur Debatte stehen — Strafrechtsreform, Schulgesetz, Kirchengesetze, Sozialpolitik, Steuerfragen, Wrrtschaftsgesetzgebung, Verhältnis zu Rußland —, bei denen ich mit ziemlicher Sicherheit annehmen kann, daß die kommunistische Partei meine Meinung vertreten wird? Wird es also nicht das Beste sein, kommunistisch zu wählen?

    Ich will mir’s nocheinmal überlegen. Wie heißt doch das alte, gute Wahlrezept des Herrn von Gerlach? „Lieber einen Meter zu weit nach links als einen Zentimeter zu weit nach rechts!“

    1930, 35 · Erich Schairer

  • Guten Morgen, Wähler!

    Eh du sie wählst, frag die Partei…

    — Jg. 1928, Nr. 17 —

    Die Filmindustrie benützt den Wahlkampf dazu, den Film von der Lustbarkeitssteuer zu befreien: sie zeigt in den Kinos täglich einigen hunderttausend Wählern das Sprüchlein: „Eh du sie wählst, frag die Partei: Werden Filme steuerfrei?“

    Das ist die einzige konkrete Wahlkampfparole, die bis jetzt ausgegeben worden ist. Sonst hört man nichts als Phrasen: „Nie wieder Bürgerblock! Nieder mit Bazille! Keine Deutschnationalen mehr ihn der Regierung!“ Und so weiter. Aber niemand gibt Antwort auf die Frage: „Ja, was dann, wenn statt des Bürgerblocks die große Koalition regiert?“ Solche nasenweisen Frager vertröstet man höchstens mit der billigen Redensart: „Das wird sich schon finden.“ Gewiß, das wird sich finden, wir habens ja schon etliche Male gefunden: ein paar Ministerstühle wechseln ihre Be-sitzer, aber die Politik – die bleibt die gleiche.

    Warum das? Unter anderem deshalb, weil bloß die Filmindustrie so ein Wahlsprüchlein ausgegeben hat, im übrigen aber die Parteien und Kandidaten, eh sie gewählt werden, nach gar nichts gefragt werden. Und man könnte so viele Fragen stellen an die, die unseren Willen vertreten sollen. Z.B.:

    1. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wie soll nach deinem Willen das neue Strafgesetz aussehen? Wirst du dich dafür einsetzen, daß die Todesstrafe verschwindet? Und garantierst du, daß du es erreichst? Trotz Zentrum?“

    2. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Was wirst du tun, um die Justizkrise zu beseitigen? Wirst du verlangen, daß die Richter die Tat eines kommunistischen Arbeiters mit dem gleichen Maßstab messen, wie die eines deutschnationalen Arbeiters? Wirst du die (wenigstens zeitweise) Absetzbarkeit der Richter verlangen?“

    3. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wirst du dafür sorgen, daß die Pazifistenverfolgungen aufhören? Daß einer nicht mehr dafür bestraft wird, daß er ungesetzliche Handlungen aufdeckt?“

    4. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wirst du gegen den Reichswehretat stimmen, wenn die Ausgaben nicht bedeutend niedriger werden? Wirst du zu verhindern suchen, daß der unsinnige Panzerkreuzer gebaut und das Geld für den Bau weiterer Panzerschiffe bewilligt wird?“

    5. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Welche Vorschläge hast du für die Abrüstung? Welche zur Verhinderung der deutschen Aufrüstung?“

    6. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Was wirst du tun, damit wir noch in diesemJahrdem deutschen Einheitsstaat wenigstens einen kleinen Schritt näher kommen?“

    7. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wirst du fordern, daß endlich das Ausführungsgesetz zum Diktaturartikel der Weimarer Verfassung (Artikel 48) zustandekommt? Wirst du dabei zu erreichen suchen, daß auch im Ausnahmezustand die oberste Gewalt nicht in die Hand eines Militärs gegeben werden darf?“

    8. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wie steht’s denn… hm… mit dem… hm, hm… Schulgesetz? Was wirst du tun, wenn das Zentrum seinen Entwurf wieder vorlegt und du in der Regierung bist, liebe Partei? Warum redest du denn vor den Wahlen gar nichts davon?“ (Stimme aus dem Hintergrund: „Blöder Esel wo kämen wir denn hin, wenn wir uns auf solche Einzelheiten festlegen wollten?“ Wahrscheinlich nicht in die Regierung, weiß schon.)

    9. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Was wirst du für die Siedlung tun? Werden in den nächsten Jahren, wenn du uns zu regieren hilfst, mehr Bauernsöhne angesiedelt werden als in den letzten?“

    10. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wirst du dafür sorgen, daß mehr Wohnungen gebaut werden als bisher? Daß in vier Jahren nicht mehr eine Million Wohnungen in Deutschland fehlen?“

    So, das sind ein paar Fragen; es gibt noch fünfmal mehr. Aber wer hält sie den Kandidaten vor, die jetzt landauf landab für ihre alleinseligmachende Partei die Dummen suchen? Wer zwingt sie zur Erwiderung, zur Erwiderung nicht nur mit Worten, sondern mit der Tat? Wer legt sich so einen Fragezettel an und holt ihn nach vier Jahren wieder hervor, um zu sehen, was sich geändert hat? Niemand. Niemand. Niemand. Mit einem Wort: bei uns fehlt die Kontrolle der Partei durch die Wähler. Für die paar Wahlkampfwochen entdecken die Bürger ihr politisches Interesse. Dann dösen sie wieder weiter.

    „Verschlaf die Zeit, vergiß das Denken, verändere nie dein Schafsgesicht! Laß dich von jedem Ochsen lenken, und wenn er stößt, so muckse nicht.“ Nach vier Jahren werden sie wieder für ein paar Wochen aufgeweckt. Dann aber gleich: „Der Teufel soll die Politik holen! Man hat doch wahrhaftig Wichtigeres zu tun.“ Ohne Zweifel, man hat Wichtigeres zu tun als über das Wort nachzudenken: „Wenn wir nicht Politik treiben, wird sie mit uns getrieben“, und deshalb Politik zu treiben und nicht zu schlafen.

    Guten Morgen, Wähler!

    1928, 17 · Hermann List

  • Deutsches Erwachen

    — Jg. 1933, Nr. 1 —

    Ich habe es ja immer schon gesagt (aber hört denn jemand auf einen alten Mann?). Und nun ist’s so weit: Deutschland befindet sich im Zustand des Erwachens. Nicht auszusagendes Erlebnis!

    Man hätte es vorhersehen sollen. Diese beständigen herausfordernden Rufe (vereinzelt und im Chor), Deutschland möge erwachen, waren einfach ein Spiel mit dem Feuer. Denn wie leicht können solche frivolen Aufforderungen ernst genommen werden! Wie leicht konnte Deutschland wirklich erwachen! (Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, pflegte meine Großmutter in derartigen Fällen zu äußern, was für eine kluge Frau, ich sehe sie noch wie heute vor mir!).

    Und jetzt haben wir also die Bescherung. Die hartnäckigen Weckrufe unserer Nationalisten sind von Erfolg gewesen. Überall regt es sich bei uns, und überall hat man infolgedessen nun Gelegenheit, sich zu fragen, ob es bei Völkern denn nicht so ähnlich sei, wie es von einzelnen Menschen behauptet wird: daß sie nämlich im Schlafen besser wirken als im Wachen.

    Der Intellekt erwacht offenbar am spätesten. Wenigstens hat man diesen Eindruck, wenn man sieht, was für Eigenschaften bisher in diesem Volk erwacht sind. Daß es nicht die besten sind, daran läßt sich kaum zweifeln.

    Oder soll man es etwa begrüßen, daß Wahlkämpfe heut bei uns nicht mehr Kämpfe sind, die mit Hilfe der Wahlstimmen ausgefochten werden, sondern solche, bei denen die natürliche Stimme (womöglich noch verstärkt durch Mikrophon und Megaphon) sowie Zaunlatten, Stuhlbeine, Biergläser eine Rolle spielen? Ich kann es nicht finden.

    Auch das Bombenwerfen auf Personen gegnerischer Richtung will mir nicht gefallen. Denn es scheint mir immerhin ein Zeichen mangelhafter Selbstbeherrschung. […]

    Und auch vom Theater und Kino muß man dabei sagen, daß sie mit Vorliebe jetzt als Demonstrationsschauplätze für das heilige Sehnen des Volkes der Dichter und Denker verwandt werden. Trompeten, Pfeifen, Trommeln, Stinkbomben, Niespulver und ähnliche Unentbehrlichkeiten der erwachenden deutschen Seele steckt man sich zum Besuch des Kinos oder Theaters ein, wie man sich früher wohl Bonbons oder Schokolade einsteckte. Hätte sie doch weiter geschlummert, die deutsche Seele!

    Man sagt mir jedoch, daß es auf deutschen Universitäten zum Teil noch wacher zugehe als in den Kinos und den Theatern. Ich kann es kaum glauben, aber es wird mir von so vielen Seiten berichtet, daß ich meine Zweifel zurückstellen muß. Manche Professoren, so wird behauptet, erleben bei ihren Vorlesungen jetzt mitten im Semester Besuchsziffern, die früher nur zu Anfang des Semesters üblich waren. Und sie sind mitnichten erfreut darüber. Denn was die neu auftauchenden Besucher zu ihnen hinzieht, ist weniger der Wissensdurst (den sie in der Regel anderswo zu befriedigen suchen) als vielmehr der Drang, dem betreffenden Dozenten eine Probe der neu erwachten deutschen Geistigkeit in Form von Füßescharren, Sprechchören, Schimpfattacken, Musikdarbietungen und eingeschlagenen Türfüllungen zu geben. So pflegte man zu meiner Zeit (als Deutschland noch schlief) nicht zu studieren.

    In den gleichen Zusammenhang aber gehört es augenscheinlich, daß man auch die Schulen heut wachzurütteln sucht, nicht zum Zweck intensiver Arbeit etwa, wie der Harmlose annehmen möchte, sondern zum Zweck einer in bestimmter Richtung hin erfolgenden Politisierung. Glaubwürdigen Zeitungsnachrichten zufolge sollen sogar Volksbildungsminister sich in diesem Sinne bestätigen und dem Vernehmen nach auch schon beachtenswerte Erfolge erzielt haben. Von einem offenbar besonders aufgeweckten deutschen Lande weiß ich, daß die Schüler in ihm beispielsweise nationalsozialistischen Vereinigungen angehören dürfen, daß sie bis zu den Sextanern herab zu nationalsozialistischen Massenkundgebungen Urlaub erhalten müssen, daß sie bestialischen Meuchelmördern, wenn sie der gleichen Partei angehören, Telegramme schicken dürfen, in denen sie ihnen versichern, sie seien stolz auf sie, daß sie zu wöchentlichen Sprechchor-Gelöbnissen angehalten werden, die sich gegen die Erfinder des inzwischen allerdings mehrfach revidierten Versailler Vertrages richten. Provokationen und Bespitzelungen der Lehrer sowie Denunziationen aller Art — sei es in Form von Versammlungsberichten, Eingesandtem oder geheimen Anzeigen — sind; wie ich höre, nichts Seltenes mehr. Hakenkreuze schmücken nicht nur die Schulaborte — wo man sie ja allenfalls noch gelten lassen könnte —, sondern auch Bänke und Bücher. Kurzum: für die Auswirkungen des deutschen Erwachens hat sich hier ein weites, weites Feld eröffnet.

    Noch einmal: ich habe es vorhergesagt. So ungefähr mußte es kommen, wenn man die deutsche Seele mutwillig weckte. Es konnte kein gutes Ende damit nehmen. Und was tun wir nun? Genügt es auf die Dauer, sich die Nase zuzuhalten? Oder sollen wir uns gar an die neue Atmosphäre zu gewöhnen versuchen, die jenes Erwachen um uns verbreitet hat?

    Ich fürchte, ich fürchte, daß das überhaupt keine Frage ist, die von uns selber beantwortet werden wird. Wenn in einer Wohnung andauernd faule Fische gekocht werden, dann pflegen sich für gewöhnlich die übrigen Hausbewohner einzumengen, soweit sie noch empfindliche Nasen haben. Und viel anders, denke ich, wird es wohl auch bei den Erzeugnissen der heutigen deutschen Küche nicht werden.

    1933, 1 Heinrich Kuhn

  • Der zahme Adolf

    [Eine gewaltige Fehleinschätzung, wie sich herausstellen sollte…]

    Der staatenlose Maler Hitler laboriert immer noch an dem Nimbus herum, den er einmal in einer aufgeregten Zeit so en passant erworben hat. Vor einem Jahr hat er sich bemüßigt gefühlt, so etwas wie Erinnerungen von sich zu geben, aber ein Buch ist keine Radauversammlung, man merkt da selbst den breitspurigsten Redensarten an, auf wie schlechten Füßen sie einherhumpeln. Augenblicklich blüht neues Leben aus den nationalsozialistischen Ruinen. Herr Hitler redet und redet, wo man es ihm nur erlaubt. Neulich hat er auch in Stuttgart geredet. Zwei und eine halbe Stunde. Ach, war das ein Geseires! Wie der Mann zu seinem Ansehen gekommen ist, möchte ich auch wissen! Er hatte sich zur nötigen Dekoration malerische Gruppen aus dem ganzen Württemberger Ländle kommen lassen, selbst aus Bayern und Baden waren sie mit ihren neckischen Hakenkreuzfähnchen angerückt. War ein Mordsklamauk. Es ist ja so wenig, was Kinder freut! Als der große Adolf das Podium bestieg, brach die ganze Korona in ein Geheul aus, das ihrer arischen Abstammung alle Ehre machte. So also sieht eine Mussolinikopie aus! Ein in die Politik verirrter Friseur stand da oben und mühte sich, so gut es ging, Zusammenhänge sichtbar werden zu lassen. Gott, was muß der Mann alles zusammengelesen haben, bis sich dieser semmelblonde Brei ergeben hat! Sicher hat er sich tief, tief in alle erreichbaren Probleme hineingekniet, hat sich bis in die Biologie hineinverirrt, hat Bände um Bände gewälzt; da muß einer ja irre werden. Eines war herauszumerken: unbelehrbar ist der Mann nicht; nur dauert es ein bißchen lange, bis er hinter etwas kommt. Heute allmählich hat er kapiert, daß mit Gewalt und Terror sehr wenig zu machen ist; wenn die Hälfte des Volkes aus unbelehrbaren Marxisten und solchen Brüdern besteht und die andere aus miesen Nationalisten, dann fällt selbst Hitlers arisches Mannenherz in die Buxen. Dann wird auch der rabiate Adolf zahm wie ein Deutschdemokrat. Weil es also wie bisher nicht geht, hat ers mit jenem Optimiesmus, den jede pleite gegangene Bewegung kurz vor ihrem seligen Ende noch am Grabe aufpflanzt. Es braucht nicht erwähnt zu werden, daß es hier, entsprechend der ruhmreichen Vergangenheit, ein großschnäuziger Optimiesmus ist. Unser Hitler glaubt nämlich, daß sich die nationalsozialistische Bewegung von Jahr zu Jahr verdoppeln werde. In etwa 10 Jahren werden wir also ein einig Volk von Nazi-Sozi sein. Ein schöner Traum! Wenn diese Verdoppelung nur nicht jeweils durch Spaltung vor sich geht. So was kommt manchmal vor.

    1927, 20 hm

  • Versäumte Möglichkeiten

    Versäumte Möglichkeiten

    — Jg. 1930, Nr. 49 —

    Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ hat dieser Tage auf die geradezu selbstmörderische Verblendung hingewiesen, mit der die Republik die unabweisbaren Bedürfnisse des deutschen Volkes nach Tamtam und Ordensgeklunker ignoriert. Es sei, ruft sie aus, ein Unfug, in einem Volke, dem die Freude am Soldatentum im Blute sitze, die Armee ohne Paradeuniform zu lassen, und wenn man die Orden abgeschafft habe und z.B. den Diplomaten als Ersatz Vasen, Zigarettendosen mit Brillanten und andere Kostbarkeiten überreiche, so wisse man eben einfach nicht, daß so was kein Ersatz sei, und daß damit niemals die moralischen und politischen Eroberungen zu machen seien, die etwa Frankreich mit seiner Ehrenlegion mache.

    Etwas ist schon daran. Je schwerer es ein Staat hat, desto mehr sollte er sich um diese unwägbaren Dinge kümmern. Das deutsche Volk wäre wahrscheinlich viel leichter über die Beschränkung seiner Wehrmacht hinweggekommen, wenn man sie wenigstens mit prächtigen Paradeuniformen ausstaffiert hätte […]

    So ist in den Ietzten Jahren aus unterdrücktem Verlangen heraus ein bedenkliches Vakuum entstanden, in das nun der geschmacklose, aber um die Bedürfnisse der Massen wissende Herr Hitler mit seinem forschen S.A.-Heerbann einströmt. Man fragt nicht mehr nach Programmen und Argumenten, sondern verlangt nach dem Apparat. Es ist bezeichnend, daß heute ohne große imponierende Aufmärsche mit Blechmusik keine Politik mehr zu machen ist. Eine tiefe Sehnsucht, von der Republik ignoriert, stillt sich aus sich selbst heraus. Die Herzen konnten den Weg zum Volksstaat nicht finden, nun finden sich die Hände zur Hosennaht, und es stellt sich wie von selbst die leichteste der Gruppierungen her: die Gruppenkolonne.

    Was hat man nur den vielen Tausenden angetan, als man ihnen die Aussicht auf Orden nahm! Deren Zauber ist unleugbar. Ihr Besitz verlieh auch dem dürftigsten Dasein Farbe und Genüge. Es gab Höhepunkte des Lebens, wo man sich strahlend die Orden vorknöpfte und herausgehoben war aus dem Dreck; mochte nachher auch der Alltag wieder mies sein, das Geltungsbedürfnis wußte, daß es von Zeit zu Zeit Genüge finden konnte.

    Die Republik hätte sich in den schwierigen Entwicklungsjahren dieser menschlichen Schwächen ruhig bedienen dürfen, ja müssen. Man ändert den Charakter eines Volkes nicht auf dem Verordnungsweg von heute auf morgen, und gerade so grotesk unwirkliche Dinge wie der Ordenszauber und anderes haben die zäheste Lebenskraft.

    Dem gewaltsam trocken gelegten Amerika bricht der Alkohol aus allen Poren; das seiner dümmsten Dummheiten beraubte deutsche Volk schafft sich abseits vom Staat seine eigenen militärischen Paraden und seine Privatorden.

    Man soll ein Pferd nicht am Schwanz aufzäumen, besonders wenn es ein altes Militärpferd ist.

    1930, 49 · oha

    Die große Trommel. Der „Völkische Beobachter“, das Organ der „Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei“, bringt folgende Anzeige: Große Trommel wird für die Musikabteilung der N.S.D.A.P. benötigt. Gefällige Angebote an die Musikabteilung der N.S.D.A.P. München, Corneliusstraße 12. — Herr Hitler ist von jeher für Schlagzeug gewesen.

    1923, 15

  • Der ewige Untertan

    Die deutsche Gefahr

    — Jg. 1926, Nr. 43 —

    Das gefährlichste Moment der innenpolitischen Lage in Deutschland liegt wohl darin, daß wir eine Republik, aber keine oder viel zu wenig republikanische Bürger haben. Wir haben eine Form, aber keinen Inhalt; ein Faß, aber keinen Wein.

    Die Reichswehr ist eine durchaus bürgerliche Angelegenheit. Das könnte sie auch ohne Schaden sein, wenn das Bürgertum darnach wäre. Die Schweizer Miliz ist eine bürgerlich-bäuerliche Institution, ohne jede sozialistische Komponente, und doch ist sie ein Hort der Freiheit. Der Schweizer Bürger will frei sein, der deutsche Bürger nicht. Da liegt der Hase im Pfeffer.

    Der deutsche Bürger hat seit dem Dreißigjährigen Kriege keine Geschichte mehr. Während die Schweizer Geschichte vom Leben, Arbeiten, Sichentwickeln des Bürgers und Bauern handelt, ist die deutsche Geschichte seit jenem unseligen Einschnitt in alles politische Geschehen, dem Dreißigjährigen Kriege, eine Geschichte der Fürsten. Das deutsche Heer, in welchen Formen es auch immer auftrat, ist ein Instrument der Dynastien gewesen. Das Volk ist stets Material seiner Herren gewesen. Diese Herren haben 1918 gewechselt. Aber das Volk ist Material geblieben.

    Wie soll der, der jahrhundertelang Untertan war, in wenigen Jahren ein freier Staatsbürger werden? Die Kirchen haben aus eigenem Interesse die Untertaneneigenschaft des Deutschen sorgfältig gepflegt, ja, wenn es ihnen notwendig erschien, mit Gewalt erhalten. In den Tagen der größten deutschen Revolution, im Bauernkrieg, hat Luther sein unsoziales und durchaus reaktionäres Herz bewiesen, als er sich zu den Fürsten und gegen die Bauern stellte. Er war ein Vorläufer jener christusfernen Stahlhelmpastoren, als er den blutgierigen Fürstenknechten sein „Schlagt die Bauern tot!“ zurief. „Schlagt die Bauern tot!“, das war damals soviel als „Schlagt die deutsche Freiheit tot! Schlagt das deutsche Volk tot!“

    Und man hat beide gründlich totgeschlagen. Wo steht heute die protestantische Kirche in Deutschland? Auf der Seite der Freiheit etwa? Und unsere bürgerliche Erziehung durch Jahrhunderte? Wovon war die Rede in unseren Schulbüchern und in denen unserer Väter, Großväter und Ahnen? Niemals ist der freie Mann, sondern stets nur der loyale Untertan deutsches bürgerliches Ideal und höchstes staatsbürgerliches Erziehungsziel der Schule gewesen. Dann trat der junge Deutsche in die Welt. Das heißt, er trat leider nicht in die Welt, sondern in die Enge seiner Berufstätigkeit. Hier wurde der übertriebene Autoritätsglaube der Erziehung in die praktische Angst vor dem Vorgesetzten umgewandelt. Nicht der Charakter, ja meist nicht einmal die berufliche Leistung entschieden über die „Karriere“ (jenen deutsche Träume bealpdrückenden Begriff!), sondern Gefügigkeit, Gehorsam, bereitwillige Aufgabe der eigenen Persönlichkeit. Der Untertan hat in jedem Wettlauf um den Erfolg in Deutschland gesiegt.

    So war es bei der Armee, in der Beamtenschaft, ja selbst in kaufmännischen und technischen Betrieben. Ein Gefühl für Freiheit hatte schließlich nur mehr der Proletarier. Aber auch der nur, weil und solange er nichts zu verlieren hatte.

    Auf der proletarischen Antithese zum Besitz läßt sich aber eine demokratische Republik nicht aufbauen.

    Das Bürgertum hat in Deutschland immer versagt. Es hatte in Dutzenden von Kriegen wohl den Mut zum Sterben, aber es hat noch nie den Mut zum Leben gehabt. Und das, weil es aus Untertanen besteht. Auch heute noch. Der Untertan ist in Deutschland unsterblich. Und solange er das ist, werden wir keine richtige Republik haben. […]

    Darum, weil Deutsche Untertanen sind, können sie sich auch nicht regieren. Das ist so selbstverständlich, wie nur irgend etwas selbstverständlich sein kann. Der Bürger hat die Revolution nicht gemacht. Er wachte plötzlich in einer Republik auf. Und hatte große Angst. Und aus Angst wurde er Demokrat. Rosa, damit die Roten ihm nichts tun. Ich habe in München sogar viele Leute der „guten“ Gesellschaft gekannt, die U.S.P.-Mitläufer waren. Nur aus Angst! Später wurden sie Hitlerianer. Auch aus Angst. Der deutsche Bürger stellte sich mit zittrigen Beinen auf jeden der nacheinander kommenden Böden der Verhältnisse. Und wurde nur wirklich böse, wenn ihm Einer ans Portemonnaie ging, ein Einzelner, den man erschießen konnte. Aber als der sogenannte Staat in der Inflation das tat, da weinte der Bürger nur, anstatt sich zu wehren, und fiel auf alle Bären herein, die man ihm aufhängte. […]

    Der deutsche Untertan hat sich antirepublikanische Richter und Staatsanwälte, eine antirepublikanische Reichswehr, antirepublikanische Gymnasial- und Universitätsprofessoren, einen zu 80 Prozent antirepublikanischen Beamtenapparat geschaffen. Er hat eine antirepublikanische Republik geschaffen, weil er die antirepublikanischen Personen nicht abschaffte. Wo hat sich ein bürgerlicher Wille zur Republik gezeigt? Wo hat sich der Mut gezeigt, an die Feinde der Republik heranzugehen und sie kopfüber aus allen Ämtern und Stellen hinauszuschmeißen? Und wenn der Verwaltungskarren ein paar Jahr holprig gegangen wäre, was hätte es geschadet? Besser auf der holprigen Straße eines politisch ehrlich gewollten Zustandes als im sofaweichen Dreck, wie wir bisher gefahren sind. […]

    1926, 43 Franz Carl Endres

  • Die „Nationalen“

    — Jg. 1926, Nr. 25 —

    Ich kann mir an dieser Stelle, so groß meine Neigung dazu auch ist, die Vorbemerkung nicht erlassen, daß ich meiner ganzen ursprünglichen Anlage nach zum Nationalen in einem unbedingt bejahenden Verhältnis stehe. Es ist mir nahezu unmöglich, mich ins Ausland verpflanzt zu denken. Ich vermag mich nur in deutsches Seelenleben mitfühlend einzuleben, nur in deutscher Sprache mit einer mir genügenden Genauigkeit auszudrücken, und Fremden gegenüber würde es mir bestimmt ähnlich gehen wie Thomas Mann, der von sich erzählt, daß er auf seiner Mittelmeerfahrt den konstantinopeler Verehrern in „fließendem Deutsch“ auf ihre Kundgebung geantwortet habe.

    Gegen die Juden, die Franzosen, die Engländer und besonders die Amerikaner habe ich mancherlei auf dem Herzen, was zu meinem Deutschtum in sehr naher Beziehung steht. Aber Eines hat mich bisher noch immer gehindert, dieser nationalen Einstellung auch öffentlich Ausdruck zu geben, und das ist es klingt merkwürdig das Treiben unserer heutigen Nationalen, mit denen ich um keinen Preis verwechselt werden möchte, weil sie mir allzu peinliche Verkörperungen jenes minderen Deutschtums scheinen, an dessen Vorhandensein erinnert zu werden den nationalen Sinn nur immer aufs neue bedrücken und demütigen kann. Mit ihnen zuerst glaube ich mich auseinandersetzen zu müssen, ehe ich es wagen darf, gegen fremde Nationaleigenschaften zu Felde zu ziehen.

    Erich Schairer hat jüngst mit Recht darauf hingewiesen, daß das Nationale sich, wie nach Friedrich Theodor Vischer das Moralische, eigentlich von selbst verstehe und daß es bereits verdächtig sei, wenn man es allzu geflissentlich in den Vordergrund stelle. Das tun unsere Nationalen schon damit, daß sie sich als Nationale bezeichnen und als solche von den anderen Volksgenossen, die sie ohne weiteres als nicht-national betrachten zu dürfen meinen, absondern. Denn was berechtigt sie, objektiv angesehen, zu einer derartig lieblosen Verurteilung des größeren Teils ihrer Nation, der zuzugehören sie doch angeblich so stolz sind? Ist nicht gerade diese lieblose Verurteilung am Ende ein Beweis dafür, daß sie in Wahrheit gar nicht national sind?


    Aber abgesehen davon: ist das etwa gute deutsche Art (oder nicht vielmehr übelste internationale Unart), sich aufzuspielen, als ob man irgend einen Vorzug gepachtet habe? Weckt nicht, um hier an die naheliegende Parallele zu erinnern, eine Kirche, die sich „rechtgläubig“ nennt, oder eine andere, die sich als die „alleinseligmachende“ empfiehlt, schon dadurch ein gewisses Mißtrauen in uns? Edle Art, die ihrer selbst gewiß ist und die die Kraft in sich fühlt, durch sich selbst zu überzeugen, bedarf keiner marktschreierischen Reklame, wie sie etwa die Parteibezeichnungen „deutschnational“ und „deutschvölkisch“ ohne Zweifel doch bedeuten.[…]

    Bei alledem halten unsere Nationalen sich sonderbarerweise noch für die großen Idealisten. Es ist mir niemals klar geworden, womit sie diesen Anspruch begründen wollen. Mir scheint, daß er durch die Länge der Zeit bei ihnen auch mehr zu einem bloßen Glaubensartikel geworden ist. Denn nur so läßt es sich erklären, daß sie auf die offenherzige Frage, was ihr Ideal denn nun eigentlich sei, die ebenso offenherzige Antwort erteilen, ihr Ideal sei es, dem deutschen Vaterlande wieder zu einem starken Heer, einer stolzen Flotte und zu überseeischen Kolonien zu verhelfen, damit es dem Ausland gegenüber so machtvoll auftreten könne wie ehedem. Daß dies und nichts anderes deutscher Idealismus sei, dessen sind sie augenscheinlich unangreifbar gewiß. Und sie werden sehr böse, wenn man nur von ferne anzudeuten wagt, daß man dergleichen bis dahin gerade immer für robustesten Materialismus gehalten habe.

    Noch sonderbarer jedoch will mich die Methode dünken, mit der sie ihre nationale Gesinnung gegenüber den geschichtlichen Ereignissen der letzten zwölf Jahre zu bekunden bestrebt sind. Als jedem zugängliche Tatsache liegt hier vor, daß unser Volk sich vier Jahre hindurch, d.h. eine vorher für ganz unmöglich gehaltene Zeitspanne lang, gegen die ungeheure, beständig wachsende Übermacht fast aller übrigen Großmächte behauptet hat und erst unterlegen ist, als bereits Hunderttausende an Erschöpfung zugrunde gegangen, die letzten Reserven verbraucht und die Bundesgenossen abgefallen waren. Dies, wie gesagt, die Tatsache. Und nun die Frage: wie soll man sich als Glied seines Volkes wohl zu ihr stellen? Es mag auf den ersten Blick ausgeschlossen scheinen, daß die Stellungnahme eine andere sein könnte als die einer befestigten Treue gegenüber der Gemeinschaft, mit der man sich durch so schlimme Schicksale verbunden weiß, einer vertieften Liebe zu diesem Volk, das so Schweres erduldet, so vieles geopfert, sich so tapfer gewehrt hat und last, not least so ruhmvoll unterlegen ist. Aber die Dolchstoßlegende zeigt, daß diese Annahme falsch ist und daß die alleinseligmachende nationale Gesinnung vielmehr darin besteht, seinem zusammengebrochenen Volk aus sicherem Hinterhalt noch einem Fußtritt zu versetzen und seiner blutenden Wunden und seiner Todesmattigkeit mit dem geifernden Anwurf zu spotten, es habe feige versagt, die Front verraten und ohne Not den Kampf aufgegeben.[…]

    Es ist so: solange alles gut ging, standen unsere Nationalen in „unerschütterlicher Treue“ zu ihrem Volk. Aber sobald das Schicksal dieses ihres Volkes sich wandte, da war es aus mit ihrer Treue. In dem siegreichen Volke lebten sie gern, von dem besiegten kehrten sie sich ab […]

    Es ist eine Qual, die Auseinandersetzung mit ihnen nicht ganz vermeiden zu können. Sie läßt sich aber deshalb nicht ganz vermeiden, weil jene es wagen, die teuern Namen „deutsch“ und „national“ dadurch zu entweihen, daß sie sie in ihrem Minderlingssinne verfälschen. Die Welt muß wissen, daß deutsch und deutschnational sein noch etwas anderes bedeutet, als mit dem Säbel rasseln, großsprecherisch den Mund aufzureißen, hoffnungslose Beschränktheit als Charakterfestigkeit ausgeben, neue Gedanken trottelhaft begeifern, die Idee grundsätzlich bekämpfen, fremde Kulturgüter unbesehen herabsetzen, die des eigenen Volkes verständnislos mißachten, selbsterwählte Ideale verraten, sein Volk in der Not, statt ihm zu helfen, noch durch sinnlose Beschimpfungen schänden.

    Denn wenn das und das allein zum Deutschtum und Nationalbewußtsein gehörte — und nach dem Gebaren unserer heutigen Nationalen sieht es manchmal fast so aus —, dann wäre es keine Ehre mehr, deutsch und national zu sein. Das aber habe ich bisher geglaubt. Und ich möchte es gern weiter glauben dürfen.

    1926, 25 Kuno Fiedler

  • Die Nationalsozialisten

    Die Nationalsozialisten

    — Jg. 1923, Nr. 19 —

    […] Über „Wesen, Grundsätze und Ziele der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“ spricht in einer programmatischen Broschüre der Hauptschriftleiter Alfred Rosenberg des „Völkischen Beobachters“. Das Programm an sich ist in mehr als einer Beziehung sehr interessant. Es verlangt Selbstbestimmungsrecht und Gleichberechtigung der Völker, gerade so wie Sozialisten und Pazifisten – Hitler aber predigt innen- und außenpolitische Gewalt und Dr. Dinter appelliert mit Theaterpose ans „Schwert“. Es verlangt Verstaatlichung der Trusts, Kommunalisierung der Großwarenhäuser – sollen damit Sozialisten gefischt werden? Ist die Forderung auf Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens eine nationalsozialistische Erfindung? Oder die nach Kolonien, nach Bodenreform? Todesstrafe für Wucherer und Schieber, Erfassung der Kriegsgewinne, Aufhebung des Friedensvertrages usw. Diese „Forderungen“ blenden für einen Augenblick die urteilslose Masse. Wege zu diesen Zielen zeigt Hitler nie. Das ganze Programm ist Täuschung und Trug, um die Massen für die eigentlichen „Ziele“ einzufangen. Und diese sind: plumper Antisemitismus und Revanchekrieg. Darüber läßt Herr Hitler keinen Zweifel. Wer ihn in seinen Versammlungen reden hört, gibt sich darüber keinen Täuschungen hin. Schlagt die Juden und Franzosen tot! So heißt das Evangelium dieser beschränktesten aller Nationalisten. Und sie verstehen es vortrefflich, dafür Stimmung zu machen. Leider sind Juden sowohl wie Franzosen den nationalsozialistischen Fäusten unerreichbar, und solange dienen die Judenknechte und Franzosenfreunde, die sich Sozialisten nennen, als Prügelknaben…

    *

    An einem Freitag morgen kam ich nach München. Ich erwartete nach den mir zugegangeneo Berichten zum mindesten auf der Brust jedes zweiten Müncheners ein stattliches Hakenkreuz. Ich wurde enttäuscht. Den ganzen Tag über sah ich nur zweimal dieses mißbrauchte Zeichen, beide Male am Hals junger Damen. Abends fand eine der Hitlerschen Massenversammlungen im Zirkus Krone statt. Schon zwei Stunden vor Beginn sammelten sich die Hundertschaften auf dem Marsfeld. Hitler verfügt über etwa 30 Hundertschaften, von denen allerdings nur wenige die Zahl hundert erreichen. Sie setzen sich zum größten Teile aus jugendlichen Arbeitern und Angestellten zusammen, denen das Soldatenspielen Freude macht. Mit einem Stahlhelm auf dem Kopfe oder einer grauen Skimütze mit schwarz-weiß-roter Kokarde, einem roten Armband mit einem schwarzen Hakenkreuz im weißen Felde kommt man sich auch zu interessant vor. Und erst alle die geheimnisvollen Befehle und Andeutungen der Vorgesetzten! „Heute und morgen erhöhte Alarmbereitschaft!“ Wem sollte da nicht die Brust voller Stolz schwellen? Und wenn man des Abends im Hofbräukeller bei seiner „Moaß“ sitzt und vor den Ohren des friedlichen Bürgers mit den Kraftausdrücken des großen Meisters um sich wirft, wer sollte da nicht selbstbewußt werden? Der Bayer lebt von der Opposition um jeden Preis […]

    Herr Hitler ist der Typ des Demagogen, wie ihn Mommsen (Röm. Geschichte, Bd. 5, S. 717) in der Person des Apion treffend schildert:

    „Vor dem Kaiser Caligula erschien die Deputation der Judenfeinde, geführt von Apion, auch einem alexandrinischen Gelehrten, der ,Weltschelle‘, wie Kaiser Tiberius ihn nannte, voll großer Worte und noch größerer Lügen, von dreistester Allwissenheit und unbedingtestem Glauben an sich selbst, wenn nicht der Menschen, doch ihrer Nichtswürdigkeit kundig, ein gefeierter Meister der Rede wie der Volksverführung, schlagfertig, witzig, unverschämt und unbedingt loyal.“

    Wort für Wort trifft auf Hitler zu. In der ersten Massenveranstaltung sagte er als Motto: „Ich werde nun nacheinander acht Massenveranstaltungen halten, und wenn so fortgesetzt Öl ins Feuer gegossen wird, müßte ein Wunder geschehen, wenn es nicht zur Explosion kommt“. Er hat sein Wort gehalten. Er appelliert an die niedrigsten Instinkte der Massen. Seine Beredsamkeit ersetzt den fehlenden Inhalt durch ihre schillernde Form. Er wird es zur Explosion bringen, die ihn aber selbst hinwegfegen wird.

    Der deutsche Staatsbürger aber schläft. Schallt es einmal allzulaut aus München herüber, ruft er nach den Gesetzen zum Schutz der Republik, nach Vereins- und Zeitungsverboten. Von solchen Zwangsmaßnahmen das Heil zu erwarten, zeugt von einer geradezu einzigartigen Unkenntnis politischer und psychologischer Grundtatsachen. Alles Verbotene reizt nicht nur den Knaben, auch den Erwachsenen. Mit dem Sozialistengesetz hat man nur den Sozialisten genützt. Und Herr Hitler quittiert jeden überflüssigen Zwang äußerlich mit Protestgeschrei, im Innern aber dankbar lächelnd. Es gibt nur ein Mittel gegen die nationalsozialistische Geistlosigkeit: ihr positiven republikanisch-sozialistischen Geist entgegenzusetzen, der sehr wohl imstande ist, die Jugend zu begeistern, und der allein eine sichere Entwicklung des Ganzen gewährleistet. Wird dieser Geist in unserem Volke stark, dann brauchen wir keine nationalsozialistischen Explosionen zu befürchten. Sie bleiben dann nur ein ohnmächtiges Feuerwerk von kurzer Dauer. Große Kreise der „republikanischen“ Bevölkerung sind aus Bequemlichkeit und Trägheit republikanisch. Wachen sie nicht bald auf, dann blüht Herrn Hitlers Geschäft; und Herr Hitler wird dann mit recht temperamentvollen Fußtritten die aufwecken, die heute noch schlafen…

    1923,19

    Walter Ostermann

  • Deutscher Frühling

    Deutscher Frühling

    — Jg. 1921, Nr. 12 —

    Frühling! Das ist etwa so: eine süße Ahnung von köstlichen Sommern liegt in der Luft. Ewig heiter und sorglos blaut droben der weite Himmel und eine sanfte Melodie schwingt hin durch unendliche Räume. Ein ganzes Sortiment von Wundern ist hingeworfen mit heiterer Gebärde. Tage, verträumt im milden Lächeln Gottes, das Blume heißt und Tau und ziehende Wolke und WellenspieL Das ganze leicht ausstaffiert mit Eichendorff-Gefühlchen als Extra-Beigabe für uns Deutsche.

    Aber der „teutsche“ Spießer, zerrüttet von Revolution, Demokratie und Schicksal, gruppiert sich trauernd um das Grab eines verstorbenen Militarismus und pflanzt in den lachenden Frühling hinein mit liebenden Händen die Blümchen seiner alldeutschen Hoffnungen.

    Frühlingswinde lispeln dazu in deutschem Akzent ein uraltes Lied. Gewaltige Visionen steigen auf von prächtigen Frühlingsparaden, vom Taktschritt deutscher Regimenter, von Schnurrbartspitzen halbgöttisch zum Himmel gezwirbelt, von Händen gehorsamst an Hosennähten, von höfischem Glanz und Festen. In der Ferne winkt ein köstlicher Sommer: Deutschland befreit von Juden und Idealisten, im Glanz seiner Helmspitzen sich spiegelnd.

    Ach ja! Wenn sie jetzt der Frühling mit Macht überfällt und sie liegen irgendwo hingegossen auf spinatgrüner Flur und die Kordel baumelt am Lodenhemde melancholisch in die Welt hinein, wenn sie da liegen und träumen zu den Wolken hinauf, träumen sie immer nur dies; jeder Tautropfen spiegelt es wieder; jeder Vogelsang kennt nur diese Weise und aller Wolken Zug geht nur diesen Weg.

    Man möchte Psychiater sein, um Menschen zu verstehen, die, aus einem irren Bluttaumel und Vernichtungswahn jählings in die Wirklichkeit erwacht, nach wenigen Monaten schon den Moment des Erwachens verfluchen. Die den gräßlichen Anschauungsunterricht eines unheimlichen Amoklaufes genossen haben und doch nicht mehr begreifen, warum sie einmal in ganz natürlichem Ekel die Mordwaffen hingeworfen haben.

    Man möchte wissen, was in Menschen vorgeht, die, herausgewachsen aus dem Humus einer Jahrtausende alten christlichen Kultur, immer noch erstarrt und enttäuscht stehen, weil ein Weltkrieg, eine rasende Orgie von Vernichtung, Haß und Gemeinheit nur Elend und Not, moralischen Tiefstand und sittlichen Verfall gebracht hat.

    Man möchte es begreifen, warum ein Volk auf der hohen Stufe der Wissenschaft, wie es das deutsche ist, es nicht fertig bringt, mittels dieses wissenschaftlichen Denkens den langen Weg einer unglücklichen Entwicklung bis zur Katastrophe klarzulegen.

    Soviel von den Zulu-Kaffern bekannt ist, sollen sie die Fähigkeit besitzen, aus gemachten üblen Erfahrungen zu lernen. Wir haben an Deutschland das betrübliche Beispiel, daß ein Volk einen Weltkrieg verlieren kann und trotzdem im alten Fahrwasser weitertreiben, mit denselben vagen Hirngespinsten und denselben erdenfremden Träumen.

    Sollte nichts von den Zulus zu lernen sein?

    Man steht erschüttert in diesem Frühling, am Ende einer kurzen Spanne Zeit, da irgendwelche Hoffnungen in uns sproßten. Einmal, im November 1918, als das Volk sich von seinen Fesseln befreite, keimte schüchtern hoffnungsvolle Saat. Etliche nannten es eine Revolution. Arme Menschen! Wieviel Hoffnungen und heiße Sehnsüchte spracht ihr damit aus! Heute wissen wir es. Es war keine Revolution. Es war ein bedauerlicher Irrtum! Es war eine kleine Entgleisung der deutschen Psyche. Nichts weiter. Der kurze Weg von damals bis heute demonstriert dies vortrefflich. Tausende liegen mit Gewehrkolben niedergeschlagen, von hinten „auf der Flucht“ erschossen, von Kommisstiefeln zu Tode getrampelt. Der Geist von 1914 lebt noch. Er hat sich auch im Bürgerkrieg bewährt. Seine Methoden sind noch weiter ausgebaut worden. Und was in manchen Köpfen von „den Tagen der Schmach“ noch geblieben, sucht man mit Gummiknüppeln, Stinkbomben und Rüpeleien vollends auszutreiben!

    
Vergessen der Wahnwitz des Weltkrieges. Vergessen die Ströme von Blut. Vergessen das Grauen des Schlachtfeldes, die tierischen Ekstasen der Riesenabschlachtungen, die grandiose Arbeit raffinierter Vernichtungstechnik Vergessen die Blamage der Marneschlacht, vergessen der Unsinn vor Verdun und noch vieles mehr. Vergessen! Nichts ist in diesen Köpfen haften geblieben von dem grausigen Spuk.


    Was geblieben ist, ist nur eitel Phrase: von dem Dolchstoß von hinten und all dem Kohl, der zu widerlich ist, um ihn aufzuwärmen.

    Daß Millionen unter der Erde modern und Hunderttausende von Krüppeln dahinvegetieren, wer spricht noch davon! Indessen hören wir von duldenden, gottergebenen Fürsten, die in der Verbannung ihre Millionen verzehren. Es ist ekelhaft.

    Dies ist deutscher Frühling. Die Sonne lacht. Ungeahnte Wunder tun sich auf. Man möchte sich hingeben und Mensch sein. Aber man ist hineingestellt in die Misere der „teutschen“ Staatsmaschinerie als Objekt einer lieblichen Verwaltungs-Bürokratie. Wenn man nicht hier und dort Menschen hätte, um derentwillen es sich verlohnt, zu bleiben, man schiffte sich ein, irgendwohin, weit weg.

    1921, 12

    Hermann Mauthe

  • Vor der Wahl – Eine Rede an Sozialdemokraten

    Vor der Wahl – Eine Rede an Sozialdemokraten

    — Jg. 1920, Nr. 22 —

    Parteigenossen! – Ich bin nämlich „Genosse“, und zwar einer von der Mehrheits- (oder bald Minderheits-?) Partei; und ich rede zu euch von dieser Rednerbühne aus, weil ich von der Bühne der „Tagwacht“ oder des „Sozialdemokraten“ aus nicht so reden könnte, wie ich reden muß…

    Parteigenossen! Es ist nun mit der Wahl der Augenblick wieder da, der euch eine politische Entscheidung in die Hand legt, die Entscheidung darüber, was in Zukunft aus der Sozialdemokratie werden soll. Und es kommt nun alles darauf an, daß ihr den ernstlichen Willen habt, das gut zu machen, was ihr im vergangenen Jahr schlecht gemacht habt. Denn darüber sind wir uns ja wohl alle klar: die Sozialdemokratie hat aus der Revolution nicht das gemacht, was sie hätte machen sollen und machen können. Man hat es oft gesagt, und es gibt kein wahreres Wort: die deutsche Revolution ist zu einem Lohnkampf geworden. Höhere Löhne und verminderte Arbeitszeit: das habt ihr herausgeschlagen; dafür habt ihr die Macht eingesetzt, die euch die Revolution gegeben hat. Ist das aber das Ziel der Sozialdemokratie? Haben dafür die Männer eures Heldenzeitalters, die Bebel und Liebknecht, gelitten und gestritten, daß ihr mehr verdient und weniger arbeitet? Haben sie nicht gekämpft für eine neue Gesellschaftsordnung, die jeden zu einem Vollbürger des Staates macht, für ein neues Wirtschaftssystem, das jedem ein würdiges Menschendasein sichert, für eine Idee also, die nicht damit verwirklicht ist, daß ihr bequemer lebt als zuvor. Die Erfolge eures Lohnkampfes bedeuten für den Sozialismus rein gar nichts. In dem großen Krieg zwischen Sozialismus und Kapitalismus sind sie gelungene Beutezüge, aber keine Siege, und (um im Bild zu bleiben) über’m Beutemachen habt ihr den Sinn des ganzen Krieges aus dem Auge verloren. Ihr habt den Geist des Kapitalismus in eure Seelen hineingelassen und seid nun ebenso von ihm besessen, wie eure Todfeinde, die ihr Kapitalisten nennt: das ist die Wahrheit.

    Freilich, die Schuld liegt zum großen Teil an euren Führern. Sie haben versagt, so gründlich, so kläglich versagt, daß es zum Heulen ist. Als die Revolution ausbrach, da schlug ich mich durch ein öffentliches Bekenntnis zur Sozialdemokratie. Hier, so sagte ich mir, sind die Männer, die was Rechtes wollen und die die Kraft haben, es zu wollen. Die bürgerliche Gesellschaft ist unter dem alten Regime satt, faul und unfruchtbar geworden: die bringt keine Männer von großem Zuschnitt hervor. Die Sozialdemokraten, die werden sich nun daranmachen, das deutsche Haus, das verpestet ist, vom Geist eines seelenlosen Autoritätsprinzips, vom Standes- und Bildungsdünkel seines Bürgertums, vom Geist der Lüge und Phrase, die sich auf Thronen, Kanzeln und Kathedern blähte, vom Geist eines gewissenlosen Streberund Schiebertums, das Krieg und Revolution nicht gezeugt, sondern nur entbunden haben,… sie werden sich daranmachen, das deutsche Haus reinzufegen von all dem Dreck, den eine Periode kapitalistischen Gedeihens darin angesammelt hatte.

    Was aber taten nun diese Revolutionshelden? Daß Gott erbarm! Sie begannen mit einer weltgeschichtlichen Dummheit: sie traten in die Regierung ein. Man kann sich denken, wie die Herren von der Rechten schmunzelten, als unsere Leutchen, vom Ehrenspeck gelockt, in die Mausefalle hineinspazierten und sich freundlich und dienstfertig anschickten, die Kriegsschweinerei aufzuputzen, die im Grunde doch die anderen angerichtet hatten. Das war ein schwerer taktischer Fehler, der sich rächen wird und schon gerächt hat, da man auf euch nun die ganze Last der Unzufriedenheit wirft, die sich in unserem furchtbar geschlagenen Land naturgemäß gegen jede Regierung angesammelt hätte … ein schwerer taktischer Fehler, aus Dummheit und Eitelkeit. Das war schlimm genug, aber es kam noch schlimmer. Unsere Regierungsmänner schienen ihre Hauptaufgabe darin zu sehen, sich um jeden Preis auf dem ewig schwankenden Ministerstühlchen zu halten, und wenn einer stürzte, wie der edle Scheidemann, so war es gewiß nicht, weil er mit zu großer Energie für sozialistische Gedanken eintrat. Kompromisse nach allen Seiten, behutsames Leisetreten nach rechts, demokratische Verbrüderung mit Ultramontanen und Demokraten: ein politischer Eiertanz, bei dem man Stück um Stück die Rüstung sozialdemokratischer Überzeugungen ablegte, um sich leichter bewegen zu können. Wer nicht mitmachte, wie unser tapferer Sakmann u.a., wurde kaltgestellt: man wollte keine Kämpfer. Und das alles mit der ewig wiederholten Begründung: man sei nun einmal in einem demokratischen Staat und man habe eben leider nicht die Mehrheit. Aber, zum Teufel, wo bleibt denn da der revolutionäre Gedanke? Seht ihr denn nicht, daß es Kompromisse gibt, die ein Mensch, der eine Idee vertritt, schlechterdings nicht machen darf, weil er sonst zum Verräter wird am Besten, was er in sich trägt? So bereit waren diese Leute zu Kompromissen, daß ihnen auch nicht ein einziges Mal der Gedanke kam, mit ihrem Rücktritt zu drohen, was zu einer Zeit, da der Rechten der Schreck über die Revolution noch in den Gliedern saß, von der besten Wirkung gewesen wäre. So bereit zu Kompromissen, daß sie auch nicht ein einzigesmal die Massen aufgerufen haben, für einen politischen Gedanken ihre Macht in die Wagschale zu werfen. Ach, sie waren so gerührt, unsere Leutchen, daß man sie so nett ankommen ließ! Die anderen sollten sehen, daß der Sozi auch ein Mensch ist, sozusagen, besonnen, belehrbar, gerecht, kein roher Fanatiker und wilder Mann. Fürwahr! So harmlos, so gutmütig, anständig, bescheiden, verträglich, war nie eine Revolutionsregierung! Niemand wurde ein Haar gekrümmt: weder den Monarchisten und Militaristen noch den Kapitalisten, weder der Schule noch der Kirche, weder den Bürokraten noch den Schiebern. Nur gegen Links war man energisch. Da hatte man auf einmal Grundsätze. Warum wohl? Nun, dort standen wirkliche Gegner, nicht Gegner der Anschauung (beileibe nicht! denn um Anschauungen kann man markten), sondern persönliche Gegner, Leute, die auch Führer sein wollten und die da anfingen, die Massen ihren alten Führern zu entfremden. Das freilich war eine ernsthafte Sache! Da mußte man streng sein.

    Nun werden diejenigen unter euch, die links stehen, sagen: Ja, das waren die Mehrheitsleute; aber wir von der U.S.P und der K.P., wir sind doch andere Kerle! Liebe Freunde, bildet euch nichts ein! Als die Mehrheitsleute im Weimarer Schulkompromiß die deutsche Geistesfreiheit schamlos verhandelten, wo waret ihr da? Ist die Schul- und Kirchenfrage am Ende auch für euch ein heißes Eisen, wie für die Herren Demokraten, die sich, als die Krise kam, rechtzeitig um die Verantwortung zu drücken wußten? Und was habt ihr sonst Reelles getan und geleistet? „Diktatur des Proletariats“ habt ihr gebrüllt ─ gut gebrüllt, in allen Tonarten, ich gebe es zu ─ und habt die Massen mit diesem Zauberwort betört. Aber was ihr diktieren wollt, wenn’s darauf ankäme: davon schweigt die Geschichte. Und die Massen, die hinter euch dreinlaufen, sind so anspruchslos und bescheiden: sie haben ein neues, gutes Schlagwort; was dahinter steckt, interessiert sie wenig. Oh so brüllt nur weiter euer Diktaturgeschrei, aber hütet euch, daß ihr nicht einmal diktieren müßt! Das gäbe eine böse Verlegenheit und es käme zur ersten Verlegenheit der Sozialdemokratie die zweite… Fühlt ihr nicht die tiefe Unehrlichkeit und die öde Unfruchtbarkeit, die in eurer Schiagwortpolitik liegt? Meint ihr, dabei könne etwas Vernünftiges herauskommen? Meint ihr, ihr könntet ernten, wo ihr nicht gesät habt?… „Das Proletariat muß zur Herrschaft kommen… das übrige wird sich finden.“ O nie! Das übrige wird sich nicht finden. Sondern es wird sich finden, daß ihr zerstören könnt, aber nicht aufbauen. Und wenn ihr mir mit Rußland kommt, so sage ich: „Zeigt mir erst euren Lenin und Trotzki! Dann wollen wir weiterreden!“ …

    Was aber sollen wir nun tun? fragen einige (wenige) von euch, die mir rechtgeben. Das will ich euch sagen!

    Zum ersten: denkt ein bischen weniger an euer leibliches Wohl und mehr an Ideen. Bebel und Liebknecht haben nicht über die Probleme „Most“, „Marmelade“, „Zucker“ und dergleichen geredet. Die Ideen sind die großen Triebfedern des Weltgeschehens, die Ideen siegen. Beschäftigt euch ein bißchen mehr mit den Ideen des Sozialismus! Die Art, wie ihr mit dem geistigen Gut des Sozialismus umgeht, ist unwürdig und kindisch. Zum zweiten: Wählt andere Männer zu Führern! Nicht bloß eben andere, sondern Männer von anderem Schlag. Daß eure Führer versagt haben, muß euch zu denken geben. Ihr habt nicht das richtige Gefühl für das, was den Führer macht. Es kommt nicht vor allem darauf an, daß einer ein gerissener Hund sei und ein gewandter Schwätzer. Die Sorte taugt nichts: das haben wir gesehen. Und sie sind nicht bloß in unserer Partei. Ganz Deutschland wimmelt von ihnen, wie von Käsemilben, und stinkt von der gemeinen Routine und dem schleimigen Phrasengetratsche dieser schellenlauten politischen Toren. Denkt an das Wort des Dichters: „Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor“. Das ist’s, was wir brauchen: Männer von Verstand und rechtem Sinn. Männer, die an die Sache denken und nicht an ihren persönlichen Vorteil. Männer, die Charakter haben, einen klaren Kopf und einen festen Willen.

    …Das laßt euch gesagt sein, ehe ihr zur Wahlurne schreitet. Und damit Gott befohlen!

    1920, 22 Wolfgang Pfleiderer

  • Verhandlungen des Reichstags

    Die Stenografischen Berichte über die Verhandlungen des Norddeutschen Bundes, des Zollparlaments und des Reichstags liegen in gedruckter Form kontinuierlich von 1867 bis 1942 in 527 Bänden vor. Sie stellen eine der wichtigsten Quellen zur neueren deutschen Geschichte dar, die allerdings aufgrund unregelmäßiger und verstreuter Register nur schwer zugänglich und darüber hinaus in kaum einer Bibliothek vollständig vorhanden war.

    Seit 1997 hat die DFG im Rahmen des Programms „Retrospektive Digitalisierung von Bibliotheksbeständen“ die Digitalisierung der Stenografischen Berichte gefördert. Im zweiten Bewilligungszeitraum konnten für den Zeitraum von 1918 – 1942 148 Bände (122.580 Seiten) digitalisiert und im Internet bereitgestellt werden. Die Bayerische Staatsbibliothek bietet erstmals eine vollständige Ausgabe der Reichstagsberichte (inklusive aller Anlagen) an.

    Um die Auswertungsmöglichkeiten der Quelle gegenüber der gedruckten Version zu verbessern, wurden die Sach- und Sprechregister im Volltext erfasst. Ergänzend wurde aus den digitalisierten und im Volltext erfassten biografischen Handbüchern, eine Datenbank der Reichstagsabgeordneten aufgebaut, die weitere Zugangsmöglichkeiten zum Quellenmaterial bietet.

    Die digitalisierten Protokolle finden Sie hier:

    https://www.digitale-sammlungen.de/index.html?c=kurzauswahl&l=de&adr=www.reichstagsprotokolle.de/index.html

  • Mörderische Statistik

    [15.02.2016] Emil Julius Gumbel hat um 1920 politisch motivierte Morde untersucht und stellte fest: Die Justiz ist auf dem rechten Auge blind. Mehr als 350 rechtsextremen Morden standen rund 20 linksextreme gegenüber. Linke Täter bekamen Todesurteile, rechte im Schnitt nur vier Monate Haft. Sein Buch wurde von den Nazis verbrannt, jetzt ist es wieder da.

    Von Otto Langels

    Der Justiz der Weimarer Republik wird nachgesagt, sie sei „auf dem rechten Auge blind“ gewesen und habe damit als rechtsstaatliche Institution versagt. Rechtsextreme Straftäter hätten kaum etwas zu befürchten gehabt, während Staatsanwälte und Richter Linksextremisten rigoros verfolgt und bestraft hätten. Emil Julius Gumbel, ein junger Mathematiker und Statistiker, untermauerte diese These bereits 1922 in einer Aufstellung der politischen Morde in den Jahren 1919 bis 1922. Seine Recherchen veröffentlichte er unter dem Titel „Vier Jahre politischer Mord“ und setzte damit sein Leben aufs Spiel.

    „Der Arbeiter Piontek wurde am 12. März 1919, angeblich, weil er sich geweigert hatte, einem Soldaten Feuer zu geben, verhaftet, und in der Normannenstraße von dem Gefreiten Ritter und dem Unteroffizier Wendler erschossen. Am 31. Januar 1922 verurteilte das Schwurgericht Ritter wegen versuchten Totschlags mit mildernden Umständen zu 3 Jahren Zuchthaus, Wendler wurde freigesprochen.“

    Der Mord an dem Arbeiter Piontek ist einer von mehreren hundert Fällen, die Emil Julius Gumbel in seiner Schrift „Vier Jahre politischer Mord“ auflistet. Akribisch sammelte der 1891 in München geborene Mathematiker Daten und Fakten über alle politischen Gewaltverbrechen, von rechts wie von links. Er beschrieb detailliert die Tat, nannte, soweit bekannt, die Namen der Mörder und Auftraggeber sowie die strafrechtlichen Folgen. Dabei berücksichtigte Gumbel die Umstände jedes einzelnen Mordes aus den Jahren 1919 bis 22:

    „Ich habe nur solche Fälle aufgenommen, wo die erschießende Partei nicht behauptet hat, dass sie von der Menge angegriffen wurde.“

    Emil Julius Gumbel fasste die Fälle in Tabellen zusammen. Das Ergebnis ist bedrückend: 354 rechtsextremen Morden, hauptsächlich verübt von ehemaligen Soldaten und Freikorps-Angehörigen, stehen 22 linksextreme Morde gegenüber. Noch erschreckender ist die Sühne der Verbrechen. Die Gerichte verhängten bei linken Tätern zehn Todesurteile, in den übrigen Prozessen betrug die durchschnittliche Haftstrafe 15 Jahre pro Mord, rechte Mörder kamen mit durchschnittlich vier Monaten Haft davon.

    „Am 10. März kamen zu dem jungen Kurt Friedrich, 16 Jahre, seine beiden Freunde Hans Galaska, 16 Jahre, und Otto Werner, 18 Jahre, in die Wohnung der Mutter des Friedrich zu Besuch. Die drei jungen Menschen hatten sich nie mit Politik beschäftigt. Sie waren kaum zusammen, als acht Regierungssoldaten auf Grund einer Denunziation ankamen. Sie erklärten die drei jungen Menschen für verhaftet und führten sie ab. Nach zwei schrecklichen Tagen des Wartens fand Frau Friedrich die drei jungen Freunde im Leichenschauhaus als Tote wieder. Es erfolgte weder gegen die beteiligten Mannschaften noch gegen die verantwortlichen Offiziere ein Verfahren.“

    Das Reichsjustizministerium bestätigte zwar die Angaben Gumbels, aber seine aufrüttelnde Bilanz blieb folgenlos, nicht ein einziger Mörder wurde auf Grund der Recherchen Gumbels bestraft. 1924 fasste der Mathematiker seine Statistiken in einem bitteren Fazit zusammen:

    „Es ist amtlich bestätigt, dass in Deutschland seit 1919 mindestens 400 politische Morde vorgekommen sind. Es ist amtlich bestätigt, dass fast alle von rechtsradikaler Seite begangen wurden, und es ist amtlich bestätigt, dass die überwältigende Zahl dieser Morde unbestraft geblieben ist.“

    Bevor Emil Julius Gumbel mit seiner Veröffentlichung Anstoß erregt, hat sich der Sozialdemokrat als erklärter Kriegsgegner und Pazifist bereits den Hass rechtsradikaler Kreise zugezogen: Im März 1919 taucht ein Offizier der Garde-Kavallerie-Schützendivision mit zehn bewaffneten Männern in seiner Berliner Wohnung auf, um ihn als „Schädling“ standrechtlich zu erschießen. Gumbel hat Glück, er befindet sich gerade im Ausland. Die Soldaten verwüsten und plündern daraufhin seine Wohnung. Ein Jahr später schlägt ihn ein rechtsradikaler Mob während einer Versammlung der Deutschen Friedensgesellschaft blutig nieder. Dennoch veröffentlicht er die Statistik der politischen Morde und riskiert damit sein Leben.

    1923 wird Gumbel Privatdozent für Statistik an der Universität Heidelberg, er zieht sich jedoch schon bald den Zorn rechter Studenten und konservativer Professoren zu, als er bei einer Friedensversammlung vom „Feld der Unehre“ spricht. Die Universität leitet sogleich ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein, es endet glimpflich, aber die Fakultät lässt es sich nicht nehmen, ihn als „ausgesprochene Demagogennatur“ zu bezeichnen. Als er im Mai 1932 die Figur einer Kohlrübe für ein Kriegerdenkmal vorschlägt, ist die Empörung groß, die Universität entzieht ihm umgehend wegen „Unwürdigkeit“ die Lehrbefugnis.

    1991 stellte die Hochschule zu seinem 100. Geburtstag klar:

    „Die Universität handelte falsch und beging Unrecht, als sie Gumbel ausschloss.“

    Emil Julius Gumbel wird noch im selben Jahr Gastprofessor in Paris, und das rettet ihm als Juden womöglich das Leben. 1933 verbrennen die Nazis seine Bücher, darunter „Vier Jahre politischer Mord“. Er selbst wird ausgebürgert.

    „Ich empfinde es als große Ehre, dass ich wegen meiner Veröffentlichungen über die Schwarze Reichswehr und die politischen Morde bereits auf die erste Ausbürgerungsliste kam.“

    Schreibt er Jahre später.

    1940 flieht Emil Julius Gumbel vor den Nazis in die USA, dort hält er sich mühsam mit Lehraufträgen über Wasser. Nach dem Krieg möchte er nach Deutschland zurückkehren, aber an seiner alten Heidelberger Universität ist er nicht willkommen. Lediglich die Freie Universität Berlin bietet ihm eine Gastprofessur. Als er 1966 in New York stirbt, würdigt ihn keine deutsche Zeitung.

    Dabei hat Emil Julius Gumbel mit „Vier Jahre politischer Mord“ bereits Anfang der 1920er Jahre eindringlich auf die hemmungslose mörderische Gewalt von rechts hingewiesen. Er hat zugleich auf das Versagen der Justiz aufmerksam gemacht und damit frühzeitig zwei Ursachen für das spätere Scheitern der Weimarer Republik benannt.

    Emil Julius Gumbel: Vier Jahre politischer Mord.
    Reprint der Originalausgabe von 1922.
    Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, 1980. 360 Seiten, 12,80 Euro

    Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/moerderische-statistik-gewalt-von-rechts.1310.de.html?dram:article_id=345863

    Siehe auch…

    Die Leerstelle

    Die NS-Verfolgung queerer Menschen wurde lange nicht anerkannt. Wegen staatlicher Repression machten Überlebende ihr Leid nicht öffentlich. So auch Kurt Koch, der vier Konzentrationslager überlebte.

    https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/578025/die-leerstelle

  • Dummes Zeug

    — Jg. 1925, Nr. 37 —

    Wenn mich mein Onkel früher vor den Sozialdemokraten warnen wollte, sagte er immer, das seien dumme Leute, die wollten alles teilen, und dächten nicht daran, daß es nach zehn, zwanzig Jahren noch wieder Reiche und Arme geben würde, weil es eben Faule und Fleißige gebe. Später sagte mir dann einmal ein sozialdemokratischer Abgeordneter, daß das ja gar nicht wahr sei, sie wollten gar nicht teilen, so dumm seien sie nicht.

    Heute muß ich gestehen, daß ich es gar nicht so dumm fände, und daß mich der Einwand meines klugen Onkels stark an jene Theorie erinnert, die besagt, man brauche die Stiefel nicht zu putzen, well sie ja doch wieder schmutzig würden. Wenn man alle Menschenalter einmal den Besitz etwas nivellieren würde (man könnte es, weiß Gott, ganz einfach: durch eine Erbschaftssteuer!), dann gäbe es wenigstens keine ganz Reichen neben ganz Armen. Es brauchen nicht alle gleich viel zu haben, das ist Unsinn; aber zu große Besitzunterschiede sind auch Unsinn. Eben weil die Menschen ungleich sind, sollen sie gleichen Start haben; und der ist nur möglich, wenn die irdischen Güter nicht gar so ungleich verteilt sind.

    Die alten Juden, von denen wir manches übernommen haben, was weniger wichtig ist, sollen eine sehr vernünftige soziale Einrichtung gehabt haben: das Hall- oder Jubeljahr. Es kehrte alle 50 Jahre wieder; und in ihm wurden alle Sklaven frei und alle Schulden hinfällig.

    Nebenbei: Ich würde zu gern auch in der Parteipolitik ein solches Halljahr einführen. Da müßten alle Parteien aufgelöst und alle Abgeordneten für zehn Jahre nicht wieder wählbar werden. Es gäbe dann neue Abgeordnete, und diese könnten neue Fraktionen und neue Parteien gründen. 1918 hätte ein solcher Termin sein sollen. Aber wahrscheinlich ist das ein dummer Gedanke, wie der vom „Teilen“. Ich will also lieber jetzt das Maul halten.

    1925, 37

  • Sozialismus

    — Jg. 1929, Nr. 32 —

    Ein Arbeiter unter den Lesern der Sonntags-Zeitung hat mir vor längerer Zeit einen Brief geschrieben, der mit den Worten schließt: Glauben Sie an den Sozialismus? Wenn ja: wann sind wir für den Sozialismus reif?

    Da ich mir inmitten der heutigen Gesellschaftsordnung immer als Sozialist vorkomme und es wenigstens solange zu bleiben gedenke, als wir keine sozialistische Gesellschaftsordnung haben, so gestehe ich nicht ohne Befangenheit, daß ich auf diese Fragen bis heute keine Antwort gefunden habe. Sie scheinen mir eine verdächtige Ähnlichkeit mit der Frage nach Gott und dem ewigen Leben zu haben, auf die ich ebenfalls keinen Bescheid weiß; die ich aber vorsichtshalber zu verneinen pflege, denn ich kann mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß der Fragesteller sich dabei etwas denken wird, was ich ablehne. Wahrscheinlich versteht auch mein Freund, der sich nach meinem Glauben an den Sozialismus erkundigt hat, eine Art von Reich Gottes auf Erden darunter, in dem keiner mehr etwas für sich haben will. In diesem Fall würde ich alle meine Lebenserwartungen in den Wind schlagen müssen, wenn ich Ja sagen wollte.

    Nein, ich glaube nicht an einen Sozialismus, zu dem man erst „reif“ werden müßte. Aber ich bin Sozialist, denn ich hasse und verachte diese Gesellschaft, in der die Drohnen von der Ausbeutung der Bienen leben dürfen, und ich kann mir nichts Unwirtschaftlicheres denken als den Wirtschaftsapparat, der zu diesem Zwecke in Bewegung gesetzt wird. Ich bin überzeugt, daß eine gerechte Ordnung und eine wirtschaftlichere Wirtschaft möglich ist, ohne das vorher aus Menschen Engel zu werden brauchten.

    Eben weil die Menschen keine Engel sind, muß hiezu die sogenannte „freie“ Wirtschaftsordnung, in der wir leben, durch eine gebundene abgelöst werden, in der jeder, ob er will oder nicht, seinen Dienst zu erfüllen hat, und in der die Güter nicht ins Blaue hinein, sondern nach einem Plan erzeugt und verteilt werden. Über den Weg zu diesem Ziel getraue ich mir nicht eine Ansicht zu äußern, die den Anspruch auf Alleingültigkeit erheben könnte. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß es verschiedene Wege dazu gibt, ja daß es sogar auf Umwegen erreichbar ist. Ich begrüße jede Annäherung an das Ziel, gehe sie aus, von wo sie wolle; und mißtraue jedem Ismus, der die Patentlösung in der Tasche zu haben behauptet. (Auch dem Marxismus.) Insbesondere bin ich mir keineswegs so ganz klar darüber, ob die Durchführung des Sozialismus von einer gewaltsamen, blutigen Umwälzung bedingt (und andererseits garantiert) ist. Die Geschichte lehrt allerdings, daß herrschende Klassen ihre Macht nicht freiwillig aus der Hand zu geben pflegen. Aber ich weiß nicht, ob diese Geschichte schon lange genug gedauert hat, daß man behaupten könnte, was bisher so oder so gewesen sei, müsse überhaupt und immer so sein.

    *

    Alle mehr oder weniger gelehrten bürgerlichen Einwände gegen den Sozialismus gehen aus einer Wurzel hervor, deren populäre Formel lautet: da nicht alle Menschen gleich sind, so können sie auch nicht alle gleichviel haben wollen. Gegen die Demokratie, die politisch „alles gleichmachen“ wolle, hat man seinerzeit ähnlich argumentiert. Ihre Vertreter haben mit Recht erwidert, daß sie nicht alles gleichmähen, aber allen gleichen Start geben möchten. Was hat der Sozialist auf jenen Vorwurf zu antworten?

    Es stimmt schon, daß nicht alle Menschen gleich sind, so wenig wie alle Baumblätter, alle Katzen oder alle Wanzen. Aber bis an einen gewissen Punkt sind sie alle gleich: alle müssen essen, wenn sie Hunger haben, alle müssen sich kleiden und ein Dach über dem Kopf haben, wenn sie nicht frieren sollen, und alle müssen sterben, wenn sie krank oder alt sind. Solange das so sein wird, solange hat jede menschliche Gesellschaft die Pflicht, ihre einzelnen Mitglieder vor Hunger und Frost zu bewahren und in Krankheit und Alter zu pflegen, und das Recht, die hiezu erforderliche Arbeitsleistung auf alle zu verteilen; jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft hat umgekehrt das Recht, die Sicherung seiner Existenz zu beanspruchen, und die Pflicht, zu dem hiezu nötigen Aufwand sein Teil beizusteuern. Für die kleinste gesellschaftliche Gruppe, die Familie, gilt dies als selbstverständlich, ohne daß man diesen Sozialismus groß als solchen bezeichnet. Auch noch in der altgermanischen Dorfgenossenschaft und in der mittelalterlichen Stadt hat es diesen Sozialismus gegeben. Heute gehören wir, wohl oder übel, größeren gesellschaftlichen Verbänden an. Ist es nicht selbstverständlich, daß auch jene Pflicht und jenes Recht sich auf sie vererben muß?

    Keiner hat dies so überzeugend begründet und gleichzeitig die Durchführung der Forderung technisch so vollkommen ins einzelne durchdacht wie der Wiener Ingenieur und Soziologe Popper-Lynkeus in seinem Werk über die „Allgemeine Nährpflicht“, dessen Studium vielleicht als Ergänzung zu Karl Marxens Parteibibel manchen eifrigen Sozialisten empfohlen werden darf. Und ein anderer Nichtmarxist, der sich ebenfalls Gedanken nicht bloß über den Weg, sondern das Ziel gemacht hat, Wichard von Moellendorff, hat vor Jahren in dieser Zeitung erklärt, daß ein vierstündiger Arbeitstag genügen würde, um die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft durch arbeitsteilige Arbeit zu decken.

    *

    An dem Punkt, wo die Menschen ungleich werden (und das können sie erst, wenn die allen gleichen Bedürfnisse befriedigt sind), hört die Notwendigkeit und das Recht des Sozialismus auf. Von da an wäre Sozialismus nicht Hilfe, sondern Vergewaltigung. Wenn einmal eine überspannte „sozialistische“ Epoche käme, wo die Menschen, die jetzt unter dem Banner der individualistischen „Freiheit“ den Kampf aller gegen alle führen, gewissermaßen alle in einer großen Kaserne leben müßten, dann wäre es an der Zeit, dem Sozialismus den Kampf anzusagen. Aber darüber brauchen wir uns heute wahrhaftig keine Sorgen zu machen.

    1929, 32

  • Das deutsche Presse-Elend

    — Jg. 1921, Nr. 6 —

    „Wir sind heillos und schamlos belogen und betrogen worden von unseren Zeitungen.“ So lautete das Urteil sehr ruhiger und sehr besonnener Männer bis in die konservativsten Kreise hinein, als sie Gelegenheit hatten, sich den Schaden ihrer Gutgläubigkeit zu besehen — im Herbst 1918. Und es machte damals keinen so großen Eindruck, wie die Presse sich verteidigte. Das tat sie natürlich, wie das jedes Sünders gutes Recht ist.

    Sie sagte erstens: „Die andern, die Feinde haben es auch nicht besser gemacht als wir.“ Das war zum Teil richtig, zum Teil doch auch nicht. Wer in Kriegszeiten z. B. die „Times“ las mit ihrer täglichen Großspalte: „Through German eyes“ (durch deutsche Augen), der weiß, daß der englische Zeitungsleser ganz ausgezeichnet auf dem Laufenden war mit allem, was die deutsche Presse zu sagen hatte. Unsere Zeitungen dagegen haben uns irgend einen mit unseren Lügen gespeisten „Courant“ oder eine noch verlogenere „Tidende“ vorgesetzt als „Stimme des Auslands“. Und zweitens hieß es: „Wir mußten lügen auf Kommando! Das A.O.K. rief und alle, alle logen. Nur aus vaterländischer Pflicht!“ Sei’s drum. Ihr mußtet lügen. Dann bleibt es aber dabei: wir sind belogen und betrogen worden. Ein Glück für euch, daß das deutsche Publikum das gutmütigste von allen und das Publikum des kürzesten Gedächtnisses ist.

    Nun heißt es heute, wir sollen doch das Vergangene vergangen sein lassen. Wiederaufbau, Einigkeit, Vertrauen — darum allein handle es sich jetzt. Schön und gut. Obwohl man sich fragen kann, ob ein Mensch und ein Volk etwas lernen können, wenn sie sich vornehmen, ihre einschneidendsten Erfahrungen in den Wind zu schlagen und grundsätzlich a tempo zu vergessen.

    Jetzt aber Hand aufs Herz! Ist’s heute viel anders als damals? Die Oberste Heeresleitung ist zwar nicht mehr da. Dafür hat irgend ein Stinnes oder ein anderer Generalgewaltiger der schweren Finanz die Presse fest in der Hand. Man kann aber nicht der Wahrheit dienen und dem Mammon, sagt irgendwo — so ungefähr — das Evangelium. Allmächtig ist das Kapital ja allerdings nicht; nicht auf alle Preßorgane kann es seine weithin gebietende harte Faust legen. Aber seinem Schicksal entgeht der deutsche Zeitungsleser auch dann nicht; die geschmeidigere Hand seiner Parteigewaltigen erwartet ihn und massiert und durchwalkt den Biederen in seinem Leibblättchen, ohne daß er es auch nur ahnt. Denn die Herren mögen es ja herzensgut meinen mit ihren Pflegebefohlenen, sie mögen höchst ehrenwert sein — das sind sie alle, alle ehrenwert -, aber sie leben nun einmal des Glaubens, daß das Brot der lauteren Wahrheit unserem schwachen Magen schlechterdings nicht bekömmlich sei.

    Daß dem so ist, das merkt jeder, der noch einen Gaumen hat zum Schmecken, an der läpperichen Bescherung, die ihm tagtäglich in seiner Presse vorgesetzt wird.

    Wir möchten wissen, wie es mit uns steht, draußen im Ausland, was die Kreise von uns denken, von denen nun einmal für die nächsten Jahre unser Schicksal wie das Schicksal der ganzen Welt abhängt. Und wir sollten meinen, daß wir das jetzt wissen dürften, jetzt wo kein ,,Endsieg“ und kein „Durchhalten“ mehr einzig davon abhängt, daß wir das nicht erfahren. „Wir möchten wissen, wie es mit uns steht, hier bei uns im Innern, wie lange wir z. B. noch das frisch-fromm-fröhlich-freie Turnspiel an den Hebeln der Notenpresse ungestraft üben dürfen. Und wir sollten meinen, eine möglichst nüchterne Auskunft über die Wetterzeichen unseres drohenden Bankerotts sei uns dienlicher als der Lärm der dröhnenden Frasen, mit denen man uns betäubt: über „völkische Belange“, „sozialethische Werte“ und was der neumodische Moralschwatz sonst an Schlagern zu Tage fördert. Aber nein. Von dem, was uns zu wissen nötig wäre, kein Sterbenswörtchen! Was wir wirklich erfahren aus Leitartikeln und Parlamentsberichten, ist höchstens, daß die Macher unserer öffentlichen Meinung uns für unglaubliche Trottel an Verstand und Urteilskraft halten. Goethe war gewiß ein tiefer Verächter der öffentlichen Meinung; und die Worte, die über den Verstand des deutschen Zeitungslesers bei Schopenhauer zu lesen sind, sind sicher nichts weniger als schmeichelhaft. Aber ihre Gesinnungen und Worte sind noch milde, verglichen mit der Verachtung der Urteilsfähigkeit des Publikums, wie sie aus der Praxis unserer Zeitungsverleger und Zeitungsschreiber durchscheint.

    Korrupt, frivol, faul bis ins Mark ist unsere Geldwirtschaft und die Art, wie man bei uns die Steuern umlegt, eintreibt und — bezahlt. Mindestens ebenso korrupt, frivol, faul bis ins Mark ist die Art, wie bei uns mit der Wahrheit gewirtschaftet wird. Nur daß man diese Tatsache vielleicht nicht so schroff, so bitter, so empört ausdrücken sollte. Wie sagt doch Goethe im Kophtischen Lied? „Habet die Narren eben zum Narren auch wie sich’s gehört.“ Wer nur hören will, wonach ihn die Ohren jucken, den soll man nicht bedauern, wenn ihm statt der Wahrheit die Fräse vorgesetzt wird. Wie ein Volk genau die Regierung hat, die es verdient, so hat es auch die Presse, die für es gut genug ist. Der Neudeutsche läßt es ja auch sonst nicht undeutlich merken, daß ihm die Wahrheit einen Pfifferling wert ist.

    Doch auch noch andere Dinge sind beim Neudeutschen im Kurs gesunken, wie man wiederum am Pegel seiner Presse ablesen kann. Fleiß, Solidität, Ordnungsliebe, Disziplin sind alte gute Eigenschaften des Deutschen, tief verankert in seinem Wesen und von seinen geschichtlichen Erziehern ihm tüchtig „eingehämmert“, um diesen pädagogischen Lieblingsausdruck des neueren Deutschen auch zu gebrauchen. Die Schädlichkeiten des Liegens im Schützengraben, des Herumlungerns in den Etappen und Heimatgarnisonen, die Lumpereien der sogenannten Revolution hatten eine vorübergehende Verfinsterung dieser Tugenden zur Folge. Der zeitweilige Verlust dieser sittlichen Güter hat nun eine solche Sehnsucht nach ihnen geweckt und die Sehnsucht wird von klugen Hetzern so zum Fanatismus aufgepeitscht, daß darüber unser Volk andere Güter, die auch sittliche Güter sind, um ein billiges gibt: ich meine den Sinn für Freiheit der Persönlichkeit und den Sinn für Recht und Gerechtigkeit.

    Was gilt unter uns noch die Freiheit, wenn in Württemberg — nicht im Preußen des alten Stils, sondern im Freistaat Württemberg — ein Fall möglich geworden ist, wie der Fall Wieland. Ein Richter hält einen Vortrag über ein geschichtliches Thema, einen Vortrag von trocken referierender Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit, einen Vortrag, an dem man höchstens kritisieren könne, daß er Forschungsergebnisse bietet, die kein Kenner bestreitet, von denen jeder Theologiestudierende sagen könnte, das habe er in seinen Fuchsensemestern in seinen Hörsälen gehört. Diesen Vortrag nimmt der Justizminister zum Anlaß, um den Redner, einen Richter, vor seinen Vorgesetzten zu zitieren und eine Art von Disziplinarverfahren gegen ihn einzuleiten. Und als man den Minister an die Verfassung erinnert, die „freieste Verfassung der Welt“, an der er tätig mitwirkte, da winkt er mit dem Beamtengesetz, das, wie es scheint, denjenigen der „Achtung für unwürdig“ erklärt, der eine simple geschichtliche Wahrheit feststellt. Wir sind heruntergekommen und wissen selber nicht wie. Unter unseren Wilhelmen — den württembergischen wie den preußischen — wäre so etwas nicht möglich gewesen. Hätte ein Kultminister der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts es gewagt, beispielsweise den Ästhetiker F. Th. Vischer wegen seiner wirklich scharfen und beißenden Worte über die Beichte — nachzulesen in seinen Lyrischen Gesängen — vor seinen Vorgesetzten zu zitieren — nicht dem Ästhetiker, dem Minister hätte man den Stuhl vor die Türe gesetzt. Und man denke an die Herren vom verflossenen Evangelischen Bund mit ihren hohen Tönen des sogenannten „Lutherzorns gegen römisches Afterchristentum“. Ein Sturm der Entrüstung nicht von der Linken, sondern gerade von der nationalliberalen Mitte und der konservativen Rechten hätte den Minister weggefegt, der es gewagt hätte, einen dieser Romkämpfer vor seinen Vorgesetzten zu zitieren. Heute kräht kein Hahn bei solchen Eingriffen eines der Denkfreiheit feindselig gesinnten Ministers. Die bürgerliche Presse schien es für ihre Pflicht zu halten, eine so unerhörte Tatsache ihrem Publikum zu unterschlagen. Sie konnte dies, weil diesem Publikum die Freiheit der Persönlichkeit einen Pfifferling gilt.

    Und Recht und Gerechtigkeit gilt ihm und seiner Presse nicht viel mehr. Die heutigen Machthaber haben sich neulich feierlich und entrüstet gegen den Vorwurf der Rechtsbeugung verwahrt. Aber wie soll man denn sonst die Tatsachen bezeichnen? Gewaltakte sind begangen worden von links und von rechts. Das Schwert der deutschen Gerechtigkeit hat scharf zugehauen nach links, wogegen nichts zu sagen ist. Wenn der, der zum Schwert greift, durchs Schwert umkommt, ist kein Grund zur Entrüstung. Aber was alles von rechts gesündigt wurde, hat keine oder nur eine lächerliche Sühne gefunden. Den Hochverrätern, die mit gestiefeltem und gesporntem Fuß der Regierung Noske den Fußtritt verabfolgten, daß sie in einem Schwung von Berlin nach Stuttgart flog, wird nicht ein Haar gekrümmt; man lädt sie förmlich ein, ein zweites Tänzchen zu wagen. Wenn Gerechtigkeit das Fundament der Reiche ist, steht der sogenannte Freistaat Deutschland auf wackligen Füßen. Von diesem Messen mit zweierlei Maß hat die große Mehrzahl der biederen deutschen Zeitungsleser nicht die leiseste Ahnung.

    Was folgt aus alledem? Wir wollen eine Zeitung, die uns nicht täglich mit Lügen speist, mit Mammonslügen, mit Parteifunktionärslügen, mit offiziösen Lügen; wir wollen eine Zeitung, deren Leiter kein Engel und kein Musterknabe zu sein braucht, der sich auch einmal verhauen darf, weil ihm Gott den Zorn der freien Rede gab, von dem wir nur das eine wissen müssen, daß er ein aufrechter Mann ist, der nach nichts fragen muß als nach seiner ehrlichen Überzeugung. So bitter not wie das tägliche Brot tut uns eine solche Zeitung, und wir können goldfroh sein, daß wir in Württemberg wenigstens eine solche haben.

    1921, 6 Paul Sakmann

    Gut, daß es auch eine Sonntags-Zeitung gibt!

    Hermann Hesse

  • Mit Mütze und Schläger

    — Jg. 1921, Nr. 4 —

    Als ich im Herbst 1906 auf die Hochschule kam, habe ich mich einer farbentragenden schlagenden Verbindung angeschlossen und bin bald eines ihrer begeistertsten Mitglieder geworden. Nicht blind begeistert: ich habe bald manche Mängel gesehen, vor allem, daß das geistige Leben im Bund nicht recht auf der Höhe war. Im Ganzen aber herrschte ein gesundes, tüchtiges Leben. Wir waren 20 bis 30 „Aktive“, d. h. jüngere Semester, und ein Dutzend oder mehr „Inaktive“, die mehr oder weniger heftig dem Abschluß ihrer Studien zudrängten; das war so die rechte Zahl: nicht so viel, daß nicht jeder jeden genau gekannt hätte oder daß Sonderungsbestrebungen möglich gewesen wären, aber auch nicht so wenig, daß der Einzelne zu viel Arbeit für den Bund und keine Möglichkeit gehabt hätte, Freunde zu finden. Unter den 40 war eine große Zahl begabter Leute, und an der Spitze stand ein 3. Semester, das aber bereits im praktischen Leben gestanden hatte und ein halb Dutzend Jahre älter war als wir anderen. Die Zusammensetzung war gut, und der Bund strebte aufwärts, verfolgte seine Ziele geschickt und mit Ausdauer. Man trug „Kulör“, d. h. Mütze und Band, also mußte man im Anzug und Auftreten auf sich halten; das taten wir, ohne daß wir Fatzken gewesen wären. Und es wurde „Bestimmung gefochten“, also war es in Ordnung, daß man auf dem täglichen „Hauboden“ regelmäßig sein Hemd durchschwitzte und sich gegenseitig grün und blau schlug; die Erfolge auf Mensur selber machten uns stolz, ohne daß wir unnötig „geramscht“, d. h. Zusammenstöße gesucht hätten. Das Studium kam bei den Meisten nicht zu kurz, obwohl wir nicht bloß fochten, sondern auch ritten, „spuzten“, d. h. Ausfahrten machten, wanderten und — tranken. Zucht und Freiheit waren glücklich verbunden, ich verdanke meinem Bund viel und habe allerhand auch für ihn getan.

    Von 1910 ab — man kann’s auf das Jahr hin angeben — kam zu allen Verbindungen ein Nachwuchs, der einen andern Geist mitbrachte. Wir hatten den volkstümlichen Schwabengeist gehabt: aufrichtig, derb, kräftig in Liebe und Haß, und für unsere Ideale begeistert; der Bundeswahlspruch „Freundschaft, Ehre, Vaterland“ war uns ehrlich das Höchste. Von 1910 ab wurde das anders, jetzt kamen die Streber, die vom ersten Tag ab an Examen und Karriere dachten, die Korrekten und Patenten, denen Bügelfalte und modische Kravatte und gesellschaftlicher Schliff das Höchste waren, und die statt dem Männertrunk den Weibern nachliefen. Die Jungen kamen zum Bund nicht mehr oder selten wegen „Freundschaft, Ehre, Vaterland“, sondern weil gesellschaftlich was geboten war, und weil man für später „Beziehungen“ bekam. Die „Alten Herren“ wurden fürs Leben der Jungen immer wichtiger; sie hatten der Aktivitas ein Haus gebaut, und diese fing damit an, sich zum Klub zu entwickeln. Es gab Semester, in denen es wieder besser war; im Ganzen wird Keiner, der diese Jahre in Tübingen erlebt hat, die Veränderung verkennen, die 1910 eingesetzt hat.

    Der Krieg kam. Das Nationale — damit war ich ganz einverstanden gewesen — hatte in allen Verbindungen immer eine starke Rolle gespielt (parteipolitisch war meine Verbindung nicht belastet gewesen). So war die Begeisterung groß, und die meisten haben sich gut geschlagen. Und im Feld fühlte man sich erst recht zusammengehörig, oft ist einer stundenlang gelaufen oder geritten, um einen Bundesbruder zu treffen. Und die Familien der Alten Herren schickten allen von daheim Liebesgaben mit einem Stück des dreifarbigen Bands, und mancher ist mit dem Band um die Brust gefallen und begraben worden. Es war echte, schöne Freundschaft, die Treue war unter Bundesbrüdern kein leerer Wahn. Das kann keiner vergessen, der mit dabei war.

    Und doch hat mir der Krieg die Augen geöffnet und hat meine Kritik an studentischer Art wachsen lassen. Bei der Beförderung zum Offizier wurde gefragt: hat er Beziehungen, ist er Akademiker, hat er die Reife-Prüfung, das Einjährige, dann erst zuletzt kam die einzige Frage, auf die es ankam: ist er ein guter Soldat. Das war übel gewesen im Frieden und wurde schamlos im Krieg. Jeder, der draußen war und mit im Graben lag, hat unter der „Mannschaft“, d. h. den Nicht-Einjährigen eine erstaunliche Anzahl Leute getroffen, die nach Urteil, Charakter, soldatischer Eignung von niemand zu übertreffen waren. Sie konnten, auch wenn sie 30 Monate im Feld waren, nicht Offizier werden — man hat lieber die windigsten, jüngsten Einjährigen befördert; die paar Ausnahmen, wo etwa Mannschafts-Flieger die Achselstücke bekamen, sind wirkliche Ausnahmen geblieben, in Württemberg werden’s noch keine drei sein. Das war das Eine, was ich sah. Ich war niemals so blöd gewesen, die „besseren“ Leute ohne weiteres für die tüchtigsten Leute zu halten, oder zu bezweifeln, daß unter dem „Volk“ gleich Tüchtige wären; aber daß „besser“ und tüchtig, und Arbeiter und weniger tüchtig sich so wenig decken würden, das hatte ich nicht gewußt. Alle Standesvorrechte, das war mir im Graben klar geworden, mußten deshalb in Zukunft verschwinden, auch wenn sie scheinbar harmlos waren. Der Student mußte aufhören, Bestimmung zu fechten und außerhalb der Kneipe Mütze und Band zu tragen. Das habe ich 1915 und 1916 in meinem Bund beantragt, und als ich nicht durchdrang, 17 und 18 wenigstens Reformen erstrebt. Ein bißchen was hab ich erreichen können, alles Wesentliche ist geblieben.

    Mütze und Schläger durften nicht bleiben, weil sie Standes-Vorrechte sind und wir zu einem Volk verschmelzen mußten. Und es gab noch einen anderen Grund, der nicht weniger wichtig war. Der Krieg hatte ganz neue politische, wirtschaftliche, kulturelle Verhältnisse geschaffen, den Geisteswissenschaften ihre Rückständigkeit, Unfähigkeit, Weltfremdheit bestätigt und ihnen zu den ungelösten und unerkannten alten Aufgaben hin neue von höchster Lebensbedeutung gestellt. Von den Universitätsprofessoren war kein neuer Geist zu erwarten, die Hoffnung stand nur bei der akademischen Jugend. Wenn die ihre Aufgabe erkannte und ernst nahm, konnte sie kein Geld und keine Lust mehr haben für Äußerlichkeiten und keine Zeit mehr fürs Fechten (das als Gegenmittel gegen Saufen, Stubenhocken, körperliche und geistige Verweichlichung und auch gegen deutsche Formlosigkeit einmal eine Berechtigung haben konnte). Wenn der Musensohn nicht Filister werden wollte, mußte er volkstümlich bleiben und werden, und mußte erstreben und suchen. Der Krieg, ob gewonnen oder verloren, hatte alle Sachverständigen-Meinungen, alle „ehrwürdigen“ Überlieferungen und hochstehenden Überzeugungen erschüttert; Volk und Staat mußten auf ganz neue Grundlagen gestellt werden. Dafür hoffte ich auch auf die akademische Jugend. Ich habe die Hoffnung begraben. Die jungen Herren mit Mütze und Schläger haben viereinhalb Jahre größten Erlebens verschlafen, und haben nichts vergessen und nichts gelernt. Sie sehen ihre Aufgabe darin, nationale Redensarten zu dreschen und als Stütze des alten Systems sich gegen den inneren Feind zur Verfügung zu stellen; sie verteidigen alte äußerliche Kasten-Vorrechte, pflegen alte und suchen neue „Beziehungen“. Die Studentenverbindungen haben einmal Ideale gehabt; sie haben 1910 angefangen, Vergnügungsstätten und Versorgungsanstalten zu werden; sie haben heute keine Existenzberechtigung mehr. Student kommt von studere = sich strebend bemühen, mit Ernst und Eifer suchen. Die heutigen Studenten glauben alles gefunden zu haben; sie können ihr Volk, dessen geborene Führer zu sein sie sich rühmen, nicht erlösen — das Volk muß sorgen, daß es sich von seinen Herren Studenten erlöst, für die es teures Geld bezahlt und die fortfahren, die Wissenschaft zur Hure zu machen — nach dem Vorbild ihrer Professoren, die im Krieg „wissenschaftlich festgestellt“ haben, daß der Mensch in Deutschland leben könne von dem, was er auf deutsche Lebensmittelkarten bekam.

    Ich bin gern froh mit Menschen, von denen ich weiß, daß sie, wo’s notwendig ist, ernst sind; ich mache auch gerne Dummheiten mit leidlich gescheiten Menschen. So bin ich Student gewesen und habe mich wohl gefühlt.

    Als die Staatsmaschine eingefahren, die Klassenherrschaft von „Besitz und Bildung“ gesichert war, da blieb es verborgen, wie unzulänglich der größte Teil des akademischen Nachwuchses war. Heute ist der Einzelne auf sich selbst gestellt, heute sollte der Akademiker suchen, sich mühen, sollte zweifeln gerade am „Selbstverständlichen“, sollte den Mut haben, selber zu denken, zum Erkannten aufrecht sich zu bekennen — dann müßte er in scharfen Gegensatz zur „Gesellschaft“ kommen, weil er dann auf die Seite des Volkes und des Volkstümlichen, Kraftvollen, Natürlichen treten müßte. Statt dessen paradieren die jungen Herrn mit Mütze und Schläger, sind patent, wo wir 400 Milliarden Schulden haben, beweisen körperlichen Mut (vielmehr: Beherrschtheit), wo die Zeit moralischen Mut braucht, sind „der Väter heiligem Brauche treu“, wo alle Grundlagen sich geändert haben.

    Die jungen Herrn mit Mütze und Schläger sind die Söhne des gutsituierten Bürgertums. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Unsoziale, verbildete Eltern haben Kinder, die in Zeiten der schwersten Not nur an sich selber denken, auf ewig Gestriges schwören und pfauenhaft eitel sind. Die Axt ist dieser Bourgeoisie an die Wurzel gelegt.

    1921, 4 Karl Hammer

  • Polizei oder Militär?

    — Jg. 1929, Nr. 20 —

    Die Berichte vom Berliner Kriegsschauplatz des ersten Mai 1929 sind zwar je nach der Parteistellung der Berichtenden ebenso verschieden wie etwa die über eine Schlacht im Weltkrieg, aber es gibt doch einige Tatsachen, die von niemand mehr bestritten werden können. Z. B. folgende:

    1. Im Laufe des ersten Mai ist in Berlin das polizeiliche Verbot von Maifeiern, abgesehen von einigen kleineren Ansammlungen, die rasch zerstreut wurden, nicht übertreten worden. Diese Feststellung (wie auch die, daß keine eigentlichen Kämpfe stattgefunden haben) richtet sich in gleichem Maße gegen die Verteidigungsversuche der Polizei wie gegen die blutigen Frasen der Kommunisten und einige bombastische Telegramme aus Moskau, die von „Revolution“ usw. reden.

    2. Die Schießerei ist von der Polizei begonnen worden. Ob Zivilisten überhaupt geschossen haben, ist fraglich. Jedenfalls ist nur ein einziger Polizist durch einen Schuß verletzt worden, und zwar aus Versehen von einem Kollegen.

    3. Die Polizei hat z. T. ohne jede Warnung Passanten erschossen. In den meisten Fällen begann sie sofort nach dem Warnruf „Straße frei!“ mit der Schießerei.

    4. Die Polizei hat ganz unbeteiligte Menschen aus Wohnungen herausgeschleift, mißhandelt und verhaftet. Schon die paar Prozesse, die in Moabit im Schnellverfahren verhandelt worden sind, zeigen das sehr deutlich.

    Außerdem werden eine Unmenge einzelner Beispiele von rohem und sinnlosem Vorgehen der Polizei berichtet. Sie hat z. B. Menschen, die auf Verkehrsinseln die Straßenbahn erwarteten, ohne jede Warnung mit dem Gummiknüppel auseinandergetrieben, hat in den abgesperrten Stadtteilen blindlings die Straßen hinabgeschossen und in Wohnungen hineingefeuert und hat auch aus den abgesperrten Bezirken heraus mit Maschinengewehren in freigegebene Straßen geschossen usw. Das Ergebnis von fünf Kampftagen war daher auf Seiten des „Zivils“: 24 Tote, 73 Schwerverletzte, über hundert Leichtverletzte, auf Seiten der Polizei: kein Toter, 4 Schwerverletzte, 43 Leichtverletzte, unter ihnen, wie gesagt, nur ein einziger durch einen Schuß Verletzter.

    „Soll dies künftig rechtens in Preußen sein, daß die Polizei, wenn eine ihrer Vorschriften von einer kleinen Rotte Menschen wirklich oder vermeintlich nicht befolgt wird, plötzlich ganze Stadtteile abriegeln, in die Fenster knallen, total unbeteiligte Menschen aus Wohnungen zerren, mit Gummiknüppeln lahm und krumm schlagen und wie Treibwild niederschießen darf? Soll es zur Maxime werden, daß Städte oder Stadtteile des eigenen Landes wegen irgendwelcher polizeiwidriger Akte einzelner Einwohner insgesamt als Kriegsgebiet behandelt werden können?“ Fragt das „Tagebuch“.

    Die Antwort auf diese Frage wird lauten müssen: das hängt von der Ausbildung der Polizei ab. Nach der Revolution, als der Glaube an das Wort „Der Mensch ist gut“ noch stärker war, hat man viel davon gesprochen, der Polizist müsse der „Vertrauensmann der Straße“ sein. Heute wagt man kaum mehr davon zu reden. Denn heute ist die Ausbildung der Polizei, des „zweiten Heeres“, ganz militärisch. Die Polizei wird auf den Bürgerkrieg trainiert. Nach einem Artikel in der Beamten-Korrespondenz „Beko“ haben die jungen Polizeianwärter jeden vierten Tag einmal einige Stunden Unterricht im Polizeidienst, im übrigen aber werden sie militärisch gedrillt. Auf der Polizeioffiziersschule ist es nicht anders. Die Leiter halten sich an die Übungsmethoden des alten Generalstabs, teils weil sie selber noch in dieser Mentalität leben, teils weil es die Vorschriften verlangen. Bei den von Zeit zu Zeit stattfindenden Offiziersbesprechungen z. B. erhalten die Offiziere in versiegeltem Umschlag taktische Aufgaben für den Bürgerkrieg gestellt, die sie mit Bleisoldaten zu lösen haben. In den Maitagen haben die Offiziere die jungen Polizeimannschaften (man hat zum größten Teil ganz junge Leute „eingesetzt“) dann genau so in den „Krieg“ geführt wie sie es am Sandkasten gelernt haben.

    Im September vorigen Jahres hat Ignaz Wrobel in einem Artikel der „Weltbühne“ auf ein Buch „Polizeiverwendung, dargestellt an Aufgaben, Buch II, Beim Einsatz im Stadtgebiet“ von K. v. Oven hingewiesen. Wenn man heute diesen Artikel und die darin angeführten Zitate aus Ovens Buch liest, dann ist man über das Vorgehen der Polizei in den Maitagen nicht mehr erstaunt: die Praxis entspricht haargenau der Theorie, in der von nichts anderem die Rede ist als von „Einsatz“, „Stoßrichtung“, „Kampfweise der Aufständischen“, „Ablieferung von Gefangenen“ usw. Es ist also gar kein Wunder, wenn man heute, wie die „Frankfurter Zeitung“ in einem Bericht über die Maitage es getan hat, feststellen muß: „Die Aufgabe ist typisch polizeilich, der Einsatz an Mannschaften aber und das Vorgehen ist militärisch.“

    Die Vorschriften für die Ausbildung der Polizei sind militärisch und die Lehrer und Offiziere leben in militärischem Geist — man muß also die Ausbildungsvorschriften und die Personalpolitik ändern. Für beides ist das preußische Ministerium des Innern verantwortlich. Hier sitzt zwar der Sozialdemokrat Grzesinski an der Spitze, aber man merkt nichts davon. Ob er nicht kann oder ob er nicht will, weiß ich nicht. Jedenfalls hat der Ministerialdirektor Klausener, der Leiter der Polizeiabteilung, mehr Einfluß auf die Polizei als Grzesinski. Hier müßte man also mit dem Ausputzen anfangen.

    Wahrscheinlich geschieht aber nichts. Höchstens werden ein paar reaktionäre Polizeioffiziere, die sich durch besonders rohes Vorgehen bemerkbar gemacht haben, versetzt. Zehn gegen eins zu wetten: als Lehrer an eine Polizeischule. Damit die Tradition erhalten bleibt.

    1929, 20 Hermann List

    1. 5. 1929: Während der Maikundgebungen kommt es in vielen Städten zu Unruhen. In Berlin gehen 13.000 Polizisten gewaltsam gegen Demonstranten vor. Neun Menschen sterben, 63 werden schwer verletzt.

    3. 5. 1929: Nach neuen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei verhängt der Berliner Polizeipräsident ein „Verkehr- und Lichtverbot“ über die Berliner Bezirke Wedding und Neukölln. Es wurden insgesamt 33 Demonstranten getötet, weitere 198 Demonstranten sowie 47 Polizisten wurden verletzt.