Kategorie: Personalia

  • Erich Schairer – auch ein Roigel

    Nachdem das seitherige Mitglied der Altenschaft, Dr. Erich Schairer, Heilbronn, schon mehrmals die Gesamtstudentenschaft in wenig gewählter Weise beschimpft hat und auch sonst durch seine Stellungnahme in der Öffentlichkeit die Interessen der Gesellschaft schädigt, stellt die aktive Gesellschaft den Antrag, daß Dr. Schairer aus der Altenschaft ausgeschlossen wird.

    Antrag der Activitas vom 26. April 1921 auf ein Ehrengerichtsverfahren, dem die Mehrheit des Altenausschusses zustimmte.

    Die Tübinger Königsgesellschaft Roigel ist eine 1838 gegründete Studentenverbindung an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

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  • Ein Kerl für ein Standbild

    Ein Kerl für ein Standbild

    Hommage · Vier Jahre verbrachte Christian Friedrich Daniel Schubart in Ludwigsburg – vor zweieinhalb Jahrhunderten. · Von Holger Bäuerle

    Vor 250 Jahren kommt der Dichter, Musiker und Journalist Christian Friedrich Daniel Schubart nach Ludwigsburg. Schon vier Jahre später wird er von Herzog Carl Eugen aus der Stadt und damit des Landes verwiesen. Wenig später gibt er Deutschlands erste überregionale politische Zeitung heraus. ein Schritt, der ihn schließlich auf den Hohenasperg bringen sollte.

    Im Jahr der Französischen Revolution porträtiert der Maler August Friedrich Oelenheinz einen schwäbischen Revolutionär. Einen, von dem schon die Zeitgenossen sagten, er sei noch „in Fesseln frei“ gewesen: den 1739 geborenen Schubart, den ersten bedeutenden politischen Journalisten Deutschlands. Von 1774 an, nach seinem Rauswurf aus Württemberg, redigiert er von den freien – und damit sicheren – Reichsstädten Augsburg und Ulm aus seine „Deutsche Chronik“, was ihn weit über die württembergischen Landesgrenzen hinaus berühmt macht.

    Kraftvoll, gerne kernig, derb, dreist, immer volksnah, bildhaft in Wort und Stil, greift er darin kühn an, was sich seiner Gegenwart in den Weg stellt: absolutistisch regierende Fürsten, kriechende, katzbuckelnde Höflinge, das „Geschmeiß in den Amtsstuben“, den katholischen Klerus. Er klärt auf und ist der Aufklärung gegenüber misstrauisch, er ist Stürmer und Dränger, er begleitet hellsichtig die deutsche Literatur und liefert bei alledem literarische Texte, die bis heute bekannt geblieben sind: Die von Schubert vertonte „Forelle“, „Die Fürstengruft“, „Das Kaplied“.

    Zehn Jahre Haft bringen Schubart sein umtriebiges politisches Engagement, sein beißender Spott, seine unverhohlenen Angriffe auf die Mächtigen schließlich ein: Von 1777 bis 1787 arretiert ihn Herzog Carl Eugen, auf dem Hohenasperg.

    Nach Ludwigsburg gekommen war er Ende 1769. Er bezog mit seiner Familie das geräumige Haus Kirchstraße 18, das heutige Schubart-Haus. Gegen die Bitten seiner Frau hatte er sich entschieden, das Amt des Musikdirektors und Organisten am württembergischen Hofe anzunehmen. Im Nebenberuf gab er den Damen der feinen Gesellschaft Klavierstunden, hielt anfangs, vermittelt durch den Literaturprofessor Balthasar Haug, Vorträge über Geschichte und Ästhetik.

    Schubart fasste rasch in den höfischen Kreisen Fuß – und blickte selbstironisch auf sein Treiben: „Ich bin nunmehro ein Hofmann!“, schrieb er an seinen Schwager Christian Gottfried Friedrich Boeckh, den Rektor des Esslinger Gymnasiums. „stolz, windisch, unwissend, vornehm, ohne Geld und trage samtne Hosen. (. . .) Meine Studierstube hat sich in ein Putzzimmer verwandelt, mein Pult in eine Toilette (. . .), und statt des Tobaks kaue ich Lavendel.“

    Diesem Leben war ausschweifend, er hatte angeblich zahllose Affären mit Frauen, besang im Wirtshaus aber Franziska von Hohenheim, die Mätresse des Herzogs, als „Donna Schmergalina“, die sich mit dem Nissenkamm zu reinigen habe. Wegen des „verdächtigen Umgangs mit einem Mädchen“ kam er vorübergehend ins Gefängnis, seine Frau Helene, eine geborene Bühler, verließ ihn mit den Kindern. 1773, er hatte mit seiner Haushaltshilfe Barbara Streicher Ehebruch begangen, wurde er per herzoglichem Dekret nicht nur der Stadt, sondern gleich des Landes Württemberg verwiesen.

    Ein Kerl für ein Standbild, mal heroisch, mal sentimentalisch verklärt. Ein Freiheitsheiliger des 18. Jahrhunderts. Für die aufbegehrende Jugend einer, den man als Che Guevara auf dem T-Shirt hätte tragen müssen, ein Statement. Dabei ist das Bild des Dichters, seine Ludwigsburger Zeit belegt es, wohl ein differenzierteres, diffizileres: Schubart war in der Lage, Gedichte zu schreiben, die Fürstentümer zu erschüttern vermochten – und konnte im gleichen Atemzug Ständchen zum Ruhm der Fürsten trällern. „Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer, Ehmals die Götzen ihrer Welt!“, heißt es dort, andere plätschern in strophenlanger Gedankenlosigkeit von Refrain zu Refrain.

    1787 wurde der Dichter vom Hohen­sperg entlassen. Er übernahm in Stuttgart die Leitung des Theaters und redigierte neuerlich, nun mit der gebotenen Vorsicht, unter den Augen des Herzogs und dessen Zensurbehörde, seine „Deutsche Chronik“, die nun „Vaterländische Chronik“ heißt. Er war populärer denn je, aber die Kerkerhaft hatte ihn gezeichnet. Und das unmäßige Essen und Trinken nach jahrelangen Entbehrungen schwemmte ihn binnen kurzer Zeit auf. Auch vom Spiel, von den Frauen konnte der bald 50-jährige noch immer nicht lassen.

    Die französische Revolution freilich durfte er noch erleben. „Freiheit, Freiheit, Silberton dem Ohre, Licht dem Verstande! Dem Herzen groß Gefühl Und freier Flug zu denken!!“, feierte er sie in seiner „Vaterländischen Chronik“. Die Freude eines Mannes, der einst die absolutistische Welt beunruhigt hatte, der besiegt und gebrochen wurde, aber nicht mundtot zu machen war. Zwei Jahre hatte er nach dem großen Ereignis noch zu leben. 1991 starb er in Stuttgart, sein Grab befindet sich auf dem Hoppenlaufriedhof.

    Quelle: Artikel von Holger Bäuerle in der Stuttgarter Zeitung vom 17. April 2020

    Siehe auch:

    https://www.volksliederarchiv.de/lieddichter/schubart-christian-daniel-friedrich-schubart

  • Zwei Briefe

    — Jg. 1932, Nr. 23 —

    Lieber Freund, du bist immer noch Mitglied der SPD, hast, trotz mancher Bedenken, getreu der Parole deiner Führer vor einigen Wochen den Marschall „Vorwärts“, Herrn von Hindenburg, gewählt, weil er dir als letzter, als einziger Schutz gegen den Faschismus empfohlen worden ist – und jetzt bist du natürlich schwer enttäuscht. Wenn die Lage nicht so scheußlich ernst wäre, würde ich sagen: geschieht dir recht. Denn erstens scheint es in der Art Hindenburgs zu liegen, daß er seine Wähler enttäuscht; 1926 haben ihn die Rechtsparteien aufgestellt und gewählt, weil sie hofften, er werde ihrem Einfluß erliegen aber siehe da, Hindenburg wurde ein guter, verfassungstreuer Republikaner und Hüter des „Systems“; 1932 wird Hindenburg von den System-Parteien aufgestellt und gewählt, weil er angeblich ein Schutz gegen den Faschismus sein soll — aber siehe da, Hindenburg stürzt das „System“ und öffnet den Faschisten die Türe zur Regierung. Das hättest du vielleicht doch ahnen können. Und zweitens hättest du, auch wenn du gegen die Persönlichkeit gerade Hindenburgs nicht hast mißtrauisch sein wollen, wissen müssen, daß überhaupt nicht eine einzelne Person ein „Bollwerk“ gegen den Faschismus sein kann.

    Aber so treibt ihr, du und deine Parteifreunde, Politik. Ihr überlegt, ob man wohl dieser oder jener Persönlichkeit das Schicksal der Arbeiterklasse „anvertrauen“ kann; ihr betrachtet die Nationalsozialisten als einen Haufen blöder oder perverser Gesellen; ihr habt geglaubt, sie könnten nie zur Macht kommen (oder würden sich, einmal an der Macht, sofort unsterblich blamieren), weil es ihnen angeblich an Sachkenntnis und Verstand fehlt. Ihr betrachtet die Politik allmählich mit den Augen des spießigsten Kleinbürgers. So viel ist von eurem einstigen Marxismus übrig geblieben! Ihr könntet heute vom Marxistenfresser Hugenberg Marxismus lernen, der die politische und wirtschaftliche Entwicklung richtiger vorausgesehen hat und besser gerechnet hat. Deshalb nähert er sich heute seinem Ziel, während eure Partei Schiffbruch erlitten hat.

    Ihr habt die Krise für eine vorübergehende, durch die Unachtsamkeit oder Dummheit der Wirtschaftsführer hervorgerufene Erscheinung gehalten und den Faschismus für einen von tüchtigen Propagandisten aufgeblasenen Luftballon, der bald zerplatzen wird. Wer aber einmal erkannt hat, daß die Krisen im Kapitalismus unvermeidlich sind, und daß sie im absterbenden Kapitalismus immer schärfer werden, und wer erkannt hat, daß der Faschismus aus der Krise einerseits und der Kampfunfähigkeit der Arbeiterklasse andererseits mit Notwendigkeit entstehen muß, der weiß, daß er sich bei jeder politischen Entscheidung nur nach dem einzigen Gesichtspunkt zu richten hat: wie stärkt man die Kampfkraft der Arbeiterklasse? Darnach habt ihr nicht gefragt. Eure Tolerierungspolitik war deswegen (und nur deswegen) falsch, weil sie die Arbeiterschaft von Tag zu Tag mehr geschwächt hat. Wenn man jahrelang Lohnabbau und Raub aller politischen und wirtschaftlichen Rechte widerstandslos hinnimmt, dann wird man selber schwach und der Gegner stark und dann kann man nicht plötzlich sagen: halt!, sondern dann wird man eben eines schönen Tages vor die Tür gesetzt, so, wie man’s euch gemacht hat. Das ist sehr „undankbar“ von den Herren, denen ihr bisher gedient habt, sehr undankbar vor allem von dem, der nur durch eure Hilfe noch im Amt ist aber die Politik fragt wenig nach kleinbürgerlichen Moralbegriffen; der Vorwurf, falsche Politik getrieben zu haben, trifft nicht sie, sondern euch.

    Wo ist jetzt der Widerstand der „Eisernen Front“? Was für mutige Worte hat man im Wahlkampf von euren Führern gehört! „Niemals!“ — „entschlossener Widerstand“ — „Kampf bis aufs Messer“ usw. Jetzt haben die Faschisten mindestens zu drei Vierteln die Macht erobert — aber wo ist der Widerstand?

    Es wird in eurer Partei viel über die „Bonzen“ geschimpft; auch du tust das gern, wahrscheinlich um zu zeigen, wie revolutionär du bist. Aber ich gebe gar nichts auf das Geschimpfe über die „Bonzen“. Wenn auch nur ein kleiner Teil der Mitglieder erkannt hätte, daß die Politik der Partei falsch ist und zum Bankrott führt und gesehen hätte, warum sie falsch ist und welche Mittel es gibt, um die Arbeiterklasse zu stärken, dann hätten die „Bonzen“ den Einfluß nicht mehr, den sie heute noch haben.

    Entschuldigt euch doch nicht immer mit der Behauptung, die kommunistische Partei habe eben gar nichts Anziehendes für euch, auch ihre Politik sei falsch und schwäche die Arbeiterklasse. Das ist zum Teil richtig, zum Teil übertrieben; auf keinen Fall ist es eine Entschuldigung für euer Verhalten. Wenn ihr die Fehler eurer Partei bis auf den Grund erkannt habt und bereit seid, aus der Erkenntnis die Konsequenzen zu ziehen, dann findet ihr auch Wege, um eure Erkenntnis in die Tat umzusetzen.

    Dein ***

    Lieber Freund, du kannst jetzt, wie alle Kommunisten, mit einigem Stolz darauf hinweisen, wie richtig die Parole der KPD: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler“ gewesen ist; wie richtig es gewesen ist, wenn die KPD immer wieder betont hat, daß die Arbeiterklasse in der heutigen Situation eine durchaus selbständige Politik treiben müsse, eine Politik, deren oberster Leitsatz ist: Stärkung der Arbeiterklasse. Jetzt, wo die Tolerierungspolitik Schiffbruch erlitten hat, müsse, sagst du, doch wohl jeder zugeben, daß die KPD richtig gehandelt habe.

    Gewiß. Trotzdem aber ist der Einfluß der KPD nicht im Wachsen, sondern im Sinken. Das Ergebnis der Landtagswahlen in Oldenburg beweist ebenso wie die sonstigen Wahlen der letzten Zeit, daß die KPD nicht einmal die Verluste der SPD für sich buchen kann. Du wirst sagen, Wahlzahlen seien kein Gradmesser für die Stärke einer Partei oder gar einer Klasse — aber zeigt denn die außerparlamentarische Wirklichkeit ein anderes Bild? Das wirst du nicht behaupten wollen.

    Wir stehen also vor der Tatsache, daß in der heutigen Situation sowohl die SPD als auch die KPD an Einfluß verlieren, und das bedeutet: daß die Arbeiterklasse schwächer wird. Wie kommt das?

    Bei der Beantwortung dieser Frage darf man natürlich SPD und KPD nicht in einen Topf werfen. Daß die SPD abnimmt, ist sehr natürlich; das kann gar nicht anders sein, denn eine so schwere Wirtschaftskrise muß jede reformistische Arbeiterpartei schwächen; verwunderlich ist höchstens, daß der Zerfall nicht noch schneller geht. Bei der KPD ist das etwas ganz anderes. Ihr werden von der Krise die Massen zugetrieben; ihr Einfluß muß steigen, vorausgesetzt daß — ihre Politik richtig ist. Man könnte etwa sagen: Die SPD kann taktisch noch so geschickt operieren, sie wird verlieren; die KPD muß schon eine sehr ungeschickte Taktik anwenden, wenn sie es fertig bringen will, zu verlieren. Und so ist es ja gegenwärtig.

    Inwiefern die Taktik der KPD falsch ist, ist schon dutzendmale gesagt worden und dir (wie vielen in der Partei) sehr wohl bekannt. Oder willst du bestreiten, daß (um gleich das Wichtigste zu nennen) die Kommunisten jeglichen Einfluß in den Massenorganisationen (Gewerkschaften, Kulturorganisationen) verloren haben, zu mindestens achtzig Prozent durch eigene Schuld? Was hilft da die Aufforderung, sich der Arbeit in den Massenorganisationen zuzuwenden, wenn in ihnen keine Stützpunkte mehr vorhanden sind? Was hilft (um ein anderes Beispiel zu nennen) die Aufforderung: Das Gesicht dem Betrieb zu!, wenn die Partei jahrelang die Betriebsarbeit vernachlässigt und ihre Hoffnung auf die revolutionären Erwerbslosen gesetzt hat? Natürlich ist, wie auch diese Beispiele zeigen, in letzter Zeit manches an der Taktik geändert worden aber was nützen alle diese halben Wendungen, wenn nicht die ganze taktische Linie der Partei von Grund auf überprüft wird? Das ist aber nur möglich, wenn in der Partei die Diskussion über taktische Fragen freigegeben wird. Und zwar sofort.

    Nun gibt es in der Partei Leute (ich weiß nicht recht, ob auch du zu ihnen gehörst), die das alles zugeben, dann aber sagen: Die Partei ist in einer schweren Krise; diese Krise muß überwunden werden. Aber das braucht Zeit. Für den Augenblick ist die Partei nun eben einmal nicht aktionsfähig; man muß natürlich daran arbeiten, daß sie es wieder wird, aber das geht nicht so schnell, dazu ist viel beharrliche, stille Arbeit innerhalb der Partei notwendig.

    Wer so sagt, hat im Grunde schon vor dem Faschismus kapituliert. Denn wenn die Partei nicht jetzt, in den nächsten Wochen aktionsfähig wird, wenn es ihr nicht noch gelingt (was doch ihre Aufgabe und ihr Ziel ist und was zu erreichen sie den besten Willen hat), in der Arbeiterklasse den Widerstand gegen den Faschismus zu organisieren — dann ist das Schicksal der deutschen Arbeiterschaft auf Jahre hinaus entschieden. Eine furchtbare Verantwortung liegt jetzt auf der kommunistischen Partei. Jetzt hat sie es noch in der Hand, ihre Taktik zu ändern und damit den Grund zu legen zum erfolgreichen Kampf gegen den Faschismus, der sie und die ganze Arbeiterbewegung bedroht, jetzt noch — aber nicht mehr lange. Glaubst du, daß sie die Frist, die ihr noch gegeben ist, nützen wird?

    1932, 23 · Dein H. D.

  • Theodor Lessing

    — Jg. 1926, Nr. 25 —

    In Hannover benehmen sich Studenten absichtlich, bewußt und systematisch wie Lausbuben, indem sie den Professor Theodor Lessing anflegeln, seine Vorlesungen stören, ihre eigenen Schulstunden schwänzen, um Versammlungen abzuhalten, ihr Pensum nicht lernen, Demonstrationsausflüge machen, Phrasen in die Welt posaunen, bei denen sie sich nichts gedacht haben und auch andere sich nichts denken können. Der Stahlhelm speist sie, die reaktionären Kücken anderer deutschen Hochschulen schicken ihnen Sympathiekundgebungen, halten auch Versammlungen ab, inszenieren Kundgebungen und verkünden tragisch und offiziell besondere Streiktage, an denen sie durch körperliches Fernbleiben aus den Hörsälen sinnfällig daran erinnern, daß sie auch sonst, mit dem, was man in ihren Kreisen Geist zu nennen beliebt, nicht dort sind. Und das alles aus Sympathie für ihre Mitarmen im Geiste. Böse Buben sympathisieren immer miteinander.

    Die ganze Studentenschaft der technischen Hochschulen in Deutschland nebst einiger Handelshochschulen, nebst einiger landwirtschaftlicher Hochschulen, nebst einiger „richtigen“ Universitäten, nebst einer erklecklichen Anzahl nichtakademischer Trottel schäumt, geifert, tobt gegen einen einzigen Mann. Einen Privatdozenten, einen Republikaner, einen Antimilitaristen, einen einfachen, aber klaren denkenden Menschen. Einen Juden.

    Und dieses kleine Jüdchen, das übrigens nicht einmal reinjüdischer Abstammung ist, evangelisch gewesen und freiwillig zum Judentum übergetreten ist, hat die Stirn, der entfesselten Meute der teutschen Jüngelchen, hinter denen hetzend die Rechtsparteien mit ihrer Presse, reiche Eltern mit ihrem Geld und mißgünstige Professoren mit ihrem Haß und ihrer Autorität stehen, zu trotzen, einfach zu trotzen. Er weicht nicht. Er will seine Stelle nicht aufgeben, obwohl sein Rektor ihm deutlich gesagt hat, daß er ihn nur ungern schützt, obwohl seine Kollegen aus Angst vor der angedrohten Schließung der Hochschule in einem Dokument der Schande von ihm abgerückt sind, und obwohl sogar der Magistrat der Stadt Hannover die Stirn gehabt hat, von ihm den freiwilligen Rücktritt zu verlangen.

    Was hat Lessing verbrochen? Nun, abgesehen davon, daß er Jude und der einzige der hannöverischen Professoren ist, dessen Name über Deutschlands Grenzen hinausgedrungen ist, hat er einige Bücher geschrieben, die eine in besseren Kreisen nicht geschätzte Weltanschauung enthüllen. Dann hat er in der Presse Berichte über den Fall Haarmann veröffentlicht, die dem Gericht und allen besseren Bürgern unsympathisch waren. Und schließlich hat er im Vorjahr, als die Kandidatur Hindenburgs propagiert wurde, im größten Blatt der Deutschen in der Tschechoslowakei eine psychologische Studie über Hindenburg geschrieben, die Linksgerichtete ihrer Mäßigung wegen in Staunen, die Reaktionäre aber, da sie nicht ins allgemeine Hurragebrüll paßte, in Rage versetzt hat.

    Daher also das Kesseltreiben der jeunesse dorée gegen Lessing. Das Toben der entfesselten Masseninstinkte gegen den Einen.

    Diese akademische Jugend von heute benimmt sich wie Mob, wie Janhagel. Es gab Zeiten, in denen die jungen deutschen Studenten sich opferten für eine große Sache. Da jeder von ihnen sich hingab, aufgab für das Allgemeine. Heute opfern sie sich nicht; heute wollen sie opfern: einen anderen, einen Einzelnen, auf dem Altar ihres Dünkels, ihrer politischen Verhetztheit, ihrer grünen Unverschämtheit. Damals, 1813, 1848, 1914 haben sich Studenten hingeworfen, bereit, unterzugehen für etwas großes — ja, auch 1914! Sie haben sich nicht wichtig gemacht, sondern sich freiwillig erniedrigt für die Sache, an die sie glaubten. Ob der Glaube ein guter, wahrer oder ein schlechter, trügerischer war, ist nebensächlich. Es war Demut, Dienstbereitschaft, Bescheidenheit und darum Größe in ihrem Handeln. Aber heute üben sie aus Eingebildetheit, Selbstüberhebung, lausbübischer Radausucht Terror gegen einen einzigen Mann. Das ist ihre Tapferkeit. Das ist ihre Tapferkeit.

    Und darauf sind sie noch stolz. Ein jämmerlicher Stolz, das!

    1926, 25, Max Barth

  • Frau Momm

    — Jg. 1930, Nr. 12 —

    Ihr Mann ist in Potsdam Regierungspräsident,
    Justizrat ist ihr Herr Schwager,
    ihr Schwiegersohn gar ist Ministerialdezernent
    aus mächtig feudalem Lager.
    Wie Sie sehen, gehört die gute Frau Momm
    zu den allerbesten Kreisen.
    Die Dame ist überdies kolossal fromm,
    so fällt es nicht schwer, zu beweisen,
    daß sie das mit dem fraglichen Silbergeschirr
    nicht aus gemeinen Motiven gemacht,
    sondern weil sie nervös, überreizt und irr …
    Eine Strafverfolgung kommt nicht in Betracht.

    Klassenjustiz? Aber erlauben Sie mal!
    Die Dame ist krank und gehört ins Spital.
    Und weil ihr Fall nicht der Tragik entbehrt,
    ist sie unseres höchsten Mitgefühls wert.

    Und dann ist da noch der Fall Marie Schmidt,
    der lang nicht so interessant ist,
    weil nämlich ein einfaches Dienstmädchen mit
    so vornehmem Volk nicht verwandt ist.
    Im Gegenteil, diese Frauensperson
    gehört zu den unteren Schichten.
    Im Monat verdient sie dreißig Mark Lohn,
    und mit ihr macht man nicht lang Geschichten.
    In ihrem Fall heißt es einfach: sie stahl!
    Und darauf steht Kittchen im Deutschen Reich.
    Für Arm und für Reich, das ist völlig egal,
    denn vor dem Gesetz sind wir alle gleich.

    Klassenjustiz? Aber erlauben Sie mal!
    So eine Person! Das ist ein Skandal.
    Klar, daß die da ins Kittchen gehört,
    so eine ist unserer tiefsten Verachtung wert.

    1930, 12 Tyll

  • Fritz Edinger

    Fritz Edinger

    Marc Adolf Friedrich Edinger, der von Kindheit an immer nur „Fritz“ genannt wurde, war der älteste Sohn des Hirnforschers und Nervenarztes Ludwig Edinger und seiner Frau Anna Edinger. Seine Schwester Dora (1894–1982) heiratete den Pharmakologen Werner Lipschitz-Lindley (1892–1948), seine Schwester Tilly (1897–1967) begründete die Paläoneurologie.

    Edinger studierte Medizin und wurde 1913 in Heidelberg promoviert. Seine Doktorarbeit trug den Titel: „Die Leistungen des Zentralnervensystems beim Frosch, dargestellt mit Rücksicht auf die Lebensweise des Tieres“

    1914 heiratete Fritz Edinger die Historikerin Dora Meyer, die ihrerseits 1912 an der Universität Heidelberg im Fach Geschichte mit einer Arbeit über „Das öffentliche Leben in Berlin im Jahr vor der Märzrevolution“ promoviert wurde. Das Paar hatte drei Söhne, der erstgeborene Sohn starb jedoch bereits wenige Tage nach der Geburt.

    Im Ersten Weltkrieg wirkte Fritz Edinger als Militärarzt, Er wurde bei einem Gasangriff verwundet und behielt ein dauerhaftes Nervenleiden zurück. Das Ehepaar Edinger wirkte im Umfeld des Freien Jüdischen Lehrhauses in Frankfurt und in der jüdischen Loge B’nai B’rith

    1924 erlangte Edinger zusätzlich die Promotion im Fach Soziologie mit einer Arbeit über „Beiträge zur Theorie der Volkswirtschaftspolitik.“ Er gab die Buchreihe „Lebendige Wissenschaft“ heraus, war Korrespondent der „Heilbronner Sonntagszeitung“ und engagierte sich in der Frankfurter SPD. Als Arzt praktizierte er kaum. In Frankfurt wohnte er im Haus Gärtnerweg 55, das seit 1939 jedoch nur noch formal sein eigenes Haus war. Bis Ende 1939 musste Edinger 16.460,77 RM als „Judenvermögensabgabe“ leisten.

    Dora Edinger konnte 1936 mit dem jüngsten Sohn in die USA fliehen, dem älteren Sohn gelang die Flucht nach Palästina.

    Am 15. Dezember 1941 wurde Fritz Edinger auf offener Straße verhaftet. Weil er offensichtlich als psychisch krank angesehen wurde, kam er aus dem Strafgefängnis Preungesheim in die Frankfurter Universitäts- und Nervenklinik und später in die Israelitische Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemütskranke Bendorf-Sayn bei Koblenz. Diese diente seit 1940 als zentrale Sammelstelle für jüdische Geisteskranke. Zusammen mit zahlreichen Patienten wurde Fritz Edinger im Juni 1942 nach Sobibor deportiert. Dort wurde er wahrscheinlich schon am Ankunftstag, dem 19. Juni 1942, ermordet.

    Für Fritz Edinger wurde im Gärtnerweg 51 in Frankfurt-Westend ein Stolperstein verlegt. (siehe: https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=1907322&_ffmpar%5B_id_inhalt%5D=28931513)

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Edinger

  • Gedenkblatt für Erich Schairer

    Gedenkblatt für Erich Schairer

    Es sind nun schon mehr als elf Jahre, daß wir Erich Schairer auf dem Stuttgarter Waldfriedhof das letzte Geleit gaben. Unser Kreis alter Blaubeurer Seminaristen aus den Jahren 1903/05 ist seitdem kleiner geworden, so klein, daß man sich fast nicht mehr getraut, ihn zusammenzurufen. Wir waren ja so froh, daß wir Erich Schairer nach dem zweiten Weltkrieg wieder in unserer Mitte hatten, so oft wir zusammenkamen. Wenn sich alte Jugendfreunde treffen, heißt es: „Alte Liebe rostet nicht“, und wenn wir auch durch Jahrzehnte getrennte Wege gegangen sind, das Leben führte uns doch immer wieder zusammen, manchmal unter höchst seltsamen, ja erschütternden Umständen. Seine Freundestreue habe ich besonders im Winter 1903/04 erfahren, als ich mir beim Schlittenfahren auf der Sonderbucher Steige den Fuß verstaucht hatte, so daß ich acht Wochen lang im Gipsverband liegen mußte. Er hat mich damals auf der Krankenstube des Seminars so treulich versorgt wie kein anderer, und ich sehe noch heute, wie er meinen Nachtstuhl, wenn auch mit leicht gerümpfter Nase, zur Stube hinaustrug. Dafür haben wir dann auch die Kuchen, die mir meine Mutter sandte, miteinander verzehrt nach dem Rezept, das er einmal in die Verse gefaßt hatte: „Da kommt ein Kuchen, süß und groß, er (der Seminarist) glaubt sich schon in Abrahams Schoß, doch zeigt sich ihm zu großem Leid, gleich das Gesetz der Teilbarkeit. Mit dem Messer und in Eile, macht er viele, viele Teile. Und am Schluß ist es noch viel, wenn ihm bleibt ein Molekül.“ — Später hat Erich die Verse durchgestrichen; so war er immer: Teilen, helfen, ja — aber nicht damit angeben wollen. Gutes tun, ja — aber in aller Stille.

    Aber ich greife vor. Was uns damals gemeinsam begeisterte, war die Liebe zu unseren Dichtern Eduard Mörike, Gottfried Keller und anderen. Vielleicht hatte ich ihm damals noch etwas an Kenntnissen voraus, von meinem literarischen Elternhaus her, aber was ihn an Mörike anzog, das war das Klare und Echte, die unverfälschte Schönheit seiner Dichtung. Als wir nach dem ersten Weltkrieg uns wiedertrafen — am 21. Mai 1919 — war er zu Fuß von Heilbronn zu uns nach Neuenstadt am Kocher gekommen und wir gaben ihm auf dem Rückweg das Geleit nach Cleversulzbach. Am Grab der Dichtermutter entzündete sich aufs neue unsere Freundschaft. Oft habe ich mich gefragt, warum Erich Schairer schriftstellerisch nicht mehr hervorgetreten ist. Er hatte doch das Zeug dazu. Noch heute lese ich mit Entzücken seine geistvolle „Mathematische Romanze“, die er für unsere Weihnachtskneipzeitung 1903 beisteuerte. Keiner von uns hatte je etwas so witziges, einfallreiches, trockene mathematische Begriffe spielerisch Umkreisendes geschrieben. Aber seine Zukunft war der Journalismus, und sein Ehrgeiz, ein gutes, klares Deutsch zu schreiben und, wenn es sein mußte, auch andere dazu zu erziehen. (Siehe „Fünf Minuten Deutsch“! Kein Wunder, der echte und gediegene Schulmeister steckte ihm vom Vater her im Blut!)

    Einmal habe ich seine kritische Ader zu meinem Heil selbst zu spüren bekommen. Ich schrieb ihm damals auf seinen Wunsch für seine „Sonntagszeitung“ kleine Geschichten, Begebnisse, wie sie im Leben des Pfarrers immer wieder vorkommen. In einem Brief vom 20. Juli 1920 — ich besitze ihn heute noch — schrieb er mir: „Dies mal bekommst Du Deine Geschichte zurück. Redaktionen pflegen bei Ablehnung von Manuskripten keine Gründe anzugeben, weil die Verfasser dann meist beleidigt sind. Auch Dir gegenüber hätte ich mich gern mündlich über das „Vogelnest“ geäußert, denn wenn ich meine Kritik schreibe, kommt sie natürlich wüst und herzlos heraus. Aber wer weiß, wann ich wieder einmal hinüberkomme… (Folgt eine eingehende Kritik.) Zum Schluß schreibt er: „Nun, sei mir bitte nicht böse. Betrachte diese absichtlich scharfe Kritik als einen Beweis, daß ich Dich ernst nehme. Sage auch Deiner lieben Frau, sie möge mir jetzt ihr Wohlwollen nicht entziehen und unterlasse es nicht, mir Deine nächste Geschichte zu zeigen. Sonst würde ich es bedauern müssen, das „Vogelnest“ so heruntergerissen und nicht mit irgend einer Ausrede zurückgeschickt zu haben…“

    So war er. Ehrlich, geradeheraus, durch und durch wahrhaftig. Darum hat er ja auch den Kirchendienst verlassen und sich schon bald mit der „Neckarzeitung“ überworfen. Er konnte aus seinem Herzen keine Mördergrube machen. Man wußte bei ihm, woran man war. Auch aus seiner sozialistischen Einstellung machte er keinen Hehl, erst recht nicht in kleinem Kreis. Er freute sich, daß er bei uns Verständnis für seine Ideen fand. Hin und wieder schickte er uns neue Broschüren über Marx, Engels, Lasalle, „zur Orientierung“.

    Es wird wohl im Jahr 1941 gewesen sein, daß er bei uns als „Weinreisender“ auftauchte. Was vorausgegangen war, wußten wir nicht, wir hatten nur gehört, daß ihm die Herausgabe seiner Zeitung verboten worden war. Er selbst sprach nicht davon. Auch später, als wir ihn in Lindau besuchten, vermied er jedes politische Gespräch. Und doch waren es unvergeßlich schöne Wochen im Kreis seiner Familie. Er selbst arbeitete fleißig im Garten und unterrichtete uns in der Bekämpfung der „Werren“ (Maulwurfsgrillen). Damals sahen wir ihn auch auf dem Bahnhof in Lindau in der roten Mütze, mit dem Täfelchen dem Zugführer zur Abfahrt winken. Auch das gehört mit zu seinem Bild, daß er sich in sein Schicksal ergab, so hart es mit ihm umgehen mochte.

    Gott sei Dank, es kam wieder anders; aber auch nach dem großen Umschwung blieb er für seine Freunde der, der er immer gewesen war, unser Erich Schairer.

    Von etwas muß noch die Rede sein. Wenn ich zu Anfang sagte, daß wir durch Jahrzehnte getrennte Wege gegangen seien, so meine ich seine kämpferische Einstellung zu Christentum und Kirche, ja zur Religion überhaupt, wie er in seinem Büchlein „Gottlosigkeit“ ausgedrückt hat. Es war eine ausgesprochene Kampfschrift mit den Vorzügen und Nachteilen einer solchen. Wenn wir sie heute wieder lesen, so scheint uns vieles überholt. Von der Grundthese allerdings, von der er ausging, kann man das nicht sagen: „Das Christentum wird gepredigt, aber es lebt nicht“. Diesen Vorwurf haben ja schon Nietzsche und andere erhoben, und die Christenheit muß sich seiner immer bewußt bleiben. Bei Schairer kam anderes hinzu: die Ablehnung des persönlichen Gottesbegriffs und der Zwiesprache mit ihm. Doch müßte man eigentlich sein Büchlein von hintenherein lesen, um die Mühe zu erkennen, die er sich gab, trotz allem den Christen von heute zu verstehen. Seine Thesen über Gott erinnern uns in vielem etwa an das Buch des englischen Bischofs Robertson: „Gott ist anders“. Das Kapitel „Religiöse Pause“ in Schalters Büchlein enthält positive Aussagen wie: „Es wird einmal eine Zelt kommen, wo man wieder von Gott und Religion wird reden können, ohne mißverstanden zu werden; etwa wie wir heute vom Himmel oder vom Sonnenaufgang reden. Dann wird man, denke ich, auch den ganzen christlichen Sprach- und Gedankenschatz wieder ausgraben und unbefangen verwenden… Die Bibel ist eine unerschöpfliche Fundgrube von Weisheit und Wahrheit; man wird sie dereinst wieder zu würdigen wissen.

    So war er auf der Suche nach „Gott“; kein eigentlicher Gottesleugner schlechthin, aber seine Aussagen über Gott mußten der Erkenntnis des modernen Menschen entsprechen, und er forderte von der Kirche, daß sie diesen Sachverhalt in voller Wahrhaftigkeit bejahe. Als ich ihn zum letztenmal auf seinem Kranken- und Sterbebett besuchte, waren seine letzten Worte: „Weiter wäre nichts mehr zu sagen.“ Er schwieg lieber von Gott, als daß er über ihn sprach.

    1967, Wilhelm Teufel

  • Hinter den Kulissen der Sonntagszeitung

    von Max Barth

    Anfangs 1924 machte Dr. Schairer mir den Vorschlag, zu ihm nach Heilbronn zu kommen, da sein Mitarbeiter Hermann Mauthe im Begriff sei, nach Mexiko auszuwandern. So war ich vom Frühjahr 1924 bis Ende Juli 1932 an der „Sonntags-Zeitung“, zeitweilig als Redaktionsmitglied, in den Zwischenzeiten als regelmäßiger auswärtiger Mitarbeiter. In den Zeiten, da ich nicht in Heilbronn, beziehungsweise in Stuttgart lebte, wohin Schairer und sein Blatt im Sommer 1925 übergesiedelt waren, nahm zunächst Hermann Mauthe, der nach wenigen Monaten von Mexiko genug gehabt hatte, und später Hermann List meinen Platz ein. Im Frühjahr 1931 übernahm List die Sonntags-Zeitung als Herausgeber; auf den 1. August 1932 nahm Schairer sie wieder an sich und entließ mich. Von da an arbeitete ich nur noch gelegentlich mit.

    Eine logische Folge von Schairers Vorliebe für den gesunden Menschenverstand, für das Allgemeinverständliche und die schlichte, direkte Rede war, daß ein Teil der Beiträge seines Blattes von Nichtpolitikern und Nichtschriftstellern stammte, also von Lesern, die über irgendein Gebiet Bescheid wußten. Berufsschreiber schätzte er nicht sehr, obgleich wir beide ja auch solche waren. Als sich einmal Emil Ludwig unterfing, uns einige Beiträge zu schicken, sagte er: „Die schicken wir ihm zurück! Das ist so ein Schriftsteller.“ Andere Blätter nahmen Arbeiten des damals sehr bekannten Verfassers mit Kußhand an, weil sein Name einen Abglanz auf sie warf. Zu unseren Mitarbeitern gehörte z. B. ein Mann, der zwei Doktortitel hatte, aber ein Vagabund war. Er erschien ein- oder zweimal im Jahr auf der Redaktion, kam gerade von Italien oder Afrika, blieb ein Weilchen, erzählte und ließ zwei oder drei Artikel da. Ein anderer, der von Zeit zu Zeit auftauchte, war ein wirklicher Vagabund, einer aus Prinzip, mit anarchistischer Weltanschauung. Er trug einen gewaltigen braunen Vollbart und hatte eine reich und voll tönende Stimme, in seinem weitschwingenden Mantel schritt er einher wie ein König. Schairer hatte eine Schwäche für Originale. Normale Besucher — die oft die Redaktion aufsuchten, weil sie ihn sehen wollten — gingen abgekühlt von dannen, wenn nichts an ihnen Schairers Interesse weckte. Er konnte dann von erstaunlicher Wortkargheit sein und von bewußter Primitivität und Hölzernheit.

    Unter den Lesern hatten wir auch allerhand Käuze. In einem Winkel des Bayrischen Waldes saß zum Beispiel ein einfacher aber politisch interessierter Mann, der nichts an sich hatte, was ihn als Gesinnungsgenossen auswies, aber da er arm war, bekam er die „Sonntags-Zeitung“ umsonst. Ein anderer Gratisbezieher war ein Mann in einem bayerischen Gefängnis. Er hatte zwei Morde auf dem Gewissen, und offenbar sehr üble. Von Zeit zu Zeit schrieb er einen Brief, in dem er seine Erwartung mitteilte, bald begnadigt zu werden. Als ich in New York, wo ich bei Hearst arbeitete, einmal eine Auseinandersetzung mit einem Kollegen hatte, einem alten nationalistischen Amerikadeutschen, brach der plötzlich wütend aus: „Und die Zeitung, an der Sie waren, das war doch nur ein Winkelblatt!“ Auch er muß die „S.-Z.“ manchmal gelesen haben. Vielleicht war er jener Mann, der von Zeit zu Zeit lange Briefe schrieb, die mit Chicago datiert und aus Chicago abgesandt waren. Er unterschrieb mit „Austauschprofessor“, und die Briefe waren voll von Beschimpfungen. Es hagelte nur so von Landesverrätern, Hochverrätern, Lumpen, A… löchern usw. und von Drohungen, was man mit uns anfangen werde. Ich schlug Schairer vor, einmal so einen Erguß abzudrucken, aber er sagte: „Das ist ein Psychopath; der will ja gerade, daß man seine Sachen druckt. Es trifft ihn viel mehr, wenn man ihn garnicht beachtet.“ Womit er sicherlich recht hatte.

    Die Behörden waren der „Sonntags-Zeitung“ natürlich nicht sehr gewogen. Zwar waren die einzelnen Beamten — wie ich mindestens aus der Stuttgarter Zeit weiß — aus Interesse scharf dahinter her, das abgelieferte Pflichtexemplar gleich nach dem Herauskommen lesen zu können; aber die Behörde als Amt versuchte immer wieder, dem Dr. Schairer ein Bein zu stellen. Das fing schon an, als die erste Nummer erschienen war. Schairer hat die Geschichte in dem 1929 erschienenen Sammelband „Mit andern Augen“ erzählt.

    Eines Tages, noch in Heilbronn, kam ich von der Post zurück. Frau Schairer ließ mich ein. „Gehen Sie nur nicht hinein“, sagte sie, „die Polizei ist da.“ Ich ging natürlich doch hinein. Schairer stand blaß vor Wut an seinem Stehpult, während zwei Kriminalbeamte in einem Schrank wühlten. Ich fragte, was los sei; Schairer zeigte mir die vor ihm liegende letzte Nummer. Er hatte da in einem Artikel über die Neuordnung Deutschlands davon geredet, daß dazu auch die „Zerschlagung Preußens“ nötig sei. Das war ein volkswirtschaftlicher Ausdruck; man redet von der Zerschlagenheit eines Großgrundbesitzes zum Beispiel. Mit dem Hochverrat, den man Schairer anhängen wollte, war es nichts. Die Beamten stießen auf eine Fotografie: Auf einer breiten Treppe standen Herren im Gehrock, hohe Offiziere und Schairer auch dabei. Er mußte erklären. „Das ist der deutsche Botschafter in Konstantinopel, das der General Soundso…“; ich glaube, es war auch der eine oder andere türkische Offizier dabei. Schairer war im Krieg eine zeitlang zur deutschen Botschaft in Konstantinopel abkommandiert gewesen; er hatte auch, gemeinsam mit einem Türken, ein deutsch-türkisches Worterbuch herausgebracht. Die Beamten wandten sich anderen Dingen zu. Gleich das nächste war ein Dokument mit sonderbaren Schriftzeichen, womöglich in einer Verschwörerschrift. Es war ein Handschreiben aus der Kanzlei des Sultans Abdul Hamid II. an Schairer, eine Anerkennung seines Wirkens für die Türkei.

    Als die Nazis „dran waren“, ging es natürlich erst recht los. Im Frühjahr 1933 wurde die „Sonntags-Zeitung“ verboten; das Verbot wurde aber nach vier Wochen aufgehoben. Ein halbes Jahr später, im September 1933, legte die Gestapo von Altona der in Berlin drei Nummern vor, die zeigen sollten, daß die „S.-Z.“ „feindlich eingestellt“ sei. „Ihr Druck in lateinischer Schrift“, heißt es da auch, „läßt darauf schließen, daß sie auch für den Versand ins Ausland bestimmt ist.“ Der Denunziant war die Oberpostdirektion Hamburg; sie hatte die drei Nummern der Gestapo übergeben. Berlin wandte sich an die Politische Polizei in Stuttgart, und die antwortete, das Weiterbestehen der „Sonntags-Zeitung“ sei „aus besonderen politischen Gründen“ wünschenswert. Es ist also anzunehmen, daß man das Blatt der Tarnung wegen zunächst am Leben ließ. Man wollte wohl zeigen — besonders dem Ausland (man denke an die lateinische Schrift und die Bedeutung, die sie für Gestapohirne hatte!) — daß auch unabhängige Blätter geduldet würden. Die Verfolgung erstreckte sich übrigens auch auf andere. So wurden zwei Partner, die sich Dr. Schairer genommen hatte, nacheinander abgelehnt, der eine im November 1935, der andere im Januar 1936: eine weitere verlegerische Tätigkeit des N. N. könne nicht befürwortet werden, hieß es jedesmal. Auch über den Drucker Friedrich Späth in Waiblingen wurde dieses Verdikt ausgesprochen. Späth kam dann auf einige Zeit in Schutzhaft.

    An Schairer selbst ging man im März 1936 heran. Dem Reichsverband der deutschen Zeitungsverleger wurde vom Württembergischen Politischen Landespolizeiamt, dem er, wie mitgeteilt wurde, „aktenmäßig bekannt“ war, sein Lebenslauf geschildert: Pfarrer, der aus der Kirche ausgetreten war, Redakteur an der „Neckar-Zeitung“, Herausgeber der „Sonntags-Zeitung“, „die er in radikal pazifistischem Sinne leitete“. Dreimal wegen politischer Vergehen angezeigt, zweimal beim Oberreichsanwalt, 1926 und 1927, einmal bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, 1928. Alle drei Verfahren waren eingestellt worden: obwohl man ihm sehr gerne etwas anhängen wollte, konnte man aus den beanstandeten Texten doch keinen Landesverrat konstruieren. Es wurden Stücke aus seinen Artikeln abgedruckt (belastende natürlich, für Nazihirne); es wurde seine dunkle Vergangenheit aufgedeckt: wichtige Funktionen in Friedensgesellschaft, deutscher Liga für Menschenrechte, republikanischer Beschwerdestelle, Mitgliedschaft in Freidenker- und Monistenbund, zeitweilige Mitgliedschaft in der Internationalen Arbeiterhilfe. Und natürlich konnte „die Fortsetzung seiner verlegerischen Tätigkeit nicht befürwortet werden.“

  • Autoren

    Interaktives Verzeichnis der Autoren, deren Beiträge auf dieser Website zu finden sind. Es handelt sich dabei nicht nur um Autoren der Sonntags-Zeitung, sondern darüber hinaus um Autoren, die Artikel über Erich Schairer, seine Sonntags-Zeitung und deren historischen Kontext (Kaiserreich, Weltkrieg, Revolution, Weimarer Republik, Machtergreifung des Faschismus etc.) geschrieben haben.

    Die Schriftgröße korreliert mit der Zahl der Artikel. Anklicken der Namen lässt die zugehörigen Artikel erscheinen.

    (Ja, es stimmt, es sind keine Autorinnen darunter zu finden…)

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  • Mutiger Publizist in der Weimarer Zeit

    — Stuttgarter Zeitung vom 12. Sept. 1995 —

    Ursprünglich wollte der Lehrersohn Pfarrer werden. Dann promovierte er über den Dichter Schubart, kehrte der Kirche den Rücken und wurde Journalist. Im Krieg war er Weinvertreter und Bahnhofsvorsteher, nach dem Krieg Herausgeber der „Stuttgarter Zeitung“. 

    Erich Schairer war, das läßt sich ohne Einschränkung sagen, einer der mutigsten Publizisten der Weimarer Republik und in den ersten Hitler-Jahren. Manche stellen ihn neben Kurt Tucholsky und – mehr noch, weil wesensverwandter – neben Siegfried Jacobsohn, mit dessen „Weltbühne“ die von Schairer herausgegebene ,,Sonntagszeitung“ in vielem übereinstimmte. Erich Schairer, ein Freund Josef Eberles, kam im September 1946 zur „Stuttgarter Zeitung“, er wurde Mitherausgeber und war verantwortlich für den politischen Teil. Leider waren ihm nur acht Jahre des Wirkens vergönnt. 1954 legte er seine Ämter nieder und starb zwei Jahre später in Schorndorf. Gleichwohl hat er bleibende Spuren hinterlassen und den Charakter der noch jungen „Stuttgarter Zeitung“ geprägt. 

    Das konnte bei einem so eindrucksvollen Manne auch gar nicht anders sein. Der 1887 im württembergischen Hemmingen geborene Lehrersohn hatte einen unbezähmbaren Hang zu Wahrhaftigkeit und Geradlinigkeit. Politisches Bürger- und Selbstbewußtsein war ihm selbstverständlich. Nicht von ungefähr promovierte der Theologe Schairer, der zuvor aus Gewissensgründen aus dem Dienst der evangelischen Kirche Württembergs geschieden war, über den Dichter-Rebellen und „politischen Journalisten“ Christian Friedrich Daniel Schubart. Das hatte Bedeutung für sein weiteres Leben. Schairer wurde Redakteur in Hamburg, gegen Ende des Ersten Weltkrieges dann Chefredakteur der „Neckarzeitung“ in Heilbronn. Nach politischen Auseinandersetzungen mit dem Verleger gründete Schairer, was seinem Drang nach Unabhängigkeit entgegenkam, ein Wochenblatt, die ,„Sonntagszeitung“. Das Blatt war ein Kuriosum insofern, als es auf Anzeigen verzichtete, um sich freizuhalten von jedweden Einflüssen. Das kleine, aber rasch an Einfluß gewinnende Blatt wandte sich an nachdenkliche Leser aller sozialen Schichten. Es pflegte die kleine Form und war sprachlich durchgefeilt. Bezeichnend war folgender Satz: „Manche Leute haben es mit ihrer Bildung wie gewiße Krämer; sie präsentieren stets ihr ganzes Warenlager, um ihre Leistungsfähigkeit zu beweisen.“

    Politisch wandte sich die Zeitung gegen nachwirkende wilhelminische Tendenzen und neue deutschnationale Träumereien. Rasch geriet Schairer in Konflikt mit der heraufkommenden NS-Ideologie. Kaum ein Journalist hat damals so klar vorhergesagt, was die Deutschen von Hitler zu erwarten hatten. Schairer erkannte, in welchem Maße der Rundfunk dazu beitrug, Hitlers Thesen bis ins kleinste Dorf zu verbreiten. Und im Februar 1933 schrieb er hellsichtig: „Das deutsche Volk will offenbar solche Führer haben wie Wilhelm und Hitler… Wird es, kann es mit der Herrlichkeit des ‚Dritten Reiches‘ ein anderes Ende nehmen als mit der des zweiten?“ Einen Monat später wurde die „Sonntagszeitung“ verboten, dann unter strengen Auflagen wieder zugelassen. 1937 geriet das Blatt völlig unter NS-Einfluß. Schairer fristete sein Dasein als Handelsvertreter und gegen Kriegsende als Reichsbahngehilfe in Lindau, immer wieder behelligt von der Gestapo. Nach einem Neubeginn als Redakteur des „Schwäbischen Tagblatts“ in Tübingen wurde Schairer 1946 Mitherausgeber der „Stuttgarter Zeitung“. 

    Er prägte diese Zeitung vor allem stilistisch. Eine klare Sprache bedeutete für Schairer klares Denken. Er richtete die Rubrik „Fünf Minuten Deutsch“ ein und pflegte sie über Jahre hinweg. Die Rubrik fand viel Anklang bei den Lesern. Auch die Redakteure der „Zeitung“ profitierten von der Schairer’schen Schule. Ältere Journalisten erinnern sich dankbar an die „Sprachliche Vermahnung für die Mitarbeiter der Stuttgarter Zeitung (und andere Zeitungsschreiber)“.

    Politisch verstand Schairer die „Stuttgarter Zeitung“ als parteiunabhängiges Oppositionsblatt. Und so schrieb ein Redaktionsmitglied der frühen Jahre, nämlich Reinhard Appel, über Schairers Wirken: „Er verstand es, aus dem Blatt eine demokratische Institution zu entwickeln, die bei den Regierenden und den Regierten gleichermaßen Respekt und Einfluß genoß.“ Schairer habe ein Beispiel dafür gegeben, „daß die Freiheitsrechte des Bürgers gegenüber der Macht im Großen wie im Kleinen nur dort bewahrt bleiben können, wo sie auch wahrgenommen und furchtlos verteidigt werden“. Die deutsche Teilung, gegen die er ankämpfte, sah Schairer frühzeitig voraus. In einem Leitartikel schrieb er 1947 prophetisch: „Solange der Ost-West-Gegensatz besteht, sind alle Worte von der deutschen Einheit leeres Geschwätz…“ Und so war es dann auch. 

    Werner Birkenmaier 

    „50 Jahre Stuttgarter Zeitung“, Jubiläumsausgabe vom 12. Sept. 1995, Seite 4 

  • Justizopfer: Fechenbach

    Justizopfer: Fechenbach

    — Jg. 1924, Nr. 37 —

    Die bayerischen Volksgerichte, eine der übelsten Erscheinungen unserer Tage, haben den wohlverdienten Untergang gefunden. Wohlverdient: denn ihre Rechtsprüche hatten mit Recht selten etwas zu tun. Sie waren gemeingefährliche Institutionen.

    Nun sind sie dahin; und übrig blieben von ihrem Wirken nur die beschämende Erinnerung und ein Rest von Opfern, die hinter Gefängnismauern sitzen. Unter ihnen der Landesverräter Fechenbach.

    Sein Verbrechen ist: daß er der Geheimsekretär Eisners gewesen ist. Der Bürger hat ein gutes Gedächtnis, wenn er will. Sein Groll gegen alles, was ihm fremd oder unverständlich ist, überdauert Weltuntergänge. Denn er hat Charakter. Den Charakter eines Hundes. In ihm steckt eine tückische Bestie; manchmal schlummert sie; aber wenn sich je eine Gelegenheit bietet, dem Gehaßten die Zähne ins Fleisch zu schlagen, ist sie sofort wach.

    Fechenbach war zu sorglos. Aber man darf ihm das nicht zum Vorwurf machen: keiner hätte, an seiner Stelle, vermuten können, daß bürgerliche „Volksrichter“ in ihrem blinden Haß soweit gehen könnten, in der Weitergabe eines Textes, wie dem des Rittertelegramms, Landesverrat zu erblicken. Das Rittertelegramm vom Juli 1914 belastete nur den Papst, höchstens noch die österreichische Regierung, keinesfalls aber die deutsche (auch nicht die kaiserliche, die zu schützen sich das „Volksgericht“ im Falle Fechenbach anscheinend berufen fühlte).

    Man brauchte einen Strick; denn man wollte dem Verhaßten eine Schlinge drehen. Und was in anderen Ländern beim ersten Versuch sich als mürber Faden erwiesen hätte, der keine Maus tragen könnte, zeigte sich in Bayern als solides Seil, an dem man den „Landesverräter“ Fechenbach so hoch aufhängen konnte, wie es einen gelüstete.

    Trotzdem es sich um ein „Pressedelikt“ handelte, das schon drei Jahre verjährt war, trotzdem in derselben Sache bereits 1920 ein rechtskräftiges Urteil (Freispruch) ergangen war, hat man Anklage erhoben. Trotzdem weder der Nachweis zu erbringen war, daß der Tatbestand des Landesverrats erfüllt sei, daß ferner durch die Veröffentlichung des Telegramms dem deutschen Reiche Schaden zugefügt worden sei — es gibt noch viele „Trotzdem“ — hat man Fechenbach zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.

    Diese Münchner Gerechten sind in der Tat Gerächte. Sie haben den Ursinn der „Strafe“ wieder entdeckt, der da ist: Rache. Sie sind in ihrer Bosheit und Rachsucht naiv wie das Tier oder der primitive Mensch.

    Was aber tun wir, die nicht primitiv sind, sondern kompliziert und empfindsam genug, daß es uns bis ins Mark erschüttert, zu sehen, wie die Gerechtigkeit als Werkzeug der Rache gebraucht wird? Wenn wir sehen, daß nicht nur geringe Vergehen hart gestraft werden, sondern daß Unschuldige „von Rechts wegen“ gemordet werden?

    Müssen wir nicht aufstehen, uns vereinigen, zum Sturm antreten, um niederzureißen den Turm, in dem der Schuldlose schutzlos der Willkür der legalen bürgerlichen Strafsucht preisgegeben ist?

    Immer wieder erinnert man sich, wenn der Fall Fechenbach erwähnt wird, an den französischen Hauptmann Dreyfus und seinen Verteidiger, seinen Befreier [Émile] Zola. Der große Franzose hat nicht geruht, bis es ihm gelungen war, das Gewissen seines Volkes wachzurufen, dem unschuldig Verurteilten die Freiheit wiederzugeben. Sollte die Seele des deutschen Volkes so dumpf und stumpf sein, daß es unmöglich wäre, in ihr einen Enthusiasmus für das Recht, eine Begeisterung für die Wiederherstellung der Gerechtigkeit, eine große Leidenschaft für die Befreiung eines zu unrecht Eingekerkerten zu entfesseln?

    1924, 37 Max Barth

    Das „Rittertelegramm“ ist ein Telegramm des bayrischen Gesandten beim Vatikan Baron Ritter vom 16. Juli 1914, wonach der Papst ein „scharfes Vorgehen“ Österreichs gegen Serbien gebilligt hat. Fechenbach ist wegen Weitergabe seines Textes an einen Schweizer Journalisten (im April 1919) am 20. Oktober 1922 als Landesverräter zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Am 19. Dezember 1924 ist er begnadigt worden.

    Am 7. August 1933 wurde Fechenbach auf dem Weg von Detmold in das KZ Dachau im Kleinenberger Wald zwischen Paderborn und Warburg ermordet. Der Führer des Transportkommandos, SA-Obertruppführer Friedrich Grüttemeyer stieg mit Fechenbach aus dem Auto und versuchte erfolglos Namen von Informanten zu erhalten. Als Grüttemeyer zur Seite ging, feuerten SS-Mann Paul Wiese und der SA-Angehörige Walter Focke mehrere Pistolenschüsse auf Fechenbach ab, der lebensgefährlich verletzt und bewusstlos in ein Scherfelder Krankenhaus gebracht wurde, wo er noch am Abend des gleichen Tages starb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Der Witwe wurde per Telegramm am 8. August mitgeteilt, ihr Mann sei bei einem „Fluchtversuch“ verwundet worden und später verstorben. Reinhard Heydrich behauptete in einem Schreiben vom 9. August in seiner Funktion als „Der Politische Polizeikommandeur Bayerns“, Fechenbach sei „von den Beamten der Lippischen Landesregierung bei einem Fluchtversuch erschossen worden“.[14] Den Befehl zum Transport hatte der von den Nationalsozialisten zum Regierungschef in Lippe ernannte Hans-Joachim Rieckegegeben,[15] der persönlich Fechenbach verfolgt hatte. Der Tat verdächtigt wurden vier SA- und SS-Männer aus Detmold: Friedrich Grüttemeyer, 1969 verurteilt wegen Beihilfe zum Mord zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren[16], Paul Wiese, 1948 verurteilt wegen „vorsätzlichen Totschlags“ zu einer Zuchthausstrafe von fünf Jahren[17], Karl Segler, dem keine Beteiligung nachgewiesen werden konnte und Josef Focke, der nie gefasst wurde[18]. Die Rolle Rieckes konnte nie ganz aufgeklärt werden. Ihm konnte der Befehl zum Mord nicht nachgewiesen werden, ein Strafverfahren gegen ihn wurde 1970 eingestellt.[19] Tatsache war aber, dass Riecke den Mörder Paul Wiese einige Monate später als seinen persönlichen Fahrer eingestellt hatte.[20][15]

    Das Grab von Fechenbach befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Rimbeck.

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Fechenbach

  • Justizopfer: Heinrich Wandt

    Justizopfer: Heinrich Wandt

    — Jg. 1925, Nr. 24 —

    Vor einigen Jahren gab es in Berlin ein politisch linksstehendes Blatt, das nicht gerade zu den erfreulichsten Erscheinungen der deutschen Presse gehörte, weil es nämlich seinen Beruf u. a. darin sah, Skandale aus dem Leben der „Gesellschaft“ auf unschöne Weise ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Überschrift wie „Das Liebesnest in der Budapester Straße“, „Der Nuttenmarkt auf dem Kurfürstendamm“, „Der Herr Direktor mit der Reitpeitsche“ und andere Rosinen dieser Art waren an der Tagesordnung. Selbst, wenn man annimmt, diese saftigen Saucen wären einzig in der Absicht aufgetischt worden, möglichst viele Zeitgenossen zur Lektüre der den übrigen Teil des Blattes ausfüllenden pazifistisch-radikalen politischen Artikel zu verführen, kann man nicht Ja und Amen dazu sagen. Denn wenn auch in der Politik der gute Wille das Mittel bis zu einem gewissen Grad heiligen kann, so schädigt das schlechte Mittel doch immer den Zweck, weil diejenigen angelockt werden, denen das miese Mittel eigentlicher Zweck ist, während die andern, auf die es dem Werbenden in Wirklichkeit ankommt, vor dem stinkenden Köder schauernd entweichen.

    Diese „Freie Presse“ und besonders ihr Redaktor Heinrich Wandt waren natürlich der Justiz unserer „Republik“ ein Dorn im Auge, weniger — das versteht sich am Rande — wegen der Skandalartikel, als wegen der politischen Richtung. Man war furchtbar scharf darauf, den Mann bei erster Gelegenheit am Wickel zu nehmen. Diese Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten: Wandt ließ ein Buch erscheinen mit dem Titel „Etappe Gent“, in dem er mit genauen Namens- und Datumsangaben eine Reihe jener typischen Fälle aus dem schweren Leben hinter der Front schilderte, die, wer im Krieg war, aus Erzählungen und persönlichen Einblicken kennt. Dabei passierte es, daß er irgend einem der Prinzen Reuß — die ja alle Heinrich heißen und sich nur durch ihre Nummern unterscheiden — etwas in die Schuhe schob, was ein anderer seiner Sippe getan hatte. Der irrtümlicherweise in dem Buch statt Heinrich dem Sechsundneunzigsten genannte Heinrich der Siebenundneunzigste klagte wegen Beleidigung, und Wandt, der seinen Irrtum sofort eingestanden und versichert hatte, er habe nicht den Kläger, sondern den andern gemeint, bekam ein halbes Jahr Loch.

    Aber die Justiz ruht nicht, bis sie ihr Opfer so am Kragen hat, daß es sich auch wirklich lohnt. Sie sucht, sucht und findet. Und im Jahr 1923 hatte sie, was sie brauchte.

    Da hat sich nämlich Wandt einmal der Hehlerei schuldig gemacht. Jemand hat aus dem Reichsarchiv eine Urkunde gestohlen, die einen Beitrag zu der von uns während des Kriegs getriebenen Flamenpolitik darstellte, und hat sie Wandt übergeben. Für diese Hehlerei bekam Wandt zwei Jahre Gefänignis. Die Strafe wurde aber mit einer anderen von fünf Jahren Zuchthaus wegen „Landesverrats“ zu einer Gesamtstrafe von sechs Jahren Zuchthaus zusammengezogen. Seit dem Dezember 1923 ist Wandt im Zuchthaus.

    Wie steht es nun mit diesem „Landesverrat“? Es handelt sich um das gleiche Dokument, wegen dessen die überaus schwere Strafe von zwei Jahren Gefängnis für Hehlerei ausgesprochen wurde. Diese Urkunde nämlich soll Wandt nach Annahme des Reichsgerichts — er selbst bestreitet es — dem belgischen Schriftsteller Dr. Wullus übergeben haben, der sie 1921 in einem Buch „Flamenpolitik, Suprême espoir allemand de domination en Belgique“ abgedruckt hat.

    Der Inhalt ist, wie Senatspräsident Freymuth in der „Friedenswarte“ angibt, die Niederschrift der Vernehmung eines in deutsche Gefangenschaft geratenen Führers der Flamenpartei durch einen deutschen Hauptmann. Die Vernehmung hat am 24. September 1918 stattgefunden.

    Daß während des Krieges die maßgebenden deutschen Stellen den flämischen Autonomisten Freundschaft und Hilfe gewährt haben, ist kein Geheimnis. In dieser Urkunde steht zu lesen, daß das Endziel der Politik der „aktivistischen Frontpartei“ im belgischen Heere die Errichtung eines selbständig verwalteten Flanderns innerhalb eines freien Belgiens und die Herbeiführung eines Verständigungsfriedens zwischen diesem Belgien und Deutschland sei. Also eine Forderung, die weder die Flamenbewegung bloßstellen konnte (denn der hat man in Belgien ja noch viel schlimmere Ziele zugetraut) noch die deutschen Behörden (oder diese doch höchstens vor den deutschen Annexionisten, die ganz Belgien mit Haut und Haar auffressen wollten).

    Trotzdem hat das Reichsgericht die — angenommene, nicht bewiesene — Weitergabe dieses Dokuments an einen ausländischen Schriftsteller als Landesverrat mit fünf Jahren Zuchthaus bestraft. Dr. Wullus hat in einem offenen Brief vom 23. März 1924 und neuerdings in einem Brief an das (belgische) Justizministerium und einer Notiz in der „Nation Belge“ vom 3. April 1925 versichert, daß Wandt an der Weitergabe des Schriftstückes unschuldig sei.

    Besonders merkwürdig, ja geradezu haarsträubend, ist aber die Begründung des Urteils gegen Wandt. Wie der Abgeordnete Dr. Levi am 10. März 1925 im Reichstag mitgeteilt hat, ist das Reichsgericht bei der Verurteilung von folgender Erwägung ausgegangen: „Maßgebend ist, daß durch den Verrat des Schriftstücks zugleich die belgischen Persönlichkeiten verraten worden sind, mit denen die deutsche Regierung während des Krieges in Verbindung getreten war. Sollte unsere Regierung einmal in die Lage kommen, für ihre Zwecke jener Männer von neuem sich bedienen zu müssen, was bei einer Veränderung der gegenwärtigen politischen Lage leicht eintreffen könnte, so würde ihr das durch diesen Verrat bedeutend erschwert werden.“

    Diese Begründung spricht nichts weniger aus als die Hoffnung, daß wir eines Tages wieder in die Lage kommen könnten, mit Belgiern gegen ihre Regierung zu konspirieren — und wäre das wohl möglich ohne einen neuen Krieg? Oder sollten die für diese Sätze verantwortlichen Herren gar eine Förderung flämischer autonomistischer Bewegungen durch unsere Regierung auch in Friedenszeit in Erwägung ziehen? So dumm werden doch wohl weder sie noch unsere regierenden Stellen sein!

    Auf alle Fälle: hier ist vom Reichsgericht, nicht von einem bayerischen „Volksgericht“, ein Mensch wegen Landesverrats verurteilt worden, ohne daß seine Schuld erwiesen wäre und unter einer Begründung, die dazu angetan ist, nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland starke Zweifel an der loyalen Gesinnung Deutschlands zu erregen.

    Schleunige Revision ist zu fordern. Und bis dahin Freilassung des Verurteilten. Wandt ist seit Dezember 1923 im Zuchthaus. Selbst wenn die Hehlerei keinem Zweifel unterliegt, hat er die für sie ausgesprochenen zwei Jahre Gefängnis durch die erlittene Zuchthaushaft von anderthalb Jahren verbüßt. Er hat außerdem neun Monate in Untersuchungshaft gesessen. Wenn man ihm aber nicht sein Recht gewähren will, so schenke man ihm Gnade.

    1925, 24 Max Barth

    Heinrich Wandt ist im Februar 1926 begnadigt worden, und zwar wegen der „Beunruhigung“, die der Fall Wandt in Belgien hervorgerufen habe.

  • Justizopfer: Hau

    Justizopfer: Hau

    — Jg. 1926, Nr. 14 —

    Karl Hau ist tot. Gottes Mühlen mahlen langsam; aber die der bürgerlichen Gerechtigkeit mahlen sicher. Im Jahre 1907 hat man ihm das Leben abgesprochen: aber Totgesagte leben lange; er wurde begnadigt und hat es 17 Jahre im Zuchthaus ausgehalten. Dann, vor anderthalb Jahren, ist er weiterer „Gnade“ teilhaftig geworden: man hat ihn entlassen, hinausgelassen in das Leben. Es war ein ganz anderes geworden, während er unter den Begrabenen gesteckt hatte. Luftschiff, Flugzeug, Weltkrieg, Republik, Radio, Jazzband, Bubikopf — er war fremd; alles war anders. Er hat den Anschluß nicht mehr gefunden.

    Vielleicht hätte er ihn gefunden, wenn er hätte Wurzel schlagen, sich in das neue Leben hineinleben, sich in die seelische, geistige und leibliche Unmittelbarkeit des modernen Getriebes hineintasten dürfen. Es ist ihm aber nicht beschieden gewesen. Mit dem Rechtsfanatismus eines Kohlhaas hat er sich daran gemacht, seine Reinigung zu betreiben. Obwohl er sich hätte sagen können, daß das, was er durchgemacht hat, mehr ist als die Reinigung, die eine etwaige nachträgliche Freisprechung hätte geben können. Daß er noch ein Plus, ein Guthaben hatte gegenüber dem Gerechtigkeits-„Soll“ dieser bürgerlichen Gesellschaft. Die Frage, ob er schuldig gewesen ist oder nicht, war völlig belanglos geworden — für die Welt. Er aber, sei es aus dem schmerzenden Bewußtsein heraus, ein halbes Menschenalter lang unschuldig gequält worden zu sein, sei es aus der Manie des Schuldigen heraus, der die fixe Idee seiner Unschuld fanatisch verficht, um in allererster Linie sich selbst zu überzeugen (weil er ohne den Glauben an seine Makellosigkeit nicht zu leben vermag) — hat sofort den hartnäckigen Kampf um seine Rehabilitierung aufgenommen. Er konnte nicht vorwärts schauen, weil er keinen Grund unter den Füßen spürte. Er schaute zurück und suchte den längst in den Abgrund gestürzten Boden, auf dem er wieder Fuß fassen zu können hoffte.

    Und dieses fiebernde Bemühen, die Welt zum Glauben an sich und seine Unschuld zu zwingen, entzog ihm auch das letzte Fußbreit Erdboden, auf dem er hätte Atem schöpfen können zu neuem Ausschreiten: seine Bücher machten die bürokratisch-farisäerhafte Gesetzesgerechtigkeit wieder auf ihn aufmerksam. Der törichte Steckbrief wurde erlassen: der 17 Jahre lang begraben gewesen war, sollte aus dem Licht wieder zurück gezwungen werden in die Düsternis des Kerkers. Hau floh.

    Er wurde unstet. Ging nach Italien, suchte eine Möglichkeit sein Leben zu fristen, fand nichts, brach zusammen, verzweifelte und wurde schließlich als unbekannter Toter, oder vielmehr als unbekannter Sterbender — denn er röchelte noch — ins Krankenhaus Tivoli in der Nähe von Rom eingeliefert. Starb. Ursache: Schlaganfall oder Gift, mit 99 v. H. Wahrscheinlichkeit: Gift.

    Aber war das wirklich die Ur-Sache, der Ur-Grund, daß dieses Leben so sinnlos ausgehen mußte, daß dieser Mensch, der, als er das Zuchthaus verließ, voll Gier nach dem Leben war, nur in die Welt zurückgekehrt ist, um sie gleich freiwillig zu verlassen? Die wahre Ursache hat doch wohl in ihm selbst gelegen; aber er hätte vielleicht doch noch seinen Platz, seinen Raum, seinen Daseinszweck gefunden, hätte nicht eine kurzsichtige Justiz wieder einmal den tötenden Buchstaben des kodifizierten Rechts über den lebendigmachenden Geist der Gnade siegen lassen.

    1926, 14 Max Barth

    Karl Hau ist im August 1924 aus dem Zuchthaus in Bruchsal entlassen worden, nachdem er versprochen hatte, seinen Fall ruhen zu lassen. Als er diese Zusage nicht hielt und deshalb wieder verhaftet werden sollte, hat er im März 1926 in Italien Selbstmord begangen.

  • Justizopfer: Matteotti

    Justizopfer: Matteotti

    — Jg. 1926, Nr. 14 —

    Im Juni 1924 ist der italienische Sozialist [Giacomo] Matteotti von Faschisten ermordet worden. Im März 1926 sind die Mörder teils freigesprochen, teils so verurteilt worden, daß sie in wenigen Monaten wieder im Lichte (mussolinischer Gnade) wandeln werden. Mussolini, der Vergewaltiger des Rechts und der Menschlichkeit, hat alle Ursache, die Sonne seines Wohlwollens über den Verurteilten strahlen zu lassen: wer weiß, was sie aussagen würden, wenn sie aussagen würden! Man weiß es nicht; aber man ahnt es, mit einer hundertprozentigen Ahnung, die noch schwerer wiegt als unser einstweilen neunzigprozentiges Wissen.

    Daß der Prozeß gegen die Mörder Matteottis ein freches Theaterstück sein würde, hat man zwar gewußt. Vor allem bei uns in Deutschland hat man daran nicht gezweifelt: denn wir haben schon genug ähnliche Fälle in unserem eigenen Lande erlebt. Allerdings: daß die blutbefleckten Buben es wagen würden, so frech, so grotesk frech daherzulügen, wie es der Hauptschuldige Dumini getan hat, hätten selbst wir uns nicht träumen lassen. Er hat die Stirn gehabt, zu behaupten, Matteotti sei an einem Blutsturz gestorben; und die Stichwunden, die sein armer, zerfetzter Körper aufwies, seien Wanzenstiche gewesen, die er sich selbst aufgekratzt habe.

    Ein für nichtitalienische Richter besonders lehrreiches Kapitel ist der Urteilsspruch über die drei Mörder Dumini, Volpi und Poveromo, die nicht wie ihre Komplizen freigesprochen worden sind. Sie wurden verurteilt zu je 12 Jahren Gefängnis, wegen — Mordes? — nein: wegen Totschlags ohne Vorbedacht. Da man aber nicht feststellen konnte, wer der eigentliche Mörder war, wurden jedem 5 Jahre abgezogen. Rest: 7. Nun hatten die Geschworenen mildernde Umstände anerkannt. Dafür gab’s wieder einen Abzug. Wie man ihn ausgerechnet hat, mögen die Götter wissen; fest steht, daß als Strafe blieben: 5 Jahre 11 Monate 20 Tage. Aber der Mord hatte ja politische Gründe, und für politische Verbrechen existiert eine Amnestie. Darum waren 4 Jahre der Strafe zu erlassen. Endergebnis also: 1 Jahr 11 Monate 20 Tage. Und die haben die Kerle bis auf wenige Wochen schon abgesessen. Also werden sie bald frei. Und alles ist zufrieden: die Richter, die Mörder, die Faschisten und Mussolini.

    Das ist das Gesicht des Faschismus. Gewissenlos, brutal, frech, hohnvoll, solange er sich im Besitz der Macht weiß: so grinst er uns an — jenseits der Alpen oder diesseits: es ist überall das gleiche.

    Das einzig Schöne, Starke und Würdige in der Geschichte des Matteottiprozesses ist der Brief an den Präsidenten des Schwurgerichts von Chieti, durch den die Witwe Matteottis, die als Nebenklägerin aufgetreten war, ihre Klage zurückzog, als sie merkte, wie man diesen Prozeß führen würde. Er heißt: „Exzellenz! Die Ermordung Giacomo Matteottis, die für mich und meine Kinder eine Tragödie ist und als solche von jedem freien Menschen in Italien empfunden wurde, hatte in mir den Glauben geweckt, daß der Ruf nach Gerechtigkeit nicht ungehört verhallen würde; dieser Glauben hat mich in meinem äußersten Jammer aufrechterhalten und mich bewogen, als Privatklägerin aufzutreten. Aber in den Wechselfällen der Untersuchung und durch die jüngste Amnestie ist der Prozeß — der wahre Prozeß — nach und nach wesenlos geworden. Was heute von ihm bleibt, ist nur ein Schatten. Ich hatte keinen Haß auszudrücken und keine Rache zu fordern; ich wollte nur Gerechtigkeit. Die Menschen haben sie mir verweigert; ich werde sie von der Geschichte empfangen und von Gott. Ich ersuche Sie daher, mir zu erlauben, dem Prozeß fernzubleiben, der mich nichts weiter angeht. Meine Anwälte, die auch in diesem Augenblick mit mir solidarisch sind, werden meiner Entscheidung rechtskräftige Form geben. An Sie, Exzellenz, richte ich die Bitte, mich der Qual, vor den Assisen zu erscheinen, zu entbinden. Es würde mir vorkommen, als ob ich dadurch das Andenken Giacomo Matteottis beleidige, für den das Leben etwas furchtbar Ernstes war, jenes Andenken, um dessentwillen ich weiterlebe, einsam und zerrissen, und in dessen Licht ich meine Söhne zu stolzen und furchtlosen Menschen erziehen will, wie ihr Vater einer war. Mit Hochachtung Velia Matteotti.“

    Das ist die Sprache einer Römerin. Wenn der Duce, der große Schuldige, der in Chieti nicht vor den Schranken gestanden hat, nicht vor lauter Cäsarenwahnsinn taub geworden wäre für die Stimme der großen, edlen und freien Gesinnung, müßte er sich wie ein Hund in seine Hütte verkriechen, in der Erinnerung an seine eigenen, verlogenen, großmäuligen Frasen.

    Aber bei uns im kühlen, vernünftigen Norden erkennen sich nicht einmal kleinere, spießbürgerlichere, gesündere fascistische Maulhelden selbst — was kann man da von einem Irrsinnnigen, Größenwahnsinnigen unter der heißen italienischen Sonne erwarten?

    1926, 14 Max Barth

    Der Urheber des Mordes an Matteotti ist Mussolini. Zwischeninstanz zwischen ihm und den Mördern war sein Pressechef Rossi, der nachher ins Ausland floh und Mussolini beschuldigte. Rossi ist im August 1928 von der Schweiz aus auf italienisches Gebiet gelockt, verhaftet und im September 1929 zu 30 Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

    Siehe auch:https://www.zeit.de/1994/24/die-affaere-matteotti/komplettansicht